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Full text of "Der Untergang des Abendlandes : Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte"

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DER. 

UNTER.OANG 

DES 

Abitndiandes 

VON 

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DER UNTERGANG DES ABENDLANDES 

ZWEITER BAND: WELTHISTORISCHE PERSPEKTIVEN 



Von diesem Werke wurde eine kleine Auflage 
auf feinstem Papier abgesogen und teils in 
Halbpergament, teils in Ganzleder gebunden 



DER UNTERGANG 
DES ABENDLANDES 

UMRISSE EINER MORPHOLOGIE 
DER WELTGESCHICHTE 

VON 

OSWALD SPENGLER 



ZWEITER ßAND 
WELTHISTORISCHE PERSPEKTIVEN 



EINUNDDREISSIGSTE BIS ZWEIUNDVIERZIGSTE AUFLAGE 

EINUNDFÜNFZIGSTES BIS SIEBZIGSTES TAUSEND 




iBA^.grfjgnn 



C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK MÜNCHEN 1922 



Copr. München 1922. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung 
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten 



s LIBRARY 

ÜWVERSITY OF CALIFORMl 
SANTA BARBARA 



INHALT 



I. Kapitel: Ursprung und Landschaft 1 

A. Das Kosmische und der Mikrokosmos 3 

Pflanze und Tier 3. Dasein und Wachsein 7. Empfinden, Ver- 
stehen, Denken 11. Bewegungsproblem 18. Massenseele 22. 

B. Die Gruppe der hohen Kulturen 25 

Gescliichtsbild, Natiu'bild 25. Menschen- und Weltgeschichte 32. 
Zwei Zeitalter: Primitive und hohe Kulturen 38. Überblick der hohen 
Kulturen 46. Der geschichtslose Mensch 57. 

C. Die Beziehungen zwischen den Kulturen 62 

„Einwirkung" 62. Das römische Recht 68, magisches Recht 78, 
Recht des Abendlandes 88. 

II. Kapitel: Städte und Völker 99 

A. Die Seele der Stadt 101 

Mykene und Kreta 101. Der Bauer 104. Weltgeschichte ist Stadt- 
geschichte 106. Stadtbild 109. Stadt imd Geist 114. Geist der Welt- 
stadt 117. Unfruchtbarkeit und Zerfall 122. 

B. Völker, Rassen, Sprachen 132 

Daseinsströme und Wachseinsverbindungen 133. Ausdruckssprache 
und Mitteilungssprache 135. Totem und Tabu 137. Sprache und 
Sprechen 138. Das Haus als Rasseausdruck 142. Burg und Dom 144. 
Die Rasse 146. Blut imd Boden 151. Die Sprache 156. Mittel und Be- 
deutung 160. Wort, Grammatik 164. Sprachgeschichte 173. Schrift 180. 
Morphologie der Kultursprachen 183. 

C. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker 189 

Völkernamen, Sprachen, Rassen 189. Wanderungen 193. Volk und 
Seele 197. Die Perser 199. Morphologie der Völker 202. Volk und 
Nation 204. Antike, arabische, abendländische Nationen 207. 
MI. Kapitel: Probleme der arabischen Kultur 225 

A. Historische Pseudomorphosen . - . . . 227 

Der Begriff 227. Actium 230. Das Russentum 231. Arabische 
Ritterzeit 237. Der Synkretismus 241. Juden, Chaldäer, Perser der Vor- 
kultiu- 246. Mission 253. Jesus 256. Paulus 269. Joharmes, Marcion 275. 
Heidnische und christliche Kultkirche 279. 

B. Die magische Seele 283 

Dualismus der Welthöhle 283. Zeitgefühl (Ära, Weltgeschichte, 
Gnade) 289. Consensus 296. Das „Wort" als Substanz, der Koran 298. 
Geheime Tora, Kommentar 301 . Die Gruppe der magischen Religionen 304. 
Der christologische Streit 314. Dasein als Ausdehnung (Mission) 318. 



VI INHALT 

C. Pythagoras, Mohamed, Cromwell 323 

Wesen der Religion 823. Mythus und Kultus 327. Moral als 
Opfer 331. Morphologie der Religionsgeschichte 336. Die Vorkultur: 
Franken, Russen 339. Ägj-ptische Frühzeit 341. Antike 345. China 350. 
Gotik (Marien- und Teufelsglaube, Taufe und Buße) 354. Reformation 362. 
Die Wissenschaft 368. Puritanismus 371. Rationalismus 375. „Zweite 
Religiosität" 382. Römischer und chinesischer Kaiserkult 386. Das 
Judentum 390. 

IV. Kapitel: Der Staat 401 

A. Das Problem der Stände: Adel und Priestertiim 403 

Mann und Weib 403. Stamm und Stand 406. Bauerntum und 
Gesellschaft 408. Stand, Kaste, Beruf 409. Adel und Priestertum als 
Symbole von Zeit und Raum 412. Zucht und Bildung, Sitte und 
Moral 421. Eigentum, Macht imd Beute 424. Priester und Gelehrte 427. 
Wirtschaft und Wissenschaft: Geld und Geist 430. Geschichte der 
Stände: Frühzeit 432. Der dritte Stand: Stadt — Freiheit — Bürger- 
tum 439. 

B. Staat und Geschichte 446 

Bewegtes imd Bewegung, „In-Form-sein" 446. Recht und Macht 449. 
Stand und Staat 453. Der Lehnsstaat 459. Vom Lehn.sverband zum 
Stände.staat 465. Polis und Dynastie 467. Der absolute Staat, Fronde 
und Tyrannis 479. Wallenstein 484. Kabinettspolitik 487. Von der 
ersten zur zweiten Tyrannis 490. Die bürgerliche Revolution 496. 
Geist und Geld 499. Formlose Gewalten (Napoleonismus) 505. Emanzi- 
pation des Geldes 512. „Verfassung" 516. Vom Napoleonismus zum 
Cäsarismus (Zeitalter der „kämpfenden Staaten") 521. Die großen 
Kriege 525. Römerzeit 528. Vom Khalifat zimi Sultanat 530. Ägyp- 
ten 535. Die Gegenwart 537. Der Cäsarismus 541. 

C. Philosophie der Politik 548 

Das Leben ist Politik 548. Politische Begabung 551. Der Staats- 
mann 551. Tradition schaffen 555. Physiognomischer (diplomatischer) 
Takt 557. Stand und Partei 561. Das Bürgertum als Urpartei (Libe- 
ralismus) 562. Vom Stand über die Partei zum Gefolge von Einzelnen 565. 
Die Theorie : Von Rousseau bis Marx 567. Geist imd Geld (Demokratie) 571 . 
Die Presse 577. Selbstvernichtung der Demokratie durch das Geld 582. 

V. Kapitel: Die Formenwelt des Wirtschaftslebens 585 

A. Das Geld , . . 587 

Die Nationalökonomie 587. Die politische und die wirtschaftliche 
Seite des Lebens 589. Erzeugende und erobernde Wirtschaft (Landbau 
und Handel) 593. Politik und Handel (Macht und Beute) 595. Urwirt- 
schaft und Wirtschaftsstil der hohen Kulturen 597. Stand und Wirt- 
schaftsklasse 598. Das stadtlose Land: Denken in Gütern 601. Die 
Stadt: Denken in Geld 603. Weltwirtschaft: Mobilisierung der Güter 
durch das Geld 607. Das antike Geld: die Münze 610. Der Sklave 
als Geld 612. Das faustische Denken in Geld: der Buchwert 614. Die 



INHALT VII 

doppelte Buchführung 615. Die Münze im Abendland 616. Geld und 
Arbeit 618. Der Kapitalismus 620. Wirtschaftliche Organisation 621. 
Erlöschen des Denkens in Geld: Diokletian; Das Wirtschaftsdenken 
des Russen 623. 

B. Die Maschine 624 

Geist der Technik 624. Primitive Technik und Stil der hohen Kul- 
turen 626. Antike ^Technik" 626. Die faustische Technik: Der Wille 
zur Macht über die Natur. Der Erfinder 627. Rausch der modernen 
Erfindungen 628. Der Mensch als Sklave der Maschine 631. Unter- 
nehmer, Arbeiter, Ingenieur 631. Ringen zwischen Geld und Industrie 638. 
Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg des Blutes 634. 



ERSTES KAPITEL 

URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II. 



DAS KOSMISCHE UND DER MIKROKOSMOS 

Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden 
Sonne eine nach der andern sich schließt: etwas Unheimliches 
dringt dann auf dich ein, ein Gefühl von rätselhafter Angst vor 
diesem blinden, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der 
stumme Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese 
Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. 
Nur die kleine Mücke ist frei; sie tanzt noch im Abendlichte; 
sie bewegt sich, wohin sie will. 

Eine Pflanze ist nichts für sich. Sie bildet einen Teil der 
Landschaft, in der ein Zufall sie Wurzel zu fassen zwang. Die 
Dämmerung, die Kühle und das Schließen aller Blüten — das 
ist nicht Ursache und Wirkung, nicht Gefahr und Entschluß, 
sondern ein einheitlicher Naturvorgang, der sich neben, mit und 
in der Pflanze vollzieht. Es steht der einzelnen nicht frei, für 
sich zu warten, zu wollen oder zu wählen. 

Ein Tier aber kann wählen. Es ist aus der Verbundenheit 
der ganzen übrigen Welt gelöst. Jener Mückenschwarm, der noch 
am Wege tanzt, ein einsamer Vogel, der durch den Abend fliegt, 
ein Fuchs, der ein Nest beschleicht — sie sind kleine Welten 
für sich in einer andern großen. Ein Infusor, welches dem 
menschlichen Auge nicht mehr sichtbar im Wassertropfen ein 
Dasein führt, das eine Sekunde dauert und dessen Schauplatz 
ein winziger Winkel dieses kleinen Tropfens ist — es ist frei 
und unabhängig dem gesamten All gegenüber. Die Riesen- 
eiche, an deren einem Blatt dieser Tropfen hängt, ist es nicht. 

Verbundenheit und Freiheit: das ist der tiefste und 
letzte Grundzug in allem, was wir als pflanzenhaftes und tier- 
haftes Dasein unterscheiden. Doch nur die Pflanze ist ganz, was 
sie ist. Im Wesen eines Tieres liegt etwas Zwiespältiges. Eine 
Pflanze ist nur Pflanze, ein Tier ist Pflanze und noch etwas außer- 
dem. Eine Herde, die sich zitternd vor einer Gefahr zusammen- 

') Was im Folgenden angedeutet ist, habe ich einem metaphysischen Buch 
entnommen, das ich in kurzem vorzulegen hoffe. 

1* 



URSPRUNG UND LANDSCHAET 



drängt, ein Kind, das weinend seine Mutter umldammert, ein 
verzweifelter Mensch, der sich in seinen Gott hineindrängen 
möchte, sie wollen alle aus dem Dasein in Freiheit zurück in 
jenes verbundene, pflanzenhafte, aus dem sie zur Einsamkeit 
entlassen sind. 

Der Samen einer Blütenpflanze zeigt unter dem Mikroskop 
zwei Keimblätter, welche den später dem Licht zugewandten 
Sproß mit seinen Organen des Kreislaufs und der Fortpflanzung 
bilden und schützen, und gleichsam ein drittes, den Wurzelschoß, 
welcher das unwiderrufliche Schicksal der Pflanze andeutet, wieder 
den Teil einer Landschaft zu bilden. Bei höheren Tieren sehen 
wir, wie das befruchtete Ei in den ersten Stunden des sich ab- 
lösenden Daseins ein äußeres Keimblatt bildet, welches das mitt- 
lere und innere, die Grundlage künftiger Kreislauf- und Fort- 
pflanzungsorgane, also des pflanzenhaften Elements im Tierleib, 
umschließt und gegen den mütterlichen Leib und damit die 
ganze übrige Welt abhebt. Das äußere Keimblatt ist das Sinn- 
bild des eigenthch tierhaften Daseins. Es unterscheidet die beiden 
Arten von Lebendigem, welche in der Erdgeschichte hervor- 
getreten sind. 

Es gibt alte schöne Namen dafür: die Pflanze ist etwas 
Kosmisches, das Tier ist außerdem ein Mikrokosmos in 
bezug auf einen Makrokosmos. Erst damit, daß ein Lebe- 
wesen sich derart aus dem All absondert, daß es seine Lage zu 
ihm bestimmen kann, ist es ein Mikrokosmos geworden. Selbst 
die Planeten sind in ihrer Bahn an die großen Kreisläufe ge- 
bunden; nur diese kleinen Welten bewegen sich frei im Ver- 
hältnis zu einer großen, deren sie sich als ihrer Umwelt bewußt 
sind. Erst damit hat für unser Auge das, was das Licht im 
Räume darbietet, den Sinn eines Leibes bekommen. Etwas in 
uns widerstrebt, wenn wir auch der Pflanze einen eigentlichen 
Leib zuschreiben möchten. 

Alles Kosmische trägt das Zeichen der Periodizität. Es be- 
sitzt Takt. Alles Mikrokosmische hat Polarität. Das Wort „gegen" 
drückt sein ganzes Wesen aus. Es besitzt Spannung. Wir 
sprechen von gespannter Aufmerksamkeit, von gespanntem Denken, 
aber alle wachen Zustände überhaupt sind ihrem Wesen nach 
Spannungen; Sinne und Gegenstände, Ich und Du, Ursache und 



URSPRUNG UND LANDSCHA.FT 



Wirkung, Ding und Eigenschaft, alles das ist zerdehnt und ge- 
spannt, und wo die mit tiefer Bedeutung sogenannte Abspanndng 
sich meldet, tritt alsbald Müdigkeit der mikrokosmischen Seite des 
Lebens, zuletzt der Schlaf ein. Ein schlafender, aller Spannungen 
entledigter Mensch führt nur noch ein Pflanzendasein. 

Kosmischer Takt aber ist alles, was sich auch mit Richtung, 
Zeit, Rhythmus, Schicksal, Sehnsucht umschreiben läßt, vom 
Hufschlag eines Gespanns von Rassepferden und dem dröhnen- 
den Schritt begeisterter Heere an bis zum schweigenden Sich- 
verstehen zweier Liebenden, zum gefühlten Takt einer vornehmen 
Gesellschaft und zum Blick des Menschenkenners, den ich früher 
schon als physiognomischen Takt bezeichnet habe. 

Dieser Takt kosmischer Kreisläufe lebt und webt noch 
unter jeder Freiheit mikrokosmischer Bewegungen im Räume 
und löst zuweilen die Spannung aller wachen Einzelwesen in 
einen großen gefühlten Einklang auf. Wer je einen Vogelzug 
im Äther verfolgt hat, wie er in immer gleicher Gestalt auf- 
steigt, wendet, wieder abbiegt und sich in der Ferne verhert, 
fühlt das pflanzenhaft Sichere, das ,es", das „wir" in dieser 
Gesamtbewegung, das keiner Brücke der Verständigung zwischen 
dem Ich und Du bedarf. Das ist der Sinn der Kriegs- und 
Liebestänze unter Tieren und Menschen; so wird einstürmendes 
Regiment im feindlichen Feuer zur Einheit geschmiedet, so ballt 
sich die Menge bei einem aufregenden Vorfall plötzhch zu 
einem Körper zusammen, der jäh, bhnd und rätselhaft denkt 
und handelt und nach wenig Augenblicken wieder zerfallen sein 
kann. Hier sind die mikrokosmischen Grenzen aufgehoben. E s 
tobt und droht, e s drängt und zieht, e s fliegt, biegt und wiegt. 
Die Glieder verschlingen sich, der Fuß stürmt, ein Schrei 
erklingt aus aller Munde, ein Schicksal liegt über allen. Aus 
einer Summe kleiner einzelner Welten ist plötzlich eine Ganz- 
heit entstanden. 

Das Gewahrwerden kosmischen Taktes nennen wir Fühlen, 
das mikrokosmischer Spannungen nennen wir Empfinden. Das 
doppeldeutige Wort Sinnlichkeit hat diesen klaren Unterschied 
der allgemein pflanzlichen und der nur tierhaften Seite des Lebens 
verdunkelt. Sagen wir für die eine Geschlechtsleben, für die 
andere Sinnenleben, so erschließt sich ein tiefer Zusammenhang. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



Jenes trägt immer das Merkmal der Periodizität, des Taktes, 
noch in seinem Einklang mit den grofaen Kreisläufen der Ge- 
stirne, in der Beziehung der weiblichen Natur zum Monde, des 
Lebens überhauiDt zur Nacht, zum Frühling, zur Wärme ; dieses 
besteht aus Spannungen: des Lichtes zum Belichteten, des Er- 
kennens zum Erkannten, des Schmerzes zur Waffe, die ihn ver- 
ursacht hat. Beides hat sich in den höher entwickelten Gattungen 
zu besonderen Organen ausgeprägt. Je vollkommener sie sich 
gestalten, desto offener reden sie von der Bedeutung der beiden 
Lebensseiten. Wir besitzen zwei Kreislauforgane des kos- 
mischen Daseins: den Blutkreislauf und das Geschlechtsorgan, 
und zwei Unterscheidungsorgane der mikrokosmischen 
Beweglichkeit: Sinne und Nerven. Wir müssen annehmen, 
daß ursprünglich der ganze Leib Organ des Kreislaufs und zu- 
gleich Tastorgan gewesen ist. 

Das Blut ist für uns das Sinnbild des Lebendigen. Es kreist 
ohne Pause durch den Leib von seiner Zeugung bis zum Tode, 
aus dem mütterlichen Leibe in den des Kindes hinüber, im Wachen 
und Schlafen, niemals endend. Das Blut der Almen fließt durch 
die Kette der Geschlechter und verbindet sie zu einem großen 
Zusammenhange des Schicksals, des Taktes und der Zeit. Ur- 
sprünglich geschah das nur durch Teilung und immer neue Teilung 
der Kreisläufe, bis zuletzt ein eigenes Organ der geschlechtlichen 
Zeugung erschien, das einen Augenblick zum Sinnbild der Dauer 
machte. Wie nun diese Wesen zeugen und empfangen, wie das 
Pflanzenhafte in ihnen danach drängt, sich fortzupflanzen, den 
ewigen Kreislauf über sich selbst hinaus dauern zu lassen, wie 
der eine große Pulsschlag durch entfernte Seelen hindurch an- 
ziehend, treibend, hemmend und auch vernichtend wirkt, das ist 
jenes tiefste aller Lebensgeheimnisse, das alle rehgiösen Mysterien 
und aUe großen Dichtungen zu durchdringen versuchen und dessen 
Tragik Goethe in dem Gedicht „ SeHge Sehnsucht " und in den „ Wahl- 
verwandtschaften" angerührt hat, wo das Kind sterben mußte, 
weil es aus entfremdeten Kreisen des Blutes und also gleichsam 
durch eine kosmische Schuld ins Dasein gezogen worden war. 

Für den Mikrokosmos, insofern er sich im Verhältnis zum 
Makrokosmos frei bewegt, tritt das Unterscheidungsorgan hinzu, 
„der Sinn", der ursprünglich Tastsinn ist und nichts anderes. Was 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



wir heute noch, auf so hoher Stufe der Entwicklung, ganz all- 
gemein Tasten nennen, mit dem Auge, dem Gehör, dem Verstände 
tasten, ist die einfachste Bezeichnung für die Bewegtheit eines 
Wesens und damit die Notwendigkeit, sein Verhältnis zur Um- 
gebung unaufhörlich festzustellen. Fest-steilen aber bedeutet ein 
Bestimmen des Ortes. Deshalb sind alle Sinne, sie mögen noch 
so ausgebildet und ihrem Ursprung noch so entfremdet sein, 
ganz eigenthch Ortssinne; es gibt keine andern. Das Empfinden 
jeder Art unterscheidet Eignes und Fremdes, und um die Lage 
des Fremden in bezug auf das Eigne festzustellen, dient die 
Witterung des Hundes so gut wie das Gehör der Rehe und das 
Auge des Adlers. Farbe, Helligkeit, Töne, Gerüche, alle über- 
haupt möglichen Empfindungsweisen bedeuten Abstand, Ent- 
fernung, Ausdehnung. 

Ursprünglich ist, wie der kosmische Kreislauf des Blutes, 
so auch die unterscheidende Tätigkeit des Sinnes eine Einheit ; 
ein tätiger Sinn ist immer auch ein verstehender Sinn; Suchen 
und Finden sind in diesen einfachen Verhältnissen eins, eben das, 
was wir sehr verständlich mit Tasten bezeichnen. Erst später 
und bei hohen Forderungen an ausgebildete Sinne ist Empfinden 
nicht zugleich auch Verstehen des Empfindens, und allmählich 
setzt sich das Verstehen immer deuthcher gegen das bloße Em- 
pfinden ab. Im äußeren Keimblatt trennt sich das kritische 
Organ vom Sinnesorgan — und dieses sehr bald wieder in scharf 
abgesonderte Einzelsinne — wie das Geschlechtsorgan vom Blut- 
kreislauf; wie bestimmt wir alles Verstehen als abgeleitet aus 
dem Empfinden auffassen und wie gleichartig beide noch beim 
Menschen in ihrer unterscheidenden Tätigkeit wirken, bezeugen 
Worte wie scharfsinnig, feinfühlig, Einsicht, gelehrte Schnüffelei, 
Tatsachenblick, ganz zu schweigen von den Ausdrücken der 
Logik wie Begriff und Schluß, die sämtKch aus der Welt des 
Sehens stammen. 

Wir sehen den Hund unaufmerksam, dann aber plötzlich 
gespannt aufhorchend und witternd: das Verstehen wird zum 
bloßen Empfinden hinzugesucht. Aber auch ein Hund kann nach- 
denklich sein — da ist das Verstehen fast allein tätig und spielt 
mit matten Empfindungen. Die älteren Sprachen haben diese 
Steigerung sehr klar ausgedrückt, indem sie jeden neuen Grad 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



als Tätigkeit von besondrer Art scharf unterschieden und mit 
einem eignen Namen belegten: hören, horchen, lauschen; riechen, 
wittern, schnüffeln ; sehen, spähen, beobachten : in solchen Reihen 
■ward der Gehalt an Verstehen immer stärker im Verhältnis zu 
dem an Empfinden. 

Endlich aber entfaltet sich ein höchster Sinn unter den 
anderen. Ein Etwas im All, das unserm Verstehenwollen für immer 
unzugänglich bleiben wird, weckt sich ein leibliches Organ: Das 
Auge entsteht und im Auge, mit dem Auge entsteht als Gegen- 
pol das Licht. Mag abstraktes Denken vom Licht das Licht fort- 
denken wollen und ein Gedankenbild von Wellen und Strahlen 
zeichnen, als Wirklichkeit ist von nun an das Leben durch die 
Lichtwelt des Auges umfaßt und einbezogen. Dies ist das 
Wunder, dem alles Menschliche untersteht. Erst in der Augen- 
welt des Lichtes gibt es Fernen als Farben und Helligkeiten, 
erst in dieser Welt gibt es Tag und Nacht, sichtbare Dinge und 
sichtbare Bewegungen in einem weitgedehnten Lichtraum, eine 
Welt unendKch ferner Gestirne, die über der Erde kreisen, einen 
Lichthorizont des einzelnen Lebens, der v/eit über die Nachbar- 
schaft des Leibes hinausreicht. In dieser Lichtwelt, welche alle 
Wissenschaft nur durch mittelbare, innerliche Augenvorstellungen 
— „theoretisch" — umdeutet, geschieht es, daß auf dem kleinen 
Erdenstern menschHche sehende Scharen wandern, daß das ganze 
Leben mitbestimmt ist davon, ob die Lichtflut des-Südens über der 
ägyptischen und mexikanischen Kultur oder Lichtarmut über dem 
Norden hegt. Für sein Auge zaubert der Mensch seine Bauten 
und setzt damit das leibliche Tastempfinden der Tektonik in hcht- 
geborne Beziehungen um, Religion, Kunst, Denken sind für das 
Licht entstanden und alle Unterschiede beschränken sich darauf, 
ob sie sich an das leibHche Auge oder an das „Auge des Geistes" 
wenden. 

Damit hat sich in voller DeutHchkeit ein Unterschied offen- 
bart, den wieder ein unklares Wort, Bewufstsein, zu trüben pflegt. 
Ich unterscheide Dasein und Wachsein, Das Dasein hat Takt 
und Richtung, das Wachsein ist Spannung und Ausdehnung. Im 
Dasein waltet ein Schicksal, das Wachsein unterscheidet Ursachen 
und Wirkungen. Dem einen gilt die Urfrage nach dem Wann 
und Warum, dem andern die nach dem Wo und Wie. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



Eine Pflanze führt ein Dasein ohne Wachsein. Im Schlaf 
werden alle Wesen zu Pflanzen: die Spannung zur Umwelt ist 
erloschen, der Takt des Lebens geht weiter. Eine Pflanze kennt 
nur die Beziehung zum Wann und Warum. Das Drängen der 
ersten grünen Spitzen aus der Wintererde, das Schwellen der 
Knospen, die ganze Gewalt des Blühens, Duftens, Leuchtens, 
Reifens: das alles ist Wunsch nach der Erfüllung eines Schick- 
sals und eine beständige sehnsüchtige Frage nach dem Wann. 

Das Wo kann für ein pflanzenhaftes Dasein keinen Sinn 
haben. Es ist die Frage, mit welcher der erwachende Mensch 
sich täglich wieder auf seine Welt besinnt. Denn nur der Puls- 
schlag des Daseins dauert durch alle Geschlechter an. Das Wach- 
sein beginnt für jeden Mikrokosmos von neuem: das ist der Unter- 
schied von Zeugung und Geburt. Die eine ist Bürgschaft der 
Dauer, die andere ist ein Anfang. Und deshalb wird eine Pflanze 
erzeugt, aber nicht geboren. Sie ist da, aber kein Erwachen, 
kein erster Tag spannt eine Sinnenwelt um sie aus. 



So tritt uns nun der Mensch entgegen. Nichts in seinem sinn- 
lichen Wachsein sjört mehr die reine Herrschaft des Auges. All 
die Klänge der Nacht, der Wind, das Atmen der Tiere, der Duft 
der Blumen wecken nur ein Wohin und Woher in der Welt 
des Lichtes. Von der Welt der Witterung, in die noch der 
nächste Begleiter des Menschen, der Hund, seine Seheindrücke 
ordnet, haben wir keinen Begriff. Wir wissen nichts von der 
Welt des Schmetterlings, dessen Kristallauge kein Bild entwirft, 
nichts von der Umwelt sinnbegabter, aber augenloser Tiere. Uns 
ist nur der Raum des Auges geblieben. Und die Reste 
anderer Sinnenwelten, Klänge, Düfte, Wärme und Kälte, haben 
darin Platz gefunden als „Eigenschaften* und „Wirkungen" 
von Lichtdingen. Wärme geht vom gesehenen Feuer aus; 
die im Lichtraura erblickte Rose duftet und wir reden vom Ton 
einer Geige. Was die Gestirne betrifft, so beschränken sich unsre 
wachen Beziehungen zu ihnen darauf, daß wir sie sehen. Über 
unserm Haupte leuchten sie und ziehen ihre sichtbare Bahn. 
Tiere und selbst primitive Menschen besitzen ohne Zweifel von 



10 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



ihnen noch deutHche Empfindungen ganz andrer Art, die wir 
zum Teil mittelbar durch wissenschaftliche Vorstellungen, zum 
Teil überhaupt nicht mehr erfassen können. 

Diese Verarmung des Sinnlichen bedeutet zugleich eine un- 
ermeßliche Vertiefung. Menschhches Wachsein ist nicht mehr 
die bloße Spannung zwischen Leib und Umwelt. Es heißt jetzt: 
Leben in einer rings geschlossenen Lichtwelt. Der Leib bewegt 
sich i m gesehenen Räume. Das Tiefenerlebnis ist ein gewaltiges 
Eindringen in sichtbare Fernen von einer Lichtmitte aus: 
€S ist jener Punkt, den wir Ich nennen. „Ich" ist ein Licht- 
begrifif. Von nun an ist das Leben des Ich ein Leben unter der 
Sonne, und die Nacht dem Tode verwandt. Und daraus bildet 
sich ein neues Angstgefühl, das alle andern in sich aufnimmt: 
die Angst vor dem Unsichtbaren, vor dem, was man hört, 
fühlt, ahnt, wirken sieht, ohne es selbst zu erblicken. Tiere 
kennen ganz andere, dem Menschen rätselhafte Formen der Angst, 
denn auch die Angst vor der Stille, die urwüchsige Menschen 
und Kinder durch Lärm und lautes Reden unterbrechen und ver- 
scheuchen wollen, ist bei höheren Menschen im VerschAnnden 
begriffen. Die Angst vor dem Unsichtbaren aber bezeichnet die 
Eigenart aller menschlichen Rehgiosität. Gottheiten sind ge- 
ahnte, vorgestellte, erschaute Lichtwirklichlieiten. Der „un- 
sichtbare Gott" ist der höchste Ausdruck menschlicher Trans- 
zendenz. Das Jenseits liegt dort, wo die Grenzen der Lichtwelt 
sind; Erlösung ist Befreiung aus dem Banne des Lichts und 
seiner Tatsachen. 

Eben darin beruht für uns Menschen der unnennbare Zauber 
der Musik und ihre wahrhaft erlösende Kraft, daß sie die einzige 
Kunst ist, deren Mittel außerhalb der Lichtwelt liegen, welche 
für uns längst mit der Welt überhaupt gleichbedeutend geworden 
ist, so daß Musik allein uns gleichsam aus der Welt hinausführen, 
den stählernen Bann der Herrschaft des Lichts zerbrechen und 
uns die süße Täuschung einflößen kann, daß wir hier das letzte 
Geheimnis der Seele berühren, eine Täuschung, die darauf be- 
ruht, daß der wache Mensch von einem einzelnen seiner Sinne 
beständig derart beherrscht ist, daß er aus den Eindrücken seines 
Ohres nicht mehr eine Welt des Ohres bilden kann, sondern sie 
nur noch seiner Außenwelt einfügt. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT H 

Und deshalb ist menschliches Denken Augendenken, sind 
unsre Begriffe vom Sehen abgezogen, ist die gesamte Logik eine 
imaginäre Lichtwelt. 

Dieselbe Verengerung und eben deshalb Vertiefung, welche alles 
Empfinden dem Sehen einordnet, hat die unzähligen dem Tier 
bekannten Arten sinnlicher Mitteilung, die wir unter dem Namen 
Sprache zusammenfassen, durch die eineWortsprache ersetzt, welche 
durch den Lichtraum hindurch als Brücke der Verständigung 
zwischen zwei Menschen dient, die einander redend ansehen oder 
•als Angeredete dem inneren Auge vorstellen. Die andern Arten des 
Sprechens, von denen sich Reste erhielten, sind als Mienenspiel, 
Oeste, Betonung längst in der Wortsprache aufgegangen. Der 
Unterschied zwischen allgemein tierischer Laut- und rein mensch- 
licher Wortsprache besteht darin, daß Worte und Wortverbindungen 
ein Reich innerer Lichtvorstellungen bilden, das unter der Herr- 
schaft des Auges entwickelt worden ist. Jede Wortbedeutung hat 
einen Lichtwert, auch wenn es sich um Worte wie Melodie, Ge- 
schmack, Kälte oder um ganz abstrakte Bezeichnungen handelt. 

Schon unter höheren Tieren bildet sich infolge der Gewohnheit 
wechselseitiger Verständigung durch eine Sinnensprache ein deut- 
licher Unterschied von blofsem Empfinden und verstehendem 
Empfinden aus. Bezeichnen wir diese beiden Arten mikrokosmischer 
Tätigkeit als Eindruck der Sinne und Urteil der Sinne, also 
etwa Urteil des Geruchs, des Geschmacks, des Ohres, so ist schon 
bei Ameisen und Bienen, bei Raubvögeln, Pferden und Hunden das 
Schwergewicht sehr oft deutlich nach der Urteilsseite des Wachseins 
hin verschoben. Aber erst unter Einwirkung der Wortsprache tritt 
innerhalb des tätigen Wachseins ein offener Gegensatz zwischen 
Empfinden und Verstehen hervor, eine Spannung, die bei Tieren 
ganz undenkbar ist und selbst unter Menschen nur als ursprünglich 
selten verwirklichte Möglichkeit angenommen werden darf. Die 
Entwicklung der Wortsprache führt etwas ganz Entscheidendes 
herbei: die Emanzipation des Verstehens vom Empfinden. 

An Stelle des völlig einheitlichen verstehenden Empfindens 
erscheint oft und öfter ein Verstehen der Bedeutung von kaum 
noch beachteten Sinneseindrücken. Endlich werden diese Ein- 
drücke durch die empfundenen Bedeutungen gewohnter Wort- 
klänge verdrängt. Das Wort, ursprünglich der Name eines Seh- 



12 URSPRUNG UKD LANDSCHAFT 

dings, wird unvermerkt zum Kennzeichen eines Gedankendings, 
des „Begriffs". Wir sind weit entfernt, den Sinn solcher Namen 
scharf zu erfassen — das geschieht nur bei ganz neu auf- 
tretenden Namen — wir gebrauchen nie ein Wort zweimal in 
derselben Bedeutung; niemand versteht je ein Wort genau so wie 
der andere. Aber eine Verständigung ist trotzdem möglich durch 
die den Menschen derselben Sprache mit und durch den Sprach- 
gebrauch anerzogene Weltanschauung, in der beide so leben 
und weben, daß bloße Wortklänge genügen, um verwandte Vor- 
stellungen wachzurufen. Es ist also ein mittelst der Wortklänge vom 
Sehen abgezogenes, abs-traktes, Begreifen, das, so selten es 
in dieser Selbständigkeit ursprünglich unter Menschen vor- 
kommen mag, dennoch eine scharfe Grenze zwischen der all- 
gemein tierischen und einer dazukommenden, rein menschhchen 
Art des Wachseins zieht. Ganz ebenso hatte auf einer früheren 
Stufe das Wachsein überhaupt eine Grenze zwischen dem all- 
gemein pflanzenhaften und dem rein tierhaften Dasein gesetzt. 
Das vom Empfinden abgezogene Verstehen heißt 
Denken. Das Denken hat für immer einen Zwiespalt in das 
menschliche Wachsein getragen. Es hat von früh an Verstand 
und SinnHchkeit als hohe und niedere Seelenkraft gewertet. Es 
hat den verhängnisvollen Gegensatz geschaffen zwischen der Licht- 
welt des Auges, die als Scheinwelt und Sinnentrug bezeichnet 
wird, und einer im wörtlichen Sinne vor-gestellten Welt, in der 
die Begriffe mit ihrer nie abzustreifenden leisen Lichtbetonung 
ihr Wesen treiben. Das ist nun für den Menschen, solange er 
„denkt", die wahre Welt, die Welt an sich. Das Ich war anfangs 
das Wachsein überhaupt, insofern es sich sehend als Mitte einer 
Lichtwelt empfand; jetzt wird es „Geist", nämlich reines Ver- 
stehen, das sich selbst als solches „erkennt" und nicht nur die 
fremde Welt um sich, sondern sehr bald auch die übrigen Ele- 
mente des Lebens, den „Leib", dem Werte nach unter sich 
sieht. Ein Zeichen davon ist nicht nur der aufgerichtete Gang 
des Menschen, sondern auch die durchgeistigte Ausbildung seines 
Kopfes, an dem immer mehr der BKck und die Bildung von Stirn 
und Schläfen Träger des Ausdrucks werden.*) 

*) Daher das im stolzen oder gemeinen Sinne Animalische im Gesicht der 
Menschen, welche die Gewohnheit des Denkens nicht besitzen. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 13 

Es wird deutlich, daß das selbständig gewordene Denken 
eine neue Betätigung für sich entdeckt hat. Zum praktischen 
Denken, das sich auf die Beschaffenheit der Lichtdinge im Hin- 
blick auf diesen oder jenen vorliegenden Zweck richtet, tritt das 
theoretische, durchschauende, das Grübeln, welches die Beschaffen- 
heit dieser Dinge an sich, das „Wesen der Dinge" ergründen 
will. Vom Gesehenen wird das Licht abgezogen, das Tiefen- 
erlebnis des Auges steigert sich in mächtiger Entwicklung ganz 
deutlich zum Tiefenerlebnis im Reich lichtgefärbter Wortbedeu- 
tungen. Man glaubt, daß es möglich sei, in die wirklichen Dinge 
hinein-, mit dem Innern Blick hindurchzusehen. Man bildet Vor- 
stellungen über Vorstellungen und gelangt endlich zu einer Ge- 
dankenarchitektur großen Stils, deren Bauten in voller Deutlich- 
keit gleichsam in einem inneren Lichte daliegen. 

Mit dem theoretischen Denken ist innerhalb des menschlichen 
Wachseins eine Art vqn Tätigkeit entstanden, welche nun auch den 
Kampf zwischen Dasein und Wachsein unvermeidlich gemacht 
hat. Der tierische Mikrokosmos, in dem Dasein und Wachsein 
zu einer selbstverständlichen Einheit des Lebens verbunden sind, 
kennt nur ein Wachsein im Dienste des Daseins. Das Tier 
„lebt" einfach, es denkt nicht nach über das Leben. Die un- 
bedingte Herrschaft des Auges aber läßt das Leben als Leben 
eines sichtbaren Wesens im Licht erscheinen und das sprach- 
gebundene Verstehen bildet alsbald einen Begriff des Denkens 
und als Gegenbegriff den des Lebens aus und unterscheidet 
endlich das Leben, wie es ist, von dem, wie es sein sollte. An 
Stelle des unbekümmerten Lebens erscheint der Gegensatz 
„Denken und Handeln". Er ist nicht nur möglich, was er im 
Tiere nicht ist, er wird bald in jedem Menschen zur Tatsache 
und zuletzt zur Alternative; das hat die gesamte Geschichte 
des reifen Menschentums und alle ihre Erscheinungen gestaltet, 
und je höhere Formen eine Kultur annimmt, desto mehr be- 
herrscht dieser Gegensatz gerade die bedeutenden Augenblicke 
ihres Wachseins. 

Das Pflanzenhaft-Kosmische, das schicksalhafte Dasein, das 
Blut, das Geschlecht besitzen die uralte Herrschaft und behalten 
sie. Sie sind das Leben. Das andre dient nur dem Leben. Aber 
das andre will nicht dienen. Es will herrschen und glaubt zu 



14 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

herrschen; es ist einer der entschiedensten Ansprüche des 
Menschengeistes, den Leib, die „Natur" in der Gewalt zu haben; 
es ist aber die Frage, ob dieser Glaube nicht selbst dem Leben 
dient. Warum denkt unser Denken so ? Vielleicht weil das Kos- 
mische, das „es", es will? Das Denken beweist seine Macht, 
indem es den Leib eine Vorstellung nennt, seine Armseligkeit 
erkennt und die Stimme des Blutes zum Schweigen verweist. 
Das Blut aber herrscht wirklich, indem es schweigend die Tätig- 
keit des Denkens beginnen oder enden läßt. Auch das ist ein 
Unterschied zwischen Sprechen und Leben. Das Dasein kann 
des Wachseins, das Leben des Verstehens entbehren, nicht um- 
gekehrt. Das Denken herrscht, trotz allem, nur im „Reich der 
Gedanken". 



■ Es ist nur ein Unterschied in Worten, ob man das Denken 
als Schöpfung des Menschen oder den höheren Menschen als 
Schöpfung des Denkens betrachtet. Aber das Denken selbst wird 
seinen Rang innerhalb des Lebens stets falsch und viel zu hoch 
ansetzen, weil es andere Arten der Feststellung neben sich nicht 
bemerkt oder anerkennt und damit auf einen vorurteilslosen 
Überblick verzichtet. Li der Tat haben sämtliche Denker von 
Beruf — und sie führen hier in allen Kulturen fast allein das 
Wort — kaltes, abstraktes Nachdenken für die selbstverständ- 
Uche Tätigkeit gehalten, durch die man zu den „letzten Dingen" 
gelangt. Sie sind ebenso selbstverständlich überzeugt, daß das, 
was sie auf diesem Wege als „Wahrheit" erreichen, dasselbe ist,. 
was sie als Wahrheit erstrebt haben und nicht etwa ein vor- 
gestelltes Bild an der Stelle unverständlicher Geheimnisse. 

Aber wenn der Mensch ein denkendes Wesen ist, so ist er doch 
weit davon entfernt, ein Wesen zu sein, dessen Dasein im Denken 
besteht. Das haben die geborenen Grübler nicht unterschieden. 
Das Ziel des Denkens heißt Wahrheit. Wahrheiten werden fest- 
gestellt, d. h. aus der lebendigen Unfaßlichkeit der Lichtwelt in 
der Form von Begriffen abgezogen, um in einem System, einer 
Art von geistigem Raum, einen dauernden Ort zu erhalten. Wahr- 
heiten sind absolut und ewig, d. h. sie haben mit dem Leben 
nichts mehr zu tun. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 15 



Aber für ein Tier gibt es nur Tatsachen, keine Wahrheiten. 
Das ist der Unterschied zwischen praktischem und theoretischem 
Verstehen, Tatsachen und Wahrheiten unterscheiden sich wie 
Zeit und Raum, wie Schicksal und Kausalität. Eine Tatsache ist 
für das ganze Wachsein im Dienste des Daseins vorhanden, nicht 
nur für eine Seite des Wachseins unter vermeintlicher Ausschaltung 
des Daseins. Das wirkliche Leben, die Geschichte kennt nur 
Tatsachen. Lebenserfahrung und Menschenkenntnis richten sich 
nur auf Tatsachen. Der tätige Mensch, der Handelnde, Wollende, 
Kämpfende, der sich täglich gegen die Macht der Tatsachen be- 
haupten und sie sich dienstbar machen oder unterliegen muß, 
sieht auf bloße Wahrheiten als etwas Unbedeutendes herab. Für 
den echten Staatsmann gibt es nur politische Tatsachen, keine 
politischen Wahrheiten. Die berühmte Frage des Pilatus ist die 
eines jeden Tatsachenmenschen. 

Es ist eine der gewaltigsten Leistungen Nietzsches, das Prob- 
lem vom Werte der Wahrheit, des Wissens, der Wissenschaft 
aufgestellt zu haben — eine frivole Lästerung in den Augen jedes 
geborenen Denkers und Gelehrten, der damit den Sinn seines 
ganzen Daseins angezweifelt sieht. Wenn Descartes an allem 
zweifeln wollte, so doch gewiß nicht am Wert seiner Frage. 

Aber es ist ein anderes, Fragen zu stellen, ein anderes, an 
Lösungen zu glauben. Die Pflanze lebt und weiß es nicht. Das 
Tier lebt und weiß es. Der Mensch erstaunt über sein Leben 
und fragt. Eine Antwort kann auch der Mensch nicht geben. 
Er kann nur an die Richtigkeit seiner Antwort glauben und 
darin besteht zwischen Aristoteles und dem ärmsten aller Wilden 
nicht der geringste Unterschied. 

Warum müssen denn Geheimnisse enträtselt, Fragen be- 
antwortet werden ? Ist es nicht die Angst, die schon aus Kinder- 
augen spricht, die furchtbare Mitgift des menschlichen Wach- 
seins, dessen Verstehen, von den Sinnen abgelöst, nun vor sich 
hin brütet, in alle Tiefen der Umwelt dringen muß und nur 
durch Lösungen erlöst werden kann? Kann das verzweifelte 
Glauben ans Wissen von dem Alpdruck der großen Fragen befreien? 

„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil" Wem das 
vom Schicksal versagt worden ist, der muß versuchen, Geheim- 
nisse aufzudecken, das Ehrfurchtgebietende anzugreifen, zu zer- 



16 URSPRUNG UND LANDSCHATT 



legen, zu zerstören und seine Beute an Wissen davonzutragen. 
Der Wille zum System ist der Wille, Lebendiges zu töten. Es 
wird fest-gestellt, starr gemacht, an die Kette der Logik gelegt. 
Der Geist hat gesiegt, wenn er sein Geschäft des Erstarren- 
machens zu Ende geführt hat. 

Was man mit den Worten Vernunft und Verstand zu unter- 
scheiden pflegt, ist das pflanzenhafte Ahnen und Fühlen, das sich 
der Sprache des Auges und Wortes nur bedient, und auf der 
anderen Seite das tierhafte, sprachgeleitete Verstehen selbst. Die 
Vernunft ruft Ideen ins Leben, der Verstand findet Wahrheiten, 
Wahrheiten sind leblos und lassen sich mitteilen, Ideen gehören 
zum lebendigen Selbst ihres Urhebers und können nur mitgefühlt 
werden. Das Wesen des Verstandes ist Kritik, das Wesen der 
Vernunft ist Schöpfung. Die Vernunft erzeugt das, worauf es 
ankommt, der Verstand setzt es voraus. Das besagt jener tiefe 
Ausspruch von Bayle, daß der Verstand nur ausreiche, um Irr- 
tümer zu entdecken, nicht um Wahrheiten zu finden. In der Tat: 
verstehende Kritik wird zuerst geübt und entwickelt an der da- 
mit verbundenen sinnlichen Empfindung. Hier, im Sinnesurteil, 
lernt das Kind begreifen und unterscheiden. Von dieser Seite 
abgezogen und mit sich selbst beschäftigt, bedarf die Kritik 
eines Ersatzes für die zum Objekt dienende Sinnentätigkeit. 
Dieser kann nur durch eine schon vorhandene Denkweise 
gegeben sein, an der sich nun die abstrakte Kritik übt. Ein 
anderes Denken, eins, das frei und aus dem Nichts aufbaut, gibt 
es nicht. 

Denn lange, bevor der ursprüngliche Mensch abstrakt dachte, 
hatte er sich ein religiöses Weltbild geschaö'en. Das ist der Gegen- 
stand, an dem nun der Verstand kritisch arbeitet. Alle Wissen- 
schaft ist an einer Religion und unter den gesamten seelischen 
Voraussetzungen einer Religion erwachsen und sie bedeutet nichts 
anderes als die abstrakte Verbesserung dieser als falsch betrach- 
teten, weniger abstrakten Lehre. Jede trägt in ihrem ganzen Be- 
stand von Grundbegriffen, Problemstellungen und Methoden den 
Kern einer Religion mit sich fort. Jede neue Wahrheit, die der 
Verstand findet, ist nichts als ein kritisches Urteil über eine 
andere, die schon da war. Die Polarität zwischen neuem und 
altem Wissen bringt es mit sich, daß es nur relativ Richtiges 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 17 

in der Welt des Verstandes gibt, nämlich Urteile von größerer 
Überzeugungskraft als andre Urteile. Kjritisehes Wissen ruht 
auf dem Glauben an die Überlegenheit des Verstehens von heute 
über das von gestern. Es ist wieder das Leben, das uns zu 
diesem Glauben zwingt. 

Kann also Kritik die großen Fragen lösen oder nur ihre 
Unlösbarkeit feststellen? Am Anfang des Wissens glauben wir 
das erste. Je mehr wir wissen, desto sichrer wird uns das zweite. 
Solange wir hoifen, nennen wir das Geheimnis ein Problem. 

Es gibt also für den wachen Menschen ein doppeltes Prob- 
lem : das des Wachseins und das des Daseins, oder das des Raumes 
und das der Zeit, oder die Welt als Natur und die Welt als 
Geschichte, oder die der Spannung und die des Taktes : das Wach- 
sein sucht nicht nur sich selbst zu verstehen, sondern außerdem 
etwas, das ihm fremd ist. Mag eine innere Stimme ihm sagen, 
daß hier alle Möglichkeiten des Erkennens überschritten sind, 
die Angst überredet dennoch jedes Wesen, weiter zu suchen und 
lieber mit dem Schein einer Lösung vorlieb zu nehmen als mit 
dem Blick in das Nichts. 



Das Wachsein besteht aus Empfinden und Verstehen, deren 
gemeinsames Wesen eine fortdauernde Orientierung über das 
Verhältnis zum Makrokosmos ist. Insofern ist Wachsein gleich- 
bedeutend mit „Feststellen*, ob es sich nun um das Tasten eines 
Lifusors oder um menschliches Denken vom höchsten Range 
handelt. Das sich selbst betastende Wachsein gelangt also zu- 
erst zumErkenntnisproblem. Was heißt Erkennen? Was heißt 
Erkenntnis des Erkennens? Und wie verhält sich das, was man 
ursprünglich damit meinte, zu dem, was man nachher in Worte 
gefaßt hat? — Wachsein und Schlaf wechseln wie Tag und Nacht 
mit dem Gang der Gestirne. Das Erkennen wechselt ebenso mit 
dem Träumen ab. Wie unterscheiden sich beide? 

Wachsein und zwar sowohl empfindendes wie verstehendes 
ist aber auch gleichbedeutend mit dem Bestehen von Gegensätzen, 
etwa zwischen Erkennen und Erkanntem, oder Ding und Eigen- 
schaft, oder Gegenstand und Ereignis. Worin besteht das Wesen 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, U. 2 



18 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

dieser Gegensätze? — Hier erscheint als zweites das Kausal- 
problem. Es werden zwei sinnliche Elemente als Ursache und 
Wirkung oder zwei geistige als Grund und Folge bezeichnet: das 
ist die Feststellung eines Macht- und Rangverhältnisses. Wenn 
das eine da ist, muß das andere auch da sein. Die Zeit bleibt 
dabei ganz aus dem Spiele. Es handelt sich nicht um Tat- 
sachen des Schicksals, sondern um kausale Wahrheiten, nicht 
um ein Wann, sondern um eine gesetzliche Abhängigkeit. Dies 
ist ohne Zweifel die hoffnungsvollste Tätigkeit des Verstehens. 
Der Mensch verdankt solchen Funden vielleicht seine glücklichsten 
Augenblicke. Und so geht er von den Gegensätzen, die ihn in 
unmittelbarer alltäglicher Nähe und Gegenwart berühren, nach 
beiden Seiten in endlosen Schlufareihen fort zu ersten und letzten 
Ursachen im Gefüge der Natur, die er Gott und den Sinn der 
Welt nennt. Er sammelt, ordnet und überblickt sein System, 
sein Dogma von gesetzlichen Zusammenhängen und findet in ihm 
eine Zuflucht vor dem Unvorhergesehenen. Wer beweisen kann, 
fürchtet sich nicht mehr. — Aber worin besteht das Wesen der 
Kausalität? Liegt sie im Erkennen oder im Erkannten oder in 
der Einheit von beiden? 

Die Welt der Spannungen müßte an sich starr und tot sein, 
nämlich „ewige Wahrheit", etwas jenseits aller Zeit, ein Zustand. 
Die wirkliche Welt des Wachseins ist aber voller Veränderungen. 
Ein Tier erstaunt darüber nicht, das Denken des Denkers jedoch 
wird ratlos: Ruhe und Bewegung, Dauer und Änderung, Ge- 
wordenes und Werden — bezeichnen diese Gegensätze nicht be- 
reits etwas, das über die Möglichkeit des Verstehens hinaus- 
geht und eben deshalb einen Widersinn enthalten muß? Sind 
das Tatsachen, die sich nicht mehr in Form von Wahrheiten 
von der Sinnenwelt abziehen lassen? Da liegt etwas Zeithaftes 
in der zeitlos erkannten Welt; Spannungen erscheinen als Takt, 
zur Ausdehnung tritt die Richtung. AUes Fragwürdige des ver- 
stehenden Wachseins sammelt sich im letzten und schwersten, 
im Bewegungsproblem, und an ihm scheitert das freigewordene 
Denken. Hier verrät es sich, daß das Mikrokosmische heute und 
immer vom Kosmischen abhängig ist, wie es schon in den Ur- 
anfängen jedes neuen Wesens das äußere Keimblatt als die bloße 
Hülle eiaes Leibes beweist. Das Leben kann ohne Denken bestehen. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT' 19 

das Denken aber ist nur eine Art des Lebens. Das Denken mag 
sich selbst noch so gewaltige Ziele setzen, in Wirklichkeit be- 
dient sich das Leben des Denkens zu seinem Zwecke und gibt 
ihm ein lebendiges Ziel ganz unabhängig von der Lösung ab- 
strakter Aufgaben. Für das Denken sind Lösungen von Pro- 
blemen richtig oder falsch, für das Leben sind sie wertvoll oder 
wertlos. Wenn das Erkennenwollen am Bewegungsproblem schei- 
tert, so ist die Absicht des Lebens vielleicht eben damit er- 
reicht. Trotzdem und eben deshalb bleibt dieses Problem der 
Mittelpunkt alles höheren Denkens. Alle Mythologie und alle 
Naturwissenschaft sind aus dem Staunen über das Geheimnis der 
Bewegung entstanden. 

Das Bewegungsproblem rührt bereits an die Geheimnisse 
des Daseins, die dem Wachsein fremd sind und deren Druck 
es sich- dennoch nicht entziehen kann. Es ist ein Verstehen- 
wollen des Niezuverstehenden, des Wann und Warum, des Schick- 
sals, des Blutes, alles dessen, was wir in der Tiefe fühlen und 
ahnen und was wir, zum Sehen geboren, darum auch vor uns 
im Lichte sehen wollen, um es im eigentlichen Sinne des Wortes 
zu begreifen, uns seiner durch Tasten zu versichern. 

Denn das ist die entscheidende Tatsache, deren sich der 
Betrachtende nicht bewußt ist: sein ganzes Suchen richtet sich 
nicht auf das Leben, sondern das Leben-sehen, und nicht auf 
den Tod, sondern das Sterben-sehen. Wir suchen das Kosmische 
so zu begreifen, wie es dem Mikrokosmos im Makrokosmos er- 
scheint, als das Leben eines Leibes im Lichtraum, zwischen 
Geburt und Tod, zwischen Zeugung und Verwesung, und mit 
jener Unterscheidung von Leib und Seele, die mit innerster Not- 
wendigkeitaus dem Erlebnis des Innerlich-Eigenen als eines SinnHch- 
Fremden folgt. 

Daß wir nicht nur leben, sondern um „das Leben" wissen, 
ist das Ergebnis jener Betrachtung unseres leibhaften Wesens im 
Licht. Aber das Tier kennt nur das Leben, nicht den Tod. Wären 
wir rein pflanzenhafte Wesen, so würden wir sterben, ohne es je zu 
bemerken, denn den Tod fühlen und sterben wäre eins. Aber auch 
Tiere hören den Todesschrei, sie erblicken den Leichnam, sie 
wittern die Verwesung; sie sehen das Sterben, aber sie verstehen 
es nicht. Erst mit dem reinen Verstehen, das sich durch die Sprache 



20 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

vom Wachsein des Auges abgelöst hat, taucht für den Menschen 
der Tod rings in der Lichtwelt als das große Rätsel auf. 

Erst von nun an ist Leben die kurze Spanne Zeit zwischen 
Geburt und Sterben. Erst im Hinblick auf den Tod wird uns 
die Zeugung zum anderen Geheimnis. Erst jetzt wird die Welt- 
angst des Tieres zur menschlichen Angst vor dem Tode und 
diese ist es, welche die Liebe zwischen Mann und Weib, das 
Verhältnis der Mutter zum Sohn, die Reihe der Ahnen bis zu den 
Enkeln herab und darüber hinaus die Familie, das Volk und zu- 
letzt die Geschichte der Menschen überhaupt als Fragen und Tat- 
sachen des Schicksals von unermeßlicher Tiefe erstehen läßt. An 
den Tod, den jeder zum Licht geborne Mensch erleiden muß, knüpfen 
sich die Ideen von Schuld und Strafe, vom Dasein als einer Buße, 
von einem neuen Leben jenseits der belichteten Welt und von 
einer Erlösung, die aller Todesangst ein Ende macht. Erst aus 
der Erkenntnis des Todes stammt das, was wir Menschen im 
Unterschiede von den Tieren als Weltanschauung besitzen. 



Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. 
Der eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der 
Staatsmann, Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich 
werden, befehlen, herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator 
und Unternehmer, der Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch 
eine ganze Welt von dem „geistigen" Menschen getrennt, dem 
Heiligen, Priester, Gelehrten, Idealisten und Ideologen, mag dieser 
nun durch die Gewalt seines Denkens oder den Mangel an Blut 
dazu bestimmt sein. Dasein und Wachsein, Takt und Spannung, 
Triebe und Begriffe, die Organe des Kreislaufs und die des Tastens — 
es wird selten einen Menschen von Rang geben, bei dem nicht 
unbedingt die eine Seite die andre an Bedeutung überragt. Alles 
Triebhafte und Treibende, der Kennerblick für Menschen und 
Situationen, der Glaube an einen Stern, den jeder zum Handeln 
Berufene besitzt und der etwas ganz anderes ist als die Über- 
zeugung von der Richtigkeit eines Standpunktes ; die Stimme des 
Blutes, die Entscheidungen trifft, und das unerschütterlich gute 
Gewissen, das jedes Ziel und jedes Mittel rechtfertigt, das alles 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 21 

ist dem Betrachtenden versagt. Schon der Schritt des Tatsachen- 
menschen klingt anders, wurzelhafter, als der des Denkers und 
Träumers, in dem das rein Mikrokosmische kein festes Verhältnis 
zur Erde gewinnen kann. 

Das Schicksal hat den einzelnen so oder so gemacht, grüb- 
lerisch und tatenscheu oder tätig und das Denken verachtend. 
Aber der Tätige ist ein ganzer Mensch; im Betrachtenden mochte 
ein einzelnes Organ ohne und gegen den Leib wirken. Um so 
schlimmer, wenn es auch die Wirklichkeit meistern will. Dann er- 
halten wir jene ethisch-politisch-sozialen Verbesserungsvorschläge, 
die sämtlich ganz unwiderleglich beweisen, wie es sein sollte und 
wie man es anfangen muß, Lehren, die ohne Ausnahme auf der 
Voraussetzung beruhen, daß alle Menschen so beschaffen sind wie 
die Verfasser, nämlich reich an Einfällen und arm an Trieben, 
vorausgesetzt, daß der Verfasser sich selbst kennt. Aber keine 
einzige dieser Lehren, und wenn sie mit der vollen Autorität 
einer Religion oder eines berühmten Namens auftrat, hat bis 
jetzt das Leben selbst im geringsten verändert. Sie ließen uns 
nur anders vom Leben denken. Gerade das ist ein Verhängnis 
später, viel schreibender und viel lesender Kulturen, daß der 
Gegensatz von Leben und Denken immer wieder verwechselt wird 
mit dem vom Denken über das Leben und Denken über das 
Denken. Alle Weltverbesserer, Priester und Philosophen sind einig 
in der Meinung, daß das Leben eine Angelegenheit des schärfsten 
Nachdenkens sei, aber das Leben der Welt geht seine eigenen 
Wege und kümmert sich nicht um das, was von ihm gedacht 
wird. Und selbst wenn es einer Gemeinschaft gelingt, „der Lehre 
gemäß" zu leben, so erreichen sie damit bestenfalls, daß in einer 
künftigen Weltgeschichte in einer Anmerkung davon die Rede 
ist, nachdem das Eigentliche und einzig Wichtige vorher ab- 
gehandelt wurde. 

Denn nur der Handelnde, der Mensch des Schicksals, lebt 
letzten Endes in der wirklichen Welt, der Welt der politischen, 
kriegerischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, in der Begriffe 
und Systeme nicht mitzählen. Hier ist ein guter Hieb mehr wert 
als ein guter Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit 
welcher der Soldat und Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tinten- 
kleckser und Bücherwürmer herabgesehen hat, die der Meinung 



22 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

waren, daß die Weltgeschichte um des Geistes, der Wissenschaft 
oder gar der Kunst willen da sei. Sprechen wir es unzweideutig 
aus: Das vom Empfinden freigewordne Verstehen ist nur eine 
Seite des Lebens und nicht die entscheidende. In einer Geschichte 
des abendländischen Denkens darf der Name Napoleons fehlen, 
in der wirklichen Geschichte aber ist Archimedes mit all seinen 
wissenschafthchen Entdeckungen vielleicht weniger wirksam ge- 
wesen als jener Soldat, der ihn bei der Erstürmung von Syra- 
kus erschlug. 

Es ist ein gewaltiger Irrtum theoretischer Menschen, wenn 
sie glauben, ihr Platz sei an der Spitze und nicht im Nachtrab 
der großen Ereignisse. Das heißt die Rolle, welche die politisie- 
renden Sophisten in Athen oder Voltaire und Rousseau in Frank- 
reich gespielt haben, durchaus verkennen. Ein Staatsmann „weiß" 
oft nicht, was er tut, aber das hindert ihn nicht, mit Sicherheit 
gerade das Erfolgreiche zu tun; der poHtische Doktrinär weiß 
immer, was getan werden muß; trotzdem ist seine Tätigkeit, 
wenn sie sich einmal nicht auf das Papier beschränkt, die erfolg- 
loseste und damit die wertloseste in der Geschichte. Es ist eine 
nur zu häufige Anmaßung in unsicher gewordnen Zeiten wie der 
attischen Aufklärung oder der französischen und der deutschen 
Revolution, wenn der schreibende und redende Ideologe statt in 
Systemen in den wirklichen Geschicken der Völker tätig sein will. 
Er verkennt seinen Platz. Er gehört mit seinen Grundsätzen und 
Programmen in die Geschichte der Literatur, in keine andere. 
Die wirkliche Geschichte fällt ihr Urteil nicht, indem sie den 
Theoretiker widerlegt, sondern indem sie ihn samt seinen Ge- 
danken sich selbst überläßt. Mögen Plato und Rousseau, um von 
kleinen Geistern ganz zu schweigen, abstrakte Staatsgebäude 
aufführen — das ist für Alexander, Scipio, Cäsar, Napoleon und 
ihre Entwürfe, Schlachten und Anordnungen ganz ohne Bedeutung. 
Mögen jene über das Schicksal reden, ihnen genügt es, ein Schick- 
sal zu sein. 

Unter allen mikrokosmischen Wesen bilden sich immer wieder 
beseelte Masseneinheiten, Wesen höherer Ordnung, die lang- 
sam entstehen oder plötzlich da sind mit allen Gefühlen und 
Leidenschaften des einzelnen, in ihrem Innern rätselhaft und dem 
Verstände unzugänglich, während der Kenner ihre Regungen 



UESPRUNG UND LANDSCHAFT 23 

wohl durchschaut und berechnen kann. Auch hier unterscheiden 
wir allgemein tierhafte, gefühlte Einheiten aus tiefster Verbunden- 
heit des Daseins und Schicksals wie jenen Vogelzug am Himmel 
oder jenes stürmende Heer und rein menschliche verstandes- 
mäßige Gemeinschaften auf Grund gleicher Meinungen, gleicher 
Zwecke und gleichen Wissens. Die Einheit des kosmischen Taktes 
hat man, ohne es zu wollen; die Einheit der Gründe eignet man 
sich an, wenn man will. Eine geistige Gemeinschaft kann man 
aufsuchen oder verlassen; an ihr nimmt nur das Wachsein teil. 
Einer kosmischen Einheit verfällt man und zwar mit seinem 
ganzen Sein. Solche Mengen werden von den Stürmen der Be- 
geisterung ebenso schnell gepackt wie von einer Panik. Sie sind 
rasend und verzückt in Eleusis und Lourdes oder von einem 
männlichen Geist ergriffen wie die Spartaner bei Thermopylä und 
die letzten Goten am Vesuv. Sie bilden sich unter der Musik 
von Chorälen, Märschen und Tänzen und unterliegen wie alle 
Rassemenschen und Rassetiere der Wirkung von leuchtenden 
Farben, von Schmuck, Tracht und Uniform. 

Diese beseelten Mengen werden geboren und sterben. Die 
geistigen Gemeinschaften, bloße Summen im mathematischen Sinne, 
sammeln, vergrößern, verkleinern sich, bis zuweilen eine bloße 
Übereinstimmung durch die Gewalt ihres Eindrucks ins Blut dringt 
und aus der Summe plötzlich ein Wesen macht. In jeder poli- 
tischen Zeitenwende können Worte zu Schicksalen, öffentliche 
Meinungen zu Leidenschaften werden. Eine zufällige Menge wird 
auf der Straße zusammengeballt, sie hat ein Bewußtsein, ein 
Fühlen, eine Sprache, bis die kurzlebige Seele erlischt und jeder 
seiner Wege geht. Das geschah in dem Paris von 1789 täglich, 
sobald sich der Ruf nach der Laterne erhob. 

Diese Seelen haben ihre besondere Psychologie, auf die man 
sich verstehen muß, um mit dem öffentlichen Leben fertig zu 
werden. Eine Seele haben alle echten Stände und Klassen, die 
Ritterschaften und Orden der Kreuzzüge, der römische Senat und 
der Jakobinerklub, die vornehme Gesellschaft unter Ludwig XIV. 
und der preußische Adel, der Bauernstand und die Arbeiterschaft, 
der großstädtische Pöbel, die Bevölkerung eines abgelegenen 
Tales, Völker und Stämme der Wanderzeiten, die Anhänger Mo- 
hameds und überhaupt jede eben begründete Religion oder Sekte, 



24 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



die Franzosen der Revolution und die Deutschen der Freiheits- 
kriege. Die gewaltigsten Wesen dieser Art, die wir kennen, sind 
die hohen Kulturen mit ihrer Geburt aus einer großen seelischen 
Erschütterung, die in einem tausendjährigen Dasein alle Mengen 
kleinerer Art, Nationen, Stände, Städte, Geschlechter zu einer 
Einheit zusammenfassen. 

Alle großen Ereignisse der Geschichte werden durch solche 
Wesen kosmischer Art getragen, durch Völker, Parteien, Heere, 
Klassen, während die Geschichte des Geistes in losen Gemein- 
schaften und Kreisen, Schulen, Bildungsschichten, Richtungen, 
, -Ismen" verläuft. Und hier ist es wieder eine Schicksals- 
frage, ob solche Mengen in dem entscheidenden Augenblick ihrer 
höchsten Wirkungskraft einen Führer finden oder blind vorwärts- 
getrieben werden, ob die Führer des Zufalls Menschen von hohem 
Range oder gänzlich bedeutungslose Persönlichkeiten sind, die 
von der Woge der Ereignisse an die Spitze gehoben werden wie 
Pompejus oder Robespierre. Es kennzeichnet den Staatsmann, 
daß er all diese Massenseelen, die sich im Strome der Zeit bilden 
und auflösen, in ihrer Stärke und Dauer, Richtung und Absicht 
mit vollkommener Sicherheit durchschaut, aber trotzdem ist es 
auch hier eine Frage des Zufalls, ob er sie beherrschen kann 
oder von ihnen .mitgerissen wird. 



DIE GRUPPE DER HOHEN KULTUREN 



Aber gleichviel, ob ein Mensch für das Leben oder das 
Denken geboren ist, solange er handelt oder betrachtet, ist er 
wach und als Wachender ist er beständig „ im Bilde " , nämlich 
eingestellt auf einen Sinn, den die Lichtwelt um ihn herum ge- 
rade in diesem Augenblick für ihn besitzt. Es ist schon früher 
bemerkt worden, daß die zahllosen Einstellungen, die im Wach- 
sein des Menschen wechseln, sich deutlich in zwei Gruppen unter- 
scheiden, Welten des Schicksals und Taktes und Welten der 
Ursachen und Spannungen. Jeder erinnert sich der beinahe 
schmerzhaften Umstellung, wenn er etwa eben einen physi- 
kalischen Versuch beobachtet und plötzlich genötigt wird, über 
ein Tagesereignis nachzudenken. Ich nannte die beiden Bilder 
die „Welt als Geschichte" und die „Welt als Natur". In jenem 
bedient sich das Leben des kritischen Verstehens; es hat das 
Auge in seiner Gewalt; gefühlter Takt wird zur innerlich ge- 
schauten Wellenlinie, erlebte Erschütterungen werden im Bilde 
zur Epoche. In diesem herrscht das Denken selbst; kausale 
Kritik läßt das Leben zum starren Prozeß werden, den lebendigen 
Gehalt einer Tatsache zur abstrakten Wahrheit, die Spannung 
wird zur Formel. 

Wie ist das möglich? Beides ist ein Augenbild, aber doch 
so, daß man sich dort den nie wiederkehrenden Tatsachen hin- 
gibt, und hier Wahrheiten in ein unveränderliches System bringen 
wiU. Im Geschichtsbilde, das nur gestützt ist auf Wissen, be- 
dient sich das Kosmische des Mikrokosmischen. In dem, was 
wir Gedächtnis und Erinnerung nennen, liegen die Dinge wie im 
inneren Licht und vom Takt unseres Daseins durchflutet da. Das 
chronologische Element im weitesten Sinne, die Daten, Namen, 
Zahlen, verrät, daß Geschichte, sobald sie gedacht wird, der 
Grundbedingungen alles Wachseins nicht entbehren kann. Im 
Naturbilde ist das stets vorhandene Subjektive das Fremde und 
Trügende, in der Welt als Geschichte trügt das ebenso un- 
vermeidliche Objektive, die Zahl. 



26 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Die naturhaften Einstellungen sollen und können bis zu einem 
gewissen Grade unpersönlich sein. Man vergißt sich selbst dar- 
über. Das Bild der Geschichte aber besitzt jeder Mensch, jede 
Klasse, Nation, Familie in bezug auf sich selbst. Natur ent- 
hält das Merkmal der Ausdehnung, die alle umschließt. Ge- 
schichte aber ist das, was aus dunkler Vergangenheit auf den 
Schauenden zukommt und von ihm aus weiter in die Zukunft 
will. Er ist als der Gegenwärtige stets ihr Mittelpunkt und es 
ist ganz unmöglich, in der sinnvollen Anordnung der Tatsachen 
die Richtung auszuschalten, die de;n Leben und nicht dem Denken 
angehört. Jede Zeit, jedes Land, jede lebendige Menge hat ihren 
eignen historischen Horizont und der berufene Geschichtsdenker 
zeigt sich eben darin, daß er das von seiner Zeit geforderte 
Geschichtsbild wirklich entwirft. 

Deshalb unterscheiden sich Natur und Geschichte wie echte 
und scheinbare Kritik, Kritik verstanden als Gegensatz zur Lebens- 
erfahrung. Naturwissenschaft ist Kritik und nichts andres. In 
der Geschichte aber kann Kritik nur die Voraussetzung an Wissen 
schaffen, an dem dann der historische Blick seinen Horizont ent- 
wickelt. Geschichte ist dieser Blick selbst, gleichviel wo- 
hin er sich richtet. Wer diesen Blick besitzt, kann jede Tat- 
sache und jede Lage „historisch" verstehen. Natur ist ein System, 
und Systeme kann man erlernen. 

Die historische Einstellung beginnt für jeden mit den 
frühesten Eindrücken der Kindheit. Kinderaugen sehen scharf 
und die Tatsachen der nächsten Umgebung, das Leben der Familie, 
des Hauses, der Straße werden bis in ihre letzten Gründe gefühlt 
und geahnt, lange bevor die Stadt mit ihren Bewohnern in den 
Gesichtskreis tritt und während noch die Worte Volk, Land, 
Staat keinen irgendwie greifbaren Inhalt besitzen. Ein ebenso 
gründlicher Kenner ist der primitive Mensch für alles, was ihm 
in seinem engen Kreise als Geschichte lebendig vor Augen steht. 
Vor allem das Leben selbst, das Schauspiel von Geburt und Tod, 
Krankheit und Alter, dann die Geschichte der kriegerischen und 
geschlechtlichen Leidenschaften, die er selbst erlebt oder an 
andern beobachtet hat, die Schicksale der Nächsten, der Sippe, 
des Dorfes, ihre Handlungen und deren Hintergedanken, Er- 
zählungen von langer Feindschaft, Kämpfen, Sieg und Rache. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 27 

Die Lebenshorizonte weiten sich; nicht ein Leben, sondern das 
Leben entsteht und vergeht, nicht Dörfer und Sippen, sondern 
ferne Stämme und Länder, nicht Jahre, sondern Jahrhunderte 
treten vor das Auge. Die wirklich miterlebte, in ihrem Takt 
noch mitgefühlte Geschichte reicht niemals über die Generation 
des Großvaters hinaus, weder für die alten Germanen und die 
heutigen Neger, noch für Perikles oder Wallenstein. Hier schließt 
ein Horizont des Lebens ab und es beginnt eine neue Schicht, 
deren Bild sich auf Überlieferung und historische Tradition 
gründet, welche das unmittelbare Mitfühlen einem deutlich ge- 
sehenen und durch lange Übung gesicherten Gedächtnisbilde ein- 
ordnet, ein Bild, das für die Menschen verschiedener Kulturen 
in sehr verschiedener Weite entwickelt ist. Für uns beginnt mit 
diesem Bilde die eigentliche Geschichte, in der wir sub specie 
aeternitatis leben, für die Griechen und Römer hört sie hier auf. 
Für Thukydides hatten schon die Ereignisse der Perserkriege, i) 
für Cäsar die punischen Kriege keine lebendige Bedeutung mehr. 

Über das alles hinaus aber entstehen neue historische 
Einzelbilder von den Schicksalen der Pflanzen- und Tierwelt, der 
Landschaft, der Gestirne und fließen mit den letzten Bildern der 
Natur zusammen in mythischen Vorstellungen von Weltanfang 
und Weltende. 

Das Naturbild des Kindes und des Urmenschen entwickelt 
sich aus der kleinen Technik des Alltags, die beide immer wieder 
zwingt, sich von dem angstvollen Schauen in die weite Natur 
den Sachlagen der nächsten Umgebung kritisch zuzuwenden. 
Wie die jungen Tiere entdeckt ein Kind seine ersten Wahrheiten 
durch das Spiel. Das Spielzeug untersuchen, die Puppe zerbrechen, 
den Spiegel umkehren, um zu sehen, was dahinter ist, das Triumph- 
gefühl, etwas als richtig festgestellt zu haben, was nun immer 
so bleiben muß — darüber hinaus ist keine Naturforschung je 
gedrungen. Diese kritische Erfahrung erwirbt sich der Urmensch 
an seinen Waffen und Werkzeugen, an den Stoff'en für seine 
Kleidung, Nahrung und Wohnung, ■ an Dingen also, insofern sie 
tot sind. Das gilt auch von Tieren, die er jetzt plötzlich nicht 

^) Er habe festgestellt, daß sich vor seiner Zeit nichts von Bedeutung 
ereignet habe, schreibt er — um 400! — auf der ersten Seite seines Geschichts- 
werkes. 



28 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

mehr als Lebewesen versteht, indem er als Verfolger oder Ver- 
folgter ihre Bewegungen beobachtet und berechnet, sondern als 
eine Zusammensetzung von Fleisch und Knochen, die er im Hin- 
blick auf einen bestimmten Zweck unter Absehen von der Eigen- 
schaft des Lebendigseins ganz mechanisch betrachtet, genau so 
wie er ein Ereignis eben noch als die Tat eines Dämons und 
gleich darauf als Kette von Ursache und Wirkung auffaßt. Es 
ist dieselbe Umstellung, die auch der reife Kulturmensch täglich 
und stündlich immer wieder vollzieht. Auch um diesen Natur- 
horizont legt sich eine weitere Schicht, die aus den Eindrücken 
von Regen, BHtz und Sturm, Tag und Nacht, Sommer und Winter, 
dem Mondwechsel und dem Gang der Gestirne gebildet wird. 
Hier zwingen religiöse Schauer voller Angst und Ehrfurcht ihn 
zu einer Kritik von ganz anderem Range. Wie er in jenem 
Geschichtsbilde die letzten Tatsachen des Lebens ergründen 
wollte, so sucht er hier die letzten Wahrheiten der Natur 
festzustellen. Was jenseits aller Grenzen des Verstehens liegt, 
nennt er die Gottheit, und alles diesseits Liegende sucht er als 
Wirkung, Schöpfung und Offenbarung der Gottheit kausal zu 
begreifen. 

Jede Sammlung von naturhaft Festgestelltem hat also eine 
doppelte Tendenz, die von Urzeiten her unverändert gebHeben 
ist. Die eine richtet sich auf ein möglichst vollständiges System 
technischen Wissens, das zu praktischen, wirtschaftlichen und 
kriegerischen Zwecken dient, das viele Tierarten in hoher Voll- 
endung ausgebildet haben und das von da an über die früh- 
menschliche Kenntnis des Feuers und der Metalle in gerader 
Linie zur Maschinentechnik der heutigen faustischen Kultur führt. 
Die andre hat sich erst mit der Ablösung des rein menschlichen 
Denkens vom Sehen durch die Wortsprache gebildet und erstrebt 
ein ebenso vollständiges theoretisches Wissen, das wir in seiner 
ursprünglichen Form religiös und in der in späten Kulturen 
daraus abgeleiteten naturwissenschaftlich nennen. Das Feuer 
ist für den Krieger eine Waffe, für den Handwerker ein Teil seines 
Werkzeuges, für den Priester ein Zeichen der Gottheit und für den 
Gelehrten ein Problem. Das alles aber gehört der naturhaften Ein- 
stellung des Wachseins an. In der Welt als Geschichte erscheint 
nicht das Feuer überhaupt, sondern der Brand von Karthaga 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 29 

und Moskau und die Flamme der Scheiterhaufen, auf denen Huß 
und Giordano Bruno verbrannt wurden. 



Ich wiederhole: Jedes Wesen erlebt das andre und dessen 
Schicksale nur in bezug auf sich selbst. Den Taubenschwarm, 
der sich auf ein Feld niederläßt, verfolgt der Besitzer des Feldes 
mit ganz anderen Blicken als der Naturfreund auf der Straße 
und der Habicht in der Luft. Der Bauer sieht in seinem Sohn 
den Nachkommen und Erben, der Nachbar den Bauern, der 
Offizier den Soldaten, der Fremde den Eingebornen. Napoleon 
hat als Kaiser die Menschen und Dinge anders erlebt wie als 
Leutnant. Man versetze einen Menschen in eine andre Lage, 
man mache einen Revolutionär zum Minister, einen Soldaten zum 
General, und die Geschichte mit ihren Trägern wird für ihn 
mit einem Schlage etwas anderes. Talleyrand durchschaute die 
Menschen seiner Zeit, weil er zu ihnen gehörte. Er hätte Crassus, 
Cäsar, Catilina und Cicero, wäre er plötzlich unter sie versetzt 
worden, in allen ihren Maßregeln und Absichten falsch oder gar 
nicht verstanden. Es gibt keine Geschichte an sich. Die Ge- 
schichte einer Familie nimmt sich für jeden Angehörigen, die 
eines Landes für jede Partei, die Zeitgeschichte für jedes Volk 
anders aus. Der Deutsche sieht den Weltkrieg anders als der 
Engländer, der Arbeiter die Wirtschaftsgeschichte anders als der 
Unternehmer, der Historiker des Abendlandes hat eine ganz 
andre Weltgeschichte vor Augen als die großen arabischen und 
chinesischen Geschichtsschreiber, und nur aus sehr großer Ent- 
fernung und ohne innere Beteiligung könnte die Geschichte einer 
Zeit objektiv dargestellt werden, aber die besten Historiker der 
Gegenwart beweisen, daß sie nicht einmal den peloponnesischen 
Krieg und die Schlacht bei Actium ganz ohne Beziehung auf 
gegenwärtige Interessen beurteilen und darstellen können. 

Die tiefste Menschenkenntnis schließt nicht aus, sondern 
fordert sogar, daß ihre Einsichten durchaus die Farbe dessen 
tragen, der sie hat. Gerade der Mangel an Menschenkenntnis 
und Lebenserfahrung ergeht sich in Verallgemeinerungen, die 
alles Bedeutende, nämlich das Einmalige der Geschichte verzerren 



30 UKSPRUNG UND LANDSCHAFT 

oder völlig übersehen, am schlimmsten jene materialistische 
Geschichtsauffassung, die man beinahe erschöpfend als Mangel 
an physiognomischer Begabung definieren kann. Aber trotzdem 
und eben deshalb gibt es für jeden Menschen, weil er einer 
Klasse, Zeit, Nation und Kultur angehört, und wieder für diese 
Zeit, Klasse, Kultur im ganzen ein typisches Bild der Geschichte, 
wie es in bezug auf sie vorhanden sein sollte. Als höchste 
Möglichkeit besitzt das Gesamt das ein jeder Kultur ein für sie 
symbolisches Urbild ihrer Welt als Geschichte, und alle Ein- 
stellungen der einzelnen und der als lebendige Wesen wirkenden 
Mengen sind Abbilder davon. Wenn man die Anschauung eines 
andern als bedeutend, flach, originell, trivial, verfehlt, veraltet 
bezeichnet, so geschieht dies stets, ohne daß jemand sich dessen 
bewußt wäre, im Hinblick auf das im Augenblick geforderte 
Bild als der beständigen Funktion der Zeit und des Menschen. 

Es versteht sich, daß jeder Mensch der faustischen Kultur 
sein eignes Bild der Geschichte besitzt, und nicht nur eines, 
sondern unzählige von seiner Jugend an, die je nach den Er- 
lebnissen des Tages und der Jahre unaufhörlich schwanken und 
sich verändern. Und wie verschieden ist wieder das typische 
Geschichtsbild der Menschen verschiedener Zeitalter und Stände: 
die Welt Ottos des Großen und die Gregors VII., die eines Dogen 
von Venedig und die eines armen Pilgers ! In wie verschiednen 
Welten haben Lorenzo von Medici, Wallenstein, CromweU, Marat, 
Bismarck gelebt, ein Höriger der gotischen, ein Gelehrter der 
Barockzeit, Offiziere des dreißigjährigen, des siebenjährigen und 
des Befreiungskrieges und allein in unsern Tagen ein friesischer 
Bauer, 'der nur mit seiner Landschaft und deren Bevölkerung 
wirklich lebt, ein Hamburger Großkaufmann und ein Physik- 
professor! Und trotzdem hat das alles, unabhängig von Alter, 
Stellung und Zeit des einzehien einen gemeinsamen Grundzug, der 
die Gesamtheit dieser Bilder, ihr Urbild, von dem jeder andern 
Kultur unterscheidet. 

Was aber das antike und indische Geschichtsbild vollständig 
von dem chinesischen und arabischen und noch viel schärfer von 
dem abendländischen trennt, ist die Enge des Horizonts. Was 
die Griechen von der altägyptischen Geschichte wissen konnten 
und wissen mußten, haben sie nie in ihr eignes Geschichtsbild ein- 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 31 

treten lassen, das für die meisten mit den Ereignissen abschloß, 
von denen die letzten Überlebenden noch erzählen konnten, und 
in dem selbst für die besten Köpfe mit dem trojanischen Kriege 
eine Grenze gesetzt wurde, jenseits deren es kein geschichtliches 
Leben mehr geben sollte. 

Die arabische Kultur hat zuerst und zwar im Geschichts- 
denken sowohl der Juden wie der Perser etwa seit Kyros den 
erstaunlichen Griff gewagt, die Weltschöpfungslegende durch eine 
echte Zeitrechnung mit der Gegenwart zu verbinden und bei den 
Persern sogar eine chronologische Festlegung des Jüngsten Ge- 
richts und der Erscheinung des Messias vorzunehmen. Diese 
scharfe und sehr enge Abgrenzung der gesamten Menschen- 
geschichte — die persische umfaßt im ganzen zwölf, die jüdische 
bis jetzt noch nicht sechs Jahrtausende — ist ein notwendiger 
Ausdruck des magischen Weltgefühls und scheidet die jüdisch- 
persische Schöpfungssage ihrer tieferen Bedeutung nach voll- 
ständig von den Vorstellungen der babylonischen Kultur, denen 
sie viele äußere Züge entnommen hat. Aus einem ganz andern 
Gefühl heraus hat das chinesische und ägyptische Geschichts- 
denken eine weite Perspektive ohne Abschluß eröffnet und zwar 
durch eine chronologisch gesicherte Reihe von Dynastien, die sich 
über Jahrtausende hin in graue Ferne verlieren. 

Das faustische Bild der Weltgeschichte setzt sogleich, vor- 
bereitet durch die christliche Zeitrechnung, i) mit einer ungeheuren 
Erweiterung und Vertiefung des von der abendländischen Kirche 
übernommenen magischen Bildes ein, das von Joachim von Floris 
um 1200 zur Grundlage einer tiefsinnigen Deutung aller Welt- 
schicksale als der Folge dreier Zeitalter des Vaters, des Sohnes 
und des heiligen Geistes genommen wurde. Dazu trat eine immer 
wachsende Erweiterung des geographischen Horizonts, der schon 
in gotischer Zeit durch die Wikinger und Kreuzfahrer von Island 
bis zu entlegenen Teilen Asiens gedehnt wurde. 2) Für den höheren 
Menschen des Barock seit 1500 wird nun zum ersten Male und 
im Unterschied von allen andern Kulturen die gesamte Oberfläche 



') 522 unter der Ostgotenlierrschaft in Rom entstanden, aber erst seit 
Karl dem Grofsen rasch über das germanische Abendland verbreitet. 

^) Mit einer sehr bezeichnenden Verengerung des tatsächlich erlebten Ge- 
schichtsbildes im Bewußtsein des echten Renaissancemenschen. 



32 . URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

des Planeten zum Schauplatz menschlicher Geschichte. Zum ersten 
Male haben Kompaß und Fernrohr für die Gebildeten dieser Spät- 
zeit aus der bloßen theoretischen Annahme einer Kugelgestalt 
der Erde das wirkliche Gefühl gemacht, auf einer Kugel im Welt- 
raum zu leben. Der Länderhorizont hört auf und ebenso der 
zeitliche durch die doppelte Unendlichkeit der Jahreszählung vor 
und nach Christi Geburt. Und unter dem Eindruck dieses plane- 
tarischen, zuletzt alle hohen Kulturen umfassenden Bildes voll- 
zieht sich heute die Auflösung jener gotischen, längst flach und 
leer gewordnen Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit. 

In allen andern Kulturen fallen die Aspekte Weltgeschichte 
und Menschengeschichte zusammen; der Weltanfang ist der Anfang 
des Menschen ; das Ende der Menschheit ist auch das Ende der 
Welt. Der faustische Hang zum Unendlichen läßt während des 
Barock zum ersten Male beide Begriffe auseinandertreten und 
macht die Menschengeschichte in einer noch nie bekannten Aus- 
dehnung dennoch zu einer bloßen Episode in der Welt- 
geschichte, und die Erde, von der andre Kulturen nur ein 
Oberflächenstück als »Welt" überblickten, zu einem kleinen Stern 
unter Millionen Sonnensystemen. 

Diese Ausdehnung des historischen Weltbildes macht es in 
<ier heutigen Kultur noch viel notwendiger als in jeder andern, 
sorgfältig zwischen der AlltagseinsteUung der meisten Menschen 
und der Maximaleinstellung zu unterscheiden, deren nur die höch- 
sten Geister fähig sind, die sich aber auch in diesen nur für 
Augenblicke vollzieht. Der Unterschied zwischen dem historischen 
Horizont des Themistokles und dem eines attischen Bauern ist 
vielleicht geringfügig, aber schon der zwischen dem Geschichts- 
bild Kaiser Heinrichs VI. und dem eines Hörigen seiner Zeit ist 
ungeheuer, und mit dem Aufstieg der faustischen Kultur werden 
die höchstmöglichen Einstellungen so erweitert und vertieft, daß 
es immer engere Kreise sind, denen sie zugänglich bleiben. Es 
bildet sich gleichsam eine Pyramide von Möglichkeiten, auf der 
jeder einzelne seiner Veranlagung nach eine Stufe einnimmt, 
welche durch die höchste ihm erreichbare Einstellung bezeichnet 
wird. Damit aber gibt es zwischen abendländischen Menschen 
eine Grenze der Verständigung in geschichthchen Lebensfragen, 
wie sie in dieser verhängnisvollen Schärfe ohne Zweifel keiner 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 33 

andern Kultur bekannt war. Kann heute ein Arbeiter einen Bauern 
wirklich verstehen? Oder ein Diplomat einen Handwerker? Der 
historisch-geographische Horizont, aus dem heraus beide ihre 
wichtigsten Fragen in Worte fassen, ist so verschieden, daß aus 
der Mitteilung ein Vorbeireden wird. Ein wirklicher Menschen- 
kenner versteht wohl auch noch die Einstellung des andern und 
richtet seine Mitteilung danach ein — wie wir es alle machen, 
wenn wir mit Kindern sprechen — , aber die Kunst, sich auch 
noch in das Geschichtsbild eines Menschen der Vergangenheit, 
Heinrichs des Löwen oder Dantes so einzuleben, daß man seine 
Gedanken, Gefühle und Entscheidungen als selbstverständlich be- 
greift, ist bei dem gewaltigen Abstände beider Wachseinszustände 
so selten, daß sogar die Aufgabe als solche um 1700 noch gar 
nicht geahnt und erst seit 1800 zu einer sehr selten erfüllten 
Forderung der Geschichtsschreibung geworden ist. 

Die echt faustische Trennung der eigentlichen Menschen- 
geschichte von der viel weiteren Weltgeschichte hat zur Folge, 
daß seit dem Ausgang des Barock sich in unserm Weltbilde mehrere 
Horizonte in getrennten Schichten hintereinander lagern, für deren 
Untersuchung sich Einzelwissenschaften von mehr oder weniger 
ausgesprochen historischem Charakter ausgebildet haben. Die 
Astronomie, Geologie, Biologie, Anthropologie verfolgen der Reihe 
nach die Schicksale der Sternenwelt, der Erdrinde, der Lebewesen, 
des Menschen, und erst dann beginnt die heute noch so genannte 
, Weltgeschichte" der hohen Kulturen, an welche sich weiterhin 
die Geschichte einzelner Kulturelemente, die Familiengeschichte, 
zuletzt die gerade im Abendlande sehr ausgebildete Biographie 
anschließen. 

Jede dieser Schichten fordert eine Einstellung für sich und 
mit dem Augenblick dieser Einstellung hören die engeren und 
weiteren Schichten auf, lebendiges Werden zu sein, und sind 
schlechthin gegebene Tatsachen. Untersuchen wir die Schlacht 
im Teutoburger Walde, so ist die Entstehung dieses Waldes inner- 
halb der Pflanzenwelt Norddeutschlands vorausgesetzt. Fragen 
wir nach der Geschichte des deutschen Laubwaldes, so ist die geo- 
logische Schichtung der Erde die Voraussetzung und eine in ihren 
besonderen Schicksalen nicht weiter zu untersuchende Tatsache. 
Fragen wir nach dem Ursprung der Kreideformation, so ist das 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 11. 3 



34 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Vorhandensein der Erde selbst als eines Planeten im Sonnensystem 
kein Problem. Oder anders betrachtet: daß es in der Sternen- 
welt eine Erde, daß es auf der Erde das Phänomen „Leben" ^ 
daß es in diesem die Form „Mensch", daß es in der Menschen- 
geschichte die organische Form der Kulturen gibt, ist jedesmal 
ein Zufall im Bilde der nächst höheren Schicht. Goethe hatte- 
von seiner Straßburger bis zur ersten Weimarer Zeit einen starken 
Hang zur Einstellung auf die Weltgeschichte — die Entwürfe 
zum Cäsar, Mahomet, Sokrates, Ewigen Juden, Egmont zeugen 
davon — , aber seit jenem schmerzlichen Verzicht auf eine poli- 
tische Wirksamkeit großen Stils, der aus dem Tasso noch in dessea 
endgültiger, vorsichtig resignierter Fassung zu uns redet, schaltete 
er gerade diese aus und lebte fortan mit der fast gewaltsamen Be- 
schränkung auf das Bild der Pflanzen-, Tier- und Erdgeschichte^ 
seiner „lebendigen Natur" und andrerseits in der Biographie. 
Alle diese Bilder haben, in denselben Menschen entwickelt^ 
dieselbe Struktur. Auch die Geschichte der Pflanzen und Tiere, 
auch die der Erdrinde und der Sterne ist fable convenue und 
spiegelt in der äußeren Wirklichkeit die Tendenz des eignen Da- 
seins wider. Eine vom subjektiven Standpunkt des betrachtenden 
Menschen, seiner Zeit, seines Volkes und selbst seiner sozialen 
Stellung abgelöste Betrachtung der Tiere oder der Gesteinsschich- 
tung ist ebensowenig möglich, wie die der Revolution oder des- 
Weltkrieges. Die berühmten Theorieen von Kant und Laplace,^. 
Cuvier, Lyell, Lamarck, Darwin haben auch eine politisch-wirt- 
schaftliche Färbung und zeigen gerade durch den gewaltigen Ein- 
druck, den sie auf ganz unwissenschaftliche Kreise hervorgerufen 
haben, den gemeinsamen Ursprung der Auffassung all dieser histo- 
rischen Schichten. Was sich aber heute vollendet, ist die letzte- 
dem faustischen Geschichtsdenken noch vorbehaltene Leistung: 
die organische Verbindung dieser Einzelschichten untereinander 
und ihre Eingliederung in eine einzige ungeheure Weltgeschichte 
von einheitlicher Physiognomik, in welcher der Blick vom Leben 
des einzelnen Menschen nun ohne Unterbrechung bis zu den ersten 
und letzten Schicksalen des Universums reicht. Das 19. Jahrhundert 
hat — in mechanistischer, also ungeschichtHcher Fassung — di& 
Aufgabe gestellt. Es gehört zu den Bestimmungen des 20., si& 
zu lösen. 



URSPRCTNG UND LANDSCHAFT 35 

8 

Das Bild, welches wir von der Geschichte der Erdrinde und 
der Lebewesen besitzen, wird augenblicklich noch immer von An- 
schauungen beherrscht, welche das zivilisierte englische Denken 
seit der Aufklärungszeit aus den englischen Lebensgewohnheiten 
entwickelt hat. Die „phlegmatische" geologische Theorie Lyells 
von der Bildung der Erdschichten und die biologische Darwins 
von der Entstehung der Arten sind tatsächlich nur Nachbilder 
der Entwicklung Englands selbst. Sie setzen an die Stelle un- 
berechenbarer Katastrophen und Metamorphosen, wie sie der 
große Leopold von Buch und Cuvier anerkannten, eine methodische 
Entwicklung mit sehr langen Zeiträumen und erkennen als Ur- 
sachen nur wissenschaftlich erreichbare und zwar mecha- 
nische Zweckmäßigkeitsursachen an. 

Diese „englische" Art von Ursachen ist nicht nur flach, son- 
dern auch viel zu eng. Sie beschränkt die möglichen Zusammen- 
hänge erstens auf Vorgänge, die sich in ihrem ganzen Verlauf 
an der Erdoberfläche vollziehen. Damit werden alle großen kos- 
mischen Beziehungen zwischen den Lebenserscheinungen der Erde 
und Ereignissen des Sonnensystems oder der Sternenwelt über- 
haupt ausgeschaltet und die ganz unmögHche Behauptung voraus- 
gesetzt, daß die Außenseite der Erdkugel ein allseitig isoliertes 
Gebiet des Naturgeschehens sei. Und man setzt zweitens vor- 
aus, daß Zusammenhänge, die mit den Mitteln des heutigen mensch- 
üchen Wachseins — Empfinden und Denken — und ihrer Ver- 
feinerung durch Instrumente und Theorien nicht erfaßbar sind, 
auch nicht vorhanden sind. 

Es wird das naturgeschichtliche Denken des 20. von dem des 
19. Jahrhunderts unterscheiden, daß dieses System von Oberflächen- 
ursachen, dessen Wurzeln in den Rationalismus der Barockzeit 
zurückreichen, beseitigt und durch eine reine Physiognomik ersetzt 
wird. Wir sind Skeptiker allen kausal erklärenden Denkweisen 
gegenüber. Wir lassen die Dinge reden und bescheiden uns damit, 
das in ihnen waltende Schicksal zu fühlen und in seinen Gestal- 
tungen zu schauen, dessen Ergründung nicht im Bereich mensch- 
lichen Verstehens liegt. Das Äußerste, was wir erreichen können, 
ist die Auffindung ursachenloser, zweckloser, rein seiender Formen, 



36 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

die dem wechselnden Bilde der Natur zugrunde liegen. Dasl9. Jalir- 
liundert hat unter „Entwicklung" einen Fortschritt im Sinne stei- 
gender Zweckmäßigkeit des Lebens verstanden. Leibniz in seiner 
hochbedeutenden Protogäa (1691), die auf Grund seiner Studien 
über die Silbergruben des Harzes eine durch und durch Goethesche 
Urgeschichte der Erde entwirft, und Goethe selbst verstanden dar- 
unter die Vollendung im Sinne eines steigenden Formgehaltes. 
Zwischen den Begriffen der Goetheschen Formvollendung und der 
Evolution Darwins liegt der ganze Gegensatz von Schicksal und 
Kausalität, aber auch der zwischen deutschem und englischem 
Denken und zuletzt deutscher und englischer Geschichte. 

Es kann keine bündigere Widerlegung Darwins geben als 
die Ergebnisse der Paläontologie. Die Versteinerungsfunde können 
nach einfacher Wahrscheinlichkeit nur Stichproben sein. Jedes 
Stück müßte also eine andre Entwicklungsstufe darstellen. Es 
gäbe nur „Übergänge", keine Grenzen und also keine Arten. 
Statt dessen finden wir aber vollkommen feststehende und un- 
veränderte Formen durch lange Zeiträume hin, die sich nicht 
etwa zweckmäßig herausgebildet haben, sondern die plötzlich 
und sofort in endgültiger Gestalt erscheinen, und die nicht 
in noch zweckmäßigere übergehen, sondern seltener werden und 
verschwinden, während ganz andre Formen schon wieder auf- 
getaucht sind. Was sich in immer größerem Formenreichtum 
entfaltet, sind die großen Klassen und Gattungen der Lebewesen, 
die von Anfang an und ohne alle Übergänge in der heutigen 
Gruppierung da sind. Wir sehen, wie unter den Fischen die 
Selachier mit ihren einfachen Formen in zahlreichen Gattungen 
zuerst in den Vordergrund der Geschichte treten und langsam wieder 
zurücktreten, während die Teleostier eine vollendetere Form des 
Fischtypus allmählich zur Herrschaft bringen, und dasselbe gilt 
von den Pflanzenformen der Farne und Schachtelhalme, die heute 
mit ihren letzten Arten in dem voll entwickelten Reich der 
Blütenpflanzen fast verschwinden. Aber dafür zweckmäßige und 
überhaupt sichtbare Ursachen anzunehmen, fehlt jeder wirkliche 
Anhalt.^) Es ist ein Schicksal, welches das Leben überhaupt, 



*) Den ersten Beweis dafür, daß die Grundformen der Pflanzen- und Tier- 
welt sich nicht entwickeln, sondern plötzlich da sind, gab H. de Vries seit 1886 
in seiner Mutationslehre. In der Sprache Goethes: Wir sehen, wie eine ge- 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 37 

den immer wachsenden Gegensatz von Pflanze und Tier, jeden 
einzelnen Typus, jede Gattung und Art in die Welt berief. Und 
mit diesem Dasein ist zugleich eine bestimmte Energie der 
Form gegeben, mit welcher sie sich im Fortgang der Vollendung 
rein behauptet oder matt und unklar wird und in viele Abarten 
ausweicht oder zerfällt, und damit zugleich eine Lebensdauer 
dieser Form, die wiederum zwar durch einen Zufall verkürzt 
werden kann, sonst aber zu einem natürlichen Alter und Ver- 
löschen der Art führt. 

Und was den Menschen betrifft, so zeigen die diluvialen 
Funde immer deutlicher, daß alle damals vorhandenen Formen 
den heute lebenden entsprechen und nicht die geringste Spur 
einer Entwicklung zu einer zweckmäßiger gebauten Rasse zeigen, 
und das Fehlen aller tertiären Funde deutet immer mehr darauf 
hin, daß die Lebensform des Menschen wie jede andre ihren 
Ursprung einer plötzlichen Wandlung verdankt, deren Woher, Wie 
und Warum ein undurchdringliches Geheimnis bleiben wird. In 
der Tat, gäbe es eine Evolution im erglischen Sinne, so könnte 
es weder abgegrenzte Erdschichten noch einzelne Tierklassen 
geben, sondern nur eine einzige geologische Masse und ein Chaos 
lebender Einzelformen, die im Kampf ums Dasein übrig geblieben 
wären. Aber alles, was wir sehen, zwingt uns zu der Überzeugung, 
daß immer wieder tiefe und sehr plötzliche Änderungen im Wesen 
des Tier- und Pflanzendaseins vor sich gehen, die von kosmischer 
Art und niemals auf das Gebiet der Erdoberfläche beschränkt 
sind und die dem menschlichen Empfinden und Verstehen in ihren 
Ursachen oder überhaupt entzogen bleiben. i) Und ganz ebenso 
sehen wir, wie diese raschen und tiefen Verwandlungen in die 
Geschichte der großen Kulturen eingreifen, ohne daß von sicht- 
baren Ursachen, Einflüssen und Zwecken irgendwie die Rede sein 
kann. Die Entstehung des gotischen und des Pyramidenstils voU- 



prägte Form sich in den einzelnen Exemplaren entwickelt, nicht, wie sie 
für die ganze Gattung geprägt wird. 

') Damit wird auch die Annahme ungeheurer Zeiträume für die Ereignisse 
der menschlichen Urzeit überflüssig und man kann den Abstand der ältesten 
bisher bekannten Menschen vom Beginn der ägyptischen Kultur sich in einem 
Zeitmaß denken, dem gegenüber die 5000 Jahre historischer Kultur durchaus 
nicht verschwinden. 



38 UKSPRIING UND LANDSCHAFT 

zog sich ebenso plötzlich wie die des chinesischen ImperiaHsmus 
unter Schi hoang ti und des römischen unter Augustus, wie die 
des Hellenismus, des Buddhismus, des Islam, und ganz ebenso 
steht es mit den Ereignissen in jedem bedeutenden Einzelleben. 
Wer das nicht weiß, ist kein Menschenkenner, vor allem kein 
Kinderkenner. Jedes tätige oder betrachtende Dasein schreitet 
in Epochen seiner Vollendung zu, und eben solche Epochen 
müssen wir in der Geschichte des Sonnensystems und der Welt 
der Fixsterne annehmen. Der Ursprung der Erde, der Ursprung 
des Lebens, der Ursprung des frei beweglichen Tieres sind solche 
Epochen und eben deshalb Geheimnisse, die wir als solche hin- 
zunehmen haben. 



Was wir vom Menschen wissen, scheidet sich klar in zwei 
große Zeitalter seines Daseins. Das erste wird für unsern BHck 
begrenzt einerseits durch jene tiefe Fuge im Schicksal des Planeten, 
die wir heute als Anfang der Eiszeit bezeichnen und von der wir 
innerhalb des Bildes der Erdgeschichte nur feststellen können, 
daß hier eine kosmische Änderung stattgefunden hat; andrerseits 
durch den Beginn der hohen Kulturen am Nil und Euphrat, wo- 
mit der ganze Sinn des menschlichen Daseins plötzlich ein 
anderer wird. Wir entdecken überall die scharfe Grenze von Ter- 
tiär und Diluvium und wir finden diesseits den Menschen vor als 
fertig ausgebildeten Typus, mit Sitte, Mythus, Kunst, Schmuck, 
Technik vertraut und von einem Körperbau, der sich seitdem 
nicht merklich verändert hat. 

Wenn wir das erste Zeitalter das der primitiven Kultur 
nennen, so ist das einzige Gebiet, auf dem sich diese Kultur, 
allerdings in einer sehr späten Form, lebendig und ziemlich un- 
berührt während des ganzen zweiten Zeitalters und heute noch 
erhalten hat, das nordwestliche Afrika. Dies klar erkannt zu 
haben, ist das große Verdienst von L. Frobenius.i) Die Voraus- 
setzung war, daß hier eine ganze Welt primitiven Lebens und 
nicht etwa nur eine Anzahl primitiver Stämme dem Eindruck 



1) Und Afrika sprach 1912. Paideuma, Umrisse einer Kultur- und Seelen- 
lehre, 1920. — Frobenius unterscheidet drei Zeitalter. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 39 

hoher Kulturen entzogen blieb. Was die Völkerpsychologen gern 
in allen fünf Weltteilen zusammensuchen, sind dagegen Völker- 
fragmente, deren Gemeinsames in der rein negativen Tatsache 
besteht, daß sie mitten unter den hohen Kulturen leben, ohne 
innerlich an ihnen beteiligt zu sein. Es sind also teils zurück- 
.gebliebene, teils minderwertige, teils entartete Stämme, deren. 
Äußerungen noch dazu unterschiedslos vermengt werden. 

Die primitive Kultur war aber etwas Starkes und Ganzes, 
■etwas höchst Lebendiges und Wirkungsvolles ; nur ist sie so ver- 
schieden von allem, was wir Menschen einer hohen Kultur als 
seelische Möglichkeiten besitzen, daß man daran zweifeln darf, 
ob selbst jene Völker, mit denen das erste Zeitalter noch tief 
in das zweite hineinreicht, in ihrer heutigen Art des Daseins 
und Wachseins Schlüsse auf den Zustand der alten Zeit erlauben. 

Das menschliche Wachsein steht seit Jahrtausenden unter 
dem Eindruck der Tatsache, daß die beständige Fühlung der 
Stämme und Völker untereinander etwas Selbstverständliches und 
Alltägliches ist. Wir haben aber für das erste Zeitalter damit 
zu rechnen, daß der Mensch in einer äußerst geringen Anzahl 
kleiner Scharen sich in den endlosen Weiten der Landschaft, 
■deren Bild durchaus von den gewaltigen Massen großer Tier- 
herden beherrscht wird, vollständig verliert. Die Seltenheit der 
Funde beweist das mit Sicherheit. Zur Zeit des Homo Aurigna- 
•censis schweiften auf dem Boden Frankreichs vielleicht ein Dutzend 
Horden von einigen hundert Köpfen umher, für die es ein rätsel- 
haftes Ereignis von tiefstem Eindruck war, wenn sie einmal das 
Vorhandensein von Mitmenschen bemerkten. Können wir uns 
überhaupt vorstellen, wie es sich in einer fast menschenlosen 
Welt lebte ? Wir, für die die gesamte Natur längst zum Hinter- 
gründe der massenhaften Menschheit geworden ist? Wie mußte 
sich das Weltbewußtsein ändern, als man in der Landschaft außer 
Wäldern und Tierherden immer häufiger Menschen „ganz wie 
"wir selbst" antraf! Die zweifellos wieder sehr plötzliche Zunahme 
der Zahl, welche den „Mitmenschen" zu einem beständigen, all- 
iäglichen Erlebnis machte, den Eindruck des Staunens durch die 
Gefühle der Freude oder Feindschaft ersetzte und damit von 
selbst eine ganz neue Welt von Erfahrungen und von unwillkür- 
lichen und unvermeidlichen Beziehungen heraufrief, ist für die 



40 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Geschichte der Menschenseele vielleicht das tiefste und folgen- 
reichste Ereignis gewesen. Erst an fremden Lebensformen wurde 
man sich nun der eignen bewußt, und zugleich trat zu der 
Gliederung innerhalb der Sippe der ganze Reichtum äufserer 
Beziehungsformen der Sippen untereinander, der von nun an das 
primitive Leben und Denken vollständig beherrscht. Bedenken 
wir, daß damals aus sehr einfachen Arten sinnlicher Verständigung 
die Ansätze von Wortsprachen (und damit des abstrakten Denkens) 
entstanden sind und unter diesen einige sehr glückliche Kon- 
zeptionen, von deren Beschaffenheit wir uns keine Vorstellung 
machen können, die wir aber als frühesten Ausgangspunkt der 
späteren indogermanischen und semitischen Sprachgruppen an- 
nehmen dürfen. 

Aus dieser primitiven Kultur einer durch Beziehungen von 
Stamm zu Stamm überall zusammenhängenden Menschheit wächst 
nun plötzlich um 3000 die ägyptische und babylonische Kultur 
auf, nachdem sich vielleicht während eines weiteren Jahrtausends 
in beiden Landschaften etwas vorbereitet hat, das sich in der 
ganzen Art und Absicht der Entwicklung, der inneren Einheit 
sämtlicher Ausdrucksformen und der Richtung alles Lebens auf 
ein Ziel vollkommen von jeder primitiven Kultur unterscheidet. 
Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß sich damals an der Erd- 
oberfläche überhaupt oder zum mindesten im inneren Wesen des 
Menschen eine Veränderung vollzogen hat. Was später noch als 
primitive Kultur von Rang überall zwischen den hohen Kulturen 
besteht und erst nach und nach vor ihnen verschwindet, wäre 
dann etwas anderes als die Kultur des ersten Zeitalters. Was 
ich aber als Vorkultur bezeichne und was man am Anfang jeder 
hohen Kultur in einem durchaus gleichförmigen Verlauf nach- 
weisen kann, ist jeder Art von primitiver Kultur gegenüber 
etwas andersartiges und vollständig neues. 

Li allem primitiven Dasein ist das „es", das Kosmische, 
mit so unmittelbarer Gewalt am Werke, daß alle mikrokosmischen 
Äußerungen in Mythus, Sitte, Technik und Ornament nur dem 
ganz augenblicklichen Drange gehorchen. Es gibt keine für uns 
erkennbare Regeln für die Dauer, das Tempo, den Gang der Ent- 
wicklung dieser Äußerungen. Wir sehen etwa eine ornamentale 
Formensprache, die man nicht Stil nennen sollte, die Bevölkerung 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 41 



weiter Gebiete beherrschen, sich verbreiten, sich verändern und 
endlich erlöschen. Daneben und vielleicht mit ganz anderem Ver- 
breitungsgebiet zeigen Art und Gebrauch der Waffen, Gliederung 
der Sippen, religiöse Gebräuche je eine eigne Entwicldung mit 
selbständigen Epochen und mit Anfang und Ausgang, der durch 
kein anderes Formgebiet mitbestimmt wird. Wenn wir in einer 
prähistorischen Schicht eine uns genau bekannte Art von Keramik 
festgestellt haben, so läßt das auf die Sitte und Religion der zu- 
gehörigen Bevölkerung keine Schlüsse zu. Und wenn einmal 
zufällig eine gewisse Form der Ehe und etwa eine Art der 
Tätowierung ein ähnliches Verbreitungsgebiet besitzen, so liegt 
dem nie eine Idee zugrunde, wie sie die Erfindung des Schieß- 
pulvers und der Malperspektive verbindet. Es finden sich keine 
notwendigen Beziehungen zwischen Ornament und Altersklassen- 
organisation, oder zwischen dem Kult einer Gottheit und der 
Art des Ackerbaus. Was sich hier entwickelt, sind immer wieder 
einzelne Seiten und Züge der primitiven Kultur, nicht diese selbst. 
Das ist es, was ich als chaotisch bezeichnet habe : die primitive 
Kultur ist weder ein Organismus noch eine Summe von Organismen. 
Mit dem Typus der hohen Kultur tritt an die Stelle jenes 
„es" eine starke und einheitliche Tendenz. Innerhalb der pri- 
mitiven Kultur sind außer den einzelnen Menschen nur die 
Stämme und Sippen beseelte Wesen. Hier aber ist es die 
Kultur selbst. Alles Primitive ist eine Summe und zwar von 
Ausdrucksformen primitiver Verbände. Hohe Kultur ist das Wach- 
sein eines einzigen ungeheuren Organismus, der nicht nur Sitte, 
Mythus, Technik und Kunst, sondern auch die ihm einverleibten 
Völker und Stände zu Trägern einer einheitlichen Formensprache 
mit einheitHcher Geschichte macht. Die älteste Sprachgeschichte 
gehört zur primitiven Kultur und hat ihre eignen regellosen 
Schicksale, die man aus denen des Ornaments oder etwa der 
Geschichte der Ehe nicht ableiten kann. Die Geschichte der 
Schrift aber gehört zur Ausdrucksgeschichte der einzelnen hohen 
Kulturen. Je eine besondere Schrift hat sich schon in der Vor- 
zeit der ägyptischen, chinesischen, babylonischen und mexi- 
kanischen Kultur ausgebildet. Daß das in der indischen und 
antiken nicht geschah, daß man die hochentwickelten Schriften 
alter Nachbarzivilisationen erst sehr spät übernahm, während in 



42 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

der arabischen Kultur jede neue Religion und Sekte alsbald eine 
«igne Schrift ausbildete, das steht im tiefsten Zusammenhang 
mit der gesamten Formengeschichte dieser Kulturen und deren 
innerer Bedeutung. 

A-uf diese beiden Zeitalter beschränkt sich unser wirkliches 
Wissen vom Menschen und das reicht nicht aus, um irgendwelche 
Schlüsse auf mögliche oder gewisse neue Zeitalter oder gar deren 
Wann und Wie zu ziehen, ganz abgesehen davon, daß die kos- 
mischen Zusammenhänge, welche das Schicksal der Gattung 
Mensch beherrschen, unsrer Berechnung vollständig entzogen sind. 

Meine Art zu denken und zu beobachten beschränkt sich 
auf die Physiognomik des Wirkhchen. Wo die Erfahrung des 
Menschenkenners seiner Mitwelt, die Lebenserfahrung eines Tat- 
gewohnten den Tatsachen gegenüber aufhört, da findet auch 
dieser Blick seine Grenze. Das Vorhandensein jener zwei Zeit- 
alter ist eine Tatsache der historischen Erfahrung und 
weiterhin besteht unsre Erfahrung von der primitiven Kultur 
darin, daß wir hier etwas Abgeschlossenes in seinen Resten 
übersehen können, dessen tiefere Bedeutung von uns aus einer 
innern Verwandtschaft heraus noch eben erfühlt werden kann. 
Das zweite Zeitalter aber erlaubt uns noch eine Erfahrung von 
ganz andrer Art. Daß innerhalb der Menschengeschichte plötzlich 
der Typus der hohen Kultur erscheint, ist ein Zufall, dessen Sinn 
nicht nachzuprüfen ist. Es ist auch ungewiß, ob nicht ein plötz- 
liches Ereignis im Dasein der Erde eine ganz andre Form zum 
Vorschein bringt. Aber die Tatsache, daß acht solcher Kulturen 
vor uns liegen, alle von gleichem Bau, gleichartiger Entwicklung 
und Dauer, gestattet uns eine vergleichende Betrachtung 
und damit ein Wissen, das sich über verschollene Epochen rück- 
wärts und über bevorstehende vorwärts erstreckt, immer unter 
der Voraussetzung, daß nicht ein Schicksal anderer Ordnung diese 
Formenwelt überhaupt plötzlich durch eine neue ersetzt. Ein 
Recht dazu gibt uns die allgemeine Erfahrung vom organischen 
Dasein. Wir können in der Geschichte der Raubvögel oder der 
Nadelhölzer nicht voraussehen, ob und wann eine neue Art, und 
ebensowenig in der Kulturgeschichte, ob und wann in Zukunft 
eine neue Kultur entsteht. Aber von dem Augenblick an, wo 
ein neues Wesen im Mutterleib empfangen oder ein Samenkorn 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 43 

in die Erde versenkt ist, kennen wir die innere Form des 
neuen Lebenslaufes, die durch alle andringenden Gewalten 
nur in der Ruhe ihrer Entfaltung und Vollendung gestört, nicht 
aber in ihrem Wesen geändert w^erden kann. 

Diese Erfahrung lehrt weiterhin, daß die Zivilisation, welche 
heute die ganze Erdoberfläche ergriffen hat, nicht ein drittes 
Zeitalter ist, sondern ein notwendiges Stadium ausschließlich der 
abendländischen Kultur, das sich von dem jeder andern nur durch 
die Gewalt der Ausdehnung unterscheidet. Hier ist die Erfahrung 
zu Ende. Darüber zu grübeln, in was für neuen Formen der 
künftige Mensch sein Dasein führen wird, ob überhaupt andre 
kommen werden, oder gar auf dem Papier majestätische Umrisse 
mit einem „So soll es, so wird es sein" zu entwerfen, ist eine 
Spielerei, die mir zu unbedeutend erscheint, um die Kräfte eines 
irgendwie wertvollen Lebens daran zu wenden. 

Die Gruppe der hohen Kulturen ist keine organische Ein- 
heit. Daß sie in dieser Zahl, an diesen Orten und zu dieser Zeit 
entstanden, ist für das menschliche Auge ein Zufall ohne tieferen 
Sinn. Dagegen tritt die GHederung der einzelnen mit solcher 
Deutlichkeit hervor, daß die chinesische, arabische und abend- 
ländische Geschichtsschreibung und oft schon das übereinstimmende 
■Gefühl der Gebildeten eine Reihe von Namen geprägt hat, die 
-sich gar nicht verbessern lassen.^) 

Das historische Denken hat also die doppelte Aufgabe, eine 
vergleichende Betrachtung der einzelnen Lebensläufe vor- 
jzunehmen, eine Aufgabe, die klar gefordert, aber bis jetzt nicht 
beachtet worden ist, und die andre, die zufälligen und regellosen 
Beziehungen der Kulturen untereinander auf ihren Sinn 
zu prüfen. Das ist bis jetzt in der bequemen und oberflächlichen 
Weise geschehen, daß man das ganze Gewirr mit kausaler Er- 
klärung in den „Gang" einer Weltgeschichte brachte. Damit wird 
aber die sehr schwierige und aufschlußreiche Psychologie dieser 
Beziehungen ebenso unmöglich wie die des Innenlebens der Kul- 
turen selbst. Diese zweite Aufgabe setzt vielmehr die erste als 

') Goethe hat in seinem kleinen Aufsatz „ Geistesepochen " eine Charak- 
teristik der vier Abschnitte jeder Kultur, der Vorzeit, Frühzeit, Spätzeit und 
Zivilisation, von solcher Tiefe gegeben, daß sich heute noch nichts hinzufügen 
läßt. Vgl. die damit genau übereinstimmenden Tafeln in Bd. I. 



44 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

gelöst voraus. Die Beziehungen sind sehr verschieden, zunächst 
schon nach dem räumlichen und zeitlichen Abstand. In den Kreuz- 
zügen steht eine Frühzeit einer alten und reifen Zivilisation gegen- 
über, in der kretisch-mykenischen Welt des ägäischen Meeres 
eine Vorkultur einer blühenden Spätzeit. Eine Zivilisation kann 
aus unendlicher Ferne herüberstrahlen wie die indische von Osten 
in die arabische Welt, oder sich erstickend und greisenhaft über 
eine Jugend lagern, wie die Antike von Westen her. Aber auch 
nach Art und Stärke: die abendländische Kultur sucht Bezieh- 
ungen auf, die ägyptische weicht ihnen aus; jene erliegt ihnen 
immer wieder in tragischen Erschütterungen, die Antike nützt 
sie aus, ohne zu leiden. Das alles hat aber seine Bedingungen 
wieder im SeeKschen der Kultur selbst und lehrt diese Seele zu- 
weilen besser kennen als ihre eigne Sprache, die oft mehr ver- 
birgt als mitteilt. 

10 

Ein Blick über die Gruppe der Kulturen erschließt Aufgaben 
über Aufgaben. Das 19. Jahrhundert, dessen Geschichtsforschung 
von der Naturwissenschaft, dessen Geschichtsdenken von den Ideen 
des Barock geleitet wurde, hat uns nur auf einen Gipfel geführt, 
von dem wir die neue Welt zu unsern Füßen sehen. Werden 
wir je von ihr Besitz ergreifen? 

Die ungeheure Schwierigkeit, der eine gleichmäßige Behand- 
lung jener großen Lebensläufe heute noch begegnet, besteht darin, 
daß es an ernsthaften Bearbeitungen der fernliegenden Gebiete 
durchaus fehlt. Es zeigt sich wieder der herrische Bück des West- 
europäers, der nur erfassen will, was von irgend einem Altertum 
her über ein Mittelalter sich ihm nähert, und alles, was seine 
eignen Wege geht, mit halbem Ernst behandelt. In der chinesischen 
und indischen Welt sind soeben einige Gebiete: Kunst, Religion 
und Philosophie, in Angriff genommen worden. Die politische Ge- 
schichte wird, wenn überhaupt, im Plauderstil vorgetragen. Nie- 
mand denkt daran, die großen staatsrechtlichen Probleme der 
chinesischen Geschichte, das Hohenstaufenschicksal des Li-Wang 
(842), den ersten Fürstenkongreß von 659, den Kampf zwischen 
den Prinzipien des von dem „Römerstaate" Tsin vertretenen Im- 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 45 

perialismus (Lienheng) und derVölkerbundidee (Hohtsung) zwischen 
500 und 300, den Aufstieg des chinesischen Augustus Hoang-ti 
(221) mit derselben Gründlichkeit zu behandeln, wie es Mommsen 
mit dem Prinzipat des Augustus getan hat. Die Staatengeschichte 
Indiens mag noch so gründlich von den Indern vergessen sein, 
aus der Zeit Buddhas liegt trotzdem mehr Material vor als aus 
der antiken Geschichte im 9. und 8. Jahrhundert, aber wir tun 
noch heute, als hätte „der" Inder ganz in seiner Philosophie gelebt 
wie die Athener, welche nach der Ansicht unsrer Klassizisten ihr 
Leben, an den Ufern des Ilissos philosophierend, in Schönheit ver- 
brachten. Aber auch über die ägyptische Politik ist kaum nach- 
gedacht worden. Hinter dem Namen der Hyksoszeit haben die 
späten ägyptischen Historiker dieselbe Krisis verborgen, welche 
die chinesischen als „Zeit der kämpfenden Staaten" behandeln. 
Das hat noch niemand untersucht. Und in der arabischen Welt 
reicht das Interesse genau so weit wie das antike Sprachgebiet. 
Was ist nicht über die Staatsschöpfung Diokletians geschrieben 
worden! Und was für ein Material hat man etwa über die ganz 
gleichgültige Verwaltungsgeschichte der kleinasiatischen Provinzen 
zusammengetragen — weil es griechisch geschrieben war! Aber 
das Vorbild Diokletians in jeder Beziehung, der Sassanidenstaat, 
fällt nur insoweit in den Kreis der Betrachtung, als er gerade 
Krieg mit Rom führte. Wie steht es aber mit dessen eigener 
Verwaltungs- und Rechtsgeschichte? Was ist über Recht und 
Wirtschaft in Ägj^ten, Indien und China gesammelt worden, das 
sich neben den Arbeiten über antikes Recht halten könnte? M 



*) Es fehlt ebenso an einer Geschichte der Landschaft (also des 
Bodens, der Pflanzendecke und der Witterung), in der sich die Menschengeschichte 
seit fünftausend Jahren abgespielt hat. Aber die Menschengeschichte ringt sich 
so schwer von der Geschichte der Landschaft ab und bleibt mit tausend Wur- 
zeln mit ihr so tief verbunden, daß man ohne sie das Leben, die Seele, das 
Denken gar nicht verstehen kann. Was die Landschaft Südeuropas betrifft, so 
macht seit dem Ende der Eiszeit ein unbändiger Überfluß der Pflanzenwelt all- 
mählich der Dürftigkeit Platz. In der Folge der ägyptischen, antiken, arabischen, 
abendländischen Kultur hat sich um das Mittelmeer herum eine Wandlung des 
Klimas vollzogen, wonach der Bauer aus dem Kampf gegen die Pflanzenwelt 
in den für sie eintreten mußte, erst gegen den Urwald, dann gegen die Wüste 
sich behauptend. Die Sahara lag zur Zeit Hannibals weit im Süden von Kar- 
thago, heute dringt sie bereits in das nördliche Spanien imd Italien ein; wo 



46 ÜKSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Um 30001) setzen nach einer langen „Merowingerzeit", die 
in Ägypten noch deutlich übersehbar ist, die beiden ältesten 
Kulturen in äußerst kleinen Gebieten am untern Nil und Euphrat 
ein. Früh- und Spätzeit sind hier längst durch die Namen Altes 
und Mittleres Reich, Sumer und Akkad unterschieden worden. 
Der Ausgang der ägyptischen Feudalzeit zeigt mit seiner Ent- 
stehung eines Erbadels und dem dadurch bedingten Verfall des- 
frühen Königtums seit der sechsten Dynastie eine so erstaunliche 
Ähnlichkeit mit dem Verlauf der Dinge in der chinesischen Früh- 
zeit seit I-Wang (934 — 909) und der abendländischen seit Kaiser 
Heinrich IV., daß eine vergleichende Untersuchung einmal gewagt 
werden sollte. Am Anfang des babylonischen „Barock" erscheint 
der große Sargon (2500), der bis ans Mittelmeer vordringt, Cypern 
erobert und sich im Geschmack Justinians I. und Karls V. den 
.Herrn der vier Weltteile" nennt. Am Nil um 1800, in „Akkad 
und Sumer" etwas früher, beginnen nun auch die ersten Zivili- 
sationen, von denen die asiatische eine gewaltige Expansionskraft- 
zeigt. Die „Errungenschaften der babylonischen Zivilisation", 
vieles, was mit Messen, Zählen, Rechnen zusammenhängt, ist von 
da an vielleicht bis zur Nordsee und zum Gelben Meer getragen 
worden. Manche babylonische Fabrikmarke an einem Werkzeug 

war sie zur Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer mit den Wald- und Jagd- 
bildem auf ihren Reliefs? Als die Spanier die Moriskos vertrieben, erlosch der 
nur noch künstlich aufrecht erhaltene Charakter des Landes als einer Wald- 
und Ackerlandschaft. Die Städte wurden Oasen in der Wüste. Zur Römerzeit 
hätte das keine derartige Folge gehabt. 

*) Die neue Methode der vergleichenden Morphologie gestattet eine sichere 
Nachprüfung der bis jetzt mit ganz andern Mitteln versuchtep Zeitansätze alter 
Kulturen. Aus demselben Grunde, weshalb man auch bei Verlust aller andern 
Nachrichten Goethes Geburt nicht hundert Jahre vor den Urfaust verlegen oder 
in der Laufbahn Alexanders des Großen die eines älteren Mannes vermuten 
würde, kann man aus einzelnen Zügen des Staatslebens, dem Geist von Kunst, 
Denken und Religion beweisen, daß der Anbruch der ägyptischen Kultur um 
3000 imd der chinesischen um 1400 erfolgt ist. Die Berechnungen französischer 
Forscher und neuerdings von Borchardt (Die Annalen und die zeitliche Fest- 
legung des Alten Reiches, 1919) sind von vornherein ebenso verfehlt wie die 
chinesischer Historiker über die Dauer der fabelhaften Hsia- und Schang- 
dynastien. Ebenso ist es völlig unmöglich, daß der ägyptische Kalender im 
Jahre 4241 eingeführt worden ist. Wie bei jeder Zeitrechnung hat man eine 
Entwicklung mit tiefgreifenden Kalenderreformen anzunehmen, womit der Be- 
griff eines Anfangsdatums überhaupt gegenstandslos wird. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 47 

mag da von germanischen Wilden als Zauberzeichen verehrt und 
zum Ursprung eines „urgermanischen" Ornaments geworden sein. 
Aber indessen ging die babylonische Welt selbst aus einer Hand 
in die andere. Kossäer, Assyrer, Chaldäer, Meder, Perser, Make- 
donier, lauter kleine*) Heerhaufen mit einem kräftigen Führer 
an der Spitze, haben sich da in der Hauptstadt abgelöst, ohne 
daß die Bevölkerung sich ernsthaft dagegen wehrte. Das ist das 
erste Beispiel einer „römischen Kaiserzeit". In Ägypten ent- 
wickelten sich die Dinge nicht anders. Unter den Kossäern setzen 
die Prätorianer die Herrscher ein und ab ; die Assyrer haben wie 
die Soldatenkaiser seit Commodus die alten staatsrechtlichen 
Formen aufrecht erhalten; der Perser Kyros und der Ostgote 
Theodorich haben sich als Reichsverweser gefühlt, Meder und 
Langobarden als Herrenvölker im fremden Lande. Aber das sind 
staatsrechtliche, nicht tatsächliche Unterschiede. Die Legionen 
des Afrikaners Septimius Severus wollten genau dasselbe wie 
Alarichs Westgoten, und in der Schlacht bei Adrianopel waren 
„Römer" und „Barbaren" kaum noch zu unterscheiden. 

Seit 1500 entstehen drei neue Kulturen, zuerst die indische 
im oberen Pendschab, um 1400 die chinesische am mittleren 
Hoangho, um 1100 die antike am ägäischen Meere. Wenn die 
chinesischen Historiker von den drei großen Dynastien — Hsia, 
Schang, Dschou — reden, so entspricht das etwa der Meinung 
Napoleons, der sich als den Begründer der vierten Dynastie nach 
den Merowingern, Karolingern und Capetingern bezeichnete. In 
Wirklichkeit hat jedesmal die dritte den ganzen Verlauf der Kultur 
miterlebt. Als 441 der Titularkaiser der Dschoudynastie zum 
Staatspensionär des „östlichen Herzogs" und als 1792 „Louis 
Capet" hingerichtet wurde, ging jedesmal auch die Kultur zur 
Zivilisation über. Aus der letzten Schangzeit haben sich einige 
hochaltertümliche Bronzen erhalten, die zur späteren Kunst in 
demselben Verhältnis stehen wie die mykenische zur frühantiken 



') Ed. Meyer hat Gesch. d. A. III, 97 das kleine Perservolk, vielleicht 
noch zu hoch, auf eine halbe Million im Verhältnis zu den fünfzig Millionen 
des babylonischen Imperiums berechnet. Ein Größenverhältnis derselben 
Ordnung besteht zwischen den Germanenvölkem und den Legionen der Soldaten- 
Kaiser des 3. Jahrh. der römischen, und den Truppen der Ptolemäer und Römer 
der ägyptischen Bevölkenmg gegenüber. 



48 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Keramik und die karolingische Kunst zur romanischen. Die 
vedische, homerische und chinesische Frühzeit zeigen mit ihren 
Pfalzen und Burgen, mit Rittertum und Feudalherrschaft das ganze 
Bild der Gotik, und die „Zeit der großen Protektoren" (Ming- 
dschu 685 — 591) entspricht durchaus der Zeit Cromwells, Wallen- 
steins, Richelieus und der älteren antiken Tyrannis. 

480 — 230 setzen die chinesischen Historiker die „Zeit der 
kämpfenden Staaten*^ an, die zuletzt in eine hundertjährige un- 
unterbrochene Folge von Kriegen mit Massenheeren und furcht- 
baren sozialen Erschütterungen auslief und aus welcher der Römer- 
staat Tsin als Begründer des chinesischen Imperiums hervorging. 
Das erlebte Ägypten 1780—1580 (seit 1680 die „Hyksoszeit"), 
die Antike von Chäronea und in furchtbarster Form von den 
Gracchen an bis Actium (133 — 31); es ist das Schicksal der west- 
europäisch-amerikanischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert. 

Der Schwerpunkt wird unterdessen, wie von Attika nach 
Latium, so vom Hoangho (bei Ho-nan-fu) zum Jangtse (heute 
Provinz Hupei) verlegt. Der Sikiang war den chinesischen Ge- 
lehrten damals so undeutlich wie den alexandrinischen die Elbe, 
und von der Existenz Indiens hatten sie noch keine Ahnung. 

Wie auf der andern Seite der Weltkugel die Kaiser des 
julisch-claudischen Hauses, so erscheint hier der gewaltige Wang 
Dscheng, der in den Entscheidungskämpfen Tsin zur Alleinherr- 
schaft führt und 221 den Titel Augustus („Schi" bedeutet genau 
dasselbe) und den Cäsarennamen Hoang-ti annimmt. Er begründet 
den „chinesischen Frieden", führt in dem erschöpften Imperium 
seine große Sozialreform durch und beginnt bereits, ganz römisch, 
den Bau des chinesischen Limes, der berühmten Mauer, für die 
er 214 einen Teil der Mongolei erobert. (Bei den Römern be- 
ginnt sich seit der Varusschlacht der Begriff einer feststehenden 
Grenze gegen die Barbaren zu bilden; die Befestigungen sind 
dann noch im 1. Jahrhundert angelegt worden.) Er hat auch als 
der erste in großen Kriegszügen die barbarischen Stämme südlich 
des Jangtse unterworfen und das Gebiet durch Militärstraßen, 
Ansiedlungen und Kastelle gesichert. Ebenso römisch ist aber 
auch die Familiengeschichte seines Hauses, das in neronischen 
Greueln rasch zu Ende ging, in denen der Kanzler Lui-Schi, der 
erste Gatte der Kaisermutter, und der große Staatsmann Li-Sze, 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 49 

der Agrippa seiner Zeit und Begründer der chinesischen Einheits- 
schrift, eine Rolle spielten. Es folgen die beiden Handynastien 
(die westliche 206 v.— 23 n., die östliche 25 — 220), unter denen 
die Grenze sich immer weiter ausdehnte, während in der Haupt- 
stadt Eunuchenminister, Generale und Soldaten die Herrscher 
ihrer Wahl ein- und absetzen. Es sind seltsame Augenblicke, 
als unter den Kaisern Wu-ti (140—86) und Ming-ti (58—76) die 
chinesisch-konfucianische, die indisch-buddhistische und die antik- 
stoische Weltmacht sich dem kaspischen Meer so weit genähert 
hatten, daß eine Berührung leicht hätte eintreten können.^) 

Der Zufall hat es gefügt, daß die schweren Angriffe der 
Hunnen sich damals an dem chinesischen Limes brachen, der 
gerade jedesmal durch einen kräftigen Kaiser verteidigt wurde. 
Die entscheidende Niederlage der Hunnen erfolgte 124 — 119 durch 
<len chinesischen Trajan Wu-ti, der auch Südchina endgültig ein- 
verleibte, um einen Weg nach Indien zu bekommen, und der eine 
ungeheure, festungsartig gesicherte Militärstrafae nach dem Tarim 
baute. Sie wandten sich endlich nach dem Westen und erschienen 
später, mit einem Schwärm germanischer Stämme vor sich her, 
vor dem römischen Grenzwall. Hier gelang es ihnen. Das römische 
Imperium ging zugrunde und die Folge war, daß nur das chinesische 
und indische Imperium noch heute bestehen als bevorzugte Ob- 
jekte immer wechselnder Gewalten. Heute sind es die „rothaarigen 
Barbaren" des Westens, die in den Augen der hochzivilisierten 
Bramanen und Mandarinen keine andere und bessere Rolle spielen 
als die Moguln und Mandschu, und die ebenfalls ihre Nachfolger 
finden werden. Auf dem Kolonisationsgebiet des zerstörten römischen 
Imperiums bereitete sich dagegen im Nordwesten die Vorkultur 
des Abendlandes vor, während sich im Osten bereits die arabische 
Frühzeit entwickelt hatte. 

Diese arabische Kultur ist eine Entdeckung. 2) Ihre Einheit 
ist von späten Arabern geahnt worden, den abendländischen Ge- 
schichtsforschern aber so völlig entgangen, daß nicht einmal eine 
gute Bezeichnung für sie aufzufinden ist. Der herrschenden 



') Denn selbst Indien hatte damals imperialistische Tendenzen in der 
Maurya- und Sungadynastie zum Ausdruck gebracht, die bei dem ganzen 
indischen Wesen nur wirr und folgenlos sein konnten. 

^) Vgl. das ganze Kap. III dieses Bandes. 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II. 4 



50 URSPRUNG UND LANDSCHAPT 

Sprache nach könnte man Vorkultur und Frühzeit aramäisch^ 
die Spätzeit arabisch nennen. Einen wirkHchen Namen gibt es 
nicht. Die Kulturen lagen hier dicht beieinander und deshalb 
haben sich die ausgedehnten Zivilisationen mehrfach übereinander 
geschichtet. Die arabische Vorzeit selbst, die sich bei Persern 
und Juden verfolgen läßt, lag völlig im Bereiche der alten babylo- 
nischen Welt, die Frühzeit aber von Westen her unter dem mäch- 
tigen Bann der antiken, eben erst voll ausgereiften Zivilisation. 
Ägyptische und indische Zivilisation reichen fühlbar herüber. 
Arabischer Geist hat dann aber, meist in spätantiker Maske, 
seinen Zauber auf die beginnende Kultur des Abendlandes ausgeübt, 
und die arabische Zivilisation, die sich in der Seele des Volkes 
in Südspanien, der Provence und Sizilien über die heute noch nicht 
ganz erstorbene antike geschichtet hat, wurde das Vorbild, an dem. 
gotischer Geist sich erzog. — Die zugehörige Landschaft ist merk- 
würdig ausgedehnt und zerrissen. Man muß sich nach Palmyra 
oder Ktesiphon versetzen und von da aus hineindenken: im Norden 
Osrhoene; Edessa wurde das Florenz der arabischen Frühzeit. 
Im Westen Syrien und Palästina, wo das neue Testament und 
die jüdische Mischna entstanden, mit Alexandria als ständigem 
Vorposten. Im Osten erlebte der Mazdaismus eine gewaltige Er- 
neuerung, welche der Geburt des Messias im Judentum entspricht 
und von der wir aus den Trümmern der Awestaliteratur nur 
schließen können, daß sie stattgefunden haben muß. Hier sind 
auch der Talmud und die Religion Manis entstanden. Tief im. 
Süden, der künftigen Heimat des Islam, hat sich eine Ritterzeit 
voll entfalten können wie im Sassanidenreich. Noch heute liegen 
dort die Ruinen unerforschter Burgen und Schlösser, von denen 
aus die Entscheidungski-iege zwischen dem christlichen Staat von 
Axum an der afrikanischen Küste und dem jüdischen der Himja- 
riten an der arabischen geleitet wurden, die man von Rom und 
Persien aus diplomatisch schürte. Im äußersten Norden liegt 
Byzanz mit seinem sonderbaren Gemisch spätzivilisierter antiker 
und früher ritterlicher Formen, das sich vor allem in der Ge- 
schichte des byzantinischen Heerwesens so verwirrend ausspricht. 
Der Islam hat dieser Welt endlich und viel zu spät das Bewußt- 
sein der Einheit verliehen und darauf beruht das Selbstverständ- 
liche seines Sieges, das ihm Christen, Juden und Perser fast 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 51 

willenlos zuführte. Aus dem Islam hat sieh dann die arabische 
Zivilisation entwickelt, die in ihrer höchsten geistigen Voll- 
endung stand, als vorübergehend die Barbaren des Abendlandes 
hereinbrachen und nach Jerusalem zogen. Wie mag sich dies 
Schauspiel in den Augen vornehmer Araber ausgenommen haben? 
Etwas bolschewistisch vielleicht? Für die Politik der arabischen 
Welt waren die Verhältnisse in „Frankistan" etwas, auf das man 
herabsah. Noch als während des dreißigjährigen Krieges, der von 
hier aus betrachtet „im fernen Westen" vor sich ging, der englische 
Gesandte in Konstantinopel die Türkei gegen das Haus Habsburg 
aufzubringen versuchte, hat man dort sicherlich in dem Bewußt- 
sein gehandelt, daß diese kleinen Raubstaaten am Horizont der 
arabischen Welt für die großen Verhältnisse der Politik von 
Marokko bis nach Indien hin kaum in Betracht kämen. Eine Ahnung 
von der Zukunft werden weite Kreise selbst bei der Landung 
Napoleons in Ägypten noch nicht gehabt haben. 

Inzwischen war in Mexiko eine neue Kultur entstanden. Sie 
liegt so weit von allen andern entfernt, daß keine Kunde je hin- 
über und herüber gedrungen ist. Um so erstaunlicher ist die 
Ähnlichkeit ihrer Entwicklung mit der antiken. Das wird die 
Philologen mit Entsetzen erfüllen, wenn sie vor diesen Teokallis 
an ihre dorischen Tempel denken, und doch ist es gerade ein 
antiker Zug, 4er mangelnde Wille zur Macht in der Technik, 
der die Art der Bewaffnung bestimmt und damit die Katastrophe 
möglich gemacht hat. 

Denn diese Kultur ist das einzige Beispiel für einen gewalt- 
samen Tod. Sie verkümmerte nicht, sie wurde nicht unterdrückt 
oder gehemmt, sondern in der vollen Pracht ihrer Entfaltung ge- 
mordet, zerstört wie eine Sonnenblume, der ein Vorübergehender 
den Kopf abschlägt. AUe diese Staaten, darunter eine Weltmacht 
und mehr als ein Staatenbund, deren Größe und Mittel denen der 
griechisch-römischen Staaten zur Zeit Hannibals weit überlegen 
waren, mit ihrer gesamten hohen Politik, mit sorgfältig geordnetem 
Finanzwesen, hochentwickelter Gesetzgebung, mit Verwaltungs- 
gedanken und wirtschaftlichen Gewohnheiten, wie sie die Minister 
Karls V. nie begriffen hätten, mit reichen Literaturen in mehreren 
Sprachen, einer durchgeistigten und vornehmen Gesellschaft in 
großen Städten, wie das Abendland damals keine einzige aufzuweisen 



52 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

hatte — das alles wurde nicht etwa durch einen verzweifelten 
Krieg gebrochen, sondern durch eine Handvoll Banditen in wenigen 
Jahren so vollständig vertilgt, daß die Reste der Bevölkerung 
bald nicht einmal eine Erinnerung bewahrten. Von der Riesen- 
stadt Tenochtitlan blieb kein Stein über dem Boden, in den Ur- 
wäldern von Yukatan liegen die Großstädte der Mayareiche dicht 
beieinander und fallen rasch der Vegetation zum Opfer. Wir 
wissen von keiner einzigen, wie sie hieß. Von der Literatur 
sind drei Bücher übrig geblieben, die niemand lesen kann. 

Das Furchtbarste an diesem Schauspiel ist, daß es nicht ein- 
mal zu den Notwendigkeiten der abendländischen Kultur gehörte. 
Es war eine Privatsache von Abenteurern, und niemand in Deutsch- 
land, England und Trankreich hat damals geahnt, was hier vor 
sich ging. Wenn irgendwo auf Erden, so wurde hier gezeigt, 
daß es keinen Sinn in der Menschengeschichte, daß es 
nur eine tiefe Bedeutung in den Lebensläufen der einzelnen Kul- 
turen gibt. Ilire Beziehungen untereinander sind ohne Bedeutung 
und zufällig. Der Zufall w^ar hier so grauenhaft banal, so geradezu 
lächerlich, daß er in der elendesten Posse nicht angebracht werden 
dürfte. Ein paar schlechte Kanonen und einige hundert Stein- 
schloßgewehre haben die Tragödie eingeleitet und zu Ende geführt. 

Eine gesicherte Kenntnis auch nur der allgemeinsten Ge- 
schichte dieser Welt ist für alle Zeiten unmöglich. Ereignisse 
vom Range der Kreuzzüge und der Reformation sind spurlos der 
Vergessenheit verfallen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat die 
Forschung wenigstens die Umrisse der späteren Entwicklung 
festgestellt und mit Hilfe dieser Daten vermag die vergleichende 
Morphologie das Bild durch das der andern Kulturen zu er- 
weitern und zu vertiefen. 1) Danach Hegen die Epochen dieser 
Kultur je etwa 200 Jahre später als die der arabischen und je 
etwa 700 Jahre vor denen der abendländischen. Eine Vorkultur, 
die wie in Ägypten und China Schrift und Kalender entwickelt 
hat, war vorhanden, ist aber für uns nicht mehr erkennbar. Die 



') Der folgende Versuch beraht auf den Angaben von zwei amerikanischen 
Werken: L. Spence, The civllization of ancient Mexico, Cambr. 1912, und 
H. J. Spinden, Ä study of Mai/a art, its suhject, matter and historical develop- 
ment, Cambr. 1913, die unabhängig voneinander den Versuch einer Chronologie 
machen und zu einer gewssen Übereinstimmung gelangt sind. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 53 



Zeitrechnung begann mit einem Anfangsdatum, das weit vor 
Christi Geburt liegt, dessen Lage zu diesem Datum aber mit 
Sicherheit nicht mehr festzustellen ist. Sie beweist jedenfalls den 
außerordentlich stark entwickelten historischen Sinn des mexi- 
kanischen Menschen. 

Die Frühzeit der „hellenischen" Majastaaten ist durch die 
datierten Reliefpfeiler der alten Städte Copan') (im Süden), Tikal 
und etwas später Chichen Itza (im Norden), Naranjo, Seibai be- 
zeugt (etwa 160 — 450). Am Ausgang dieser Periode wird Chichen 
Itza mit seinen Bauten für Jahrhunderte vorbildlich ; daneben 
die prachtvolle Blüte von Palenque und Piedras Negras (im 
Westen). Das würde der Spätgotik und Renaissance entsprechen 
(450—600, abendländisch 1250—1400?). In der Spätzeit (Barock) 
erscheint Champutun als Mittelpunkt der Stilbildung; jetzt be- 
ginnt die Einwirkung auf die ., italischen " Nahuavölker auf der 
Hochebene von Anahuac, die künstlerisch und geistig nur em- 
pfangend, in ihren politischen Instinkten den Maya weit über- 
legen sind (etwa 600—960, antik 750—400, abendländisch 14Ü0 
— 1750?). Nun beginnt der „Hellenismus" der Maya. Um 960 
wird Uxmal gegründet und bald eine Weltstadt vom ersten Range 
wie die ebenfalls an der Schwelle der Zivilisation gegründeten 
Weltstädte Alexandria und Bagdad; wir finden daneben eine 
Reihe glänzender Großstädte wie Labna, Mayapan, Chacmultun 
und wieder Chichen Itza. Sie bezeichnen den Höhepunkt einer 
großartigen Architektur, die keinen neuen Stil mehr hervorbringt, 
aber die alten Motive mit erlesenem Geschmack und in gewaltigen 
Maßen verwendet. Die Politik wird durch die berühmte Liga 
von Mayapan (960 — 1195) beherrscht, ein Bündnis von drei 
führenden Staaten, welche die Lage trotz großer Kriege und 
wiederholter Revolutionen, wie es scheint, doch etwas künstlich 
und gewaltsam aufrecht erhalten (antik 350 — 150, abendländisch 
1800—2000). 

Der Ausgang dieser Periode wird durch eine große Revo- 
lution bezeichnet und im Zusammenhang damit greifen die 
„römischen" Nahuamächte endgültig in die Verhältnisse der Maya 
ein. Mit ihrer Hilfe hat Hunac Ceel einen allgemeinen Umsturz 

') Diese Namen sind die der heutigen Dörfer nahe bei den Ruinen. Die 
wirklichen Namen sind verschollen. 



54 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

herbeigeführt und Mayapan zerstört (um 1190, antik etwa 150). 
Was jetzt folgt, ist die typische Geschichte einer ausgereiften 
Zivilisation, in welcher einzelne Völker um die militärische Vor- 
macht ringen. Die großen Mayastädte versinken in das beschau- 
liche Glück des römischen Athen und Alexandria. Inzwischen 
entwickelt sich aber am äußersten Horizont des Nahuagebietes 
das jüngste dieser Völker, die Azteken, urwüchsig, barbarisch 
und mit einem unersättlichen WiUen zur Macht. Sie gründen 
1325 Tenochtitlan (antik etwa Zeit des Augustus), das sich bald 
zur gebietenden Hauptstadt der ganzen mexikanischen Welt er- 
hebt. Um 1400 beginnt die militärische Expansion im großen 
Stil; die eroberten Gebiete werden durch Militärkolonien und ein 
Netz von Heerstraßen gesichert, die abhängigen Staaten durch 
eine überlegene Diplomatie im Zaume und von einander getrennt 
gehalten; das kaiserliche Tenochtitlan wuchs zu riesenhaftem Um- 
fange heran mit seiner internationalen Bevölkerung, unter der 
keine Sprache des Weltreichs fehlte. Die Nahuaprovinzen waren 
politisch und militärisch gesichert; man drang rasch nach Süden 
vor und schickte sich an, die Hand auf die Mayastaaten zu legen; 
es ist nicht abzusehen, welchen Gang die Dinge innerhalb der 
nächsten hundert Jahre genommen haben würden, da kam das Ende. 
Das Abendland befand sich damals etwa auf der Stufe, 
welche die Maya um 700 schon überschritten hatten. Erst die 
Zeit Friedrichs des Großen w^äre reif gewesen, die Politik der 
Liga von Mayapan zu verstehen. Was die Azteken um 1500 
organisierten, liegt für uns noch in weiter Zukunft. Was aber 
schon damals den faustischen Menschen von dem jeder andern 
Kultur unterschied, war sein unstillbarer Drang in die Ferne, 
der letzten Endes auch die Vernichtung der mexikanischen und 
peruanischen Kultur veranlaßt hat. Dieser Drang ist ohne Bei- 
spiel und meldet sich auf allen Gebieten. Gewiß, der ionische 
Stil ist in Karthago und PersepoUs nachgeahmt worden, der 
hellenistische Geschmack hat in der indischen Gandarakunst Be- 
wunderer gefunden; wieviel Chinesisches in die urgermanische 
Holzbaukunst des hohen Nordens gedrungen ist, wii'd \'ielleicht 
eine künftige Forschung aufdecken. Der Moscheenstil herrschte 
von Hinterindien bis in das nördliche Rußland und das westliche 
Afrika und Spanien. Aber alles das verschwindet gegen die 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 



Expansionskraft der abendländischen Stile. Es ist selbstverständ- 
lich, daß die Stilgeschichte selbst sich nur auf ihrem Mutterboden 
vollendet, aber ihre Resultate erkennen keine Grenze an. Auf 
dem Platz, wo Tenochtitlan gestanden hatte, errichteten die 
Spanier eine Kathedrale im Barockstil mit Meisterwerken der 
spanischen Malerei und Plastik; die Portugiesen haben bereits 
in Vorderindien, italienische und französische Baumeister des 
späten Barock tief in Polen und Rußland gearbeitet. Das eng- 
lische Rokoko und vor allem Empire hat eine weite Provinz in 
den Pflanzerstaaten Nordamerikas, deren wundervolle Zimmer und 
Möbel in Deutschland viel zu wenig bekannt sind. Der Klassizismus 
wirkte bereits in Kanada und am Kap; seitdem gibt es keine 
Schranke mehr. Und auch auf jedem andern Formgebiet bestand 
die Beziehung dieser jungen zu den alten noch bestehenden Zivili- 
sationen darin, daß sie sie sämtlich durch eine immer dichtere 
Schicht westeuropäisch-amerikanischer Lebensformen überdeckte, 
unter denen die alte eigne Form langsam dahinschwindet. 

11 

Vor diesem Bilde der Menschenwelt, welches bestimmt ist, 
"das heute noch in den besten Köpfen befestigte von Altertum, 
Mittelalter und Neuzeit abzulösen, wird auch eine neue und, wie 
ich glaube, für unsere Zivilisation endgültige Antwort auf die 
alte Frage möglich: Was ist Geschichte? 

Ranke (im Vorwort zu seiner Weltgeschichte) sagt: „Die 
Geschichte beginnt erst, wo die Monumente verständlich werden 
und glaubwürdige schriftliche Aufzeichnungen vorliegen." Das 
ist die Antwort eines Sammlers und Ordners von Daten. Ohne 
Zweifel ist hier das, was geschehen ist, mit dem verwechselt, 
was innerhalb des Blickfeldes der jeweiligen Geschichtsforschung 
geschehen ist. Daß Mardonios bei Platää geschlagen wurde — 
hat das aufgehört Geschichte zu sein, wenn 2000 Jahre später 
ein Gelehrter davon nichts mehr weiß? Ist das Leben nur dann 
■eine Tatsache, wenn in Büchern davon geredet wird? 

Der bedeutendste Historiker seit Ranke, Ed. Meyer, i) sagt: 

») Zur Theorie und Methodik der Geschichte, Kl. Sehr. 1910, bei weitem 
«das beste Stück Geschichtsphilosophie, das em Gegner aller Philosophie ge- 
schrieben hat. 



56 ÜESPRUNG UND LANDSCHAFT 



„Historisch ist, was wirksam ist oder gewesen ist . . . Erst durch 
die historische Betrachtung wird der Einzelvorgang, den sie aus 
der unendKchen Masse gleichzeitiger Vorgcänge heraushebt, zu 
einem historischen Ereignis." Das ist ganz im Geschmack und 
Geiste Hegels gesagt. Es kommt erstens auf die Tatsachen an 
und nicht auf unser zufälliges Wissen davon. Gerade das neue 
Bild der Geschichte zwingt uns, Tatsachen ersten Ranges in 
großen Folgen als vorhanden anzunehmen, von denen wir im 
Gelehrtensinne nie etwas wissen werden. Wir müssen lernen^ 
im weitesten Umfange mit dem Unbekannten zu rechnen. Und 
zweitens: Wahrheiten gibt es für den Geist; Tatsachen gibt es 
nurinbezug auf das Leben. Historische Betrachtung, in meiner Aus- 
drucksweise physiognomischer Takt: das ist die Entscheidung 
des Blutes, die auf Vergangenheit und Zukunft erweiterte 
Menschenkenntnis, der angeborne Blick für Personen und Lagen^ 
für das, was Ereignis, was notwendig war, was dagewesen sein 
muß, und nicht die bloße wissenschafthche Kritik und Kenntnis, 
von Daten. Die wissenschaftliche Erfahrung kommt bei jedem 
echten Historiker nebenher oder nachher. Sie beweist mit den 
Mitteln des Verstehens und Mitteilens umständHch noch einmal 
und zwar für das Wachsein, was in einem AugenbHck der Er- 
leuchtung für das Dasein schon bewiesen war. 

Gerade weil die Gewalt des faustischen Daseins heute einen 
Umkreis innerer Erfahrungen herausgebildet hat, wie sie nie 
ein anderer Mensch und nie eine andere Zeit erwerben konnten,, 
gerade weil für uns in immer wachsendem Maße fernste Er- 
eignisse einen Sinn und eine Beziehung erhalten, der für alle 
andern und auch die nächsten Miterlebenden nicht vorhanden 
sein konnte, ist heute für uns vieles Geschichte, nämlich Leben 
im Einklang mit unserm Leben geworden, was es noch vor 
hundert Jahren nicht war. Für Tacitus hat die Revolution des 
Ti. Gracchus, deren Daten er vielleicht „wußte", keine wirkhche 
Bedeutung mehr, wohl aber für uns. Für keinen Bekenner des 
Islam bedeutet die Geschichte der Monophysiten und ihre Be- 
ziehungen zur Umgebung Mohameds irgend etwas; wir lernen 
da die Entwicklung des englischen Puritanismus unter andern 
Bedingungen noch einmal kennen. Für den WeltbHck einer 
Zivilisation, deren Schauplatz die ganze Erde geworden ist, gibt 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 57 

es zuletzt nichts ganz Unliistorisches mehr. Das Schema Alter- 
tum — Mittelalter — Neuzeit, wie es das 19. Jahrhundert verstand, 
enthielt nur eine Auswahl handgreiflicher Beziehungen. Aber 
die heute beginnende Wirkung frühchinesischer und mexikanischer 
Geschichte auf uns ist von feinerer, geistigerer Art: wir machen 
da Erfahrungen von den letzten Notwendigkeiten des Lebens 
überhaupt. Wir lernen dort an einem andern Lebensverlauf uns 
selbst kennen, wie wir sind, wie wir sein müssen und sein 
werden; das ist die große Schule unserer Zukunft. Wir, die wir 
noch Geschichte haben und Geschichte machen, erfahren hier 
an der äußersten Grenze der historischen Menschheit, was Ge- 
schichte ist. 

Wenn unter zwei Negerstämmen des Sudan oder den Cherus- 
kern und Chatten zur Zeit Cäsars oder, was wesentlich dasselbe 
ist, unter zwei Ameisenvöllvern eine Schlacht stattfindet, so ist das 
lediglich ein Schauspiel der lebendigen Natur. Wenn die Cherusker 
aber im Jahre 9 die Römer schlagen, oder die Azteken die Tlas- 
kalaner, so ist das Geschichte. Hier ist das Wann von Bedeutung; 
hier wiegt jedes Jahrzehnt, selbst jedes Jahr. Es handelt sich um 
das Fortschreiten eines großen Lebenslaufs, in dem jede Ent- 
scheidung den Rang einer Epoche einnimmt. Es ist ein Ziel da, 
auf das alles Geschehen zutreibt, ein Dasein, das seine Bestimmung 
erfüllen will, ein Tempo, eine organische Dauer und nicht das 
regellose Auf und Ab der Skythen, Gallier, Karaiben, dessen Vor- 
fälle im einzelnen ebenso belanglos sind wie die in einer Biber- 
kolonie oder einer Steppe voller Gazellenherden. Dies ist zoo- 
logisches Geschehen und gehört in eine Einstellung von ganz 
andrer Art: es kommt da nicht auf das Schicksal von einzelnen 
Völkern und Herden an, sondern das Schicksal des Menschen und 
das der Gazelle oder Ameise als Art. Der primitive Mensch hat 
Geschichte nur im biologischen Sinne. Auf ihre Ermittlung läuft 
alle prähistorische Forschung hinaus. Die zunehmende Vertraut- 
heit mit Feuer, Steinwerkzeugen, Metallen und den mechanischen 
Gesetzen der Waffenwirkung kennzeichnet nur die Entwicklung 
des Typus und der in ihm ruhenden Möglichkeiten. Was mit 
diesen Waffen bei einem Kampf zwischen zwei Stämmen erzielt wird, 
ist im Rahmen dieser Art von Geschichte völlig gleichgültig. Stein- 
zeit und Barock: das sind Altersstufen im Dasein einer Gattung und 



58 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

einer Kultur, also zweier Organismen, die im Bereich zweier grund- 
verschiedener Einstellungen liegen. Ich protestiere hier gegen zwei 
Annahmen, die alles historische Denken bis jetzt verdorben haben: 
gegen die Annahme eines Endziels der gesamten Menschheit und 
gegen die Leugnung von Endzielen überhaupt. Das Leben hat ein 
Ziel. Es ist die Erfüllung dessen, was mit seiner Zeugung gesetzt 
war. Aber der einzelne Mensch gehört durch seine Geburt entweder 
einer der hohen Kulturen an oder nur dem menschlichen Typus 
überhaupt. Eine dritte große Lebenseinheit gibt es für ihn nicht. 
Aber damit hegt sein Schicksal entweder im Rahmen der zoo- 
logischen oder der „Weltgeschichte". Der „historische Mensch", wie 
ich das Wort verstehe und wie es alle großen Historiker immer 
gemeint haben, ist der Mensch einer in Vollendung begriffenen 
Kultur. Vorher, nachher und außerhalb ist er ge schichtslos. Dann 
sind die Schicksale des Volkes, zu dem er gehört, ebenso gleich- 
gültig wie das Schicksal der Erde, wenn man es nicht im Bilde 
der Geologie, sondern der Astronomie betrachtet. 

Und daraus folgt eine ganz entscheidende und hier zum ersten- 
mal festgestellte Tatsache: daß der Mensch nicht nur vor dem 
Entstehen einer Kultur geschichtslos ist, sondern wieder ge- 
schichtslos wird, sobald eine Zivilisation sich zu ihrer vollen 
und endgültigen Gestalt herausgebildet und damit die lebendige 
Entwicklung der Kultur beendet, die letzten MögUchkeiten eines 
sinnvollen Daseins erschöpft hat. Was wir in der ägyptischen Zivili- 
sation seit Sethos L (1300) und in der chinesischen, indischen und 
arabischen noch heute vor uns sehen, ist wieder das zoologische 
Auf und Ab des primitiven Zeitalters, mag es sieh auch in noch 
so durchgeistigte rehgiöse, philosophische und vor allem politische 
Formen hüllen. Ob in Babylon die Kossäer als wüste Soldaten- 
horde oder die Perser als feine Erben sitzen; wann, wie lange 
und mit welchem Erfolg sie das tun, ist von Babylon aus gesehen 
ohne Bedeutung. Für das Behagen der Bevölkerung war es ge- 
wiß nicht gleichgültig, aber an der Tatsache, daß die Seele dieser 
Welt erloschen war und deshalb alle Ereignisse einer tieferen Be- 
deutung entbehrten, änderte sich damit nichts. Eine neue, fremde 
oder einheimische Dynastie in Ägypten, eine Revolution oder Er- 
oberung in China, ein neues Germanenvolk im römischen Reiche, 
das gehört zur Geschichte der Landschaft wie eine Änderung im 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 59 

Wildbestand oder der Ortswechsel eines Vogelschwarmes. Was 
in der wirklichen Geschichte höherer Menschen immer auf dem 
Spiel stand und allen tierhaften Machtfragen zugrunde lag, auch 
wenn der Treibende oder Getriebene sich nicht im geringsten 
der Symbolik seiner Taten, Absichten und Geschicke bewußt wurde, 
das war die Verwirklichung von etwas durchaus Seelenhaftem, die 
Ueberführung einer Idee in eine lebendig historische Gestalt. Das gilt 
ebenso von dem Ringen zwischen großen Stilrichtungen in der Kunst 

— Gotik und Renaissance — oder zwischen Philosophien — Stoiker 
und Epikuräer — oder Staatsgedanken — Oligarchie und Tyrannis 

— oder Wirtschaftsformen — Kapitalismus und Sozialismus. 

Von alledem ist nicht mehr die Rede. Was übrig bleibt, ist 
der Kampf um die bloße Macht, um den animalischen Vorteil an 
sich. Und wenn vorher selbst die scheinbar ideenloseste Macht 
noch in irgend einer Weise der Idee dient, so ist in späten Zivili- 
sationen selbst der überzeugendste Schein einer Idee nur die 
Maske für rein zoologische Machtfragen. 

Was die indische Philosophie vor und nach Buddha unter- 
scheidet, ist dort die große Bewegung auf ein mit der indischen 
Seele und in ihr gesetztes Ziel des indischen Denkens, und hier 
das immer neue Hin- und Herwenden eines Denkbestandes, der 
dadurch nicht anders wird. Die Lösungen sind da, aber man 
ändert den Geschmack in der Art, sie auszusprechen. Und das- 
selbe gilt von der chinesischen Malerei vor und nach dem Be- 
ginn der Handynastie — mögen wir sie kennen oder nicht — 
und von der ägyptischen Architektur vor und nach dem Beginn 
des Neuen Reiches. In der Technik steht es nicht anders. Die 
abendländischen Erfindungen der Dampfmaschine und Elektrizität 
kommen unter den Chinesen heute in ganz derselben Weise — 
und mit derselben religiösen Scheu — in Aufnahme wie vor vier- 
tausend Jahren die Bronze und der Pflug und noch viel früher 
das Feuer. Beides unterscheidet sich seelisch vollständig von den 
Erfindungen, welche die Chinesen der Dschouzeit selbst gemacht 
haben und die für ihre innere Geschichte jedesmal eine Epoche 
bedeuteten. 1) Vorher und nachher spielen Jahrhunderte nicht ent- 

•) Der Japaner gehörte früher ziir chinesischen und gehört heute auch noch 
zur abendländischen Zivilisation; eine japanische Kultur im eigentlichen Sinne des 
Wortes giht es nicht. Der japanische Amerikanismus ist also andeis zu beurteilen. 



60 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

ferntmehr die Rolle wie die Jahrzehnte und oft einzelnen Jahre inner- 
halb der Kultur, denn die Zeiträume der Biologie kommen 
allmählich wieder zur Geltung. Das gibt diesen sehr 
späten Zuständen, welche für ihre Träger etwas ganz Selbst- 
verständliches haben, den Charakter jener feierlichen Dauer, den 
echte Kulturmenschen wie Herodot in Ägypten und seit Marko 
Polo die Westeuropäer in China im Vergleich mit dem Tempo der 
eigenen Entwicklung staunend wahrgenommen haben. Es ist die 
Dauer der Geschichtslosigkeit. 

Ist nicht mit Aktium und der pax Romana die antike Ge- 
schichte zu Ende? Große Entscheidungen, in denen sich der 
innere Sinn einer ganzen Kultur zusammendrängt, kommen nicht 
mehr vor. Der Unsinn, die Zoologie beginnt zu herrschen. Es 
wird gleichgültig — für die Welt, nicht für die handelnden Privat- 
personen — , ob ein Ereignis so oder so ausgeht. Alle großen 
Fragen der Politik sind gelöst, wie sie in allen Zivilisationen zu- 
letzt gelöst werden: indem man Fragen nicht mehr als solche 
empfindet; indem man nicht mehr fragt. Es dauert nicht lange 
und man versteht auch nicht mehr, was bei früheren Katastrophen 
an Problemen eigentlich zugrunde lag. Was man nicht an sich 
selbst erlebt, erlebt man auch nicht an andern. Wenn die späten 
Ägjrpter von der Hyksoszeit, die späten Chinesen von der ent- 
sprechenden „Zeit der kämpfenden Staaten" reden, so beurteilen 
sie das äußere Bild nach ihrer Art zu leben, die keine Rätsel 
mehr kennt. Sie sehen da bloße Kämpfe um die Macht; sie sehen 
nicht, daß diese verzweifelten äußeren und inneren Kriege, in 
denen man die Fremden gegen die eigenen Mitbürger aufrief, 
um eine Idee geführt wurden. Wir verstehen heute, was um die 
Ermordung des Ti. Gracchus und des Clodius in furchtbaren 
Spannungen und Entladungen vor sich ging. 1700 konnten wir 
es noch nicht und 2200 werden wir es nicht mehr verstehen. 
Genau so steht es mit jenem Chian, einer napoleonischen Er- 
scheinung, für welche die ägyptischen Historiker später nur noch 
die Bezeichnung „Hyksoskönig" ausfindig machten. Wären die 
Germanen nicht gekommen, so hätte die römische Geschichts- 
schreibung ein Jahrtausend später vielleicht aus Gracchus, Marius, 
Sulla und Cicero eine Dynastie gemacht, die von Cäsar gestürzt 
wurde. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 61 



Man vergleiche den Tod des Ti. Gracchus mit dem Neros, 
als die Nachricht von der Erhebung Galbas nach Rom kam, oder 
den Sieg Sullas über die Marianer mit dem des Septimius Severus 
über Pescennius Niger. Hätte das entgegengesetzte Ergebnis im 
zweiten Falle am Gange der Kaiserzeit irgend etwas geändert? 
Es geht bereits viel zu weit, wennMommsen und Ed. Meyer i) einen 
sorgfältigen Unterschied zwischen der „Monarchie" Cäsars und 
dem „Prinzipat" desPompejus oder Augustus machen. Das sind jetzt 
leere staatsrechtliche Formeln; fünfzig Jahre vorher wäre es noch 
der Gegensatz zweier Ideen gewesen. Wenn Vindex und Galba 68 
„die Republik" wiederherstellen wollten, so spielten sie mit 
einem Begriff in einer Zeit, für die es Begriffe von echter Sym- 
bolik nicht mehr gab. Es stand nur noch in Frage, in wessen 
Hände die rein materielle Gewalt kommen würde. Die immer 
negerhaffceren Kämpfe um den Cäsarentitel hätten sich noch durch 
Jahrhunderte fortspinnen können, in immer primitiveren und des- 
halb „ewigeren" Formen. 

Diese Bevöll^:erungen haben keine Seele mehr. Sie können 
deshalb keine eigne Geschichte mehr haben. Sie können höch- 
stens in der Geschichte einer fremden Kultur die Bedeutung eines 
Objektes erhalten und es ist ausschließlich dieses fremde Leben, 
welches von sich aus den tieferen Sinn dieser Beziehung be- 
stimmt. Was auf dem Boden alter Zivilisationen überhaupt noch 
geschichtsartig wirkt, ist also nie der Gang der Ereignisse, in- 
sofern der Mensch dieses Bodens selbst in ihnen mitspielt, sondern 
insofern andre es tun. Aber damit ist das Gesamtphänomen „Welt- 
geschichte" wieder in seinen zwei Elementen sichtbar geworden: 
Lebensläufe großer Kulturen und die Beziehungen zwischen ihnen. 



*) Cäsars Monarchie und das Principat des Pompejus, 1918. S. 501 ff. 



DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN KULTUREN 

12 

Obwohl sie das zweite und die Kulturen selbst das erste sind, 
so urteilt das moderne historische Denken doch umgekehrt. Je 
weniger es die eigentlichen Lebensläufe erkennt, aus denen sich die 
scheinbare Einheit des Weltgeschehens zusammensetzt, desto eifriger 
sucht es das Leben im Gewebe der Beziehungen, desto weniger 
versteht es mithin auch von diesen. Wie reich ist die Psychologie 
dieses Aufsuchens, Abwehrens, Wählens, Umdeutens, Verführens, 
Eindringens, Sichanbietens, und zwar sowohl zwischen Kulturen, 
die sich unmittelbar berühren, bewundern, bekämpfen, als zwischen 
einer lebenden Kultur und der Formenwelt einer toten, deren 
Reste noch sichtbar in der Landschaft stehen! Und wie eng und 
arm sind die Vorstellungen, welche demgegenüber der Historiker 
mit den Worten Einfluß, Fortdauer und Fortwirkung verbindet! 

Das ist echtes 19. Jahrhundert. Man sieht nur noch eine 
Kette von Ursachen und Wirkungen. Alles „folgt", nichts ist 
ursprünglich. Weil überall Formelemente der Oberfläche älterer 
Kulturen sich bei jüngeren wiederfinden, so haben sie „fort- 
gewirkt", und wenn man eine Reihe von solchen Einwirkungen 
beisammen hat, so glaubt man etwas Rechtes getan zu haben. 

Zugrunde liegt dieser Betrachtungsweise das Bild der sinn- 
voU-einheitlichen Menschengeschichte, wie es einst den großen 
Gotikern aufging. Da sah man, wie auf Erden Menschen und 
Völker wechselten und die Ideen bheben. Der Eindruck dieses 
Bildes war gewaltig und hat sich noch heute nicht verloren. 
Ursprünglich war es der Plan, den Gott mit dem Menschen- 
geschlechtverfolgte; aber auch später noch konnte man die Dinge 
so sehen, solange der Bann des Schemas Altertum — Mittelalter — 
Neuzeit anhielt und man nur das scheinbar Dauernde, nicht das 
tatsächlich sich Verändernde bemerkte. Inzwischen ist unser 
Blick anders geworden, kühler und weiter, und unser Wissen hat 
die Grenzen dieses Schemas längst überschritten. Wer heute noch 
so sieht, steht auf der falschen Seite. Nicht das Geschaffene 
„wirkt ein", sondern das Schaffende „nimmt an". Man verwechselt 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 63 

Dasein und Wachsein, das Leben mit den Mitteln, durch die es 
sich zum Ausdruck bringt. Das theoretische Denken, selbst 
blofses Wachsein, sieht überall theoretische Einheiten in Bewegung 
begriffen. Das ist echt faustisch-dynamisch. In keiner andern 
Kultur haben die Menschen sich Geschichte so vorgestellt. Ein 
Grieche mit seinem durchaus körperhaften Verstehen der Welt 
würde nie bloße Ausdruckseinheiten wie „das attische Drama" 
oder „die ägyptische Kunst" in ihren „Wirkungen" verfolgt haben. 

Das erste ist, daß man ein System von Ausdrucksformen 
mit einem Namen bezeichnet. Damit hebt sich ein Komplex von 
Beziehungen vor dem Auge ab. Es dauert nicht lange, und man 
denkt sich unter dem Namen ein Wesen und unter der Beziehung 
eine Wirkung. Wer heute von der griechischen Philosophie, dem 
Buddhismus, der Scholastik spricht, meint irgendwie etwas Leben- 
diges, eine Krafteinheit, die herangewachsen und mächtig ge- 
worden ist und nun von den Menschen Besitz ergreift, ihr Wach- 
sein und sogar ihr Dasein sich unterwirft und sie zuletzt zwingt, 
in der Lebensrichtung dieses Wesens weiterzuwirken. Das ist 
eine vollkommene Mythologie, und es ist bezeichnend, daß nur 
Menschen der abendländischen Kultur, deren Mythus noch mehr 
Dämonen von dieser Art kennt — „die" Elektrizität, „die" Energie 
der Lage — , in und mit diesem Bilde leben. 

Li Wirklichkeit sind diese Systeme nur im menschlichen 
Wachsein vorhanden, und zwar als Tätigkeitsarten. Religion, 
Wissenschaft, Kunst sind Tätigkeiten des Wachseins, denen 
ein Dasein zugrunde liegt. Glauben, Nachdenken, Gestalten und 
alles, was an sichtbarer Tätigkeit durch diese unsichtbaren ge- 
fordert wird, Opfern, Beten, das physikalische Experiment, die 
Arbeit an einer Statue, die Fassung einer Erfahrung in mitteil- 
bare Worte sind Tätigkeiten des Wachseins und nichts anderes. 
Die übrigen Menschen sehen davon nur das Sichtbare und hören 
nur die Worte. Sie erleben dabei etwas in sich selbst, über dessen 
Verhältnis zu dem, was der Schöpfer in sich selbst erlebt hatte, 
sie sich keine Rechenschaft geben können. Wir sehen eine Form, 
aber wir wissen nicht, was in der Seele des andern sie erzeugt 
hat. Wir können darüber nur etwas glauben und wir glauben 
es, indem wir unsre eigene Seele hineinlegen. Mag eine Religion 
in noch so deutlichen Worten sich verkünden, es sind Worte, und 



64 UKSPRÜNG UND LANDSCHAFT 

der Hörer trägt seinen Sinn hinein. Mag ein Künstler in seinen 
Tönen und Farben noch so eindringlich wirken, der Betrachter 
sieht und hört in ihnen nur sich selbst. Kann er das nicht, so 
ist das Werk für ihn bedeutungslos. Die äußerst seltene und 
ganz moderne Gabe einiger extrem historischer Menschen, sich 
^in die andern hineinzuversetzen", kommt hier nicht in Frage. 
Ein Germane, den Bonifatius bekehrt, versetzt sich nicht in den 
Geist des IVIissionars hinein. Jenes frühlinghafte Aufschauern, 
das damals durch die ganze junge Welt des Nordens ging, be- 
deutete nichts anderes, als daß jeder für seine eigne Religiosität 
durch die Bekehrung plötzlich eine Sprache fand. Die Augen 
eines Kindes leuchten auf, wenn man ihm zu einem Gegenstand, 
den es in der Hand hält, den Namen nennt. So war es auch hier. 

Nicht die mikrokosmischen Einheiten also wandern, sondern 
die kosmischen Einheiten wählen sie aus und eignen sie sich an. 
Wäre es anders, wären diese Systeme wirkliche Wesen, die eine 
Tätigkeit ausüben können — denn „Einfluß" ist eine organische 
Tätigkeit — , so wäre das Bild der Geschichte ein vollkommen 
anderes. Man sollte doch die Blicke darauf lenken, daß jeder 
heranwachsende Mensch und jede lebendige Kultur beständig un- 
gezählte Tausende von möghchen Einflüssen um sich hat, von 
denen ganz wenige als solche zugelassen werden, die große 
Mehrzahl aber nicht. Sind es die Werke oder die Menschen, 
welche die Auswahl treffen? 

Der auf Kausalreihen erpichte Historiker zählt nur die Ein- 
flüsse, die vorhanden sind; es fehlt die Gegenrechnung. Zur 
Psychologie der positiven gehört die der „negativen" Einwirkungen. 
Gerade das wäre eine äußerst aufschlußreiche und die ganze Frage 
erst entscheidende Aufgabe, an die sich noch niemand heran- 
gewagt hat. Geht man ihr aus dem Wege, so entsteht das in 
seinen Grundzügen falsche Bild eines fortlaufenden welthistorischen 
Geschehens, in dem nichts verloren geht. — Zwei Kulturen können 
sich von Mensch zu Mensch berühren oder der Mensch der einen 
die tote Formenwelt der andern in ihren mitteilbaren Resten 
sich gegenübersehen. Tätig ist in jedem FaUe der Mensch allein. 
Die gewordene Tat des einen kann von einem andern nur aus 
dessen Dasein heraus beseelt werden. Sie wird damit sein inneres 
Eigentum, sein Werk und ein Teil seines Selbst. Nicht „der 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 65 



Buddhismus" ist von Indien nach China gewandert, sondern es 
wurde aus dem Vorstellungsschatz der indischen Buddhisten ein 
Teil von den Chinesen einer besondern Gefühlsrichtung angenommen 
und zu einer neuen Art des religiösen Ausdrucks gemacht, die 
ausschließlich für chinesische Buddhisten etwas bedeutete. Es 
kommt nie auf den ursprünglichen Sinn der Form an, sondern 
nur auf die Form selbst, in welcher das tätige Empfinden und 
Verstehen des Betrachters die Möglichkeit zu eigner Schöpfung 
entdeckt. Bedeutungen sind unübertragbar. Die tiefe seelische 
Einsamkeit, die sich zwischen das Dasein zweier Menscheii von 
verschiedener Art legt, wird durch nichts gemindert. Mögen sich 
damals Inder und Chinesen gemeinsam als Buddhisten empfunden 
haben, sie standen sich innerlich deshalb nicht weniger fern. 
Es sind dieselben Worte, dieselben Bräuche, dieselben Zeichen — 
aber zwei verschiedene Seelen, die ihre eignen Wege gehen. 

Man kann daraufhin alle Kulturen durchsuchen, man wird 
überall bestätigt finden, daß statt der scheinbaren Fortdauer der 
früheren Schöpfung in der späteren es immer das jüngere Wesen 
war, das eine ganz geringe Anzahl von Beziehungen zu älteren 
Wesen angeknüpft hat, und zwar ohne die ursprüngliche Be- 
deutung dessen zu beachten, was es damit für sich erwarb. Wie 
steht es denn mit den „ewigen Errungenschaften" in der Philo- 
sophie und Wissenschaft? Wir müssen immer wieder hören, wie- 
viel von der griechischen Philosophie noch heute fortlebt. Aber 
das bleibt eine Redensart ohne eine gründliche Aufstellung dessen, 
was erst der magische und dann der faustische Mensch mit der 
tiefen Weisheit ungebrochener Instinkte abgelehnt, nicht bemerkt 
oder unter Beibehaltung der Formeln planmäßig anders verstanden 
hat. Der naive Glaube gelehrter Begeisterung täuscht sich hier. 
Die Liste würde sehr lang sein und die andre völlig zum Ver- 
schwinden bringen. Wir pflegen Dinge wie die Bilderchentheorie 
Demokrits, die sehr körperhafte Ideenwelt Piatos, die zweiund- 
fünfzig Kugelschalen der Welt des Aristoteles als unwesentliche 
Irrtümer zu übergehen. Das heißt die Meinung der Toten besser 
kennen wollen als sie selbst. Es sind wesentliche Wahrheiten — 
nur nicht für uns. Was wir in Wirklichkeit von der griechischen 
Philosophie auch nur an Äußerlichem besitzen, ist so gut wie 
nichts. Man sei doch ehrlich und nehme die alten Denker beim 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, U, 5 



66 ÜESPRUNG UND LANDSCHAFT 



Wort: nicht ein Satz Heraklits, Demokrits, Piatos ist für uns 
wahr, wenn wir ihn nicht erst zurechtmachen. Was haben wir 
denn von der Methode, dem Begriff, der Absicht, den Mitteln der 
griechischen Wissenschaft angenommen, von den überhaupt nicht 
verständlichen Grundworten zu schweigen ? Die Renaissance stand 
ja wohl ganz unter dem ^Einflufa" der antiken Kunst? Wie war 
es aber mit der Form des dorischen Tempels, mit der ionischen 
Säule, dem Verhältnis von Säule und Gebälk, der Farbenwahl, 
Hintergrundbehandlung und Perspektive der Gemälde, den Grund- 
sätzen der figürlichen Gruppierung, dem Vasenbild, dem Mosaik, 
der Enkaustik, der Tektonik der Statue, den Proportionen des 
Lysippos? Warum übte das alles keinen Einfluß? 

Weil es von vornherein feststand, was man aus- 
drücken wollte, und man also von dem toten Bestand, den man 
vor sich hatte, nur das wenige wirklich sah, was man wünschte, 
und zwar so, wie man es wünschte, nämlich in der Richtung der 
eignen Absicht und nicht der des Schöpfers, über die keine 
lebendige Kunst je ernstlich nachgedacht hat. Man muß den „Ein- 
fluß" der ägyptischen auf die frühgriechische Plastik Zug um 
Zug verfolgen, um endlich zu sehen, daß ein Einfluß gar nicht 
vorhanden ist, sondern daß das griechische FormwoUen jenen alten 
Kunstbeständen einige Merkmale entnahm, die es auch ohne sie 
in irgend einer Art gefunden hätte. Rings um die antike Land- 
schaft hatten Ägypter, Kreter, Babylonier, Assyrer, Hethiter, 
Perser, Phöniker gearbeitet und die Griechen haben ihre Werke 
in sehr großer Zahl gekannt, Bauten, Ornamente, Kunstwerke, 
Kulte, Staatsformen, Schriftarten, Wissenschaften — was von 
alledem hat die antike Seele als Mittel zum eignen Ausdruck 
herangezogen? Ich wiederhole: Man sieht immer nur die Be- 
ziehungen, die zugelassen worden sind. Was alles ist aber nicht 
zugelassen worden? Warum befinden sich z. B. die ägyptischen 
Pyramiden, Pylonen, Obehsken, die Hieroglyphen- und Keilschrift 
nicht darunter? Was hat die gotische Kunst, das gotische Denken 
inByzanz, in dem maurischen Orient, in Spanien und Sizilien nicht 
angenommen? Man kann die gänzlich unbewußte Weisheit der 
Auswahl und der ebenso entschlossenen Umdeutung gar nicht 
hoch genug ansetzen. Jede Beziehung, die zugelassen wird, ist 
nicht nur eine Ausnahme, sondern auch ein Mißverständnis und 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 67 

die innere Kraft eines Daseins äußert sich vielleicht nirgends 
so deutlich wie in dieser Kunst des planmäßigen Miß- 
verstehens. Je lauter man die Prinzipien eines fremden Denkens 
rühmt, desto gründlicher hat man sicherlich ihren Sinn verändert. 
Man gehe doch dem Lobe Piatos im Abendlande einmal genau 
nach! Von Bernhard von Chartres und Marsilius Ficinus bis zu 
Goethe und Schelling! Je demütiger man eine fremde Religion 
annimmt, desto vollkommener hat sie bereits die Form der neuen 
Seele angenommen. Es sollte wirklich einmal die Geschichte der 
„drei Aristoteles" geschrieben werden, nämlich des griechischen, 
arabischen und gotischen, die nicht einen Begriff, nicht einen 
Gedanken gemein haben. Oder die Geschichte der Verwandlung 
des magischen in das faustische Christentum! Wir hören und 
lernen, daß diese Religion sich im Wesen unverändert von der 
alten Kirche aus über das Abendland verbreitet hat. In Wirk- 
lichkeit entwickelte der magische Mensch aus der ganzen Tiefe 
seines dualistischen Weltbewußtseins eine,Sprache seines religiösen 
Wachseins, die wir „das" Christentum nennen. Was von diesem 
Erlebnis mitteilbar war, Worte, Formeln, Gebräuche, nahm der 
Mensch der spätantiken Zivilisation als Mittel für sein religiöses 
Bedürfnis an ; von Mensch zu Mensch ging diese Formensprache 
bis zu den Germanen der abendländischen Vorkultur, in den Wort- 
klängen immer dasselbe, in den Bedeutungen immer etwas anderes. 
Man würde nie gewagt haben, die ursprüngliche Bedeutung der 
heiligen Worte zu verbessern, aber man hat sie gar nicht 
gekannt. Wer das bezweifelt, der betrachte „die" Idee der Gnade, 
wie sie sich bei Augustin im dualistischen Sinne auf eine Sub- 
stanz im Menschen, bei Kalvin im dynamischen Sinne auf den 
WiUen im Menschen richtet. Oder die uns kaum verständliche 
magische Vorstellung vom „cow5ew5M5",i) welche in jedem Menschen 
ein pneuma als Ausfluß des göttlichen pneuma voraussetzt und 
infolgedessen in der übereinstimmenden Meinung der Berufenen 
die unmittelbare göttliche Wahrheit findet. Auf dieser Gewißheit 
beruht die Würde der frühchristlichen Konzilsbeschlüsse ebenso 
wie die wissenschaftliche Methode, die heute noch in der Welt 
des Islam herrscht. Da der Mensch des Abendlandes dies nicht 
begriff, so wurden die Konzile der spätgotischen Zeit für ihn zu 
*) Arfibisch idjma, vgl. Kap. III A. 



68 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

einer Art von Parlament, das die geistige Bewegungsfreiheit des 
Papsttums beschränken sollte. So hat man die konzihare Idee 
noch im 15. Jahrhundert aufgefaßt — man denke an Konstanz, 
Basel, an Savonarola und Luther — und sie mußte endlich als 
frivol und sinnlos vor dem Gedanken der päpstlichen Unfehlbarkeit 
verschwinden. Oder der allgemein früharabische Gedanke der 
Auferstehung des Fleisches, der ebenfalls die Vorstellung vom 
götthchen und menschlichen pneuma voraussetzt. Der antike 
Mensch nahm an, daß die Seele als Form und Sinn des Leibes 
irgendwie mit ihm entstehe. Im griechischen Denken ist davon 
kaum die Rede. Ein solches Schweigen kann zwei Gründe haben: 
entweder kennt man den Gedanken nicht, oder er ist so selbst- 
verständlich, daß er als Problem gar nicht zum Bewußtsein kommt. 
Das ist hier der Fall. Ebenso selbstverständlich ist es für den 
arabischen Menschen, daß sein imeuma als Ausfluß aus dem Gött- 
lichen in seinem Leibe M^ohnung genommen hat. Daraus folgt, 
daß etwas da sein muß, wenn am jüngsten Tage der menschliche 
Geist wieder erstehen soll: daher die Auferstehung ey. vsy.göjv^ 
aus den Leichen. Dies ist in seiner Tiefe für das abendländische 
Weltgefühl völlig unverständlich. Am Wortlaut der heiligen Lehre 
wurde nicht gezweifelt, aber unbewußt wurde ihr bei geistig 
hochstehenden KathoHken und sehr deutlieh bei Luther ein andrer 
Sinn untergeschoben, den wir heute mit dem Wort Unsterblich- 
keit, d. h. Fortdauer der Seele als eines reinen Kraftmittelpunktes 
für alle Unendlichkeit kennzeichnen. Könnten Paulus oder Augustin 
unsre Vorstellungen vom Christentum einmal kennen lernen, sie 
würden alle Bücher, alle Dogmen und alle Begriffe als durchaus 
mißverständlich und ketzerisch zurückweisen. 

Als das stärkste Beispiel eines Systems, das scheinbar in 
seinen Grundzügen unverändert durch zwei Jahrtausende ge- 
wandert ist, während es in Wirklichkeit in drei Kulturen drei 
vollständige Entwicklungen von jedesmal ganz andrer Bedeutung 
durchgemacht hat, gebe ich hier die Geschichte des römi- 
schen Rechts. 

13 

Das antike Recht ist ein Recht, das von Bürgern 
für Bürger geschaffen wird. Es setzt als selbstverständliche 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 69 

Staatsform die Polis voraus. Erst aus dieser Grundform des 
öffentlichen Daseins ergibt sich, und zwar wieder mit Selbst- 
verständlichkeit, der Begriff der Person als des Menschen, der 
in seiner Gesamtheit mit dem Körper {ocJöjua.) i) des Staates 
identisch ist. Aus dieser formalen Tatsache des antiken Welt- 
gefühls hat sich das gesamte antike Recht entwickelt. 

Persona ist also ein spezifisch antiker Begriff, der 
nur innerhalb dieser einen Kultur Sinn und Geltung 
besitzt. Die einzelne Person ist ein Leib {oojjuo), der zum Be- 
stände der Polis gehört. Das Recht der Polis bezieht sich nur 
auf ihn. Es geht nach unten über in das Sachenrecht — die 
Grenze bildet das Rechtsverhältnis des Sklaven, der ein Leib, 
aber keine Person ist — nach oben in das göttliche Recht — 
die Grenze bildet der Heros, der aus einer Person zur Gottheit 
geworden ist und nun den Rechtsanspruch auf einen Kult be- 
sitzt, wie in griechischen Städten Lysander und Alexander und 
später in Rom die zu Divi erhobenen Kaiser. Aus dem in dieser 
Richtung immer schärfer entwickelten antiken Rechtsdenken er- 
klärt sich auch ein Begriff wie die capitis deminutio media, der 
dem abendländischen Menschen sehr fremd ist: wir können uns 
denken, dafs einer Person in unserem Sinne gewisse oder auch 
alle Rechte entzogen werden ; der antike Mensch hört aber durch 
diese Strafe auf, eine Person zu sein, obwohl er körperlich 
weiterlebt. Erst im Gegensatz zu diesem Begriff der Person, 
als ihr Objekt, ist der spezifisch antike Begriff der Sache, res, 
zu fassen. 

Da die antike Religion durchaus Staatsreligion ist, so be- 
steht in der Rechtserzeugung kein Unterschied: Sachenrecht und 
göttliches Recht werden ebenfalls von Bürgern geschaffen. Sachen 
und Götter stehen in einem genau geregelten Rechtsverhältnis 
zu den Personen. Es ist nun für das antike Recht von ent- 
scheidender Bedeutung, daß es aus der unmittelbaren öffentlichen 
Erfahrung heraus erzeugt wird und zwar nicht aus der beruf- 
lichen des Richters, sondern der praktisch-allgemeinen des Mannes, 
der im politisch-wirtschaftlichen Leben überhaupt eine bedeutende 
Stellung einnahm. Wer in Rom die Ämterlaufbahn einschlug, 
wurde mit Notwendigkeit Jurist, Heerführer, Verwaltungschef 

') R. Hirzel, Die Person, 1914, S. 17. 



70 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

und Finanzbeamter. Er sprach als Prätor Recht, nachdem er 
sich eine große Erfahrung auf ganz anderen Gebieten angeeignet 
hatte. Der Richter als Stand, der für diese eine Tätigkeit fach- 
männisch und sogar theoretisch ausgebildet wird, ist der Antike 
durchaus unbekannt. Das hat die ganze spätere Rechtswissen- 
schaft ihrem Geiste nach bestimmt. Die Römer waren hier weder 
Systematiker noch Historiker noch Theoretiker, sondern lediglich 
glänzende Praktiker. Ihre Jurisprudenz ist eine Erfahrungs- 
wissenschaft von Einzelfällen, eine durchgeistigte Technik, 
kein Gebäude von Abstraktionen, i) 

Es ergibt ein falsches Bild, wenn man griechisches und 
römisches Recht wie zwei Größen gleicher Ordnung gegenüber- 
stellt. Das römische Recht ist in seiner ganzen Entwicklung ein 
einzehies Stadtrecht unter vielen Hunderten gewesen und ein 
griechisches Recht als Einheit hat es nie gegeben. Wenn die 
griechisch sprechenden Städte vielfach sehr ähnliche Rechte aus- 
gebildet haben, so ändert das nichts an der Tatsache, daß jede 
ihr eignes besitzt. Nie ist der Gedanke an eine allgemein dorisclie 
oder gar hellenische Gesetzgebung aufgetaucht. Dem antiken 
Denken lagen solche Vorstellungen gänzlich fern. Das römische 
jus civüe galt nur für Quiriten; Fremde, Sklaven, die ganze 
Welt außerhalb der Stadt kam dafür nicht in Betracht, während 
schon im Sachsenspiegel tiefgefühlt der Gedanke liegt, daß es 
eigentlich nur ein Recht geben könne. Bis in die späte Kaiser- 
zeit bestand in Rom der strenge Unterschied zwischen dem jus 
civüe für Bürger und dem jus gentium — das etwas ganz anderes 
ist als unser Völkerrecht — für die „andern", die im Macht- 
bereich Roms als Objekte von dessen Rechtsprechung weilten. 
Nur weil Rom dahin gelangte, als einzelne Stadt das antike 
Imperium zu beherrschen — was bei einer andern Entwicklung 
der Dinge auch Alexandria möghch gewesen wäre — , ist das 
römische Recht, nicht durch seine innere Überlegenheit, sondern 
zuerst durch den politischen Erfolg und dann durch den Allein- 
l)esitz der praktischen Erfahrung großen Stils an die Spitze ge- 
treten. Die Ausbildung eines allgemein antiken Rechts helle- 
nistischen Stils — wenn man damit den verwandten Geist vieler 

') L.Wenger, Das Recht der Griechen und Römer, 1914, S. 170. R. v. Mayr, 
Römische Rechtsgeschichte II, 1, S. 87. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 71 

Einzelrechte bezeichnen darf — fällt in eine Zeit, wo Rom 
eine politische Größe dritten Ranges war. Und als das römische 
Recht begann, großartige Formen anzunehmen, war das nur eine 
Seite der Tatsache, daß römischer Geist den Hellenismus unter- 
worfen hatte: die Ausbildung des antiken Spätrechts geht vom 
Hellenismus auf Rom über, und damit von einer Summe von 
Stadtstaaten, die dabei unter dem Eindruck der Tatsache standen, 
daß keine von ihnen wirkliche Macht besaß, an eine einzige, 
deren ganze Tätigkeit schließlich in der Ausübung dieser Vor- 
macht aufging. Deshalb ist es nicht zur Ausbildung einer Rechts- 
wissenschaft in griechischer Sprache gekommen. Als die Antike 
in ein Stadium trat, wo sie für diese Wissenschaft, die letzte 
von allen, reif war, gab es nur noch eine rechtsetzende Stadt, 
die dafür in Betracht kam. 

Es wird also nicht genügend beachtet, daß es sich bei 
griechischem und römischem Recht nicht um ein Nebeneinander, 
sondern um ein Nacheinander handelt. Das römische Recht ist 
das jüngste; es setzt die andern mit ihren langen Erfahrungen 
voraus 1) und wurde unter deren vorbildlichem Eindruck spät 
und sehr rasch ausgebaut. Es ist wichtig, daß die Blütezeit der 
stoischen Philosophie, die auf das Rechtsdenken tief gewirkt hat, 
der Blüte der griechischen Rechtsbildung folgte, der römischen 
aber voranging. 

14 

Diese Ausbildung geschah aber im Denken einer extrem 
unhistorischen Menschenart. Infolgedessen ist das antike Recht 
durchaus ein Recht des Tages, ja des Augenblicks. Es 
wird der Idee nach in jedem einzelnen FaU für diesen Fall ge- 
schaffen und hört mit dessen Erledigung auf. Recht zu sein. 
Seine Geltung auch für künftige Anlässe würde dem antiken 
Gegenwartssinn widersprechen. 

Der römische Prätor stellte zu Beginn seines Amtsjahres 

*) Die , Abhängigkeit" des antiken Rechts vom ägyptischen ist zufällig 
noch festzustellen: der Großkaufmann Solon hat in seiner attischen Rechts- 
schöpfung Bestimmungen über Schuldknechtschaft, Obligationenrecht, Arbeits- 
scheu und Erwerbslosigkeit der ägyptischen Gesetzgebung entnommen, Diodor I, 

77, 79, 94. 



72 URSPRUNG UND LA^'DSCH.\rT 



ein Edikt auf, in dem er die Rechtssätze mitteilt, nach denen 
er zu verfahren gedenkt, aber sein Nachfolger ist in keiner 
Weise an sie gebunden. Und selbst diese Begrenzung des 
geltenden Rechtes auf ein Jahr entspricht nicht der tatsächlichen 
Dauer. Vielmehr formuliert der Prätor in jedem einzelnen Falle 
für das von den Geschworenen zu fällende Urteil den konkreten 
Rechtssatz — namentlich seit der lex Aebutia — , nach welchem 
dies Urteil und nur dies eine gesprochen werden muß. Er er- 
zeugt damit im strengsten Sinne des Wortes ein „gegenwärtiges 
Recht" ohne jede Dauer. i) 

Scheinbar ähnUch, aber dem Sinne nach ganz anders und 
eben deshalb so geeignet, die tiefe Kluft zwischen antikem und 
abendländischem Recht aufzudecken, ist ein genialer, echt ger- 
manischer Zug im englischen Recht: die rechtsschöpferische Ge- 
walt des Richters. Er soll ein Recht anwenden, das der Idee nach 
ewige Geltung besitzt. Schon die Anwendung der bestehenden 
Gesetze im Gerichtsverfahren, in dessen Anordnung ihr Zweck 
erst zur Erscheinung kommt, kann er durch seine „Rules", Aus- 
führungsvorschriften (die mit der erwähnten prätorischen Schrift- 
formel nichts gemein haben) nach eignem Ermessen regeln. 
Kommt er aber zu dem Schluß, daß in einem einzelnen Fall ein 
Tatsachenstoff vorliegt, für den das geltende Recht eine Lücke 
aufweist, so kann er diese sofort schließen und also mitten 
im Prozeß ein neues Recht schaffen, welches — die Billigung 
durch den Richterstand in ganz bestimmten Formen vorausgesetzt — 
von nun an zum dauernden Bestände gehört. Gerade 
dies ist so unantik wie möglich. Nur weil der Lauf des öffent- 
lichen Lebens innerhalb eines Zeitalters sich wesentlich gleich 
bleibt und die wichtigsten Rechtslagen also immer wiederkehren, 
bildet sich allmählich ein Bestand von Sätzen heraus, der er- 
fahrungsgemäß — nicht, weil man ihnen Gewalt für die Zu- 
kunft verliehen hat — sich immer wieder einstellt, gewissermaßen 
immer aufs neue erzeugt wird. Die Summe dieser Sätze, kein 
System, sondern eine Sammlung, bildet jetzt „das Recht", wie 
es in der späteren Ediktalgesetzgebung der Prätoren vorliegt, 
deren wesentliche Bestandteile ein Prätor aus Gründen der Zweck- 
mäßigkeit von dem andern übernimmt. 

*) L. Wenger, Recht der Griechen und Römer, S. 166f. 



UKSPRUNG UND LANDSCHAFT 73 

Erfahrung bedeutet also im antiken Rechtsdenken etwas 
anderes als bei uns: nicht den Überblick über eine lückenlose 
Gesetzesmasse, die alle möglichen Fälle voraussieht, und die Übung 
in ihrer Anwendung, sondern das Wissen, daß gewisse Urteils- 
lagen sich immer wieder einstellen, so daß man es sich ersparen 
kann, das Recht für sie immer aufs neue zu formen. 

Die echt antike Form, in welcher der Gesetzesstoff sich lang- 
sam sammelt, ist also eine fast von selbst erfolgende Summation 
der einzelnen nomoi, leges, edida, wie zur Zeit des prätorischen 
Amtsrechts in Rom. Alle sogenannten Gesetzgebungen des Solon, 
Charondas, der XII Tafeln sind nichts als gelegentliche Zusammen- 
fassungen solcher Edikte, die sich als brauchbar erwiesen haben. 
Das Recht von Gortyn, etwa gleichzeitig mit den XII, stellt eine 
Novellengruppe zu einer älteren Sammlung dar. Eine neu- 
gegründete Stadt legte sich alsbald eine solche Sammlung au, 
wobei viel Dilettantismus unterlief. So hat Aristophanes in den 
Vögeln die Gesetzfabrikanten verspottet. Von einem System ist 
nirgends die Rede, noch weniger von der Absicht, das Recht da- 
mit für lange Zeit festzulegen. 

Im Abendlande besteht im stärksten Gegensatz dazu die Ten- 
denz, von vornherein den gesamten lebenden Rechtsstoff in ein 
für immer gegliedertes und erschöpfendes Gesamtwerk zu bringen, 
in dem jeder überhaupt denkbare FaU der Zukunft im voraus ent- 
schieden ist. AUes abendländische Recht wird für die Zukunft, 
alles antike für den Augenblick geprägt. 



15 

Dem scheint die Tatsache zu widersprechen, daß es in Wirklich- 
keit antike Gesetzwerke gegeben hat, die von Berufenen und 
zwar zu dauernder Anwendung hergestellt worden sind. Allerdings 
wissen wir vom frühantiken Recht (1100 — 700) nicht das Geringste, 
und es ist wohl sicher, daß eine Aufzeichnung der bäuerlichen 
und frühstädtischen Gewohnheitsrechte im Gegensatz zu denen 
der gotischen und früharabischen Zeit (Sachsenspiegel, syrisches 
Rechtsbuch) nicht stattgefunden hat. Die älteste für uns noch 
erkennbare Schicht bilden die seit 700 entstandenen Sammlungen, 
welche mythischen oder halbmythischen Persönlichkeiten zu- 



74 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

geschrieben wurden: Lykurg, Zaleukos, Charondas, Drakon^) und 
einigen römischen Königen. 2) Sie waren vorhanden, das ergibt 
die Gestalt der Sage, aber weder ihre wirklichen Urheber noch die 
wirklichen Vorgänge der Kodifizierung noch der ursprüngHche 
Inhalt sind den Griechen der Perserzeit noch bekannt gewesen. 

Eine zweite Schicht, dem Codex Justinians, der Rezeption 
des römischen Rechts in Deutschland entsprechend, knüpft sich 
an die Namen Solon (600), Pittakos (550) und andere. Das sind 
bereits ausgebildete Rechte von städtischem Geist. Sie wurden 
als politeia, nomos bezeichnet, gegenüber den alten Xamen der 
tliesmoi oder rhetrai.^) Wir kennen also in Wirklichkeit nur die 
Geschichte des spätantiken Rechts. Woher nun diese plötzlichen 
Kodifikationen? Schon ein Blick auf jene Namen lehrt, daß es 
sich bei diesen Vorgängen letzten Endes überhaupt nicht um ein 
Recht handelt, das als Ergebnis reiner Erfahrungen niedergelegt 
werden soll, sondern um die Entscheidung politischer 
Machtfragen. 

Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, daß es ein 
gleichsam über den Dingen schwebendes, von poUtisch-wirtschaft- 
lichen Interessen ganz unabhängiges Recht überhaupt geben köime. 
Man kann es sich vorstellen, und die Menschen, welche das 
Vorstellen politischer Möglichkeiten für eine pohtische Tätigkeit 
halten, haben es sich immer so vorgestellt. Das ändert aber nichts 
daran, daß ein solches Recht von abstraktem Ursprung in der 
geschichtlichen Wirklichkeit nicht vorkommt. Jedes Recht enthält 
in abgezogener Form das Weltbild seiner Urheber, und jedes 
geschichtliche Weltbild enthält eine politisch -wirtschaftliche 
Tendenz, die nicht von dem abhängt, was dieser oder jener 
sich theoretisch denkt, sondern von dem, was der Stand praktisch 
will, welcher die tatsächliche Macht und damit die Rechts- 
schöpfung in Händen hat. Jedes Recht ist von einem einzehien 
Stande im Namen der Allgemeinheit geschaffen worden. Anatole 
France hat einmal gesagt, „daß unser Recht in majestätischer 
Gleichheit dem Reichen wie dem Armen verbiete, Brot zu stehlen 
und an den Straßenecken zu betteln". Ohne Zweifel ist das die 



*) Beloch, Griech. Gesch. I, 1, S. 350. *) Hinter denen das etmskische 

Recht stellt, die Urform des altrömischen. Rom war eine etmskische Stadt. 
») Biisolt, Griech. Staatskunde S. 528. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 75 



Gerechtigkeit der einen. Die „andern" werden aber stets versuchen, 
dafür ein Recht aus ihrer Lebensperspektive als das allein 
gerechte durchzusetzen. Jene Gesetzgebungen sind also sämtlich 
politische und zwar parteipolitische Akte. Sie entjialten entweder 
wie die demokratische des Solon eine Verfassung {politeiä) in 
Verbindung mit einem Privatrecht (nomoi) von gleichem Geiste 
oder setzen wie die oligarchischen des Drakon und der Dezemvirn^) 
eine poUteia voraus, die durch ein Privatrecht befestigt werden 
soU. Erst die abendländischen Historiker, an ihre Dauerrechte 
gewöhnt, haben diesen Zusammenhang unterschätzt. Der antike 
Mensch wußte sehr wohl, was da vorging. Die Schöpfung der 
Dezemvirn war in Rom das letzte Recht von rein patrizischem 
Geiste. Tacitus bezeichnet es als Ende des gerechten Rechtes (flnis 
aequi juris, Ann. III, 27). Denn ebenso wie nach dem Sturz der 
Dezemvirn mit deutlicher Symbolik die Zehnzahl der Tribunen 
erscheint, so setzt gegen das jus der Zwölftafeln und die ihr 
zugrunde liegende Verfassung die langsam untergrabende Arbeit 
der lex rogata, des Volksrechtes ein, das mit römischer Zähigkeit 
anstrebt, was Solon durch eine einzige Tat gegen das Werk 
Drakons, die ndxQiog noXaeia, das Rechtsideal der attischen 
Oligarchie vollbracht hatte. Drakon und Solon sind von nun an 
die Schlachtrufe in dem langen Kampf zwischen Oligarchie und 
Demos. In Rom waren es die Institutionen des Senats und Tribunats. 
Die spartanische Verfassung („Lykurg") hat das Ideal des Drakon 
und der Zwölf tafeln nicht nur dargestellt, sondern auch fest- 
gehalten. Die beiden Könige gehen, wenn man die nah verwandten 
römischen Verhältnisse vergleicht, allmählich aus der Stellung 



^) Das historisch Wichtige für uns ist am Zwölftafelrecht also nicht der 
angebliche Inhalt, von dem zm* Zeit Ciceros kaum noch ein echter Satz er- 
halten sein konnte, sondern der politische Akt der Kodifikation selbst, dessen 
Tendenz dem Stiu-z der tarquinischen Tjrannis durch die Oligarchie des Senats 
entspricht, imd ohne Zweifel diesen Ei-folg, der gefährdet war, für die Zukunft 
sicherstellen sollte. Der Text, den zur Zeit Cäsars die Knaben auswendig lernten, 
wird dasselbe Schicksal gehabt haben wie die Konsulnliste der älteren Z,eit, in die 
man Namen über Namen von Geschlechtern hineinbrachte, die viel später zu 
Reichtum und Einfluls gelangt waren. Wenn neuerdings Pais und Lambert 
diese ganze Gesetzgebung bestreiten, so mögen sie für die zwölf Tafeln Recht 
haben, insofern in ihnen das gestanden haben soll, was später als ihr Inhalt 
galt, nicht aber in bezug auf den politischen Vorgang um 450. 



76 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

der tarquinischen Tyrannen in die der Tribunen vom gracchischen 
Schlage über: Der Sturz des letzten Tarquiniers oder die Ein- 
setzung derDezemvirn — die irgendwie ein Staatsstreich gegen das 
Tribunat und dessen Tendenzen war — entspricht etwa dem Unter- 
gang des Kleomenes (488) und Pausanias (470), die Revolution 
des Agis in. und Kleomenes III. (um 240) der einige Jahre 
später beginnenden Wirksamkeit des C, Flaminius, ohne daß die 
Könige gegen die der Senatspartei entsprechenden Ephoren je 
einen durchgreifenden Erfolg erzielt hätten. 

Inzwischen war Rom eine große Stadt im Sinne der antiken 
Spätzeit geworden. Die bäuerlichen Instinkte werden mehr und mehr 
von der städtischen Intelligenz zurückgedrängt.^) In der Rechts- 
schöpfung erscheint demnach, etwa seit 350, neben der lex 
rogaia, dem Volksrecht, die lex data, das Amtsrecht der Prätoren. 
Der Kampf zwischen dem Geist des Zwölftafelrechts und der lex 
rogata tritt in den Hintergrund und die Ediktalgesetzgebung der 
Prätoren wird zum SpielbaU der Parteien. 

Der Prätor ist sehr bald der unbedingte Mittelpunkt der Recht- 
setzung wie der Rechtspraxis, und zwar entspricht es der poli- 
tischen Ausdehnung der römischen Mächt, daß das jus civile des 
städtischen Prätors, was den Umfang des Anwendungsgebiets be- 
trifft, hinter dem jus gentium des praetor peregrinus, dem Recht 
der „andern" zurücktritt. Als zuletzt die ganze Bevölkerung der 
antiken Welt, soweit sie nicht das Bürgerrecht der Stadt Rom be- 
saß, zu den „andern" gehörte, wird das jus peregrinum der Stadt 
Rom tatsächlich zu einem imperialen Recht; alle übrigen Städte 
— und selbst Alpenvölker und w^andernde Beduinenstämme sind 
verwaltungsrechtlich als „Städte", civitates, organisiert worden — 
behielten ihr eigenes Recht nur, soweit das römische Fremden- 
recht keine Bestimmungen enthielt. 

Das Ende der antiken Rechtschöpfung überhaupt 
bildet also das edictum perpetuum, das auf Veranlassung 
Hadrians (um 130) die jährlich erlassenen Rechtsätze der Prätoren, 
unter denen sich längst ein fester Bestand ausgebildet hatte, in 
eine endgültige Form brachte und weitere Abänderungen verbot. 
Der Prätor war wie immer verpflichtet, das „Recht seines Jahres" 
öffentlich anzuschlagen; es galt nur vermöge seiner Amtsgewalt 

') Vgl. Kap. n A. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 77 

und nicht als Reichsgesetz, aber er mußte sich an den festgelegten 
Text halten. 1) Das ist die berühmte „Versteinerung des Amts- 
rechts", das echte Sinnbild einer späten Zivilisation. 2) 

Mit dem Hellenismus beginnt die antike Rechtswissenschaft, 
das planmäßige Begreifen des Rechtes, welches man anwendet. 
Da das Rechtsdenken politische und wirtschaftliche Verhältnisse 
als Substanz ebenso voraussetzt wie das mathematische Denken 
physikalische und technische Kenntnisse, 2) so wurde Rom sehr 
bald die Stadt der antiken Jurisprudenz. Ganz ebenso waren 
es in der mexikanischen Welt die siegreichen Azteken, die an 
ihren Hochschulen wie der von Tezcuco vor allen das Recht 
pflegten. Die antike Jurisprudenz ist eine Wissenschaft der Römer 
und es ist ihre einzige geblieben. Gerade als mit Archimedes die 
schöpferische Mathematik zum Abschluß kam, begann mit der 
Tripertita des Aelius (198, ein Kommentar zu den XH) die Rechts- 
literatur.'*) Um 100 hat M. Scaevola das erste systematische 
Privatrecht geschrieben. 200 — ist die eigentliche Zeit der klas- 
sischen Rechtswissenschaft — eine Bezeichnung, die heute all- 
gemein und bizarr genug auf eine Periode des früharabischen Rechts 
angewendet wird. An den Resten dieser Literatur läßt sich der 
ganze Abstand des Denkens zweier Kulturen ermessen. Die Römer 
behandeln nur Fälle und deren Einteilung, nie die Analyse eines 
grundlegenden Begriffs wie etwa den des Rechtsirrtums. Sie unter- 
scheiden sorgfältig die Arten von Verträgen ; den Begriff des Ver- 
trags kennen sie nicht und ebensowenig eine Theorie etwa der 
Nichtigkeit oder Anfechtbarkeit. „Nach alledem ist klar, daß uns 
die Römer ganz und gar nicht Vorbilder der wissenschaftlichen 
Methode sein können." 5) 

Den Ausgang bilden die Schulen der Sabinianer und Procu- 
lianer, von Augustus an bis gegen 160. Es sind wissenschaft- 
liche Schulen wie die philosophischen in Athen; möglich ist es, 
daß in ihnen sich der Ge.srensatz von senatorischer und tribuni- 



») Sohm, Institutionen »\ S. 101. 

*) Lenel, Das Edictum perpetuum, 1907. L. Wenger S. 168. 
') Selbst das Einmaleins der Kinder setzt die Bekanntschaft mit den Ele- 
menten der Bewegungsmechanik beim Abzählen voraus. 
*) V. Mayr II, 1, S. 85. Sohm S. 105. 
*) Lenel in der Enzykl. d. Rechtswiss. I, S. 357. 



78 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

zischer (cäsarischer) Rechtsauffassung zum letzten Male regte; 
unter den besten Sabinianern waren zwei Nachkommen von Cäsar- 
mördern; einen der Proculianer hatte Trajan zu seinem Nach- 
folger ausersehen. Während die Methodik im wesentlichen ab- 
geschlossen war, geht hier die praktische Verschmelzung von 
altem jus c/vilc und prätorischem jus honorarium vor sich. 

Das letzte für uns sichtbare Denkmal des antiken Rechts 
sind die Institutionen des Gajus (um 161). 

Das antike Recht ist ein Recht der Körper. Es unter- 
scheidet im Bestand der Welt körperliche Personen und körper- 
liche Sachen und stellt als eine euklidische Mathematik des öffent- 
lichen Lebens die Beziehungen zwischen ihnen fest. Das Rechts- 
denken ist dem mathematischen am nächsten verwandt. Beide 
wollen von den optisch gegebenen Fällen das Sinnlich-zufällige ab- 
sondern, um das Gedanklich-prinzipielle zu finden: die reine Form 
des Gegenstandes, den reinen Typus der Lage, die reine Ver- 
knüpfung von Ursache und Wirkung. Da das antike Leben in 
der Gestalt, wie es sich dem antiken kritischen Wachsein darstellt, 
durchaus euklidische Züge besitzt, so entsteht ein Bild von Kör- 
pern, von Lageverhältnissen zwischen ihnen und von wechsel- 
seitigen Einwirkungen durch Stoß und Gegenstoß wie bei den 
Atomen Demokrits. Es ist eine juristische Statik.^) 

16 

Die erste Schöpfung des arabischen Rechts war der Be- 
griff der nichtkörperlichen Person. 

Um diese für das neue Weltgefühl so bezeichnende Größe 
ganz zu würdigen, die im echt antiken Recht fehlt 2) und bei 
den „klassischen" Juristen, die sämtlich Aramäer waren, plötz- 
lich da ist, muß man den wahren Umfang des arabischen 
Rechtes kennen. 



^) Das ägyptische Recht der Hyksoszeit, das chinesische der „Zeit der 
kämpfenden Staaten" müssen im Gegensatz zum antiken Recht und dem indischen 
der Darmasutras auf ganz andern Grundbegriffen als denen der körperlichen 
Personen und Sachen aufgebaut gewesen sein. Es wäre eine große Befreiimg 
vom Drucke der römischen , Altertum er", wenn es der deutschen Forschvmg 
gelänge, sie festzustellen. *) Sohm S. 220. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 79 

Die neue Landschaft umfaßt Syrien und das nördliche Meso- 
potamien, Südarabien und Byzanz. Hier ist überall ein neues 
Recht im Werden, mündliches oder geschriebenes Gewohnheits- 
recht frühen Stils, wie wir es aus dem Sachsenspiegel kennen. 
Und da ergibt sich etwas Erstaunliches: aus dem Recht ein- 
zelner Stadtstaaten, wie es auf antikem Boden selbstverständ- 
lich war, ist hier in aller Stille das Recht von Glaubens- 
gemeinschaften geworden. Das ist ganz magisch. Es ist stets 
ein pneunia, ein gleicher Geist, ein identisches Wissen und Ver- 
stehen der alleinigen Wahrheit, welches die Bekenner derselben 
Religion jedesmal zur Einheit des Wollens und Handelns, zu 
einer juristischen Person zusammenfaßt. Eine juristische 
Person ist also ein kollektives Wesen, das als Ganzes Absichten 
hat, Entschlüsse faßt und Verantwortungen trägt. Der Begriff 
gilt schon, wenn man das Christentum betrachtet, von der Ur- 
gemeinde in Jerusalem i) und reicht hinauf bis zur Dreieinigkeit 
der göttlichen Personen.*) 

Schon das spätantike Recht der kaiserlichen Erlasse vor 
Konstantin {constitutiones, placitä) gilt, obwohl die römische Form 
des Stadtrechts streng gewahrt wird, ganz eigentlich für die 
Gläubigen der „synkretistischen Kirche"^), jener Masse 
von Kulten, die alle von derselben Religiosität durchdrungen sind. 
Während im damaligen Rom das Recht von einem großen Teil 
der Bevölkerung sicher noch als das Recht eines Stadtstaates 
empfunden wurde, verlor sich dies Gefühl mit jedem Schritt nach 
Osten. Die Zusammenfassung der Gläubigen zu einer Rechts- 
gemeinschaft geschah in aller Form durch den Kaiserkult, der 
durchaus göttliches Recht war. In bezug auf ihn haben sich 
Juden und Christen — die persische Kirche ist nur in der antiken 
Form des Mithraskultes und also im Rahmen des Synkretismus 
auf antikem Boden erschienen — als Ungläubige eigenen Rechts 
in einem fremden Rechtsgebiet eingenistet. Als der Aramäer 



^) Apostelgesch. 15 ; hier liegt dieWurzel des Begriffs von einem Kirchenrecht. 

*) Der Islam als Jurist. Person: M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des 
Volkes im heutigen Islam 1917. S. XXIV. 

') Vgl. Kap. III A. Der Ausdruck kann gewagt werden, weil die An- 
hänger aller spätantiken Kulte duich ein frommes Gemeingefühl ebenso zu- 
sammengehalten wurden wie die christlichen Einzelgemeinden. 



80 URSPRUNG UKD LANDSCHATT 

Caracalla 212 durch die constitutio Antonina^) allen Bewohnern 
außer den dediticü das Bürgerrecht gab, war die Form dieses 
Aktes echt antik, und es gab zweifellos viele Menschen, die sie 
so verstanden. Die Stadt Rom hatte damit die Bürger aller 
andern sich buchstäblich „einverleibt". Der Kaiser selbst aber 
empfand ganz anders. Er hatte damit alle zu Untertanen des 
„Herrschers der Gläubigen" gemacht, des als divus verehrten 
Oberhauptes der Kultrehgion. Mit Konstantin kam die grofse 
Wandlung: er hat als Objekt des kaiserlichen KhaUfenrechts an 
die Stelle der synkretistischen die christliche Glaubensgemeinschaft 
gesetzt und damit die christliche Nation konstituiert. Die 
Bezeichnungen fromm und ungläubig wechseln ihren Platz. Seit 
Konstantin wird das „römische" Recht ganz unvermerkt immer 
entschiedener zum Recht der rechtgläubigen Christen und 
als solches ist es von den bekehrten Asiaten und Germanen auf- 
gefaßt und angenommen worden. Damit ist ein ganz neues Recht 
in alter Form entstanden. Nach antikem Eherecht war es un- 
möglich, daß etwa ein römischer Bürger eine Bürg ertochter aus 
Capua heiratete, wenn zwischen diesen Städten keine Rechts- 
gemeinschaft, kein conubhim bestand.') Jetzt war die Frage, nach 
welchem Recht ein Christ oder Jude, ob er der Heimat nach 
Römer, Syrer oder Maure war, eine Ungläubige heiraten könne. 
Denn in der magischen Rechtswelt besteht kein coimbmm zwischen 
Andersgläubigen. Daß ein Ire eine Negerin in Byzanz heiratet, 
wenn beide Christen sind, begegnet keiner Schwierigkeit, aber 
wie sollte in demselben syrischen Dorf ein monophysitischer 
Christ eine Nestorianerin heiraten ? Sie stammten vielleicht beide 
aus dem gleichen Geschlecht — aber sie gehörten zu zwei rechts- 
verschiedenen „Nationen". 

Dieser arabische Begriff der Nation ist eine neue und ganz 
entscheidende Tatsache. Die Grenze zwischen Heimat und Fremde 
lag in der apollinischen Kultur zwischen je zwei Städten, in der 
magischen zwischen je zwei Glaubensgemeinschaften. Was 
dem Römer der xieregrinus^ der hostis, das ist dem Christen der 
Heide, dem Juden der Amhaarez. Was für die GaUier oder 



») V. Mayr III, S. 38. Wenger S. 193. 

^) Die XII Latten das conuhium sogar z-wischen Patriziern und Plebejern 
verboten. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 81 



Griechen zur Zeit Cäsars der Erwerb des römischen Bürgerrechts 
war, das ist jetzt die christliche Taufe: man tritt damit 
in die führende Nation der führenden Kultur ein.i) Die Perser der 
Sassanidenzeit kennen, im Gegensatz zu denen der Achämeniden- 
zeit, ein persisches Volk nicht mehr als Einheit der Abkunft und 
Sprache, sondern als Einheit der Mazdagläubigen im Gegensatz 
zu den Ungläubigen, mochten sie wie die meisten Nestorianer 
von noch so reiner persischer Abstammung sein. Und ebenso 
haben die Juden, später die Mandäer und Manichäer und noch 
später die christlichen Kirchen der Nestorianer und Monophysiten 
sich als Nationen, als Rechtsgemeinschaften und juristische Per- 
sonen im neuen Sinne empfunden. 

Und damit entsteht eine Gruppe früharabischer Rechte, die 
ebenso entschieden nach Religionen gesondert ist, wie die Gruppe 
der antiken Rechte nach Stadtstaaten. Im Sassanidenreich ent- 
wickeln sich eigne Rechtsschulen zoroastrischen Rechts; die 
Juden, die einen gewaltigen Teil der Bevölkerung von Armenien 
bis Saba bilden, schaffen sich ein Recht im Talmud, der einige 
Jahre vor dem Corpus Juris abgeschlossen wird. Jede dieser 
Kirchen besitzt unabhängig von den jeweiligen Landesgrenzen 
eine eigne Rechtsprechung wie noch im heutigen Orient, und 
nur bei einem Streit zwischen Bekennern verschiedener Reli- 
gionen entscheidet der Richter, welcher der im Lande herrschenden 
angehört. Den Juden hat im römischen Reich niemand ihre 
eigene Gerichtsbarkeit streitig gemacht, aber auch die Nestorianer 
und Monophysiten haben bald nach ihrer Lostrennung die Aus- 
bildung eines eignen Rechts mit eigner Rechtsprechung begonnen, 
und so wird auf „negativem" Wege, nämlich durch allmähliches Ab- 
scheiden aller Andersgläubigen, das römische Kaiserrecht endlich 
zum Recht der Christen, welche sich zum Glauben des Kaisers be- 
kennen. Das gibt dem in vielen Sprachen erhaltenen syrisch- 
römischen Rechtsbucli seine Bedeutung. Es ist^) wahrscheinlich 
vorkonstantinisch und in der Kanzlei des Patriarchen von An- 
tiochia entstanden, ein ganz unverkennbar früharabisches Ge- 
wohnheitsrecht in unbeholfener spätantiker Fassung, das, wie die 
Übersetzungen beweisen, seine Verbreitung der Opposition gegen 
die orthodoxe kaiserliche Kirche verdankt. Es ist zweifellos die 

') Vgl. Kap. II C. *) Lenel I, S. 380. 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, H. 6 



82 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Grundlage des Monophysitenrechts und herrscht bis zur Ent- 
stehung des islamischen Rechts auf einem Gebiet, welches den 
Geltungsbereich des Corpus Juris weit übertrifft. 

Es entsteht die Frage, welchen praktischen Wert in dieser 
Welt von Rechten der lateinisch geschriebene Teil wirklich be- 
sitzen konnte. Die Rechtshistoriker haben ihn mit der philo- 
logischen Einseitigkeit des Fachs bis jetzt allein beachtet und 
konnten deshalb nicht einmal bemerken, daß hier ein Problem 
vorliegt. Ihre Texte waren das Recht schlechthin, das Recht, welches 
von Rom zu uns kam. Für sie handelte es sich einzig darum, 
die Geschichte dieser Texte, nicht die ihrer tatsächlichen Be- 
deutung im Leben der östlichen Völker zu untersuchen. Aber hier 
ist das hochzivilisierte Recht einer greisen Kultur der Frühzeit 
einer jungen aufgenötigt worden. Es kam als gelehrte Literatur 
herüber und zwar infolge der politischen Entwicklung, die ganz 
anders geworden wäre, wenn Alexander und Cäsar länger gelebt 
oder Antonius bei Aktium gesiegt hätte. Wir müssen die früh- 
arabische Rechtsgeschichte von Ktesiphon und nicht von Rom 
aus betrachten. Ist das innerlich längst abgeschlossene Recht 
des fernen Westens hier mehr als bloße Literatur gewesen? 
Welchen Anteil hatte es am wirklichen Rechtsdenken, der Rechts- 
schöpfung und Rechtspraxis dieser Landschaft? Und wieviel 
Römisches, ja Antikes überhaupt ist in ihm selbst erhalten ge- 
blieben?^) 

Die Geschichte dieses lateinisch geschriebenen Rechts gehört 
seit 160 dem arabischen Osten;- es ist vielsagend, daß sie in 
genauer Parallele zur Geschichte der jüdischen, christlichen und 
persischen Literatur verläuft. 2) Die klassischen Juristen (160 — 
220) Papinian, Ulpian, Paulus waren Aramäer; Ulpian hat sich 
mit Stolz einen Phöniker aus Tyrus genannt. Sie entstammen 
also derselben Bevölkerung wie die Tannaim, welche bald nach 

*) Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht, S. 13 hat schon 1891 auf den 
orientalischen Zug in der Gesetzgebung Konstantins aufmerksam gemacht. 
Collinet, Etudes hisioriques sur Je droit de Justinien I (1912) führt, übrigens 
meist auf Grund deutscher Forschungen, imendlich vieles auf hellenistisches 
Recht zurück; aber wieviel von diesem , Hellenistischen* war wirklich griechisch 
und nicht nur griechisch geschrieben? Die Ergebnisse der Interpolationen- 
forschung sind für den „antiken" Geist der Digesten Justinians wahrhaft ver- 
nichtend. *) Vgl. Kap. III A. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 83 

200 die Mischna abschlössen, und die meisten Apologeten des 
Christentums (Tertullian 160 — 223). Gleichzeitig ist von christ- 
lichen Gelehrten der Kanon und Text des Neuen, von jüdischen 
der des hebräischen Alten Testaments — unter Vernichtung sämt- 
licher andern Handschriften — von persischen der des Avesta fest- 
gestellt worden. Es ist die Hochscholastik der arabischen 
Frühzeit. Die Digesten und Kommentare dieser Juristen stehen 
zum erstarrten antiken Gesetzesstoff in genau demselben Verhält- 
nis wie die Mischna zur Tora des Moses und viel später die 
Hadith zum Koran; sie sind „Halacha",i) neues Gewohnheitsrecht, 
welches in der Form einer Interpretation der autoritativ über- 
lieferten Gesetzesmasse erfaßt wurde. Die kasuistische Methode 
ist überall genau die gleiche. Die babylonischen Juden besaßen 
ein ausgebildetes Zivilrecht, das an den Hochschulen von Sura 
und Pumbadita gelehrt wurde. Es bildet sich überall ein Stand 
von Rechtsgelehrten, die prudentes der christlichen, die Rabbiner 
der jüdischen, später die Ulemas (persisch Mollas) der islamischen 
Nation ; sie stellen Gutachten aus, responsa, arabisch Fetwa. Wird 
der Ulema staatlich anerkannt, so heißt er Mufti (byzantiniscli 
„ex audoritate principis"): die Formen sind überall ganz dieselben. 

Um 200 gehen die Apologeten in die eigenthchen Kirchen- 
väter, die Tannaim in die Amoräer, die großen Kasuisten des 
Juristenrechts („jus") in die Erklärer und Sammler des Kon- 
stitutionenrechts („lex") über. Die Konstitutionen der Kaiser, seit 
200 die einzige Quelle neuen „römischen" Rechts, sind wieder eine 
neue „Halacha" zu der in den Juristenschriften niedergelegten; 
sie entsprechen damit genau der Gemara, die sich sofort als Aus- 
legung der Mischna entwickelt. Beide Richtungen sind gleich- 
zeitig im Corpus Juris und Talmud zum Abschluß gekommen. 

Der Gegensatz von jus und lex im arabisch-lateinischen 
Sprachgebrauch kommt in der Schöpfung Justinians sehr deutlich 
zum Ausdruck. Institutionen und Digesten sind jus; sie haben 
durchaus die Bedeutung kanonischer Texte. Konstitutionen und 
Novellen sind leges, neues Recht in Form von Erläuterungen. 
In demselben Verhältnis stehen die kanonischen Schriften des 
Neuen Testaments zur Tradition der Kirchenväter. 

Am orientalischen Charakter der Tausende von Konstitutionen 

1) Fromer, Der Talmud, 1920, S. 190. 



84 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

zweifelt heute niemand mehr. Es ist echtes Gewohnheitsrecht 
der arabischen Welt, das unter dem Druck der lebendigen Ent- 
wicklung den gelehrten Texten unterschoben werden mußte, i) 
Die zahllosen Erlasse des christlichen Herrschers in Byzanz, des 
persischen in Ktesiphon, des jüdischen, des Resch Galuta, in 
Babylonien, endlich des islamischen Khalifen haben genau die 
gleiche Bedeutung. 

Aber welche Bedeutung hatte das andere Stück dieser 
Scheinantike, das alte Juristenrecht? Hier genügt es nicht, Texte 
zu erklären. Man muß wissen, in welcher Beziehung der Text 
zum Rechtsdenken und zur Rechtsprechung steht. Es kann sein, 
daß ein und dasselbe Buch im Wachsein zweier Völkergruppen 
den Wert zweier grundverschiedener Werke besitzt. 

Es hat sich sehr bald die Gewohnheit ausgebildet, daß man 
überhaupt nicht mehr die alten Gesetze der Stadt Rom auf den 
Tatsachenstoff der Einzelfälle anwandte, sondern die Juristen- 
texte wie die Bibel zitierte.^) Was bedeutet das? Unsern Roma- 
nisten ist es ein Zeichen des tiefsten Verfalls im Rechtswesen. Von 
der arabischen Welt aus betrachtet ist es das Gegenteil: ein Be- 
weis dafür, daß es diesen Menschen endlich gelungen ist, eine 
fremde, ihnen aufgedrungene Literatur sich in der einzigen Form 
innerlich anzueignen, die für ihr eignes Weltgefühl in Betracht 
kam. Hier eröffnet sich der ganze Gegensatz von antikem und 
arabischem Weltgefühl. 

17 

Das antike Recht wird von Bürgern auf Grund praktischer 
Erfahrungen geschaffen; das arabische stammt von Gott, der es 
durch den Geist der Berufenen und Erleuchteten verkündet. Der 
römische Unterschied von jus und fas — deren Lihalt noch dazu 
stets aus menschlicher Überlegung hervorgeht — wird damit 
sinnlos. Jedes Recht ist, ob weltlich oder geistig, deo audore 
entstanden, wie die ersten Worte der Digesten Justinians lauten. 
Das Ansehen antiker Rechte beruht auf dem Erfolg, dasjenige 



^) Mitteis, Rom. Privatrecht bis auf die Zeit Diokletians, 1908, Vorwort, 
bemerkt „wie unter Beibehaltimg der antiken Rechtsformen das Recht selbst 
doch überall ein anderes geworden ist". ^) v. Mayr IV, S. 45 f. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 85 

arabischer auf der Autorität des Namens, den sie tragen.') Es ist 
aber ein gewaltiger Unterschied im Gefühl des Mensehen, ob 
er ein Gesetz als Willensausdruck eines Mitmenschen oder als 
Bestandteil der göttlichen Ordnung hinnimmt. Im einen Falle 
sieht er das Richtige ein oder weicht der Gewalt, im andern be- 
weist er seine Ergebung {„islam"). Der Orientale verlangt weder 
den praktischen Zweck des Gesetzes, das auf ihn angewendet 
wird, noch die logischen Gründe des Urteils einzusehen. Das Ver- 
hältnis des Kadi zum Volk läßt sich deshalb mit dem des Prätors 
überhaupt nicht vergleichen. Dieser stützt seine Entscheidungen 
auf eine in hohen Stellungen erprobte Einsicht, jener auf einen 
Geist, der irgendwie in ihm wirksam wird und aus ihm spricht. 
Daraus folgt aber ein vollkommen verschiedenes Verhältnis des 
Richters zum geschriebenen Rechte — des Prätors zu seinem 
Edikt, des Kadi zu den Juristentexten. Jenes ist die Quintessenz 
von Erfahrungen, die er sich zu eigen gemacht hat, diese sind 
eine Art Orakel, das man in geheimnisvoller Weise befragt. Denn 
die praktische Absicht, der ursprüngliche Anlafs der Textstelle 
kommt für den Kadi gar nicht in Betracht. Er befragt die Worte 
und sogar die Buchstaben und zwar nicht nach ihrer Bedeutung 
im alltäglichen Leben, sondern nach der magischen Beziehung, 
in der sie zu dem vorliegenden Fall stehen müssen. Wir kennen 
dies Verhältnis des Geistes zum Buch aus der Gnosis, der früh- 
christhchen, jüdischen, persischen Apokalyptik und Mystik, der 
neupythagoräischen Philosophie, der Kabbala, und es besteht gar 
kein Zweifel, daß die lateinischen Codices in der niederen ara- 
mäischen Rechtspraxis ganz ebenso gebraucht worden sind. Die 
Überzeugung, daß der Geist Gottes in den Geheimsinn der Buch- 
staben eingegangen ist, findet einen sinnbildlichen Ausdruck in 
der schon erwähnten Tatsache, daß alle Religionen der arabischen 
Welt eigene Schriftarten ausbilden, mit denen die heiligen Bücher 
geschrieben sein müssen und die sich mit erstaunhcher Zähig- 
keit als Kennzeichen der „Nationen" behaupten, auch wenn sie 
die Sprache wechseln. 

*) Daher die fingierten Verfassemamen auf zahllosen Büchern aller 
arabischen Literaturen : Dionysius Areopagita, Pythagoras, Hermes, Hippokrates, 
Henoch, Baruch, Daniel, Salomo, die Apostelnamen der vielen Evangelien und 
Apokalypsen. 



86 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Die Wahrheit ergibt sich aber bei einer Mehrzahl von Texten 
auch im Recht aus dem consensus der geistig Berufenen, dem 
idjma.'^) Diese Theorie hat die islamische Wissenschaft konsequent 
herausgearbeitet. Wir suchen jeder für sich die Wahrheit durch 
eigne Überlegung zu finden. Der arabische Gelehrte aber prüft 
und ermittelt jedesmal die allgemeine Überzeugung der Zugehö- 
rigen, die deshalb nicht irren kann, weü der Geist Gottes und der 
Geist der Gemeinde dasselbe sind. Ist ein consensus erzielt, so steht 
die Wahrheit fest. „Idjma" ist der Sinn aller frühchristlichen, 
jüdischen und persischen Konzile. Es ist aber auch der Sinn des be- 
rühmten Zitiergesetzes Valentinians HI. von 426, das unter völliger 
Verkennung seiner geistigen Grundlagen die allgemeine Verachtung 
der Rechtsforscher gefunden hat. Das Gesetz schränkt die Zahl 
der großen Juristen, deren Text zitiert werden darf, auf fünf ein. 
Damit ist ein Kanon im Sinne des Neuen und Alten Testaments 
geschaffen, die beide ebenfalls die Summe der Texte enthalten, 
die als kanonisch zitiert werden dürfen. Bei Meinungsverschieden- 
heit entscheidet die Stimmenmehrheit, bei Stimmengleichheit Pa- 
pinian.2) Aus derselben Anschauung ist auch die Methode der 
Interpolationen hervorgegangen, die Tribonian in großem Stü 
beim Digestenwerk Justinians angewendet hat. Ein kanonischer 
Text ist der Idee nach zeitlos wahr und also nicht verbesserungs- 
fähig. Die tatsächlichen Bedürfnisse des Geistes aber ändern sich. 
Es entsteht daher eine Technik der geheimen Abänderungen, 
welche die Fiktion der Unveränderlichkeit nach außen wahrt und 
die an allen religiösen Schriften der arabischen Welt, auch denen 
der Bibel, Reichlich geübt worden ist. 

Nach Mark Anton ist Justinian die verhängnisvollste Per- 
sönlichkeit der arabischen Geschichte. Wie sein „Zeitgenosse" 
Karl V. hat er alles verdorben, wozu er berufen war. Wie im 
Abendlande der faustische Traum von einer Auferstehung des 
heihgen römischen Reiches durch aUe politische Romantik zog 
und noch über Napoleon und die fürstlichen Narren von 1848 
hinaus den Tatsachensinn verdunkelte, so war Justinian von der 
Donquijoterie der Wiedereroberung des gesamten Imperiums be- 
sessen. Statt auf seine Welt, den Osten, hat er den Blick stets 

') M. Horten, D. rel. Gedankenwelt d. Volkes im heut. Islam, S. XYI. Vgl. 
Kap. in A. s) V. Mayr. IV, 45 f. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 87 

auf das ferne Rom gelenkt. Schon vor seiner Thronbesteigung 
hat er mit dem römischen Papst verhandelt, der damals unter 
den großen Patriarchen der Christenheit noch nicht einmal als 
primus inter pares allgemein anerkannt war. Das dyophysitische 
Symbol von Chalcedon wurde auf dessen Verlangen eingeführt — 
und damit gingen die monophysitischen Landschaften für immer 
verloren. Die Folge von Aktium war, daß die Ausbildung des 
Christentums in den entscheidenden ersten zwei Jahrhunderten 
nach Westen, auf antikes Gebiet herüber gezogen wurde, wo die 
geistige Oberschicht sich von ihr ausschloß. Dann hatte der 
urchristliche Geist sich in Monophysiten und Nestorianern wieder 
aufgerichtet. Justinian stieß ihn zurück und beschwor dadurch 
den Islam als neue Religion und nicht als puritanische Strömung 
innerhalb des morgenländischen Christentums herauf. Und ebenso 
hat er in dem Augenblick, wo die östlichen Gewohnheitsrechte für 
eine Kodifikation reif geworden waren, einen lateinischen Kodex 
geschaffen, der im Osten schoii aus sprachlichen und im Westen 
aus politischen Gründen dazu verurteilt war, Literatur zu bleiben. 

Das Werk selbst ist wie die ihm entsprechenden des Drakon 
und Solon an der Grenze der Spätzeit und in politischer Absicht 
entstanden. Im Westen, wo die Fiktion der Fortdauer des Imperium 
Romamim die völlig sinnlosen Feldzüge des Belisar und Narses 
veranlaßt hatte, waren um 500 von den Westgoten, Burgundern 
und Ostgoten lateinische Gesetzbücher für die unterworfenen 
„Römer" zusammengestellt worden. Dem mußte von Byzanz aus 
ein eigentlich römisches Gesetzbuch entgegengestellt werden. Im 
Osten hatte die jüdische Nation ihren Kodex, den Talmud, eben 
abgeschlossen; bei der ungeheuren Zahl derer, die im byzantinischen 
Reiche unter seinem Recht standen, wurde ein Gesetzbuch für die 
eigne Nation des Kaisers, die christliche, zur Notwendigkeit. 

Denn das in seiner Abfassung überstürzte und technisch 
mangelhafte Corpus Juris ist trotz allem eine arabische und also 
eine religiöse Schöpfung; das beweisen die christliche Tendenz 
vieler Interpolationen,') die auf das Kirchenrecht bezüglichen 
Konstitutionen, die im theodosianischen Kodex noch am Schluß, 
hier aber am Anfang stehen, und sehr nachdrücklich die Vorreden 
zu viel en seiner Novellen. Trotzdem ist das Buch kein Anfang, 

») Wenger S. 180 



88 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

sondern ein Ende. Das längst wertlos gewordene Latein ver- 
schwindet jetzt völlig aus dem Rechtsleben — schon die Novellen 
sind meist griechisch geschrieben — und mit ihm das törichter- 
weise darin abgefaßte Werk. Die Rechtsgeschichte aber setzt den 
Weg fort, den das syrisch-römische Rechtsbuch gewiesen hatte, 
und führt im 8. Jahrhundert zu Werken, in der Art unsrer Land- 
rechte des 18. Jahrhunderts, wie die Ekloga des Kaisers Leo'-) 
und das Corpus des persischen Erzbischofs Jesubocht, eines großen 
Juristen.2) Damals lebte bereits der größte Jurist des Islam, 
Abu Hanifa. 

18 

Die Rechtsgeschichte des Abendlandes beginnt ganz un- 
abhängig von der damals vollständig verschollenen Schöpfung 
Justinians. Von deren völliger Bedeutungslosigkeit zeugt die Tat- 
sache, daß sich der Hauptteil, die Pandekten, in einer einzigen 
Handschrift erhalten hat, die um 1050 zufällig — leider — ge- 
funden wurde. 

Die Vorkultur hat seit 500 eine Reihe germanischer Stammes- 
rechte — das west- und ostgotische, burgundische, fränkische, 
langobardische — hervorgebracht. Sie entsprechen denen der 
arabischen Vorkultur, von denen uns nur die jüdischen^) erhalten 
geblieben sind: das Deuteronomion (um 621, jetzt etwa Mos.V, 
12 — 26) und der Priesterkodex (um 450, jetzt etwa Mos. H — IV). 
Sie beschäftigen sich beide mit den Grundwerten eines primitiven 
Daseins: Familie und Habe, und benützen beide in urwüchsiger 
und doch kluger Weise ein altes zivilisiertes Recht — die Juden 
und sicherlich ebenso die Perser und andere das spätbabylonische,*) 
die Germanen einige Reste der stadtrömischen Literatur. 

Das politische Leben der gotischen Frühzeit mit seinen 
bäuerlichen, feudalen und einfachsten Stadtrechten führt sehr bald 
zu einer Sonderentwicklung in drei großen Rechtsgebieten, die 

') Krumbacher, Byzant. Lit.-Gesch. S. 606. 

*) Sachau, Syr. Rechtsbücher Bd. III. 

») Bertbolet, Kulturgeschichte Israels S. 200 ff. 

*) Eine Ahnung davon gibt das berühmte Gesetz Hammurabis, ohne daß 
wir wissen können, wie dies einzelne Werk sich dem innem Range nach zu 
dem in der babylonischen Welt überhaupt erreichten R-echt verhält. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 89 



heute noch in der gleichen Schärfe fortbestehen. Es fehlt an einer 
einheitlichen und vergleichenden Rechtsgeschichte des Abendlandes, 
welche den Sinn dieser Entwicklung bis in seine letzteTiefe verfolgt. 

Bei weitem das wichtigste wurde infolge der politischen 
Schicksale das aus dem fränkischen entlehnte normannische Recht. 
Es hat nach der Eroberung Englands 1066 das einheimische 
sächsische unterdrückt, und seitdem ist in England „ das Recht der 
Großen das Recht des ganzen Volkes". Seinen rein germanischen 
Geist hat es von einer unerhört strengen feudalen Fassung bis 
zur heute geltenden ohne Erschütterung fortgebildet und es ist 
in Kanada, Indien, Australien, Südafrika und den Vereinigten 
Staaten herrschendes Recht geworden. Ganz abgesehen von dieser 
Macht ist es auch das lehrreichste von Westeuropa. Im Unter- 
schied von den andern lag seine Weiterbildung nicht in den 
Händen theoretischer Rechtslehrer. Das Studium des römischen 
Rechts in Oxford wird der Praxis ferngehalten. Der hohe Adel 
lehnt es 1236 zu Merton ausdrücklich ab. Der Richterstand selbst 
bildet den alten Rechtsstoff durch schöpferische Präjudi.-^ien fort, 
und aus diesen praktischen Entscheidungen (reports) gehen dann 
die Rechtsbücher hervor wie dasjenige Bractons (1259). Seitdem 
und heute noch gehen das durch die Entscheidungen fortgesetzt 
lebendig erhaltene Statutenrecht und das aus der Gerichtspraxis 
jederzeit erkennbare Gewohnheitsrecht nebeneinander her, ohne 
dafs einmalige Gesetzgebungsakte der Volksvertretung nötig wären. 

Im Süden herrschten die erwähnten germanisch-romanischen 
Codices, in Südfrankreich der westgotische als droit ecrit im 
Gegensatz zum fränkischen droit coutumier des Nordens, in Italien 
bis tief in die Renaissance der bedeutendste von ihnen, der fast 
rein germanische der Langobarden. In Pavia entstand eine Hoch- 
schule deutschen Rechts, aus welcher um 1070 die weitaus 
bedeutendste rechtswissenschaftliche Leistung dieser Zeit, die 
Expositio, und gleich darauf ein Gesetzbuch, die Lombarda, hervor- 
ging, i) Die Rechtsentwicklung des gesamten Südens wurde durch 
den Code civil Napoleons abgebrochen und ersetzt. Dies Buch 
ist in allen romanischen Ländern und weit darüber hinaus die 
Grundlage weiterer Gestaltung geworden und damit nach dem 
englischen Recht das wichtigste. 

»)" S^m, Inst. S. 156. 



90 ÜRSPRUKG UND LANDSCHAFT 

In Deutschland zerrann die mit den gotischen Stammesrechten 
(Sachsenspiegel 1230, Schwabenspiegel 1274) gewaltig einsetzende 
Bewegung im Nichts. Ein Gewirr kleiner Stadt- und Territorial- 
rechte kam auf, bis die lebensfremde politische Romantik von 
Träumern und Schwärmern wie dem Kaiser Maximilian, die im 
Elend der Tatsachen aufblühte, auch das Recht ergriff. Der Reichstag 
zu Worms schuf 1495 nach italienischem Muster die Kammer- 
gerichtsordnung. Zum Heiligen Römischen Reich trat das kaiserlich 
römische als gemeines deutsches Recht. Das altdeutsche Prozeß- 
verfahren wurde gegen das italienische vertauscht, die Richter 
mußten jenseits der Alpen studieren und sie empfingen ihre 
Erfahrung statt aus dem Leben, das sie umgab, aus einer begriffe- 
spaltenden Philologie. Nur in diesem Lande gibt es seitdem 
Ideologen des römischen Rechts, welche das Corpus Juris wie ein 
Heiligtum gegen die Wirklichkeit verteidigen. 

Was war es denn, das unter diesem Namen in den geistigen 
Besitz einer kleinen Anzahl gotischer Menschen überging? Um 
1100 hatte an der Hochschule zu Bologna ein Deutscher, Lrnerius, 
jene einzige Pandektenhandschrift zum Gegenstand einer echten 
Rechtsscholastik gemacht. Er übertrug die langobardische Methode 
auf den neuen Text, ,än dessen Wahrheit als einer ratio scripta 
geglaubt wird wie an die Bibel und den Aristoteles".^) Wahrheit — 
aber das gotische Verstehen, an die gotische Lebenshaltung 
gebunden, war weit davon entfernt, den Geist dieser Sätze, der 
die Prinzipien eines zivilisierten und weltsfcädtischen Lebens in 
sich schloß, auch nur von fern zu ahnen. Diese Glossatorenschule 
stand wie alle Scholastik im Banne des Begriffsrealismus — das 
eigentlich Wirkliche, die Substanz der Welt, sind nicht die Dinge, 
sondern die allgemeinen Begriffe — und es war für sie über allen 
Zweifel erhaben, daß man das wahre Recht nicht aus Gewohnheit 
und Sitte wie die .elende und schmutzige" Lombarda, sondern 
durch Hin- und Herwenden abstrakter Begriffe finde. ^) Sie hatten 
ein rein dialektisches Interesse an dem Buch^) und dachten nicht 
im geringsten an eine Anwendung ihrer Gelehrsamkeit auf das 
Leben. Erst nach 1300 dringen ihre Glossen und Summen gegen 

1) Lenel I, S. 395. 

*) Das Wortspiel von lombardischer faex und römischer lex ist von 
Huguccio (1200). 3) W. Goetz, Arch. f. Kulturgesch. 10, 28fif. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 91 



die lombardischen Rechte der Renaissanoestädte langsam vor. 
Die Juristen der Spätgotik, Bartolus vor allem, haben kanonisches 
und germanisches Recht zu einem für die praktische Anwendung 
bestimmten Ganzen verschmolzen. Sie trugen wirkliche Gedanken 
hinein und zwar die einer beginnenden Spätzeit, die etwa der 
Gesetzgebung Drakons und den Erlassen der Kaiser von 
Diokletian bis Theodosius entspricht. Die Schöpfung des 
Bartolus ist in Spanien und Deutschland als «römisches Recht" 
geltend geworden; nur in Frankreich ging die Jurisprudenz des 
Barock seit Cujacius und Donellus vom scholastischen zum 
byzantinischen Text zurück. 

Neben der abstrakten Leistung des Irnerius ist aber, und 
zwar auch in Bologna, etwas ganz Entscheidendes geschehen. 
Hier schrieb um 1140 der Mönch Gratian sein berühmtes Decretum. 
Er schuf damit die abendländische Wissenschaft vom geist- 
lichen Recht, indem er^) das altkatholische — magische — 
Kirchenrecht von dem früharabischen') Ursakrament der Taufe 
her in ein System brachte. Nun hatte das neukatholische — 
faustische — Christentum eine Form gefunden, in der es sein 
Dasein rechtlich zum Ausdruck brachte. Es geschah von dem 
gotischen Ursakrament des Altars (und dessen Stütze, der 
Priesterweihe) aus. 1234 ist im Liher extra das Hauptstück des 
Corpus Juris Canonici fertig geworden. Was das Kaisertum nicht 
vermocht hatte, die Schöpfung eines allgemein abend- 
ländischen Corpus Juris Oermanici aus all den reichen 
Ansätzen der Stammesrechte, das gelang dem Papsttum. Ein 
vollständiges Privatrecht mit Strafrecht und Prozeßordnung 
entstand mit germanischer Methode aus dem geistlich-weltlichen 
Rechtsstoff der Gotik. Es ist das „römische" Recht, dessen Geist 
seit Bartolus auch das Studium des justinianischen Werkes durch- 
drang. Und damit erscheint auch im Recht der große faustische 
Zwiespalt, welcher den riesenhaften Kampf zwischen Kaisertum 
und Papsttum heraufgeführt hat. Wie in der arabischen Welt 
der Widerspruch zwischen jus und fas unmöglich, so ist er in 
der abendländischen unvermeidlich. Sie sind beide Ausdruck eines 
Willens zur Macht über das Unendliche: der weltliche Rechtswille 

') Nach Sohms letzter Abhandlung: Das altkatholische Kirchenrecht und 
das Dekret Gratians, 1918. «) Vgl. Kap. III A. 



92 URSPRUNG UND LANDbCH.Vi'T 



stammt aus der Sitte • und legt seine Hand auf die Generationen 
der Zukunft, der geistliche stammt aus einer mystischen Gewißheit 
und gibt ein zeitlos ewiges Gesetzt) Dieser Kampf ebenbürtiger 
Gegner ist nie beendet worden und steht uns heute noch im 
Eherecht, in dem Gegensatz von kii-chlicher und ziviler Trauung 
vor Augen. 

Mit dem Anbruch des Barock erhebt das Leben, das städtische 
und geldwirtschaftliche Formen angenommen hat, die Forderung 
nach einem Recht, wie es die antiken Stadtstaaten seit Solon 
gaben. Man versteht jetzt den Zweck des geltenden Rechts, aber 
an dem verhängnisvollen Erbe der Gotik, daß ein Gelehrtenstand 
die Schöpfung des „Rechtes, das mit uns geboren ist", als sein 
Privilegium betrachtet, vermochte niemand etwas zu ändern. 

Der städtische Rationalismus wendet sich wie in der sophisti- 
schen und stoischen Philosophie dem Naturrecht zu, von seiner 
Begründung durch Oldendorp und Bodinus bis zu seiner Zerstörung 
durch Hegel. In England hat sein gröfster Jurist, Coke, das 
germanische, sich in der Praxis fortbildende Recht gegen den 
letzten Versuch verteidigt, den die Tudors zur Einführung des 
Pandektenrechts machten. Auf dem Festlande aber entwickelten 
sich die gelehrten Systeme in römischen Formen bis zu den 
deutschen Landrechten und den Entwürfen des ancien regime^ 
auf die Napoleon sich stützte. Und so ist Backstones Kommentar 
zu den Laws of England (1765) der einzige rein germanische 
Kodex an der Schwelle der abendländischen Zivihsation. 



19 

Hiermit bin ich am Ziel und ich blicke um mich. Drei 
Rechtsgeschichten liegen vor dem Auge, verknüpft nur durch die 
Elemente der sprachlichen und syntaktischen Form, welche die 
eine von der andern nahm oder nehmen mußte, ohne durch deren 
Gebrauch das fremde Dasein, das ihnen zugrunde lag, auch nur 
zu Gesicht zu bekommen. Zwei von ihnen sind vollendet. Li der 
dritten stehen wir selbst und zwar an der entscheidenden Stelle, 
wo die aufbauende Arbeit großen Stils erst beginnt, welche dort 
ausschließlich den Römern und dem Islam zugefallen ist. 



') Vgl. Kap. IVA. 



ÜRSrilUNG UND LANDSCHAFT 93 



Was war uns bis jetzt das römische Recht? Was hat es 
verdorben? Was kann es uns in Zukunft sein? 

Durch unsere Rechtsgeschichte geht als Grundmotiv der 
Kampf zwischen Buch und Leben. Das abendländische Buch ist 
nicht Orakel und Zaubertext mit magischem Geheimsinn, sondern 
ein Stück aufbewahrter Geschichte. Es ist gedrängte 
Vergangenheit, die Zukunft werden will, und zwar durch uns, 
die Leser, in denen sein Inhalt wieder auflebt. Der faustische 
Mensch will nicht wie der antike sein Leben als etwas in sich 
Geschlossenes vollenden, sondern ein Leben fortsetzen, das weit 
vor ihm anhob und lange nach ihm zu Ende geht. Für den 
gotischen Menschen, insofern er über sich nachsann, stand es 
nicht in Frage, ob, sondern wo er sein Dasein historisch anknüpfen 
sollte. Er brauchte eine Vergangenheit, um der Gegenwart Sinn 
und Tiefe zu geben. Wie vor dem geistlichen Blick das alte Israel, 
so tauchte vor dem weltlichen das alte Rom auf, dessen Trümmer 
man allenthalben sah. Man verehrte es, nicht weil es groß, sondern 
weil es alt und fern war. Hätten diese Menschen Ägypten gekannt, 
sie würden Rom kaum bemerkt haben. Die Sprache unserer Kultur 
wäre anders geworden. 

Da sie eine Bücher- und Leserkultur war, so ist überall, 
wo es noch antike Schriften gab, eine „Rezeption" eingetreten, 
und die Entwicklung nahm die Form einer langsamen und wider- 
willigen Befreiung an. Rezeption des Aristoteles, des Euklid, des 
Corpus Juris heißt — im magischen Osten bedeutet sie etwas 
anderes — ein Gefäß für die eignen Gedanken fertig und viel 
zu früh entdecken. Aber damit wird ein historisch veranlagter 
Mensch der Sklave von Begriffen. Nicht daß ein fremdes Lebens- 
gefühl in sein Denken kommt, denn es kommt nicht hinein, aber 
es hindert sein eignes Lebensgefühl daran, eine unbefangene 
Sprache zu entwickeln. 

Nun ist das Rechtsdenken gezwungen, sich auf etwas Greif- 
bares zu beziehen. Rechtsbegriffe müssen von irgend etwas ab- 
gezogen werden. Und da liegt das Verhängnis: statt sie aus der 
starken und strengen Sitte des sozialen und wirtschaftlichen 
Daseins zu gewinnen, wurden sie vorzeitig und zu schnell aus 
lateinischen Schriften abstrahiert. Der abendländische Jurist wird 
Philologe, und an die Stehe praktischer Lebenserfahrung tritt 



94 ÜESPRÜNG UND LANDSCHAFT 

eine gelehrte Erfahrung von der rein logischen Zerlegung und 
Verknüpfung der Rechtsbegriffe, die ausschließlich in sich selbst 
begründet wird. 

Darüber ist uns eine Tatsache vollständig abhanden gekommen, 
daß nämlich das Privatrecht den Geist des jeweiligen 
sozialen und wirtschaftlichen Daseins darstellen soll. 
Weder der Code civil noch das preußische Landrecht, weder 
Grotius noch Mommsen sind sich dieser Tatsache deutlich bewußt. 
Weder die Ausbildung des Juristenstandes noch die Literatur 
lassen auch nur die geringste Ahnung von dieser eigentlichen 
»Quelle* des geltenden Rechts aufkommen. 

Infolgedessen besitzen wir ein Privatrecht auf der schatten- 
haften Grundlage der spätantiken Wirtschaft. Die tief© 
Erbitterung, welche mit dem Beginn des zivilisierten abend- 
ländischen Wirtschaftslebens die Namen Kapitalismus und Sozialis- 
mus einander entgegenstellt, beruht zum großen Teil darauf, daß 
das gelehrte Rechtsdenken und unter seinem Einfluß das Denken 
der Gebildeten überhaupt so entscheidende Begriffe wie Person, Sache 
und Eigentum an Zustände und Einteilungen des antiken Lebens 
anknüpft. Das Buch stellt sich zwischen die Tatsachen und ihre 
Auffassung. Der Gebildete — und das heißt der durch Bücher 
Gebildete — wertet heute noch wesentlich antik. Der nur Tätige 
und nicht zum Urteü Erzogene fühlt sich mißverstanden. Er 
bemerkt den Widerspruch zwischen dem Leben der Zeit und 
seiner rechtlichen Erfassung und sucht nach dem, welcher ihn, 
seiner Meinung nach aus Eigennutz, hervorgebracht hat. 

Es ist wieder die Frage: Von wem und für wen wird das 
abendländische Recht geschaffen ? Der römische Prätor war Grund- 
besitzer, Offizier, in Verwaltungs- und Finanzfragen erfahren und 
erst damit für seine richterliche und zugleich rechtsetzende Tätig- 
keit geschult. Der praetor peregrinus entwickelte das Fremden- 
recht als wirtschaftliches Verkehrsrecht einer spätantiken Welt- 
stadt, und zwar ohne Plan und Tendenz, nur aus wirklich vor- 
liegenden Fällen heraus. 

Der faustische Wüle zur Dauer aber verlangt ein Buch, das'. 
jjVon nun an für immer" güt,^) ein System, das jeden überhaupt 

*) Was in England für immer gilt, ist die ständige Form der Weiter- 
bildung des Rechtes durch die Praxis. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 95 

möglichen Fall vorwegnehmen soll. Dies Buch, eine gelehrte 
Arbeit, schuf sich mit Notwendigkeit einen gelehrten Stand von 
Rechtsschöpfern und Rechtsverwaltern : die Doktoren der Fakul- 
täten, die alten deutschen Juristenfamilien, die französische 
nohlesse de rohe. Die englischen Judges, wenig mehr als hundert, 
werden zwar dem höheren Verteidigerstand (den harristers) ent- 
nommen, stehen aber im Rang selbst über den Ministern. 

Ein gelehrter Stand ist weltfremd. Er verachtet die Er- 
fahrung, die nicht aus dem Denken stammt. Es erhebt sich ein 
unvermeidlicher Kampf zwischen der fließenden Sitte des prak- 
tischen Lebens und dem „Stand der Wissenschaft". Jene Pandekten- 
handschrift des Irnerius ist durch Jahrhunderte „die Welt" ge- 
wesen, in welcher der gelehrte Jurist lebte. Selbst in England, 
wo es keine Rechtsfakultäten gibt, nahm die Juristenzunft die 
Ausbildung des Nachwuchses ausschließlich in die Hand und 
sonderte damit die Entwicklung der Rechtsbegriffe von der all- 
gemeinen Entwicklung ab. 

Was wir bis heute Rechtswissenschaft nennen, ist also ent- 
weder Philologie der Rechtssprache oder Scholastik der Rechts- 
begriffe, Es ist die einzige Wissenschaft, die heute noch den Sinn 
des Lebens aus „ewigen" Grundbegriffen ableitet. „Die deutsche 
Rechtswissenschaft von heute stellt in sehr bedeutendem Maße 
ein Erbe der Scholastik des Mittelalters dar.') Ein rechts- 
theoretisches Durchdenken der Grundwerte unseres wirklichen 
Lebens hat noch nicht angefangen. Wir kennen diese Werte 
noch gar nicht." 

Dies ist eine Aufgabe, welche dem deutschen Denken der Zu- 
kunft vorbehalten ist. Es handelt sich darum, aus dem praktischen 
Leben der Gegenwart dessen tiefste Prinzipien zu entwickeln und 
sie zu grundlegenden Rechtsbegriffen zu erheben. Die großen 
Künste liegen hinter uns, die Rechtswissenschaft liegt vor uns. 

Denn die Arbeit des 19. Jahrhunderts war, sie mochte sich 
selbst für noch so schöpferisch halten, lediglich Vorbereitung. Sie 
hat uns von dem Buche Justinians befreit, nicht von den 
Begriffen. Die Ideologen des römischen Rechts unter den Ge- 
lehrten kommen nicht mehr in Betracht, aber die Gelehrsamkeit 
alten Stils ist geblieben. Eine andere Art von Rechtswissenschaft 

M^ohm, Inst. S. 170. 



96 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

ist notwendig, um uns auch vom Schema dieser Begriffe zu be- 
freien. Die philologische muß durch eine soziale und wirtschaft- 
liche Erfahrung abgelöst werden. 

Ein Blick auf das deutsche Privatrecht und Strafrecht ent- 
hüllt die Lage. Es sind Systeme, die von einem Kranz von 
Nebengesetzen umgeben sind. Es war unmöglich, deren Stoff dem 
Hauptgesetz einzuverleiben. Hier fällt begrifflich und also syn- 
taktisch auseinander, was mit dem antiken Schema noch eben 
erfaßbar war und was nicht. 

Warum mußte der Diebstahl von elektrischer Kraft, nach 
einem grotesken Streit, ob es sich um eine körperliche Sache 
handle, 1900 durch ein Notgesetz unter Strafe gesteht werden? 
Warum kann der Inhalt der Patentgesetze nicht in das Sachen- 
recht hineingearbeitet werden? Warum vermag das Urheberrecht 
die geistige Schöpfung, deren mitteilbare Gestalt als Manuskript 
und das gegenständliche Druckwerk begrifflich nicht auseinander- 
zuhalten? Warum mußte im Widerspruch zum Sachenrecht an 
einem Gemälde das künstlerische und das materielle Eigentum 
durch die Trennung vom Erwerb des Originals und des Reproduktions- 
rechtes unterschieden werden? Warum ist die Entwendung einer 
geschäftlichen Idee oder eines Organisationsplanes straffrei, die 
Entwendung des Papierstückes, auf dem der Entwurf steht, aber 
nicht? AVeil wir heute noch von dem antiken Begriff der 
körperlichen Sache beherrschtsind. 1) Wir leben anders. Unsere 
instinktive Erfahrung steht unter den funktionalen Begriffen 
der Arbeitskraft, des Erfinder- und Unternehmergeistes, der 
geistigen, körperlichen, künstlerischen, organisatorischen Ener- 
gien, Fähigkeiten und Talente. Unsere Physik, deren weit fort- 
geschrittene Theorie ein genaues Abbild unserer heutigen Lebens- 
weise ist, kennt den alten Begriff des Körpers, wie gerade die 
Lehre von der elektrischen Kraft beweist, überhaupt nicht mehr. 
Warum ist unser Recht begrifflich ohnmächtig gegenüber den 
großen Tatsachen der heutigen Wirtschaft? Weil es auch die 
Person nur als Körper kennt. 

Wenn das abendländische Rechtsdenken antike Worte über- 
nahm, so blieb nur das Oberflächlichste der antiken Bedeutung 
an ihnen haften. Der Textzusammenhang erschließt nur den 

») BGB. § 90. 



URSPRUNG UND LANDSCHAFT 97 



logischen Wortgebrauch und nicht das Leben, das ihm zugrunde 
lag. Die stille Metaphysik alter Rechtsbegriffe ist durch keinen 
Gebrauch im Denken fremder Menschen wieder zu erwecken. 
Gerade das Letzte und Tiefste ist in keinem Recht der Welt aus- 
gesprochen, weil es selbstverständlich ist. Jedes von ihnen setzt das 
Wesenthche schweigend voraus; es wendet sich an Menschen, die 
außer der Satzung auch das nie Auszusprechende und gerade 
dieses innerlich verstehen und zu gebrauchen wissen. Jedes Recht 
ist in einem nie zu überschätzenden Maße Gewohnheitsrecht: 
mag das Gesetz die Worte definieren; das Leben deutet sie. 

Wenn aber eine von Gelehrten behandelte fremde Rechts- 
sprache mit ihrem Begriffschema das eigne Recht binden will, 
so bleiben die Begriffe leer und das Leben stumm. Das Recht 
wird nicht zur Waffe, sondern zur Last und die Wirkhchkeit 
schreitet nicht mit, sondern neben der Rechtsgeschichte fort. 

Und deshalb ist der von den Tatsachen unserer Zivilisation 
geforderte Rechtsstoff dem antiken Schema der Rechtsbücher zum 
Teil äußerlich, zum Teil gar nicht eingegliedert, und damit für 
das Rechtsdenken und also das Denken der Gebildeten noch form- 
los und mithin nicht vorhanden. 

Sind Personen und Sachen im Sinne unserer heutigen Gesetz- 
gebung überhaupt Rechtsbegriffe? Nein! Sie ziehen nur eine 
banale Grenze zwischen dem Menschen und dem übrigen, sie treffen 
eine sozusagen naturwissenschaftliche Unterscheidung, Aber an dem 
römischen Begriff persona haftete einst die ganze Metaphysik des 
antiken Seins : Der Unterschied von Mensch und Gottheit, das Wesen 
der Polis, des Heros, des Sklaven, des Kosmos aus Stoff und Form, 
das Lebensideal der Ataraxie sind die selbstverständliche Voraus- 
setzung, die für uns durchaus verschwunden ist. Das Wort Eigen- 
tum ist in unserem Denken mit der antiken statischen Definition 
behaftet und fälscht deshalb in allen Anwendungen den dynamischen 
Charakter unserer Lebensführung. Wir überlassen solche Defini- 
tionen weltfremden und abstrakten Ethikern, Juristen, Philosophen 
und dem verständnislosen Gezänk politischer Doktrinäre, und 
dennoch beruht das ganze Verstehen der Wirtschaftsgeschichte 
dieser Tage auf der Metaphysik dieses einen Begriffes. 

Und deshalb sei es hier in aller Schärfe gesagt: Das antike 
Recht war ein Recht von Körpern, unser Recht ist das von 

Spengler, 0er Untergang des Abendlandes, II. 7 



98 URSPRUNG UND LANDSCHAFT 

Funktionen. Die Römer schufen eine juristische Statik, unsere 
Aufgabe ist eine juristische Dynamik. Für uns sind Personen nicht 
Körper, sondern Einheiten der Kraft und des Willens, und Sachen 
nicht Körper, sondern Ziele, Mittel und Schöpfungen dieser Ein- 
heiten. Die antike Beziehung zwischen Körpern war die Lage, 
die Beziehung zwischen Kräften heißt aber Wirkung. Für einen 
Römer war der Sklave eine Sache, die neue Sachen hervorbrachte. 
Der Begriff des geistigen Eigentums ist einem Schriftsteller wie 
Cicero nie gekommen, geschweige denn der des Eigentums an einer 
praktischen Idee oder den Möglichkeiten einer großen Begabung. Für 
uns aber ist der Organisator, Erfinder und Unternehmer eine 
erzeugende Kraft, die auf andere, ausführende Kräfte 
wirkt, indem sie ihnen Richtung, Aufgabe und Mittel zu eigner 
Wirkung gibt. Beide gehören dem Wirtschaftsleben an nicht als 
Besitzer von Sachen, sondern als Träger von Energien. 

Eine Umstellung des gesamten Rechtsdenkens nach Analogie 
der höheren Physik und Mathematik wird zur Forderung der Zu- 
kunft. Das gesamte soziale, wirtschaftliche, technische Leben 
wartet darauf, endlich in diesem Sinne begriffen zu werden ; wir 
brauchen mehr als ein Jahrhundert schärfsten und tiefsten Denkens, 
um dies Ziel zu erreichen. Und dazu bedarf es einer ganz andern 
Art der Vorbildung des Juristen. Sie fordert 

1. eine unmittelbare ausgedehnte und praktische Erfahrung 
im Wirtschaftsleben der Gegenwart, 

2. eine genaue Kenntnis der Rechtsgeschichte des Abend- 
landes, unter beständiger Vergleichung der deutschen, 
englischen und romanischen Entwicklung, 

3. die Kenntnis des antiken Rechts und zwar nicht als eines 
Musters der heute geltenden Begriffe, sondern als glänzen- 
des Beispiel dafür, wie ein Recht sich rein aus dem prak- 
tischen Leben der Zeit entwickelt. 

Das römische Recht hat aufgehört, für uns der Ursprung 
der für immer gültigen Grundbegriffe zu sein. Aber das Ver- 
hältnis zwischen dem römischen Dasein und den römischen Rechts- 
begriffen macht es uns von neuem wertvoll. Wir können an ihm 
lernen, wie wir unser Recht aus eignen Erfahrungen heraus- 
zubilden haben. 



ZWEITES KAPITEL 

STÄDTE UND VÖLKER 



DIE SEELE DER STADT 



1 



Am ägäischen Meer liegen um die Mitte des zweiten Jahr- 
tausends V. Chr. zwei Welten sich gegenüber, eine, die in dumpfen 
Ahnungen, hoffnungsschwer und trunken von Leid und Tat der 
Zukunft leise heranreift: die mykenische — und eine andere, die 
sich heiter und gesättigt hinlagert unter den Schätzen einer alten 
Kultur, fein und leicht, alle großen Probleme weit hinter sich: 
die minoische auf Kreta. 

Wir werden diese Erscheinung, die eben heute in den Mittel- 
punkt der Forschung rückt, nie wirklich verstehen, wenn wir 
den Abgrund der Gegensätze nicht ermessen, der zwischen beiden 
Seelen liegt. Die Menschen von damals müssen ihn tief gefühlt, 
aber kaum „erkannt" haben. Ich sehe es vor mir: das ehrfürch- 
tige Hinaufschauen der Burgbewohner von Tiryns und Mykene zu 
der unerreichten Geistigkeit der Lebensgewohnheiten in Knossos; 
die Verachtung, mit welcher dessen gepflegte Bevölkerung auf jene 
Häuptlinge und ihr Gefolge herabblickte; und doch wieder ein 
heimliches Gefühl von Überlegenheit bei diesen gesunden Barbaren, 
wie es jeder germanische Soldat den greisenhaften Würdenträgern 
Roms gegenüber hatte. 

Woher wir das wissen dürfen? — Es gab mehr solcher 
Augenblicke, wo die Menschen zweier Kulturen sich ins Auge 
sahen. Wir kennen mehr als ein „zwischen den Kulturen". Es 
kommen da Stimmungen zum Vorschein, welche zu den auf- 
schlußreichsten der Menschenseele gehören. 

Wie ohne Zweifel zwischen Knossos und Mykene, so war auch 
das Verhältnis zwischen dem byzantinischen Hofe und den deutschen 
Großen, die wie Otto H. dorthin heirateten, das helle Verwundern 
der Ritter und Grafen, und als Antwort darauf das verächtliche Er- 
staunen einer feinen, etwas welken und müden Zivilisation über die 
bärenmäße Morgenfrühe und Frische der deutschen Lande, wie 
es Scheffels Ekkehard beschreibt. 

In Karl dem Großen tritt jene Mischung urmenschlichen 
Seelentums kurz vor dem Erwachen und einer späten darüber 



102 STÄDTE UND VÖLKER 

gelagerten Geistigkeit hell zutage. Wir können ihn nach gewissen 
Zügen seiner Herrschaft als den Khalifen von Frankistan be- 
zeichnen; andererseits ist er noch der Häuptling eines germa- 
nischen Stammes; in der Mischung von beidem liegt das Sym- 
bolische der Erscheinung, wie in den Formen der Aachener 
Palastkapelle, die nicht mehr Moschee und noch nicht Dom ist. 
Die germanisch-abendländische Vorkultur schreitet unterdessen 
langsam und unterirdisch vor, aber jenes plötzliche Aufleuchten, 
das wir ungeschickt genug als karolingische Renaissance be- 
zeichnen, kam durch einen Strahl von Bagdad her. Man über- 
sehe nicht, daß die Zeit Karls des Großen eine Episode der Ober- 
fläche ist. Mit ihm ist etwas gleich wieder zu Ende, etwas Zu- 
fälliges und Folgenloses. Nach 900, nach einer tiefen Senkung 
beginnt etwas Neues, das mit der Wucht eines Schicksals und 
mit einer Tiefe, die Dauer verheißt, zur Wirkung gelangt. Aber 
um 800 ging die arabische Zivilisation von den Weltstädten des 
Orients wie eine Sonne über den Ländern auf, ganz wie einst 
die hellenistische, die ohne Alexander und sogar vor ihm ihren 
Glanz bis zum Indus warf. Alexander hat sie weder aufgeAveckt 
noch ausgebreitet; er zog auf ihrer Bahn nach dem Osten und 
nicht an ihrer Spitze. 

Was auf den Hügeln von Tiryns und Mykene steht, sind 
Pfalzen und Burgen nach urwüchsiger germanischer Art. Die 
kretischen Paläste — nicht Königsschlösser, sondern gewaltige 
Kultanlagen für eme zahlreiche Gemeinschaft von Priestern und 
Priesterinnen — sind mit einem weltstädtischen, wahrhaft spät- 
römischen Luxus ausgestattet. An den Fuß jener Burghügel 
drängen sich die Hütten der Ackerbürger und Hörigen ; auf Kreta 
werden — wie in Gurnia und Hagia Triada — Städte und Villen 
ausgegraben, welche hochzivilisierte Bedürfnisse und eine Bau- 
technik mit langen Erfahrungen erkennen lassen, die mit den 
verwöhntesten Ansprüchen an Möbelform und Wanddekoration, 
mit Lichtschächten, Kanalisationsanlagen, Treppenhäusern und 
ähnlichen Aufgaben durchaus vertraut ist. Wir haben den Grund- 
riß des Hauses dort als strenges Lebenssymbol, hier als Ausdruck 
einer raffinierten „Zweckmäßigkeit". Man vergleiche diese kre- 
tischen Kamaresvasen und Fresken auf geglättetem Stuck mit 
allem echtMykenischen. Das ist durch und durch Kunstgewerbe, 



STÄDTE UND VÖLKER 103 



fein und leer, und nicht etwa eine große und tiefe Kunst, von 
schwerer, unbeholfener Symbolik, wie sie dort dem geometrischen 
Stil entgegenreift. Es ist überhaupt kein Stil, sondern ein Ge- 
schmack.^) In Mykene haust eine ursprüngliche Rasse, die ihre 
Sitze nach dem Bodenertrag und der Sicherheit vor Feinden 
wählt; die minoische Bevölkerung siedelt nach geschäftlichen 
Gesichtspunkten, wie es ganz deutlich die Stadt Philakopi auf 
Melos zeigt, die des Obsidianexports wegen angelegt wurde. 
Ein mykenischer Palast ist ein Versprechen, ein minoischer ist 
etwas Letztes. Aber ganz ebenso lagen um 800 die fränkischen 
und westgotischen Gehöfte und Edelsitze von der Loire bis zum 
Ebro, und südlich davon die maurischen Schlösser, Villen und 
Moscheen von Kordova und Granada. 

Es ist gewif3 kein Zufall, daß die Blüte des minoischen Luxus 
genau in die Zeit der großen ägyptischen Revolution, vor allem 
die Hyksoszeit fällt (1780— 1580). 2) Damals mögen die ägyptischen 
Kunsthandwerker auf die friedlichen Inseln und bis zu den Burgen 
des Festlandes geflüchtet sein, wie in einem späteren Falle die 
byzantinischen Gelehrten nach Italien. Denn das gehört zur 
Voraussetzung jedes Verständnisses: die minoische Kultur ist ein 
Bestandteil der ägyptischen. Wir würden das besser wissen, wenn 
nicht der entscheidende Teil der ägyptischen Kunstschöpfungen, 
aUes was im westlichen Delta entstanden ist, der Feuchtigkeit 
des Bodens zum Opfer gefallen wäre. Wir kennen nur die ägyptische 
Kultur, soweit sie auf dem trockenen Boden des Südens blühte, 
aber es besteht längst kein Zweifel mehr, daß hier nicht der 
Schwerpunkt der Entwicklung gelegen hat. 

Eine scharfe Grenze zwischen der alten minoischen und der 
jungen mykenischen Kunst läßt sich nicht ziehen. In der ganzen 
ägyptisch-kretischen Welt ist eine höchst moderne Liebhaberei 
für .diese fremdartigen und primitiven Dinge zu bemerken und 
umgekehrt haben die Heerkönige auf den Burgen des Festlandes 
die kretischen Kunstsachen, wo sie nur konnten, geraubt, ge- 
kauft und jedenfalls bewundert und nachgeahmt, wie ja auch 
der früher als urgermanisch gepriesene Völkerwanderungsstil 

^) Das erkennt jetzt auch die Kunstforschung: v. Salis, Die Kunst der 
Griechen, 1919, S. 3 ff. H. Th. Bessert, Alt Kreta 1921, Einl. ^) D. Fimmen, 
Die kretisch-mykenische Kultiu-, 1921, S. 210. 



104 STÄDTE UND VÖLKER 

seiner gesamten Formensprache nach orientalischer Herkunft ist. ^) 
Sie ließen ihre Pfalzen und Grabmäler von gefangenen oder herbei- 
gerufenen Künstlern des Südens bauen und verzieren. Das „ Atreus- 
grab" in Mykene stellt sich damit völlig neben das Grab Theo- 
derichs in Ravenna. 

Ein Wunder dieser Art ist Byzanz. Man muß hier sorg- 
fältig Schicht um Schicht abheben, zuerst damals, als Konstantin 
326 die von Septimius Severus zerstörte Großstadt als spät- 
antike Weltstadt ersten Ranges wieder aufbaute und nun von 
Westen her apollinisches Greisentum,, von Osten magische Jugend 
hereinströmte; und dann noch einmal, als 1096 vor den Mauern 
der jetzt spätarabischen Weltstadt die Kreuzfahrer unter 
Gottfried von Bouillon erschienen — von denen die geistreiche 
Anna Komnena in ihrem Geschichtswerk ein schonungslos ver- 
ächtliches Bild entwirft 2) — wo in die letzten /'Herbsttage dieser 
Zivilisation etwas Frühlingshaftes hereinbricht. Diese Stadt hat 
als die östlichste der antiken Zivilisation die Goten, und ein 
Jahrtausend später als die nördlichste der arabischen die Russen 
bezaubert: da steht die gewaltige Basiliuskathedrale in Moskau 
von 1554, die russischeVorkultur einleitend, „zwischen den Stilen", 
wie über einen Raum von zwei Jahrtausenden hinweg der salo- 
monische Tempel zwischen der Weltstadt Babylon und dem 
frühen Christentum. 



Der ursprüngliche Mensch ist ein schweifendes Tier, ein 
Dasein, dessen Wachsein sich ruhelos durch das Leben tastet, 
ganz Mikrokosmos, ortsfrei und heimatlos, mit scharfen und 
ängstlichen Sinnen, immer darauf bedacht, der feindlichen Natur 
etwas abzujagen. Eine tiefe Wandlung beginnt erst mit dem 
Ackerbau — denn dies ist etwas Künstliches, wie es Jägern 
und Hirten durchaus fern liegt: Wer gräbt und pflügt, will die 
Natur nicht plündern, sondern abändern. Pflanzen heißt etwas 
nicht nehmen, sondern erzeugen. Aber damit wird man 
selbst zur Pflanze, nämHch Bauer. Man wurzelt in dem Boden, 

1) Dehio, Gesch. d. deutsch. Kunst, 1919, S. 16 ff. ^) Dieterich, Byz. 

Charakterköpfe S. 136 f. 



STÄDTE UND VÖLKER 105 



den man bestellt. Die Seele des Menschen entdeckt eine Seele 
in der Landschaft; eine neue Erdverbundenheit des Daseins, ein 
neues Fühlen meldet sich. Die feindliche Natur wird zur Freundin. 
Die Erde wird zur Mutter Erde. Zwischen säen und zeugen, 
Ernte und Tod, Kind und Korn entsteht eine tiefgefühlte Be- 
ziehung. Eine neue Frömmigkeit richtet sich in chthonischen 
Kulten auf das fruchttragende Land, das mit dem Menschen zu- 
sammenwächst. Und als vollkommener Ausdruck dieses Lebens- 
gefühls entsteht überall die sinnbildliche Gestalt des Bauern- 
hauses, das in der Anlage seiner Räume und in jedem Zuge 
seiner äußeren Form vom Blut der Bewohner redet. Das Bauern- 
haus ist das große Symbol der Sefshaf tigkeit. Es ist selbst Pflanze ; 
es senkt seine Wurzeln tief in den „eigenen" Boden. Es ist 
Eigentum im heiligsten Sinne. Die guten Geister des Herdes 
und der Tür, des Grundstücks und der Räume: Vesta, Janus, 
die Laren und Penaten haben ihren festen Ort so gut wie der 
Mensch selbst. 

Dies ist die Voraussetzung jeder Kultur, die selbst wieder 
pflanzenhaft aus ihrer Mutterlandschaft emporwächst und die 
seelische Verbundenheit des Menschen mit dem Boden noch ein- 
mal vertieft. Was dem Bauern sein Haus, das ist dem Kultur- 
menschen die Stadt. Was dem einzelnen Hause die guten 
Geister, das ist jeder Stadt ihr Schutzgott oder Heiliger. Auch 
die Stadt ist ein pflanzenhaftes Wesen. Alles Nomadenhafte, alles 
rein Mikrokosmische liegt ihr ebenso fern wie dem Bauerntum. 
Deshalb ist jede Entwicklung einer höheren Formensprache an 
die Landschaft gebunden. Weder eine Kunst noch eine Religion 
können den Ort ihres Wachstums verändern. Erst die Zivilisation 
mit ihren Riesenstädten verachtet wieder diese Wurzeln des 
Seelentums und löst sich von ihnen. Der zivilisierte Mensch, 
der intellektuelle Nomade ist wieder ganz Mikrokosmos, 
ganz heimatlos, geistig frei wie die Jäger und Hirten es sinn- 
lich waren. UM hene ibi patria — das gilt vor und nach einer 
Kultur. Im Vorfrühling der Völkerwanderung war es die jung- 
fräuliche und doch schon mütterliche Germanensehnsucht, die im 
Süden eine Heimat suchte, um für ihre künftige Kultur ein Nest 
zu bauen. Heute, am Ende dieser Kultur, schweift der wurzel- 
lose Geist durch alle landschaftlichen und gedanklichen Möghch- 



106 STÄDTE UND VÖLKER 



keiten. Dazwischen aber liegt die Zeit, wo der Mensch für ein 
Stück Erde stirbt. 

Es ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung 
nie gewürdigte Tatsache, daß aUe großen Kulturen Stadtkulturen 
sind. Der höhere Mensch des zweiten Zeitalters ist ein städte- 
bauendes Tier. Dies ist das eigentliche Kriterium der „Welt- 
geschichte", das sie von der Menschengeschichte überhaupt aufs 
schärfste abhebt — Weltgeschichte ist die Geschichte des 
Stadtmenschen. Völker, Staaten, Politik und Religion, alle 
Künste, alle Wissenschaften beruhen auf einem Urphänomen 
menschlichen Daseins: der Stadt. Da alle Denker aller Kulturen 
selbst in Städten leben — auch wenn sie sich körperUch auf 
dem Lande befinden — so wissen sie gar nicht, ein wie bizarres 
Ding die Stadt ist. Wir müssen uns ganz in das Erstaunen 
eines Urmenschen versetzen, der zum ersten Mal inmitten der 
Landschaft diese Masse von Stein und Holz erblickt, mit ihren 
steinumgebenen Straßen und steinbelegten Plätzen, ein Gehäuse 
von seltsamster Form, in dem es von Menschen wimmelt. 

Das eigentKche Wunder ist die Geburt der Seele einer 
Stadt. Als Massenseele von ganz neuer Art, deren letzte Gründe 
für uns ein ewiges Geheimnis bleiben werden, sondert sie sich 
plötzlich ab aus dem allgemeinen Seelentum ihrer Kultur. Ist 
sie erwacht, so bildet sie sich einen sichtbaren Leib. Aus der 
dörflichen Sammlung von Gehöften, von denen jedes seine eigene 
Geschichte hat, entsteht ein Ganzes. Und dieses Ganze lebt, 
atmet, wächst, erhält ein Antlitz und eine innere Form und Ge- 
schichte. Von nun ist außer dem einzelnen Hause, dem Tempel, 
dem Dom, dem Palast auch das Stadtbild als Einheit der Gegen- 
stand einer Formensprache und Stilgeschichte, welche den ganzen 
Lebenslauf einer Kultur begleitet. 

Es versteht sich, daß nicht der Umfang, sondern das Vor- 
handensein einer Seele Stadt und Dorf unterscheidet. Es gibt 
nicht nur in primitiven Zuständen wie im heutigen Inner-Afrika, 
sondern auch im späten China und Lidien und in allen Lidustrie- 
gebieten des modernen Europa und Amerika sehr große Sied- 
lungen, die trotzdem keine Städte sind. Sie sind Mittelpunkte 
des Landes, aber sie bilden innerlich keine Welt für sich. Sie 
haben keine Seele, Jede primitive Bevölkerung lebt durchaus 



STÄDTE UND VÖLKER 107 

bäuerlich und landmäßig. Das Wesen „Stadt" ist für sie nicht 
vorhanden. Was sich äußerlich vom Dorfe abhebt, ist nicht 
eine Stadt, sondern ein Markt, ein bloßer Treffpunkt ländlicher 
Lebensinteressen, bei welchem von einem Sonderleben keine Rede 
sein kann. Die Bewohner eines Marktes, auch wenn sie Hand- 
werker oder Kauf leute sind, leben und denken doch als Bauern. 
Wir müssen genau nachfühlen, was es heißt, wenn aus einem ur- 
ägyptischen, urchinesischen oder germanischen Dorf, einem Pünkt- 
chen im weiten Lande, eine Stadt wird, die sich äußerlich viel- 
leicht durch nichts unterscheidet, die aber seelisch der Ort ist, 
von dem aus der Mensch das Land jetzt als „Umgebung" 
erlebt, als etwas anderes und Untergeordnetes. Von nun an 
gibt es zwei Leben, das drinnen und das draußen, und der Bauer 
empfindet das ebenso deutlich wie der Bürger. Der Dorfschmied 
und der Schmied in der Stadt, der Dorfschulze und der Bürger- 
meister leben in zwei verschiedenen Welten. Der Landmensch 
und der Stadtmensch sind verschiedene Wesen. Zuerst fühlen 
sie den Unterschied, dann werden sie von ihm beherrscht; zu- 
letzt verstehen sie sich nicht mehr. Ein märkischer und ein 
sizilischer Bauer stehen sich heute näher als der märkische Bauer 
dem Berliner. Von dieser Einstellung an gibt es wirkliche Städte 
und diese Einstellung ist es, welche dem gesamten Wachsein 
aller Kulturen mit Selbstverständlichkeit zugrunde liegt. 

Jede Frühzeit einer Kultur ist zugleich die Frühzeit eines 
neuen Städtewesens. Den Menschen der Vorkultur erfüllt eine 
tiefe Scheu vor diesen Gebilden, zu denen er innerlich kein Ver- 
hältnis gewinnen kann. Am Rhein und der Donau siedelten 
sich die Germanen vielfach — z. B. in Straßburg — vor den 
Toren der Römerstädte an, die unbewohnt liegen blieben. ») Li 
Kreta haben die Eroberer auf dem Trümmerschutt der nieder- 
gebrannten Städte wie Gurnia und Knossos ein Dorf angelegt. 
Die Orden der abendländischen Vorkultur, die Benediktiner, vor 
allem die Cluniazenser und Prämonstratenser siedeln wie die Ritter 
auf freiem Lande. Erst die Franziskaner und Dominikaner bauen 
sich in den frühgotischen Städten an: da ist die neue Stadtseele 
eben erwacht. Aber auch da liegt in allen Bauten, in der ge- 
samten Franziskanerkunst noch eine zarte Schwermut, eine fast 

») Dehio, Gesch. d. deutsch. Kunst, 1919, S. 13f. 



108 STÄDTE UND VÖLKER 



mystische Furcht des einzelnen vor dem Neuen, Hellen, Wachen, 
das von der Gesamtheit noch dumpf hingenommen wird. Man 
wagt es kaum, kein Bauer mehr zu sein. Erst die Jesuiten leben 
mit dem reifen und überlegenen Wachsein echt großstädtischer 
Menschen. Es ist ein Symbol der unbedingten Vorherrschaft des 
Landes, das die Stadt noch nicht anerkennt, wenn die Herrscher 
jeder Frühzeit in wandernden Pfalzen Hof halten. Im ägyptischen 
Alten Reiche liegt der stark bevölkerte Verwaltungssitz an der 
„Weißen Mauer" beim Ptahtempel im späteren Memphis, aber 
die Residenzen der Pharaonen wechseln unaufhörlich wie im 
sumerischen Babylonien und im Karolingerreich. *) Die früh- 
chinesischen Herrscher der Dschoudynastie haben seit 1109 ihre 
Pfalz in der Regel zu Loh-yang (heute Ho-nan-fu), aber erst 
seit 770, was unserem 16. Jahrhundert entspricht, wird der Ort 
zur dauernden Residenzstadt erhoben. 

Nirgends hat sich das Gefühl der Erdverbundenheit, des 
Pflanzenhaft-Kosmischen so mächtig ausgesprochen wie in der 
Architektur dieser winzigen frühen Städte, die kaum mehr sind 
als ein paar Straußen um einen Markt, eine Burg oder ein Heilig- 
tum. Wenn es irgendwo deutlich wird, daß jeder große Stil 
selbst eine Pflanze ist, so hier. Die dorische Säule, die ägyptische 
Pyramide, der gotische Dom wachsen streng, schicksalhaft, ein 
Dasein ohne Wachsein aus dem Boden; die jonische Säule und 
die Bauten des Mittleren Reiches und des Barock ruhen voll 
erwacht, selbstbewußt, frei und sicher auf ihm. Da ist, von 
den Mächten der Landschaft abgetrennt, durch das Pflaster unter 
den Füßen gleichsam abgeschnitten, das Dasein matter, das 
Empfinden und Verstehen immer mächtiger geworden. Der Mensch 
wird , Geist", „frei" und dem Nomaden wieder ähnlicher, aber 
enger und kälter. „Geist" ist die spezifisch städtische 
Form des verstehenden Wachseins. Alle Kunst, alle Rehgion 
und Wissenschaft wird langsam geistig, dem Lande fremd, dem 
erdhaften Bauern unverständlich. Mit der Zivilisation tritt das 
Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des Daseins sind verdorrt 
in den Steinmassen ihrer Städte. Der freie Geist — ein ver- 
hängnisvolles Wort! — erscheint wie eine Flamme, die pracht- 
voll aufsteigt und jäh in der Luft verlodert. 



1) Ed. Meyer, Gesch. d. Altertums I, S. 188. 



STÄDTE UND VÖLKER 109 



Die neue Seele der Stadt redet eine neue Sprache, die sehr 
bald mit der Sprache der Kultur überhaupt gleichbedeutend 
wird. Das freie Land mit seinen dörflichen Menschen ist betroffen; 
es versteht diese Sprache nicht mehr; es wird verlegen und ver- 
stummt. Alle echte Stilgeschichte spielt sich in Städten ab. Es ist 
ausschließlich das Schicksal der Stadt und das Erleben städtischer 
Menschen, das in der Logik sichtbarer Formen zum Auge redet. 
Die allerfrüheste Gotik wuchs noch aus der Landschaft auf und 
ergriff das Bauernhaus mit seinen Bewohnern und Geräten. Aber 
der Renaissancestil wächst nur in der Renaissance st ad t, der 
Barockstil nur in der Barock stadt, von der ganz großstädtischen 
korinthischen Säule, vom Rokoko nicht zu reden. Es geht viel- 
leicht noch ein leiser Zug von dort über die Landschaft hin, aber 
das Land selbst ist nicht der kleinsten Schöpfung mehr fähig. Es 
schweigt und wendet sich ab. Der Bauer und das Bauernhaus 
sind in allem Wesentlichen gotisch geblieben und sind es noch 
heute. Das hellenische Land hat den geometrischen, das ägyp- 
tische Dorf den Stil des Alten Reiches bewahrt. 

Vor allen Dingen ist es „das Gesicht" der Stadt, dessen Aus- 
druck eine Geschichte besitzt, dessen Mienenspiel beinahe die 
Seelengeschichte der Kultur selbst ist. Da sind es erst die kleinen 
Urstädte der Gotik und aller anderen Frühkulturen, die sich fast 
in der Landschaft verlieren, echte Bauernhäuser noch, die im 
Schatten einer Burg oder eines Heiligtums sich aneinander drängen 
und ohne Veränderung der inneren Form Stadthäuser werden, 
nur weil sie nicht aus der Umgebung von Feldern und Wiesen, 
sondern von Nachbarhäusern hervorwachsen. Die Völker der Früh- 
kultur sind allmählich Stadtvölker geworden und es gibt also ein 
spezifisch chinesisches, indisches, apollinisches, faustisches Stadt- 
bild und wieder eine armenische oder syrische, eine jonische oder 
etruskische, deutsche, französische oder englische Physiognomie 
der Stadt. Es gibt eine Stadt des Phidias, eine Stadt Rembrandts, 
eine Stadt Luthers. Diese Bezeichnungen und die bloßen Namen 
Granada, Venedig, Nürnberg zaubern sofort ein festes Bild herauf, 
denn alles, was eine Kultur hervorbringt an Religion, Kunst und 
Wissen, ist in solchen Städten entstanden. Die Kreuzzüge ent- 



110 STÄDTE UND VÖLKER 

sprangen noch aus dem Geist der Ritterburgen und ländlichen 
Klöster, die Reformation ist städtisch und gehört zu schmalen 
Gassen und steilen Häusern. Das große Epos, das vom Blute 
redet und singt, gehört zur Pfalz und Burg, aber das Drama, in 
dem das wache Leben sich selbst prüft, ist Stadtpoesie, und der 
große Roman, der Blick des befreiten Geistes auf alles Mensch- 
liche, setzt die Weltstadt voraus. Es gibt, wenn man das echte 
Volkslied ausnimmt, nur Stadtlyrik, und wenn man von der „ewigen" 
Bauernkunst absieht, nur eine städtische Malerei und Architektur 
mit einer raschen und kurzen Geschichte. 

Und nun die laute Formensprache dieser großen Steingebilde, 
wie sie die Stadtmenschheit selbst, ganz Auge und Geist, im Wider- 
spruch zur leiseren Sprache der Landschaft, in ihre Lichtwelt 
hineinträgt! Die Silhouette der großen Stadt, die Dächer mit ihren 
Schornsteinen, die Türme und Kuppeln am Horizont! Welche 
Sprache redet ein Blick auf Nürnberg und Florenz, auf Damaskus 
und Moskau, auf Peking und Benares! Was wissen wir vom Geist 
antiker Städte, da wir ihre Linien am südlichen Himmel, im Licht 
des Mittags, unter Wolken, am Morgen, in der sternhellen Nacht 
nicht kennen ! Diese Straßenzüge, gerade oder krumm, breit oder 
schmal, die niedrigen, steilen, hellen, düsteren Häuser, welche 
mit ihren Fassaden, ihren Gesichtern, in allen abendländischen 
Städten auf die Straße herabblicken und in allen morgenländischen 
fensterlos und vergittert ihr den Rücken kehren; der Geist der 
Plätze und Winkel, Abschlüsse und Durchblicke, der Brunnen 
und Denkmäler, der Kirchen, Tempel und Moscheen, Amphitheater 
und Bahnhöfe, Bazare und Rathäuser; und dann wieder die Vor- 
städte, Gartenhäuser und Haufen von Mietskasernen zwischen 
Unrat und Äckern, die vornehmen und arm.en Viertel, die Subura 
im antiken Rom und der Faubourg St. Germain in Paris, das alte 
Bajä und das heutige Nizza, die kleinen Stadtbilder von Rothen- 
burg und Brügge und das Häusermeer von Babylon, Tenochtitlan, 
Rom und London! Alles das hat Geschichte und ist Geschichte. 
Ein großes Ereignis der Politik — und das Gesicht einer Stadt 
legt sich in andere Falten. Napoleon hat dem bourbonischen Paris 
und Bismarck dem kleinstaatlichen Berlin eine andere Miene ge- 
geben. Das Bauerntum aber steht unbewegt, mürrisch und zornig 
daneben. 



STÄDTE UND VÖLKER. Hl 

In der frühesten Zeit beherrscht das Landschaftsbild das 
menschliche Auge allein. Es formt die Seele des Menschen, es 
schwingt mit ihm. Ein gleicher Takt geht durch sein Fühlen und 
das Rauschen der Wälder. Seine Gestalt, sein Gang, seine Tracht 
sogar schmiegen sich den Wiesen und Gebüschen an. Das Dorf 
mit seinen stillen, hügelartigen Dächern, dem Rauch am Abend, 
den Brunnen, Zäunen und Tieren liegt ganz in die Landschaft 
verloren und eingebettet. Die Landstadt bestätigt das Land, 
sie ist eine Steigerung seines Bildes; erst die späte Stadt trotzt 
ihm. Mit ihrer Silhouette widerspricht sie den Linien der Natur. 
Sie verneint alle Natur. Sie will etwas anderes und Höheres 
sein. Diese scharfen Giebel, diese barocken Kuppeln, Spitzen und 
Zinnen haben in der Natur nichts Verwandtes und wollen es nicht 
haben, und zuletzt beginnt die riesenhafte Weltstadt, die Stadt 
als Welt, neben der es keine andere geben soll, die Vernichtungs- 
arbeit am Landschaftsbilde. Einst hatte die Stadt sich ihm hin- 
gegeben, jetzt will sie es dem eigenen gleich machen. Da werden 
draußen aus Feldwegen Heerstraßen, aus Wäldern und Wiesen 
Parks, aus Bergen Aussichtspunkte, eine künstliche Natur wird 
in der Stadt selbst erfunden, Fontänen statt der Quellen, Blumen- 
beete, Wasserstreifen, beschnittene Hecken statt der Wiesen, 
Teiche und Büsche. In einem Dorfe liegt das strohgedeckte Dach 
noch wie ein Hügel, die Gasse wie ein Rain da. Hier aber er- 
öffnen sich die Schluchten hoher und langgestreckter steinerner 
Straßen, voll von farbigem Staub und fremdartigem Lärm ; Menschen 
hausen darin, wie kein natürliches Wesen sie je geahnt hatte. Die 
Trachten, selbst die Gesichter sind auf einen Hintergrund von Stein 
abgestimmt. Des Tags entfaltet sich ein Straßentreiben in seltsamen 
Farben und Tönen, des Nachts ein neues Licht, das den Mond über- 
strahlt. Und der Bauer steht ratlos auf dem Pflaster, eine lächer- 
liche Gestalt, nichts verstehend und von niemand verstanden, gut 
genug für die Komödie und um dieser Welt das Brot zu schaffen. 

Daraus folgt aber, und das ist wesentlicher als alles andere: 
alle politische, alle Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, 
wenn man die vom Lande sich mehr und mehr absondernde und 
das Land zuletzt völlig entwertende Stadt als das Gebilde erkennt, 
welches den Gang und Sinn der höheren Geschichte überhaupt 
bestimmt. Weltgeschichte ist Stadtgeschichte. 



112 STÄDTE UND VÖLKER 

Ganz abgesehen davon, daß der antike Mensch aus seinem 
euklidischen Daseinsgefühl den Staatsbegriff mit dem Verlangen 
nach einem Minimum von Ausdehnung verbindet und also den 
Staat immer nachdrücklicher mit dem Steinkörper der einzelnen 
Pohs gleichsetzt, erscheint in jeder Kiiltur sehr bald der Typus 
der Hauptstadt. Es ist, w'ie der bedeutungsvolle Narne sagt, 
die Stadt, deren Geist mit seinen politischen und wirtschaftHchen 
Methoden, Zielen und Entscheidungen das Land beherrscht. Das 
Land mit seinen Bewohnern wird Mittel und Objekt dieses führenden 
Geistes. Es versteht nicht, um was es sich handelt. Es wird 
auch nicht gefragt. Die großen Parteien in allen Ländern aller 
späten Kulturen, die Revolutionen, der Cäsarismus, die Demokratie, 
das Parlament sind die Form, in welcher der hauptstädtische Geist 
dem Lande mitteilt, was es zu wollen und wofür es unter Um- 
ständen zu sterben hat. Das antike Forum, die abendländische 
Presse sind durchaus geistige Machtmittel der herrschenden Stadt. 
Wer auf dem Lande überhaupt begreift, was in diesen Zeiten 
Politik ist und sich ihr gewachsen fühlt, geht in die Stadt, viel- 
leicht nicht körperlich, ganz gewiß aber geistig. Die Stimmung 
und öffenthche Meinung des bäuerlichen Landes, soweit es der- 
gleichen gibt, wird von der Stadt durch Schrift und Rede vor- 
geschrieben und geleitet. Theben ist Ägypten, Rom ist der orbis 
terranim, Bagdad ist der Islam, Paris ist Frankreich. Die Ge- 
schichte jeder Frühzeit spielt sich in vielen kleinen Mittelpunkten 
einzelner Landschaften ab. Die ägyptischen Gaue, die homerischen 
Griechenvölker, die gotischen Grafschaften und freien Städte haben 
einmal Geschichte gemacht. Aber, die Politik sammelt sich nach 
und nach in ganz wenigen Hauptstädten und alle anderen be- 
wahren nur noch einen Schein politischen Lebens. Daran hat auch 
die antike Atomisierung der Welt in Stadtstaaten nichts geändert. 
Schon im peloponnesischen Kriege haben nur noch Athen und 
Sparta eigentliche PoUtik gemacht. Die anderen Städte am 
Ägäischen Meer gehörten nur noch in den Machtbereich der einen 
oder andern Politik. Von einer wirklichen eigenen ist nicht mehr 
die Rede. Zuletzt ist es das Forum der Stadt Rom allein, wo die an- 
tike Geschichte spielt. Mag Cäsar in Gallien, mögen die C'äsarmörder 
in Makedonien oder Antonius in Ägypten kämpfen: was dort ge- 
schieht, erhält seinen Sinn erst durch die Beziehung auf Rom. 



STÄDTE UND VÖLKER 113 



Alle wirkliche Geschichte beginnt damit, daß die Urstände, 
Adel und Priestertum, sich als solche bilden und über das Bauern- 
tum erheben. Der Gegensatz von großem und kleinem Adel, König 
und Vasallen, weltlicher und geistlicher Macht ist die Grundform 
aller frühhomerischen, altchinesischen, gotischen Politik, bis mit 
der Stadt, dem Bürgertum, dem dritten Stande sich der 
Stil der Geschichte verwandelt. Aber es sind ausschließlich diese 
Stände, in deren Standesbewußtsein sich der gesamte Sinn der 
Geschichte sammelt. Der Bauer ist geschichtslos. Das Dorf 
steht außerhalb der Weltgeschichte, und die ganze Entwicklung 
vom „trojanischen" bis zum mithridatischen Kriege und von den 
Sachsenkaisern bis zum Weltkrieg geht über diese kleinen Punkte 
der Landschaft hinweg, sie gelegentHch vernichtend, ihr Blut ver- 
brauchend, aber ohne je ihr Inneres zu berühren. 

Der Bauer ist der ewige Mensch, unabhängig von aUer 
Kultur, die in den Städten nistet. Er geht ihr vorauf, er über- 
lebt sie, dumpf und von Geschlecht zu Geschlecht sich fort- 
zeugend, auf erdverbundene Berufe und Fähigkeiten beschränkt, 
eine mystische Seele, ein trockener, am Praktischen haftender 
Verstand, der Ausgang und die immer fließende Quelle des Blutes, 
das in den Städten die Weltgeschichte macht. 

Was die Kultur dort in den Städten ersinnt, an Staatsformen 
und Wirtschaftssitten, Glaubenssätzen, Werkzeugen, an Wissen und 
Kunst, nimmt er mißtrauisch und zögernd endlich hin, ohne des- 
halb je seine Art zu ändern. So nahm der westeuropäische Bauer aUe 
Lehren der großen Konzile vom großen lateranischen bis zu dem 
von Trient äußerlich entgegen wie die Ergebnisse der Maschinen- 
technik und der französischen Revolution. Er blieb deshalb doch, 
was er war, was er vor Karl dem Großen schon gewesen war. Die 
heutige Frömmigkeit des Bauern ist älter als das Christentum. Seine 
Götter sind älter als jede höhere Religion. Nehmt den Druck der 
großen Städte von ihm und er wird ohne Entbehrung in seinen 
natürlichen Urzustand zurückkehren. Seine wirkHche Ethik, seine 
wirkliche Metaphysik, die kein Stadtgelehrter je der Entdeckung 
für würdig gehalten hat, liegen außerhalb aller Religions- und 
Geistesgeschichte. Sie haben überhaupt keine Geschichte. 

Spengler, Der Untergang des Abendlftiides, II. 8 



114 STÄDTE UND VÖLKER 



Die Stadt ist Geist. Die Großstadt ist der „freie Geist". 
Das Bürgertum, der Stand des Geistes, beginnt mit einer Auf- 
lehnung gegen die — „feudalen" — Mächte des Blutes und der 
Tradition sich seines Sonderdaseins bewußt zu werden. Er stürzt 
Throne und beschränkt alte Rechte im Namen der Vernunft 
und vor allem im Namen des „Volkes", womit von nun an aus- 
schheßlich das Volk der Städte gemeint ist. Demokratie ist die 
politische Form, in welcher von dem Bauern die Weltanschauung 
des Stadtmenschen gefordert wird. Der städtische Geist reformiert 
die große Religion der Frühzeit und setzt neben die alte stän- 
dische eine bürgerliche Religion, die freie Wissenschaft. Die 
Stadt übernimmt die Leitung der Wirtschaftsgeschichte, indem 
sie an die Stelle der Urwerte des Landes, wie sie vom bäuer- 
lichen Leben und Denken nie zu trennen sind, den von den Gütern 
abgelösten Begriff des Geldes setzt. Das uralte ländhche 
Wort für den Güterverkehr ist Tausch. Selbst wo es sich um die 
Vertauschung eines Dinges gegen Edehnetall handelt, liegt dem 
Vorgang kein „ Gelddenken " zugrunde, welches vom Dinge den 
Wert begrifflich trennt und in eine fiktive oder metallene Größe 
bindet, deren Bestimmung es von da an ist, das „andere", die 
„Ware" zu messen, Karawanenzüge und Wikingerfahrten zur 
Frühzeit erfolgen zwischen ländlichen Siedlungen und bedeuten 
Tausch und Beute. Zur Spätzeit erfolgen sie zwischen Städten und 
bedeuten „Geld". Das unterscheidet die Normannen vor und die 
Hanseaten und Venezianer nach den Kreuzzügen, die antiken See- 
fahrer in der mykenischen Zeit und die zur Zeit der großen Koloni- 
sationen. Die Stadt bedeutet nicht nur Geist, sondern auch Geld.i) 

Eine Epoche tritt ein, wenn die Stadt sich so gewaltig ent- 
wickelt hat, daß sie sich nicht mehr gegen das Land behaupten 
muß, gegen Bauerntum und Ritterschaft, sondern daß das Land 
mit seinen Urständen eine hoffnungslose Verteidigung gegen die 
Alleinherrschaft der Stadt führt, geistig gegen den Rationalis- 
mus, politisch gegen die Demokratie, wirtschaftlich gegen das 
Geld. In dieser Zeit ist die Zahl der Städte, welche als historisch 
führende in Betracht kommen, schon sehr klein geworden. Es 
entsteht der tiefe, vor allem seelische Unterschied von Groß- 
stadt und Kleinstadt, welch letztere unter dem sehr bezeich- 

I) Vgl. Kap. Va. 



STÄDTE UND VÖLKER Hi 



nenden Namen Landstadt ein Teil des aktiv nicht mehr mit- 
zählenden Landes wird. Der Gegensatz zwischen dem Landmenschen 
und Stadtmenschen ist in diesen kleinen Städten nicht geringer 
geworden, aber er verschwindet vor dem neuen Abstand, der 
sich zwischen sie und die Großstadt legt. Bäuerlich-kleinstädtische 
Schlauheit und großstädtische Intelligenz sind zwei Formen ver- 
stehenden Wachseins, zwischen denen eine Verständigung kaum 
möglich ist. Es ist klar, daß es sich auch hier nicht um die 
Einwohnerzahl, sondern um den Geist handelt. Es ist auch deut- 
lich, daß in allen großen Städten sich Winkel erhalten, in denen 
Fragmente einer fast ländlich gebliebenen Menschheit in ihren 
Gassen wie auf dem Lande leben, wo die Bewohner über die 
Straße weg in fast dörflichen Beziehungen zueinander stehen. 
Es führt eine Pyramide von immer städtischer geprägten Wesen 
von diesen fast bäuerlichen Menschen über immer engere Schichten 
bis zu der geringen Zahl echter Großstadtmenschen, die überall 
zu Hause sind, wo ihre seelischen Voraussetzungen erfüllt werden. 

Damit hat auch der Begriff Geld seine volle Abstraktheit er- 
langt. Er dient nicht mehr dem Verstehen des wirtschaftlichen 
Verkehrs; er unterwirft den Warenumlauf seiner eigenen Ent- 
wicklung. Er wertet die Dinge nicht mehr untereinander, sondern 
inbezugauf sich. Seine Beziehung zum Boden und dem damit 
verwachsenen Menschen ist so vollständig verschwunden, daß sie 
für das wirtschaftliche Denken der führenden Städte — der „Geld- 
plätze" — nicht mehr in Betracht kommt. Das Geld ist jetzt 
eine Macht und zwar eine rein geistige, durch das Metall nur 
repräsentierte Macht im Wachsein der Oberschicht der wirt- 
schaftlich tätigen Bevölkerung geworden, welche die mit ihm 
beschäftigten Menschen ebenso von sich abhängig macht, wie 
früher die Erde den Bauern. Es gibt ein „Denken in Geld", 
wie es ein mathematisches und juristisches Denken gibt. 

Aber der Boden ist etwas Wirkliches und Natürliches, das 
Geld etwas Abstraktes und Künstliches, eine bloße Kategorie wie 
,die Tugend" im Denken der Aufklärung. Daraus folgt, daß 
jede ursprüngliche, also stadtlose Wirtschaft von den kosmischen 
Mächten, dem Boden, dem Klima, dem Menschenschlage abhängig 
und damit in Schranken gehalten ist, während das Geld als reine 
Verkehrsform innerhalb des Wachseins einen von der Wirklich- 



116 STÄDTE UND VÖLKER 

keit ebenso wenig begrenzten Kreis von Möglichkeiten hat wie die 
Größen der mathematischen und logischen Welt. Wie kein Blick 
auf die Tatsachen uns hindert, nichteuklidische Geometrien in 
beliebiger Zahl zu konstruieren, liegt innerhalb der ausgebildeten 
großstädtischen Wirtschaft kein Hindernis mehr vor, das »Geld" zu 
vermehren, gewissermaßen in andern Gelddimensionen zu denken, 
was mit der etwaigen Vermehrung des Goldes oder überhaupt 
der wirklichen Werte durchaus nichts zu tun hat. Es gibt keinen 
Maßstab und keine Art von Gütern, an denen man den Wert 
eines Talentes zur Zeit der Perserkriege und in der ägyptischen 
Beute des Pompejus vergleichen könnte. Das Geld ist für den 
Menschen als C<pov olxovofxixöv eine Form des tätigen Wachseins 
geworden, die keinerlei Wurzeln im Dasein mehr besitzt. Daraui 
beruht seine ungeheure Macht über jede beginnende ZiviHsation, 
die jedesmal eine unbedingte Diktatur dieses „Geldes" in 
einer für jede Kultur verschiedenen Gestalt ist, darin aber auch 
der Mangel an Halt, durch den es zuletzt seine Macht und seinen 
Sinn verliert und aus dem Denken einer späten Zivilisation wie 
der Zeit Diokletians völlig verschwindet, um den bodenständigen 
Urwerten wieder Platz zu machen. 

Es entsteht endlich das ungeheure Symbol und Behältnis des 
völlig frei gewordenen Geistes, die Weltstadt, der Mittelpunkt, 
in dem sich endlich der Gang der Weltgeschichte vollkommen 
konzentriert: jene ganz wenigen Riesenstädte aller reifen Zivili- 
sationen, welche die gesamte Mutterlandschaft ihrer Kultur durch 
den Begriff Provinz ächten und entwerten. Provinz ist jetzt alles, 
Land, Kleinstadt und Großstadt, mit Ausnahme dieser zwei oder 
drei Punkte. Es gibt nicht mehr Adlige und Bürger, nicht mehr 
Freie und Sklaven, nicht mehr Hellenen und Barbaren, nicht 
mehr Rechtgläubige und Ungläubige, sondern nur noch Welt- 
städter und Provinzler. Alle anderen Gegensätze verblassen 
vor diesem einen, der alle Ereignisse, Lebensgewohnheiten und 
Weltanschauungen beherrscht. 

Die frühesten aller Weltstädte waren Babylon und das Theben 
des Neuen Reiches — die minoische Welt auf Kreta gehört 
trotz ihres Glanzes zur ägyptischen Provinz. Li der Antike ist 
Alexandria das erste Beispiel; das alte HeUas ist mit einem 
Schlage Provinz geworden. Auch Rom und das neu bevölkerte 



STÄDTE UND VÖLKER 117 

Karthago, auch Byzanz haben es nicht verdrängt. In Indien 
waren die Riesenstädte Udjein, Kanaudj, vor allem Pataliputra 
bis nach China und Java hin berühmt; der märchenhafte Ruf 
von Bagdad und Granada im Abendlande ist bekannt. In der 
mexikanischen Welt ist, wie es scheint, das 950 gegründete 
Uxmal die erste Weltstadt der Majareiche gewesen, die mit dem 
Emporkommen der toltekischen Weltstädte Tezcuco und Tenoch- 
titlan Provinz wurden. 

Man vergesse nicht, wo das Wort provincia zuerst auftaucht: 
es ist die staatsrechtliche Bezeichnung der Römer für Sizilien, 
mit dessen Unterwerfung zum ersten Mal eine ehemals führende 
Kulturlandschaft zum unbedingten Objekt herabsinkt. Syrakus 
war die früheste wirkliche Großstadt der antiken Welt gewesen, 
als Rom noch eine bedeutungslose Landstadt war. Von nun an 
ist es Rom gegenüber eine Provinzstadt. Und ganz in demselben 
Sinne waren im 17. Jahrhundert das habsburgische Madrid und 
das päpstliche Rom führende Großstädte, bis sie von den Welt- 
städten London und Paris seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts 
zum Range der Provinz herabgedrückt wurden. Der Aufstieg von 
New- York zur Weltstadt durch den Sezessionskrieg 1861 — 65 ist 
vielleicht das folgenschwerste Ereignis des vorigen Jahrhunderts. 



Der Steinkoloß „Weltstadt" steht am Ende des Lebenslaufes 
einer jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete 
Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Be- 
sitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden 
Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. Diese steinerne Masse 
ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner groß- 
artigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, 
enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig „Ge- 
wordenen". Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Ver- 
lauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten 
Material dieser dämonischen Steinwüste geworden. 

Diese letzten Städte sind ganz Geist. Ihre Häuser sind nicht 
mehr wie noch die der jonischen und Barockstädte Abkömmlinge 
des alten Bauernhauses, von dem einst die Kultur ihren Ausgang 



118 STÄDTE UND VÖLKER 



nahm. Sie sind überhaupt nicht mehr Häuser, in denen Vesta 
und Janus, die Penaten und Laren irgendeine Stätte besitzen, 
sondern bloße Behausungen, welche nicht das Blut, sondern der 
Zweck, nicht das Gefühl, sondern der wirtschaftliche Unter- 
nehmungsgeist geschaffen hat. So lange der Herd im frommen 
Sinne der wirkliche, bedeutsame Mittelpunkt einer Familie ist, 
so lange ist die letzte Beziehung zum Lande nicht geschwunden. 
Erst wenn auch das verloren geht und die Masse der Mieter 
und Schlafgäste in diesem Häusermeer ein irrendes Dasein von 
Obdach zu Obdach führt, wie die Jäger und Hirten der Vorzeit, 
ist der intellektuelle Nomade völlig ausgebildet. Diese Stadt ist 
eine Welt, ist die Welt. Sie hat nur als Ganzes die Bedeutung 
einer menschlichen Wohnung. Die Häuser sind nur die Atome, 
welche sie zusammensetzen. 

Jetzt beginnen die alten gewachsenen Städte mit ihrem 
gotischen Kern aus Dom, Rathaus und spitzgiebligen Gassen, um 
deren Türme und Tore die Barockzeit einen Ring von geistigeren, 
helleren Patrizierhäusern, Palästen und Hallenkirchen gelegt hatte, 
nach allen Seiten in formloser Masse überzuquellen, mit Haufen 
von Mietskasernen und Zweckbauten sich in das verödende Land 
hineinzufressen, das ehrwürdige Antlitz der alten Zeit durch Um- 
bauten und Durchbrüche zu zerstören. Wer von einem Turm auf 
das Häusermeer herabsieht, erkennt in dieser steingewordenen 
Geschichte eines Wesens genau die Epoche, wo das organische 
Wachstum endet und die anorganische und deshalb unbegrenzte, 
alle Horizonte überschreitende Häufung beginnt. Und jetzt ent- 
stehen auch die künstlichen, mathematischen, vollkommen land- 
fremden Gebilde einer reingeistigen Freude am Zweckmäßigen, 
die Städte der Stadtbaumeister, die in allen Zivilisationen 
dieselbe schachbrettartige Form, das Symbol der Seelenlosigkeit 
anstreben. Diese regelmäßigen Häuserquadrate haben Herodot 
in Babylon und die Spanier in Tenochtitlan angestaunt. In der 
antiken Welt beginnt die Reihe der „abstrakten" Städte mit 
Thurioi, das Hippodamos von Milet 441 „entv/arf. Priene, wo das 
Schachbrettmuster die Bewegtheit der Grundfläche vollkommen 
ignoriert, Rhodos, Alexandria folgen als Vorbilder zahlloser Provinz- 
städte der Kaiserzeit. Die islamischen Baumeister haben seit 762 
Bagdad und ein Jahrhundert später die Riesenstadt Samarra am 



STÄDTE UND VÖLKER 119 

Tigris 1) planmäßig angelegt. In der westeuropäisch-amerikanischen 
Welt ist das erste große Beispiel der Grundrifs von Washington 
(1791). Es kann kein Zweifel bestehen, daß die Weltstädte der 
Hanzeit in China und die der Mauryadynastie in Indien dieselben 
geometrischen Formen besessen haben. Die Weltstädte der west- 
europäisch-amerikanischen Zivilisation haben noch bei weitem 
nicht den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich sehe — lange nach 
2000 — Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, 
die sich über weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen 
welche die größten der Gegenwart zwerghaft wirken, und Ver- 
kehrsgedanken, die uns heute als Wahnsinn erscheinen würden. 
Selbst in dieser letzten Gestalt seines Daseins ist das Form- 
ideal des antiken Menschen noch der körperliche Punkt: während 
die Riesenstädte der Gegenwart unseren ganzen Hang zum Un- 
endhchen zur Schau 'tragen: die Durchsetzung einer weiten Land- 
schaft mit Vororten und Villenkolonien, ein mächtiges Netz von 
Verkehrsmitteln jeder Art nach allen Seiten und innerhalb des 
dicht bebauten Geländes ein geregelter Schnellverkehr in, unter 
und über breiten Straßenzügen, will die echt antike Weltstadt 
sich nicht ausbreiten, sondern immer mehr verdichten: die 
Straßen eng und schmal, jeden Eilverkehr ausschließend, wie er 
doch auf den römischen Heerstraßen voll ausgebildet war; keine 
Neigung, vor der Stadt zu wohnen oder auch nur die Voraus- 
setzungen dafür zu schaffen. Die Stadt soll auch jetzt noch ein 
Körper sein, dicht und rund, soma im strengsten Sinne. Der 
Synoikismos, der in der antiken Frühzeit allenthalben die Land- 
bevölkerung in die Stadt gezogen und damit erst den Typus der 
Polis geschaffen hatte, wiederholt sich am Ende noch einmal in 
absurder Form: jeder will in der Mitte der Stadt wohnen, in 
ihrem dichtesten Kerne, sonst fühlt er sich nicht als Mensch einer 
Stadt. Alle diese Städte sind nur City, nur Innenstadt. Der neue 
Synoikismos bildet statt der Vorortzone die Welt der oberen 



*) Samarra zeigt wie die Kaiserfora in Rom und die Ruinen von Luxor 
und Kamak amerikanische Verhältnisse. Die Stadt erstreckt sich 33 km lang 
am Flusse hin. Der Palast Balkuwara, den der Klialif Mutawakkil für einen 
seiner Söhne erbauen ließ, bildet ein Quadrat von 1250 m Seitenlänge. Eine 
der Riesenmoscheen mißt 260x180m. Schvi'arz, Die Abbasidenresidenz Samarra, 
1910. Herzfeld, Ausgrabungen von Samarra, 1912. 



120 STÄDTE UND VÖLKER 



Stockwerke aus. Rom hatte im Jahre 74 trotz der ungeheuren 
Kaiserbauten den geradezu lächerlichen Umfang von 19 1/2 km.^) 
Dies führt dahin, daß diese Körper überhaupt nicht in die Breite, 
sondern unablässig in die Höhe wuchsen. Die Mietskasernen Roms 
wie die berüchtigte Insula Feliculae erreichten bei einer Straßen- 
breite von 3 — 5 Metern^) Höhen, die im Abendlande noch nirgends 
und in Amerika nur in wenigen Städten vorkommen. Beim Kapitol 
hatten die Dächer unter Vespasian schon die Höhe des Berg- 
sattels erreicht. 3) Ein grauenvolles Elend, eine Verwilderung aller 
Lebensgewohnheiten, die schon jetzt zwischen Giebeln und Man- 
sarden, in Kellern und Hinterhöfen einen neuen Urmenschen 
züchten, hausen in jeder dieser prachtvollen Massenstädte. Das 
ist in Bagdad und Babylon nicht anders gewesen wie in Tenoch- 
titlan und heute in London und Berlin. Diodor erzählt von einem 
abgesetzten ägyptischen König, der zu Rom in einer jämmerlichen 
Mietswohnung in einem hochgelegenen Stockwerk hausen mußte. 
Aber kein Elend, kein Zwang, selbst nicht die klare Einsicht 
in den Wahnsinn dieser Entwicklung setzt die Anziehungskraft 
dieser dämonischen Gebilde herab. Das Rad des Schicksals rollt 
dem Ende zu; die Geburt der Stadt zieht ihren Tod nach sich. 
Anfang und Ende, Bauernhaus und Häuserblock verhalten sich 
wie Seele und Intelligenz, wie Blut und Stein. Aber „Zeit" ist 
nicht umsonst ein Wort für die Tatsache der Nichtumkehrbarkeifc. 
Es gibt hier nur ein Vorwärts, kein Zurück. Das Bauerntum gebar 
einst den Markt, die Landstadt, und nährte sie mit seinem besten 
Blute, Nun saugt die Riesenstadt das Land aus, unersättlich,, 
immer neue Ströme von Menschen fordernd und verschlingend, 
bis sie inmitten einer kaum noch bevölkerten Wüste ermattet 
und stirbt. Wer einmal der ganzen sündhaften Schönheit dieses 
letzten Wunders aller Geschichte verfallen ist, der befreit sich 
nicht wieder. Ursprüngliche Völker können sich vom Boden lösen 



*) Friedländer, Sitt.-Gesch. Roms I, S. 5; man vergleiche dies mit dem nicht 
entfernt so stark bevölkerten Samarra ; die „ spätantiken " Großstädte auf arabischem 
Boden sind auch in dieser Hinsicht nicht antik. Die Gartenvorstadt von Antiochia- 
war im ganzen Osten berühmt. *) Die Stadt, welche der ägyptische Julian 

Apostata, Amenophis IV., sich in Teil el Amama baute, hatte Straßen bis zu 
45 m Breite. . Borchardt, Ztschr. f. Bauwesen LXVI, 524. ») Pöhlmann, Aus- 

Altertum u. Gegenwart 1910, S. 211 ff. 



STÄDTE UND VÖLKER 121 

und in die Ferne wandern. Der geistige Nomade kann es nicht 
mehr. Das Heimweh nach der großen Stadt ist stärker vielleicht 
als jedes andere. Heimat ist für ihn jede dieser Städte, Fremde 
ist schon das nächste Dorf, Man stirbt lieber auf dem Strafsen- 
pflaster, als daß man auf das Land zurückkehrt. Und selbst der 
Ekel vor dieser Herrlichkeit, das Müdesein vor diesem Leuchten 
in tausend Farben, das taedium vitae, das zuletzt manche ergreift, 
befreit sie nicht. Sie tragen die Stadt mit sich in ihre Berge 
und an das Meer, Sie haben das Land in sich verloren und finden 
es draufäen nicht wieder. 

Was den Weltstadtmenschen unfähig macht, auf einem anderen 
als diesem künstlichen Boden zu leben, ist das Zurücktreten des 
kosmischen Taktes in seinem Dasein, während die Spannungen 
des Wachseins immer gefährlicher werden. Man vergesse nicht, 
daß in einem Mikrokosmos die tierhafte Seite, das Wachsein, zum 
pflanzenhaften Dasein hinzutritt, nicht umgekehrt, Takt und 
Spannung, Blut und Geist, Schicksal und Kausalität verhalten sich 
wie das blühende Land zur versteinerten Stadt, wie etwas, da& 
für sich da ist, zu einem andern, das von ihm abhängt, Spannung 
ohne den kosmischen Takt, der sie durchseelt, ist der Übergang 
zum Nichts, Aber Zivilisation ist nichts als Spannung, Die Köpfe 
aller zivilisierten Menschen von Rang werden ausschließlich von 
dem Ausdruck der schärfsten Spannung beherrscht. Intelligenz 
ist nichts als Fähigkeit zu angespanntestem Verstehen. Diese 
Köpfe sind in jeder Kultur der Typus ihres „letzten Menschen". 
Man vergleiche damit Bauernköpfe, wenn sie im Straßengewühl 
einer Großstadt auftauchen. Der Weg von der bäuerlichen Klug- 
heit — der Schlauheit, dem Mutterwitz, dem Instinkt, die wie 
bei allen klugen Tieren auf gefühltem Takt beruhen — über den 
städtischen Geist zur weltstädtischen Intelligenz — das Wort gibt 
schon in dem scharfen Klange die Abnahme der kosmischen Unter- 
lage vortrefflich wieder — läßt sich auch als die beständige Ab- 
nahme des Schicksalsgefühls und die hemmungslose Zunahme des 
Bedürfnisses nach Kausalität bezeichnen. Intelligenz ist der Ersatz 
unbewußter Lebenserfahrung durch eine meisterhafte Übung im 
Denken, etwas Fleischloses, Mageres, Die intelligenten Gesichter 
aller Rassen sind einander ähnlich. Es ist die Rasse selbst, die 
in ihnen zurücktritt. Je weniger ein Gefühl für das Notwendige 



122 STÄDTE UND VÖLKER 

und Selbstverständliche des Daseins besteht, je mehr die Gewohn- 
heit um sich greift, sich alles „klar zu machen", desto mehr wird 
die Angst des Wachseins kausal gestillt. Daher die Gleichsetzung 
von Wissen und Beweisbarkeit und der Ersatz des religiösen 
Mythus durch den kausalen, die wissenschaftliche Theorie. Daher 
das abstrakte Geld als die reine Kausalität des wirtschaftlichen 
Lebens im Gegensatz zum ländlichen Güterverkehr, der Takt ist. 
und nicht ein System von Spannungen. 

Die intellektuelle Spannung kennt nur noch eine, die spezifisch 
weltstädtische Form der Erholung: die Entspannung, die „Zer- 
streuung". Das echte Spiel, die Lebensfreude, die Lust, der 
Rausch sind aus dem kosmischen Takte geboren und werden in 
ihrem Wesen gar nicht mehr begriffen. Aber die Ablösung in- 
tensivster praktischer Denkarbeit durch ihren Gegensatz, die mit 
Bewußtsein betriebene Trottelei, die Ablösung der geistigen An- 
spannung durch die körperliche des Sports, der körperlichen 
durch die sinnliche des „Vergnügens" und die geistige der „Auf- 
regung" des Spiels und der Wette, der Ersatz der reinen Logik 
der täglichen Arbeit durch die mit Bewußtsein genossene Mystik — 
das kehrt in allen Weltstädten aller Zivilisationen wieder. Kino, 
Expressionismus, Theosophie, Boxkämpfe, Niggertänze, Poker und 
Rennwetten — man wird das alles in Rom wiederfinden und ein 
Kenner sollte einmal die Untersuchung auf die indischen, chine- 
sischen und arabischen Weltstädte ausdehnen. Um nur eins zu 
nennen : wenn man das Kamasutram liest, versteht man, was für 
Leute am Buddhismus ebenfalls Geschmack fanden; und man 
wird nun auch die Stierkampfszenen in den kretischen Palästen 
mit ganz anderem Auge betrachten. Es liegt ein Kult zugrunde, 
ohne Zweifel, aber es ist ein Parfüm darüber gebreitet wie über 
den fashionablen stadtrömischen Isiskult in der Nachbarschaft 
des Zirkus Maximus. 

Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein imm.er 
wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird, endlich jene 
Erscheinung hervor, die im stillen längst vorbereitet war und jetzt 
plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen 
Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des 
zivilisierten Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, 
das sich mit alltäglicher Kausalität, etwa physiologisch, begreifen 



STÄDTE UND VÖLKER 123 

ließe, wie es die moderne Wissenschaft selbstverständlich ver- 
sucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische Wendung 
zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte vi^ill nicht mehr 
leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in 
diesem Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode. Das, 
was den echten Bauern mit einer tiefen und unerklärlichen Angst 
befällt, der Gedanke an das Aussterben der Familie und des 
Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten 
Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht 
dieses Blutes, das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Ver- 
hängnis empfunden. Nicht nur weil Kinder unmöglich geworden 
sind, sondern vor allem, weil die bis zum äufsersten gesteigerte 
Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben 
sie aus. Man versenke sich in- die Seele eines Bauern, der von 
Urzeiten her auf seiner Scholle sitzt oder von ihr Besitz ergriffen 
hat, um dort mit seinem Blute zu haften. Er wurzelt hier als 
der Enkel von Almen und der Ahn von künftigen Enkeln. Sein 
Haus, sein Eigentum: das bedeutet hier nicht ein flüchtiges 
Zusammengehören von Leib und Gut für. eine kurze Spanne von 
Jahren, sondern ein dauerndes und inniges Verbundensein von 
ewigem Land und ewigem Blute: erst damit, erst aus dem 
Seßhaft wer den im mystischen Sinne erhalten die großen Epochen 
des Kreislaufs, Zeugung, Geburt und Tod, jenen metaphysischen 
Zauber, der seinen sinnbildlichen Niederschlag in Sitte und Religion 
aller landfesten Bevölkerungen findet. Das alles ist für den 
„letzten Menschen" nicht mehr vorhanden. Intelhgenz und Un- 
fruchtbarkeit sind in alten Familien, alten Völkern, alten Kulturen 
nicht nur deshalb verbunden, weil innerhalb jedes einzelnen Mikro- 
kosmos die über alles Maß angespannte tierhafte Lebensseite die 
pflanzenhafte aufzehrt, sondern weil das Wachsein die Gewohnheit 
einer kausalen Regelung des Daseins annimmt. Was der Ver- 
standesmensch mit einem äußerst bezeichnenden Ausdruck Natur- 
trieb nennt, wird von ihm nicht nur „kausal" erkannt, sondern 
auch gewertet und findet im Kreise seiner übrigen Bedürfnisse 
den angemessenen Platz. Die große Wendung tritt ein, sobald 
es im alltäglichen Denken einer hochkultivierten Bevölkerung für 
das Vorhandensein von Kindern „Gründe" gibt. Die Natur kennt 
keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt, herrscht eine 



124 STÄDTE UND VÖLKER 

innere organische Logik, ein „es", ein Trieb, die vom Wachsein 
und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig sind und 
von ihm gar nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum ur- 
sprünglicher Bevölkerungen ist eine Naturerscheinung, über 
deren Vorhandensein niemand nachdenkt, geschweige denn über 
ihren Nutzen oder Schaden, Wo Gründe für Lebensfragen über- 
haupt ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig 
geworden. Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburten- 
zahl — die bereits Polybius als das Verhängnis von Griechenland 
beklagt, die aber schon lange vor ihm in den großen Städten 
üblich war und in römischer Zeit einen erschreckenden Umfang 
angenommen hat — , die zuerst mit der m.ateriellen Not und sehr 
bald überhaupt nicht mehr begründet wird. Da beginnt denn auch, 
und zwar im buddhistischen Indien so gut wie in Babylon, in 
Rom wie in den Städten der Gegenwart, die Wahl der „Lebens- 
gefährtin" — der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch wählt 
die Mutter seiner Kinder — ein geistiges Problem zu werden. 
Die Ibsenehe, die „höhere geistige Gemeinschaft" erscheint, in 
welcher beide Teile „frei" sind, frei nämlich als Intelligenzen, 
und zwar vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fort- 
pflanzen will; und Shaw darf den Satz aussprechen, „daß die 
Frau sich nicht emanzipieren kann, wenn sie nicht ihre Weiblich- 
keit, ihre Pflicht gegen ihren Mann, gegen ihre Kinder, gegen 
die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen jeden, außer gegen 
sich selbst, von sich wirft". ^ Das Urweib, das Bauernweib ist 
Mutter. Seine ganze von Kindheit an ersehnte Bestimmung liegt 
in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber tiiucht das Ibsenweib 
auf, die Kameradin, die Heldin einer ganzen weltstädtischen 
Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt 
der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunst- 
gewerbliche Aufgabe und es kommt darauf an, „sich gegenseitig 
zu verstehen". Es ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische 
Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet, weil 
sie keine Season versäumen wiU, eine Pariserin, weil sie fürchtet, 
daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie „sich 
selbst gehört". Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle un- 
fruchtbar. Dieselbe Tatsache in Verbindung mit denselben ,Grün- 
') B. Shaw, Ibsenbrevier S. 57. 



STÄDTE UND VÖLKER 125 



den" findet sich in der alexandrinischen und römischen und selbst- 
verständlich in jeder anderen zivilisierten Gesellschaft, vor allem 
auch in der, in welcher Buddha herangewachsen ist, und es gibt 
überall, im Hellenismus und im 19. Jahrhundert so gut wie zur 
Zeit des Laotse und der Tscharvakalehre eine Ethik für kinder- 
arme Intelligenzen und eine Literatur über die inneren Konflikte 
von Nora und Nana. 

Kinderreichtum, dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther 
noch zeichnen konnte, wird etwas Provinziales. Der kinderreiche 
Vater ist in Großstädten eine Karikatur — Ibsen hat sie nicht 
vergessen; sie steht in seiner Komödie der Liebe. 

Auf dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehr- 
hundertjährige Stadium einer entsetzlichen Entvölkerung. Die 
ganze Pyramide des kulturfähigen Menschentums verschwindet. 
Sie wird von der Spitze herab abgebaut, zuerst die Weltstädte, 
dann die Provinzstädte, endlich das Land, das durch die über 
alles Maß anwachsende Landflucht seiner besten Bevölkerung eine 
Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert. Nur das primitive 
Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftreichen 
Elemente beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen. 

Wenn irgend etwas, so beweist der allbekannte „Untergang 
der Antike", der sich lange vor dem Einbruch der germanischen 
Wandervölker vollendete, dafa Kausalität mit Geschichte nichts 
zu tun hat.^) Das Imperium genießt den vollkommensten Frieden; 
es ist reich, es ist hochgebildet; es ist gut organisiert; es besaß 
von Nerva bis Mark Aurel eine Herrscherreihe, wie sie der 
Cäsarismus keiner zweiten Zivilisation aufzuweisen hat. Und 
trotzdem schwindet die Bevölkerung rasch und in Masse hin, 
trotz der verzweifelten Ehe- und Kindergesetzgebung desAugustus, 
dessen lex de maritandis ordinibus auf die römische Gesellschaft 
bestürzender wirkte als die Niederlage des Varus, trotz der 
massenhaften Adoptionen, der ununterbrochenen Ansiedlung von 
Soldaten barbarischer Herkunft, um Menschen in die verödende 
Landschaft zu bringen, trotz der ungeheuren Alimentations- 
stiftungen des Nerva und Trajan, um die Kinder unbemittelter 
Eltern aufzuziehen. Italien, dann Nordafrika und Gallien, endlich 

*) Zum Folgenden vgl. die Darstellung bei E. Meyer, Kl. Schriften 1910, 
S. 145 ff. 



126 STÄDTE UND VÖLKER 

Spanien, das unter den ersten Kaisern am dichtesten von allen 
Teilen des Reichs bevölkert war, sind menschenleer und verödet. 
Das berühmte und bezeichnenderweise in der modernen Volks- 
wirtschaft immer wiederholte Wort des Plinius: latifundia per- 
didere Italiam, jam vero et provincias, verwechselt Anfang und 
Ende des Prozesses: der Großgrundbesitz hätte nie diese Aus- 
dehnung gewonnen, wenn das Bauerntum nicht vorher von den 
Städten aufgesogen worden wäre und das Land zum mindesten 
innerlich bereits preisgegeben hätte. Das Edikt des Pertinax von 1 93 
enthüllt endHch den erschreckenden Stand der Dinge: In Italien 
und den Provinzen wird jedem gestattet, verödetes Land in 
Besitz zu nehmen. Wenn er es bebaut, soll er Eigentumsrecht 
darüber erhalten. Die Geschichtsforscher brauchten sich den 
übrigen Zivilisationen nur ernsthaft zuzuwenden, um die gleiche 
Erscheinung überall festzustellen. Im Hintergrund der Ereignisse 
des Neuen Reiches, vor allem von der 19. Dynastie an, ist eine 
gewaltige Abnahme der Bevölkerung deutlich zu verspüren. Ein 
Stadtbau, wie ihn Amenophis IV. in Teil el Amarna ausführte, 
mit Straßenzügen bis zu 45 m Breite, wäre bei der .früheren 
Bevölkerungsdichte undenkbar gewesen und ebenso die notdürftige 
Abwehr der „Seevölker", deren Aussichten auf Besitznahme des 
Reiches damals sicherlich nicht schlechter waren als die der 
Germanen vom 4. Jahrhundert an und endlich die unaufhörliche 
Einwanderung der Libyer in das Delta, wo um 945 einer ihrer 
Führer — genau wie 476 n. Chr. Odoaker — die Herrschaft 
über das Reich an sich nahm. Aber dasselbe fühlt man aus 
der Geschichte des politischen Buddhismus seit dem Cäsar Asoka 
heraus. 1) Wenn die Mayabevölkerung in ganz kurzer Zeit nach 
der spanischen Eroberung geradezu verschwand und die großen 
menschenleeren Städte dem Urwald anheimfielen, so beweist 
das nicht allein die Brutalität der Eroberer, die in diesem Punkte 
einer jungen und fruchtbaren Kulturmenschheit gegenüber wir- 
kungslos gewesen wäre, sondern ein Erlöschen von innen heraus, 
das ohne Zweifel schon längst begonnen hatte. Und wenn wir 
uns der eigenen Zivilisation zuwenden, so sind die alten Familien 

') Wir kennen in China im 3. Jalirh. v. Chr. — also in der chinesischen 
Augustuszeit! — Maßnahmen zur Hebung der BevölkenmgszifFer. v. Rosthorn, 
Das soziale Leben d. Chinesen 1919, S. 6. 



STÄDTE UND VÖLKER 127 



des französischen Adels zum weitaus größten Teil nicht durch 
die französische Revolution ausgerottet worden, sondern seit 
1815 ausgestorben; die Unfruchtbarkeit breitete sich von ihm 
auf das Bürgertum und seit 1870 auf die gerade durch die Re- 
volution fast neu geschaffene Bauernschaft aus. In England und 
noch weit mehr in den Vereinigten Staaten und zwar gerade in 
deren wertvollster, alteingewanderter Bevölkerung im Osten hat 
der „Rasseselbstmord", gegen den Roosevelt sein bekanntes Buch 
geschrieben hat, längst im großen Stile eingesetzt. 

Deshalb finden sich überall in diesen Zivilisationen schon 
früh die verödeten Provinzstädte und am Ausgang der Entwick- 
lung die leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen eine 
kleine Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen 
der Steinzeit in Höhlen und Pfahlbauten. Samarra wurde schon 
im 10. Jahrhundert verlassen; die Residenz Asokas, Pataliputra, 
war, als der chinesische Reisende Hsiuen Tsiang sie um 635 
besuchte, eine ungeheure, völlig unbewohnte Häuserwüste, und 
viele der großen Mayastädte müssen schon zur Zeit des Cortez 
leer gestanden haben. Wir besitzen eine lange Reihe antiker 
Schilderungen von Polybius an:') die altberühmten Städte, deren 
leerstehende Häuserreihen langsam zusammenstürzen, während 
auf dem Forum und im Gymnasium Viehherden weiden und im 
Amphitheater Getreide gebaut wird, aus dem noch die Statuen 
und Hermen hervorragen. Rom hatte im 5. Jahrhundert die 
Einwohnerzahl eines Dorfes, aber die Kaiserpaläste waren noch 
bewohnbar. 

Damit findet die Geschichte der Stadt ihren Abschluß. Aus 
dem ursprünglichen Markt zur Kulturstadt und endlich zur Welt- 
stadt herangewachsen, bringt sie das Blut und die Seele ihrer 
Schöpfer dieser großartigen Entwicklung und deren letzter Blüte, 
dem Geist der Zivilisation zum Opfer und vernichtet damit zu- 
letzt auch sich selbst. 



Bedeutet die Frühzeit die Geburt der Stadt aus dem Lande, 
die Spätzeit den Kampf zwischen Stadt und Land, so ist Zivili- 

') Strabo, Pausanias, Dio Chrysostomus, Avien u. a., E. Meyer, Kl. Schriften, 
S. 164flF. 



128 STÄDTE UND VÖLKER 

sation der Sieg der Stadt, mit dem sie sich vom Boden befreit 
und an dem sie selbst zugrunde geht. Wurzellos, dem Kosmischen 
abgestorben und ohne Widerruf dem Stein und dem Geiste ver- 
fallen, entwickelt sie eine Formensprache, die alle Züge ihres 
Wesens wiedergibt: nicht die eines Werdens, sondern die eines 
Gewordenen, eines Fertigen, das sich wohl verändern, aber nicht 
entwickeln läßt. Und deshalb gibt es nur Kausalität, kein 
Schicksal, nur Ausdehnung, keine lebendige Richtung mehr. 
Daraus folgt, daß jede Formensprache einer Kultur samt der 
Geschichte ihrer Entwicklung am ursprünglichen Orte haftet, 
daß aber jede zivilisierte Form überall zu Hause ist und deshalb, 
sobald sie erscheint, auch einer unbegrenzten Verbreitung anheim- 
fällt. Gewiß haben die Hansestädte in ihren nordrussischen 
Stapelplätzen gotisch und die Spanier in Südamerika im Barock- 
stil gebaut, aber es ist unmöglich, daß auch nur der kleinste 
Abschnitt der gotischen Stilgeschichte außerhalb Westeuropas 
verlaufen wäre und ebensowenig konnte der Stil des attischen 
und englischen Dramas oder die Kunst der Fuge oder die Re- 
ligion Luthers und der Orphiker von Menschen fremder Kulturen 
fortgebildet oder auch nur innerlich angeeignet werden. Was 
aber mit dem Alexandrinismus und unserer Romantik entsteht, 
das gehört allen Stadtmenschen ohne Unterschied. IVIit der 
Romantik beginnt für uns das, was Goethe weitschauend die 
Weltliteratur nannte; es ist die führende weit städtische Lite- 
ratur, der gegenüber sich eine bodenständige, aber belanglose 
Provinzliteratur überall nur mit Mühe behauptet. Der Staat 
Venedigs oder Friedrichs des Großen oder das englische Parlament, 
so wie es wirklich ist und arbeitet, lassen sich nicht wieder- 
holen, aber „moderne Verfassungen" lassen sich in jedem afrika- 
nischen und asiatischen Lande und antike Poleis unter Numidern 
und Britanniern „einführen". Nicht die Hieroglyphen-, aber die 
Buchstabenschrift, ohne Zweifel eine technische Erfindung der 
ägyptischen Zivilisation, *) ist in allgemeinen Gebrauch gekommen. 
Und ebenso sind nicht echte Kultursprachen wie das Attische 
des Sophokles und das Deutsch Luthers, aber die Weltsprachen, 
die sämtlich wie die hellenistische Keine, das Arabische, Baby- 

') Nach der Entdeckung von Sethe. Vgl. Rob. Eisler, Die kenitischen 
Weihinschriften der Hyksoszeit usw., 1919. 



STÄDTE UND VÖLKER 129 

Ionische, Englische aus der alltäglichen Praxis der Weltstädte 
hervorgegangen sind, überall erlernbar. Deshalb nehmen in allen 
Zivilisationen die modernen Städte ein immer gleichförmigeres 
Gepräge an. Man kann gehen, wohin man will, man trifft Berlin, 
London mid New -York überall wieder; und wenn ein Römer 
reiste, konnte er in Palmyra, Trier, Timgad und in den helleni- 
stischen Städten bis zum Indus und Aralsee seine Säulenstellungen, 
statuengeschmückten Plätze und Tempel finden. Was aber hier 
verbreitet wird, ist nicht mehr ein Stil, sondern ein Geschmack, 
keine echte Sitte, sondern Manieren, und nicht die Tracht eines 
Volkes, sondern die Mode. Damit ist es denn möglich, daß ferne 
Bevölkerungen die „ewigen Errungenschaften" einer solchen 
Zivilisation nicht nur annehmen, sondern in selbständiger Fassung 
weiterstrahlen. Solche Gebiete einer „Mondlichtzivilisation" sind 
Südchina und vor allem Japan, die erst seit dem Ausgang der 
Hanzeit (220) „sinaisiert" wurden, Java als Verbreiterin der brah- 
manischen Zivilisation und Karthago, das seine Formen von 
Babylon empfing. 

Alles das sind Formen eines extremen, von keiner kosmischen 
Macht mehr gehemmten und gebundenen Wachseins, rein geistig 
und rein extensiv und deshalb von einer solchen Gewalt der Aus- 
breitung, daß die letzten und flüchtigsten Ausstrahlungen sich 
fast über die ganze Erde verbreitet und übereinander gelegt 
haben. Fragmente zivilisierter chinesischer Formen finden sich 
vielleicht im skandinavischen Holzbau, babylonische Maße viel- 
leicht in der Südsee, antike Münzen in Südafrika, ägyptische 
und indische Einflüsse vielleicht im Inkalande, 

Während aber diese Ausbreitung alle Grenzen überschreitet, 
vollzieht sich und zwar in großartigen Verhältnissen die Aus- 
bildung der inneren Form in drei deutlich unterscheidbaren 
Stufen: Ablösung von der Kultur — Reinzucht der zivilisierten 
Form — Erstarrung. Diese Entwicklung hat für uns eingesetzt 
und zwar sehe ich in der Krönung des gewaltigen Gebäudes die 
eigentliche Mission der Deutschen als der letzten Nation des 
Abendlandes. In diesem Stadium sind alle Fragen des Lebens, 
nämlich des apollinischen, magischen, faustischen Lebens zu Ende 
gedacht und in einen letzten Zustand des Wissens oder Nicht- 
wissens gebracht. Um Ideen kämpft man nicht mehr. Die letzte, 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II. 9 



130 STÄDTE UND VÖLKER 

die Idee der Zivilisation selbst, ist im Umriß formuliert und ebenso 
sind Technik und Wirtschaft im Problemsinne fertig. Aber 
damit beginnt erst die mächtige Arbeit der Ausführung aller 
Forderungen und der Anwendung dieser Formen auf das gesamte 
Dasein der Erde. Erst wenn diese Arbeit getan und die Zivilisation 
nicht nur ihrer Gestalt, sondern auch ihrer Masse nach endgültig 
festgestellt ist, beginnt das Festwerden der Form. Stil ist in 
Kulturen der Pulsschlag des Sicherfüllens. Jetzt entsteht — 
wenn man das Wort gebrauchen will — der zivilisierte Stil als Aus- 
druck des Fertigseins. Er ist vor allem in Ägypten und China 
zu einer prachtvollen Vollkommenheit gelangt, die alle Äußerungen 
eines im Innern von nun an unveränderlichen Lebens vom Zere- 
moniell und Ausdruck der Gesichter bis zu den äußerst feinen 
und durchgeistigten Formen einer Kunstübung erfüllt. Von einer 
Geschichte im Sinne des Zutreibens auf ein Formideal kann nicht 
die Rede sein, aber es herrscht eine beständige leise Bewegtheit 
der Oberfläche, welche der ein für allemal gegebenen Sprache 
imm.er wieder kleine Fragen und Lösungen artistischer Art ab- 
lockt. Darin besteht die gesamte uns bekannte „Geschichte" der 
chinesisch-japanischen Malerei und der indischen Architektur, 
Und ebenso wie diese Scheingeschichte sich von der wirklichen 
des gotischen Stils, so unterscheidet sich der Ritter der Kreuz- 
züge von dem chinesischen Mandarin als der werdende von 
dem fertigen Stand, Der eine ist Geschichte, der andere hat 
sie längst überwunden. Denn, wie schon festgestellt wurde, die 
Geschichte dieser ZiviHsationen ist Schein und ebenso die großen 
Städte, deren Antlitz sich fortwährend verändert, ohne anders 
zu werden. Und ein Geist dieser Städte ist nicht vorhanden. 
Sie sind Land in steinerner Form. 

Was geht hier unter? Und was bleibt? Es ist ein bloßer 
Zufall, daß germanische Völker unter dem Druck der Hunnen 
die romanische Landschaft besetzten und damit die Entwicldung 
des „chinesischen" Endzustandes der Antike abbrachen. Den See- 
völkern, die seit 1400 in einer bis ins einzelne gleichen Wande- 
rung gegen die ägyptische Welt vordrangen, glückte es nur im 
kretischen Inselgebiet. Ihre mächtigen Züge an der libyschen 
und phönikischen Küste unter Begleitung von Wikingerflotten 
sind ebenso gescheitert wie die der Hunnen gegen China. So ist 



STÄDTE UND VÖLKER 131 



die Antike das einzige Beispiel einer im Augenblick ihrer vollen 
Reife abgebrochnen Zivilisation. Trotzdem haben die Germanen 
nur die Oberschicht der Formen zerstört und durch das Leben 
ihrer eigenen Vorkultur ersetzt. Die „ewige" Unterschicht er- 
reichte man nicht. Sie bleibt, versteckt und durch eine neue 
Formensprache vollständig überzogen, im Untergrunde der ganzen 
folgenden Geschichte bestehen und besteht noch heute in Süd- 
frankreich, Süditalien und Nordspanien in fühlbaren Resten fort. 
Es gibt hier eine spätantike Färbung der katholischen Volks- 
religion, die sie von dem kirchlichen Katholizismus der west- 
europäischen Höhenschicht sehr deutlich abhebt. In süditalienischen 
Kirchenfesten findet man heute noch antike und vorantike Kulte 
wieder und ebenso überall Gottheiten (Heilige), deren Verehrung 
durch den katholischen Namen hindurch eine antike Fassung er- 
kennen läßt. 

Hier aber tritt ein anderes Element in Erscheinung, das seine 
eigene Bedeutung hat. Wir stehen vor dem Problem der Rasse. 



VÖLKER, RASSEN, SPRACHEN 



Das wissenschaftliche Geschichtsbild während des ganzen 
19. Jahrhunderts wird verdorben durch eine aus der Romantik 
stammende oder von ihr doch vollendete Vorstellung, den Begriff 
des „Volkes" in sittlich-begeistertem Sprachgebrauch. Wenn 
irgendwo in früher Zeit eine neue Religion, Ornamentik, Bau- 
weise, Schrift oder auch ein Reich oder eine große Verwüstung 
hervortritt, so stellt der Forscher seine Frage sofort in der 
Fassung: wie hieß das Volk, das diese Erscheinung hervor- 
gebracht hat? Diese Fragestellung ist dem westeuropäischen 
Geist in seiner heutigen Beschaffenheit eigentümlich, sie ist aber 
in allen Einzelheiten so falsch, daß das mit ihr heraufgerufene 
Bild vom Gang der Ereignisse notwendig verfehlt sein muß. 
„Das Volk" als die Urform schlechthin, in welcher Menschen 
historisch wirksam sind, die Urheimat, die Ursitze, die Wande- 
rungen „der" Völker — darin spiegelt sich der große Schwung 
der Begriffe Nation von 1789 und Volk von 1813, die beide 
letzten Endes auf das englisch-puritanische Selbstbewußtsein 
zurückgehen. Aber gerade weil der Begriff ein hohes Pathos 
birgt, entzieht er sich gern der Kritik. Selbst scharfsinnige 
Forscher bezeichnen hundert ganz verschiedenartige Dinge damit, 
ohne es zu bemerken, und so entwickelt sich „Volk" zu der 
vermeintlich eindeutigen Größe, welche alle Geschichte macht. 
Weltgeschichte gilt uns heute, was durchaus nicht selbstver- 
ständlich ist und dem Denken der Griechen und Chinesen ganz 
fern lag, als die Geschichte von Völkern. Alles andere, Kultur, 
Sprache, Kunst, Religion, wird von den Völkern geschaffen. Der 
Staat ist die Form eines Volkes. 

Dieser romantische Begriff soU hier zerstört werden. Was 
seit der Eiszeit die Erde bewohnt, sind Menschen, nicht „Völker". 
Eir Schicksal wird zunächst dadurch bestimmt, daß die leibliche 
Folge von Eltern und Kindern, der Zusammenhang des Blutes, 
natürliche Gruppen bildet, welche den deutlichen Hang verraten, 
in einer Landschaft Wurzel zu fassen. Auch Nomadenstämme 



STÄDTE UND VÖLKER 133 



halten ihre Bewegungen in einer landschaftlichen Grenze. Da- 
mit ist eine Dauer der kosmisch-pflanzenhaften Lebensseite, des 
Daseins, gegeben. Dies nenne ich Rasse. Stämme, Sippen, 
Geschlechter, Familien — das sind sämtlich Bezeichnungen für 
die Tatsache des durch Zeugungen in einer engeren oder weiteren 
Landschaft fortkreisenden Blutes. 

Aber diese Menschen besitzen auch noch die mikrokosmisch- 
tierhafte Lebensseite des Wachseins, des Empfindens und Ver- 
stehens, und die Form, in welcher das Wachsein des einen zu 
dem der übrigen in Beziehung tritt, nenne ich Sprache, die 
zunächst nichts ist als unbewußter lebendiger Ausdruck, der 
sinnlich wahrgenommen wird, der sich aber allmählich zu einer 
bewußten Mitteilungstechnik entwickelt, welche auf einem 
übereinstimmenden Bedeutungsgefühl für Zeichen beruht. 

Zuletzt ist jede Rasse ein einziger großer Leib, und jede 
Sprache die Tätigkeitsform eines großen, viele Einzelwesen 
verbindenden Wachseins. Man wird über beide nie zu den letzten 
Aufschlüssen gelangen, wenn man sie nicht gemeinsam und in 
beständiger Vergleichung behandelt. ' 

Man wird aber auch die Geschichte des höheren Menschen- 
tums nie verstehen, wenn man übersieht, daß der Mensch als 
Element einer Rasse und als Besitzer einer Sprache, oder der 
Mensch, soweit er einer Einheit des Blutes entstammt und so- 
weit er einer Einheit der Verständigung eingereiht ist, daß also 
Dasein und Wachsein des Menschen ihre besonderen Schicksale 
haben. Und zwar sind Ursprung, Entwicklung und Dauer der 
Rasseseite und der Sprachseite in ein und derselben Bevölkerung 
durchaus unabhängig voneinander. Rasse ist etwas Kosmisches 
und Seelenhaftes. Irgendwie ist sie periodisch und in ihrem Linern 
von den großen astronomischen Verhältnissen mitbedingt. Sprachen 
sind kausale Gebilde ; sie wirken durch die Polarität ihrer Mittel. 
Wir sprechen von Rasseinstinkten und vom Geist einer Sprache. 
Aber das sind zwei verschiedene Welten. Zur Rasse gehört 
die tiefste Bedeutung der Worte Zeit und Sehnsucht, zur Sprache 
die der Worte Raum und Angst. Das alles ist bis jetzt unter 
dem Begriff „Volk" verschüttet geblieben. 

Es gibt also Daseinsströme und Wachseinsverbin- 
dungen. Jene besitzen eine Physiognomie, diesen liegt ein System 



134 STÄDTE UND VÖLKER 

zugrunde. Rasse ist, im Bilde der Umwelt betrachtet, der In- 
begriff aller leiblichen Kennzeichen, soweit sie für das Sinnes- 
empfinden wacher Wesen vorhanden sind. Hier müssen wir be- 
denken, daß ein Leib die mit seiner Zeugung gesetzte und ihm 
innerlich eigene Form von der Kindheit bis zum Greisentum 
entfaltet und vollendet, während gleichzeitig das, was der Leib 
abgesehen von seiner Form ist, unaufliörlich erneuert wird. Von 
einem Knaben ist also im Manne nichts wirklich geblieben als 
der lebendige Sinn seines Daseins, und wir erkennen davon nicht 
mehr, als was sich in der Welt des Wachseins darbietet. Ob- 
wohl sich für den höheren Menschen der Rasseeindruck fast ganz 
auf das beschränkt, was in der Lichtwelt seines Auges erscheint, 
Rasse also ganz wesentlich ein Libegriff sichtbarer Merkmale 
ist, so sind doch auch für ihn bedeutsame Reste nichtoptischer 
Merkmale vorhanden, der Geruch, die Stimmen der Tiere, vor 
allem aber die Sprechweise des Menschen. Für höhere Tiere 
dagegen wird der gegenseitige Rasseeindruck ohne Zweifel durch- 
aus nicht vom Sehen beherrscht. Die Witterung ist wichtiger; 
es kommen aber Empfindungsarten hinzu, die sich dem mensch- 
lichen Wissen vollständig entziehen. Es ergibt sich daraus, daß 
eine Pflanze, weil sie Dasein besitzt, auch Rasse hat — die 
Obst- und Blumenzüchter wissen das sehr wohl — daß aber 
nur Tiere Rasseeindrücke empfangen. Es hat für mich immer 
etwas Erschütterndes, wenn ich im Frühling sehe, wie aU diese 
blühenden Gewächse, die sich nach Zeugung und Befruchtung 
sehnen, mit der ganzen Leuchtkraft ihrer Blüten einander nicht 
anziehen und nicht einmal bemerken können, sondern auf Tiere 
angewiesen sind, für die es allein diese Farben und Düfte gibt. 
Sprache nenne ich die gesamte freie Tätigkeit des wachen 
Mikrokosmos, insofern sie etwas für andere zum Ausdruck 
bringt. Pflanzen besitzen kein Wachsein und keine Beweghch- 
keit und also keine Sprache. Das Wachsein tierischer Wesen 
aber ist durch und durch ein Sprechen, ob nun der Sinn der 
einzelnen Akte ein Sprechen sein soll oder nicht und wenn auch 
der bewußte oder unbewußte Zweck des Tuns in einer ganz 
anderen Richtung liegt. Ein Pfau spricht sicherhch bewußt, 
wenn er seinen Schweif entfaltet, aber eine junge Katze, die 
mit einem Gamknäul spielt, spricht durch die Zierlichkeit ihrer 



STÄDTE UND VÖLKER 135 

Bewegungen unbewußt zu uns. Jeder kennt den Unterschied in 
seinen Bewegungen, je nachdem er sich beobachtet weifs oder 
nicht. Man beginnt plötzlich mit allem, was man tut, bewußt 
zu „sprechen". 

Damit ergibt sich aber ein sehr bedeutsamer Unterschied 
in den Arten der Sprache: Sprache, die nur Ausdruck für die 
Welt ist und deren innere Notwendigkeit in der Sehnsucht 
alles Lebens liegt, sich vor Zeugen zu verwirklichen, sein Dasein 
sich selbst zu bezeugen, und Sprache, die von bestimmten Wesen 
verstanden sein will. Es gibt also Ausdruckssprachen und 
Mitteilungssprachen. Jene setzen nur ein Wachsein, diese 
eine Wachseinsverbindung voraus. Verstehen heißt mit dem 
eigenen Bedeutungsgefühl auf den Eindruck eines Zeichens ant- 
worten. Sich verständigen, „Zwiesprache halten", zu einem „Du" 
sprechen, heißt also in ihm ein dem eigenen entsprechendes Be- 
deutungsgefühl voraussetzen. Die Ausdruckssprache vor Zeugen 
beweist nur das Vorhandensein eines Ich. Die Mitteilungssprache 
setzt ein Du. Ich ist das Sprechende, Du ist das, was die Sprache 
des Ich verstehen soll. Für den primitiven Menschen kann ein 
Baum, ein Stein, eine Wolke ein Du sein. Alle Gottheiten sind 
Du. Im Märchen gibt es nichts, was nicht mit dem Menschen 
Zwiesprache halten könnte. Und wir brauchen uns nur in Augen- 
blicken zorniger Erregung oder dichterischen Schwunges zu er- 
tappen, um zu wissen, daß noch heute jedes Ding ein Du für 
uns werden kann. Und endlich spricht jeder denkende Mensch 
mit sich selbst wie mit einem Du. Erst am Du erwacht auch 
das Wissen von einem Ich. „Ich" ist also eine Bezeichnung für 
die Tatsache, daß eine Brücke zu einem anderen Wesen vor- 
handen ist. 

Eine strenge Grenze zwischen religiöser und künstlerischer 
Ausdruckssprache und reiner Mitteilungssprache zu ziehen ist 
unmöglich. Das gilt ganz besonders auch für hohe Kulturen 
mit der Sonderentwicklung ihrer Formgebiete. Denn einer- 
seits kann niemand sprechen, ohne in die Art seines Sprechens 
noch einen bedeutsamen Ausdruck zu legen, der ihm selbst oft 
nicht bekannt ist und der jedenfalls nicht der Mitteilung dient. 
Und andererseits kennen wir alle das Drama, mit dem der Dichter 
etwas „sagen" will, was er ebensogut und besser auch durch 



136 STÄDTE UND VÖLKER 



einen Aufruf hätte sagen können, das Gemälde, das durch seinen 
Inhalt belehren, mahnen, bessern soll — die Bilderreihen in jeder 
griechisch-orthodoxen Kirche bilden einen strengen Kanon und 
dienen dem ausgesprochenen Zweck, dem Betrachter, dem ein 
Buch nichts sagt, die Wahrheiten der Religion eindringlich klar 
zu machen — die Stiche von Hogarth, welche Kanzelreden er- 
setzen, und endlich das Gebet, das unmittelbare Sprechen mit 
Gott, das auch durch die Ausübung einer kultischen Handlung 
vor seinen Augen, deren Sprache er versteht, ersetzt werden 
kann. Der theoretische Streit um den Zweck der Kunst beruht 
auf der Forderung, daß eine künstlerische Ausdruckssprache keine 
Mitteilungssprache sein soll, und der Erscheinung des Priester- 
tums liegt die Überzeugung zugrunde, daß es allein die Sprache 
kennt, in welcher der Mensch sich Gott mitteilen kann. 

Alle Daseinsströme haben historische, alle Wachseinsver- 
bindungen religiöse Prägung. Was von jeder echten religiösen 
oder künstlerischen Formensprache feststeht und was insbesondere 
die Geschichte der Schrift uns überall enthüllt — Schrift ist die 
Wortsprache fürs Auge — das gilt ganz ohne Zweifel auch von 
der Entstehung der menschlichen Lautsprache überhaupt. Die 
Urworte, von deren Beschaffenheit wir nicht das geringste mehr 
wissen, besaßen sicherlich auch eine kultische Farbe. Aber in 
einem entsprechenden Zusammenhang steht die Rasse mit allem, 
was wir das Leben als Kampf um die Macht, was wir die Ge- 
schichte als Schicksal, was wir heute Politik nennen. Es ist viel- 
leicht verwegen, in dem Suchen einer Kletterpflanze nach Haft- 
punkten, womit sie einen Baum umklammert, seinen Widerstand 
überwindet und ihn zuletzt erwürgt, um sich über seinen Wipfel 
hoch in die Luft zu recken, etwas von politischem Instinkt, in 
dem Gesang einer aufsteigenden Lerche etwas von religiösem 
Weltgefühl zu verspüren, aber es ist sicher, daß von hier aus 
in ununterbrochener Reihe die Äußerungen des Daseins und des 
Wachseins, des Taktes und der Spannung bis zu den ausgebil- 
deten pohtischen und religiösen Formen jeder modernen Zivili- 
sation führen. 

Und daraus ergibt sich endlich der Schlüssel für jene zwei 
merkwürdigen Worte, welche die völkerkundliche Forschung an 
zwei ganz verschiedenen Stellen der Erde entdeckt hat und zwar 



STÄDTE UND VÖLKER 137 



in einer nicht sehr umfangreichen Anwendung, die dann aher 
unvermerkt immer mehr in den Vordergrund der Untersuchung 
gerückt sind: Totem undT ab u. Je rätselhafter und vieldeutiger 
sie werden, desto mehr hat man gefühlt, daß mit ihnen die letzten 
Lebensgründe nicht nur der primitiven Menschheit angerührt 
wurden. Und aus der hier vorgelegten Untersuchung folgt nun- 
mehr die eigentliche Bedeutung beider: Totem und Tabu be- 
zeichnen den letzten Sinn von Dasein und Wachsein, Schicksal 
und Kausalität, Rasse und Sprache, Zeit und Raum, Sehnsucht 
und Angst, Takt und Spanimng, Politik und Religion. Die Totem- 
seite des Lebens ist pflanzenhaft und gehört allen Wesen an, die 
Tabuseite ist tierhaft und setzt die freie Bewegung des Wesens 
in einer Welt voraus. Wir besitzen die Totemorgane des Blut- 
kreislaufs und der Fortpflanzung und die Tabuorgane der Sinne 
und Nerven. Alles was zum Totem gehört, besitzt Physiognomie, 
alles was Tabu ist, hat System. Ln Totemistischen liegt das 
Gemeingefühl von Wesen, die ein und demselben Daseinsstrome 
angehören. Es läßt sich nicht übertragen und nicht beseitigen, 
es ist eine Tatsache, die Tatsache im eminenten Sinne. Alles 
was Tabu ist, kennzeichnet Wachseinsverbindungen; es ist er- 
lernbar und übertragbar und eben deshalb ein behütetes Geheimnis 
von Kultgemeinden, Denkerschulen und Künstlergilden, die alle 
eine Art von Geheimsprache besitzen, i) 

Aber das Dasein kann ohne das Wachsein gedacht werden ; das 
Wachsein nicht ohne Dasein. Daraus folgt, daß es Rassewesen 
ohne Sprache gibt, aber keine Sprache ohne Rasse. Deshalb be- 
sitzt alles Rassemäßige seinen eigenen und vom etwaigen Wach- 
sein unabhängigen, den Pflanzen so gut wie den Tieren zu- 
gehörigen Ausdruck — wohl zu unterscheiden von der Ausdrucks- 
sprache, welche in der aktiven Veränderung des Ausdruckes 
besteht — der nicht für Zeugen bestimmt, sondern einfach da ist: 
die Physiognomie. In jeder mit tiefer Bedeutung sogenannten 
lebenden Sprache aber ist außer der Tabuseite, die erlernbar ist, 
ein gänzlich unerlernbarer Rassezug nachzuweisen, der mit den 

*) Es versteht sich, daß totemistische Tatsachen, insofern sie vom Wach- 
sein bemerkt werden, auch eine Tabubedeutung erhalten, wie vieles im Ge- 
schlechtsleben, das den Menschen mit einer tiefen Angst erfüllt, weil es seinem. 
Verstehenwollen entzogen bleibt 



138 STÄDTE UND VÖLKER 

Trägern der Sprache dahinstirbt: er liegt in Melos, Rhythmus 
und Betonung, in Farbe, Klang und Schritt der Aussprache, im 
Sprachgebrauch, in der begleitenden Geste. Man sollte deshalb 
die Sprache und das Sprechen unterscheiden. Jene ist ein an 
sich toter Bestand von Zeichen, diese ist die Tätigkeit, welche 
mit den Zeichen wirkt. ^) Wenn man von einer Sprache nicht mehr 
unmittelbar hören und sehen kann, wie sie gesprochen wii*d, 
so kennt man von ihr nur den Knochenbau und nicht den Leib. 
Das ist beim Sumerischen, Gotischen, Sanskrit und allen andern 
Sprachen der Fall, die wir nur aus Texten und Inschriften ent- 
ziffert haben und mit vollem Recht tot nennen, weil die mensch- 
liche Gemeinschaft verschwunden ist, welche durch diese Sprache 
gebildet worden war. Wir kennen die ägyptische Sprache, aber 
nicht das ägyptische Sprechen. Wir kennen vom Latein der 
augusteischen Zeit annähernd den Lautwert der Buchstaben und 
den Wortsinn, aber wir wessen nicht, wie eine Rede Ciceros 
von den Rostra herab erklang und noch viel weniger wissen wir, 
wie Hesiod und Sappho ihre Verse sprachen und wie sich ein 
Gespräch auf dem Markt von Athen anhörte. Wenn in der Gotik 
das Latein wirklich wieder gesprochen wurde, so war damit etwas 
Neues entstanden; die Ausbildung dieses gotischen Latein hat 
vom Takt und Klang des Sprechens, von dem wir uns heute 
ebenfalls keine Vorstellung mehr machen können, bald auf den 
Wortbestand und die Wortverbindung übergegriffen. Aber auch 
das antigotische Latein der Humanisten, das ciceronianisch sein 
sollte, war nichts weniger als eine Auferstehung. Die ganze Be- 
deutung der Rasseseite im Sprechen ermißt man, wenn man das 
Deutsch Nietzsches und Mommsens, das Französisch Diderots und 
Napoleons vergleicht und bemerkt, daß Lessing und Voltaire im 
Gebrauch der Sprache sich näher stehen als Lessing und Hölderlin. 
Und ebenso steht es mit der bedeutendsten Ausdruckssprache, 
die es gibt, der Kunst. Die Tabuseite, nämlich der Formen- 
schatz, die Regeln der Konvention, der Stil, soweit er einen In- 



') W. V. Humboldt (,tJber die Verschiedenheit des menschlichen Sprach- 
baues") war der erste, welcher betonte, daß eine Sprache kein Ding, sondern 
eine Tätigkeit ist. „Will man den Ausdnick scharf nehmen, so läßt sich wohl 
sagen: es gibt keine Sprache, so wenig wie es Geist gibt; aber der 
Mensch spricht, und der Mensch wirkt geistig." 



STÄDTE UND VÖLKER 139 

begriff feststehender Wendungen bedeutet, was mit dem Wort- 
schatz und der Syntax der Wortsprachen zu vergleichen ist, stellt 
die Sprache selbst dar, die erlernt werden kann. Sie wird er- 
lernt und im Gebrauch überliefert in den großen Malerschulen, 
der Bauhüttentradition, überhaupt in der strengen Handwerks- 
zucht, welche für jede echte Kunst selbstverständlich ist und 
deren Zweck zu allen Zeiten die sichere Beherrschung einer ganz 
bestimmten, gerade damals lebendigen Sprechweise war. Denn 
es gibt auch hier lebendige und tote Sprachen. Die Formen- 
sprache einer Kunst läßt sich nur dann als lebendig bezeichnen, 
wenn die Künstlerschaft in ihrer Gesamtheit sie wie eine ge- 
meinsame Muttersprache anwendet, deren man sich bedient, ohne 
an ihre Beschaffenheit auch nur zu denken. In diesem Sinne 
war der gotische Stil im 16. Jahrhundert eine tote Sprache, das 
Rokoko um 1800. Man vergleiche die unbedingte Sicherheit, mit 
welcher Baumeister und Musiker des 17. und 18. Jahrhunderts 
sich ausdrücken, mit dem Stammeln Beethovens, den mühsam, 
gewissermaßen durch Selbstunterricht erworbenen Sprachkenntr- 
nissen Schinkels und Schadows, dem Radebrechen der Prärafaeliten 
und Neugotiker und endHch den hilflosen Sprechversuchen heu- 
tiger Künstler, 

Das Sprechen einer künstlerischen Formensprache, wie es in 
den Werken vorliegt, läßt die Totemseite, die Rasse erkennen und 
zwar von einzelnen Künstlern so gut wie von ganzen Künstler- 
geschlechtern. Die Schöpfer der dorischen Tempel Unteritaliens 
und Siziliens und die der norddeutschen Backsteingotik waren 
eine starke Rasse und ebenso die deutschen Musiker von Heinrich 
Schütz bis Sebastian Bach. Zur Totemseite gehören der Einfluß 
der kosmischen Kreisläufe, dessen Bedeutung für die Gestalt der 
Kunstgeschichte man kaum ahnt und niemals im einzelnen fest- 
stellen wird, und die schöpferischen Zeiten des Frühlings und des 
Liebesrausches, die ganz unabhängig von der Sicherheit der Form- 
gebung über die Formgewalt, die Tiefe der Konzeption einzelner 
Werke und ganzer Künste entscheiden. Wir verstehen den For- 
malisten aus Tiefe der Weltangst oder aus Mangel an Rasse und 
den großen Formlosen aus Überschwang des Blutes oder Mangel 
an Zucht. Wir verstehen, daß es einen Unterschied gibt zwischen 
der Geschichte von Künstlern und der von Stilen und daß man 



140 STÄDTE UND VÖLKER 

die Sprache einer Kunst von Land zu Land tragen kann, die 
Meisterschaft, sie zu sprechen, aber nicht. 

Eine Rasse hat Wurzeln. Rasse und Landschaft gehören 
zusammen. Wo eine Pflanze wurzelt, da stirbt sie auch. Es hat 
wohl einen Sinn, nach der Heimat einer Rasse zu fragen, aber 
man sollte wissen, daß dort, wo die Heimat ist, eine Rasse mit 
ganz wesentlichen Zügen des Leibes und der Seele auch bleibt. 
Ist sie dort nicht zu finden, so ist sie nirgends mehr. Eine Rasse 
wandert nicht. Die Menschen wandern; ihre Geschlechterfolgen 
werden dann in immer wechselnden Landschaften geboren; die 
Landschaft erhält eine geheime Gewalt über das Pflanzenhafte 
in ihnen und endlich ist der Rasseausdruck von Grund aus ver- 
ändert, der alte erloschen und ein neuer aufgetaucht. Nicht 
Engländer und Deutsche sind nach Amerika ausgewandert, sondern 
diese Menschen sind als Engländer und Deutsche gewandert; 
als Yankees sind ihre Urenkel jetzt dort, und es ist seit langem 
kein Geheimnis mehr, daß der Indianerboden seine Macht an 
ihnen erwiesen hat: Sie werden von Generation zu Generation 
der ausgerotteten Bevölkerung ähnlicher. Gould und Baxter haben 
gezeigt, daß W^eiße aller Stämme, Indianer und Neger dieselbe 
durchschnittliche Körpergröße und W^achstumszeit erhalten und 
zwar so schnell, daß jung eingewanderte Iren (mit einer sehr 
langen W^achstumszeit) die Macht der Landschaft noch an sich 
selbst erfahren. Boas hat gezeigt, daß schon die in Amerika 
geborenen Kinder langköpfiger sizilischer und kurzköpfiger deut- 
scher Juden dieselbe Kopfform haben. Aber das gilt überall und 
soUte zur größten Vorsicht gegenüber historischen Wanderungen 
mahnen, von denen wir nur gewisse Namen der W^anderstämme 
und geringe Sprachreste kennen, wie es in der antiken Vor- 
geschichte mit Danaern, Etruskern, Pelasgern, Achaiern, Dorern 
der FaU ist. Für die Rasse dieser „Völker" folgt daraus gar 
nichts. Was unter den Namen der Goten, Langobarden, Vandalen 
in die südeuropäischen Länder einströmte, war zuerst ohne Zweifel 
eine Rasse für sich. Sie war aber schon zur Zeit der Renaissance 
in die wurzelhaften Rassemerkm ale des pro venQalischen, kastilischen 
und toskanischen Bodens vollständig hineingewachsen. 

Nicht so die Sprache. Die Heimat einer Sprache bedeutet 
nur den zufäUigen Ort ihrer Bildung, der zu ihrer inneren Form 



STÄDTE UND VÖLKER Ul 



in keiner Beziehung steht. Sprachen wandern, indem sie von 
Stamm zu Stamm verbreitet und von Stämmen fortgetragen 
werden. Vor allem werden sie gewechselt und einen Sprachen- 
wechsel der Rassen kann man in früher Zeit gar nicht oft 
genug annehmen. Es ist, um das zu wiederholen, der Form- 
bestand und nicht das Sprechen der Sprache, was man sich 
aneignet, ebenso wie primitive Bevölkerungen sich unaufliörlich 
ornamentale Motive aneignen, um sie mit vollkommener Sicher- 
heit als Elemente der eigenen Formensprache zu gebrauchen. 
Es genügt in frühen Zeiten die Tatsache, daß ein Volk sich als 
stärker erwiesen hat, oder ein Gefühl, daß dessen Sprache in 
der Anwendung überlegen ist, um — oft aus wirklicher reli- 
giöser Scheu — die eigene Sprache dafür aufzugeben. Man ver- 
folge den Sprachwechsel der Normannen, die in der Normandie, 
in England, in Sizilien, vor Byzanz mit einer andern Sprache 
erschienen und jedesmal bereit waren, sie wieder gegen eine 
andere einzutauschen. Die Ehrfurcht vor der Muttersprache, mit 
dem ganzen sittlichen Gewicht, das an diesem Worte haftet und 
das immer wieder zu erbitterten Sprachkämpfen führt, ist ein 
Zug der späten abendländischen Seele und dem Menschen andrer 
Kulturen kaum, dem primitiven gar nicht bekannt. Er wird von 
unsern Historikern aber stillschweigend überall vorausgesetzt 
und führt zu einer Unzahl falscher Schlüsse über die Bedeutung 
von Sprachfunden auf die Geschicke von „Völkern". Man denke 
an die Rekonstruktion der „dorischen Wanderung" aus der Ver- 
teilung der späteren griechischen Dialekte. Daraus ergibt sich 
die Unmöglichkeit, aus bloßen Ortsnamen, Eigennamen, Inschriften, 
Dialekten, der Sprachseite überhaupt auf die Geschicke der Rasse- 
seite von Bevölkerungen zu schließen. Wir wissen von vornherein 
nie, ob ein Völkername einen Sprachkörper oder einen Rasseteil 
bezeichnet, beides oder keins von beiden, und dazu kommt noch, 
daß die Völkernamen und sogar die Ländernamen ihre eigenen 
Schicksale besitzen. 



8 



Das Haus ist der reinste Rasseausdruck, den es überhaupt 
gibt. Von dem Augenblick an, wo der seßhaft werdende Mensch 
nicht mehr mit einem Obdach vorlieb nimmt, sondern eine feste 



142 STÄDTE UND VÖLKER 

Wohnung für sich baut, ist dieser Ausdruck vorhanden und er 
unterscheidet innerhalb der Rasse „Mensch", welche dem bio- 
logischen Weltbilde i) angehört, die Menschenrassen der eigent- 
lichen Weltgeschichte, Daseinsströnie von einer viel seelenhafteren 
Bedeutung. Die Urform des Hauses ist durchaus gefühlt und 
gewachsen. Man weiß gar nichts von ihr. Wie die Schale des 
Nautilus, wie der Bienenstock, wie die Nester der Vögel ist sie 
von innerer Selbstverständlichkeit und alle Züge ursprünglicher 
Sitte und Form des Daseins, des Ehe- und Familienlebens, der 
Stammesordnung haben im Grundriß und seinen Haupträumen, 
Diele, Halle, Megaron, Atrium, Hof, Kemenate, Gynaikeion ihr 
Ebenbild. Man braucht nur die Anlage des altsächsischen und 
des römischen Hauses zu vergleichen, um zu fühlen, daß die 
Seele dieser Menschen und die Seele ihres Hauses ein und das- 
selbe sind. 

Die Kunstgeschichte hätte sich dieses Gebietes nie bemäch- 
tigen sollen. Es war ein Irrtum, den Bau des Wohnhauses für 
einen Teil der Baukunst zu halten. Diese Form ist aus der 
dunklen Gewohnheit des Daseins, nicht für das Auge entstanden, 
welches Formen im Licht sucht, und kein Architekt hat je daran 
gedacht, die Raumverteilung des Bauernhauses wie die eines 
Domes zu behandeln. Diese bedeutsame Grenze der Kunst ist 
der Forschung entgangen, obwohl gelegentlich Dehio 2) bemerkt, 
daß das altgermanische Holzhaus nichts mit der späteren großen 
Architektur zu tun habe, die ganz unabhängig davon entstanden 
sei. Deshalb besteht eine immerwährende methodische Verlegen- 
heit, welche die Kunstwissenschaft wohl empfunden, aber nicht 
begriffen hat. Sie bringt in allen Vor- und Frühzeiten unter- 
schiedslos Geräte, Waffen, Keramik, Gewebe, Grabstätten und 
Häuser und zwar sowohl der Form als der Verzierung nach zu- 
sammen und gewinnt erst mit der organischen Geschichte der 
Malerei, Plastik und Architektur, also der in sich geschlossenen 
Sonderkünste, festen Boden. Aber hier scheiden sich klar und 
deutlich zwei Welten, die des Seelenausdrucks und die der 
Ausdrucks spräche für das Auge. Das Haus und ebenso die 
völlig unbewußten Grund-, d. h. Gebrauchsformen der Gefäße, 
Waffen, Kleidung und Geräte gehören zur Totemseite. Sie kenn- 

») Vgl. oben S. 33. ») Gesch. d. Deutsch. Kunst, 1919, S. 14f. 



STÄDTE UND VÖLKER 143 



zeichnen nicht einen Geschmack, sondern die Kampfweise, Wohn- 
weise und Arbeitsweise. Jedes ursprüngliche Sitzgerät ist der 
Abdruck einer rassemäßigen Körperhaltung; jeder Griff eines 
Gefäßes verlängert den bewegten Arm, Die Malerei und Schnitz- 
arbeit am Hause, das Kleid als Schmuck, die Verzierung der 
Waffen und Geräte dagegen gehören zur Tabuseite des Lebens. 
In diesen Mustern und Motiven liegt für den frühen Menschen 
auch eine Zauberkraft. Wir kennen die Germanenklingen ^er 
Völkerwanderung mit orientalischem Ornament und die mykeni- 
schen Burgen mit minoischer Kunstarbeit. So unterscheiden sich 
Blut und Sinne, Rasse und Sprache — Politik und Religion. 

Es gibt also — und das wäre eine der dringendsten Auf- 
gaben künftiger Forschung — noch keine Weltgeschichte des 
Hauses und seiner Rassen, die mit ganz anderen Mitteln be- 
handelt werden müßte als die Geschichte der Kunst. Das Bauern- 
haus ist im Verhältnis zum Tempo aller Kunstgeschichte „ewig" 
wie der Bauer selbst. Es steht außerhalb der Kultur und damit 
außerhalb der höheren Menschengeschichte; es kennt ihre ört- 
lichen und zeitlichen Grenzen nicht und erhält sich der Idee 
nach unverändert durch alle Wandlungen der Baukunst, die 
sich nur an ihm, nicht mit ihm vollziehen. Die altitalische 
Rundhütte kennt man noch in der Kaiserzeit. ^) Die Form des 
rechteckigen römischen Hauses, das Existenzzeichen einer zweiten 
Rasse, findet sich in Pompeji und sogar in den Kaiserpalästen 
auf dem Palatin. Man entlehnt jede Art von Schmuck und Stil 
aus dem Orient, aber kein Römer hätte daran gedacht, etwa das 
syrische Haus nachzuahmen. Und ebensowenig ist die Megaron- 
form von Tiryns und Mykene und die des von Galen beschriebenen 
altgriechischen Bauernhauses von den Städtebaumeistern des Helle- 
nismus angetastet worden. Das sächsische und das fränkische 
Bauernhaus haben ihren Wesenskern vom ländlichen Gehöft über 
das Bürgerhaus der alten freien Reichsstädte bis zu den Patrizier- 
bauten des 18. Jahrhunderts unberührt erhalten, während der 
gotische, Renaissance-, Barock- und Empirestil darüber hin- 
gleiten, an der Fassade und in allen Räumen vom Keller bis 
zum Dache ihr Wesen treiben, ohne die Seele des Hauses zu 
beirren. Und dasselbe gilt von den Möbelformen, die man 

') W. Altmann, Die ital. Rundbauten, 1906. 



144 " STÄDTE UND VÖLKER 

psychologisch von ihrer künstlerischen Behandlung sorgfältig 
trennen sollte. Insbesondere ist die Entwicklung der nord- 
europäischen Sitzmöbel bis zum Klubsessel ein Stück Rasse- und 
nicht etwa Stilgeschichte. Jedes andere Kennzeichen kann über 
das Schicksal einer Rasse täuschen; der Etruskername unter den 
Seevölkern, die Ramses III. schlug, die rätselhafte Inschrift von 
Lemnos, die Wandgemälde in den Gräbern von Etrurien gestatten 
keinen sicheren Schluß auf den leiblichen Zusammenhang dieser 
Menschen. Wenn gegen Ende der Steinzeit in dem weiten Gebiet 
östlich der Karpathen eine hochbedeutende Ornamentik entsteht 
und andauert, so kann trotzdem Rasse auf Rasse sich hier ab- 
gelöst haben. Besäßen wir in Westeuropa aus den Jahrhunderten 
von Trajan bis Chlodwig nur die Keramik, so würden wir von 
dem Ereignis der Völkerwanderung nicht das geringste ahnen. 
Aber das Vorkommen eines Ovalhauses im ägäischen Gebiet, i) 
eines anderen sehr seltsamen Ovalhauses in Rhodesia,^) die viel- 
besprochene Übereinstimmung des sächsischen Bauernhauses mit 
dem libysch -kabylischen verraten ein Stück Rassegeschichte. 
Ornamente verbreiten sich, wenn eine Bevölkerung sie ihrer 
Formensprache einverleibt; eine Hausform wird nur mit einer 
Rasse verpflanzt. Verschwindet ein Ornament, so hat sich nur 
eine Sprache verändert, verschwindet ein Haustyp, so ist eine 
Rasse erloschen. 

Daraus ergibt sich nun eine notwendige Berichtigung der 
Künstgeschichte. Man muß auch in ihrem Verlauf die Rasseseite 
sorgfältig von der eigentlichen Sprache trennen. Am Anfang 
einer Kultur erheben sich über das Bauerndorf mit seinen Rasse- 
bauten zwei ausgeprägte Formen höheren Ranges als Ausdruck 
des Daseins und als Sprache des Wachseins, Burgen und Dom e.^) 
In ihnen steigert sich der Unterschied von Totem und Tabu, 
Sehnsucht und Angst, Blut und Geist zu gewaltiger Symbolik. 
Die altägyptische, altchinesische, antike, südarabische, abend- 
ländische Burg als der Sitz von Geschlechterfolgen steht dem 



*) Bulle, Orchomenos S. 26 ff.; Noack, Ovalhaus und Palast in Kreta 
S. 53 ff. Die in späterer Zeit noch feststellbaren Hausgrundrisse des ägäisch- 
kleinasiatischen Gebietes gestatten vielleicht, in den Bevölkerungsstand der 
vorantiken Zeit Ordnung zu bringen. Die Sprachreste können es nicht. 

*) Mediaeval Rhodesia, London 1906. ') Vgl. Kap. IV a. 



STÄDTE UND VÖLKER 145 

Bauernhaus nahe. Sie bleiben beide als Abdruck wirklichen 
Lebens, Zeugens und Sterbens außerhalb aller Kunstgeschichte. 
Die Geschichte der deutschen Burgen ist durchaus ein Stück 
Rassegeschichte. An beide wagt sich zwar die frühe Orna- 
mentik heran und verschönert hier das Balkenwerk und dort 
das Tor oder Treppenhaus, aber sie kann so oder so gewählt 
werden oder überhaupt fehlen. Eine innerlich notwendige Be- 
ziehung zwischen Baukörper und Ornament ist nie vorhanden. 
Der Dom dagegen ist nicht ornamentiert; er ist ein Ornament. 
Seine Geschichte — und ebenso die des dorischen Tempels und 
aller andern frühen Kultbauten — fällt mit der gotischen Stil- 
geschichte zusammen und zwar so vollständig, daß es hier wie 
in allen frühen Kulturen, von deren Kunst wir überhaupt noch 
etwas wissen, niemandem aufgefallen ist, daß die strenge Archi- 
tektur, die nichts ist als reine Ornamentik von höchster Art, 
sich ausschliefslich auf den Kultbau beschränkt. Alles was an 
schönen Bauformen in Gelnhausen, Goslar und der Wartburg er- 
scheint, ist von der Domkunst herübergenommen, ist Ver- 
zierung und nicht von innerer Notwendigkeit. Eine Burg, ein 
Schwert, ein Tongefäß können diese Verzierung vollständig ent- 
behren, ohne ihren Sinn oder auch nur ihre Gestalt zu verlieren; 
bei einem Dom oder einem ägyptischen Pyramidentempel läßt 
sich das nicht einmal vorstellen. 

So unterscheiden sich der Bau, der Stil hat, von dem, in 
welchem man Stil hat. Denn in Kloster und Dom ist es der 
Stein, welcher Form besitzt und sie den Menschen mitteilt, die 
in ihrem Dienste stehen, in Bauernhaus und Ritterburg ist es 
die volle Stärke des bäuerlichen und ritterlichen Lebens, welche 
aus sich heraus das Gehäuse bildet. Der Mensch und nicht der 
Stein ist hier das erste, und wenn von einem Ornament auch 
hier die Rede sein soll, so besteht es in der strengen, gewach- 
senen, unerschütterlichen Form der Sitten und Bräuche. Das 
wäre der Unterschied von lebendigem und starrem Stil. Aber 
ebenso wie die Macht dieser lebendigen Form auf das Priestertum 
hinübergreift und in vedischer wie in gotischer Zeit einen ritter- 
lichen Priestertypus herausbildet, so ergreift die romanisch-gotische 
heilige Formensprache alles, was mit diesem weltlichen Leben 
in Verbindung steht, Tracht, Waffen, Zimmer und Geräte, und 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, H. 10 



146 STÄDTE UND VÖLKER 

stilisiert ihre Oberfläche. Aber die Kunstgeschichte sollte sich 
über diese ihr fremde Welt nicht täuschen; es ist die Oberfläche. 
Etwas Neues kommt in den frühen Städten nicht hinzu. 
Zwischen den Rassehäusern, welche nun Straßen bilden und in 
ihrem Innern die Einrichtung und Sitte des Bauernhauses treu 
bewahren, liegt eine Handvoll Kultbauten, welche Stil haben. 
Sie sind weiterhin unbestritten der Sitz der Kunstgeschichte 
und strahlen ihre Form auf Plätze, Fassaden und Innenräume 
aus. Mögen aus den Burgen Stadtpaläste und Patrizierhäuser, 
aus dem Palas, der Männerhalle, die Gilden- und Rathäuser ge- 
worden sein, sie alle haben keinen Stil, sondern empfangen und 
tragen ihn. Das echte Bürgertum hat nicht mehr die meta- 
physische Gestaltungskraft der frühen Religion. Es bildet das 
Ornament weiter, aber nicht den Bau als Ornament. Von hier 
an, mit der reifen Stadt, zerfällt die Kunstgeschichte in die Ge- 
schichte von Einzelkünsten. Das Bild, die Statue, das Haus sind 
Einzelobjekte der Stilanwendung. Auch die Kirche ist jetzt ein 
solches Haus. Ein gotischer Dom ist Ornament, eine barocke 
Hallenkirche ist ein Baukörper, der mit Ornamentik überzogen 
ist. Was der jonische Stil und das Barock des 16. Jahrhunderts 
vorbereiten, führt die korinthische Ordnung und das Rokoko zu 
Ende. Hier haben sich Haus und Ornament endgültig und ent- 
schieden getrennt und selbst die Meisterwerke unter den Kirchen 
und Klöstern des 18. Jahrhunderts können nicht darüber hinweg- 
täuschen, daß alle diese Kunst weltlich geAvorden ist, nämlich 
Verzierung. Mit dem Empire geht der Stil in einen Geschmack 
über und mit seinem Ende die Baukunst in ein Kunstgewerbe. 
Damit hat die ornamentale Ausdruckssprache und also die Kunst- 
geschichte ein Ende gefunden. Aber das Bauernhaus mit seiner 
unveränderten Rasseform lebt weiter. 



Sieht man vom Rasseausdruck des Hauses ab, so bemerkt 
man erst die ungeheure Schwierigkeit, dem Wesen der Rasse 
nahe zu kommen. Nicht ihrem inneren Wesen, ihrer Seele, denn 
davon redet unser Gefühl deutlich genug. Was ein Mensch von 
Rasse ist, wissen wir alle auf den ersten Blick. Aber welches 



STÄDTE UND VÖLKER 147 

sind die Merkmale für unser Empfinden, vor allem fürs Auge, 
an denen wir Rassen erkennen und unterscheiden? Ohne Zweifel 
gehört dies zur Physiognomik, so gut wie die Einteilung der 
Sprachen zur Systematik gehört. Was alles müßte man da aber 
vor sich haben! Wie vieles geht mit dem Tode, wie vieles weiter- 
hin mit der Verwesung endgültig verloren! Was verrät ein Skelett 
nicht, das einzige, was wir bestenfalls vom vorgeschichtlichen 
Menschen besitzen? Es ist so gut wie alles. Die prähistorische 
Forschung ist mit naivem Eifer gleich bereit, von einem Kiefer 
oder Armknochen Unglaubliches abzulesen, aber man braucht nur 
an ein Massengrab in Nordfrankreich zu denken, von dem wir 
wissen, daß darin Menschen aller Rassen, Weiße und Farbige, 
Bauern und Städter, Jünglinge und Männer bestattet sind. Wenn 
dies die Zukunft nicht aus anderer Quelle weiß, wird sie es durch 
eine anthropologische Untersuchung sicherlich nicht entdecken. 
Es können also gewaltige Rasseschicksale über ein Land dahin- 
gegangen sein, ohne daß der Forscher an den Skelettresten der 
Gräber das Geringste davon bemerkt. Der Ausdruck liegt also 
vorwiegend im lebendigen Körper; nicht im Bau der Teile, 
sondern in ihrer Bewegung, nicht im Gesichtsschädel, sondern 
in der Miene. Aber wie vieles an möglichem Rasseausdruck ist 
selbst für die schärfsten Sinne heutiger Menschen vorhanden? Wie 
vieles hören und sehen wir nicht? Für was fehlt uns, sicherlich 
im Unterschied von vielen Tierarten, überhaupt das Sinnesorgan? 
Die Wissenschaft im darwinistischen Zeitalter hat sich die 
Frage leicht gemacht. Wie flach, wie plump, wie mechanistisch 
ist der Begriff, mit dem sie arbeitet! Er umfaßt erstens eine 
Summe grobsinnlicher Merkmale, soweit sie im anatomischen Be- 
funde, also auch an Leichen festzustellen sind. Vom Beobachten 
des Körpers, insofern er lebt, ist nicht die Rede. Und zweitens 
untersucht man nur Kennzeichen, die sich einem sehr wenig 
feinen Auge aufdrängen, und nur, insofern sie sich messen und 
zählen lassen. Das Mikroskop gibt den Ausschlag, nicht das Takt- 
gefühl. Wenn man die Sprache als unterscheidendes Merkmal 
heranzieht, so denkt niemand daran, daß es menschliche Rassen 
nach der Art des Sprechens gibt und nicht nach dem gram- 
matischen Bau der Sprache, der auch nur ein Stück Anatomie 
und System ist. Daß die Erforschung dieser Sprechrassen eine 

10* 



148 STÄDTE UND VÖLKER 

der wichtigsten Aufgaben der Forschung sein könnte, ist über- 
haupt noch nicht bemerkt worden. In Wirklichkeit wissen wir 
alle als Menschenkenner aus täghcher Erfahrung, daß die Art 
des Sprechens einer der bezeichnendsten Rassezüge heutiger 
Menschen ist. Die Beispiele dafür sind unübersehbar und jedem 
in großer Zahl bekannt. In Alexandria sprach man dasselbe 
Griechisch nach sehr verschiedener Rasseart aus. Wir sehen es 
heute noch an der Schreibweise der Texte. In Nordamerika 
sprechen die im Lande Geborenen ohne Zweifel völlig gleich, ob 
es nun das Englische, Deutsche oder gar Indianische ist. Was 
ist im Sprechen osteuropäischer Juden Rassezug der Landschaft 
und also auch im Russischsprechen der Russen vorhanden, was 
ein Rassezug des Blutes und also den Juden unabhängig vom 
Wohngebiet ihrer Wirtsvölker beim Sprechen aller ihrer euro- 
päischen „Muttersprachen" gemeinsam? Wie verhält es sich hier 
im einzelnen mit der Lautbildung, der Betonung, der Wortstellung? 

Aber die Wissenschaft hat nicht einmal bemerkt, daß Rasse 
bei wurzelnden Pflanzen und beweglichen Tieren nicht das gleiche 
ist, daß mit der mikrokosmischen Lebensseite eine Gruppe von 
Zügen neu auftritt und zwar die für tierisches Wesen entscheidende. 
Sie sehen nicht, daß „Menschenrassen" innerhalb der einheit- 
lichen Rasse „Mensch" wieder etwas völlig anderes sind. Sie 
reden von Anpassung und Vererbung und verderben also durch 
eine seelenlose Kausalverkettung von Oberflächenzügen, was hier 
der Ausdruck des Blutes und dort die Macht des Bodens über 
das Blut ist, Geheimnisse, die man nicht sehen und messen, 
sondern nur von Auge zu Auge erleben und fühlen kann. 

Sie sind nicht einmal über den Rang der Oberflächenmerk- 
male untereinander einig. Blumenbach hat die Rassen nach Schädel- 
formen, Friedrich Müller ganz deutsch nach Haar und Sprachen- 
bau, Topinard echt französisch nach Hautfarbe und Nasenform, 
Huxley echt engUsch sozusagen sportsmäßig eingeteilt. Das letzte 
wäre an sich ohne Zweifel sehr zweckmäßig, aber ein Pferde- 
kenner würde ihm sagen, daß man mit einer Gelehrtenterminologie 
keine Rasseeigenschaften trifft. Diese Rassesteckbriefe sind sämt- 
lich ebenso wertlos wie die, an welchen ein Schutzmann seine 
theoretische Menschenkenntnis erprobt. 

Von dem Chaotischen im Gesamtausdruck des menschlichen 



STÄDTE UND VÖLKER 149 

Leibes macht man sich offenbar keine Vorstellung. Abgesehen vom 
Geruch, der z. B, für den Chinesen ein charakteristisches Kenn- 
zeichen der Rasse bildet, und vom Gehör, welches im Sprechen, 
Singen und vor allem im Lachen gefühlsmäßig tiefe Unterschiede 
feststellt, die keiner wissenschaftlichen Methode zugänglich sind, 
ist der Bildbefund fürs Auge so verwirrend reich an wirklich 
sichtbaren und an für den tieferen Blick sozusagen fühlbaren 
Einzelheiten, daß an eine Zusammenfassung nach wenigen Ge- 
sichtspunkten gar nicht zu denken ist. Und alle diese Seiten und 
Züge im Bilde sind unabhängig voneinander und haben ihre eigene 
Geschichte. Es gibt Fälle, wo der Knochenbau und vor allem die 
Schädelform sich vollkommen verändert, ohne daß der Ausdruck 
der Fleischteile, also des Gesichtes, anders würde. Die Geschwister 
ein und derselben FamiHe können fast alle unterscheidenden Merk- 
male nach Bhimenbach, Müller und Huxley darstellen und ihr 
lebendiger Rasseausdruck ist doch für jeden Beobachter völlig 
der gleiche. Noch viel häufiger ist die Gleichheit im Körperbau bei 
einer durchgreifenden Verschiedenheit des lebendigen Ausdrucks. 
Ich brauche nur an den unermeßhchen Unterschied zwischen einer 
echten Bauernrasse wie den Friesen oder Bretonen und echter 
Stadtrassen zu erinnern, i) Aber zur Energie des Blutes, das durch 
Jahrhunderte immer wieder dieselben leiblichen Züge prägt — 
„Familienzüge " — und der Macht des Bodens — „Menschen- 
schlag — tritt noch jene rätselhafte kosmische Kraft des gleichen 
Taktes eng verbundener Gemeinschaften. Was man das Versehen 
der Schwangeren nennt, ist nur eine wenig bedeutende Einzelheit 
aus einem der tiefsten und mächtigsten Gestaltungsprinzipien alles 
Rassehaften. Daß greise Eheleute nach einem langen innigen 
Zusammenleben sich überraschend ähnhch geworden sind, hat 
jeder schon gesehen, obwohl die messende Wissenschaft ihm viel- 
leicht das Gegenteil „beweisen" würde. Man kann die Gestaltungs- 
kraft dieses lebendigen Taktes, dieses starken innerlichen Gefühls 
für die Vollkommenheit des eigenen Typus gar nicht hoch genug 



1) Hierzu sollte einmal jemand physiognomische Studien an den massen- 
haften ganz bäuerlichen Römerbüsten, den Bildnissen der frühgotischen Zeit 
und der schon ausgesprochen städtischen Renaissance und noch mclir an den 
vornehmen englischen Porträts seit dem Ausgang des 18. Jahrhundeiis machen. 
Die großen Ahiiengalerien enthalten ein unübersehbares Material. 



150 STÄDTE UND VÖLKER 

anschlagen. Das Gefühl für Rasseschönheit — im Gegensatz zu 
dem sehr bewußten Geschmack reifer Stadtmenschen für geistig- 
individuelle Schönheitszüge — ist unter ursprünglichen Menschen 
ungeheuer stark und kommt ihnen eben deshalb gar nicht zum 
Bewußtsein. Ein solches Gefühl ist aber rassebildend. Es hat 
ohne Zweifel den Krieger- und Heldentypus von Wanderstämmen 
immer reiner auf ein leibliches Ideal hin geprägt, so daß es 
einen Sinn gehabt hätte, vom Rassebild des Normannen oder 
Ostgoten zu sprechen, und dasselbe ist bei jedem alten Adel der 
Fall, der sich stark und innig als Einheit fühlt und eben damit 
ganz unbewußt zur Ausbildung eines körperlichen Ideals gelangt. 
Kameradschaft züchtet Rassen. Französische noblesse und preu- 
ßischer Landadel sind echte Rassebezeichnungen. Aber gerade 
das hat auch den Typus des europäischen Juden mit seiner un- 
geheuren Rasse-Energie in einem tausendjährigen Ghettodasein 
herangezüchtet und wird immer wieder eine Bevölkerung zu einer 
Rasse schmieden, sobald sie sich einem Schicksal gegenüber seelisch 
für lange Zeit fest aneinander schließt. Wo es ein Rasse-Ideal gibt, 
und das ist in jeder frühen Kultur, in der vedischen, homerischen, 
staufischen Ritterzeit im höchsten Grade der Fall gewesen, da 
bewirkt die Sehnsucht einer herrschenden Klasse nach diesem 
Ideal, der Wille, so und nicht anders zu sein, ganz unabhängig 
von der Wahl der Frauen, daß dieses Ideal sich endlich ver- 
wirklicht. Und dazu kommt noch eine zahlenmäßige Erwägung, 
die bei weitem nicht genug beachtet wird. Jeder heute lebende 
Mensch hat um das Jahr 1300 schon eine Million, um das Jahr 1000 
eine Milliarde Ahnen. Diese Tatsache besagt, daß jeder lebende 
Deutsche mit jedem Europäer der Kreuzzüge ohne Ausnahme 
blutsverwandt ist und daß sich dies, je enger man die Land- 
schaftsgrenze zieht, zu einer hundert- und tausendfachen Ver- 
wandtschaft steigert, so daß die Bevölkerung eines Landes im 
Verlaufe von kaum zwanzig Generationen zu einer einzigen 
Familie zusammengewachsen ist; und das führt ebenso wie die 
Wahl und Stimme des durch die Geschlechter kreisenden Blutes, 
welches immer wieder Rassemenschen zueinander treibt, die Ehe 
löst und bricht und alle Widerstände der Sitte mit List und Ge- 
walt überwindet, zu zahllosen Zeugungen, die ganz unbewußt 
den AVillen der Rasse erfüllen. 



STÄDTE UND VÖLKER 151 



Das sind erst die pflanzenhaften Rassezüge, die „Physio- 
gnomie der Lage" unter Absehen von der Bewegung des Be- 
weglichen, also alles, was den lebendigen und toten Tierleib 
nicht unterscheidet und was auch in den starren Teilen aus- 
gedrückt sein muß. Ohne Zweifel liegt im Wuchs einer Stein- 
eiche und italienischen Pappel und dem eines Menschen — „ge- 
drungen", „schlank", „schmächtig" — etwas Gleichartiges. Und 
ebenso ist die Rückenlinie eines Dromedars und die Zeichnung 
eines Tiger- oder Zebrafelles ein pflanzenhaftes Rassemerkmal. 
Dahin gehört auch die Wirkung von Bewegungen, welche die 
Natur an und mit einem Wesen vornimmt. Eine Birke oder 
ein zartes Kind, die sich im Winde biegen, eine Eiche mit zer- 
splitterter Krone, das ruhige Kreisen oder ängstliche Flattern 
von Vögeln im Sturm gehört zur Pflanzenseite der Rasse. Aber 
auf welcher Seite stehen solche Merkmale in dem Kampf 
zwischen Blut und Boden um die innere Form einer „ver- 
pflanzten" Tier- oder Menschenart? Und wieviel von der Gestalt 
der Seele, der Sitte, des Hauses gehört hierher? 

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, sobald man den Eindruck 
des rein Tierhaften ins Auge faßt. Es handelt sich, wenn man 
sich des Unterschiedes vom pflanzenhaften Dasein und tierhaften 
Wachsein erinnert, nicht um das Wachsein selbst und seine 
Sprache, sondern darum, daß hier Kosmisches und Mikrokos- 
misches einen frei beweglichen Leib bilden, einen Mikrokosmos 
im Verhältnis zu einem Makrokosmos, dessen selbständiges Leben 
und Tun einen ganz eigenen Ausdruck besitzt, der sich zum Teil 
der Organe des Wachseins bedient und der wie bei Korallentieren 
mit der Beweglichkeit großenteils wieder verloren geht. 

Wenn der Rasseausdruck der Pflanze ganz vorwiegend in 
der Physiognomie der Lage besteht, so liegt der tierhafte Aus- 
druck in einer Physiognomie der Bewegung, nämlich in der 
Gestalt, insofern sie sich bewegt, in der Bewegung selbst und 
in der Form der Glieder, soweit sie den Sinn der Bewegung 
darstellen. Von diesem Rasseausdruck offenbart ein schlafendes 
Tier sehr vieles nicht, ein totes, dessen Teile der Forscher 
wissenschaftlich untersucht, noch viel weniger, der Knochenbau 
eines Wirbeltieres fast nichts mehr. Deshalb sind für Wirbel- 
tiere die Gelenke ausdrucksvoller als die Knochen, deshalb die 



152 STÄDTE UND VÖLKER 



Gliedmaßen der eigentliche Sitz des Ausdrucks im Gegensatz 
zu den Rippen und Schädelknochen — nur das Gebiß macht eine 
Ausnahme, weil es in seinem Aufbau den Charakter der tierischen 
Ernährung zeigt, während die Ernährung der Pflanze ein bloßer 
Naturvorgang ist — deshalb das Insektenskelett, weil es den 
Körper umkleidet, ausdrucksvoller als das Vogelskelett, das ihn 
nur hält. Es sind vor allem die Organe des äußeren Keimblattes, 
die mit steigender Kraft den Rasseausdruck in sich sammehi, 
nicht das Auge an sich nach Form und Farbe, sondern der 
Blick, der Gesichtsausdruck, der Mund, weil er durch die 
Gewohnheit des Sprechens den Ausdruck des Verstehens trägt, 
überhaupt nicht der Schädel, sondern der „Kopf mit seinen 
nur durch das Fleisch gebildeten Linien, der ganz eigentlich der 
Sitz der nichtpflanzlichen Seite des Lebens geworden ist. Man 
bedenke, woraufhin man dort Orchideen oder Rosen und hier 
Pferde oder Hunde züchtet und woraufhin man eine Menschen- 
art am liebsten züchten möchte. Aber diese Physiognomie er- 
gibt sich, es sei noch einmal gesagt, nicht aus der mathematischen 
Form der sichtbaren Teile, sondern einzig und allein aus dem 
Ausdruck der Bewegung, Wenn wir den Rasseausdruck eines un- 
bewegten Menschen auf den ersten Blick begreifen, so beruht 
das auf einer Erfahrung des Auges, das in den Gliedern schon 
die zugehörige Bewegung sieht. Die wirkliche Rasseerscheinung 
eines Wisent, einer Forelle, eines Königsadlers läßt sich nicht 
durch die Aufzählung der Umrisse und Maße wiedergeben, und 
sie würde nie auf bildende Künstler eine so tiefe Anziehungs- 
kraft ausgeübt haben, wenn nicht das Geheimnis der Rasse erst 
durch die Seele im Kunstwerk und nicht schon durch die 
Nachahmung des Sichtbaren sich offenbarte. Man muß es sehen 
und sehend fühlen, wie die ungeheure Energie dieses Lebens 
sich in Kopf und Nacken zusammendrängt, aus dem geröteten 
Auge redet, aus dem kurzen gedrungenen Hörn, aus dem Adler- 
schnabel, dem Profil des Raubvogelkopfes, was alles durch eine 
Wortsprache verstandesmäßig nicht mitzuteilen und nur durch 
die Sprache einer Kunst für andere auszudrücken ist. 

Aber mit den Merkmalen dieser edelsten Tierarten sind wir 
schon dem Rassebegriff ganz nahe gekommen, der innerhalb des 
Typus Mensch Unterschiede schafft., die über die pflanzenhaften 



STÄDTE UND VÖLKER 153 

und tierhaften hinausgehen, die geistiger sind und eben deshalb 
den Mitteln der Wissenschaft noch viel weniger zugänglich als 
diese. Die groben Merkmale des Knochenbaues haben überhaupt 
keine selbständige Bedeutung mehr. Schon Retzius (f 1860) hat 
dem Glauben Blumenbachs ein Ende gemacht, daß Rasse und 
Schädelbildung übereinstimmen, und J. Ranke faßt seine Ergeb- 
nisse so zusammen: „Was die Menschheit bezüglich ihrer ver- 
schiedenen Schädelformen im ganzen darstellt, das stellt jeder 
Volksstamm, ja oft schon jede größere Gemeinde eines solchen 
im Ideinen dar: eine Vereinigung der verschiedenen Schädel- 
formen, die Extreme vermittelt durch auf das feinste abgestufte 
Zwischenformen. " ') Ohne Zweifel lassen sich ideale Grundformen 
heraussuchen, aber man sollte sich eingestehen, daß es Ideale 
sind und daß trotz aller objektiven Meßmethoden der Geschmack 
hier die wirklichen Grenzen zieht und Einteilungen trifft. Viel 
wichtiger als alle Versuche, ein Ordnungsprinzip zu entdecken, 
ist die Tatsache, daß innerhalb der einheitlichen Rasse Mensch 
alle diese Formen von der frühesten Eiszeit an sämtlich vor- 
kommen, sich nicht merklich verändert haben und unterschieds- 
los sogar in denselben Eamilien auftreten. Das einzige gesicherte 
Ergebnis der Wissenschaft ist die Beobachtung Rankes, wonach 
bei einer Anordnung der Schädelformen in Reihen mit Ueber- 
gängen gewisse Durchschnittsziffern ein Merkmal nicht der „ Rasse " ,. 
wohl aber der Landschaft sind. 

In der Tat verträgt sich der Rasseausdruck eines Menschen- 
kopfes mit jeder überhaupt denkbaren Schädelform. Das Ent- 
scheidende sind nicht die Knochen, sondern das Fleisch, der 
Blick, das Mienenspiel. Es wird seit der Romantik von einer 
indogermanischen Rasse gesprochen. Aber gibt es Arier- und 
Semiten Schädel? Kann man Kelten- und Franken- oder auch 
nur Buren- und Kaffernschädel unterscheiden? Wenn aber nicht, 
was für eine Rassegeschichte kann dann ohne irgendein Zeugnis 
für uns über die Erde gegangen sein, die uns nichts als Knochen 
aufbewahrt hat. Wie gleichgültig diese für das sind, was wir 
unter höheren Menschen Rasse nennen, ließe sich durch einen 
drastischen Versuch zeigen: man beobachte Menschen von den 
denkbar stärksten Rasseunterschieden durch einen Röntgenapparat 

») J. Ranke, Der Mensch, 1912, II, S. 205. 



154 STÄDTE UND VÖLKER 



und stelle sich dabei geistig auf die „Rasse" ein. Es wird ein 
geradezu lächerlicher Eindruck sein, wie mit der Durchleuchtung 
die „Rasse" plötzlich vollständig verschwunden ist. 

Und das wenige, was am Knochenbau bezeichnend bleibt, 
ist, es mufä immer wieder betont werden, ein Gewächs der Land- 
schaft und nicht eine Funktion des Blutes. EUiot Smith hat in 
Ägypten, v. Luschan auf Kreta ein ungeheures Material aus 
Gräbern von der Steinzeit bis zur Gegenwart untersucht. Es 
sind von den „ Seevölkern " um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. 
bis zu den Arabern und Türken immer neue Menschenströme 
über diese Gebiete gegangen, aber der durchschnittliche Knochen- 
bau blieb unverändert. Die „Rasse" wanderte gewissermaßen als 
Fleisch über die feststehende Skelettform des Bodens hin. Im 
Alpengebiet sitzen heute germanische, romanische und slawische 
„Völker" der verschiedensten Abstammung und man braucht nur 
den Blick rückwärts zu wenden, um hier immer neue Stämme, 
darunter Etrusker und Hunnen zu entdecken, aber der Knochen- 
bau ist in der menschlichen Gestalt überall und immer wieder 
derselbe geworden und verliert sich allenthalben nach dem Flach- 
lande in andere, ebenso feststehende Formen. Deshalb beweisen 
die berühmten prähistorischen Knochenfunde vom Neandertal- 
schädel bis zum ho77io Aurignacensis für die Rasse und die Rasse- 
wanderungen des primitiven Menschen nicht das geringste. Sie 
zeigen — wenn man von gewissen Schlüssen aus der Gestalt 
des Kiefers auf die Ernährungsweise absieht — lediglich die 
Grundform des Landes an, die man heute noch dort findet. 

Es ist dieselbe geheimnisvolle Kraft des Bodens, die sich in 
jedem lebenden Wesen nachweisen läßt, sobald man ein Kenn- 
zeichen findet, das von den plump zugreifenden Methoden des 
darwinistischen Zeitalters nicht abhängig ist. Die Römer haben 
den Weinstock vom Süden an den Rhein gebracht und er hat 
sich dort gewiß nicht sichtbar, nämlich botanisch verändert. Aber 
hier läßt sich die „Rasse" einmal mit andern Mitteln feststellen. 
Es gibt einen bodenständigen Unterschied nicht nur zwischen 
Südwein und Nordwein, zwischen Rhein- und Moselwein, sondern 
auch noch für jede einzelne Lage an jedem einzelnen Berghange. 
Und dasselbe gilt von jeder edlen Obstrasse, vom Tee und vom 
Tabak. Dies Aroma, ein echtes Gewächs der Landschaft, gehört 



STÄDTE UND VÖLKER 155 



zu den nicht meßbaren und deshalb um so bedeutungsvolleren 
Merkmalen echter Rasse. Edle Menschenrassen unterscheiden 
sich aber in ganz derselben geistigen Weise wie edle Weine. Ein 
gleiches Element, das sich nur dem zartesten Nachfühlen er- 
schließt, ein leises Aroma in jeder Form verbindet unterhalb 
aller hohen Kultur in Toskana die Etrusker mit der Renaissance, 
am Tigris die Sumerer von 3000, die Perser von 500 und die 
anderen Perser der islamischen Zeit. 

Alles dieses kann für eine messende und wägende Wissen- 
schaft nicht erreichbar sein. Es ist für das Fühlen mit untrüg- 
licher Gewißheit und auf den ersten Blick da, aber nicht für die 
gelehrte Betrachtung. Ich komme also zu dem Schluß, daß Rasse 
ebenso wie Zeit und Schicksal etwas ist, etwas für alle Lebens- 
fragen ganz Entscheidendes, wovon jeder Mensch Idar und deutlich 
weiß, solange er nicht den Versuch macht, es durch verstandes- 
mäßige und also entseelende Zergliederung und Ordnung begreifen 
zu wollen. Rasse, Zeit und Schicksal gehören zusammen. In dem 
Augenblick, wo das wissenschaftliche Denken sich ihnen nähert, 
erhält das Wort Zeit die Bedeutung von Dimension, das Wort 
Schicksal die von Kausalverkettung und Rasse; wofür wir eben 
noch ein sehr sicheres Gefühl besaßen, wird zu einem unüber- 
sehbaren Wirrwarr ganz verschiedener und verschiedenartiger 
Merkmale, die nach Landschaften, Zeiten, Kulturen, Stämmen 
regellos durcheinanderlaufen. Einige klammern sich dauernd und 
zäh an einen Stamm und lassen sich forttragen, andere gleiten 
wie Wolkenschatten über eine Bevölkerung dahin und manche 
sind wie Dämonen des Landes, die von jedem Besitz ergreifen, 
solange er sich dort aufhält. Einige schließen sich aus und andere 
suchen sich. Eine feste Einteilung der Rassen, der Ehrgeiz aller 
Völkerkunde, ist unmöglich. Der bloße Versuch widerspricht schon 
dem Wesen des Rassemäßigen, und jeder überhaupt denkbare 
systematische Entwurf ist eine unvermeidliche Fälschung und 
Verkennung dessen, worauf es ankommt. Rasse ist, im Gegensatz 
zu Sprache, durch und durch unsystematisch. Zuletzt hat jeder 
einzelne Mensch und jeder Augenblick seines Daseins seine eigene 
Rasse. Deshalb ist das einzige Mittel, der totemistischen Lebens- 
seite nahe zu kommen, nicht die Einteilung, sondern der physio- 
gnomische Takt, 



156 STÄDTE UND VÖLKER 



10 

Wer in das Wesen der Sprache eindringen will, der lasse 
alle gelehrten Wortuntersuchungen beiseite und beobachte, wie 
ein Jäger mit seinem Hunde spricht. Der Hund folgt dem aus- 
gestreckten Finger; er horcht angespannt auf die Wortklänge 
und schüttelt dann den Kopf: er versteht diese Art Menschen- 
sprache nicht. Dann macht er ein paar Sätze, um seine Auf- 
fassung anzudeuten, bleibt stehen und bellt: das ist ein Satz in 
seiner Sprache, der die Frage enthält, ob der Herr etwa dies 
gemeint hat. Dann folgt, ebenfalls in einer Hundesprache aus- 
gedrückt, die Freude, wenn er begreift, daß er recht hatte. 
Genau so versuchen sich zwei Menschen zu verständigen, die 
keine einzige Wortsprache wirklich gemein haben. Wenn ein 
Landpfarrer einer Bäuerin etwas erklärt, so sieht er sie scharf 
an und unwillkürlich legt er alles in seine Gebärde, was sie in 
der kirchlichen Ausdrucksweise ja doch nicht verstehen würde. 
Die heutigen Wortsprachen können sämtlich nur in Verbindung mit 
anderen Spracharten zur Verständigung führen. Für sich allein 
sind sie nie und nirgends in Gebrauch gewesen. 

Wenn der Hund nun etwas will, so wedelt er mit dem 
Schwänze, ungeduldig, daß der Herr so töricht ist, diese sehr 
deutliche und ausdrucksreiche Sprache nicht zu verstehen. Er 
ergänzt sie durch eine Lautsprache — er bellt — endlich durch 
eine Gebärdensprache — er macht etwas vor. Hier ist der 
Mensch der Dummkopf, welcher noch nicht sprechen gelernt hat. 

Endlich geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Wenn der Hund 
alles erschöpft hat, um die verschiedenen Sprachen seines Herrn 
zu begreifen, stellt er sich plötzlich vor ihn hin und sein Blick 
bohrt sich in das Auge des andern. Hier geht etwas sehr Ge- 
heimnisvolles vor sich: das Ich und Du treten unmittelbar in 
Fühlung. Der „Blick" befreit von den Schranken des Wachseins. 
Das Dasein versteht sich ohne Zeichen. Hier wird der Hund 
zum Menschenkenner, der den Gegner scharf ins Auge faßt und 
damit hinter dem Sprechen den Sprechenden begreift. 

Diese Sprachen reden wir heute noch sämtlich, ohne es zu 
wissen. Das Kind spricht lange bevor es das erste Wort gelernt 
hat, und die Erwachsenen sprechen mit ihm, ohne irgendwie an 



STÄDTE UND VÖLKER 157 



die gewohnte Wortbedeutung zu denken; das heißt, die Laut- 
gebilde dienen hier einer ganz anderen als der Wortsprache. 
Auch diese Sprachen haben ihre Gruppen und Dialekte; sie 
können gelernt, üeherrscht und mißverstanden werden; sie sind 
für uns so unentbehrlich, daß die Wortsprache den Dienst ver- 
sagen würde, wenn wir je den Versuch machten, sie für sich 
allein, ohne Ergänzung durch Ton- und Gebärdensprachen an- 
zuwenden. Selbst unsere Schrift, diese Wortsprache fürs Auge, 
würde ohne die Gebärdensprache der Interpunktion fast unver- 
ständlich sein. 

Es ist der Grundfehler der Sprachwissenschaft, daß sie Sprache 
überhaupt und menschliche Wortsprache verwechselt, nicht theo- 
retisch, aber regelmäßig in der Praxis aller Untersuchungen. 
Das hat zu einer maßlosen Unkenntnis der unübersehbaren 
Menge von Spracharten geführt, die unter Tieren und Menschen 
im allgemeinen Gebrauch sind. Das Reich der Sprache ist viel 
weiter, als alle Forscher bemerken, und die Wortsprache in 
ihrer heute noch nicht verlorenen Unselbständigkeit nimmt in 
ihm einen viel bescheidneren Platz ein. Was die „Entstehung 
der menschlichen Sprache" betrifft, so ist die Frage falsch ge- 
stellt. Die Wortsprache — denn sie ist gemeint, was wieder 
durchaus nicht dasselbe ist — ist überhaupt nicht entstanden 
in dem Sinne, der hier vorausgesetzt wird, Sie ist weder etwas 
erstes, noch etwas einziges. Die gewaltige Bedeutung, welche 
sie von einem gewissen Zeitpunkt ab innerhalb der Menschen- 
geschichte erlangt hat, sollte über ihre Stellung in der Geschichte 
der freibeweglichen Wesen überhaupt nicht hinwegtäuschen. 
Mit dem Menschen darf eine Untersuchung der Sprache sicherlich 
nicht beginnen. 

Aber auch die Vorstellung „Anfang der tierischen Sprache" 
ist verkehrt. Sprechen ist mit dem lebendigen Dasein des Tieres 
im Gegensatz zum Dasein der Pflanze so eng verknüpft, daß 
nicht einmal einzellige Wesen ohne alle Sinnesorgane sprachlos 
gedacht werden dürfen. Ein Mikrokosmos im Makrokosmos sein 
und sich anderen mitteilen können ist ein und dasselbe. Es hat 
keinen Sinn, innerhalb der Tiergeschichte vom Anfang der Sprache 
zu reden. Denn es ist etwas ganz Selbstverständliches, daß mikro- 
kosmische Wesen in Mehrheit vorhanden sind. Über andere 



158 STÄDTE UND VÖLKER 



Möglichkeiten nachzudenken ist Spielerei. Die darwinistischen 
Phantasien über Urzeugung und erste Elternpaare sollten doch 
dem Geschmack der Ewig-gestrigen überlassen bleiben. Aber 
Seh wärme, in denen stets ein innerliches Gefühl des „Wir" 
lebendig ist, sind auch wach und trachten nach Wachseins- 
beziehungen vom einen zum andern. 

Wachsein ist Tätigkeit im Ausgedehnten und zwar will- 
kürliche Tätigkeit. Das unterscheidet die Bewegungen eines 
Mikrokosmos von der mechanischen Beweglichkeit einer Pflanze 
und auch der Tiere und Menschen, solange sie Pflanzen, nämlich 
im Zustande des Schlafes sind. Man beobachte die animalische 
Nahrungs-, Fortpflanzungs-, Verteidigungs-, Angriffstätigkeit: 
eine Seite davon besteht regelmäßig im Abtasten des Makro- 
kosmos durch die Sinne, mag es sich um das undifferenzierte 
Empfinden einzelliger Wesen oder um das Sehen eines hochent- 
wickelten Auges handeln. Hier besteht ein deutlicher Wille 
zum Empfangen von Eindrücken; wir nennen das Orien- 
tierung. Dazu aber kommt von Anfang an der Wille zum Er- 
zeugen von Eindrücken bei anderen; sie sollen angelockt, 
erschreckt, verjagt werden. Dies nennen wir Ausdruck und 
mit ihm ist das Sprechen als Tätigkeit des tierischen 
Wachseins gegeben. Seitdem ist nichts grundsätzlich Neues 
hinzugekommen. Die Weltsprachen hoher Zivilisationen sind 
nichts als äußerst verfeinerte Ausgestaltungen von Möglichkeiten, 
welche sämtlich schon in der Tatsache des gewollten Eindrucks 
einzelliger Wesen aufeinander enthalten sind. 

Dieser Tatsache liegt aber das Urgefühl der Angst zu- 
grunde. Das Wachsein trennt Kosmisches voneinander; es spannt 
einen Raum zwischen Vereinzeltem, Entfremdetem. Sich allein 
fühlen ist der erste Eindruck des täglichen Erwachens. Und 
daher der Urtrieb, sich inmitten dieser fremden Welt aneinander 
zu drängen, sich der Nähe des andern sinnlich zu versichern, 
eine bewußte Verbindung mit ihm zu suchen. Das Du ist die 
Erlösung von der Angst des Alleinseins. Die Entdeckung 
des Du, indem man es als ein anderes Selbst, organisch, 
seelisch aus der Welt des Fremden herauslöst, ist der große 
Augenblick in der Frühgeschichte des Tierischen. Damit gibt 
es Tiere. Man braucht nur die Kleinwelt eines Wassertropfens 



STÄDTE UND VÖLKER 159 



unter dem Mikroskop lange und aufmerksam zu betrachten, um 
überzeugt zu sein, daß die Entdeckung des Du und damit 
des Ich in der denkbar einfachsten Form hier schon vorauf- 
gegangen ist. Diese kleinen Wesen kennen nicht nur das andere, 
sondern auch den anderen; sie besitzen nicht nur Wachsein, 
sondern auch Wachseinsbeziehungen, und damit nicht nur Aus- 
druck, sondern auch die Elemente einer Ausdrucks spräche. 

Erinnern wir uns hier des Unterschiedes der beiden großen 
Sprachgruppen. Eine Ausdruckssprache betrachtet den andern als 
Zeugen und erstrebt nur einen Eindruck auf ihn; eine Mitteilungs- 
sprache betrachtet ihn als Mitredner und erwartet eine Antwort. 
Verstehen heißt, Eindrücke mit dem eigenen Bedeutungsgefühl 
empfangen; hierauf beruht die Wirkung der höchsten mensch- 
lichen Ausdruckssprache, der Kunst. 1) Sich verständigen, Zwie- 
sprache halten bedeutet, im andern das gleiche Bedeutungs- 
gefülil voraussetzen. Das Element einer Ausdruckssprache vor 
Zeugen nennen wir Motiv. Die Beherrschung der Motive ist 
die Grundlage jeder Ausdruckstechnik. Auf der andern Seite 
heißt der zum Zweck der Verständigung erzeugte Eindruck 
Zeichen und er bildet das Element jeder Mitteilungstechnik, 
im höchsten Falle also der menschlichen Wortsprache. 

Von dem Umfang beider Sprach weiten im menschlichen Wach- 
sein macht man sich heute kaum eine Vorstellung. Zur Aus- 
druckssprache, die überall in frühester Zeit mit dem vollen reH- 
giösen Ernst des Tabu auftritt, gehört nicht nur die schwere 
und strenge Ornamentik, die ursprünglich mit dem Begriff der 
Kunst schlechthin zusammenfällt und alle starren Dinge 2u Trä- 
gern des Ausdrucks macht, sondern auch das feierliche Zeremoniell, 
das mit seinen Formeln das gesamte öffentliche Leben und selbst 
noch das der Familie überspinnt, 2) und die „Sprache der Tracht", 
nämlich der Kleidung, der Tätowierung und des Schmuckes, die 

') Die Kunst ist unter Tieren vollkommen ausgebildet. Soweit sie dem 
Mtenschen durch Analogie zugänglich ist, besteht sie in rhythmischer Bewegung 
(„Tanz") und Lautbildung („Gesang"). Damit ist aber der künstlerische Ein- 
druck auf die Tiere selbst bei weitem nicht erschöpft. 

^) Luk. 10, 4 sagt Jesus zu den Siebzig, die er aussendet: „Und grüßet 
niemand auf der Straße." Das Zeremoniell des Grüßens im Freien ist so um- 
fangreich, daß Eilige darauf verzichten müssen. A. Bertholet, Kulturgeschichte 
Israels, 1919, S. 162. 



160 STÄDTE UND VÖLKER 



eine einheitliche Bedeutung besitzen. Die Forscher des vorigen 
Jahrhunderts haben sich vergeblich bemüht, die Kleidung aus 
dem Schamgefühl oder aus Zweckmäßigkeitsgründen abzuleiten. 
Sie wird nur als Mittel einer Ausdruckssprache verständlich und 
sie ist das in grofsartigster Weise in allen hohen Zivilisationen, 
auch heute noch. Man braucht sich nur der das ganze öffent- 
liche Leben und Treiben beherrschenden Mode, der vorschrifts- 
mäßigen Kleidung bei allen wichtigen Akten und Festen zu er- 
innern, der Abstufungen des Gesellschaftsanzuges, der Brauttracht, 
der Trauerkleidung, der militärischen Uniform, des Priester- 
ornates; man denke an Orden und Abzeichen, Mitra und Tonsur, 
Allongeperücke und Stock, Puder, Ringe, Frisuren, an alles mit 
Bedeutung Verhüllte und Entblößte, an die Tracht von Mandarinen 
und Senatoren, Odalisken und Nonnen, an den Hofstaat des Nero, 
Saladin und Montezuma, um von den Einzelheiten der Volks- 
tracht und der Sprache der Blumen, Farben und Edelsteine ganz 
zu schweigen. Die Sprache der Religion braucht nicht genannt 
zu werden, denn alles dieses ist Religion. 

Die Mitteilungssprachen, an denen keine überhaupt denkbare 
Art der Sinnesempfindung ganz unbeteiligt ist, haben für den 
Menschen hoher Kulturen allmählich drei vorherrschende Zeichen 
entwickelt, das Bild, den Laut und die Geste, die sich in der 
Schriftsprache der abendländischen Zivilisation zur Einheit von 
Buchstabe, Wort und Literpunktion zusammenschließen. 

Im Verlauf dieser langen Entwicklung vollzieht sich endlich 
die Ablösung der Sprache vom Sprechen. Es gibt in der 
Sprachgeschichte keinen Vorgang von größerer Tragweite. Ur- 
sprünglich sind ohne Zweifel aUe Motive und Zeichen aus dem 
Augenblick geboren und nur für einen einzelnen Akt der Wachseins- 
tätigkeit bestimmt. Ihre wirkliche, gefühlte und also gewollte 
Bedeutung sind ein und dasselbe. Das Zeichen ist Bewegung 
und nicht ein Bewegtes. Sobald aber ein fester Zeichenbestand 
dem lebendigen Zeichen-geben entgegentritt, wird das anders. 
Es löst sich nicht nur die Tätigkeit von ihren Mitteln, sondern 
auch das Mittel von seiner Bedeutung. Die Einheit beider 
hört nicht nur auf etwas Selbstverständliches zu sein, sondern 
sie wird unmöglich. Das Bedeutungsgefühl ist lebendig und wie 
alles, was mit Zeit und Schicksal zusammenhängt, einmalig und 



STÄDTE UND VÖLKER 161 

nie wiederkehrend. Kein Zeichen, und sei es noch so bekannt 
und gewohnt, wird je in genau derselben Bedeutung wieder- 
holt. Deshalb kehrte ursprünglich kein Zeichen jemals in ge- 
nau derselben Form wieder. Das Reich der starren Zeichen 
ist etwas unbedingt Gewordenes und rein Ausgedehntes, kein 
Organismus, sondern ein System, das seine eigene, kau- 
sale Logik besitzt und den unvereinbaren Gegensatz von Raum 
und Zeit, Geist und Blut auch in die Wachseinsverbindung zweier 
Wesen trägt. 

Dieser feste Bestand von Zeichen und Motiven mit seiner 
vermeintlich festen Bedeutung muß gelernt und eingeübt werden, 
wenn man an der zugehörigen Wachseinsgemeinschaft teilnehmen 
will. Zu der vom Sprechen abgelösten Sprache gehört 
unvermeidlich der Begriff der Schule. Sie ist unter höheren 
Tieren vollkommen ausgebildet und in jeder in sich geschlossenen 
Religion, in jeder Kunst, in jeder Gesellschaft die Voraussetzung 
dafür, daß man wirklich ein Gläubiger, ein Künstler oder ein 
Mensch von Erziehung ist. Von hier an gibt es eine scharfe Grenze 
für jede Gemeinschaft. Man maß ihre Sprache, das heißt ihre 
Glaubenssätze, Sitten, Regeln kennen, um Mitglied zu sein. Ge- 
fühl und guter Wille führen im Kontrapunkt so wenig wie im 
Katholizismus zur Seligkeit. Kultur bedeutet eine unerhörte 
Steigerung der Tiefe und Strenge der Formensprache auf allen 
Gebieten; sie besteht damit für jeden einzelnen, der ihr angehört, 
als seine persönliche — religiöse, sittliche, gesellschafthche, 
künstlerische — Kultur in einer das ganze Leben ausfüllenden 
Erziehung und Schulung für dieses Leben; es wird darum in 
allen großen Künsten, in den großen Kirchen, Mysterien und 
Orden, in der hohen Gesellschaft vornehmer Stände eine Meister- 
schaft der Formbeherrschung erreicht, die zu den Wundern des 
Menschentums gehört und die an der Höhe ihrer Forderungen 
zuletzt zerbricht. Das Wort dafür ist in allen Kulturen, ob es 
nun ausgesprochen wird oder nicht, Rückkehr zur Natur. Diese 
Meisterschaft erstreckt sich auch auf die AVortsprache ; neben 
der vornehmen Gesellschaft zur Zeit der griechischen Tyrannen 
und der Troubadoure, neben den Fugen Bachs und den Vasen- 
gemälden des Exekias steht die Kunst der attischen Rede und 
der französischen Konversation, die beide wie jede andere Kunst 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, I[. 11 



162 STÄDTE UND VÖLKER 



eine strenge und langsam erarbeitete Konvention und für den 
einzelnen eine lange und anspruchsvolle Übung voraussetzen. 

Metaphysisch kann die Bedeutung dieser Abtrennung einer 
starren Sprache nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die 
tägliche Gewohnheit des Verkehrs in festen Formen und die Be- 
herrschung des gesamten Wachseins durch solche Formen, die nicht 
mehr empfunden werden, während sie noch in der Bildung be- 
griffen sind, sondern die ganz einfach da sind und nun im eigent- 
lichsten Sinne verstanden werden müssen, führt zu einer immer 
schärferen Absetzung des Verstehens vom Empfinden innerhalb 
des Wachseins. Ein ursprüngliches Sprechen wird verstehend 
empfunden; der Gebrauch einer Sprache verlangt ein Empfinden 
des bekannten Sprachmittels und dann ein Verstehen der ihm 
diesmal unterlegten Absicht. Der Kern aller schulmäßigen Er- 
ziehung besteht demnach im Erwerb von Kenntnissen. Jede 
Kirche spricht es laut und deutlich aus, daß nicht das Gefühl,, 
sondern das Wissen zu ihren Heilsmitteln führt; jedes echte 
Künstlertum beruht auf dem sicheren Wissen von Formen, die 
der einzelne nicht zu erfinden, sondern zu lernen hat. „Der Ver- 
stand" ist das Wissen als Wesen gedacht. Er ist das, was dem^ 
Blut, der Rasse, der Zeit durchaus entfremdet ist; aus dem 
Gegensatz der starren Sprache zum fließenden Blut, zur werden- 
den Geschichte entstehen die verneinenden Ideale des Ab- 
soluten, Ewigen, Allgemeingültigen — die Ideale der Kirchen 
und Schulen. 

Daraus folgt aber endlich das Unvollkommene aller Sprachen 
und der beständige Widerspruch, in dem ihre Anwendung sich 
zu dem befindet, was das Sprechen wollte oder sollte. Man darf 
sagen, daß die Lüge mit der Trennung der Sprache vom Sprechen 
in die Welt gekommen ist. Die Zeichen sind fest, die Bedeutung 
ist es nicht: das fühlt man zuerst, dann weiß man es, endlich 
macht man es sich zunutze. Es ist eine uralte Erfahrung, daß 
man etwas sagen will und die Worte „versagen", daß man sich 
falsch ausdrückt und in Wirklichkeit etwas anderes sagt, als man 
meint, daß man richtig spricht und falsch verstanden wird. End- 
Hch entsteht die schon unter Tieren, z. B. Katzen, weit ver- 
breitete Kunst, „Worte zu gebrauchen, um die Gedanken zu ver- 
bergen". Man sagt nicht alles, man sagt etwas ganz anderes^. 



STÄDTE UND VÖLKER I63 



man spricht förmlich, um wenig, man spricht begeistert, um gar 
nichts gesagt zu haben. Oder man ahmt die Sprache eines andern 
nach. Der rotrückige Würger (Lanius collurio) imitiert die Strophen 
kleiner Singvögel, um sie anzulocken. Das ist eine allverbreitete 
Jägerlist, aber sie setzt feste Motive und Zeichen ebenso voraus, 
wie die Nachahmung alter Kunststile oder die Fälschung einer 
Unterschrift. Und alle diese Züge, die man in Haltung und 
Mienenspiel so gut wie in Handschrift und Aussprache antrifft, 
kehren in der Sprache jeder Rehgion, jeder Kunst, jeder Gesell- 
schaft wieder. Es sei nur an die Begriffe des Heuchlers, Frömm- 
lers, Ketzers, den englischen cant, an den Hintersinn der Worte 
Diplomat, Jesuit und Schauspieler, an die Masken und Klug- 
heiten des gebildeten Verkehrs und an die heutige Malerei 
erinnert, in der nichts mehr echt ist und die in jeder Aus- 
stellung alle überhaupt denkbaren Formen der Lüge im Aus- 
druck vor Augen führt. 

In einer Sprache, die man stammelt, kann man nicht Diplomat 
sein. In ihrer Beherrschung hegt aber die Gefahr, das Verhältnis 
zwischen Mittel und Bedeutung zu einem neuen Mittel zu machen. 
Es entsteht die geistige Kunst, mit dem Ausdruck zu spielen. 
Die Alexandriner und Romantiker gehören dahin, in der Lyrik 
Theokrit und Brentano, in der Musik Reger, in der Rehgion 
Kierkegaard. 

Sprache und Wahrheit schließen sich zuletzt aus.^) 
Aber gerade damit kommt im Zeitalter der starren Sprachen 
der Typus des Menschenkenners zur Geltung, der ganz Rasse 
ist und weiß, was er von einem sprechenden Wesen zu halten 
hat. Jemandem scharf ins Auge sehen, hinter der Sprache einer 
Volksrede oder philosophischen Abhandlung den Sprecher, hinter 
dem Gebet das Herz, hinter dem. guten Ton den inneren gesell- 
schaftlichen Rang erkennen und zwar sofort, unmittelbar, mit 
der Selbstverständlichkeit alles Kosmischen, das ist es, was dem 
echten Tabumenschen abgeht, der an eine Sprache wenigstens 
glaubt. Ein Priester, der zugleich Diplomat ist, kann kein echter 



') „Jede Form, auch die gefühlteste, hat etwas Unwahres" (Goethe). In 
der systematischen Philosophie deckt sich die Absicht des Denkers weder mit 
den geschriebenen Worten noch mit dem Verstehen der Leser noch, da es ein 
Denken in Wortbedeutungen ist, im Verlauf der Darstellung mit sich selbst. 

11* 



164 STÄDTE UND VÖLKER 

Priester sein. Ein Ethiker vom Schlage Kants ist niemals 
Menschenkenner. 

Wer in seiner Wortsprache lügt, verrät sich in seiner Ge- 
bärdensprache, auf die er nicht achtet. Wer in den Gebärden 
heuchelt, verrät sich im Ton. Gerade weil die starre Sprache 
Mittel und Absicht trennt, erreicht sie ihr Ziel für den Kenner- 
blick niemals. Wer Kenner ist, liest zwischen den Zeilen und 
versteht einen Menschen, sobald er seinen Gang oder seine 
Handschrift sieht. Je tiefer und inniger eine Seelengemeinschaft 
ist, desto eher verzichtet sie deshalb auf Zeichen, auf eine Ver- 
bindung durch das Wachsein. Eine echte Kameradschaft ver- 
steht sich ohne viel Worte, der echte Glaube schweigt. Das 
reinste Sinnbild für ein Einverständnis, welches die Sprache wieder 
überwunden hat, ist ein altes bäuerliches Ehepaar, das abends 
vor dem Hause sitzt und sich schweigend unterhält. Jeder weiß, 
was der andere denkt und fühlt. Worte würden den Einklang 
nur verwirren. Von diesem Sich-verstehen reicht irgend etwas 
tief in die Urgeschichte alles freibeweglichen Lebens, weit zurück 
über das Gemeinschaftsleben der höheren Tierwelt. Hier ist die 
Erlösung vom Wachsein für Augenblicke fast erreicht. 

11 
Unter allen starren Zeichen ist keines folgenreicher ge- 
worden als das, welches wir in seinem heutigen Zustand „Wort" 
nennen. Es gehört ohne Zweifel der rein menschlichen Sprach- 
geschichte an, aber die Vorstellung „Ursprung der Wortsprache" 
ist, so wie sie regelmäßig durchdacht und behandelt wird, mit 
allen daran geknüpften Folgerungen ebenso sinnlos wie die Vor- 
stellung von einem Anfangspunkt der Sprache überhaupt. Diese 
besitzt keinen denkbaren Anfang, weil sie mit dem Wesen des 
Mikrokosmos zugleich gegeben und in ihm enthalten ist, jene 
nicht, weil sie sehr vollkommene Mitteilungssprachen schon vor- 
aussetzt, in deren ruhig fortentwickelter Gestalt sie nur den 
Rang eines Einzelzuges hat, der sehr langsam das Übergewicht 
erhält. Es ist der Fehler so entgegengesetzter Theorien wie 
derjenigen Wundts und Jespersens,*) daß sie das Sprechen in 

') Der die Sprache aus Poesie, Tanz und besonders der Liebeswerbung 
ableitet. Progress in language, 1894, S. 357. 



STÄDTE UND VÖLKER Ißf 



Worten wie etwas ganz Neues und Fürsich stehendes untersuchen, 
was notwendig zu einer durchaus falschen Psychologie führt. Es 
ist aber etwas sehr Spätes und Abgezweigtes, eine letzte Blüte 
am Stamme der Lautsprachen und nicht etwa ein junges Gewächs. 

Eine reine Wortsprache gibt es in Wirklichkeit überhaupt 
nicht. Niemand spricht, ohne außer dem starren Wortbestand 
in Betonung, Takt und Mienenspiel noch ganz andere Sprach- 
arten anzuwenden, die viel ursprünglicher und mit der an- 
gewendeten Wortsprache im Gebrauch vollständig verwachsen 
sind. Man muß sich vor allem hüten, das in seinem Bau 
äußerst verwickelte Reich heutiger Wortsprachen für eine innere 
Einheit mit einheitlicher Geschichte zu halten. Jede uns be- 
kannte Wortsprache hat sehr verschiedene Seiten und diese 
haben ihre eigenen Schicksale innerhalb der Gesamtgeschichte. 
Es gibt keine Sinnesempfindung, die für die Geschichte des Wort- 
gebrauchs ganz belanglos gewesen wäre. Man muß auch sehr 
streng zwischen Laut- und Wortsprache unterscheiden ; die erste 
ist selbst sehr einfachen Tiergattungen schon geläufig, diese ist 
zwar nur in einzelnen, aber desto bedeutsameren Zügen etwas 
grundsätzlich anderes. In jeder tierischen Lautsprache sind 
ferner Ausdrucksmotive (Brunstschrei) und Mitteilungszeichen 
(Warnungsschrei) deutlich zu unterscheiden und das gilt sicherlich 
auch von den frühesten Worten, aber ist die Wortsprache nun 
als Ausdrucks- oder als Mitteilungssprache entstanden? War sie 
in sehr frühen Zuständen von irgendwelchen Sprachen fürs Auge 
(Bild, Geste) verhältnismäßig unabhängig? Auf solche Fragen 
gibt es keine Antwort, weil wir von den Vorformen des eigent- 
lichen „Wortes" keine Ahnung haben. Die Forschung ist recht 
naiv, wenn sie das, was wir heute primitive Sprachen nennen 
und was nur unvollkommene Gebilde sehr später Sprachzustände 
sind, zu Schlüssen auf den Ursprung der Worte benützt. Das 
Wort ist in ihnen ein längst feststehendes, hochentwickeltes 
und selbstverständliches Mittel, aber gerade das gilt von dem 
„Ursprung" nicht. 

Das Zeichen, mit welchem ohne Zweifel die Möglichkeit 
zur Ablösung der künftigen Wortsprachen aus den allgemein 
tierischen Lautsprachen gegeben war, nenne ich Namen und 
verstehe darunter ein Lautgebilde, das als Kennzeichen eines 



166 STÄDTE UND VÖLKER 



als wesenhaft empfundenen Etwas in der Umwelt dient, welches 
durch die Benennung zum numen geworden ist. Wie diese ersten 
Namen beschaffen waren, darüber nachzudenken ist überflüssig. 
Keine uns noch erreichbare Menschensprache gibt den leisesten 
Anhaltspunkt dafür. Aber das halte ich im Gegensatz zur modernen 
Forschung für das Entscheidende: nicht eine Veränderung des 
Kehlkopfes oder eine besondere Art der Lautbildung oder sonst 
etwas Physiologisches, das in Wirklichkeit Rassemerkmal ist, 
liegt hier vor — wenn dergleichen damals überhaupt eingetreten 
ist — und auch nicht eine Steigerung der Ausdrucksfähigkeit 
der vorhandenen Mittel, etwa der Übergang vom Wort zum Satz 
(H. Paul), 9 sondern eine tiefe Verwandlung der Seele: mit dem 
Namen ist ein neuer Blick auf die Welt entstanden. Ist das 
Sprechen überhaupt aus der Angst geboren, aus einer unergründ- 
lichen Scheu vor den Tatsachen des W^achseins, die alle Wesen 
zueinander treibt und die Nähe des andern durch Eindrücke 
bezeugt sehen will, so erscheint hier eine mächtige Steigerung. 
Mit dem Namen ist gleichsam der Sinn des Wachseins und 
die Quelle der Angst angerührt worden. Die Welt ist nicht 
nur da; man fühlt ein Geheimnis in ihr. Man benennt über alle 
Zwecke der Ausdrucks- und Mitteilungssprache hinaus das, 
was rätselhaft ist. Ein Tier kennt keine Rätsel. Man kann 
sich die ursprüngliche Namengebung nicht feierlich und ehr- 
fürchtig genug denken. Man soll den Namen nicht immer 
nennen, man soll ihn geheim halten, es liegt eine gefährliche 
Macht in ihm. Mit dem Namen ist der Schritt von der all- 
täglichen Physik des Tieres zur Metaphysik des Men- 
schen vollzogen. Es war die größte W^endung in der Geschichte 
der menschlichen Seele. Die Erkenntnistheorie pflegt Sprache und 
Denken nebeneinander zu stellen, und wenn man allein die heute 
noch erreichbaren Sprachen beachtet, trifft das zu. Ich glaube aber, 
dafs man viel tiefer greifen kann : mit den Namen ist die eigent- 
liche, bestimmte Religion innerhalb einer formlosen, allgemein 
religiösen Scheu entstanden. Religion in diesem Sinne heißt reli- 



*) Satzartige Lautkomplexe kennt auch der Hund. Wenn der australische 
Dingo mit dem Rückscliritt vom Haustier zum Raubtier auch wieder vom Bellen 
zum Wolfsgeheiü übergegangen ist, so darf man das wohl als einen Übergang zu 
sehi-viel einfacheren Lautzeichen deuten, aber mit „Worten" hat es nichts zu tun. 



STÄDTE UND VÖLKER 167 



giöses Denken. Es ist die neue Verfassung des vom Empfinden 
abgelösten schöpferischen Versteh ens. Mit einer sehr bezeichnen- 
den Wendung sagen wir „über etwas nachdenken". Mit dem 
Verstehen benannter Dinge ist über allem Empfindungswesen 
eine höhere Welt in Bildung begriffen, höher in klarer Symbolik 
und Beziehung auf die Lage des Kopfes, den der Mensch als die 
Heimat seiner Gedanken oft in schmerzhafter Deutlichkeit spürt. 
Sie gibt dem Urgefühl der Angst ein Ziel und den Blick auf eine 
Befreiung. Von diesem religiösen Urdenken ist alles philosophische, 
gelehrte, wissenschaftliche Denken später Zeiten bis in seine 
letzten Gründe abhängig geblieben. 

Wir haben uns die ersten Namen als ganz vereinzelte Ele- 
mente im Zeichenbestand hoch entwickelter Laut- und Gebärden- 
sprachen zu denken, von deren Reichtum und Ausdrucksfähigkeit 
wir keine Vorstellung mehr besitzen, seit die Wortsprachen alle 
anderen Mittel von sich abhängig gemacht und deren Weiter- 
bildung nur in Rücksicht auf sich selbst geleitet haben, i) Eins 
aber war bereits gesichert, als mit den Namen eine Umwendung 
und Durchgeistigung der Mitteilungstechnik begann: die Herr- 
schaft des Auges über die anderen Sinne. Der Mensch war wach 
in einem Lichtraum, sein Tiefenerlebnis war eine Ausstrahlung 
des Sehens zu den Lichtquellen und Lichtwiderständen, er empfand 
sein Ich als einen Mittelpunkt im Lichte. Die Alternative Sicht- 
bares und Unsichtbares beherrscht durchaus dasjenige Verstehen, 
in welchem die ersten Namen entstanden sind. Waren vielleicht 
die ersten numina Dinge der Lichtwelt, welche man empfand, 
hörte, in ihren Wirkungen beobachtete, aber nicht sah? Die 
Gruppe der Namen hat ohne Zweifel wie alles, was im Welt- 
geschehen Epoche macht, eine sehr schnelle und gewaltige Aus- 



*) Die heutigen Gebärdensprachen (Delbrück, Grundfragen d. Sprachforsch. 
S. 49 ff. mit dem Hinweis auf das Werk von Jorio über die Gesten der Neapolitaner) 
setz«u sämtlich die Wortsprache voraus und sind von deren gedanklicher 
Systematik vollkommen abhängig, so z. B. die, welche die nordamerikanischen 
Indianer ausgebildet haben, um sich bei der großen Verschiedenheit und Ver- 
änderlichkeit der einzelnen Wortsprachen von Stamm zu Stamm verständigen 
zu können (Wundt, Völkerpsychologie I, S. 212. Mit dieser Sprache ist es mög- 
lich, folgenden komplizierten Satz auszudrücken: „Weiße Soldaten, die von 
einem Offizier von hohem Range, aber geringer Intelligenz geführt wurden, 
nahmen die Mescalero-Indianer gefangen"), oder die Mimik der Schauspieler. 



168 STÄDTE UND VÖLKER 



bildung erfahren. Die gesamte Lichtwelt, in der jedes Ding die 
Eigenschäften der Lage und Dauer im Räume besitzt, wurde 
mit allen Spannungen zwischen Ursache und Wirkung, Ding und 
Eigenschaft, Ding und Ich sehr bald mit zahllosen Namen be- 
zeichnet und damit im Gedächtnis befestigt. Denn was wir heute 
Gedächtnis nennen, ist die Fähigkeit, Benanntes mittelst der 
Namen für das Verstehen aufzubewahren. Es entsteht über dem 
Reich der verstandenen Sehdinge ein geistigeres Reich der Benen- 
nungen, das mit jenem die logische Eigenschaft teilt, rein extensiv, 
polar geordnet und vom Kausalprinzip beherrscht zu sein. AUe — 
sehr viel später entstehenden —Wortgebilde wie Kasus, Pronomina, 
Präpositionen haben einen kausalen oder lokalen Sinn in bezug 
auf benannte Einheiten; Adjektiva und auch Verba sind vielfach 
in Gegensatzpaaren entstanden; es ist oft wie in der von Wester- 
mann untersuchten Ewesprache anfangs dasselbe Wort, das tief 
oder hoch gesprochen wird, um etwa groß und klein, fern und 
nah, passiv und aktiv zu bezeichnen. Später geht dieser Rest 
von Gebärdensprache ganz in der Wortform auf, wie es im 
griechischen fiaxQÖg und juixQog und den U-lauten in ägyptischen 
Bezeichnungen des Leidens noch deutlich erkennbar ist. Es ist 
die Form des Denkens in Gegensätzen, die von gegensätzHchen 
Wortpaaren ausgehend der gesamten anorganischen Logik zu- 
grunde Hegt und jedes wissenschaftliche Finden von Wahrheiten 
zu einer Bewegung in begrifflichen Gegensätzen macht, unter 
denen der zwischen einer alten Ansicht als Irrtum und einer 
neuen als Wahrheit immer der vorwaltende ist. 

Die zweite große Wendung erfolgt mit dem Entstehen 
der Grammatik. Indem zum Namen der Satz, zum Wortzeichen 
die Wortverbindung tritt, wird das Nachdenken — das Denken 
in Wortbeziehungen, nachdem man etwas wahrgenommen hat, 
wofür es Wortbezeichnungen gibt — für den Charakter des mensch- 
lichen Wachseins bestimmend. Es ist eine müßige Frage, ob die 
Mitteilungssprachen vor dem Auftreten echter Namen schon 
wirkhche „Sätze" enthielten. Der Satz im heutigen Sinne 
hat sich zwar aus eigenen Bedingungen und mit eigenen Epochen 
innerhalb dieser Sprachen entwickelt, aber er setzt dennoch das 
Dasein der Namen voraus. Erst die geistige Wendung, die 
mit ihrer Geburt eingetreten ist, macht Sätze als gedankliche 



STÄDTE UND VÖLKER 169 

Beziehungen möglich. Und zwar müssen wir annehmen, daß in 
den sehr entwickelten wortlosen Sprachen, unter fortwährendem 
Gebrauch, ein Zug nach dem andern in Wortformen umgesetzt 
und damit einem mehr und mehr geschlossenen Gefüge, der 
Urform aller heutigen Sprachen, eingegliedert worden ist. Der 
innere Bau aller Wortsprachen beruht also auf viel älteren Struk- 
turen und ist in seiner Weiterbildung von dem Wortschatz und 
dessen Schicksalen nicht abhängig. Das Umgekehrte ist der Fall. 

Denn mit dem Satzbau verwandelt sich die ursprüngliche 
Gruppe einzelner Namen in ein System von Worten, deren 
Charakter nicht mehr durch ihre eigene, sondern ihre gramma- 
tische Bedeutung bestimmt wird. Der Name tritt als etwas 
Neues ganz für sich auf. Die Wortarten aber entstehen als Satz- 
elemente; und nun strömen in unübersehbarer Menge die Wach- 
seinsinhalte heran, die bezeichnet, in dieser Welt von Worten 
vertreten sein wollen, bis zuletzt „alles" für das Nachdenken 
in irgendeiner Weise Wort geworden ist. 

Der Satz ist von da an das Entscheidende. Wir sprechen 
in Sätzen und nicht in Worten. Beides zu definieren ist un- 
endlich oft versucht worden und nie gelungen. Nach F. N. Finck 
ist die Wortbildung eine zerlegende, die Satzbildung eine zu- 
sammenfügende Tätigkeit des Geistes und zwar geht die erste 
der zweiten vorauf. Es zeigt sich, daß die empfundene Wirk- 
lichkeit sehr verschieden verstanden und die Worte also nach 
sehr verschiedenen Gesichtspunkten abgegrenzt werden können. i) 
Aber nach der gewöhnlichen Definition ist der Satz der sprach- 
liche Ausdruck eines Gedankens, nach H. Paul ein Symbol für 
die Verbindung mehrererVo rstellungenin der Seele des Sprechen- 
den. Alle diese Bestimmungen widersprechen sich. Es scheint 
mir ganz unmöglich, das Wesen des Satzes aus dem Inhalt zu 
ermitteln. Tatsache ist lediglich, daß wir die relativ größten 
mechanischen Einheiten im Sprachgebrauch Sätze, die relativ 
kleinsten Worte nennen. So weit erstreckt sich die Geltung 
grammatischer Gesetze. Das fortlaufende Sprechen ist kein 
Mechanismus mehr und gehorcht nicht Gesetzen, sondern dem 
Takt. Es liegt also schon ein Rassezug in der Art, wie das 
Mitzuteilende in Sätze gefaßt wird. Sätze sind bei Tacitus und 

') Die Haupttypen des Sprachbaus, 1910. 



170 STÄDTE UND VÖLKER 



Napoleon nicht dasselbe wie bei Cicero und Nietzsche. Der Eng- 
länder teilt den Stoff syntaktisch anders auf als der Deutsche. 
Nicht Vorstellungen und Gedanken, sondern das Denken, die Art 
des Lebens, das Blut bestimmen in den primitiven, antiken, 
chinesischen, abendländischen Sprachgemeinschaften die typische 
Abgrenzung der Satzeinheiten und damit das mechanische Ver- 
hältnis des Wortes zum Satz. Die Grenze zwischen Grammatik 
und Syntax sollte dort angesetzt werden, wo das Mechanische 
der Sprache aufhört und das Organische des Sprechens beginnt: 
der Sprachgebrauch, die Sitte, die Physiognomie der Art eines 
Menschen, sich auszudrücken. Die andere Grenze liegt dort, wo 
die mechanische Struktur des Wortes in die organischen Fak- 
toren der Lautbildung und Aussprache übergeht. An der Aus- 
sprache des englischen th — einem Rassezug der Landschaft — 
erkennt man oft noch die Kinder der Eingewanderten. Nur was 
zwischen beiden liegt, „die Sprache", hat System, ist ein tech- 
nisches Mittel und wird deshalb erfunden, verbessert, gewechselt, 
abgenützt; Aussprache und Ausdruck haften an der Rasse. Wir 
erkennen eine uns bekannte Person, ohne sie zu sehen, an der Aus- 
sprache, ebenso aber den Angehörigen einer fremden Rasse, auch 
wenn er ein vollkommen richtiges Deutsch spricht. Die großen 
Lautverschiebungen wie die althochdeutsche in karolingischer und 
die mittelhochdeutsche in spätgotischer Zeit haben eine land- 
schaftliche Grenze und berühren nur das Sprechen, nicht die 
innere Form von Satz und Wort. 

Die Worte sind, wie gesagt, die relativ kleinsten mechanischen 
Einheiten im Satz. Nichts ist vielleicht für das Denken einer 
Menschenart bezeichnender als die Art, wie diese Einheiten ge- 
wonnen werden. Für den Bantuneger gehört ein Ding, das er 
sieht, zunächst einer sehr großen Zahl von Kategorien der Auf- 
fassung an. Das Wort dafür besteht also aus einem Kern (Wurzel) 
mit einer Anzahl einsilbiger Präfixe. Wenn er von einer Frau auf dem 
Felde spricht, so ist das Wort dafür etwa: Lebendig — Einzalil — 
Groß — Alt — Weiblich — Draußen — Mensch; das sind sieben 
Silben, aber sie bezeichnen einen einzigen, scharfen und uns 
sehr fremden Akt der Auffassung. Es gibt Sprachen, in denen 
das Wort beinahe mit dem Satze zusammenfällt. 

Der Schritt für Schritt erfolgende Ersatz von körperlichen 



STÄDTE UND VÖLKER 171 

oder klanglichen durch grammatische Gebärden ist also für die 
Ausbildung des Satzes das Entscheidende, aber er ist nie voll- 
endet worden. Reine Wortsprachen gibt es nicht. Die Tätigkeit 
des Sprechens in Worten, wie sie immer schärfer hervortritt, 
besteht darin, daß wir durch Wortklänge Bedeutungsgefühle 
wecken, die durch den Klang der Wortverbindungen weitere 
Beziehungsgefühle wachrufen. Wir sind durch die Schule des 
Sprechenlernens geübt, in dieser abkürzenden und andeutenden 
Form sowohl die Lichtdinge und Lichtbeziehungen wie die daraus 
abgezogenen Denkdinge und Denkbeziehungen zu verstehen. 
Worte werden nur genannt, nicht definitionsgemäß gebraucht, 
und der Hörer muß fühlen, was gemeint ist. Ein anderes Sprechen 
gibt es nicht und eben deshalb haben Gebärde und Ton am 
Verständnis des heutigen Sprechens einen weit größeren Anteil, 
als man gewöhnhch annimmt. 

Das letzte große Ereignis in dieser Geschichte, mit welchem 
die Bildung der Wortsprache gewissermaßen zum Abschluß ge- 
langt, ist die Entstehung des Verbums. Sie setzt bereits einen 
«ehr hohen Grad von Abstraktion voraus, denn Substantiva sind 
Worte, welche im Lichtraum sinnlich abgegrenzte Dinge — „Un- 
sichtbares" ist ebenfalls abgegrenzt — auch für das Nachdenken 
herausheben; Verba bezeichnen aber Typen der Veränderung, 
die nicht gesehen, sondern aus dem grenzenlosen Bewegtsein 
der Lichtwelt durch Absehen von den besonderen Merkmalen 
des einzelnen Falles festgestellt und als Begriffe erzeugt werden. 
, Fallender Stein" ist eine ursprüngliche Einheit des Eindrucks. 
Hier wird aber zunächst Bewegung und Bewegtes getrennt und 
dann „fallen" als eine Art von Bewegung aus zahllosen anderen 
mit unzähligen Übergängen — sinken, schweben, stürzen, gleiten — 
abgegrenzt. Den Unterschied „sieht" man nicht; er wird „er- 
kannt". Substantivische Zeichen kann man sich für manche Tiere 
vielleicht noch vorstellen, verbale aber nicht. Der Unterschied 
von Fhehen und Laufen oder Fliegen und Gewehtwerden geht 
weit über das Gesehene hinaus und ist nur für ein wortgewohntes 
Wachsein faßbar. Es Hegt ihm etwas Metaphysisches zugrunde. 
Aber mit dem „Denken in Zeitwörtern" ist nun auch das Leben 
selbst dem Nachdenken erreichbar geworden. Von dem leben- 
digen Eindruck auf das Wachsein, dem Werden — das die Ge- 



172 STÄDTE UND VÖLKER 



berdensprache ganz unproblematisch nachahmt und das an sich 
also unberührt bleibt — wird das Einmalige, also das Leben selbst, 
unvermerkt abgesondert und der Rest als Wirkung einer Ursache 
(der Wind weht, es blitzt, der Bauer pflügt) mit lauter extensiven 
Bestimmungen dem Zeichensystem eingeordnet. Man muß sich ganz 
in die starren Unterscheidungen von Subjekt und Prädikat, Ak- 
tivura und Passivum, Präsens und Perfektum versenken, um zu 
sehen, wie hier der Verstand die Sinne meistert und das Wirk- 
liche entseelt. Bei Substantiven darf man das Denkding (Vor- 
stellung) als Abbild des Sehdinges betrachten, beim Verbum ist 
aber für etwas Organisches etwas Anorganisches eingesetzt 
worden. Die Tatsache, daß wir leben, nämlich daß wir jetzt eben 
etwas wahrnehmen, wird zur Dauer als einer Eigenschaft 
des Wahrgenommenen; verbal gedacht: das Wahrgenommene 
dauert an. Es „ist". So bilden sich endlich die Kategorien des 
Denkens, abgestuft nach dem, was ihm natürlich ist und was 
nicht; so erscheint die Zeit als Dimension, das Schicksal als Ur- 
sache, das Lebendige als chemischer oder psychischer Mechanis- 
mus. So entsteht der Stil des mathematischen, juristischen, dog- 
matischen Denkens. 

Damit ist jener Zwiespalt gegeben, der uns vom Wesen des 
Menschen unzertrennlich erscheint und der doch nur ein Ausdruck 
der Beherrschung seines Wachseins durch die Wortsprache ist. 
Dieses Mittel der Verbindung zwischen Ich und Du hat durch seine 
Vollkommenheit aus dem tierischen Verstehen des Empfindens 
ein das Empfinden bevormundendes Denken in Worten gemacht. 
Grübeln heißt, mit sich selbst in Wortbedeutungen verkehren. 
Es ist die Tätigkeit, die in jeder anderen Sprachart ganz unmöglich 
ist und die mit der Vollendung der Wortsprache die Lebens- 
gewohnheiten ganzer Menschenklassen kennzeichnet. Wenn mit 
der Ablösung einer starren entseelten Sprache vom Sprechen 
die Wahrheit im Gesprochenen unvereinbar wird, so gilt das in 
verhängnisvollem Maße vom Zeichensystem der Worte. Das ab- 
gezogene Denken besteht im Gebrauch eines endlichen Wort- 
gefüges, in dessen Schema der unendliche Gehalt des Lebens 
gepreßt wird, Begriffe töten das Dasein und fälschen das Wach- 
sein. Einst, in der Frühzeit der Sprachgeschichte, als das Ver- 
stehen sich noch gegen das Empfinden zu behaupten suchte, 



STÄDTE UND VÖLKER 173 



war diese Mechanisierung bedeutungslos für das Leben. Jetzt 
ist der Mensch aus einem Wesen, das zuweilen dachte, ein 
denkendes Wesen geworden und das Ideal aller Gedankensysteme 
ist es, das Leben endgültig und vollständig der Herrschaft des 
Geistes zu unterwerfen. Das geschielit in der Theorie, indem 
nur Erkanntes als wirklich gilt und das Wirkliche als Schein 
und Sinnentrug gebrandmarkt wird. Das geschieht in der Praxis, 
indem die Stimme des Blutes durch allgemein ethische Grundsätze 
zum Schweigen verwiesen wird.^) 

Beide, Logik wie Ethik, sind Systeme absoluter und ewiger 
Wahrheiten vor dem Geist und beide sind eben damit Unwahrheiten 
vor der Geschichte. Im Reich der Gedanken mag das innere Auge 
noch so unbedingt über das äußere triumphieren; im Reiche der 
Tatsachen ist der Glaube an ewige Wahrheiten ein kleines und 
absurdes Schauspiel in einzelnen Menschenköpfen. Ein wahres 
Gedankerisystem kann es gar nicht geben, weil kein Zeichen 
die Wirklichkeit ersetzt. Tiefe und ehrliche Denker sind immer 
zu dem Schlüsse gelangt, daß alles Erkennen von seiner eigenen 
Form im Voraus bestimmt ist und nie erreichen kann, was man mit 
dem Worte meint, mit Ausnahme wiederum der Technik, in welcher 
die Begriffe Mittel und nicht Selbstzweck sind. Und diesem 
Ignorabimus entspricht die Einsicht aller echten Weisen, daß 
abstrakte Lebensgrundsätze sich nur als Redensarten einbürgern, 
unter deren täglichem Gebrauch das Leben so weiterströmt, 
wie es immer gewesen war. Die Rasse ist letzten Endes stärker 
als die Sprache und deshalb besaßen unter allen großen Namen 
nur die Denker eine Wirkung auf das Leben, die Persönlich- 
keiten waren und nicht wandelnde Systeme. 



12 

Die innere Geschichte der Wortsprachen zeigt demnach bis 
jetzt drei Stufen. Auf der ersten erscheinen innerhalb hoch- 
entwickelter, aber wortloser Mitteilungssprachen die ersten Namen 

') Ganz wahr ist allein die Technik, weil die Worte hier nur den Schlüssel 
zur Wirklichkeit bilden und die Sätze so lange abgeändert werden, bis sie nicht 
etwa „wahr", sondern wirksam sind. Eine Hypothese erhebt nicht den An- 
spruch auf Richtigkeit, sondern auf Brauchbarkeit. 



174 STÄDTE UND VÖLKER 



als Größen eines neuartigen Verstehens. Die Welt erwacht als 
Geheimnis. Das religiöse Denken beginnt. Auf der zweiten wird 
nach und nach eine vollständige Mitteilungssprache in grammatische 
Werte umgesetzt. Die Geste wird zum Satz und der Satz ver- 
wandelt die Namen in Worte. Der Satz wird zugleich die große 
Schule des Verstehens gegenüber dem Empfinden, und das immer 
feinere Bedeutungsgefühl für abstrakte Beziehungen im Satz- 
mechanismus ruft einen überquellenden Reichtum von Flexionen 
hervor, die sich vor allem an Substantiv und Verb, das Raum- 
wort und das Zeitwort, heften. Es erscheint die Blütezeit der 
Grammatik, für die man — mit großer Vorsicht — vielleicht 
die zwei Jahrtausende vor Beginn der ägyptischen und babyloni- 
schen Kultur ansetzen darf. Die dritte Stufe wird durch einen 
raschen Flexionsverfall und damit den Ersatz der Grammatik 
durch die Syntax bezeichnet. Die Durchgeistigung des mensch- 
lichen Wachseins ist so weit vorgeschritten, daß es der Versinn- 
lichung durch Flexionen nicht mehr bedarf und sich statt durch 
eine bunte Wildnis von Wortformen durch kaum merkliche An- 
deutungen im knappsten Sprachgebrauch (Partikel, Wortstellung, 
Rhythmus) sicher und frei mitteilen kann. Am Sprechen in Worten 
ist das Verstehen zur Herrschaft über das Wachsein gelangt; 
heute ist es im Begriff, sich vom Zwange des sinnlich-sprach- 
lichen Mechanismus zugunsten einer reinen Mechanik des Geistes 
zu befreien. Nicht die Sinne, die Geister treten in Fühlung, 

In diese dritte Stufe der Sprachgeschichte, welche an sich 
im biologischen Weltbild i) verläuft und also dem Menschen als 
Typus zugehört, greift nun die Geschichte der hohen Kulturen 
ein, die mit einer ganz neuen „Sprache der Ferne", der Schrift, 
und durch die Gewalt ihrer Innerlichkeit dem Schicksal der Wort- 
sprachen eine plötzliche Wendung gibt. 

Die ägyptische Schriftsprache ist schon um 3000 in rascher 
grammatischer Zersetzung begriffen, das Sumerische in der eme-sal 
(AVeibersprache) genannten Literatursprache ebenfalls, das Schrift- 
chinesisch, das allen Umgangssprachen der chinesischen Weltgegen- 
über längst eine Sprache für sich bildet, ist schon in den ältesten 
bekannten Texten so gänzlich flexionslos, daß erst in neuester Zeit 
festgestellt werden konnte, daß es wirklich einmal eine Flexion 
' >) Vgl. S. 33 f. 



STÄDTE UND VÖLKER 175 



besessen hat. Das indogermanische System kennen wir nur im 
vollsten Verfall, Von den Kasus des Altvedischen — um 1500 — 
sind in den antiken Sprachen ein Jahrtausend später nur Trümmer 
erhalten. Seit Alexander dem Großen ist in der hellenistischen 
Umgangssprache der Dual aus der Deklination und das ganze 
Passiv aus der Konjugation verschwunden. Die abendländischen 
Sprachen, obwohl sie von denkbar verschiedenster Herkunft sind, 
die germanischen aus primitiven, die romanischen aus hoch- 
zivilisierten Verhältnissen stammen, verändern sich in gleicher 
Richtung: die romanischen Kasus sind bis auf einen verschwunden, 
die englischen mit der Reformation sämtlich. Die deutsche Um- 
gangssprache hat den Genitiv im Anfang des 19. Jahrhunderts 
endgültig eingebüßt und ist im Begriff, den Dativ aufzugeben. 
Nur wer einmal den Versuch macht, ein Stück schwerer und. bedeu- 
tungsreicher Prosa etwa aus Tacitus oderMommsen in eine sehr alte 
flexionsreiche Sprache „rückwärts" zu übertragen — unsere gesamte 
Übersetzungsarbeit erfolgt aus älteren in jüngere Sprachzustände — , 
wird den Beweis erhalten, daß die Zeichentechnik sich inzwischen 
in eine Denktechnik verflüchtigt hat, welche der verkürzten, aber 
mit Bedeutungsgehalt durchsättigten Zeichen gleichsam nur zu 
Anspielungen bedarf, die ausschließlich ein Eingeweihter der be- 
treffenden Sprachgemeinschaft versteht. Dies ist der Grund, wes- 
halb ein westeuropäischer Mensch vom Verstehen der heiligen 
chinesischen Bücher unbedingt ausgeschlossen bleibt, aber ebenso 
von dem Verständnis der Urworte jeder anderen Kultursprache, 
dem ^öyog, der d^x^] im Griechischen, dem atman und braman im 
Sanskrit, die auf eine Weltanschauung hinweisen, in der man 
aufgewachsen sein muß, um ihre Zeichen zu begreifen. 

Die äußere Sprachgeschichte ist für uns gerade in den wich- 
tigsten Abschnitten so gut wie verloren. Ihre Frühzeit liegt tief 
im primitiven Zeitalter, und es sei noch einmal darauf hin- 
gewiesen, 1) daß wir uns die „Menschheit" hier in Gestalt ver- 
einzelter ganz kleiner Trupps vorzustellen haben, die sich im 
weiten Räume verlieren. Eine Wandlung der Seele tritt ein, wenn 
die wechselseitige Fühlung Regel und zuletzt selbstverständlich 
geworden ist, aber eben deshalb besteht kein Zweifel, daß diese 
Fühlung mittelst der Sprache zuerst gesucht und dann geregelt 



>) Vgl. S. 33 f. 



176 STÄDTE UND VÖLKER 



oder abgewehrt wird, und daß erst mit dem Eindruck der von 
Menschen erfüllten Erde das einzelne Wachsein gespannter, 
geistiger, klüger wird und die Wortsprache emporzwingt, so daß 
vielleicht die Entstehung der Grammatik mit dem Rassemerkmal 
der großen Zahl in Verbindung steht. 

Seitdem ist kein grammatisches System mehr entstanden; 
es haben sich nur aus vorhandenen neuartige abgezweigt. Über 
diese eigentlichen Ursprachen, ihren Bau und Klang, wissen 
^^^r nichts. Soweit "W'ir zurückblicken können, werden fertig aus- 
gebildete Sprachsysteme als etwas ganz Natürliches von jedermann 
gebraucht, von jedem Kinde gelernt. Daß es je anders gewesen 
sein könne, daß einst vielleicht ein tiefer Schauder das Hören 
solcher seltenen und geheimnisvollen Sprachen begleitet hat — 
wie es in historischer Zeit mit der Schrift der Fall war und noch 
ist — , erscheint uns unglaubwürdig. Und doch sollten wir mit 
der MögHchkeit rechnen, daß Wortsprachen in einer Welt wort- 
loser IMitteilungsweisen einmal Standesvorrecht gewesen sind, ein 
eifersüchtig behüteter Geheimbesitz. Daß ein Hang dazu vorliegt, 
zeigen tausend Beispiele, das Französisch als Diplomaten-, das 
Latein als Gelehrten-, das Sanskrit als Priestersprache. Es gehört 
zum Stolz rassiger Kreise, miteinander reden zu können, ohne 
von „den andern" verstanden zu werden. Eine Sprache für jeder- 
mann ist gemein. „Mit einem reden dürfen" ist ein Vorzug oder 
eine Anmaßung. Xoch der Gebrauch der Schriftsprache unter 
Gebildeten und die Verachtung des Dialekts ist ein Zeugnis echten 
Bürgerstolzes. Nur wir leben in einer Zi\dlisation, in welcher die 
Kinder mit Selbstverständlichkeit das Schreiben wie das Gehen 
lernen. In allen früheren Kulturen war es eine seltene und nicht 
jedem zugängliche Kunst. Ich bin überzeugt, daß es mit der 
Wortsprache einmal nicht anders gewesen ist. 

Das Tempo der Sprachgeschichte ist ein ungeheuer ge- 
schwindes. Ein Jahrhundert bedeutet da schon \4el. Ich erinnere 
an jene Gebärdensprache der Indianer Nordamerikas, die not- 
wendig wurde, weil die rasche Veränderung der Dialekte eine 
andere Verständigung z"v^^schen den Stämmen ausschloß. Man 
vergleiche auch die kürzlich entdeckte Foruminschrift (um 500) 
mit dem Latein des Plautus (um 200) und dieses mit der Sprache 
Ciceros. Nimmt man an, daß die ältesten Vedatexte den Sprach- 



STÄDTE UND VÖLKER 177 

zustand von 1200 v. Chr. festgehalten haben, so kann schon der 
Zustand von 2000 so gänzlich anders gewesen sein, daß ihn 
kein indogermanischer Forscher mit seiner Methode der Rück- 
schlüsse auch nur von fern vermutet. Aber das Allegro wird zum 
Lento in dem Augenblick, wo die Schrift, die Sprache der Dauer, 
eingreift und die Systeme auf ganz verschiedenen Altersstufen 
festhält und lähmt. Gerade das macht diese Entwicklung so 
undurchsichtig: wir besitzen nur Reste von Schriftsprachen. Aus 
der ägyptischen und babylonischen Sprachenwelt gibt es noch 
Originale von 3000, aber die ältesten indogermanischen Reste 
sind Abschriften, deren Sprachzustand viel jünger ist als ihr 
Inhalt. 

Das alles hat die Schicksale von Grammatik und Wortschatz 
in ganz verschiedener Weise bestimmt. Die erste haftet am Geist, 
der zweite an Dingen und Orten. Einer natürlichen inneren 
Veränderung unterhegen nur grammatische Systeme. Zu den 
psychologischen Voraussetzungen des Wortgebrauchs gehört es da- 
gegen, daß zwar die Aussprache sich verändert, die innere mecha- 
nische Lautstruktur aber desto fester gehalten wird, denn auf ihr 
beruht das Wesen der Benennung, Die große nSprachfam^lien 
sind lediglich grammatische Familien. Die Worte sind in 
ihnen gewissermaßen heimatlos und wandern von einer zur anderen. 
Es ist ein Grundfehler der Sprachforschung, voran der indo- 
germanischen, Grammatik und Wortschatz als Einheit zu behan- 
deln. Alle Fachsprachen, die Jäger-, Soldaten-, Sport-, Seemanns-, 
Gelehrtensprache, sind in Wirklichkeit nur Wortbestände, die 
innerhalb eines jeden grammatischen Systems gebraucht werden 
können. Der halbantike Wortschatz der Chemie, der französische 
der Diplomatie, der englische des Rennplatzes hat sich in allen 
modernen Sprachen gleichmäßig eingebürgert. Redet man hier 
von Fremdworten, so gehören die „Wurzeln" aller alten Sprachen 
zum weitaus größten Teil dazu. Alle Namen haften an den 
Sachen, die sie bezeichnen, und teilen deren Geschichte. Im 
Griechischen sind die Metallnamen fremder Herkunft, AVorte wie 
ravQog, xircov, oh'og sind semitisch. In den hethitischen Texten von 
Boghazköi^) kommen indische Zahlworte vor und zwar in Fach- 
ausdrücken, die mit der Zucht des Pferdes dorthin gelangt sind. 

1) Paul Jensen, Sitz. Preuß. Akad., 19)9, 367 ff. 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, H. 12 



178 STÄDTE UND VÖLKER 



Lateinische Verwaltungsausdrücke sind in Menge in den griechi- 
schen Osten,') deutsche seit Peter dem Großen in das Russische 
gedrungen, arabische Worte in die Mathematik, Chemie und 
Astronomie des Abendlandes. Die Normannen, selbst Germanen,, 
haben das Englische mit französischen Worten überschwemmt. 
Im Bankwesen der germanischen Sprachgebiete wimmelt es von 
italienischen Ausdrücken und in noch viel höherem Grade müssen 
in primitiver Zeit mit dem Getreidebau, der Viehzucht, den 
Metallen, den Waffen und überhaupt mit jedem Handwerk, dem 
Tauschverkehr und allen rechthchen Beziehungen der Stämme 
untereinander Massen von Bezeichnungen von einer Sprache zur 
anderen gewandert sein, ganz wie auch der Bestand an geo- 
graphischen Namen immer in den Besitz der gerade herrschenden 
Sprache übergeht, so daß ein großer Teil der griechischen Orts- 
namen karisch, der deutschen keltisch ist. Man darf ohne Über- 
treibung behaupten: je allgemeiner ein indogermanisches Wort 
verbreitet ist, desto jünger ist es, desto wahrscheinHcher ist 
es Fremdwort. Gerade die altertümlichsten Namen sind streng be- 
wahrter Eigenbesitz. Latein und Griechisch haben nur ganz junge 
Worte gemeinsam. Oder gehören Telephon, Gas, Automobil zum 
Wortbestand des „Urvolkes"? Angenommen einmal, daß von den 
arischen „Urworten" dreiviertel aus dem Ägyptischen oder Baby- 
lonischen des 3. Jahrtausends stammten, so würden wir im Sans- 
krit nach einem Jahrtausend schriftloser Entwicklung nichts mehr 
davon bemerken, denn auch die zahllosen lateinischen Lehnworte 
im Deutschen sind längst völlig unkenntlich geworden. Die 
Endung -ette in Henriette ist etruskisch — wie viele „ echt arische * 
oder „echt semitische" Endungen mögen sonst noch fremd und 
als Fremdhnge nur nicht mehr nachweisbar sein? Wie erklärt sich 
die auffallende Ähnlichkeit vieler Worte in austrahschen und indo- 
germanischen Sprachen? 

Das indogermanische System ist sicherlich das jüngste und 
deshalb das geistigste. Die von ihm abgeleiteten Sprachen be- 
herrschen heute die Erde, aber ist es um 2000 als grammatische 
Sonderkonstruktion überhaupt schon vorhanden gewesen? Be- 
kanntHch wird heute eine einzige Ausgangsform für das Arische, 
Semitische und Hamitische als wahrscheinHch angenommen. Die- 

*) L. Hahn, Rom und Romanismus im giiech.-röm. Osten, 1906. 



STÄDTE UND VÖLKER I79 

ältesten indischen Schriftreste fixieren den Sprachzustand vielleicht 
von 1200, die ältesten griechischen vielleicht von 700. Aber 
indische Personen- und Götternamen kommen zugleich mit dem 
Pferde schon viel früher in Syrien und Palästina vor') und zwar 
erscheinen ihre Träger wohl zunächst als Söldner, dann als Macht- 
haber. 2) Man erinnere sich, wie die spanischen Feuerwaffen 
einst auf die Mexikaner gewirkt haben. Sollten diese Land- 
wikinger, diese ersten Reiter — mit dem Pferd verwachsene 
Menschen, deren schreckenerregenden Eindruck noch die Ken- 
taurensage spiegelt — sich um 1600 überall abenteuernd in den 
nordischen Ebenen festgesetzt und die Sprache und Götterwelt 
der indischen Ritterzeit mitgebracht haben? Zugleich mit dem 
arischen Standesideal der Rasse und Lebensführung? Nach dem, 
was oben über Rasse gesagt worden ist, würde das ohne alle 
„Wanderungen" eines „Urvolkes" das Rasseideal arisch sprechen- 
der Gebiete erklären. Die ritterlichen Kreuzfahrer haben ihre 
Staaten im Morgenlande nicht anders begründet und zwar an 
genau derselben Stelle wie 2500 Jahre früher die Helden mit 
den Mitanni-Namen. 

Oder war dies System um 3000 nur ein bedeutungsloser 
Dialekt einer Sprache, die verloren ist? Die romanische Sprach- 
famihe beherrschte um 1600 n. Chr. alle Meere. Um 400 v. Chr. 
besaß die „Ursprache" am Tiber ein Gebiet von 50 Quadrat- 
meilen. Es ist sicher, daß das geographische Bild der gramma- 
tischen Familien um 4000 noch ein sehr buntes war. Die semi- 
tisch-hamitisch-arische Gruppe — wenn sie einmal eine Einheit 
gewesen ist — hatte damals wohl kaum sehr große Bedeutung. 
Wir stoßen bei Schritt und Tritt auf die Trümmer alter Sprach- 
famihen, die sicherHch einst zu sehr verbreiteten Systemen 
gehörten: das Etruskische, Baskische, Sumerische, Ligurische, 
die alten kleinasiatischen Sprachen sind darunter. Ln Archiv von 
Boghazköi sind bis jetzt acht neue Sprachen festgestellt worden, 
die um 1000 im Gebrauch gewesen sind. Bei dem damaligen 
Tempo der Veränderung kann das Arische um 2000 eine Ein- 
heit mit Sprachen gebildet haben, von denen wir es heute nicht 
erraten würden. 

») Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. 2 I, § 455, 465. 
*) S. d. nächsten Abschnitt. 

12* 



18U STÄDTE UND VÖLKER 

13 

Die Schrift ist eine ganz neue Spracliart und bedeutet eine 
völlige Abcänderung der menschlichen WachseinsbezieLungen, in- 
dem sie sie vom Zwange der Gegenwart befreit. Bilder- 
sprachen, die Gegenstände bezeichnen, sind viel älter, älter wahr- 
scheinlich als alle Worte; hier aber bezeichnet das Bild nicht 
mehr unmittelbar ein Sehding, sondern zunächst ein Wort, etwas 
vom Empfinden bereits Abgezogenes. Es ist das erste und ein- 
zige Beispiel einer Sprache, welche ein ausgebildetes Denken 
als vorhanden fordert und nicht mit sich bringt. 

Die Schrift setzt also eine vollentwickelte Grammatik voraus, 
denn die Tätigkeit des Schreibens und Lesens ist unendUch viel 
abstrakter als die des Sprechens und Hörens. Lesen heißt ein 
Schriftbild mit dem Bedeutungsgefühl für die zugehö- 
rigen Wortklänge verfolgen. Die Schrift enthält Zeichen 
nicht für Dinge, sondern für andere Zeichen. Der grammatische 
Sinn muß durch augenbhckliches Verstehen ergänzt werden. 

Das Wort gehört zum Menschen überhaupt; die Schrift ge- 
hört ausschließHch zum Kulturmenschen, Sie ist im Gegensatz 
zur Wortsprache von den politischen und rehgiösen Schicksalen 
der Weltgeschichte nicht nur teilweise, sondern ganz und gar 
bedingt. Alle Schriften entstehen in einzelnen Kulturen und 
zählen zu deren tiefsten Symbolen. Aber es fehlt noch durchaus 
an einer umfassenden Schriftgeschichte, und zu einer Psychologie 
der Formen und Formverwandlungen ist nicht einmal der Ver- 
such gemacht worden. Die Schrift ist das große Symbol 
der Ferne, also nicht nur der Weite, sondern auch und vor allem 
der Dauer, der Zukunft, des Willens zur Ewigkeit. Sprechen und 
Hören erfolgt nur in Nähe und Gegenwart; durch die Schrift redet 
man aber zu Menschen, die man nie gesehen hat oder die noch nicht 
geboren sind, und die Stimme eines Menschen wird noch Jahr- 
hunderte nach seinem Tode gehört. Sie ist eins der ersten Kenn- 
zeichen historischer Begabung. Aber eben deshalb ist nichts für 
eine Kultur bezeichnender als ihr innerliches Verhältnis zur Schrift. 
Wenn wir vom Lidogermanischen so wenig wissen, so liegt das 
daran, daß die beiden frühesten Kulturen, deren Menschen sich 
dieses Systems bedienten, die indische und die antike, infolge 



STÄDTE UND VÖLKER 181 

ihrer ahistorischen Veranlagung nicht nur keine eigene Schrift 
geschaffen, sondern selbst die fremden bis in die Spätzeit hinein 
abgelehnt haben. In der Tat ist die ganze Kunst der antiken 
Prosa unmittelbar für das Ohr geschaffen. Man las vor, als ob 
man redete; wir reden im Vergleich dazu alle „wie ein Buch" 
und sind deshalb, wegen des ewigen Schwankens zwischen Schrift- 
bild und Wortklang, nie zu einem in attischem Sinne ausgebil- 
deten Prosastil gelangt. Dagegen hat in der arabischen Kultur 
jede Religion ihre eigene Schrift entwickelt und auch bei einem 
Wechsel der Sprache behalten: die Dauer der heiligen Bücher 
und Lehren und die Schrift als Sinnbild der Dauer gehören zu- 
sammen. Die ältesten Zeugnisse der Buchstabenschrift liegen 
in südarabischen, zweifellos nach Sekten getrennten minäischen 
und sabäischen Schriftarten vor, die vielleicht bis ins 10. Jahr- 
hundert V. Chr. hinaufreichen. Die Juden, Mandäer und Manichäer 
in Babylonien sprachen Ostaramäisch, hatten aber sämtlich eigene 
Schriften. Seit der Abbassidenzeit wird das Arabische herrschend, 
aber Christen und Juden schreiben es weiterhin mit eigener Schrift. 
Der Islam hat die arabische Schrift überall unter seinen An- 
hängern verbreitet, mochten sie semitische, mongolische, arische 
oder Negersprachen reden.*) Mit der Gewohnheit des Schreibens 
entsteht überall der unvermeidliche Unterschied zwischen Schrift- 
sprache und Umgangssprache. Die Schriftsprache bringt die Sym- 
bolik der Dauer auf den eigenen grammatischen Zustand in An- 
wendung, der nur langsam und widerwillig den Wandlungen 
der Umgangssprache nachgibt, die mithin stets einen jüngeren 
Zustand darstellt. Es gibt nicht eine hellenische xoivij, sondern 
zwei, 2) und derungeheure Abstand des geschriebenen vom lebendigen 
Latein in der Kaiserzeit wird durch den Bau der frühromanischen 
Sprachen hinreichend bezeugt. Je älter eine Zivilisation, desto 
schroffer ist der Unterschied bis zu jenem Abstand, der heute 
zwischen dem Schriftchinesischen und dem Kuanchua, der Sprache 
der nordchinesischen Gebildeten, besteht. Das sind nicht mehr 
zwei Dialekte, sondern zwei einander ganz fremde Sprachen. 
Darin kommt aber bereits die Tatsache zum Ausdruck, daß 

») Lidzbarski,' Sitz. Berl. Akad., 1916, S. 1218. Reiches Material bei 
M. Mieses, Die Gesetze der Schriftgeschichte, 1919. 

^) P. Kretschmer in Gercke-Norden, Einl. i. d. Altertumswissenschaft I, S. 551. 



182 STÄDTE UND VÖLKER 

die Schrift im höchsten Grade Standessache und zwar uraltes 
Vorrecht des Priestertums ist. Das Bauerntum ist geschichtslos 
und also Schrift los. Es besteht aber auch eine ausgesprochene 
Abneigung der Rasse gegen die Schrift. Dies scheint mir von 
höchster Bedeutung für die Graphologie zu sein : Je mehr Rasse 
der Schreiber hat, desto souveräner behandelt er den ornamen- 
talen Bau der Schriftzeichen und ersetzt ihn durch ganz persön- 
liche Liniengebilde. Der Tabumensch allein hat beim Schreiben 
eine gewisse Achtung vor den Eigenformen der Zeichen und sucht 
sie unwillkürlich immer wieder hervorzubringen. Es ist der 
Unterschied des tätigen Menschen, der Geschichte macht, und des 
Gelehrten, der sie nur aufzeichnet, sie „verewigt". Die Schrift 
ist in allen Kulturen im Besitz des Priestertums, dem Dichter 
und Gelehrte zuzurechnen sind. Der Adel verachtet das Schreiben. 
Er läßt schreiben. Diese Tätigkeit hatte von jeher etwas Geistiges 
und Geistliches. Zeitlose Wahrheiten werden es ganz nicht durch 
die Rede, sondern erst durch die Schrift. Es ist wieder der 
Gegensatz von Burg und Dom: Was soll hier dauern — die Tat 
oder die Wahrheit? Die Urkunde bewahrt Tatsachen, die heilige 
Schrift Wahrheiten. Was dort die Chronik und das Archiv, ist 
hier das Lehrbuch und die BibHothek. Und deshalb gibt es 
außer dem Kultbau noch etwas, das nicht mit Ornamenten ver- 
ziert wird, sondern Ornament ist^) — das Buch. Die Kunst- 
geschichte aller Frühzeiten soUte die Schrift, und zwar die kur- 
sive eher noch als die monumentale, an die Spitze stellen. Was 
gotischer und was magischer Stil ist, erkennt man hier am reinsten. 
Kein Ornament hat die Linerlichkeit einer Buchstabenform oder 
Schriftseite. Die Arabeske erscheint nirgends vollendeter als in 
den Koransprüchen an den Wänden einer Moschee. Und dann 
die große Kunst der Liitialen, die Architektur des Seitenbildes, 
die Plastik der Einbände! Ein Koran in kufischer Schrift wirkt 
auf jeder Seite wie ein Wandteppich. Ein gotisches EvangeHar ist 
wie ein kleiner Dom. Es ist bezeichnend für die antike Kunst, daß 
sie jeden Gegenstand ergreift und verschönert — mit Ausnahme 
allein der Schrift und der Schriftrolle. Ein Haß gegen die Dauer Hegt 
darin, die Verachtung gegen eine Technik, die trotz allem mehr 
als Technik ist. Es gibt weder in Hellas noch in Indien eine 
») Vgl. S. 145. 



STÄDTE UND VÖLKER 183 

Kunst der monumentalen Inschrift wie in Ägypten, und daran, 
•daß ein Blatt mit der Handschrift Piatos eine Reliquie war, 
daß man etwa auf der Akropolis ein kostbares Exemplar der 
Dramen des Sophokles hätte aufbewahren können, scheint nie- 
mand gedacht zu haben. 

Indem sich über das Land die Stadt erhebt, zu Adel und 
Priesterschaft das Bürgertum tritt und der städtische Geist die 
Herrschaft in Anspruch nimmt, wird die Schrift aus einer Ver- 
künderin adligen Ruhmes und ewiger Wahrheiten zu einem Mittel 
des geschäftlichen und wissenschaftlichen Verkehrs. Jenes hatte 
die indische und antike Kultur abgelehnt, dies ließ sie aus der 
Fremde zu; als verächtliches, alltägliches Werkzeug dringt lang- 
sam die Buchstabenschrift ein. Gleichzeitig und gleichbedeutend 
mit diesem Ereignis ist in China die Einführung der phonetischen 
Zeichen um 800 und vor allem im Abendlande die Erfindung 
des Buchdrucks im 15. Jahrhundert: das Symbol der Dauer und 
Ferne wird durch die große Zahl bis zum äußersten verstärkt. 
Endlich haben die Zivilisationen den letzten Schritt getan, um 
die Schrift in eine zweckmäßige Form zu bringen. Wie erwähnt, 
war die Erfindung der Buchstabenschrift in der ägyptischen 
Zivilisation um 2000 eine rein technische Neuerung; im gleichen 
Sinne hat Li Si, der Kanzler des chinesischen Augustus, 227 die 
chinesische Einheitsschrift eingeführt und endlich ist unter uns, 
was wenige in seiner wirklichen Bedeutung erkannt haben, 
eine neue Schriftart entstanden. Daß die ägyptische Buchstaben- 
schrift keineswegs etwas Letztes und Vollendetes ist, beweist die 
der Erfindung des Alphabets ebenbürtige der Stenographie, die 
nicht nur Kurzschrift, sondern die Überwindung der Buch- 
stabenschrift durch ein neues, äußerst abstraktes Mit- 
teilungsprinzip ist. Es ist wohl möglich, daß Schriftformen 
dieser Art in den nächsten Jahrhunderten die Buchstaben völlig 
verdrängen. 

14 

Darf heute schon der Versuch gewagt werden, eine Morpho- 
logie der Kultursprachen zu schreiben? Gewiß ist, daß die Wissen- 
schaft diese Aufgabe bisher nicht einmal entdeckt hat. Kultur- 
Sprachen sind Sprachen des historischen Menschen. Ihr Schicksal 



184 STÄDTE UND VÖLKER 

vollzieht sich nicht in biologischen Zeiträumen; es folgt der or- 
ganischen Entwicklung streng bemessener Lebensläufe. Kultur- 
sprachen sind historische Sprachen. Das bedeutet einmal: 
es gibt kein geschichtliches Ereignis und keine politische In- 
stitution, die nicht auch durch den Geist der dabei verwendeten 
Sprache mit1)estimmt worden wären und die nicht ihrerseits auf 
Geist und Form dieser Sprache eingewirkt hätten. Der latei- 
nische Satzbau ist auch eine Folge römischer Schlachten, welche 
das gesamte Denken des Volkes für die Verwaltung des Eroberten 
in Anspruch nahmen: die deutsche Prosa trägt in ihrem Mangel 
an festen Normen noch heute die Spur des 30jährigen Krieges, 
und die frühchristliche Dogmatik hätte eine andere Gestalt ge- 
wonnen, wenn die ältesten Schriften nicht sämtlich griechisch, 
sondern wie die der Mandäer syrisch abgefaßt worden wären. Das 
bedeutet aber weiterhin: die Weltgeschichte ist von dem Vor- 
handensein der Schrift als des eigentlich historischen 
Mittels der Verständigung in einem Grade beherrscht, dessen 
sich die Forschung noch kaum bewußt ist. Der Staat im höheren 
Sinne hat den Schriftverkehr zur Voraussetzung; der Stil aller 
Politik ist durch die jeweilige Bedeutung der Urkunde, des Archivs, 
der Unterschrift, der Publizistik im politisch -geschichtlichen 
Denken eines Volkes schlechthin bestimmt; der Kampf um das 
Recht ist ein Kampf für oder gegen ein geschriebenes Recht; 
Verfassungen ersetzen die materielle Gewalt durch die Fassung von 
Paragraphen und erheben das Schriftstück zu einer Waffe. Sprache 
und Gegenwart, Schrift und Dauer gehören zusammen, aber münd- 
liche Verständigung und praktische Erfahrung, Schrift und theo- 
retisches Denken tun es nicht weniger. Man kann den größten 
Teil der innerpolitischen Geschichte aller Spätzeiten auf diesen 
Gegensatz zurückführen. Die ewig wechselnden Tatsachen wider- 
streben der Schrift, die Wahrheiten fordern sie — das ist 
der welthistorische Gegensatz zweier Parteien, die in irgend einer 
Form in den großen Krisen aller Kulturen vorhanden sind. Die 
eine lebt in der Wirklichkeit, die andere hält ihr eine Schrift 
entgegen; alle großen Revolutionen setzen eine Literatur voraus. 
Die Gruppe der abendländischen Kultursprachen tritt im 
zehnten Jahrhundert in Erscheinung. Die vorhandenen Sprach- 
körper, nämlich die germanischen und romanischen Mundarten, das 



STÄDTE UND VÖLKER 185 

klösterliche Latein einbegriffen, werden aus einheitlichem Geiste 
zu Schriftsprachen ausgebildet. Es muß in der Entwicklung des 
Deutschen, Englischen, Italienischen, Französischen, Spanischen 
von 900 bis 1900 einen gemeinsamen Zug geben und ebenso in 
der Geschichte der hellenischen und italischen Sprachen ein- 
schließlich des Etruskischen von 1100 an bis zur Kaiserzeit. 
Aber was ist hier, unabhängig vom Verbreitungsgebiet der 
Sprachfamilien und der Rassen, allein durch die landschaft- 
lichen Grenzen der Kultur zusammengefaßt? Welche 
Veränderungen haben das Hellenistische und das Latein seit 
300 gemeinsam, und zwar in der Aussprache, im Wort- 
gebrauch, metrisch, grammatisch, stilistisch, welche das Deutsche 
und Italienische seit 1000, das Italienische und Rumänische 
aber nicht? Dergleichen ist noch nie planmäßig untersucht 
worden. 

Jede Kultur findet bei ihrem Erwachen Bauernsprachen vor, 
Sprachen des stadtlosen Landes, die „ewig", an den Ereignissen 
der großen Geschichte kaum beteiligt, als schriftlose Dialekte 
noch durch Spätzeit und Zivilisation gehen und langsame un- 
bemerkte Verwandlungen erleiden. Darüber erhebt sich nun die 
Sprache der beiden Urstände als die erste Erscheinung einer 
Wachseinsbeziehung, die Kultur hat, Kultur ist. Hier, im Kreise 
von Adel und Priestertum, werden Sprachen zu Kultursprachen 
und zwar gehört das Sprechen zur Burg, die Sprache zum 
Dom: so scheidet sich an der Schwelle, der Entwicklung das 
Pflanzenhafte vom Tierhaften, das Schicksal der lebendigen von 
dem der toten, das der organischen von dem der mechanischen 
Seite der Verständigung. Denn die Totemseite bejaht, die Tabuseite 
verneint das Blut und die Zeit. Da finden sich überall schon 
ganz früh die starren Kultsprachen, deren Heiligkeit durch ihre 
Unveränderlichkeit verbürgt ist, zeitlose, längst abgestorbene 
oder dem Leben entfremdete und künstlich gelähmte Systeme 
mit einem streng festgehaltenen Wortschatz, wie er zur Fassung 
ewiger Wahrheiten Bedingung ist. So ist das Altvedische als 
religiöse und daneben das Sanskrit als Gelehrtensprache erstarrt. 
Das Ägyptische des Alten Reiches wurde dauernd als Priester- 
sprache festgehalten, so daß die heiligen Formeln im Neuen 
Reiche ebensowenig mehr verstanden worden sind wie das 



186 STÄDTE UND VÖLKER 



Carmen Saliare und das Arvalbrüderlied zur Zeit des Augustus. i) In 
der Vorzeit der arabischen Kultur sind das Babylonische, Hebräische 
und Awestische gleichzeitig als Umgangssprachen abgestorben — 
wahrscheinlich während des zweiten Jährhunderts v. Chr. — aber 
eben deshalb wurden sie in den heiligen Schriften der Chal- 
däer, Juden und Perser dem Aramäischen und dem Pehlewi 
entgegengestellt. Dieselbe Bedeutung hatte das gotische Latein 
für die Kirche, das Humanistenlatein für die Gelehrsamkeit des 
Barock, das Kirchenslawisch in Rußland und wohl auch das 
Sumerische in Babylon. 

Im Gegensatz dazu ist die Pflege des Sprechens an den. 
frühen Höfen und Pfalzen zu Hause. Hier sind die lebendigen 
Kultursprachen ausgebildet worden. Sprechen ist Sprachsitte, 
Sprachzucht, der gute Ton in Lautbildung und Wendungen, der 
feine Takt in Wortwahl und Ausdrucksweise. Alles das ist Merk- 
mal der Rasse; das lernt man nicht in Klosterzelle und Gelehrten- 
stube, sondern im vornehmen Umgang und am lebendigen Vor- 
bild. Im adligen Kreise und als Standesmerkmal ist die Sprache 
Homers 2) und ebenso das Altfranzösische der Kreuzzüge und das 
Mittelhochdeutsche der Stauferzeit aus ländlichen Gewohnheiten 
emporgebildet worden. Bezeichnet man die großen Epiker, die 
Skalden und Troubadours als ihre Schöpfer, so sollte man nicht 
vergessen, daß sie für diese Aufgabe durch den Standeskreis, in 
dem sie sich bewegten, auch sprachlich erst geschult worden 
sind. Diese große Tat, mit welcher die Kultur mündig wird, ist 
die Leistung einer Rasse und nicht die einer Zunft. 

Die geistliche Sprachkultur geht auf Begriffe und Schlüsse 
aus. Sie arbeitet daran, die dialektische Tauglichkeit der Worte 
und Satzformen bis aufs Äußerste zu steigern: so entsteht ein 
immer wachsender Unterschied zwischen dem scholastischen 
und höfischen, verstandesmäßigen und gesellschaftlichen Sprach- 
gebrauch, und es gibt über alle Grenzen der SprachfamiHen 



*) Deshalb glaube ich auch, daß das Etruskische in den römischen Priester- 
kollegien noch selir spät eine bedeutende Rolle gespielt hat. 

^) Man muß sich gerade deshalb klar machen, daß die erst in der Kolonial- 
zeit schriftlich fixierten Gesänge nur in einer städtischen Literatur- und nicht 
in der höfischen Umgangsprache vorliegen können, in -welcher sie zuerst vor- 
getragen worden sind. 



STÄDTE UND VÖLKER 187 

hinaus etwas Gemeinsames in der Ausdrucksweise Plotins und 
des Thomas von Aquino, in Veda und Mischna. Hier liegt der 
Ausgangspunkt jeder reifen Gelehrtensprache, die im Abend- 
land, ob deutsch, englisch oder französisch, noch heute nicht 
die letzten Spuren ihrer Herkunft aus dem scholastischen Latein 
abgestreift hat, und also auch der Ursprung aller Methodik der 
Fachausdrücke und der Satzformen des Schlusses. Bis tief in 
die Spätzeit hinein pflanzt sich dieser Gegensatz zwischen den 
Verständigungsweisen der großen Welt und der Wissenschaft 
fort. Der Schwerpunkt der französischen Sprachgeschichte liegt 
mit Entschiedenheit auf selten der Rasse, also des Sprechens, 
am Hofe zu Versailles und ,in den Pariser Salons. Hier ist der 
esprit pr^cieux der Arthurromane fortgepflanzt und zu der das 
ganze Abendland beherrschenden Konversation, der klassischen 
Kunst des Sprechens, erhoben worden. Es hat der griechischen 
Philosophie die größten Schwierigkeiten bereitet, daß auch das 
Jonisch- Attische durchaus an Tyrannenhöfen und in Symposien aus- 
gebildet worden ist. Es war später fast unmöglich, in der Sprache 
des Alkibiades über Syllogistik zu reden. Andererseits schwankt 
die deutsche Prosa, die in der entscheidenden Zeit des Barock 
überhaupt keinen Mittelpunkt für eine hohe Ausbildung fand, 
stilistisch noch heute zwischen französischen und lateinischen 
— höfischen und gelehrten — Wendungen hin und her, je nach- 
dem man sich gut oder genau ausdrücken will, und auch unsere 
Klassiker haben es dank ihrer sprachlichen Herkunft von Kanzel 
und Gelehrtenstube und ihrem Aufenthalt als Erzieher in Schlössern 
und an kleinen Höfen wohl zu einem persönlichen Stil, den man 
nachahmen kann, aber nicht zur Schöpfung einer für alle ver- 
bindlichen, spezifisch deutschen Prosa gebracht. 

Zu diesen Standessprachen tritt mit der Stadt die dritte 
und letzte, die des Bürgertums, die eigentliche Schriftsprache, 
verständig, zweckmäßig, Prosa im strengsten Sinne des Wortes. 
Sie schwankt leise zwischen vornehm geselligen und gelehrten 
Ausdrucksweisen, dort auf immer neue Wendungen und Mode- 
worte bedacht, hier an den vorhandenen Begriffen eigensinnig 
festhaltend. In ihrem Wesenskern aber ist sie wirtschaftlicher 
Natur. Sie fühlt sich durchaus als Standeskennzeichen gegen- 
über der geschichtslos-ewigen Redeweise des „Volkes", deren 



188 STÄDTE UND VÖLKER 

sich Luther und andere zum großen Ärger ihrer feinen Zeit- 
genossen bedienten. Mit dem endgültigen Siege der Stadt 
nehmen diese Stadtsprachen auch die der vornehmen Welt und 
der Wissenschaft in sich auf. Es entsteht in der Oberschicht 
weltstädtischer Bevölkerungen eine gleichförmige, intelligente, 
praktische, den Dialekten und der Poesie abgeneigte xonn), wie 
sie zur Symbolik jeder Zivilisation gehört, etwas ganz Mecha- 
nisches, präzis, kalt und mit einer auf ein Minimum beschränkten 
Geste. Diese letzten, heimat- und wurzellosen Sprachen können 
von jedem Händler und Lastträger gelernt werden, das Helle- 
nische in Karthago und am Oxus, das Chinesische in Java, das 
Englische in Schanghai, und das „Sprechen" ist für ihr Ver- 
ständnis bedeutungslos. Fragt man nach ihrem eigentlichen 
Schöpfer, so ist es nicht der Geist einer Rasse oder einer Re- 
ligion, sondern lediglich der Geist der Wirtschaft. 



URVÖLKER, KULTURVÖLKER, 
FELLACHENVÖLKER 

15 

Nun endlich ist es möglich, mit äußerster Vorsicht dem Be- 
griffe „Volk" näher zu treten und Ordnung in das Chaos von 
Völkerformen zu bringen, das die Geschichtsforschung der Gegen- 
wart nur noch gesteigert hat. Es gibt kein zweites Wort, das 
so oft und zugleich so völlig kritiklos gebraucht worden ist, 
keines, das der schärfsten Kritik so dringend bedurft hätte. 
Selbst sehr vorsichtige Historiker setzen, nachdem sie sich um 
eine theoretische Klärung bis zu einem gewissen Grade bemüht 
haben, im Verlauf der weiteren Untersuchung Völker, Rasseteile 
und Sprachgemeinschaften wieder völlig gleich. Finden sie einen 
Völkernamen, so gilt er ohne weiteres auch als Sprachbezeich- 
nung, entdecken sie eine Inschrift von drei Worten, so haben sie 
einen Rassezusammenhang festgestellt. Stimmen einige „Wurzeln" 
überein, so taucht ein Urvolk mit einer Urheimat in der Ferne 
auf. Das moderne Nationalgefühl hat dies „Denken in Volks- 
einheiten" nur noch gesteigert. 

Aber sind die Hellenen, die Dorer oder die Spartaner ein Volk? 
Die Kelten, Gallier oder Senonen? Waren die Römer ein Volk, was 
waren dann die Latiner? Und was für eine Einheit ist mit dem 
Etruskernamen innerhalb der Bevölkerung Italiens etwa um 400 
gemeint? Hat man nicht gar ihre „Nationalität" vom Bau ihrer 
Sprache abhängig gemacht und ebenso die der Basken und Thra- 
ker? Und was für Volksbegriffe liegen den Worten Amerikaner, 
Schweizer, Juden, Buren zugrunde? Blut, Sprache, Glaube, Staat, 
Landschaft — was von alledem ist für die Völkerbildung maß- 
gebend? Im allgemeinen werden Sprach- und Blutsverwandtschaft 
nur auf gelehrtem Wege festgestellt. Der Einzelne ist sich ihrer 
durchaus nicht bewußt. Indogermane ist nichts weiter als ein 
wissenschaftlicher und zwar philologischer Begriff. Der Versuch 
Alexanders des Großen, Griechen und Perser zu verschmelzen, ist 
völlig gescheitert und die Stärke des englisch-deutschen Gemein- 
gefühls erleben wir gerade jetzt. Volk ist aber ein Zusammen- 



190 STÄDTE UND VÖLKER 



hang, dessen man sich bewußt ist. Man beachte doch den üblichen 
Sprachgebrauch. Jeder Mensch bezeichnet die Gemeinschaft, die 
ihm innerlich am nächsten steht — und er gehört vielen an — 
mit Pathos als sein „Volk".i) Er ist dann geneigt, diesen ganz be- 
sonderen Begriff, der aus einem persönlichen Erlebnis stammt, 
auf die verschiedenartigsten Verbände anzuwenden. Für Cäsar 
waren die Arverner eine eivitas, für uns sind die Chinesen eine 
„Nation". Deshalb waren nicht die Griechen, sondern die Athener 
ein Volk, und nur einzelne von ihnen wie Isokrates haben sich 
vor allem als Hellenen gefühlt. Deshalb kann von zwei Brüdern 
der eine sich einen Schweizer und der andere mit dem gleichen 
Recht einen Deutschen nennen. Das sind nicht gelehrte Begriffe, 
sondern geschichtliche Tatsachen. Volk ist ein Verband von 
Männern, der sich als Ganzes fühlt. Erlischt das Gefühl, so kann 
der Name und jede einzelne Familie fortbestehen — das Volk 
aber hat zu bestehen aufgehört. Die Spartiaten fühlten sich in 
diesem Sinne als Volk, die „Dorer" vielleicht um 1100, um 400 
sicherlich nicht. Die Kreuzfahrer wurden durch den Schwur von 
Clermont zu einem echten Volke, die Mormonen durch ihre Ver- 
treibung aus Missouri (1839), 2) die Mamertiner, entlassene Söldner 
des Agathokles, durch die Notwendigkeit, sich einen Zufluchtsort zu 
erkämpfen. Ist das volksbildende Prinzip bei den Jakobinern und 
den Hyksos sehr verschieden gewesen? Wie viele Völker mögen 
aus einem HäuptKngsgefolge entstanden sein oder aus einer Schar 
von Flüchtlingen? Ein solcher Verband kann die Rasse wechseln 
wie die Osmanen, die als Mongolen in Kleinasien erschienen sind, 
die Sprache wie die sizilischen Normannen, den Namen wie die 
Achäer oder Danaer. Solauge das Gemeingefühl dauert, ist das 
Volk als solches vorhanden. 

Von dem Schicksal der Völker haben wir das der Völker- 
na m e n zu unterscheiden. Sie sind oft das einzige, wovon eine 
Kunde übrig bleibt; aber kann man von einem Namen irgend- 
wie auf die Geschichte, die Abstammung, die Sprache oder auch 



') Das geht soweit, daß die großstädtische Arbeiterschaft sich als das 
Volk bezeichnet und damit das Bürgertum, mit dem sie kein Gemeingefühl 
verbindet, von diesem Begriffe ausschließt, aber das Bürgertum von 1789 hatte 
es nicht anders gemacht. 

*) Ed. Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen (1912) S. 128 ff. 



STÄDTE UND VÖLKER 191 



nur die Identität seiner Träger schließen? Es ist wieder ein Fehler 
der Forscher, daß sie das Verhältnis zwischen beiden nicht theo- 
retisch, aber praktisch so einfach aufgefaßt haben wie etwa bei 
heutigen Personennamen. Hat man überhaupt eine Vorstellung von 
der Zahl der hier vorliegenden Möglichkeiten ? Unendlich wichtig ist 
schon der Akt der Namengebung unter frühen Verbänden. Mit dem 
Namen hebt sich eine Menschengruppe selbstbewußt mit einer Art 
sakraler Größe heraus. Aber hier können Kult- und Kriegernamen 
nebeneinander stehen, andere können im Lande vorgefunden oder 
ererbt sein, der Stammname kann gegen den eines Helden aus- 
getauscht werden wie bei den Osmanen und endlich köiinen in 
unbegrenzter Zahl an allen Grenzen Fremdnamen entstehen, die 
vielleicht nur einem Teil der Volksgenossen bekannt und geläufig 
sind. Sind nur solche Namen überliefert, so führt beinahe jeder 
Schluß auf die Träger notwendig zu einem Irrtum. Die zweifellos 
sakralen Namen der Franken, Alemannen und Sachsen haben die 
große Menge von Namen aus der Zeit der Varusschlacht abgelöst. 
Wüßten wir das nicht, so wären wir längst überzeugt, daß hier 
eine Verdrängung oder Vernichtung älterer Stämme durch neu 
eindringende stattgefunden hätte. Die Namen Römer und Quiriten, 
Spartaner und Lakedämonier, Karthager und Punier bestehen 
nebeneinander — da war die Möglichkeit vorhanden, zwei 
Völker anzunehmen. In welcher Beziehung die Namen Pelasger, 
Achäer, Danaer untereinander gestanden haben und welche Tat- 
sachen dem zugrunde liegen, werden wir nie erfahren. Hätten 
wir nur diese Worte, so würde die Forschung längst einem jeden 
ein Volk — nebst Sprache und Rassezugehörigkeit — unterlegt 
haben. Hat man nicht aus der Landschaftsbezeichnung Doris 
auf den Gang der dorischen Wanderung schließen wollen? Wie 
oft mag ein Volk einen Ländernamen eingetauscht und mit- 
genommen haben? Der Fall liegt bei der heutigen Bezeichnung 
Preußen vor, aber auch bei den modernen Parsen, Juden und 
Türken, der umgekehrte in Burgund und der Normandie. Der 
Name Hellenen entstand um 650; eine Bevölkerungsbewegung 
ist damit also nicht verknüpft. Lothringen erhielt den Namen 
eines gänzlich bedeutungslosen Fürsten und zwar infolge einer 
Erbteilung und nicht durch ein eingewandertes Volk. Die Deutschen 
hießen in Paris 1814 AUemands, 1870 Prussiens, 1914 Boches; 



192 STÄDTE UND VÖLKER 



zu anderen Zeiten hätte man drei verschiedene Völker dahinter 
entdeckt. Die Westeuropäer heifsen im Orient Franken, die Juden 
Spaniolen — das geht auf historische Umstände zurück; aber was 
hätte ein Philologe aus den Worten allein geschlossen? 

Es ist nicht abzusehen, zu was für Ergebnissen Gelehrte im 
Jahre 3000 kommen könnten, wenn sie dann noch nach heutigen 
Methoden mit Namen, Sprachresten und den Begriffen von Urheimat 
und Wanderung arbeiten. Die Deutschritter haben im 13. Jahr- 
hundert die heidnischen Preußen vertrieben. 1870 erscheint dies 
Volk auf seiner Wanderung plötzlich vor Paris. Die Römer, von 
den Goten bedrängt, sind vom Tiber an die untere Donau aus- 
gewandert. Oder sollte gar ein Teil nach Polen gelangt sein, wo 
man auf dem Reichstag lateinisch sprach? Karl der Große schlug 
die Sachsen an der Weser, die daraufliin in die Gegend von Dresden 
auswanderten, während die Hannoveraner — dem Dynastienamen 
nach von ihren Ursitzen an der Themse kommend — das Land 
einnahmen. Die Historiker haben statt der Geschichte von Völkern 
die von Namen geschrieben, aber Namen haben ihre eigenen Schick- 
sale und ebensowenig wie diese beweisen die Sprachen, ihre 
Wanderungen, Änderungen, Siege und Niederlagen etwas auch 
nur für das Vorhandensein zugehöriger Völker. Dies ist ein 
Grundirrtum vor allem der indogermanischen Forschung. Wenn 
in historischer Zeit die Namen Pfalz und Kalabrien gewandert 
sind, das Hebräische von Palästina nach Warschau, das Persische 
vom Tigris nach Indien verschlagen wurde, was läßt sich dann 
aus der Geschichte des Etruskernamens und der angeblich „tyr- 
senischen" Inschrift von Lemnos schließen? Oder haben die Fran- 
zosen mit den Haitinegern, wie die gemeinsame Sprache beweist, 
einst ein Urvolk gebildet? In dem Gebiet zwischen Budapest und 
Konstantinopel werden heute zwei mongohsche, eine semitische, 
zwei antike und drei slawische Sprachen geredet und diese Sprach- 
gemeinschaften fühlen sich sämtlich als Völker, i) Wollte man 
daraus eine Wanderungsgeschichte aufbauen, so würde ein selt- 



^) In Mazedonien haben Serben, Bulgaren und Griechen im 19. Jahr- 
hundert christliche Schulen für die türkenfeindliche Bevölkerung gegründet. 
Wenn in einem Dorfe zufällig serbisch imterrichtet wurde, so bestand schon 
die folgende Generation aus fanatischen Serben. Die heutige Stärke der „Nationen* 
ist also lediglich eine Folge der frülieren Schulpolitik. 



STÄDTE UND VÖLKER 193 



sames Produkt verfehlter Methoden die Folge sein. Das Dorische 
ist eine Dialektbezeichnung; weiteres wissen wir nicht. Zweifellos 
haben sich einige Dialekte dieser Gruppe schnell verbreitet, aber 
für die Verbreitung oder selbst das Vorhandensein eines zu- 
gehörigen Menschenschlages ist das durchaus kein Beweis.^) 

16 

Hier stehen wir vor dem LieblingsbegrifP des modernen 
Geschichtsdenkens. Trifft ein Historiker heute auf ein Volk, 
das etwas geleistet hat, so ist er ihm gewissermaßen die Frage 
schuldig: von woher kam es? Es gehört zum Anstand eines 
Volkes, von irgendwoher gekommen zu sein und eine Urheimat 
zu haben. Daß es auch dort zu Hause sein könne, wo man es 
vorfindet, ist eine fast beleidigende Annahme. Wandern ist ein 
behebtes Sagenmotiv ursprünglicher Menschheit, aber seine An- 
wendung in der ernsthaften Forschung ist nachgerade zu einer 
Manie geworden. Ob überhaupt die Chinesen nach China, die 
Ägypter nach Ägypten eingedrungen sind, danach wird nicht 
gefragt; nur das Wann und Woher steht in Frage. Man würde 
lieber die Semiten aus Skandinavien und die Arier aus Kanaan 
stammen lassen, als auf den Begriff einer Urheimat verzichten. 

Nun liegt die Tatsache einer starken Bewegtheit aller frühen 
Bevölkerungen unzweifelhaft vor. Das Libyerproblem birgt ein 
solches Geheimnis. Die Libyer oder ihre Vorfahren sprachen 
hamitisch, waren aber körperlich, wie schon die altägyptischen 
Reliefs beweisen, hochgewachsen, blond und blauäugig und also 
zweifellos von nordeuropäischer Herkunft.^) In Kleinasien sind 
wenigstens drei Wanderschichten seit 1300 gesichert, die vielleicht 
zu den Angriffen der nordischen „See Völker" auf Ägypten in Be- 
ziehung stehen, und Ähnliches ist für die mexikanische Welt 

') Über die Skepsis Belochs bezüglich der angeblichen dorischen Wande- 
rung vgl. seine Griechische Gesch. I, 2, Abschn. VIIL 

2) C. Mehlis, Die Berberfrage (Archiv f. Anthropologie 39, S. 249 ff.), 
wo auch üher die Verwandtschaft norddeutscher und mauretanischer Keramik 
und sogar vieler Fluß- imd Bergnamen berichtet wird. Die alten Pyramiden- 
bauten in Westafrika sind einerseits den nordischen Hünengräbern, andererseits 
den Königsgräbem des Alten Reiches nahe verwandt. (Einige Abbildungen bei 
L. Frobenius, Der kleinafrikanische Grabbau, 1916.) 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes. II. 13 



194 STÄDTE UND VÖLKER 



nachgewiesen. Aber wir wissen über das Wesen dieser Be- 
wegungen gar nichts und von Wanderungen, wie sie sich der 
Historiker heute gern vorstellt, wonach geschlossene Völker wie 
große Massenkörper die Länder durchziehen, einander verdrängen 
und bekämpfen, um sich zuletzt irgendwo festzusetzen, kann 
gewiß nicht die Rede sein. Es ist nicht die Veränderung an 
sich, sondern diese Vorstellung von ihr, welche unsere Ansichten 
vom Wesen der Völker verdorben hat. Völker im heutigen 
Sinne wandern nicht und was damals wanderte, bedarf einer 
sehr vorsichtigen Bezeichnung und verträgt nicht überall die- 
selbe. Auch das ewig wiederholte Motiv dieser Wanderzüge ist 
platt und des vorigen Jahrhunderts würdig: die materielle Not. 
Hunger hätte zu ganz anderen Versuchen geführt und ist 
sicherlich der letzte aller Gründe gewesen, der Rassemenschen 
aus ihrem Neste trieb — obwohl man es verstehen wird, daß 
er am häufigsten geltend gemacht wurde, wenn solche Scharen 
plötzlich auf ein mihtärisches Hindernis stießen. Es ist ohne 
Zweifel in diesen starken und einfachen Menschen der ursprüng- 
liche mikrokosmische Drang nach Bewegung im weiten Rauma 
gewesen, der sich aus tiefster Seele als Abenteuerlust, Wage- 
mut, Schicksalszug, als Hang nach Macht und Beute erhob, als 
eine leuchtende Sehnsucht nach Taten, wie wir sie uns gar 
nicht mehr vorstellen können, nach fröhhchem Gemetzel und 
heldenmütigem Tod; oft wird es heimatHcher Zwist und Flucht 
vor der Rache des Stärkeren gewesen sein, aber stets etwas 
MännUches und Starkes. Und das steckte an. Der war ein 
Feigling, der auf seinem Gute sitzen bheb. Oder sind etwa noch 
die Kreuzzüge, die Fahrten des Cortez und Pizarro und noch in 
unseren Zeiten die Abenteuer der Trapper im wilden Westen 
der Union durch die gemeine Not des Lebens veranlaßt worden? 
Wo in der Geschichte eine kleine Schar siegreich in weite Ge- 
biete einbricht, da ist es regelmäßig die Stimme des Blutes, 
die Sehnsucht nach einem großen Schicksal, das Heldentum 
echter Rassemenschen, das sie treibt. 

Man muß aber auch ein Bild der Lage in den durchstreiften 
Ländern besitzen. Diese Züge sind beständig etwas anderes ge- 
worden, und das hing nicht nur vom Geist der Wanderer ab, 
sondern mehr und mehr vom Wesen der seßhaften Bevölkerung,, 



STÄDTE UND VÖLKER 195 



die zuletzt in entschiedener Überzahl vorhanden war. Es ist 
klar, dafa in fast menschenleeren Räumen ein einfaches Aus- 
weichen des Schwächeren möglich und Regel ist. 

In den Zuständen späterer Dichte handelt es sich aber 
um ein Heimatloswerden des Schwächeren, der sich verteidigen 
oder um ein neues Land kämpfen muß. Man drängt sich bereits 
im Räume. Kein Stamm lebt ohne beständige Fühlung nach 
allen Seiten und ohne eine mißtrauische Bereitschaft zum Wider- 
stand. Die harte Notwendigkeit des Krieges züchtet Männer. 
Völker wachsen an Völkern und gegen Völker zu innerer Größe 
heran. Die Waffe wird zur Waffe gegen Menschen, nicht gegen 
Tiere. EndHch ist jene Wanderungsform da, von der in histo- 
rischer Zeit allein die Rede sein kann: streifende Scharen be- 
wegen sich in durchaus bewohntem Gebiete, dessen Bevölkerung 
als ein wesentlicher Bestandteil des Eroberten seßhaft und er- 
halten bleibt; die Sieger sind in der Minderzahl und es treten 
damit ganz neue Lagen ein. Völker von starker innerer Form 
schichten sich über viel größere, aber formlose Bevölkerungen, 
und die weitere Verwandlung der Völker, Sprachen, Rassen hängt 
von sehr verwickelten Einzelheiten ab. Seit den entscheidenden 
Untersuchungen von Beloch^) und Delbrück 2) wissen wir, daß alle 
Wandervölker — und Völker in diesem Sinne waren die Perser 
des Kyros, die Mamertiner und die Kreuzfahrer ebensogut wie die 
Ostgoten und die „Seevölker" der ägyptischen Inschriften — im 
Verhältnis zur Bewohnerschaft der besetzten Gebiete sehr klein 
waren, wenige tausend Krieger stark und den Eingebornen 
überlegen allein durch ihre Entschlossenheit, ein Schicksal zu 
sein und nicht zu erleiden. Nicht bewohnbares, sondern be- 
wohntes Land wird in Besitz genommen: damit wird das Ver- 
hältnis beider Bevölkerungen auch zu einer Standesfrage, die 
Wanderung zu einem Feldzuge und das Seßhaftwerden zu einer 
politischen Aktion. Und hier, wo der Erfolg einer kleinen 
Kriegerschar mit seiner Wirkung: der Ausbreitung von Namen 
und Sprache der Sieger, aus historischer Ferne allzu leicht als 
„Völkerwanderung" erscheint, muß die Frage noch einmal ge- 
stellt werden: Was alles kann wandern? 



') Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, 1886. 
*) Geschichte der Kriegskunst, zuerst 1900. 

13" 



196 STÄDTE UND VÖLKER 

Der Name einer Landschaft oder eines Verbandes — es 
kann auch der eines Helden sein, den das Gefolge trägt — , in- 
dem er sich verbreitet, dort erlischt und hier von einer ganz 
anderen Bevölkerung angenommen oder ihr gegeben wird, indem 
er vom Lande auf Menschen übergeht und mit ihnen zieht oder 
umgekehrt; die Sprache der Sieger oder Besiegten — oder auch 
eine dritte, die beide zu ihrer Verständigung annehmen; die 
Gefolgschaft eines Häuptlings, die ganze Länder unterwirft und 
sich durch erbeutete Weiber fortpflanzt, oder ein zufälliger 
Haufe von Abenteurern verschiedenster Herkunft oder eine 
Völkerschaft mit Weib und Kind, wie die Philister, die ganz 
nach germanischer Art um 1200 v.Chr. mit ihren vierspännigen 
Ochsen wagen längs der phönikischen Küste nach Ägypten zogen, i) 
Und deshalb muß noch einmal gefragt werden: Darf man aus 
dem Schicksal von Sprachen oder Namen auf das von Völkern 
oder Rassen schließen? Es ist nur eine Antwort möglich: ein 
entschiedenes Nein. 

Unter den „ See Völkern " , die Ägypten im 1 3 . Jahrhundert immer 
wieder angriffen, erscheinen die Namen der Danaer und Achäer, 
aber bei Homer sind beide fast mythische Bezeichnungen; dann 
der Name der Lukka, der später an Lykien haftet, aber dessen 
Bewohner nennen sich Tramilen; endlich die Namen der Etrusker, 
Sarden und Sikuler, aber daraus folgt nicht, daß diese Turscha 
das spätere Etruskisch sprachen, nichts für ihren leibHchen 
Zusammenhang mit den gleichnamigen Bewohnern Italiens; und 
selbst wenn beides gesichert wäre, nichts für das Recht, von 
„ein und demselben Volke" zu sprechen. Angenommen, die In- 
schrift von Lemnos wäre etruskisch, und das Etruskische indo- 
germanisch — so würde daraus für die Sprachgeschichte manches, 
für die Rassegeschichte gar nichts folgen. Rom ist eine Etrusker- 
stadt. Ist das nicht für die Seele des römischen Volkes voll- 
kommen gleichgültig? Sind die Römer deshalb Indogermanen, 
weil sie zufällig einen lateinischen Dialekt sprachen? Die Ethno- 
graphen kennen eine mittelländische und eine Alpenrasse und 
südlich und nördlich davon eine auffallende leibKche Verwandt- 
schaft zwischen Nordgermanen und Libyern, aber die Philologen 

') Ramses III., der sie schlug, hat ihren Zug in seinen Reliefs von Medinet 
Habu abgebildet, W. M. Müller, Asien und Europa 366. 



STÄDTE UND VÖLKER 197 



wissen, daß die Basken ihrer Sprache wegen der Rest einer 
„vorindogermanischen" — iberischen — Bevölkerung sind. Beide 
Meinungen schließen sich aus. Waren die Erbauer von Mykene 
und Tiryns „Hellenen"? Man könnte ebenso fragen, ob die Ost- 
goten Deutsche gewesen sind. Ich gestehe, daß ich solche Frage- 
stellungen nicht begreife. 

Für mich ist „Volk" eine Einheit der Seele. Alle großen 
Ereignisse der Geschichte sind nicht eigentlich von Völkern aus- 
geführt worden, sondern haben Völker erst hervorgerufen. 
Jede Tat verändert die Seele des Handelnden. Mag man sich 
zuerst um einen berühmten Namen geschart haben — daß hinter 
seinem Klange nicht ein Haufe, sondern ein Volk steht, das ist 
die Wirkung und nicht die Voraussetzung großer Ereignisse. 
Erst durch ihre Wanderschicksale sind Goten und Osmanen ge- 
worden, was sie später waren. „Die Amerikaner" sind nicht 
aus Europa eingewandert; der Name des florentinischen Geo- 
graphen Amerigo Vespucci bezeichnet heute zunächst einen Erd- 
teil, aber außerdem ein echtes Volk, das durch die seelische 
Erschütterung von 1775 und vor allem durch den Sezessions- 
krieg von 1861 — 65 seine Eigenart erhalten hat. 

Einen anderen Inhalt des Wortes Volk gibt es nicht. Weder 
die Einheit der Sprache noch der leiblichen Abstammung ist 
entscheidend. Was ein Volk von einer Bevölkerung unterscheidet, 
es aus dieser abhebt und wieder in ihr aufgehen läßt, ist stets 
das innere Erlebnis des „Wir". Je tiefer dieses Gefühl, desto 
stärker ist die Lebenskraft des Verbandes. Es gibt energische, 
matte, flüchtige, unverwüstliche Völkerformen. Sie können 
Sprache, Rasse, Namen und Land wechseln; so lange ihre Seele 
dauert, eignen sie sich Menschen jeder denkbaren Herkunft inner- 
Uch an und formen sie um. Der römische Name bezeichnet zur Zeit 
Hannibals ein Volk, zur Zeit Trajans nur noch eine Bevölkerung. 

Wenn trotzdem mit vielem Rechte Völker und Rassen zu- 
sammengestellt werden, so ist damit nicht der heute übliche 
Rassebegriff der darwinistischen Zeit gemeint. Man glaube doch 
nicht, daß je ein Volk durch die bloße Einheit der leibhchen 
Abstammung zusammengehalten wurde und diese Form auch nur 
durch zehn Generationen hätte wahren können. Es kann nicht 
oft genug wiederholt werden, daß diese physiologische Herkunft 



198 STÄDTE UND VÖLKER 



nur für die Wissenschaft und niemals für das Vollcsbewußtsein 
vorhanden ist und daß kein Volk sich je für dieses Ideal des 
„reinen Blutes" begeistert hat. Rasse haben ist nichts Stoff- 
liches, sondern etwas Kosmisches und Gerichtetes, gefühlter Ein- 
klang eines Schicksals, gleicher Schritt und Gang im historischen 
Sein. Aus einem Mißverhältnis dieses ganz metaphysischen Taktes 
entspringt der Rassehaß, der zwischen Franzosen und Deutschen 
nicht weniger stark ist als zwischen Deutschen und Juden, und 
aus dem gleichen Pulsschlag andererseits die wirkliche, dem 
Haß verwandte Liebe zwischen Mann und Weib. Wer keine 
Rasse hat, der kennt diese gefährliche Liebe nicht. Wenn ein Teil 
der Menschenmasse, die sich heute indogermanischer Sprachen 
bedient, einem gewissen Rasseideal sehr nahe steht, so deutet das 
auf die metaphysische Kraft dieses Ideals, das züchtend wirkte; 
und nicht auf ein Urvolk im gelehrten Geschmack. Es ist doch 
von höchster Bedeutung, daß dieses Ideal niemals in der gesamten 
Bevölkerung, sondern vorwiegend in ihrem kriegerischen Element 
und vor allem dem echten Adel ausgeprägt ist, also unter den 
Menschen, welche ganz in einer Tatsachenw^elt, im Banne geschicht- 
lichen Werdens leben, Schicksalsmenschen, die etwas woUen und 
wagen, obwohl gerade in früher Zeit die Aufnahme in den Herren- 
stand einem Stammfremden von äußerem und innerem Range nicht 
schwer fiel und zumal die Weiber nach ihrer „Rasse" und gewiß 
nicht ihrer Abstammung gew^ählt worden sind. Am schwächsten 
sind die Rassezüge gleich daneben, wie man heute noch be- 
obachten kann, in den echten Priester- und Gelehrtennaturen 
ausgeprägt,^) obwohl sie mit den andern vielleicht in engster 
Blutsverwandtschaft stehen. Ein starkes Seelentum züchtet den 
Leib wie ein Kunstwerk heran. Die Römer bilden, mitten in 
dem italischen Wirrwarr der Stämme und selbst von ver- 
schiedenartigster Herkunft, eine Rasse von der aUerstrengsten 
inneren Einheit, die weder etruskisch noch latinisch oder all- 
gemein „antik", sondern ganz spezifisch römisch ist. 2) Wenn 



*) Die eben deshalb den sinnlosen Begriff Geistesadel erfunden haben. 

*) Obwohl gerade in Rom die Freigelassenen, also in der Regel Menschen 
ganz fremden Blutes, das Bürgerrecht erhalten und schon der Zensor Appius 
Claudius (310) Söhne ehemaliger Sklaven in den Senat aufnahm. Einer von 
ihnen, Flavius, ist damals schon kui-ulischer Ädil geworden. 



STÄDTE UND VÖLKER 199 



man irgendwo die Stärke eines Volkstums vor Augen sehen kann, 
so ist es an den Römerbüsten der letzten republikanischen Zeit. 

Als Beispiel nenne ich noch die Perser. Es gibt kein stärkeres 
für die Irrtümer, welche diese gelehrten Vorstellungen von Volk, 
Sprache und Rasse nach sich ziehen mußten. Hier liegt auch 
der letzte und vielleicht entscheidende Grund, weshalb der Orga- 
nismus der arabischen Kultur bis heute nicht erkannt worden 
ist. Persisch ist eine arische Sprache, also sind „die Perser" „ein 
indogermanisches Volk". Also sind persische Geschichte und Reli- 
gion ein Thema der »iranischen" Philologie. 

Zunächst : Ist das Persische eine dem Indischen gleichgeordnete 
Sprache, von einer gemeinsamen Ursprache stammend, oder nur 
«in indischer Dialekt? 700 Jahre schriftloser, also schnellster 
Sprachentwicklung liegen zwischen dem Altvedischen der in- 
dischen Texte und den Behistun-Inschriften des Darius. Nicht 
größer ist der Abstand zwischen dem Latein des Tacitus und 
dem Französischen der Straßburger Eide (842). Nun kennen wir 
aber aus der Mitte des 2. Jahrtausends — also aus vedischer 
Ritterzeit — durch die Amarnabriefe und das Archiv von Bog- 
hazköi zahlreiche „arische" Personen- und Götternamen, und 
zwar in Syrien und Palästina. Indessen Ed. Meyer^) bemerkt, 
daß diese Namen indisch und nicht persisch sind, und dasselbe 
gilt von den jetzt entdeckten Zahlworten.*) Von Persern ist keine 
Rede, noch weniger von einem „Volk" im Sinne unserer Histo- 
riker. Es waren indische Helden, die nach Westen ritten und 
mit ihrer kostbaren Waife, dem Reitpferde, und ihrem Tatendrang 
allenthalben in der alternden babylonischen Welt eine Macht 
bedeutet haben. 

Seit 600 erscheint mitten in dieser Welt die kleine Land- 
schaft Persis mit einer politisch geeinigten bäuerlich-barbarischen 
Bevölkerung. Herodot berichtet, daß von ihren Stämmen nur 
drei eigentlich persischer Nationalität gewesen seien. Hat sich 
die Sprache jener Ritter in diesem Gebirge erhalten und ist 
„Perser" ein Landname, der auf ein Volkstum überging? Auch 
die sehr ähnlichen Meder tragen nur den Namen eines Landes, 
dessen kriegerische Oberschicht sich durch große politische Er- 

*) Die ältesten datierten Zeugnisse der iranischen Sprache, Zeitschr. f. 
vgl. Sprachf. 42, S. 26. «) S. oben S. 177. 



200 STÄDTE UND. VÖLKER 



folge als Einheit fühlen gelernt hat. In den assyrischen Ur- 
kunden Sargons und seiner Nachfolger (um 700) finden sich neben 
den niclitarischc.') Ortsnamen zahlreiche „arische" Personen- 
namen, durchweg von führenden Männern, aber Tiglat Pileser IV. 
(745 — 727) nennt das Volk schwarzhaarig. i) Das „persische Volk" 
des Cyrus und Darius kann sich erst von da an aus Menschen 
verschiedener Herkunft, aber aus einer starken Einheit des Er- 
lebens heraus gebildet haben. Als die Makedonier aber kaum zwei 
Jahrhunderte später ihre Herrschaft auflösten — waren da die 
Perser in dieser Form überhaupt noch vorhanden? Gab es 
um 900 in Italien wdrklich noch ein langobardisches Volk? Es ist 
sicher, daß die weithin verbreitete persische Reichssprache und 
die Verteilung der wenigen tausend erwachsenen Männer aus 
Persis über den ungeheuren Kreis von militärischen und Ver- 
waltungsaufgaben das Volkstum längst aufgelöst und an seine 
Stelle als Träger des persischen Namens eine sich als politische 
Einheit fühlende Oberschicht gesetzt hatten, von deren Ahnen nur 
sehr wenige aus Persis sein konnten. Ja — es gibt nicht einmal ein 
Land, das man als den Schauplatz aer persischen Geschichte be- 
zeichnen kann. Was sich von Darius bis auf Alexander ereignet, 
hat seinen Ort teils im nördlichen Mesopotamien, also unter einer 
aramäisch sprechenden Bevölkerung, teils im alten Sinear, jeden- 
falls nicht in Persis, wo die von Xerxes begonnenen Pracht- 
bauten gar nicht fortgesetzt worden sind. Die Parther waren 
ein mongolischer Stamm, der eine persische Mundart angenommen 
hatte und inmitten dieser Bevölkerung das persische Natioual- 
gefühl in sich zu verkörpern suchte. 

Hier erscheint neben der persischen Sprache und Rasse nun 
auch die Religion als Problem. ^) Die Forschung hat sie mit diesen 
zusammengebracht, als ob das selbstverständhch wäre, und also in 
beständiger Beziehung auf Indien behandelt. Aber die Rehgion 
jener Landwikinger war mit der vedisclien nicht verwandt, 
sondern identisch, wie die Götterpaare Mitra-Varuna und Indra- 
Nasatya der Boghazköitexte beweisen. Und innerhalb dieser 
mitten in der babylonischen Welt aufrecht erhaltenen Religion 
erscheint nun Zarathustra als Reformator aus dem unteren Volke. 
Daß er kein Perser war, ist bekannt. Was er schuf — icli hoffe 

») E.l. Meyer a a. 0., S. 1 ff. ') Ziun folgenden vgl. Kap. III. 



STÄDTE UND VÖLKER 201 



das nachzuweisen — war die Überführung der vedischen Reli- 
gion in dieFormen des aramäischen Weltdenkens, in welchem 
sich ganz leise schon die magische Religiosität vorbereitet. Die 
daevas, die Götter des altindischen Glaubens, werden zu den 
Dämonen des semitischen, den dschins der Araber. Jahwe und 
Beelzebub stehen sich nicht anders gegenüber als Ahura Mazda 
und Ahriman in dieser durch und durch aramäischen, also aus 
einem sittlich - dualistischen Weltgefühl entsprungenen Bauem- 
rehgion. Ed. Meyer hat^) den Unterschied zwischen indischer 
und „iranischer" Weltanschauung durchaus richtig gezeichnet, 
seinem Ursprung nach infolge der falschen Voraussetzungen 
aber nicht erkannt. Zarathustra ist ein Weggenosse der 
israelitischen Propheten, welche den mosaisch-kananäischen 
Volksglauben ebenso und gleichzeitig umgewendet haben. Es ist 
bezeichnend, daß die gesamte Eschatologie ein Gemeinbesitz der 
persischen und jüdischen Religion ist und daß die Awestatexte 
zur Partherzeit ursprünglich aramäisch geschrieben und dann 
erst in Pehlewi übertragen worden sind. 2) 

Aber schon in der Partherzeit hat sich bei Persern wie bei 
Juden jene tief innerliche Wandlung vollendet, welche den Be- 
griff der Nation nicht mehr nach der Stammeszugehörigkeit, 
sondern der Rechtgläubigkeit bestimmt. 3) Ein Jude, der zum 
Mazdaglauben übertrat, ist damit Perser geworden; ein Perser, 
der Christ wurde, gehörte dem nestorianischen „Volke" an. Die 
sehr starke Bevölkerung des nördlichen Mesopotamiens — des 
Mutterlandes der arabischen Kultur — ist teils jüdischer, teils 
persischer Nation in diesem Sinne, der mit Rasse nichts und 
mit Sprache wenig zu tun hat. „Der Ungläubige" ist schon zur 
Zeit von Christi Geburt die Bezeichnung für den Nichtperser 
wie für den NichtJuden. 

Diese Nation ist das „persische Volk" des Sassanidenreiches. 
Damit hängt es zusammen, daß Pehlewi und Hebräisch gleich- 
zeitig aussterben und das Aramäische die Muttersprache beider 
Gemeinschaften wird. Will man die Bezeichnung Arier und Semiten 
verwenden, so waren die Perser zur Zeit der Amarnabriefe Arier, 

') Gesch. d. Altertums, I, § 590 f. 

2) Andreas und Wackemagel, Nachr. d. Gott. Ges. d. Wiss., 1911, S. 1 ff. 

^) S. weiter unten. 



202 STÄDTE UND VÖLKER 

aber kein „Volk", zur Zeit des Darius ein Volk, aber ohne Rasse, 
zur Sassanidenzeit eine Glaubensgemeinschaft, aber von semitischer 
Abstammung. Es gibt weder ein persisches Urvolk, das sich von 
einem arischen abgezweigt hätte, noch eine persische Gesamt- 
geschichte; und es läßt sich nicht einmal für die drei Einzel- 
gescliichten, welche ledigUch durch gewisse Sprachbeziehungen 
zusammenhängen, ein einheitUcher Schauplatz angeben. 



17 

Damit ist endlich der Grund zu einer Morphologie der 
Völker gelegt. Sobald man ihr Wesen kennt, entdeckt man auch 
eine innere Ordnung im Völkerstrom der Geschichte. Völker sind 
weder sprachhche noch politische noch zoologische, sondern 
seelische Einheiten. Aber gerade auf Grund dieses Gefühls unter- 
scheide ich nun Völker vor, innerhalb und nach einer 
Kultur. Es ist eine von jeher tief empfundene Tatsache, dafs 
Kulturvölker etwas Bestimmteres sind als andere. Was vorauf, 
geht, nenne ich Ur Völker. Das sind jene flüchtigen und ver- 
schiedenartigen Verbände, die sich ohne erkennbare Regel im 
Wandel der Dinge bilden und lösen, die zuletzt im Vorgefühl einer 
noch ungeborenen Kultur, etwa in vorhomerischer, vorchristhcher 
und germanischer Zeit, in ganzen Schichten von immer deut- 
licherem Typus die Bevölkerung in Gruppen zusammenfassen, 
während deren Menschenschlag sich kaum verändert. Eine solche 
Schichtenfolge führt von den Kimbern und Teutonen über die 
Markomannen und Goten zu den Franken, Langobarden und 
Sachsen. Urvölker sind die Juden und Perser der Seleukidenzeit, 
die „ Seevölker ", die ägyptischen Gaue zur Zeit des Menes. Was 
einer Kultur folgt, nenne ich Fellachenvölker nach ihrem be- 
rühmtesten Beispiel, den Ägyptern seit der Römerzeit. 

Im 10. Jahrhundert erwacht plötzlich die faustische Seele 
und offenbart sich in zahllosen Gestalten. Unter diesen, neben 
Ornament und Architektur, erscheint eine deutlich ausgeprägte 
Völkerform. Aus den Volksgebilden des Karolingerreiches, den 
Sachsen, Schwaben, Franken, Westgoten, Langobarden sind plötz- 
lich die Deutschen, Franzosen, Spanier, Italiener entstanden. 
Die gesamte bisherige Geschichtsforschung hat, ob sie es wußte 



STÄDTE UND VÖLKER 203 



und beabsichtigte oder nicht, diese Kulturvölker als etwas an 
sich Vorhandenes und Primäres aufgefaßt und die Kultur selbst 
als sekundär, als ihr Erzeugnis behandelt. Die Inder, die Griechen, 
die Römer, die Germanen galten als die schlechthin schöpferischen 
Einheiten der Geschichte. Die griechische Kultur war das Werk 
der Hellenen und diese mufsten demnach als solche schon viel 
früher vorhanden gewesen, also eingewandert sein. Eine andere 
Vorstellung von Schöpfer und Schöpfung erschien nicht denkbar. 

Ich betrachte es als eine entscheidende Entdeckung, dafs 
aus den hier vorgelegten Tatsachen das Umgekehrte folgt. Mit 
aller Schärfe soll festgestellt werden: die großen Kulturen sind 
etwas ganz Ursprüngliches und aus den tiefsten Gründen des 
Seelentums Aufsteigendes. Völker im Banne einer Kultur dagegen 
sind ihrer inneren Form, ihrer ganzen Erscheinung nach nicht Ur- 
heber, sondern Werke dieser Kultur. Diese Gebilde, in welchen das 
Menschentum wie ein Stoff gefaßt und gestaltet wird, haben Stil 
und eine Stilgeschichte ganz wie Kunstgattungen und Denkweisen. 
Das Volk von Athen ist nicht weniger wie der dorische Tempel, 
der Engländer nicht weniger wie die moderne Physik ein Sym- 
bol. Es gibt Völker apollinischen, faustischen und magischen Stils, 
„Die Araber" haben die arabische Kultur nicht geschaffen. Die 
magische Kultur, zur Zeit Christi beginnend, hat vielmehr als 
ihre letzte große Völkerschöpfung das arabische Volk hervor- 
gebracht, das wie das jüdische und persische eine Glaubensgemein- 
schaft, die des Islam, darstellt. Weltgeschichte ist die Geschichte 
der großen Kulturen. Und Völker sind nur die sinnbildlichen 
Formen, in welche zusammengefaßt der Mensch dieser Kulturen 
sein Schicksal erfüUt. 

In jeder dieser Kulturen, der mexikanischen wie der chine- 
sischen, der indischen wie der ägyptischen — ob unser Wissen 
dahin reicht oder nicht — , gibt es eine Gruppe großer Völker 
von ein und demselben Stil, die am Eingang der Frühzeit 
entsteht und die, Staaten bildend und Geschichte tragend, im 
ganzen Lauf der Entwicklung auch die ihr zugrunde liegende 
Form einem Ziel entgegenführt. Sie sind untereinander höchst 
verschieden. Es scheint kein stärkerer Gegensatz denkbar als 
der zwischen Athenern und Spartanern, Deutschen und Fran- 
zosen, Tsin und Tsu, und die gesamte Kriegsgeschichte kennt 



204 STÄDTE UND VÖLKER 



den nationalen Haß als das vornehmste Mittel, historische Ent- 
scheidungen einzuleiten, aber sobald ein kulturfremdes Volk in den 
Gesichtskreis tritt, erwacht allenthalben ein übermächtiges Gefühl 
der seelischen Verwandtschaft, und der Begriff des Barbaren als des 
Menschen, der einer Kultur innerlich nicht angehört, ist unter 
den ägyptischen Gauvölkern und in der chinesischen Staaten- 
welt ebenso scharf ausgeprägt wie in der Antike. Die Energie 
der Form ist so stark, daß sie Nachbarvölker ergreift und um- 
prägt — so stehen die Karthager als Volk halbantiken Stils in 
der römischen und die Russen als Volk abendländischen Stils in 
unserer Geschichte von der großen Katharina an bis zum Unter- 
gang des petrinischen Zarentums. 

Völker im Stil einer Kultur nenne ich Nationen und unter- 
scheide sie schon durch das Wort von den Gebilden vorher und nach- 
her. Es ist nicht nur ein starkes Gefühl des „Wir", das diese be- 
deutsamsten aller großen Verbände innerlich zusammenschließt. 
Der Nation liegt eine Idee zugrunde. Diese Ströme eines 
Gesamtdaseins besitzen ein sehr tiefes Verhältnis zum Schicksal, 
zur Zeit und zur Geschichte, das in jedem einzelnen Falle anders 
ist und auch die Beziehung des Volkstums zu Rasse, Sprache, 
Land, Staat, Religion bestimmt. Wie die Seele altchinesischer und 
antiker Volker, so unterscheidet sich auch der Stil chinesischer 
und antiker Geschichte. 

Was Urvölker und Fellachen Völker erleben, ist jenes oft 
genannte zoologische Auf und Nieder, ein planloses Geschehen, 
bei dem ohne Ziel und ohne bemessene Dauer sich sehr vieles 
und in einem bedeutenden Sinne zuletzt doch nichts ereignet. 
Historische Völker, Völker, deren Dasein Weltgeschichte ist, 
sind allein die Nationen. Man verstehe wohl, was das bedeuten will. 
Die Ostgoten erlitten ein großes Schicksal und hatten — inner- 
lich — doch keine Geschichte. Ihre Schlachten und Ansiedlungen 
waren ohne Notwendigkeit und deshalb episodisch. Ihr Ende war 
bedeutungslos. Was um 1500 in Mykene und Tiryns lebte, war 
noch keine Nation, im minoischen Kreta war man es nicht mehr. 
Tiberius war der letzte Herrscher, der eine römische Nation 
geschichtlich weiter zu führen, sie für die Geschichte zu retten 
suchte, Mark Aurel hat nur noch eine romanische Bevölkerung 
verteidigt, für die es wohl Begebenheiten, aber keine Geschichte 



STÄDTE UND VÖLKER 2l)5 



mehr gab. Wieviele Generationen hindurch ein medisches oder 
achäisches oder Hunnenvolk bestand, in was für Volksverbänden die 
vorhergehenden und nachfolgenden Geschlechter lebten, ist un- 
bestimmbar und von keiner Regel abhängig. Die Lebensdauer einer 
Nation aber ist bestimmt, und ebenso der Schritt und Takt, in 
welchem ihre Geschichte sich erfüllt. Die Zahl der Generationen 
vom Beginn der Dschoudynastie bis zur Regierung des Schi 
Hoang Ti, von den Ereignissen, welche der trojanischen Sage 
zugrunde liegen, bis auf Augustus, von der Thinitenzeit bis 
zur 18. Dynastie ist etwa dieselbe. Die Spätzeit der Kulturen, 
von Solon bis Alexander, von Luther bis Napoleon umfaßt etwa 
zehn Generationen, nicht mehr. In solchen Abmessungen voll- 
ziehen sich die Schicksale echter Kulturvölker und damit die 
der Weltgeschichte überhaupt. Die Römer, die Araber, die 
Preußen sind spätgeborene Nationen. Wieviele Generationen der 
Fabier und Junier hatten zur Zeit von Cannä schon als Römer 
gelebt? 

Nationen sind aber auch die eigentlich städtebauen- 
den Völker. In den Burgen sind sie entstanden, mit den Städten 
reifen sie zur voUen Höhe ihres Weltbewußtseins und ihrer Be- 
stimmung heran, in den Weltstädten erlöschen sie. Jedes Stadt- 
bild, das Charakter hat, hat auch nationalen Charakter, Das 
ganz rassemäßige Dorf besitzt ihn noch nicht, die Weltstadt nicht 
mehr. Man kann sich diesen Wesenszug, der das gesamte öffentliche 
Dasein einer Nation in eine gewisse Farbe taucht und noch die ge- 
ringste Äußerung zum Kennzeichen erhebt, nicht stark, nicht selb- 
ständig, nicht einsam genug denken. Wenn zwischen den Seelen 
zweier Kulturen eine undurchdringliche Scheidewand liegt, so daß 
kein Mensch des Abendlandes hoffen darf, den Inder oder Chinesen 
ganz zu verstehen, so gilt das auch und zwar im höchsten Grade von 
ausgebildeten Nationen. Nationen verstehen sich so wenig wie 
einzelne Menschen, Jede versteht nur ein selbstgeschaffenes Bild 
der andern, und wenige ganz vereinzelte Kenner dringen tiefer. 
Den Ägyptern gegenüber mußten aUe antiken Völker sich ver- 
wandt und als Ganzes fühlen, untereinander haben sie sich nie be- 
griffen. Gibt es einen schrofferen Gegensatz als den von athenischem 
und spartanischem Geiste ? Es gibt nicht erst seit Bacon, Descartes 
und Leibniz, sondern schon in der Scholastik eine deutsche, fran- 



206 STÄDTE UND VÖLKER 



zösische und englische Art, philosophisch zu denken, und noch in 
der modernen Physik und Chemie sind die wissenschaftUchen 
Methoden, die Auswahl und Art der Experimente und Hypothesen, 
ihr gegenseitiges Verhältnis und ihre Bedeutung für Gang und 
Ziel der Forschung innerhalb jeder Nation merklich verschieden. 
Deutsche und französische Frömmigkeit, engHsche und spanische 
Sitte, deutsche und enghsche Lebensgewohnheiten stehen sich 
so fern, daß das Iimerste jeder fremden Nation für den Durch- 
schnittsmenschen und damit die öffentliche Meinung der eigenen 
ein ständiges Geheimnis und die Quelle beständiger, folgen- 
schwerer Irrtümer bleibt. In der römischen Kaiserzeit beginnt 
man sich allenthalben zu verstehen, aber eben deshalb gibt es 
nichts mehr, was in antiken Städten zu verstehen sich noch 
lohnte. Mit dem Sichverstehen hatte diese Menschheit aufgehört, 
in Nationen zu leben; damit hat sie aufgehört, historisch 
zu sein.i) 

Gerade der Tiefe dieser Erlebnisse wegen ist es unmöghch, 
daß ein ganzes Volk gleichmäßig ein Kulturvolk, eine Nation 
ist. In Urvölkern hat jeder einzehie Mann das gleiche Gefühl 
volksmäßiger Verbundenheit. Das Erwachen einer Nation zum 
Bewußtsein ihrer selbst erfolgt aber ohne Ausnahme in Stufungen 
und also vornehmlich in einem einzelnen Stande, dessen Seele die 
stärkste ist und die der übrigen durch die Macht ihres Erlebens 
im Banne hält. Jede Nation wird vor der Geschichte durch 
eine Minderheit repräsentiert. Zu Beginn der Frühzeit ist 
es der erst hier und zwar als die Blüte des Volkstums entstehende 
Adel, 2) in dessen Kreise der nicht bewußte, aber in seinem kos- 
mischen Takt um so mächtiger gefühlte Nationalcharakter großen 
Stil erhält. Das „Wir" ist die Ritterschaft, in der ägyptischen 
Feudalzeit von 2700 so gut wie der indischen und chinesischen 
von 1200. Die homerischen Helden sind die Danaer. Die nor- 
mannischen Barone sind England. Noch der etwas altfränkische 
Herzog von Saint Simon pflegte zu sagen „ Ganz Frankreich war 
im Vorzimmer versammelt", und es gab eine Zeit, wo Rom und der 
Senat wirklich dasselbe waren. Mit den Städten wird das Bürger- 
tum Träger des Nationalen und zwar, der wachsenden Geistig- 
keit entsprechend, eines Nationalbewußtseins, das es vom Adel 



') Vgl. S. 125 ff. =>) Vgl. Kap. IVA. 



STÄDTE UND VÖLKER 207 



empfängt und zur Vollendung führt. Es sind immer und immer 
wieder einzelne Kreise in zahllosen Abstufungen, die im Namen 
des Volkes leben, fühlen, handeln und zu sterben wissen, aber 
diese Kreise werden größer; im 18. Jahrhundert ist der abend- 
ländische Begriff der Nation entstanden, der den Anspruch 
erhob und unter Umständen energisch verfolgte, von jedem 
ohne Ausnahme vertreten zu werden. In Wirklichkeit waren, 
wie man weiß, die Emigranten so gut wie die Jakobiner überzeugt, 
das Volk, die Repräsentanten der französischen Nation zu 
sein. Ein Kulturvolk, das mit „allen" zusammenfällt, gibt es 
nicht. Nur unter Urvölkern und Fellachenvölkern, nur in einem 
Völkerdasein ohne Tiefe und ohne historischen Rang ist das mög- 
hch. Solange ein Volk Nation ist, das Schicksal einer Nation er- 
füllt, gibt es in ihm eine Minderheit, die im Namen aller seine 
Geschichte vertritt und vollzieht. 

18 

Die antiken Nationen sind, wie es der statisch-euklidischen 
Seele ihrer Kultur entspricht, denkbar kleinste körperhafte Ein- 
heiten. Nicht Hellenen oder lonier sind Nationen, sondern der 
Demos jeder einzelnen Stadt, ein Verband erwachsener Männer, 
der nach oben gegen den Typus des Heros, nach unten gegen 
den Sklaven rechthch und damit national abgegrenzt ist.i) 
Der Synoikismos, jener rätselhafte Vorgang der Frühzeit, bei 
welchem die Bewohner einer Landschaft ihre Dörfer aufgeben 
und sich zu einer Stadt vereinigen, ist der Augenblick, wo die 
zum Selbstbewußtsein gelangte antike Nation sich als solche 
konstituiert. Es läßt sich noch verfolgen, wie von homerischer 
Zeit 2) an bis zur Epoche der großen Kolonialgründungen diese 
Form der Nation sich durchsetzt. Sie entspricht durchaus dem 
antiken Ursymbol: jedes Volk war ein sichtbarer und über- 
sehbarer Körper, ein ocöjua, das den Begriff des geographischen 
Raumes entschieden verneint. 

*) S. oben S. 68 ff. Der Sklave gehört nicht zur Nation. Die Einstellung 
von Nichtbürgem in das Heer einer Stadt, die in Zeiten der Not unvermeidlich 
wurde, ist deshalb auch immer als Erschütterung des nationalen Gedankens 
empfunden worden. ^) Schon die Ilias verrät den Hang, sich im Kleinen 

und Kleinsten als Volk zu fühlen. 



208 STÄDTE UND VOLKER 



Es ist für die antike Geschichte gleichgültig, ob die Etrusker 
in Italien leibhch oder sprachlich mit den Trägern dieses Namens 
unter den Seevölkern identisch sind, oder was für ein Verhältnis 
zwischen den vorhomerischen Einheiten der Pelasger oder Danaer 
und den späteren Trägern des dorischen oder hellenischen Namens 
bestand. Wenn es um 1100 vielleicht ein dorisches und etrus- 
kisches Urvolk gegeben hat, so gab es doch niemals eine 
dorische und etruskische Nation. In Toskana wie im Pelo- 
ponnes bestanden nur Stadtstaaten, nationale Punkte, die sich 
in der Kolonialzeit durch Siedlungen vermehren, aber nicht 
erweitern konnten. Die Etruskerkriege der Römer sind stets 
gegen eine oder mehrere Städte geführt worden und weder die 
Perser noch die Karthager haben eine andere Art von „Nation" 
vor sich gehabt. Es ist vöUig falsch, in der gewohnten Art, 
welche heute noch die des 18. Jahrhunderts ist, von „Griechen 
und Römern" zu reden. Ein griechisches „Volk" in unserem 
Sinne ist ein Mißverständnis; die Griechen haben diesen Be- 
griff überhaupt nie gekannt. Der Hellenenname, der um 650 
aufkam, bezeichnet kein Volk, sondern den Inbegriff antiker 
Kulturmenschen, die Summe der Nationen,^) im Gegensatz zum 
Barbarentum; und die Römer, ein echtes Stadtvolk, haben ihr 
Reich nicht anders „denken" können als in der Form zahlloser 
nationaler Punkte, der civifates, in welche sie aUe Urvölker 
ihres Imperiums denn auch rechtlich aufgelöst haben. In dem 
Augenblick, wo das Nationalgefühl in dieser Gestalt erlosch, 
ist es auch mit der antiken Geschichte zu Ende. 

Es wird zu den schwierigsten Aufgaben künftiger Geschichts- 
forschung gehören, in den Ostländern des Mittelmeeres von einer 
Generation zur andern zu verfolgen, wie in antiker Spätzeit die 
antiken Nationen unvermerkt verlöschen, während das magische 
Nationalgefühl sich immer mächtiger durchsetzt. 

Eine Nation magischen Stils ist die Gemeinschaft der Be- 
kenner, der Verband aUer, welche den rechten Weg zum Heil 



^) Man sollte doch beachten, daß weder Plato noch Aristoteles in ihren 
politischen Schriften sich das ideale Volk anders als in der Polisform denken 
können, aber ebenso natürlich ist es, daß die Denker des 18. Jahrhunderts 
auch „die Alten" als Nationen im Geschmack Shaftesburys imd Montesquieus 
sahen ; nur sollten wir darüber hinaus sein. 



STÄDTE UND VÖLKER 209 



kennen und durch das idjma^) dieses Glaubens innerlich ver- 
bunden sind. Einer antiken Nation gehört man durch den Besitz 
des Bürgerrechts an, einer magischen durch einen sakramentalen 
Akt, der jüdischen duich die Beschneidung, der mandäischen 
oder christlichen durch eine ganz bestimmte Art der Taufe. 
Was für ein antikes Volk der Bürger einer fremden Stadt, ist 
für ein magisches der Ungläubige. Mit ihm gibt es keinen 
Verkehr und keine Ehegemeinschaft, und diese nationale Ab- 
geschlossenheit geht so weit, daß sich in Palästina ein jüdisch- 
aramäischer und ein christlich-aramäischer Dialekt nebeneinander 
ausgebildet haben. ^) Wenn eine faustische Nation wohl mit einer 
gewissen Art von Religiosität, aber nicht mit einem Bekenntnis 
notwendig verbunden ist, wenn eine antike überhaupt keine 
ausschließlichen Beziehungen zu einzelnen Kulten besitzt, so 
fällt die magische Nation mit dem Begriff der Kirche 
schlechthin zusammen. Die antike ist mit einer Stadt, die 
abendländische mit einer Landschaft innerlich verbunden, die 
arabische kennt weder ein Vaterland noch eine Muttersprache. 
Ein Ausdruck ihres Weltgefühls ist lediglich die Schrift, deren 
jede „Nation" gleich nach ihrer Entstehung eine eigene ent- 
wickelt. Aber gerade deshalb ist das im vollsten Sinne des 
Wortes magische Nationalgefühl ein so innerliches und festes, 
daß es auf uns faustische Menschen, welche den Begriff der 
Heimat vermissen, völlig rätselhaft und unheimlich wirkt. Dieser 
schweigende und selbstverständliche Zusammenhalt, z. B. noch 
der heutigen Juden unter ihren abendländischen Wirtsvölkern, 
ist in das von Aramäern behandelte „klassische" römische 
Hecht als Begriff der juristischen Person eingegangen, 3) die 
nichts anderes bedeuten will als eine magische Gemeinschaft. 
Das nachexilische Judentum war eine juristische Person, lange 
bevor ein Mensch den Begriff selbst entdeckt hatte. 

Die Urvülker, welche dieser Entwicklung voraufgehen, sind 
vorwiegend Stammesgemeinschaften, darunter seit Beginn des 
1. Jahrtausends v. Chr. die südarabischen Minäer, deren Name 
um 100 v.Chr. verschwindet, die ebenfalls um 1000 als Stammes- 
gruppe auftauchenden, aramäisch sprechenden Chaldäer, welche 

') S. oben S. 79 ff. ^ f. N. Finck, Die Sprachstämme des Erdkreisen 

(1915) S. 29. ') Wohl gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. Vgl. S. 78 ü. 

Spengler, Der Untergaug des Abendlandes, II. 14 



210 STÄDTE UND VÖLKER 



625 — 539 die babylonische Welt regierten, die Israeliten vor 
dem Exili) und die Perser des Cyrus,^) und diese Form ist sa 
stark im Fühlen der Bevölkerung, daß die seit Alexander sich 
überall entwickelnden Priesterschaften die Namen verschollener 
oder fiktiver Stämme* erhalten. Bei den Juden und den südarabi- 
schen Sabäern heißen sie Leviten, bei Medern und Persern Ma- 
gier — nach einem ausgestorbenen medischen Stamme — , bei den 
Anhängern der neubabylonischen Religion nach der inzwischen 
ebenfalls zerfallenen Stammesgr.uppe Chaldäer. Aber hier wie in 
allen anderen Kulturen hat die Energie des nationalen Gemein- 
gefühls die alte Gliederung dieser TJrvölker zuletzt völlig über- 
wunden. Wie im populus Bomaiius ganz zweifellos Volksteile- 
von sehr verschiedener Abstammung enthalten sind und wäe die 
Nation der Franzosen die salischen Franken ebenso aufnahm 
wie die romanischen und altkeltischen Eingebornen, so kennt 
die magische Nation die Abstammung nicht mehr als unter- 
scheidendes Merkn^al. Das hat sich sehr langsam durchgesetzt, 
und unter den Juden der Makkabäerzeit wie unter den ersten 
Nachfolgern Mohammeds spielt der Stamm noch eine große 
Rolle, aber bei innerlich ausgereiften Kulturvölkern dieser Welt 
wie den Juden der talmudischen Zeit bedeutet er nichts mehr. 
Wer dem Glauben angehört, gehört zur Nation; es würde frevel- 
haft sein, ein anderes Merkmal auch nur anzuerkennen. Der 
Fürst von Adiabene ^) trat in urchristlicher Zeit mit seinem 
ganzen Volk zum Judentum über. Damit waren sie der jüdischen 
Nation einverleibt. Dasselbe gilt von dem Adel Armeniens und 
sogar der kaukasischen Stämme, der damals in großer Zahl 
jüdisch geworden sein muß, und andererseits von den Beduinen 
Arabiens bis zum äußersten Süden und darüber hinaus sogar 
von afrikanischen Stämmen bis zum Tschadsee hin. Ein Zeugnis 
dafür sind jetzt noch die Falascha, die schwarzen Juden in 
Abessinien. Das Einheitsgefühl der Nation- ist offenbar selbst 
durch solche Rasseunterschiede nicht erschüttert worden. Es 
wird versichert, daß Juden unter sich noch heute ganz ver- 



') Eine lose Gruppe edomitischer Stämme, die mit Moabitem, Amalekitem,. 
Ismaeliten u. a. damals eine ziemlich gleichförmige, hebräisch sprechende Be- 
völkerung bildeten. ^) Vgl. S. 199. ^) Südlich vom Wansee. Die.' 
Hauptstadt ist Arbela, die alte Heimat der Göttin Ischtar. 



STÄDTE UND VÖLKER 211 

scliiedene Rassen auf den ersten Blick unterscheiden können 
und daß man in den osteuropäischen Ghettos „die Stämme" im 
alt testamentlichen Sinne deutlich erkennt. Aber ein Unterschied 
der Nation ist das nicht. Unter den nichtjüdischen kaukasischen 
Völkern ist nach v. Erckert ^) der westeuropäische jüdische Typus 
ganz allgemein verbreitet, nach Weifsenberg 2) unter den lang- 
küpfigen südarabischen Juden fast gar nicht vorhanden. Die 
Sabäerköpfe der südarabischen Grabsteinplastik zeigen einen 
Menschenschlag, den man fast als römisch oder germanisch an- 
sprechen möchte; ihm entstammen die durch Mission mindestens 
seit Christi Geburt gewonnenen Juden. 

Aber diese Auflösung der nach Stämmen gegliederten Ur- 
völker in die magischen Nationen der Perser, Juden, Mandäer, 
Cliristen und andere mufa ganz allgemein und in gewaltigem 
Maßstabe vor sich gegangen sein. Ich hatte schon auf die ent- 
scheidende Tatsache verwiesen, daß die Perser lange vor Beginn 
unserer Zeitrechnung lediglich eine rehgiöse Gemeinschaft dar- 
stellen, und es ist gewiß, daß ihre Zahl durch Übertritte zum 
mazdaischen Glauben sich unendlich vermehrt hat. Die baby- 
lonische Religion ist damals verschwunden — ihre Anhänger 
sind also teils „Juden" teils „Perser" geworden — , aber es gibt 
eine aus ihr hervorgegangene, ihrem inneren Wesen nach neue 
und der persischen wie jüdischen verwandte Astralreligion, welche 
den Chaldäernamen trägt und deren Anhänger eine echte, ara- 
mäisch redende Nation bilden. Aus dieser aramäischen Bevölke- 
rung chaldäisch-jüdisch-persischer Nation sind sowohl der baby- 
lonische Talmud, die Gnosis und die Religion Manis wie in 
islamischer Zeit, nachdem sie beinahe ganz zur arabischen Nation 
übergegangen war, der Sufismus und die Schia hervorgegangen. 

Von Edessa aus erscheint nun auch die Bevölkerung der 
antiken Welt als Nation magischen Stils: „die Griechen" des 
östlichen Sprachgebrauchs; es ist der Inbegriff aller Menschen, 
welche den synkretistischen Kulten anhängen und durch das 
idjma der spätantiken Religiosität zusammengehalten sind. Man 
erblickt nicht mehr die hellenistischen Stadtnationen, sondern 
nur noch eine Gemeinde der Gläubigen, der „Mysterienanbeter", 
die unter dem Namen Helios, Jupiter, Mithras, d-EÖg vyjiorog eine 

») Arch. f. Anthrop. Bd. 19. ^) Ztschr. f. Ethnol. 1919. 

14* 



212 STÄDTE UND VÖLKER 



Art Jahwe oder Allah verehren. Griechentum ist im ganzen Osten 
ein fester religiöser Begriff, und er entspricht durchaus der 
damaligen Wirklichkeit. Das Gefühl der poUs ist fast erloschen, 
und eine magische Nation bedarf keines Vaterlandes und keiner 
Einheit der Abstammung. Schon der Hellenismus des Seleukiden- 
reiches, der in Turkestan und am Indus Proselyten warb, war 
seiner inneren Form nach dem nachexilischen Judentum und 
Persertum verwandt. Der Aramäer Porphyrios, Schüler Plotins, 
hat später den Versuch gemacht, dieses Griechentum als Kult- 
kirche nach dem Vorbilde der christlichen und persischen zu 
organisieren und Kaiser Juhan hat sie zur Staatskirche erhoben. 
Das war nicht nur ein religiöser, sondern vor allem auch ein 
nationaler Akt. Wenn ein Jude dem Sol oder ApoUon opferte, 
so war er Grieche geworden. So tritt Ammonios Sakkas (f 242), 
der Lehrer des Plotin und wahrscheinlich des Origenes, „von 
den Christen zu den Griechen" über und ebenso Porphyrios, der 
wie der römische Jurist Ulpian') ein Phöniker aus Tyrus war 
und ursprünglich Malchus hieß.-) Juristen und Beamte nehmen 
in diesem Falle lateinische, Philosophen griechische Namen an. 
Das genügt heute einer von philologischen Gesichtspunkten be- 
herrschten Geschichts- und Religionsforschung, um sie als Römer 
und Griechen im Sinne antiker Stadtnationen zu behandeln. Wie 
viele unter den großen Alexandrinern mögen aber Griechen nur 
im magischen Sinne gewesen sein? Waren Plotin und Diophant 
vielleicht der Geburt nach Juden oder Chaldäer? 

Aber ebenso fühlten sich die Christen von Anfang an als 
Nation magischen Stils und sie sind von den übrigen, Griechen 
(„Heiden") wie Juden, nicht anders aufgefaßt worden. Diese 
haben ihren Abfall vom Judentum ganz folgerichtig als Hoch- 
verrat und jene das werbende Eindringen in die antiken Städte 
als Eroberung behandelt. Die Christen aber bezeichneten die 
Andersgläubigen als rd tört]. Als die Monophysiten und Nesto- 
rianer sich von den Orthodoxen trennten, waren mit den neuen 
Kirchen zugleich neue Nationen entstanden. Die Nestorianer 
werden seit 1450 durch den Mar-Schamun regiert, der zugleich 
Fürst und Patriarch des Volkes ist und dem Sultan gegenüber 
genau die Stellung einnimmt, die einst der jüdische Resch Galuta 
') Digesten 50, 15. ') Geffcken, Der Ausg. des griech.-röm.Heident. (1920) S. 57. 



STÄDTE UND VÖLKER 213 

im Perserreich besaß. Man darf dies aus einem ganz be- 
stimmten Weltgefühl stammende und daher mit Selbstverständ- 
lichkeit vorhandene Nationalbewußtsein nicht außer acht lassen, 
wenn man die späteren Christenverfolgungen verstehen will. 
Der magische Staat ist mit dem Begriff" der Rechtgläubig- 
koit untrennbar verbunden. Khalifat, Nation und Kirche bilden 
eine innere Einheit. Adiabene trat als Staat zum Judentum 
über, Osrhoene schon um 200 vom Griechentum zum Christentum, 
Armenien im 6. Jahrhundert von der griechischen zur mono- 
physitischen Kirche. Damit war jedesmal zum Ausdruck ge- 
bracht, daß der Staat mit der Gemeinschaft der Rechtgläubigen 
als juristischer Person identisch sei. Wenn im islamischen Staate 
Christen, im persischen Nestorianer, im byzantinischen Juden leben, 
so gehören sie als Ungläubige ihm doch nicht an und sind des- 
halb ihrer eigenen Gerichtsbarkeit überlassen (S. 79 ff".). Bedrohen 
sie durch ihre Zahl oder Mission den Fortbestand der Identität 
von Staat und rechtgläubiger Kirche, so wird ihre Verfolgung 
zur nationalen Pflicht. Deshalb sind im persischen Reiche zuerst 
die Orthodoxen („Griechen"), später die Nestorianer verfolgt 
worden. Dioldetian, der als Khalif — dominus et deus — die 
heidnische Kultkirche mit dem Imperium verbunden hatte und 
sich durchaus als Beherrscher dieser Gläubigen fühlte, konnte 
sich auch der Pflicht nicht entziehen, die zweite Kirche zu 
unterdrücken. Konstantin wechselte die „wahre" Kirche und 
damit zugleich die Nationalität des Reiches von Byzanz. 
Von jetzt an geht der Griechenname langsam und ganz un- 
vermerkt auf die christliche Nation über und zwar auf die, welche 
der Kaiser als Herrscher der Gläubigen anerkannte und auf den 
großen Konzilen vertreten ließ. Daher das Ungewisse im ge- 
schichtlichen Bilde des byzantinischen Reiches, das um 290 als 
antikes Imperium organisiert und trotzdem von Anfang an ein 
magischer Nationalstaat gewesen war, der unmittelbar danach 
(seit 312) die Nation wechselte, ohne den Namen zu verändern. 
Unter dem Namen Griechen hat zuerst das Heidentum als Nation 
die Christen, dann das Christentum als Nation den Islam be- 
kämpft. In der Verteidigung gegen diesen, die „arabische" 
Nation, hat sich die Nationalität immer schärfer ausgeprägt 
und so sind die heutigen Griechen ein Gebilde der magischen 



214 STÄDTE UND VÖLKER 

Kultur, das zuerst durch die christliche Kirche, dann die heilige 
Sprache dieser Kirche, endlich durch den Namen dieser Kirche 
entwickelt worden ist. Der Islam hatte aus der Heimat Moham- 
meds den Arabernamen als Bezeichnung seiner nationalen Ein- 
heit mitgebracht. Es ist ein Irrtum, diese „Araber" mit den 
Beduinenstämmen der Wüste gleichzusetzen. Diese neue Nation 
mit ihrer leidenschaftlichen und charaktervollen Seele ist durch 
den consensus des neuen dlaubens geschaffen worden. Sie ist 
so wenig wie die christliche, jüdische und persische eine Ein- 
heit der Rasse und mit einer Heimat verbunden; sie ist also 
auch nicht „ausgewandert" und hat vielmehr ihre ungeheure Aus- 
dehnung durch die Aufnahme des gröfäten Teils der frühmagischen 
Nationen in ihren Verband erhalten. Diese Nationen gehen mit 
dem Ende des ersten Jahrtausends sämtlich in die Form von 
Fellachenvölkern über und als solche haben die Christenvölker 
der Baikanhalbinsel unter türkischer Herrschaft, die Parsen in 
Indien und die Juden in Westeuropa seitdem gelebt. 

Die Nationen faustischen Stils treten seit Otto dem Grroßen 
in immer bestimmteren Umrissen hervor und lösen die Urvölker 
der Karolingerzeit sehr bald auf.') Um das Jahr 1000 bereits 
empfinden sich die bedeutenderen Menschen überall als Deutsche, 
Italiener, Spanier oder Franzosen, während kaum sechs Gene- 
rationen früher ihre Ahnen sich im Grunde ihrer Seele als Franken, 
Langobarden oder Westgoten gefühlt hatten. 

Der Völkerform dieser Kultur liegt wie der gotischen 
Architektur und der Infinitesimalrechnung ein Hang zum Un- 
endlichen zugrunde und zwar im räumüchen wie im zeitlichen 
Sinne. Das Nationalgefühl umfaßt einerseits einen geographi- 
schen Horizont, der für eine so frühe Zeit und ihre Verkehrsmittel 
ungeheuer genannt werden mufs und in keiner anderen Kultur 
seinesgleichen hat.^ Das Vaterland als Weite, als ein Gebiet, 
dessen Grenzen der Einzelne kaum je erblickt hat und für dessen 

•) Ich bin überzeugt, daß die Nationeu Chinas, die zu Beginn der Dschou- 
zeit im Gebiet des mittleren Hoangho in großer Zahl entstanden, ebenso wie 
die Gauvölker des ägj'ptischen Alten Reiches, von denen jedes eine Hauptstadt 
und eine besondere Religion besaß und die noch zurRönierzeit fönnliche Religions- 
kriege gegeneinander führten, ihrer inneren Form nach den Völkern des Abend- 
landes verwandter gewesen sind als den antiken und arabischen. Indessen ist 
die Forschimg auf solche Fragen noch gar nicht aufmerksam geworden. 



STÄDTE UND VÖLKER 215 



Schutz zu sterben er doch bereit ist, kann in seiner symbolischen 
Tiefe und Mächtigkeit von Menschen fremder Kulturen nie ver- 
standen werden. Die magische Nation besitzt als solche über- 
haupt keine irdische Heimat; die antike besitzt sie nur als Punkt, 
auf dem sie sich zusammendrängt. Daß es schon in gotischer 
Zeit wirklich etwas gab, worin sich Menschen im Etschtal und 
in den Ordensschlössern Litauens als Glieder eines Verbandes 
fühlten, ist im alten China und Ägypten völlig undenkbar und 
bildet den schroffsten Gegensatz zu Rom oder Athen, wo alle Mit- 
glieder des Demos sich gewissermaßen beständig im Auge hatten. 
Noch stärker ist das Pathos der Ferne im zeitlichen Sinne. 
Es hat der Idee des Vaterlandes, die aus dem nationalen Dasein 
folgt, eine zweite vorangestellt, welche die faustischen Nationen 
überhaupt erst erzeugt: die dynastische. Faustische Völker 
sind historische Völker, Gemeinschaften, die sich nicht durch den 
Ort oder consensus, sondern durch Geschichte verbunden fühlen; 
und als Sinnbild und Träger des gemeinsamen Schicksals erscheint 
weithin sichtbar das herrschende Haus. Für den ägyptischen und 
chinesischen Menschen war die Dynastie ein Symbol von ganz 
anderer Bedeutung. Hier bedeutet sie die Zeit, insofern sie wollend 
und handelnd ist. Was man gewesen war, was man sein wollte, das 
erblickte man im Dasein eines einzelnen Geschlechts. Dieser Sinn 
wurde so tief empfunden, daß die Würdelosigkeit eines Regenten 
das dynastische Gefühl nicht erschüttern konnte; die Idee, nicht 
die Person stand in Frage. Und es geschah um der Idee willen, 
daß Tausende für einen genealogischen Streit mit Überzeugung in 
den Tod gingen. Antike Geschichte war für das antike Auge eine 
Kette von Zufällen, die von Augenblick zu Augenblick führte; 
magische Geschichte war für ihre Menschen die fortschreitende 
Verwirklichung eines von Gott entworfenen Weltplanes, der sich 
zwischen Schöpfung und Untergang an den Völkern und durch 
sie vollzog; faustische Geschichte ist für unsern Blick ein einziges 
großes Wollen von bewußter Logik, in dessen Vollendung die 
Nationen durch ihre Herrscher geführt und vertreten werden. Das 
ist ein Zug der Rasse. Begründen läßt es sich nicht. So hat man 
es empfunden und deshalb hat sich aus der Gefolgstreue der ger- 
manischen Wanderzeit die Lehnstreue der Gotik, die Loj'^alität des 
Barock und das nur scheinbar undynastische Nationalgefühl des 



216 STÄDTE UND VÖLKER 



19. Jahrhunderts entwickelt. Man täusche sich nicht über Tiefe 
und Rang dieser Gefühle, wenn man die endlose Reihe der Eid- 
brüche von Vasallen und Völkern und das ewige Schauspiel höfischer 
Kriecherei und gemeiner Unterwürfigkeit mustert. Alle großen 
Symbole sind seelenhaft und können nur in ihren höchsten For- 
men begriffen werden. Das Privatleben eines Papstes steht zur 
Idee des Papsttums in keiner Beziehung. Gerade der Abfall Hein- 
richs des Löwen bezeugt in einer Zeit der Nationenbildung, wie 
stark ein bedeutender Herrscher das Schicksal „seines" Volkes 
in sich verkörpert fühlte. Er vertritt es vor der Geschichte und 
ist ihm unter Umständen das Opfer seiner Ehre schuldig. 

Alle Nationen des Abendlandes sind dynastischen Ursprungs. 
Noch in der romanischen und frühgotischen Baukunst schimmerte 
die Seele der karolingischen Urvölker durch. Es gibt keine 
französische und deutsche Gotik, sondern eine salfränkische, 
rheinfränkische, schwäbische, und ebenso eine westgotische 
— Südfrankreich und Nordspanien verbindende — , langobardische 
und sächsische Romanik. Aber darüber breitet sich doch schon 
die Minderheit von Rassemenschen aus, Avelche ihre Zugehörig- 
keit zu einer Nation im Sinne einer großen historischen Sendung 
empfinden. Von ihnen gehen die Kreuzzüge aus, in denen es 
wirklich ein deutsches und französisches Rittertum gibt. Es ist 
das Kennzeichen faustischer Völker, daß sie sich der Richtung 
ihrer Geschichte bewußt sind. Diese Richtung aber haftet an der 
Geschlechterfolge. Das Rasseideal ist durchaus genealogischer 
Natur — in dieser Hinsicht ist der Darwinismus mit seinen Ver- 
erbungs- und Abstammungslehren beinahe eine Karikatur der 
gotischen Heraldik — und die Welt als Geschichte, in deren Bild 
jeder einzelne lebt, enthält nicht nur den Stammbaum der 
einzelnen Familie, der herrschenden voran, sondern auch 
den der Völker als Grundform alles Geschehens. Man muß sehr 
genau zusehen, um zu bemerken, daß den Ägyptern und Chinesen 
das faustisch-genealogische Prinzip mit den eminent historischen 
Begriffen der Ebenbürtigkeit und des reinen Blutes ebenso fremd 
ist wie dem römischen Adel und dem byzantinischen Kaisertum. 
Dagegen ist weder unser Bauerntum noch das Patriziat der Städte 
ohne diese Idee denkbar. Der gelehrte Begriff Volk, den ich oben 
zergliedert hatte, stammt wesentlich aus dem genealogischen Einp- 



STÄDTE UND VÖLKER 217 



finden der gotischen Zeit. Der Gedanke eines Stammbiiums der 
Völker hat den Stolz der Itahener, Erben der Römer zu sein, und 
die Berufung der Deutschen auf ihre germanischen Vorfahren zur 
Folge gehabt, und das ist etwas ganz anderes als der antike Glaube 
an die zeitlose Abkunft von Helden und Göttern, Er hat zuletzt, 
als seit 17S9 die Muttersprache dem dynastischen Prinzip hinzu- 
gefügt wurde, die ursprünglich rein wissenschaftliche IMiantasie 
von einem indogermanischen Urvolk zu einer tiefgefühlten Genea- 
logie der „arischen Rasse" ausgestaltet, wobei das Wort Rasse 
fast eine Bezeichnung für Schicksal geworden ist. 

Aber die „Rassen" des Abendlandes sind nicht die Schöpfer 
der großen Nationen, sondern ihre Folge. Sie sind sämtlich 
zur Karolingerzeit noch nicht vorhanden gewesen. Es ist das 
Standesideal der Ritterschaft, das in Deutschland wie in Eng- 
land, Frankreich und Spanien in verschiedener Richtung züch- 
tend gewirkt und in weitem Umfange das durchgesetzt hat, was 
heute innerhalb der einzelnen Nationen als Rasse gefühlt und 
erlebt wird. Darauf beruhen, wie erwähnt, die historischen und 
deshalb der Antike ganz fremden Begriffe des reinen Blutes und 
der Ebenbürtigkeit. Weil das Blut des herrschenden Geschlechts 
das Schicksal, das Dasein der gesamten Nation verkörpert, hat das 
Staatensystem des Barock eine rein genealogische Struktur und 
die Mehrzahl der großen Krisen die Form von Erbfolgekriegen 
angenommen. Noch die Katastrophe Napoleons, welche der AVeit 
für ein Jahrhundert ihre politische Gliederung gab, vollzog sich 
in der Gestalt, daß ein Abenteurer es wagte, durch sein Blut 
das der alten Dynastien zu verdrängen und daß dieser Angriff 
auf ein Symbol dem Widerstand gegen ihn die historische Weihe 
gab. Denn alle diese Völker waren die Folge dynastischer 
Schicksale. Daß es ein portugiesisches Volk gibt und damit auch 
einen portugiesischen Staat Brasilien mitten im spanischen Süd- 
amerika, ist die Folge der Heirat des Grafen Heinrich von Burgund 
(1095). Daß es Schweizer und Holländer gibt, ist die Folge einer 
Auflehnung gegen das Haus Habsburg. Daß es Lothringen als 
Namen eines Landes, aber nicht als Volk gibt, ist die Folge der 
Kinderlosigkeit Lothars IL 

Es ist die Kaiseridee, welche eine Anzahl von Urvölkern 
der karolingischen Zeit zur deutschen Nation verschmolzen hat. 



218 STÄDTE UND VÖLKER 



Deutschland und Kaisertum sind untrennbare Begriffe. Der 
Untergang der Staufen bedeutete den Ersatz einer großen 
Dynastie durch eine Handvoll kleiner und kleinster; er hat die 
deutsche Nation gotischen Stils noch vor dem Beginn des Barock 
innerlich gebrochen, gerade damals, als in führenden Städten 
— Paris, Madrid, London, Wien — das Nationalbewußtsein 
auf eine geistigere Stufe gehoben wurde. Wenn der Dreifsig- 
Jährige Krieg nicht etwa die Blüte Deutschlands vernichtete, 
sondern im Gegenteil dadurch, daß er in dieser trostlosen Form 
überhaupt möglich war, den längst vollzogenen Verfall nur 
bestätigte und offenbarte, so war das die letzte Folge des 
Sturzes der Hohenstaufen. Es gibt vielleicht keinen stärkeren 
Beweis dafür, daß faustische Nationen dynastische Einheiten sind. 
Aber die Salier und Staufen haben auch aus Romanen, Langobarden 
und Normannen zum mindesten der Idee nach die italienische 
Nation geschaffen, die erst über das Kaisertum hinweg an die 
Römerzeit anknüpfen konnte. Wenn hier auch die fremde Ge- 
walt den Widerstand des Bürgertums hervorrief, der beide Ur- 
stände spaltete und den Adel auf die kaiserliche, die Kirche auf 
die städtische Seite zog; wenn auch in diesem Kampfe zwischen 
Ghibellinen und Guelfen der Adel früh seine Bedeutung verlor 
und das Papsttum durch die antidynastischen Städte zur poli- 
tischen Vormacht emporstieg; wenn auch zuletzt nur ein Ge- 
wirr winziger Raubstaaten übrig blieb, deren „Renaissancr^politik" 
dem überfliegenden weltpolitischen Geiste der kaiserlichen Gotik 
mit derselben Feindsehgkeit gegenübertritt, wie Mailand einst dem 
Willen Barbarossas, so ist doch das Ideal der Una Italia, für 
welches Dante den Frieden seines Lebens geopfert hat, eine 
rein dynastische Schöpfung der großen deutschen Kaiser. Die 
Renaissance hat mit dem geschichtlichen Horizont des städtischen 
Patriziats die Nation von seiner Erfüllung so weit abgeführt, 
als es möglich war, und das Land während des ganzen Barock 
zum Objekt fremder Hausmachtpolitik erniedrigt Erst die Ro- 
mantik von 1800 hat das gotische Gefühl^wieder erweckt und 
zwar in einer Stärke, welche das Gewicht einer politischen 
Macht besaß. 

Das französische Volk ist durch seine Könige aus Franken 
und Westgoten zur Einheit verschmolzen worden. Es hat 1214 



STÄDTE UND VÖLKER 219 



bei Bouvines zum ersten Male gelernt, sich als Ganzes zu fühlen; 
und noch bedeutsamer ist die Schöpfung des Hauses Habsburg, 
das aus einer Bevölkerung, die weder Sprache noch Volkstum 
noch Überlieferung verband, die österreichische Nation entstehen 
Hefa, die ihre Proben — die ersten, auch die letzten — in der 
Verteidigung Maria Theresias und im Kampfe gegen Napoleon 
abgelegt hat. Die politische Geschichte der Barockzeit ist im 
wesentlichen die Geschichte der Häuser Bourbon und Habsburg. 
Der Aufstieg der Wettiner an Stelle der Weifen ist der Grund, 
weshalb „Sachsen" um 800 an der Weser und heute an der Saale 
liegt. Dynastische Ereignisse, zuletzt das Eingreifen Napoleons 
haben bewirkt, daß die Hälfte der Bayern an der Geschichte 
Österreichs teilnahm und dafs der bayerische Staat zum größeren 
Teil aus Franken und Schwaben besteht. 

Die späteste Nation des Abendlandes ist die preußische, eine 
Schöpfung der Hohen zollern, wie die Römer die letzte Schöpfung 
des antiken Polisgefühls und die Araber die letzte aus einem 
religiösen consensus gewesen sind. Bei Fehrbellin hat sich die 
junge Nation legitimiert, bei Roßbach siegte sie für Deutschland. 
Es war Goethe, der mit seinem unfehlbaren Blick für geschicht- 
liche Epochen die damals entstandene Minna von Barnhelm als 
die erste deutsche Dichtung von spezifisch nationalem Gehalt be- 
zeichnete. Es ist wieder ein sehr tiefes Zeugnis für die dyna- 
stische Bestimmtheit abendländischer Nationen, daß Deutschland 
jetzt mit einem Schlage seine dichterische Sprache wiederfand 
Mit dem Zusammenbruch des staufischen Kaisertums war auch 
die deutsche Literatur gotischen Stils zu Ende gewesen. Was 
in den folgenden Jahrhunderten, der Großzeit aller westlicher; 
Literaturen, hier und da hervortrat, verdient diesen Namen 
nicht. Mit dem Siege Friedrichs des Großen beginnt eine neue 
Dichtung: von Lessing bis Hebbel, das heißt von Roßbach bis 
Sedan. Wenn damals der Versuch gemacht wurde, den verlornc^.n 
ZAisammenhang durch bewußtes Anknüpfen erst an die Franzosen, 
dann an Shakespeare, an das Volkslied, endlich durch die Ro- 
mantiker an die Poesie der Ritterzeit wiederherzustellen, so hat 
das zum mindesten die einzigartige Erscheinung einer Kunst- 
geschichte hervorgerufen, die fast ganz aus genialen Ansätzen 
besteht, ohne je ein Ziel wirklich erreicht zu haben. 



220 STÄDTE UND VÖLKER 



Am Ende des 18. Jahrhunderts vollzieht sich jene merk- 
würdige geistige Wendung, durch welche das Nationalbewußt- 
sein sich von dem dynastischen Prinzip emanzipieren will. 
Scheinbar ist das in England schon früher der Fall gewesen; 
manche werden an die Magna Charta von 1215 denken; andern 
wird es nicht verborgen sein, daß gerade diese Anerkennung der 
Nation durch ihren Repräsentanten dem dynastischen Gefühl eine 
ungezw^ungene Vertiefung und Verfeinerung gegeben hat, von 
welcher die Völker des Kontinents weit entfernt blieben. Wenn 
der moderne Engländer der konservativste Mensch der Welt ist, 
ohne es zu scheinen, und wenn infolgedessen seine Politik so 
viel von dem Notwendigen durch nationalen Takt und schweigend 
statt durch laute Auseinandersetzungen erledigt und deshalb bis 
jetzt die erfolgreichste gewesen ist, so beruht das auf der frühen 
Emanzipation des dynastischen Gefühls von dem Ausdruck 
der monarchischen Gewalt. 

Dagegen bedeutet die französische Revolution in dieser 
Richtung nur einen Erfolg des Rationalismus. Sie hat weniger 
die Nation als den Begriff der Nation befreit. Den abendländischen 
Rassen ist das Dynastische ins Blut gedrungen ; dem Geist ist es 
eben deshalb ein Ärgernis. Denn eine Dynastie repräsentiert die 
Geschichte, ist die fleischgewordne Geschichte eines Landes, und 
der Geist ist zeitlos und ungeschichthch. Alle Ideen der Revolution 
sind ,ewng" und „wahr". Allgemeine Menschenrechte, Freiheit und 
Gleichheit sind Literatur und Abstraktion, keine Tatsachen. Man 
mag das alles republikanisch nennen; gewiß ist, daß es wieder 
eine Minderheit war, welche im Namen aller das neue Ideal in die 
Welt der Tatsachen einzuführen suchte. Sie wurde eine Macht, 
aber auf Kosten des Ideals. Sie hat in der Tat nur die gefühlte 
Anhänglichkeit durch den überzeugten Patriotismus des 19. Jahr- 
hunderts ersetzt, durch einen nur in unserer Kultur möglichen 
zivihsierten Nationahsmus, der selbst in Frankreich und heute 
noch unbewußt dynastisch ist, durch den Begriff des Vater- 
landes als dynastischer Einheit, der zuerst in der spanischen 
und preußischen Erhebung gegen Napoleon, dann in den deutschen 
und italienischen dynastischen Einigungskämpfen hervortrat. 
Es beruht auf dem Gegensatz von Rasse und Sprache, von Blut 
und Geist, daß man dem Genealogischen nun das ebenfalls spezifisch 



STÄDTE UND VÖLKER 221 



abendländische Ideal der Muttersprache entgegenstellt; es gab in 
beiden Ländern Schwänner, welche die einigende Gewalt der 
Kaiser- und Königsidee durch die Verbindung von Republik und 
Poesie ersetzen zu können glaubten. Es war etwas Rückkehr — 
von der Geschichte — zur Natur darin. Die Erbfolgekriege sind 
durch Sprachenkämpfe abgelöst worden, in denen eine Nation 
Fragmenten einer anderen ihre Sprache und damit ihre Natio- 
nalität aufzuzwingen sucht. Aber niemand wird übersehen, daß 
auch der rationalistische Begriff der Nation als Spracheinheit 
vom dynastischen Gefühl zwar absehen, es aber nicht aufheben 
kann, sowenig ein hellenistischer Grieche das Polisbewußtsein oder 
ein moderner Jude das nationale idJ7na innerlich überwindet. Die 
„Muttersprache" ist bereits ein Produkt dynastischer Geschichte. 
Ohne die Capetinger würde es keine französische Sprache geben, 
sondern eine romaniscli-fränkische im Norden und eine proven- 
^alische im Süden; die italienische Schriftsprache ist ein Verdienst 
der deutschen Kaiser, vor allem Friedrichs II. Die modernen Na- 
tionen sind zunächst die Bevölkerungen alter dynastischer Gebiete. 
Trotzdem hat der zweite Begriff der Nation als schriftsprachlicher 
Einheit im Laufe des 19. Jahrhunderts die österreichische ver- 
nichtet und die amerikanische vielleicht geschaffen. Es gibt seit- 
dem in allen Ländern zwei Parteien, welche die Nation in einem 
entgegengesetzten Shme vertreten, als dynastisch-historische und 
als geistige Einheit — Parteien der Rasse und der Sprache — , 
aber diese Erwägungen greifen schon in die Probleme der PoHtik 
hinüber (Kap. IV). 

19 

Im stadtlosen Lande war es der Adel, welcher zuerst die 
Nation in einem höheren Sinne vertrat. Das Bauerntum, ge- 
schichtslos und „ewig", war Volk vor dem Anbruch der Kultur; 
es bleibt in sehr wesentlichen Zügen Urvolk und es überlebt die 
Form der Nation. „Die Nation" ist wie aUe großen Symbole der 
Kultur innerer Besitz weniger Menschen. Man wird dazu geboren 
wie zur Kunst und zur Philosophie. Es gibt auch da etwas, das 
dem Unterschied von Schöpfer, Kenner und Laien entspricht und 
zwar in einer antiken Polis ebenso wie im jüdischen consensus 
und in einem Volk des Abendlandes. Wenn eine Nation in Be- 



222 STÄDTE UND VÖLlvER 



geisterung aufsteht, um für ihre Freiheit und Ehre zu kämpfen. 
80 ist es immer eine Minderheit, welche die Menge im eigent- 
lichsten Sinn des Wortes „begeistert". Das Volk wacht auf — 
das ist viel mehr als eine Redensart. Das Wachsein des Ganzen 
tritt wirklich erst jetzt in Erscheinung. Alle diese einzehien, die 
gestern noch mit einem Wirgefiihl einhergingen, das sich ledig- 
lich auf die Familie, den Beruf, vielleicht den Heimatort er- 
.streckte, sind heute plötzlich vor allem Männer ihres Vollces. 
Ihr Fühlen und Denken, ihr Ich und damit das „Es" in ihnen 
hat sich bis in die Tiefe umgewandelt: es ist historisch ge- 
worden. Dann wird auch der geschichtslose Bauer GHed seiner 
Nation und es bricht für ihn eine Zeit an, in der er Geschichte' 
erlebt und nicht nur vorüberziehen läßt. 

Es sind die Weltstädte, in denen neben einer Minderheit, 
welche Geschichte hat und die Nation in sich erlebt, vertreten 
fühlt und führen will, eine zweite entsteht, zeitlose, geschichts- 
lose, literarische Menschen, Menschen der Gründe und Ursachenj 
nicht des Schicksals, welche, dem Blut und dem Dasein innerlich 
entfremdet, ganz denkendes W^achsein, für den Begriff der Nation 
keinen „vernünftigen'' Inhalt mehr entdecken. Sie gehören ihr 
wirklich nicht mehr an, denn Kulturvölker sind Formen von 
Daseinsströmen; Kosmopolitismus ist eine blofae Wachseinsver- 
bindung von „Intelligenzen". Es ist Haß gegen das Schicksal 
darin, vor allem gegen die Geschichte als Ausdruck des Schick- 
sals. Alles Nationale ist rassehaft bis zu dem Grade, daß es keine 
Sprache findet und in allem, was Denken fordert, ungeschickt 
und hilflos bis zum Verhängnis bleibt. Kosmopolitismus ist 
Literatur und bleibt es, sehr stark in den Gründen und sehr 
schwach in ihrer Verteidigung nicht mit neuen Gründen, sondern 
mit dem Blute. 

Aber eben deshalb kämpft diese geistig weit überlegene 
Minderheit mit geistigen Waffen und sie darf es, weil Weltstädte 
reiner Geist, wurzellos und an sich schon zivilisierter Gemein- 
besitz sind. Die gebornen Weltbürger und Schwärmer für Welt- 
frieden und Völkerversöhnung — im China der kämjjf enden Reiche, 
im buddhistischen Indien, im Hellenismus und heute — sind die 
geistigen Führer des Fellachentums. Panem et circenses 
— das ist nur eine andere Formel für Pazifismus. Ein 



STÄDTE UND VÖLKER 223 



antinatioiiales Element ist in der Geschichte aller Kulturen stets 
vorhanden gewesen, ob wir davon Kunde haben oder nicht. Das 
reine auf sich selbst gestellte Denken war immer lebensfremd 
und also geschichtsfeindlich, unkriegerisch, rasselos. Es sei an 
den Humanismus und Klassizismus, an die Sophisten Athens 
erinnert, an Buddha und Laotse, um von der leidenschaftlichen 
Verachtung alles nationalen Ehrgeizes durch die großen Vertei- 
diger priesterhcher und philosophischer Weltanschauungen zu 
schweigen. Diese Fälle mögen noch so verschieden sein, sie 
gleichen sich darin, daß das Weltgefühl des Rassemäßigen, der 
politische und deshalb nationale Tatsachensinn — right or ivrong, 
my country! — , der Entschluß, Subjekt und nicht Objekt der 
historischen Entwicklung zu sein — denn etwas Drittes gibt es 
nicht — , kurz der Wille zur Macht durch eine Neigung über- 
wältigt wird, deren Führer sehr oft Menschen ohne ursprüngliche 
Triebe, aber desto mehr auf Logik versessen sind, in ein^ r Welt 
der Wahrheiten, Ideale und Utopien zu Hause, Büchermenschen, 
welche das Wirkliche durch das Logische, die Gewalt der Tat- 
sachen durch eine abstrakte Gerechtigkeit, das Schicksal durch 
die Vernunft ersetzen zu können glauben. Es fängt an mit den 
Menschen der ewigen Angst, die sich aus der Wirkhchkeit in 
Klöster, Denkerstuben und geistige Gemeinschaften zurückziehen 
und die Weltgeschichte für gleichgültig erklären, und endet in 
jeder Kultur bei den Aposteln des Weltfriedens. Jedes Volk bringt 
solchen — geschichtlich betrachtet — Abfall hervor. Schon die 
Köpfe bilden physiognomisch eine Gruppe für sich. Sie nehmen 
in der „Geschichte des Geistes" einen hohen Rang ein — eine 
lange Reihe berühmter Namen ist darunter — , vom Standpunkt 
der wirklichen Geschichte aus betrachtet sind sie minderwertig. 
Das Schicksal einer Nation mitten in den Ereignissen ihrer 
Welt hängt davon ab, wie weit es der Rasse glückt, diese Er- 
scheinung geschichtlich unwirksam zu machen. Es ist vielleicht 
heute noch nachzuweisen, daß in der chinesischen Staatenwelt 
das Reich von Tsin um 250 v. Chr. deshalb den Endsieg erfocht, 
weil seine Nation allein sich von den Stimmungen des Taoismus 
frei erhalten hatte. Jedenfalls hat das römische Volk über den 
Rest der Antike gesiegt, weil es die Fellacheninstinkte des Hel- 
lenismus für die Haltung seiner Politik auszuschalten wußte. 



224 STÄDTE UND VÖLKER 

Eine Nation ist Menschentum in lebendige Form gebracht. 
Das praktische Ergebnis weltverbessernder Theorien ist regel- 
mcäßig eine formlose und deshalb geschichtslose Masse. 
Alle Weltverbesserer und Weltbürger vertreten Fellachenideale, 
ob sie es wissen oder nicht. Ihr Erfolg bedeutet die Ab- 
dankung der Nation innerhalb der Geschichte, nicht zu- 
gunsten des ewigen Friedens, sondern zugunsten an der er. 
Der Weltfriede ist jedesmal ein einseitiger Entschluß. Die 2^ax 
Uomana hat für die späteren Soldatenkaiser und germanischen Heer- 
könige nur die eine praktische Bedeutung: eine formlose Bevölke- 
rung von hundert Millionen zum Objekt des Machtwillens kleiner 
Kriegerschwärme zu machen. Dieser Friede kostete die Fried- 
lichen Opfer, gegen welche die der Schlacht von Cannä ver- 
schwinden. Die babylonische, chinesische, indische und ägyp- 
tische W^elt gingen aus einer Erobererhand in die andere und 
bezahlten den Kampf mit ihrem eigenen Blute. Das war ihr — 
Friede. Als die Mongolen 1401 Mesopotamien eroberten, haben 
sie aus 100000 Schädeln der Bevölkerung von Bagdad, die sich 
nicht gewehrt hatte, ein Siegesdenkmal aufgeschichtet. Allerdings, 
mit dem Erlöschen der Nationen ist eine Fellachenwelt über die 
Geschichte geistig erhaben, endgültig zivilisiert, „ewig". Sie 
kehrt im Fieich der Tatsachen in einen natürhchen Zustand zu- 
rück, der zwischen langem Dulden und vorübergehendem Wüten 
auf und ab schwankt, ohne daß mit allem Blutvergießen — das 
durch keinen Weltfrieden je geringer wird — sich etwas ändert. 
Einst hatten sie für sich geblutet, jetzt müssen sie es für andere 
und oft genug nur zu deren Unterhaltung — das ist der Unter- 
schied. Ein handfester Führer, der zehntausend Abenteurer ver- 
sammelt, kann schalten, wie er will. Gesetzt, die ganze Welt wäre 
ein einziges Imperium, so wäre damit lediglich der Schauplatz für 
die Heldentaten solcher Eroberer der denkbar grüßte geworden. 

Lever doodt als Sklaav: das ist ein altfriesischer Bauern- 
spruch. Die Umkehrung ist der Wahlspruch jeder späten Zivili- 
sation und jede hat erfahren müssen, wieviel er kostet. 



DRITTES KAPITEL 

PROBLEME 
DER ARABISCHEN KULTUR 



Spengler, Der Unterpang des Abendlandes, H.. 15 



HISTORISCHE PSEUDOMORPHOSEN 
1 

In einer Gesteinsschicht sind Kristalle eines Minerals ein- 
geschlossen. Es entstehen Spalten und Risse; Wasser sickert 
herab und wäscht allmählich die Kristalle aus, so daß nur ihre 
Hohlform übrig bleibt. Später treten vulkanische Ereignisse 
ein, welche das Gebirge sprengen; glühende Massen quillen 
herein, erstarren und kristallisieren ebenfalls aus. Aber es steht 
ihnen nicht frei, es in ihrer eigenen Form zu tun; sie müssen 
die vorhandenen ausfüllen und so entstehen gefälschte Formen, 
Kristalle, deren innere Struktur dem äußeren Bau widerspricht, 
eine Gesteinsart in der Erscheinungsweise einer fremden. Dies 
wird von den Mineralogen Pseudomorphose genannt. 

Historische Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen 
eine fremde alte Kultur so mächtig über dem Lande liegt, daß 
eine junge, die hier zu Hause ist, nicht zu Atem kommt und 
nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen, 
sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußt- 
seins gelangt. Alles was aus der Tiefe eines frühen Seelentums 
emporsteigt, wird in die Hohlformen des fremden Lebens er- 
gossen; junge Gefühle erstarren in ältlichen Werken und statt 
des Sichaufreckens in eigener Gestaltungskraft wächst nur der 
Haß gegen die ferne Gewalt zur Riesengröße. 

Dies ist der Fall der arabischen Kultur. Ihre Vorgeschichte 
liegt ganz im Bereiche der uralten babylonischen Zivilisation,*) 
die seit zwei Jahrtausenden die Beute wechselnder Eroberer war. 
Ihre „Merowingerzeit" wird durch die Diktatur der winzigen 
persischen Stammesgruppe ^) bezeichnet, eines Urvolkes wie die 
Ostgoten, dessen zweihundertjährige, kaum bestrittene Herrschaft 
eine unendliche Müdigkeit dieser FeUachenwelt zur Voraussetzung 
hat. Aber seit 300 v. Chr. geht eine große Erweckung durch 
die jungen Völker dieser vom Sinai bis zum Zagros aramäisch 



1) Vgl. S. 199 ff. u. 209 ff. ^) Sie machte weniger als ein Hundertstel 

der Gesamtbevölkerung des Reiches aus. 

15* 



228 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

redenden Welt.i) Ein neues Verhältnis des Menschen zu Gott, 
ein völlig neues Weltgefühl durchdringt wie zur Zeit des trojani- 
schen Krieges und der Sachsenkaiser alle bestehenden Religionen, 
mögen sie die Namen des Ahura Mazda, Baal oder Jahwe tragen; 
überall drängt es einer großen Schöpfung zu, aber in eben 
dem Augenblick und so, daß ein innerer Zusammenhang nicht 
ganz unmöglich ist — denn die Macht des Persertums beruhte 
auf seelischen Voraussetzungen, die gerade jetzt verschwanden — , 
erschienen die Makedonier, von Babylon aus gesehen ein neuer 
Schwärm von Abenteurern wie alle früheren, und breitete eine 
dünne Schicht antiker Zivilisation über die Länder bis nach Indien 
und Turkestan. Die Diadochenreiche hätten zwar unvermerkt 
Staaten vorarabischen Geistes werden können; das Seleukiden- 
reich, das sich mit dem aramäischen Sprachgebiet geradezu deckte, 
war es schon um 200. Da aber wurde es seit der Schlacht bei 
Pydna in seinem westlichen Teile nach und nach dem antiken 
Imperium eingefügt und also der mächtigen Wirkung eines Geistes 
unterworfen, dessen Schwerpunkt in weiter Ferne lag. Hier be- 
reitet sich die Pseudomorphose vor. 

Die magische Kultur ist geographisch und historisch die 
mittelste in der Gruppe hoher Kulturen, die einzige, welche sich 
räumlich und zeitlich fast mit allen andern berührt. Der Aufbau 
der Gesamtgeschichte in unserem Weltbilde hängt deshalb ganz 
davon ab, ob man ihre innere Form erkennt, welche durch die 
äußere gefälscht wird; aber gerade sie ist aus philologischen und 
theologischen Vorurteilen und mehr noch infolge der Zersplitterung 
der modernen Fachwissenschaft bis jetzt nicht erkannt worden. 
Die abendländische Forschung ist seit langem nicht nur dem Stoff 
und der Methode, sondern auch dem Denken nach in eine Anzahl 
von Fachgebieten zerfallen, deren widersinnige Abgrenzung es ver- 
hindert hat, daß man die großen Fragen auch nur sah. Wenn 
irgendwo, so ist das „Fach" für die Probleme der arabischen 
Welt zum Verhängnis geworden. Die eigentlichen Historiker 
•hielten sich an das Interessengebiet der klassischen Philologie, 

*) Es ist zu bemerken, daß das Stammland der babylonischen Kultur, 
das alte Sinear, in den kommenden Ereignissen keinerlei Bedeutimg hat. Für 
die arabische Kultur konmit nur das Gebiet nördlich, nicht südlich von Babylon 
in Betracht. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 223 

aber deren Horizont endete an der antiken Sprachgrenze im 
Osten. Infolgedessen haben sie die tiefe Einheit der Entwick- 
lung diesseits und jenseits dieser seelisch gar nicht vorhan- 
denen Schranke nie bemerkt. Das Ergebnis war die Perspektive 
Altertum — Mittelalter — Neuzeit, die durch den griechisch- 
lateinischen Sprachgebrauch abgegrenzt und zusammen- 
gehalten wird. Axum, Saba und auch das Sassanidenreich waren 
für den Kenner der alten Sprachen, der sich an „Texte" hielt, 
nicht erreichbar und deshalb geschichtlich so gut wie nicht vor- 
handen. Die Literaturforscher, ebenfalls Philologen, verwechselten 
den Geist der Sprache mit dem dor Werke. Was im aramäischen 
Gebiet griechisch geschrieben oder auch nur erhalten war, wurde 
einer „spätgriechischen" Literatur einverleibt und daraufhin eine 
eigene Periode dieser Literatur angesetzt. Die Texte in anderen 
Sprachen fielen nicht in ihr Fach und wurden deshalb zu anderen 
Literaturgeschichten künstlich zusammengefaßt. Aber gerade 
hier lag das stärkste Beispiel dafür vor, daß keine Literatur- 
geschichte der Welt sich mit einer Sprache deckt.') Es gab 
hier eine geschlossene Gruppe magischer Nationalliteraturen von 
einheithchem Geist, aber in mehreren Sprachen, darunter auch 
den antiken. Denn eine Nation magischen Stils hat keine Mutter- 
sprache. Es gibt eine talmudische, manichäische, nestorianische, 
jüdische, sogar eine neupythagoräische Nationalliteratur, aber 
keine hellenische oder hebräische. 

Die Religionsforschung zerlegte das Gebiet in Einzelfächer 
nach westeuropäischen Konfessionen, und für die christliche 
Theologie ist wieder die „Philologengrenze" im Osten maßgebend 
gewesen und ist es noch. Das Persertum fiel in die Hände der 
iranischen Philologie. Weil die Awestatexte in einem arischen 
Dialekt nicht abgefaßt, aber verbreitet wurden, ist dies gewaltige 
Problem als Nebenaufgabe für Indologen betrachtet worden und 
verschwand damit völlig aus dem Gesichtskreis der christlichen 
Theologie. Für die Geschichte des talmudischen Judentums ist 
endlich, da die hebräische Philologie mit der alttestamentlichen 
Forschung e i n Fach bildet, kein weiteres Fach abgegrenzt worden 
und es wurde deshalb in allen großen Religionsgeschichten, die 

') Dies ist auch für die Literaturen des Abendlandes wichtig: die deutsche 
ist zum Teil lateinisch, die englische zum Teil französisch geschrieben. 



230 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

ich kenne, die jede primitive Negerreligion — weil es eine 
Völkerkunde als Fach gibt — und jede indische Sekte in Be- 
tracht ziehen, vollständig vergessen. Das ist die gelehrte Vor- 
bereitung der größten Aufgabe, welche der heutigen Geschichts- 
forschung gestellt ist. 



Die römische Welt der Kaiserzeit hat ihre Lage wohl ge- 
ahnt. Die späten Schriftsteller sind voll von Klagen über die 
Entvölkerung und geistige Verödung Afrikas, Spaniens, Galliens 
und vor allem der antiken Stammgebiete, Italiens und Griechen- 
lands. Ausgenommen von diesem verzweifelten Umblick sind 
regelmäßig die Provinzen, welche zur magischen Welt gehören. 
Syrien besonders ist dicht bevölkert und blüht wie das parthische 
Mesopotamien dem Blute wie der Seele nach prachtvoll auf. Das 
Übergewicht des jungen Ostens ist jedem fühlbar und mußte 
endhch auch politisch zum Ausdruck kommen. Die revolutio- 
nären Kiiege zwischen Marius und Sulla, Cäsar und Pompejus, 
Antonius und Oktavian sind von hier aus betrachtet ein Stück 
Vordergrundsgeschichte, hinter welcher immer deutlicher der 
Versuch einer Emanzipation dieses Ostens von dem geschichtslos 
werdenden Westen, einer erwachenden von einer Fellachenwelt 
hervortritt. Die Verlegung der Hauptstadt nach Byzanz war ein 
großes Symbol. Diokletian hatte Xikomedien gewählt, Cäsar an 
Alexandria oder Ilion gedacht; Antiochia wäre in jedem Falle 
richtiger gewesen. Aber dieser Akt vollzog sich drei Jahrhunderte 
zu spät: es waren die entscheidenden der magischen Frühzeit. 

Die Pseudomorphose beginnt mit Aktium — hier hätte 
Antonius siegen müssen. Es war nicht der Entscheidungs- 
kampf zwischen Römertum und Hellenismus, der zum Austrag 
kam; der ist bei Cannä und Zama ausgefochten worden, von 
Hannibal, der das tragische Geschick hatte, in Wirklichkeit nicht 
für sein Land, sondern für das Hellenentum zu kämpfen. Bei 
Aktium stand die ungeborne arabische Kultur gegen die greisen- 
hafte antike Zivilisation. Es handelte sieh um apollinischen oder 
magischen Geist, um die Götter oder den Gott, um Prinzipat oder 
Khalifat. Antonius' Sieg hätte die magische Seele befreit; seine 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 231 

Niederlage führte die starre Kaiserzeit über ihre Landschaft 
herauf. Der Ausgang würde den Folgen der Schlacht von Tours 
und Poitiers 732 vergleichbar sein, wenn dort die Araber gesiegt 
und „Frankistan" zu einem Khalifat des Nordostens gemacht 
hätten. Arabische Sprache, Religion und Gesellschaft wären in 
einer herrschenden Schicht heimisch geworden, Riesenstädte wie 
Granada und Kairuan wären an Loire und Rhein entstanden, das 
gotische Gefühl wäre gezwungen worden, sich in den längst er- 
starrten Formen von Moschee und Arabeske auszudrücken und 
statt der deutschen Mystik besäßen wir eine Art von Sufismus. 
Daß das Entsprechende in der arabischen Welt wirklich geschah, 
war die Folge davon, daß die syrisch-persische Bevölkerung keinen 
Karl Martell hervorgebracht hat, der mit Mithridates, Brutus und 
Cassius oder Antonius und über sie hinaus Rom bekämpfte. 

Eine zweite Pseudomorphose liegt heute vor unseren Augen: 
das petrinische Rußland. Die russische Heldensage der Bylinen- 
lieder erreicht ihren Gipfel in dem Kiewschen Sagenkreise vom 
Fürsten Wladimir (um 1000) und seiner Tafelrunde und dem 
Volkshelden Ilja von Murom.i) Der ganze unermeßliche Unter- 
schied zwischen der russischen und der faustischen Seele liegt 
schon zwischen diesen Gesängen und den „gleichzeitigen" der 
Artus-, Ermanarich- und Nibelungensagen der Wanderzeit in der 
Form des Hildebrand- und Walthariliedes. Die russische Mero- 
wingerzeit beginnt mit dem Sturz der Tartarenherrschaft durch 
Iwan in. (1480) und führt über die letzten Ruriks und die ersten 
Romanows bis auf Peter den Großen (1689 — 1725). Sie entspricht 
genau der Zeit von Chlodwig (481 — 511) bis zur Schlacht von Testri 
(687), mit welcher die Karolinger tatsächlich die Herrschaft er- 
hielten. Ich rate jedem, die fränkische Geschichte des Gregor von 
Tours (bis 591) und daneben die entsprechenden Abschnitte bei dem 
altvaterischen Karamsin zu lesen, vor allem die über Iwan den 
Schrecklichen, Boris Godunow und Schuiski. Die Ähnlichkeit kann 
nicht größer sein. Auf diese Moskowiterzeit der großen Bojaren- 
geschlechter und Patriarchen, in der beständig eine altrussische 
Partei gegen die Freunde westlicher Kultur kämpfte, folgt mit 
der Gründung von Petersburg (1703) die Pseudomorphose, welche 



') Wollner, Untersuchungen über die Volksepik der Großrussen, 1879. 



232 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

die primitive russische Seele erst in die fremden Formen des hohen 
Barock, dann der Aufklärung, dann des 19. Jahrhunderts zwang. 
Peter der Große ist das Verhängnis des Russentums geworden. 
Man denke sich seinen „Zeitgenossen" Karl den Grofsen, der 
planmäßig und mit seiner ganzen Energie das durchsetzt, was 
Karl Martell durch seinen Sieg soeben verhindert hatte: die 
Herrschaft des maurisch-byzantinischen Geistes. Es bestand die 
Möglichkeit, die russische Welt nach Art der Karolinger oder der 
Seleukiden zu behandeln, altrussisch nämlich oder „ westlerisch ", 
und die Romanows haben sich für das letzte entschieden. Die 
Seleukiden wollten Hellenen, nicht Aramäer um sich sehen. 

Der primitive Zarismus von Moskau ist die einzige Form, welche 
noch heute dem Russentum gemäß ist, aber er ist in Petersburg in 
die djTiastische Form Westeuropas umgefälscht worden. Der Zug 
nach dem heiligen Süden, nach Byzanz und Jerusalem, der tief 
in allen rechtgläubigen Seelen lag, wurde in eine weltmännische 
Diplomatie mit dem Blick nach Westen verwandelt. Auf den 
Brand von Moskau, die großartig symbolische Tat eines Urvolkes, 
aus welcher der Makkabäerhaß gegen alles Fremde und Fremd- 
gläubige redet, folgt der Einzug Alexanders in Paris, die heiKge 
AlKanz und die Stellung im Konzert der westlichen Großmächte. 
Ein Volkstum, dessen Bestimmung es war, noch auf Generationen 
hin geschichtslos zu leben, wurde in eine künsthche und unechte Ge- 
schichte gezwängt, deren Geist vom Urrussentum gar nicht begriffen 
werden konnte. Späte Künste und Wissenschaften wurden herein- 
getragen, Aufklärung, Sozialethik, weltstädtischer Materialismus, 
obwohl in dieser Vorzeit Religion die einzige Sprache war, in der 
man sich und die Welt verstand; in das stadtlose Land mit seinem 
ursprünglichen Bauerntum nisteten sich Städte fremden Stils wie 
Geschwüre ein. Sie waren falsch, unnatürlich, unwahrscheinlich 
bis in ihr Innerstes. „Petersburg ist die abstrakteste und künst- 
lichste Stadt, die es gibt," bemerkt Dostojewski. Er hatte, ob- 
wohl er dort geboren war, ein Gefühl, als ob sie sich eines 
Morgens mit den Sumpfnebeln zugleich auflösen könnte. So, 
geisterhaft, unglaubwürdig, lagen die hellenistischen Prunkstädte 
überall im aramäischen Bauernland. So hat Jesus sie in seinem 
Galiläa gesehen. So muß Petrus empfunden haben, als er das 
kaiserliche Rom erblickte. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 233 



Alles was rings umher entstand, ist von dem echten Russen- 
tum seitdem als Gift und Lüge empfunden worden. Ein wahrhaft 
apokalyptischer Haßt richtet sich gegen Europa auf. Und „Europa" 
war alles, was nicht russisch war, auch Rom und Athen, ganz 
wie für den magischen Menschen damals auch das alte Ägypten 
und Babylon antik, heidnisch, teufhsch war. „Die erste Bedingung 
der Befreiung des russischen Volksgefühls ist: von ganzem Herzen 
und aus voller Seele Petersburg zu hassen," schreibt Aksakow 
1863 an Dostojewsld. Moskau ist heilig, Petersburg ist der Satan; 
Peter der Große erscheint in einer verbreiteten Volkslegende als 
der Antichrist. Genau so redet es aus allen Apokalypsen der 
aramäischen Pseudomorphose, vom Buche Daniel und Henoch zur 
Makkabäerzeit bis auf die Offenbarung Johannis, Baruch und den 
IV. Esra nach der Zerstörung Jerusalems, gegen Antiochus, den 
Antichrist, gegen Rom, die babylonische Hure, gegen die Städte 
des Westens mit ihrem Geist und Pomp, gegen die gesamte 
antike Kultur. Alles was entsteht, ist unwahr und unrein: diese 
verwöhnte Gesellschaft, die durchgeistigten Künste, die sozialen 
Stände, der fremde Staat mit seiner zivilisierten Diplomatie, 
Rechtsprechung und Verwaltung. Es gibt keinen größeren Gegen- 
satz als russischen und abendländischen, jüdisch-christlichen und 
spätantiken Nihilismus: den Haß gegen das Fremde, das die noch 
ungeborene Kultur im Mutterschoß des Landes vergiftet, und den 
Ekel vor der. eignen, deren Höhe man endHch satt ist. Tiefstes 
religiöses Weltgefühl, plötzliche Erleuchtungen, Schauder der 
Furcht vor dem kommenden Wachsein, metaphysisches Träumen 
und Sehnen stehen am Anfang, bis zum Schmerz gesteigerte geistige 
Klarheit am Ende der Geschichte. In diesen beiden Pseudomorphosen 
mischen sie sich. „Alle grübeln sie jetzt auf den Straßen und Markt- 
plätzen über den Glauben", heißt es bei Dostojewski. Das hätte auch 
von Jerusalem und Edessa gesagt werden können. Diese jungen 
Russen vor dem Kriege, schmutzig, bleich, erregt, in Winkeln 
hockend und immer mit Metaphysik beschäftigt, alles mit den 
Augen des Glaubens betrachtend, selbst wenn sich das Gespräch 
dem Anschein nach um Wahlrecht, Chemie oder Frauenstudium 
bewegte — das sind die Juden und Urchristen der hellenistischen 
Großstädte, die der Römer mit so viel Spott, Widerwillen und heim- 
licher Furcht betrachtete. Es gab im zarischen Rußland kein Bürger- 



234 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

tum, überhaupt keine echten Stände, sondern nur Bauern und 
„Herren" wie im Frankenreiche. Die „Gesellschaft" war eine Welt 
für sich, das Produkt einer westlerischen Literatur, etwas Fremdes 
und Sündhaftes. Es gab keine russischen Städte. Moskau war eine 
Pfalz — der Kreml — um den sich ein riesenhafter Markt aus- 
breitete. Die Scheinstadt, die sich hineindrängt und herumlagert, 
und alle die andern auf dem Boden des Mütterchen Rußland sind 
des Hofes, der Verwaltung, der Kaufleute wegen da; aber was in 
ihnen lebt, ist oben eine fleischgewordne Literatur, die „InteUigenz" 
mit angelesenen Problemen und Konflikten, und in der Tiefe ent- 
wurzeltes Bauernvolk mit all der metaphysischen Trauer, Angst 
und dem Elend, das Dostojewski mit ihm erlebt hat, mit dem 
beständigen Heimweh nach der weiten Erde und dem bitteren 
Haß gegen die steinerne greisenhafte Welt, in die der Antichrist 
sie verlockt hatte. Moskau besaß keine eigene Seele. Die Gesell- 
schaft war von westHchem Geist und das Volk unten führte die 
Seele des Landes mit sich. Zwischen beiden Welten gab es kein 
Verstehen, keine Vermittlung, keine Verzeihung. Will man die 
beiden großen Fürsprecher und Opfer der Pseudomorphose ver- 
stehen, so war Dostojewski ein Bauer, Tolstoi ein Mensch der 
weltstädtischen Gesellschaft. Der eine konnte sich innerlich vom 
Lande nie befreien, der andere hat es trotz allen verzweifelten 
Bemühens niemals gefunden. 

Tolstoi ist das vergangene, Dostojewski das kom- 
mende Rußland. Tolstoi ist mit seinem ganzen Linern dem 
Westen verbunden. Er ist der große Wortführer des Petrinismus, 
auch wenn er ihn verneint. Es ist stets eine westliche Verneinung. 
Auch die Guillotine war eine legitime Tochter von Versailles. 
Sein mächtiger Haß redet gegen das Europa, von dem er selbst 
sich nicht befreien kann. Er haßt es in sich, er haßt sich. Er 
wird damit der Vater des Bolschewismus. Die ganze Ohnmacht 
dieses Geistes und „seiner" Revolution von 1917 spricht aus den 
nachgelassenen Szenen: „Das Licht leuchtet in der Finsternis." 
Diesen Haß kennt Dostojewski nicht. Er hat alles Westliche mit 
einer ebenso leidenschaftlichen Liebe umfaßt. „Ich habe zwei 
Vaterländer, Rußland und Europa." Für ihn hat das alles, Petri- 
nismus und Revolution, bereits keine Wirklichkeit mehr. Aus 
seiner Zukunft blickt er wie aus weiter Ferne darüber hin. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 235 

Seine Seele ist apokalyptisch, sehnsüchtig, verzweifelt, aber dieser 
Zukunft gewiß., „Ich werde nach Europa fahren," sagt Iwan 
Karamasoff zu seinem Bruder Aljoscha, „ich weifs es ja, daß ich 
nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten, aller- 
teuersten Friedhof, das weiß ich auch. Teure Tote liegen dort 
begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen ver- 
gangenen Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die voll- 
brachten eigenen Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen 
Kampf und die eigene Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im vor- 
aus, zur Erde niederfallen, diese Steine küssen und über ihnen 
weinen werde, " Tolstoi ist durchaus ein großer Verstand, „ auf- 
geklärt" und „sozial gesinnt". Alles was er um sich sieht, nimmt 
die späte, großstädtische und westliche Form eines Problems an. 
Dostojewski weiß gar nicht, was Probleme sind. Jener ist ein 
Ereignis innerhalb der europäischen Zivilisation. Er steht in der 
Mitte zwischen Peter dem Großen und dem Bolschewismus. Die 
russische Erde haben sie alle nicht zu Gesicht bekommen. Was 
sie bekämpfen, wird durch die Form, in der sie es tun, docli 
wieder anerkannt. Das ist nicht Apokalyptik, sondern geistige 
Opposition. Sein Haß gegen den Besitz ist nationalökonomischer, 
sein Haß gegen die Gesellschaft sozialethischer Natur; sein Haß 
gegen den Staat ist eine politische Theorie. Daher seine gewaltige 
Wirkung auf den Westen. Er gehört irgendwie zu Marx, Ibsen 
und Zola. Seine Werke sind nicht Evangelien, sondern späte, 
geistige Literatur. Dostojewski gehört zu niemand, wenn nicht 
zu den Aposteln des Urchristentums. Seine „Dämonen" waren 
in der russischen Intelligenz als konservativ verschrien. Aber 
Dostojewski sieht diese Konflikte gar nicht. Für ihn ist zwischen 
konservativ und revolutionär überhaupt kein Unterschied: beides 
ist westlich. Eine solche Seele sieht über aUes Soziale hinweg. 
Die Dinge dieser Welt erscheinen ihr so unbedeutend, daß sie 
auf ihre Verbesserung keinen Wert legt. Keine echte Religion 
will die Welt der Tatsachen verbessern. Dostojewski wie jeder 
Urrusse bemerkt sie gar nicht; sie leben in einer zweiten, meta- 
physischen, die jenseits der ersten liegt. Was hat die Qual einer 
Seele mit dem Kommunismus zu tun? Eine Religion, die bei Sozial- 
problemen angelangt ist, hat aufgehört, Religion zu sein. Dostojewski 
aber lebt schon in der Wirklichkeit einer unmittelbar bevorstehenden 



236 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

religiösen Schöpfung. Sein Aljoscha ist dem Verständnis aller 
literarischen Kritik, auch der russischen, entzogen; sein Christus, 
den er immer schreiben wollte, wäre ein echtes Evangelium ge- 
worden wie jene des Urchristentums, die gänzlich außerhalb aller 
antiken und jüdischen Literaturformen stehen. Aber Tolstoi ist 
ein Meister des westlichen Romans — Anna Karenina wird von 
keinem zweiten auch nur entfernt erreicht — , ganz wie er auch 
in seinem Bauernkittel ein Mann der Gesellschaft ist, 

Anfang und Ende stoßen hier zusammen. Dostojewski ist 
ein Heiliger, Tolstoi ist nur ein Revolutionär. Von ihm allein, 
dem echten Nachfolger Peters, geht der Bolschewismus aus : nicht 
das Gegenteil, sondern die letzte Konsequenz des Petrinismus, 
die äußerste Herabwürdigung des Metaphysischen durch das 
Soziale und eben deshalb nur eine neue Form der Pseudomor- 
phose. War die Gründung von Petersburg die erste Tat des 
Antichrist, so war die Vernichtung der von Petersburg aus ge- 
bildeten Gesellschaft durch sich selbst die zweite: so muß das 
Bauerntum es innerlich empfinden. Denn die Bolschewisten sind 
nicht das Volk, auch nicht ein Teil von ihm. Sie sind die tiefste 
Schicht der „Gesellschaft", fremd, westlerisch wäe sie, aber von 
ihr nicht anerkannt und deshalb vom Haß der Niedrigen erfüllt. 
Alles das ist großstädtisch und zivilisiert, das Sozialpolitische, 
der Fortschritt, die Intelligenz, die ganze russische Literatur, die 
erst romantisch und dann nationalökonomisch für Freiheiten und 
Verbesserungen schwärmt. Denn alle ihre .Leser" gehören zur 
Gesellschaft. Der echte Russe ist ein Jünger Dostojewskis, ob- 
wohl er ihn nicht Kest, obwohl und weil er überhaupt nicht 
lesen kann. Er ist selbst ein Stück Dostojewski. Wären die 
Bolschewisten, die in Christus ihresgleichen, einen bloßen Sozial- 
revolutionär erblicken, geistig nicht so eng, sie würden in Dosto- 
jewski ihren eigentlichen Feind erkannt haben. Was dieser Re- 
volution ihre Wucht gab, war nicht der Haß der Intelligenz. Es 
war das Volk, das ohne Haß, nur aus dem Trieb, sich von einer 
Krankheit zu heilen, die westlerische Welt durch ihren Abhub 
zerstörte und diesen selbst ihr nachsenden wird, das stadtlose 
Volk, das sich nach seiner eigenen Lebensform, seiner eigenen 
Religion, seiner eigenen künftigen Geschichte sehnt. Das Christen- 
tum Tolstois war ein Mißverständnis. Er sprach von Christus 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 237 



und meinte Marx. Dem Christentum Dostojewskis gehört das 
nächste Jahrtausend. 



Außerhalb der Pseudomorphose und um so kräftiger, je ge- 
ringer die Macht antiken Geistes im Lande Hegt, drängen aDe 
Formen einer echten Ritterzeit hervor. Scholastik und Mystik, 
Lehnstreue, Minnesang, Kreuzzugsbegeisterung — das war alles 
in den ersten Jahrhunderten der arabischen Kultur vorhanden, 
man muß es nur zu finden wissen. Es gibt auch nach Septimius 
Severus noch dem Namen nach Legionen, aber sie sehen im 
Osten aus wie das Gefolge eines Herzogs; Beamte werden er- 
nannt, aber eigentlich hat man einem Grafen ein Lehen über- 
tragen; während der Cäsarentitel im Westen in die Hände von 
Häuptlingen fällt, verwandelt sich der Osten in ein frühes 
Khalifat, das mit dem Lehnsstaat der reifen Gotik die erstaun- 
lichste Ähnlichkeit hat. Im Sassanidenreich, im Hauran, in Süd- 
arabien bricht eine echte Ritterzeit an. Ein König von Saba, 
Schamir Juharisch, lebt wie Roland und König Artus durch seine 
Heldentaten in der arabischen Sage fort, die ihn durch Persien 
bis nach China ziehen läßt.i) Das Reich von Maan im ersten 
vorchristlichen Jahrtausend bestand neben dem israelitischen und 
läßt sich in seinen Überresten mit Mykene und Tiryns ver- 
gleichen; die Spuren reichen tief nach Afrika hinein.^) Jetzt 
aber erblüht in ganz Südarabien und selbst im abessinischen 
Gebirge die Feudalzeit. 3) In Axum entstehen in frühchristlicher 
Zeit mächtige Schlösser und die Königsgräber mit den größten 
Monolithen der Welt.^) Hinter den Königen steht ein Lehns- 
adel der Grafen [Jcail) und Statthalter {kabir), Vasallen von oft 
zweifelhafter Treue, deren großer Besitz die Hausmacht der 
Könige mehr und mehr einengt. Die endlosen christlich-jüdischen 
Kriege zwischen Südarabien und dem Reich von Axum ^) haben 

*) Schiele, Die Religion in Geschichte und Gegenwart I, 647. 

2) Bent, The sacred City of the Ethiopians (London 1893) S. 134 flf. über 
die Trümmer von Jeha, deren südarabische Inschi'iften Glaser in das 7. — 5. Jahrh. 
V. Chr. setzt. D. H. Müller, Bm-gen u. Schlösser Südarabiens (1879). 

ä) Grimme, Mohammed S. 26 ff. 

*) Deutsche Aksum-Expedition (1913) Bd. IL 

*) Von Persien führt eine m-alte Völkerstraße über die Meerengen von 



238 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

ritterlichen Charakter und lösen sich oft in Einzelfehden auf, die 
von den Baronen von deren Burgen aus geführt werden. In Saba 
herrschen die — später christlichen — Hamdaniden. Hinter ihnen 
steht das christliche und mit Rom verbündete Reich von Axum, 
das um 300 vom weißen Nil bis zur SomaHküste und dem per- 
sischen Golf reicht und 525 die jüdischen Himjariten stürzt. 
542 fand hier der Fürstenkongreß von Marib statt, auf dem 
Byzanz und Persien durch Gesandte vertreten waren. Noch heute 
liegen überall im Lande die zahllosen Ruinen mächtiger Schlösser, 
von denen man in islamischer Zeit sich nur denken konnte, daß 
sie von Geisterhänden erbaut seien. Die Burg Gomdan war eine 
Festung von zwanzig Stockwerken, i) 

Im Sassanidenreich herrschte die Ritterschaft der Dinkane, 
und der glänzende Hof dieser „Staufenkaiser" des frühen Ostens 
ist in jedem Betracht für den byzantinischen seit Diokletian vor- 
bildlich geworden. Noch viel später wußten die Abbassiden in 
ihrer neugegründeten Residenz Bagdad nichts Besseres, als das 
Sassanidenideal eines höfischen Lebens in großer Form nach- 
zuahmen. In Nordarabien entwickelte sich an den Höfen der Ghas- 
saniden und Lachmiden eine echte Troubadour- und Minnepoesie, 
und ritterliche Dichter fochten zur Kirchenväterzeit „mit Wort, 
Lanze und Schwert" ihre Wettkämpfe aus. Darunter war auch 
ein Jude, Samuel, Burgherr auf AI Ablaq, der um fünf kost- 
barer Panzer willen eine berühmte Belagerung durch den König 
von El Hira aushielt. 2) Dieser Lyrik gegenüber ist die spät- 
arabische, wie sie seit 800 namentlich in Spanien blühte, nichts 
als Romantik, die zu jener altarabischen Kunst in ganz dem- 
selben Verhältnis steht wie Uhland und Eichendorff zu Walter 
von der Vogelweide. 

Für diese junge Welt der ersten nachchristlichen Jahrhunderte 
hatten unsere Altertumsforscher und Theologen keinen Blick. 
Mit den Zuständen des spätrepublikanischen und kaiserlichen 
Roms beschäftigt, sehen sie hier nur primitive und jedenfalls 



Ormus lind Bab el Mandeb durch Südarabien nach Abessinien und dem Nil. 
Sie ist geschichtlich wichtiger als die nördliche über die Landenge von Suez. 

') Grimme S. 43; Abbildung der ungeheuren Ruine von Gomdan S. 81. 
Vgl. auch die Rekonstruktionen im deutschen Aksumwerk. 

^) Brockelmann, Gesch. d. arab. Lit. S. 34. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 239 

unbedeutende Verhältnisse. Aber die Partherscharen, die wieder 
und wieder gegen römische Legionen anritten, waren ritterlich 
begeisterte Mazdaisten. Es lag Kreuzzugsstimmung über ihren 
Heeren. So hätte es mit dem Christentum werden können, wenn 
es nicht ganz der Pseudomorphose verfallen wäre. Die Stimmung 
war auch hier vorhanden. Tertullian sprach von der militia 
Christi und das Sakrament wurde als Fahneneid bezeichnet. In 
den späteren Heidenverfolgungen war Christus der Held, für den 
sein Gefolge zu Felde zog, aber einstweilen gab es statt christ- 
licher Ritter und Grafen römische Legaten und statt der Schlösser 
und Turniere diesseits der römischen Grenze nur Lager und Hin- 
richtungen. Aber trotzdem war es ein echter Kreuzzug der Juden 
und kein eigentlicher Partherkrieg, der 115 unter Trajan losbrach 
und in dem als Vergeltung für die Zerstörung von Jerusalem 
die ganze ungläubige — „ griechische " — Bevölkerung von Cypern, 
angeblich 240000 Menschen, niedergemacht wurde. Nisibis ist 
damals in einer vielbewunderten Belagerung von Juden verteidigt 
worden. Das kriegerische Adiabene war ein Judenstaat. In 
allen Parther- und Perserkriegen gegen Rom haben die bäuerlich- 
ritterlichen Aufgebote der mesopotamischen Juden in der ersten 
Linie gefochten. 

Aber nicht einmal Byzanz hat sich dem Geiste der arabischen 
Feudalzeit ganz entziehen können, die unter einer Schicht spät- 
antiker Verwaltungsformen namentlich im Innern Kleinasiens 
zur Entstellung eines echten Lehnswesens führte. Es gab da 
mächtige Geschlechter, deren Vasallentreue unzuverlässig war 
und die alle den Ehrgeiz hatten, den byzantinischen Thron in 
ihren Besitz zu bringen. „Anfänglich an die Hauptstadt ge- 
bunden, die nur mit Erlaubnis des Kaisers verlassen werden 
durfte, saß dieser Adel später auf seinen weitgedehnten Domänen 
in der Provinz und bildete seit dem 4. Jahrhundert als Provinz- 
aristokratie einen wirklichen Stand, der im Laufe der Zeit für 
sich eine gewisse Unabhängigkeit von der kaiserlichen Macht 
beanspruchte. " i) 

Das „römische Heer" hat sich im Osten in weniger als 
zwei Jahrhunderten aus einer modernen Armee in ein Ritter- 
heer zurückverwandelt. Die römische Legion ist durch die Maß- 

') Roth, Sozial- und Kulturgesch. d. Byzant. Reiches S. 15. 



240 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

nahmen der Severer um 200 verschwunden, i) Im Westen sanken 
sie zu Horden herab: im Osten entstand im 4. Jahrhundert ein 
spätes, aber echtes Rittertum. Den Ausdruck gebraucht schon 
Mommsen, ohne seine Tragweite zu erkennen. 2) Der junge 
Adlige erhielt eine sorgfältige Ausbildung im Einzelkampf, zu 
Pferde, mit Bogen und Lanze. Kaiser Gallienus, der Freund 
Plotins und Erbauer der Porta Nigra, eine der bedeutendsten 
und unglücklichsten Erscheinungen aus der Zeit der Soldaten- 
kaiser, bildete um 260 aus Germanen und Mauren eine neue 
Art von berittener Truppe, seine Gefolgstreuen. Es ist bezeich- 
nend, daß in der Religion des römischen Heeres die alten Stadt- 
gottheiten zurücktreten und unter den Namen des Mars und 
Herkules die germanischen Götter des persönlichen Heldentums 
an die Spitze gelangen.^) Die palatini Diokletians sind nicht ein 
Ersatz für die von Septimius Severus aufgelösten Prätorianer, 
sondern ein kleines wohldiszipliuiertes Ritterheer, während die 
comitatenses, das große Aufgebot, in numeri, „Fähnlein" geordnet 
werden. Die Taktik ist die einer jeden Frühzeit, welche auf 
persönliche Tapferkeit stolz ist. Der Angriff erfolgt in der 
germanischen Form des Gevierthaufens („Eberkopfes"). Unter 
Justinian ist das der Zeit Karls V. genau entsprechende System 
der Landsknechte voll ausgebildet, die von Kondottieri ■*) in der 
Art Frundsbergs angeworben werden und unter sich Landsmann- 
schaften bilden. Der Zug des Narses wird von Prokop^) ganz 
wie die großen Werbungen Wallensteins beschrieben. 

Aber daneben erscheint in diesen frühen Jahrhunderten auch 
eine prachtvolle Scholastik und Mystik magischen Stils, die an 
den berühmten Hochschulen des gesamten aramäischen Gebiets 
zu Hause ist: den persischen von Ktesiphon, Resain, Dschondi- 
sabur, den jüdischen von Sura, Nehardea und Pumbadita, denen 
anderer „Nationen" in Edessa, Nisibis, Kinnesrin. Hier sind die 
Hauptsitze einer blühenden Astronomie, Philosophie, Chemie und 
Medizin, aber nach Westen hin wird diese große Erscheinung 
durch die Pseudomorphose verdorben. Was magischen Ursprungs 

') Delbrück, Gesch. d. Kriegskunst IL S. 222. 

2) Ges. Schriften' IV, S. 5-32. 

ä) V. Domaszew&ki, Die Religion des röm. Heeres S. 49. 

♦) bucctUarit, Delbrück II S. 354. ^} Gotenkrieg IV, 26. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 241 



und Geistes ist, geht zu Alexandria und Beirut in die Formen 
griechischer Philosophie und römischer Rechtswissenschaft über; 
es wird in antiken Sprachen niedergeschrieben, in fremde und längst 
erstarrte Literaturformen gepreßt und durch die greisenhafte Denk- 
weise einer ganz anders angelegten Zivilisation verfälscht. Da- 
mals und nicht mit dem Islam beginnt die arabische Wissen- 
schaft. Aber weil unsere Philologen nur das entdeckten, was 
in spätantiker Fassung in Alexandria und Antiochia erschien, 
und von dem ungeheuren Reichtum der arabischen Frühzeit und 
den wirklichen Mittelpunkten ihres Forschens und Schauens 
nichts ahnten, konnte die absurde Meinung entstehen, „die 
Araber" seien geistige Epigonen der Antike gewesen. In Wirk- 
lichkeit ist so gut wie alles, was — von Edessa aus gesehen — 
jenseits der Philologengrenze dem heutigen Auge als Frucht spät- 
antiken Geistes gilt, nichts als der Widerschein früh arabischer 
Innerlichkeit. Damit stehen wir vor der Pseudomorphose der 
magischen Religion. 



Die antike Religion lebt in einer ungeheuren Zahl von 
Einzelkulten, die, in dieser Gestalt dem apollinischen Menschen 
natürlich und selbstverständlich, jedem Fremden in ihrem eigent- 
lichen Wesen so gut wie verschlossen sind. Sobald Kulte von 
solcher Art entstanden, gab es eine antike Kultur. Sobald sie 
in später Römerzeit ihr Wesen veränderten, war die Seele dieser 
Kultur zu Ende. Außerhalb der antiken Landschaft sind sie 
niemals echt und lebendig gewesen. Das Göttliche ist stets an 
einen einzelnen Ort gebunden und auf ihn beschränkt. Das 
entspricht dem statischen und euklidischen Weltgefühl. Das 
Verhalten des Menschen zur Gottheit hat die Form eines eben- 
falls ortsgebundenen Kultes, dessen Bedeutung im Bilde der 
rituellen Handlung und nicht in deren dogmatischem Hintersinn 
liegt. Wie die Bevölkerung in zahllose nationale Punkte, so zer- 
fällt ihre Religion in diese winzigen Kulte, deren jeder von 
jedem andern vollständig unabhängig ist. Nicht ihr Umfang, 
sondern nur ihre Anzahl kann zunehmen. Es ist die einzige 
Form des Wachstums innerhalb der antiken Religion und sie 

Spenglor, Der Untergang des Abendlandes. II. 16 



242 PROBLE^IE DER ARABISCHEN KULTUR 

schließt jede Mission vollständig aus. Denn diese Kulte übt man 
aus, aber man gehört ihnen nicht an; es gibt keine antiken 
„Gemeinden". Wenn spätes Denken in Athen etwas Allgemeineres 
im Göttlichen und Kultischen annimmt, so ist das nicht ReKgion, 
sondern Philosophie, die sich auf das Denken einzelner be- 
schränkt und auf das Empfinden der Nation, nämlich der Polis, 
nicht im geringsten einwirkt. 

Im schärfsten Gegensatz dazu steht die sichtbare Form der 
magischen Rehgion, die Kirche, die Gemeinschaft der Recht- 
gläubigen, die keine Heimat und keine irdische Grenze kennt. 
Von der magischen Gottheit gilt das Wort Jesu: »Wo zwei oder 
drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter 
ihnen." Es versteht sich, daß für jeden Gläubigen nur ein Gott 
der wahre und gute sein kann, die Götter der andern aber falsch 
und böse sind.^) Die Beziehung zwischen diesem Gott und dem 
Menschen ruht nicht im Ausdruck, sondern in der geheimen 
Kraft, in der Magie gewisser symbolischer Handlungen: damit 
sie wirksam sind, muß man ihre Form und Bedeutung genau 
kennen und sie danach ausüben. Die Kenntnis dieser Bedeutung 
ist ein Besitz der Kirche — sie ist die Kirche selbst als die 
Gemeinschaft der Kenner — und damit liegt der Schwerpunkt 
jeder magischen Religion nicht im Kult, sondern in einer Lehre, 
im Bekenntnis. 

Solange die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die 
Pseudomorphose darin, daß alle Kirchen des Ostens in. Kulte 
westHchen Stils überführt wurden. Das ist eine wesentUche Seite 
des Synkretismus. Die persische Religion dringt als Mithraskult 
ein, die chaldäisch-syrische in den Kulten der Gestirngötter und 
Baale (Jupiter Dolichenus, Sabazios, Sol invictus, Atargatis), das 



') Und nicht etwa „nicht vorhanden". Es heißt das magische Weltgefühl 
ir.ißverstehen, wenn man in die Bezeichnimg „der wahre Gott" eine faustisch- 
dynamische Bedeutung legt. Der Götzendienst, den man bekämpft, setzt die 
volle Wirklichkeit der Götzen und Dämonen voraus. Die israelitischen Propheten 
haben nicht daran gedacht, die Baale zu leugnen, und ebenso sind Mithras und 
Isis für die frühen Christen, Jehovah für den Christen Marcion, Jesus für die 
Manichäer teuflische, aber höchst reale Mächte. Daß man „an sie nicht glauben" 
soll, ist ein Ausdruck ohne Sinn für das magische Empfinden; man soll sich 
nicht an sie w e n d e n. Das ist, nach einer längst geläufigen Bezeichnimg, Heno- 
theismus, nicht Monotheismus. 



PROBLElVrE DER ARABISCHEN KULTUR 243 

Judentum in Gestalt eines Jahwekultes, denn die ägyptischen Ge- 
meinden der Ptolemäerzeit lassen sich nicht anders bezeichnen,') 
und auch das früheste Christentum, wie die paulinischen Briefe 
und die römischen Katakomben deutlich erkennen lassen, als 
Jesuskult. Mögen alle diese Kulte, die etwa seit Hadrian die der 
echt antiken Stadtgötter völlig in den Hintergrund drängen, noch 
so laut den Anspruch erheben, eine Offenbarung des einzig wahren 
Glaubens zu sein — Isis nennt sich deorum dearumque facies 
uniformis — , so tragen sie doch sämtliche Merkmale des antiken 
Einzelkultes: sie vermehren deren Zahl ins Unendliche; jede Ge- 
meinde steht für sich und ist örtlich begrenzt; alle diese Tempel, 
Katakomben, Mithräen, Hauskapellen sind Kultorte, an welche 
die Gottheit nicht ausdrücklich, aber gefühlsmäßig gebunden ist; 
aber trotzdem liegt magisches Empfinden in dieser Frömmigkeit. 
Antike Kulte übt man aus, und zwar in beliebiger Zahl, von 
diesen gehört man einem einzigen an. Die Mission ist dort 
undenkbar, hier ist sie selbstverständlich, und der Sinn religiöser 
Übungen verschiebt sich deutlich nach der lehrhaften Seite. 

Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen 
der magischen Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt sich das 
Verhältnis um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber 
es sind jetzt Kulte des Westens, die zu einer neuen Kirche 
des Ostens werden. Aus der Summe von Einzelkulten ent- 
wickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche an diese Gottheiten 
und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des Persertums 
und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische 
" Nation. Aus der sorgfältig festgelegten Form der Einzelhandlung 
bei Opfern und Mysterien wird eine Art Dogma über den Gesamt- 
sinn dieser Akte. Die Kulte können sich gegenseitig vertreten; 
man übt sie nicht eigentlich aus, sondern „hängt ihnen an". Und 
aus der Gottheit des Ortes wird, ohne daß jemand sich der 
Schwere dieser Wandlung bewußt wäre, die am Orte gegen- 
wärtige Gottheit. 

So sorgfältig der Synkretismus seit.Jahrzehnten durchforscht 
ist, so wenig hat man doch den Grundzug seiner Entwicklung, 
zuerst die Verwandlung östlicher Kirchen in westliche Kulte und 

') Scliürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi 
in S. 499. Wendland, Die hellenistisch-römische Kultur S. 192. 

16* 



244 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



dann mit umgekehrter Tendenz die Entstehung der Kultkirche er- 
kannt, i) Aber die Religionsgeschichte der frühchristlichen Jahr- 
hunderte ist anders gar nicht zu verstehen. Der Kampf zwischen 
Christus und Mithras als Kultgottheiten in Rom erhält jenseits von 
Antiochia die Form eines Kampfes zwischen der persischen und der 
christlichen Kirche. Aber der schwerste Krieg, den das Christentum 
zu führen hatte, nachdem es selbst der Pseudomorphose verfallen 
und deshalb mit dem Anthtz seiner geistigen Entwicklung nach 
AVesten gerichtet war, galt nicht der \\'irklichen antiken Reli- 
gion, die es kaum noch zu Gesicht bekam und deren öffentliche 
Stadtkulte innerlich laugst erstorben und ohne jede Macht über 
die Gemüter waren, sondern dem Heidentum oder Griechentum 
als einer neuen und kraftvollen Kirche, die aus demselben 
Geist entstanden war wie es selbst. Es gab zuletzt im Osten 
des Imperiums nicht eine Kultkirche, sondern zwei, und wenn 
die eine nur aus Christusgemeinden bestand, so verehrten die 
Gemeinden der andern unter tausend Namen mit Bewufatsein 
ein und dasselbe göttliche Prinzip. 

Es ist viel über antike Toleranz geredet worden. Man er- 
kennt das Wesen einer Religion vielleicht am klarsten aus den 
Grenzen ihrer Toleranz und es gab auch für die alten Stadt- 
kulte solche Grenzen. Daß sie stets in Mehrzahl vorhanden 
waren und ausgeübt Avurden, gehört zu ihrem eigentlichen Smn 
und bedurfte deshalb überhaupt keiner Duldung. Aber man setzte 
von jedem voraus, daß er vor der kultischen Form als solcher 
Achtung habe. Wer, wie manche Philosophen oder auch An- 
hänger fremdartiger Religionen, diese Achtung durch Wort oder 
Tat versägte, lernte auch das Maß antiker Duldung kennen. 
Etwas ganz anderes liegt den Verfolgungen magischer Kirchen 
untereinander zugrunde; da ist es die henotheistische Pflicht 
gegen den wahren Glauben, welche die Anerkennung des falschen 
verbietet. Antike Kulte hätten den Jesuskult unter sich er- 
tragen. Die Kultkirche mußte die Jesuskirche angreifen. Alle 
großen Christenverfolgungen, denen die späteren Heidenverfol- 
gungen genau entsprechen, sind von ihr und nicht vom „römischen" 

') Infolgedessen erscheint er als formloser iJischniascli aller denkbaren 
Religionen. Nichts ist weniger richtig. Die Fonnenhildung geht erst von West 
nach Ost, dann von Ost nach West 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 245 

Staate ausgegangen und sie waren nur insofern politisch, als 
auch die Kultkirche zugleich Nation und Vaterland war. Man 
wird bemerken, dafs unter der Maske der Kaiserverehrung sich 
zwei religiöse Bräuche verbergen — in den antiken Städten 
des Westens, Rom an der Spitze, entstand der Einzelkult des 
(Jiüus als letzter Ausdruck jenes euklidischen Gefühls, wonach 
es einen rechtlichen und also auch sakralen Übergang vom soma 
des Bürgers zu dem eines Gottes gab; im Osten wurde daraus 
ein Bekenntnis zum Kaiser als dem Heiland und Gottmenschen, 
dem Messias aller Synkretisten, das deren Kirche durch eine 
höchste nationale Form zusammengefaßt hat. Das Opfer für den 
Kaiser ist das vornehmste Sakrament dieser Kirche; es ent- 
spricht durchaus der christlichen Taufe und man versteht, was 
die Forderung und Verweigerung dieser Akte in den Zeiten der Ver- 
folgung symbolisch zu bedeuten hatte. Alle diese Kirchen besitzen 
Sakramente: heilige Mahlzeiten wie den Haomatrank der Perser, 
das Passah der Juden, das Abendmahl der Christen, ähnliche für 
Attis und Mithras; die Taufriten der Mandäer, der Christen, 
der Isis- und Kybeleverehrer. Man könnte deshalb die einzelnen 
Kulte der Heidenkirche fast als Sekten und Orden- bezeichnen 
und würde für das Verständnis ihrer scholastischen Kämpfe 
untereinander und die gegenseitige Proselytenmacherei damit 
viel gewonnen haben. 

Alle echt antiken Mysterien wie die von Eleusis und die, welche 
von den Pythagoräern um 500 in unteritalischen Städten begründet 
worden waren, sind an den Ort gebunden und durch einen sinn- 
bildlichen Vorgang bezeichnet. Innerhalb der Pseudomorphose lösen 
sie sich vom Orte; sie können überall, wo Eingeweihte beisammen 
.sind, vollzogen werden und haben nun das Ziel der magischen 
Ekstase und eines asketischen Lebenswandels: aus den Besuchern 
der Mysterienstätte hat sich ein Orden entwickelt, der sie aus- 
übt. Die Gemeinschaft der Neupythagoräer, um 50 v. Chr. ge- 
gründet und den jüdischen Essäern nahe verwandt, ist nichts 
weniger als eine antike Philosophenschule; sie ist ein echter 
Mönchsorden und zwar nicht der einzige, der innerhalb des 
Synkretismus die Ideale der christlichen Eremiten und islamischen 
Derwische vorwegnimmt. Diese Heidenkirche besitzt ihre Ein- 
siedler, Heiligen, Propheten,Wundarbekehrungen, heiligen Schriften 



246 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

und Offenbarungen. 1) In der Bedeutung des Götterbildes für den 
Kult vollzieht sich eine sehr merkwürdige und noch kaum unter- 
suchte Wendung. Der größte Nachfolger Plotins, Jamblich, hat 
endlich um 300 das gewaltige System einer orthodoxen Theo- 
logie und priesterlichen Hierarchie mit strengem Ritual für diese 
Heidenkirche entworfen, und sein Schüler Julian hat sein ganzes 
Leben daran gesetzt und zuletzt geopfert, um diese Kirche für 
die Ewigkeit aufzurichten.*) Er wollte sogar Klöster für medi- 
tierende Männer und Frauen einrichten und eine Kirchenbufie 
einführen. Eine mächtige Begeisterung, die sich bis zum Mar- 
tyrium steigerte und weit über den Tod des Kaisers hinaus an- 
dauerte, hat diese gewaltige Arbeit unterstützt. Es gibt In- 
schriften, die man kaum anders übersetzen kann als: „Es ist 
nur ein Gott und Julian ist sein Prophet. " ^) Zehn Jahre mehr 
und diese Kirche wäre eine geschichtliche Tatsache von Dauer 
geworden. EndUch hat das Christentum nicht nur ihre Macht 
geerbt, sondern in wichtigen Stücken auch Form und Gehalt. 
Es ist nicht ganz richtig, wenn man sagt, die römische Kirche 
habe sich den Bau des römischen Reiches angeeignet. Dieser 
Bau war schon eine Kirche. Es gab eine Zeit, wo beide sich 
berührten. Konstantin der Große war Urheber des Konzils von 
Nicäa und zugleich Pontifex Maximus. Seine Söhne, eifrige 
Christen, haben ihn zum diviis erhoben und ihm den vorgeschrie- 
benen Kult gewidmet. Augustin wagte den kühnen Ausspruch, 
daß die wahre Religion vor dem Erscheinen des Christentums 
in Gestalt der antiken vorhanden gewesen sei.*) 



Wenn man das Judentum von Cyrus bis Titus überhaupt 
verstehen will, muß man sieh immer wieder drei Tatsachen ins 
Gedächtnis rufen, welche die philologisch und theologisch vor- 
eingenommene Forschung zwar kennt, aber in ihren Erwägungen 



') J. Geffcken, Der Ausgang des griech.-röm. Heidentums (1920) S. 197 ff. 

») Geffcken S. 131 ff. ») Geffcken S. 292 Anm. 149. 

*) Ees ipsa, quae nunc religio Christiana nuncupattir, erat apud antiquos 
nee defecit ab initio generis humani, qiiousque Christus veniret in carnem. Unde 
Vera religio, quae jam erat, coepit appellari Christiana (Retractationes I, 18). 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 247 

nicht mitzählen lä&t: die Juden sind eine „Nation ohne Land", 
ein consensus, und zwar in einer Welt von lauter Nationen 
gleicher Art. Jerusalem ist zwar ein Mekka, ein heiliger Mittel- 
punkt, aber weder die Heimat noch das geistige Zentrum 
des Volkes. Endlich sind die Juden nur so lange eine einzig- 
artige Erscheinung der Weltgeschichte, als man sie von vorn- 
herein als solche behandelt. 

Gewiß sind die nachexilischen Juden im Gegensatz zu den 
„Israeliten" vor dem Exil, was wohl zuerst Hugo Winckler er- 
kannt hat, ein Volk von ganz neuer Art, aber sie sind es nicht 
allein. Die aramäische Welt begann sich damals in eine ganze An- 
zahl solcher Völker, darunter Perser und Chaldäer,^) zu gliedern, 
die alle in demselben Gebiet und trotzdem in strenger Ab- 
geschlossenheit voneinander lebten und vielleicht schon damals 
die rein arabische Wohnart des Ghetto aufgebracht haben. 

Die ersten Vorverkünder der neuen Seele sind die pro- 
phetischen Religionen, die mit einer großartigen Innerlich- 
keit um 700 entstanden und den urwüchsigen Gebräuchen des 
Volkes und seiner Herrscher entgegentraten. Auch sie sind eine 
allgemein aramäische Erscheinung. Je mehr ich über Amos, 
Jesaja, Jeremia und dann über Zarathustra nachdenke, desto 
verwandter erscheinen sie mir. Was sie zu trennen scheint, ist 
nicht ihr neuer Glaube, sondern das, was sie bekämpfen: die 
einen jene wilde altisraelitische Religion, die in Wirklichkeit ein 
ganzes Bündel von Religionen ist 2) mit dem Glauben an heilige 
Steine und Bäume, mit zahllosen Ortsgöttern zu Dan, Bethel, Hebron, 
Sichern, Beerseba, Gilgal, einem Jahwe (oder Elohim), mit dessen 
Namen eine Menge ganz verschiedenartiger Numina bezeichnet 
wird, mit Ahnenkult und Menschenopfern, Derwischtänzen und 
heiliger Prostitution, untermischt mit undeutlichen Überlieferungen 
von Moses und Abraham und vielen Bräuchen und Sagen der 
spätbabyloriischen Welt, die in Kanaan längst zu bäuerhchen 
Formen herabgesunken und erstarrt waren; der andere jenen alt- 
vedischen, sicherlich ebenso vergröberten Helden- und Wikinger- 
glauben, der es wohl nötig hatte, durch das immer wiederholte 

1) Auch der Chaldäername bezeichnet vor der Perserzeit eine Stammts- 
ijriippe, später eine Religionsgemeinschaft. 

2) A.. Bertholet, Kulturgesch. Israels (1919) S. 253 ff. 



248 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Lob des heiligen Rindes und seiner Zucht an die Wirklichkeit 
erinnert zu werden. Zarathustra hat um 600, oft im Elend, ver- 
folgt und verkannt gelebt und ist als Greis in einem Kriege 
gegen die Ungläubigen umgekommen, i) ein Zeitgenosse des un- 
glücklichen Jeremia, der von seinem Volke seiner Prophezeiungen 
wegen gehaßt, von seinem König gefangen gesetzt und nach der 
Katastrophe von den Flüchtlingen nach Ägypten mitgeschleppt 
und dort erschlagen wurde. Ich glaube nun, daß diese große 
Epoche noch eine dritte prophetische Religion hervorgebracht hat. 
Es darf die Vermutung gewagt werden, daß auch die „chal- 
däische" Religion mit ihrem astronomischen Tief blick und ihrer jeden 
neuen Betrachter überraschenden Innerlichkeit damals und zwar 
durch schöpferische Persönlichkeiten vom Range eines Jesaja aus 
Restgebilden der altbabylonischen Religion entstanden ist.') Die 
Chaldäer waren um 1000 wie die Israeliten eine Gruppe aramäisch 
redender Stämme im Süden von Sinear. Noch heute wird die 
Muttersprache Jesu zuweilen chaldäisch genannt. Zur Seleukiden- 
zeit bezeichnet der Name eine verbreitete religiöse Gemeinschaft 
und im besonderen deren Priester. Die chaldäische Religion ist 
eine Astralreligion, was die babylonische — vor Hammurabi — 
nicht gewesen ist. Sie stellt die tiefsinnigste Deutung des 
magischen Weltraumes, der Welthöhle mit dem in ihr waltenden 
Kismet dar, die es gibt, und sie ist deshalb bis in die spätesten 
Zustände der islamischen und jüdischen Spekulation die Grund- 
lage geblieben. Von ihr und nicht von der babylonischen Kultur 
ist seit dem 7. Jahrhundert eine Astronomie als exakte Wissen- 
schaft — nämlich als priesterliche Beobachtungstechnik 
von erstaunlichem Scharfblick — ausgebildet worden. 3) Sie hat 



») Nach W. Jackson, Zoroaster, 1901. 

*) Die chaldäische Religion ist wie die talmudische ein Stiefkind der 
religionsgeschichtlichen Forschung. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die 
Religion der babylonischen Kultur, als deren Ausklang sie behandelt wird. 
Aber diese Einschätzung schließt von vornherein jedes Verständnis aus. Das 
Material ist ohne grundsätzliche Absonderung in allen Werken über die assyr.- 
babj'l. Religion zerstreut (H. Zimmern, Die Keilinschriften u. d. alte Testament II; 
Gunkel, Schöpfung und Chaos; M. Jastrow, C. Bezold usw.), wird aber andrer- 
seits z. B. bei Bousset, Hauptprobleme der Gnosis (1907) als für sich durch- 
forscht vorausgesetzt. 

^) Daß die chaldäische Wissenschaft den babylonischen Versuchen gegen- 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR . 249 

die babylonische Mondwoche durch die Planetenwoche ersetzt. Die 
volkstümlichste Gestalt der alten Religion war Ischtar gewesen, 
die Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit. Jetzt ist sie ein 
Planet. Tammuz, der sterbende und im FrühHng wieder auf- 
erstehende Vegetationsgott, wird ein Fixstern. Es meldet sich 
endlich das henotheistische Gefühl. Für den großen Nebukadnezar 
ist Marduk der eine und wahre Gott der Barmherzigkeit und 
Nabu, der alte Gott von Borsippa, sein Sohn und Sendbote zu 
den Menschen. Chaldäerkönige haben ein Jahrhundert hindurch 
(625 — 539) die Welt beherrscht, aber sie waren auch die Ver- 
künder der neuen Rehgion. Sie selbst haben zu den Tempelbauten 
Ziegel getragen. Von Nebukadnezar, dem Zeitgenossen des Jere- 
mia, besitzen wir noch das Gebet an Marduk bei seiner Thron- 
besteigung. An Tiefe und Reinheit steht es neben den besten 
Stücken israelitischer Prophetendichtung. Die chaldäischen Buß- 
psalmen, auch in Rhythmus und innerem Bau den jüdischen eng 
verwandt, kennen die Schuld, deren der Mensch sich nicht be- 
wußt ist, und das Leid, das durch reumütiges Bekennen vor dein 
zürnenden Gott abgewehrt werden kann. Es ist dasselbe Ver- 
trauen auf die Barmherzigkeit der Gottheit, das auch in den 
Inschriften des Baalstempels von Palmyra einen wahrhaft christ- 
lichen Ausdruck gefunden hat.^) 

Der Kern der prophetischen Lehre ist bereits magisch: Es 
gibt einen wahren Gott als Prinzip des Guten, mag es Jahwe, 
Ahura Mazda oder Marduk-Baal sein; die andern Gottheiten sind 
ohnmächtig oder böse. An ihn knüpft sich die messianische Hoff- 
nung, sehr deuthch bei Jesaja, aber mit innerer Notwendigkeit 
in den folgenden Jahrhunderten überall durchbrechend. Es ist 
der magische Grundgedanke; in ihm liegt die Annahme eines 
welthistorischen Kampfes zwischen Gut und Böse, mit der Macht 
des Bösen über die mittlere Zeit und dem Endsieg des Guten 
am jüngsten Tage. Diese Moralisierung der Weltgeschichte ist 
Persern, Chaldäern und Juden gemeinsam. Aber mit ihr wird 



übet etwas ganz Neues ist, hat Bezold klar erkannt: Astronomie, Himmels- 
schau und Astrallehre bei den Babyloniern (1911) S. 17 ff. Das Ergebnis ist von 
vereinzelten antiken Gelehrten nach deren Methode Aveiter behandelt worden, als 
angewandte Mathematik nämlich, wobei kein Gefühl für Fernen mitsprach. 
^) J. Hehn, Hymnen und Gebete an Marduk, 1905. 



250 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

auch schon der Begriff des bodenständigen Volkes aufgelöst und 
die Entstehung magischer Nationen ohne irdische Heimat und 
Grenze vorbereitet. Der Begriff des auserwählten Volkes taucht 
auf/) aber es ist begreiflich, daß die Menschen von starker 
Rasse, die großen Geschlechter voran, solch allzu geistliche Ge- 
danken innerhch ablehnten und dem Prophetentum gegenüber 
auf den alten kräftigen Stammesglauben verwiesen. Nach den 
Untersuchungen von Cumont war die Religion der persischen 
Könige polytheistisch und ohne das Haomasakrament, also nicht 
ganz diejenige Zarathustras ; dasselbe gilt von den meisten israe- 
litischen Königen und aller WahrscheinKchkeit nach von dem 
letzten Chaldäer Naboned, der gerade wegen seiner Ablehnung 
der Mardukreligion von Cyrus mit Hilfe des eignen Volkes ge- 
stürzt werden konnte. Die Beschneidung und die — chaldäische — 
Sabbatfeier sind als Sakramente erst Erwerbungen des Exils. 

Aber das babylonische Exil hatte zwischen Juden und 
Persern doch einen gewaltigen Unterschied geschaffen, nicht in 
den letzten Wahrheiten des frommen Wachseins, aber in allen 
Tatsachen des wirklichen Lebens und damit auch in den tiefsten 
Gefühlen diesem Leben gegenüber. Es w^aren die Jahwegläubigen, 
die heimkehren durften, und die Anhänger Ahura Mazdas, die 
es ihnen erlaubten. Von zwei kleinen Stammesgruppen, die 
zweihundert Jahre vorher vielleicht die gleiche Zahl von waffen- 
fähigen Männern besaßen, hatte die eine die Welt in Besitz ge- 
nommen, und während Darius im Norden die Donau überschritt, 
dehnte seine Macht sich im Süden über Ostarabien bis zur Insel 
Sokotra an der Somaliküste aus ; *) die andere war ein gänzlich 
bedeutungsloses Objekt fremder Politik. 

Das hat die eine Religion so herrenmäßig, die andere so 
unterwürfig gemacht. Man lese Jeremia und dann die große 
Behistuninschrift des Darius — was für ein prachtvoller Stolz 

^) Chaldäer und Perser brauchten ihn sich nicht zu beweisen ; sie hatten 
durch ihren Gott die Welt besiegt. Die Juden aber mußten sich an ihre Literatur 
klammem, die jetzt aus Mangel an tatsächlichen zu einem theoretischen Be- 
weise umgestaltet wurde. Dieser einzigartige Besitz verdankt seinen Ursprung 
letzten Endes der beständig drohenden Selbstverachtung. 

2) Glaser, Die Abessinier in Arabien und Afrika (1895), S. 124. 61. ist 
überzeugt, daß man hier abessinische, Pehlewi- und persische Keilinschriften 
wichtigster Art finden werde. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 251 

des Königs auf seinen siegreichen Gott! Und wie verzweifelt 
sind die Gründe, mit denen die israelitischen Propheten das 
Bild ihres Gottes in sich zu retten suchen. Hier, im Exil, wo 
durch die persischen Siege die Augen aller Juden sich auf die 
zarathustrische Lehre richteten, geht das rein jüdische Pro- 
phetentum (Amos, Hosea, Jesaja, Jeremia) in das apokalyp- 
tische über (Deuterojesaja, Hesekiel, Sacharja). Alle die neuen 
Visionen vom Menschensohn, vom Satan, den Erzengeln, den 
sieben Himmeln, dem jüngsten Gericht sind persische Fas- 
sungen des gemeinsamen Weltgefühls. Jesaja 41 erscheint 
Cyrus selbst, wie der Messias gefeiert. Hat der große Schöpfer 
des zweiten Jesaja seine Erleuchtung von einem Zarathustrajünger 
empfangen? Ist es möglich, daß die Perser selbst die innere 
Verwandtschaft beider Lehren empfanden und die Juden deshalb 
in die Heimat entließen? Gewiß ist, daß beide die volkstümlichen 
Vorstellungen von den letzten Dingen geteilt und den gleichen 
Haß gegen die Ungläubigen der altbabylonischen und antiken 
Religion gefühlt und ausgesprochen haben, gegen alle fremden 
Glaubensweisen überhaupt, nur nicht gegeneinander. 

Aber man muß diese „Heimkehr" doch auch einmal von 
Babylon aus betrachten. Es war die große und rassekräftige 
Menge, die diesem Gedanken in Wirklichkeit ganz fern stand, 
ihn nur als Gedanken, als Traum gelten ließ, ohne Zweifel ein 
tüchtiger Bauern- und Handwerkerschlag mit einem in Bildung 
begriffenen Landadel, der ruhig in seinen Besitzungen blieb, und 
zwar unter einem eigenen Fürsten, dem Resch Galuta, der 
seine Residenz in Nehardea hatte. ^) Die Heimziehenden sind 
die Wenigsten, die Hartköpfigen, die Eiferer. Es waren 40000, 
mit Weib und Kind. Das kann kein Zehntel, nicht einmal ein 
Zwanzigstel der Gesamtzahl gewesen sein. Wer diese Ansiedler 
und ihr Schicksal mit dem Judentum überhaupt verwechselt, 2) 



^) Dieser „König der Verbannung" war eine angesehene und politisch 
maßgebende Persönlichkeit im persischen Reiche nnd ist erst durch den Islam 
beseitigt worden. 

2) Die christliche und die jüdische Theologie tun es beide. Sie unter- 
scheiden sich nur, indem sie die israelitische Literatiu-, die später in Judäa 
mit der Richtung auf den Judaismus umgearbeitet worden ist, weiterhin in der 
Richtung entweder auf die Evangelien oder auf den Talmud deuten. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



der vermag in den tieferen Sinn aller folgenden Ereignisse nicht 
einzudringen. Die judäische Kleinwelt führte ein geistiges 
Sonderleben, das von der gesamten Nation geachtet, 
aber durchaus nicht geteilt wurde. Im Osten blühte die 
apokalyptische Literatur, die Erbin der prophetischen, prachtvoll 
auf. Hier war eine echte Volksdichtung zu Hause, von der ein 
Meisterwerk, das Buch Hiob, mit seinem islamischen und gar 
nicht judäischen Geiste') übrig geblieben ist, während eine Menge 
anderer Märchen und Sagen, darunter Judith, Tobit, Achikar, sich 
als Motive durch alle Literaturen der , arabischen" Welt verbreitet 
haben. In Judäa gedieh nur das Gesetz; der talmudische Geist er- 
scheint zuerst bei Hesekiel^) und verkörpert sich seit 450 in den 
Schriftgelehrten (Soferim) mit Esra an der Spitze. Von 300 v. bis 
200 n. Chr. haben hier die Tannaim die Tora ausgelegt und also 
die Mischna entwickelt. Weder das Auftreten Jesu noch die Zer- 
störung des Tempels haben diese abstrakte Beschäftigung unter- 
brochen. Jerusalem wurde das Mekka der Strenggläubigen; als 
Koran wurde ein Gesetzbuch anerkannt, dem nach und nach 
eine ganze Urgeschichte mit chaldäisch-persischen Motiven, aber 
in pharisäischer Umgestaltung eingeordnet wurde. 3) Aber in 
diesem Kreise war kein Platz für eine weltliche Kunst, Poesie 
und Gelehrsamkeit. Was im Talmud an astronomischem, medi- 
zinischem und juristischem Wissen steht, ist ausschließlich meso- 
potamischer Herkunft.^) Wahrscheinlich begann dort schon 
im Exil jene chaldäisch-persisch-jüdische Sektenbildung, die 
zu Beginn der magischen Kultur bis zur Stiftung großer Re- 
ligionen fortschritt und in der Lehre Manis den Gipfel er- 
reichte. „Das Gesetz und die Propheten" — das ist beinahe 
der Unterschied von Judäa und Mesopotamien. In der 
späteren persischen und jeder andern magischen Theologie sind 
beide Richtungen vereinigt, nur hier haben sie sich örtlich ge- 

^) Aber ein pharisäischer Kopf hat es später doch durch die Einfügung 
von Kap. 32— 37 entstellt. ») Kap. 40 ff. 

^) AVenn die Annalnne eines chaldäisclien Prophetentunis neben dem des 
Jt'saja luid Zarathustra richtig ist, so ist os diese junge, innerlich ver- 
Avandte und gleichzeitige Astralreligion und nicht die l)aby]onische, welcher 
die Genesis ihre merk-\N'iirdlg tiefen Weltschöpfungssagen ebenso verdankt, wie 
der persischen' die Visionen vom Weitende. 

*) S. Funk, Die Entstehung des Talmuds. 1919. S. 10'k 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 253 

trennt. Die Entscheidungen von Jerusalem wurden allenthalben 
anerkannt; es fragt sich aber, wie weit sie befolgt worden sind. 
Schon Galiläa war den Pharisäern verdächtig; in Baljylonien 
durfte kein Rabbiner geweiht werden. Von dem großen Gamaliel, 
dem Lehrer des Paulus, wird gerühmt, dafa seine Verordnungen 
von den Juden „selbst im Auslande" befolgt würden. Wie un- 
abhängig man in Ägypten lebte, beweisen die kürzlich entdeckten 
Urkunden von Elefantine und Assuan.i) Um 170 bittet Onias 
den König um Erlaubnis, einen Tempel „nach den Maßen des 
jerusalemischen" errichten zu dürfen, mit der Begründung, daß 
die vielen gesetzwidrig bestehenden Tempel einen ewigen Hader 
unter den Gemeinden erregten. 

Es ist noch eine zweite Betrachtung nötig. Das Judentum 
hat sich wie das Persertum seit 'der Zeit des Exils aus sehr 
kleinen Stammesverbänden ins Ungeheure vermehrt und zwar 
durch Bekehrung und Übertritte. Es ist die einzige Form 
der Eroberung, deren eine Nation ohne Land fähig ist 
und den magischen Religionen deshalb natürlich und 
selbstverständlich. Im Norden drang es über den Judenstaat 
Adiabene schon früh bis zum Kaukasus vor, im Süden, wahr- 
scheinlich längs des persischen Golfes, nach Saba; im Westen 
gab es in Alexandria, Kyrene und Cypern den Ausschlag. Die 
Verwaltung von Ägypten und die Politik des Partherreiclies lagen 
zum großen Teil in jüdischen Händen. 

Aber diese Bewegung geht einzig von Mesopotamien 
aus. Es ist apokalyptischer und nicht talmudischer Geist darin. 
In Jerusalem erfindet das Gesetz- immer neue Schranken gegen 
die Ungläubigen. Es genügt nicht, daß man auf Bekehrungen 
verzichtet. Man darf nicht einmal einen Heiden unter seinen 
Vorfahren haben. Ein Pharisäer erlaubt sich, dem allgemein 
beliebten König Hyrkan (135 — 106) zuzurufen, er solle das Hohe- 
priesteramt niederlegen, weil seine Mutter sich einmal in der 
Gewalt der Ungläubigen befunden habe. 2) Es ist dieselbe Enge, 
welche in der christlichen Urgemeinde Judäas als Widerstand 
gegen die Heidenmission zum Vorschein kommt. Im Osten wäre 
niemand auch nur auf den Gedanken gekommen, hier eine Grenze 

^) E. Sachau, Aram. Papyros und Ostraka aus Elefantine (1911). 
^) Josephus, Antiqu. 13, 10. 



254 PROBLEIklE DER ARABISCHEN KUI.TUR 

zu ziehen, es widerspricht dem ganzen Begriff der magischen Nation. 
Aber daraus folgt die geistige Überlegenheit des weiten 
Ostens. Mochte das Synedrion in Jerusalem von unbestrittener 
religiöser Autorität sein, politisch und damit geschichtlich ist 
der Resch Galuta eine ganz andere Macht. Das übersieht die 
christliche wie die jüdische Forschung. Soviel ich weiß, hat 
niemand die bedeutsame Tatsache beachtet, daß die Verfolgung 
durch Antiochus Epiphanes sich überhaupt nicht gegen „das 
Judentum", sondern gegen Judäa richtete, und das führt zu einer 
Einsicht von noch viel größerer Tragweite. 

Die Zerstörung Jerusalems traf nur einen sehr kleinen Teil 
der Nation und politisch wie geistig bei weitem den un- 
bedeutendsten. Es ist nicht wahr, daß das jüdische Volk seit- 
dem „in der Zerstreuung" gelebt hätte. Es lebte seit Jahr- 
hunderten und nicht allein, sondern zugleich mit dem persischen 
und anderen in einer Form, die an kein Land gebunden war. 
Und man mißversteht auch den Eindruck dieses Krieges auf 
das eigentliche Judentum, das von Judäa wie ein Zubehör be- 
trachtet und behandelt wurde. Man empfand den Sieg der Heiden 
und den Untergang des Heiligtums in tiefster Seele ^) und hat 
in dem Kreuzzug von 115 die schwerste Rache genommen, aber 
das galt dem jüdischen und nicht dem judäischen Ideal. Mit 
dem „Zionismus" ist es damals wie früher unter Cyrus und heute 
nur einer ganz geringen und geistig beschränkten Minderheit 
ernst gewesen. Hätte man das Unglück wirklich als „Verlust der 
Heimat" empfunden, wie wir uns das nach abendländischem Ge- 
fühl vorstellen, so wäre die Rückeroberung seit Mark Aurel 
hundertmal möglich gewesen. Aber sie hätte dem- magischen 
xVationalgefühl widersprochen. Die ideale Form der Nation war 
die „Synagoge", der reine consensus wie die urkatholische „sicht- 
bare Kirche" und wie der Islam, und gerade sie ist durch die Ver- 
nichtung von Judäa und dem hier geltenden Stammesgeiste erst 
ganz verwirklicht worden. 

Der Krieg Vespasians, der sich nur gegen Judäa richtete, 
war eine Befreiung des Judentums. Denn erstens verschwand 
damit d^ Anspruch der Bevölkerung dieses winzigen Gebietes, 

') Wie etwa die katholisclie Kirche die Zerstörung des Vatikans emp- 
finden würde. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 255 

die eigentliche Nation zu sein, und die Gleichsetzung ihrer kahlen 
Geistigkeit mit dem Seelenleben des Ganzen. Die gelehrte For- 
schung, die Scholastik und Mystik der östlichen Hochschulen 
kam zu ihrem Recht. Der Oberrichter Karna hat, etwa gleich- 
zeitig mit Ulpian und Papinian, an der Hochschule von Nehardea 
das erste Zivilrecht zusammengestellt, i) Und zweitens rettete 
es diese Religion vor den Gefahren der Pseudomorphose, denen 
das Christentum gleichzeitig erlag. Es hatte seit 200 v. Chr. eine 
halb hellenistische Judenliteratur gegeben. Der Prediger Salomo 
(Koheleth) enthält pyrrhonische Stimmungen. Die Weisheit Salomos, 
das zweite Makkabäerbuch, Theodot, der Aristeasbrief und anderes 
folgen; es gibt Stücke wie die Spruchsammlung Menanders, bei 
denen sich überhaupt nicht ermitteln läfst, ob sie griechisch oder 
jüdisch sein soUte. Es gab um 160 Hohepriester, die aus helle- 
nistischem Geist die jüdische Religion bekämpften, und spätere 
Herrscher wie Hyrkan und Herodes, die dasselbe mit politischen 
Mitteln versuchten. Diese Gefahr ist mit dem Jahre 70 sofort 
und endgültig zu Ende. 

Es gab zur Zeit Jesu in Jerusalem drei Richtungen, die 
man als allgemein aramäische betrachten darf: die Pharisäer, 
Sadduzäer und Essäer. Obwohl die Begriffe und Namen schwanken 
und die Ansichten der christlichen wie der jüdischen Forschung 
sehr verschieden sind, darf doch gesagt werden: 

Die erste Gesinnung tritt am reinsten im Judaismus, die zweite 
im Chaldäertum, die dritte im Hellenismus hervor. 2) Essäisch ist 
die Entstehung des ordensartigen Mithraskultes im östlichen Klein- 
asien, pharisäisch ist in der Kultkirche das System des Por- 
phyrius. Die Sadduzäer, obwohl sie in Jerusalem selbst als kleiner 
vornehmer Kreis erscheinen — Josephus vergleicht sie mit den 
Epikuräern — , sind allgemein aramäisch durch ihre apokalyp- 
tischen und eschatologischen Stimmungen, durch das, was in 
dieser Frühzeit dem Geiste Dostojewskis verwandt ist. Sie und die 
Pharisäer verhalten sich wie Mystik und Scholastik, wie Johannes 
und Paulus, wie Bundehesch und Vendidad der Perser. Die Apo- 

») VgL S. 8L 

2) Bei Schiele, Die Religion in Gesch. u. Gegenwart lU, 812 werden die 
beiden letzten mit vertauschten Namen bezeichnet; das ändert aber nichts an 
der Erscheinung. 



256 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

kalyptik ist volkstümlich und in vielen Zügen seelisches Gemein- 
gut der ganzen aramäischen Welt. Das talmudische und awesti- 
sche Pharisäertum ist exklusiv und sucht jede ßehgion so schrof 
als möglich abzusondern. Nicht der Glaube und die Visionen. 
sondern der strenge Ritus, der gelernt und eingehalten werden 
muß, ist ihm das Wichtigste, so daß nach seiner Ansicht der 
Laie aus Unkenntnis des Gesetzes gar nicht fromm sein kann. 

Die Essäer erscheinen in Jerusalem als Mönchsorden wie 
die Neupythagoräer. Sie besaßen geheime Schriften;^) im weiteren 
Sinne sind sie die Vertreter der Pseudomorphose und sie ver- 
schwinden deshalb mit dem Jahre 70 vollständig aus dem Juden- 
tum, während gerade jetzt die christUche Literatur eine rein 
griechische wurde, nicht zum wenigsten deshalb, weil das helleni- 
sierte westlichste Judentum den nach Osten weichenden Judaismus 
verließ und allmählich im Christentum aufging. 

Aber auch die Apokalj^tik, eine Ausdrucksform des stadt- 
losen und stadtfeindlichen Menschentums, ist innerhalb der Syn- 
agoge sehr bald zu Ende, nachdem sie unter dem Eindruck der 
Katastrophe noch einmal eine wunderbare Blüte erlebt hatte. 2) 
Als es sich entschieden hatte, daß die Lehre Jesu nicht zu einer 
Reform des Judentums, sondern zu einer neuen Religion heran- 
wuchs, und um 100 die tägliche Fluchformel gegen die Juden- 
christen eingeführt wurde, verblieb die Apokalyptik für den 
kurzen Rest ihres Daseins der jungen Religion, 



Das Unvergleichliche, womit das junge Christentum sich 
über alle Religionen dieser reichen Frühzeit hinaushebt, ist die 
Gestalt Jesu. Es gibt in all den großen Schöpfungen jener Jahre 
nichts, was sich ihr zur Seite stellen ließe. Wer damals seine 
Leidensgeschiclite las und hörte, wie sie sich kurz vorher be- 
geben hatte: den letzten Zug nach Jerusalem, das letzte bange 
Abendmahl, die Stunde der Verzweiflung in Gethsemane und den 
Tod am Kreuz, dem mußten alle Legenden und heiligen Aben- 
teuer von Mithras. Attis und Osiris flach und leer erscheinen. 

») Bousset, Rel. d. Jud. S. 532. 

2) Baruch, IV. Esra, die Urschrift der Offenbarung Johannis. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 257 



Hier gibt es keine Philosophie. Seine Aussprüche, von denen 
manche den Gefährten noch im hohen Alter Wort für Wort im 
Gedächtnis hafteten, sind die eines Kindes mitten in einer 
fremden, späten und kranken Welt. Es gibt keine sozialen Be- 
trachtungen, keine Probleme, keine Grübelei. Wie eine stille 
selige Insel ruht das Leben dieser Fischer und Handwerker am 
See Genezareth mitten in der Zeit des großen Tiberius, fernab 
von aller Weltgeschichte, ohne irgendeine Ahnung von den Hän- 
deln der Wirklichkeit, während rings die hellenistischen Städte 
leuchten mit ihren Tempeln und Theatern, der feinen westlichen 
Gesellschaft und den lärmenden Zerstreuungen des Pöbels, den 
römischen Kohorten und der griechischen Philosophie. Als seine 
Freunde und Begleiter Greise geworden waren und der Bruder 
des Hingerichteten dem Kreise in Jerusalem vorstand, sammelte 
sich aus den Worten und Erzählungen, die überall in den kleinen 
Gemeinden im Umlauf waren, ein Lebensbild von so ergreifender 
Innerlichkeit, daß es eine eigene Darstellungsform hervorrief, 
die weder in der antiken noch in der arabischen Kultur Vor- 
bilder hat: das Evangelium. Das Christentum ist die einzige 
Religion der Weltgeschichte, in welcher ein Menschenschicksal 
der unmittelbaren Gegenwart zum Sinnbild und Mittelpunkt der 
gesamten Schöpfung geworden ist. 

Eine ungeheure Erregung, wie die germanische Welt sie 
um das Jahr 1000 kennen lernte, ging damals durch das ganze 
aramäische Land. Die magische Seele war erwacht. Was in den 
prophetischen Religionen wie eine Ahnung lag, was zur Zeit 
Alexanders in metaphysischen Umrissen hervortrat, das erfüllte 
sich jetzt. Und diese Erfüllung weckte in unnennbarer Stärke 
das Urgefühl der Angst. Es gehört zu den letzten Geheimnissen 
des Menschentums und des freibeweglichen Lebens überhaupt, 
daß die Geburt des Ich und die der Weltangst ein und dasselbe 
sind. Daß sich vor einem Mikrokosmos ein Makrokosmos auftut, 
weit, übermächtig, ein Abgrund von fremdem, lichtüberstrahltem 
Sein und Treiben, das läßt das kleine, einsame Selbst scheu in 
sich zurückweichen. Eine Angst vor dem eigenen Wachsein, wie 
sie Kinder zuweilen überfällt, lernt kein Erwachsener in den 
schwärzesten Stunden seines Lebens wieder kennen. Diese Todes- 
angst lag auch über dem Anbruch der neuen Kultur. In dieser 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, H. 17 



258 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Morgenfrühe magischen Welthewußtseins, das verzagt, ungewiß, 
dunkel über sich selbst war, fiel ein neuer Blick auf das nahe 
Ende der Welt. Es ist der erste Gedanke, mit dem bis jetzt jede 
Kultur zum Bewußtsein ihrer selbst kam. Ein Schauer von Ofi'en- 
barungen, Wundern, letzten Einblicken in den Urgrund der Dinge 
überfiel jedes tiefere Gemüt. Man dachte, man lebte nur noch in 
apokalyptischen Bildern. Die Wirklichkeit wurde zum Schein. 
Seltsame und grauenvolle Gesichte wurden geheinmisvoll herum- 
erzählt, aus wirren und dunklen Schriften verlesen und sofort, 
mit unmittelbarer innerer Gewißheit begriffen. Von einer Gemein- 
schaft zur andern, von Dorf zu Dorf wanderten solche Schriften, 
von denen sich gar nicht sagen läßt, daß sie einer einzelnen 
ilehgion angehören.^) Sie sind persisch, chaldäisch, jüdisch ge- 
färbt, aber sie haben alles aufgenommen, was damals in den 
Gemütern umging. Die kanonischen Bücher sind national, die 
apokalyptischen international im wörtHchen Sinne. Sie sind da, 
ohne daß jemand sie verfaßt zu haben scheint. Ihr Inhalt ver- 
schwimmt und lautet heute so und morgen anders. Sie sind 
aber auch nichts weniger als „Dichtung ".2) Sie gleichen den 
furchtbaren Portalgestalten an den romanischen Kathedralen 
Frankreichs, die ebenfalls keine „Kunst", sondern steingewordene 
Angst sind. Jeder kannte diese Engel und Dämonen, diese 
Himmel- und Höllenfahrten göttKcher Wesen, den Urmenschen 
oder zweiten Adam, den Gesandten Gottes, den Heiland der 
letzten Tage, den Menschensohn, die ewige Stadt und das 
jüngste Gericht. 3) In den fremden Städten und an den Hoch- 

') So das Naassenerbuch (P. Wendland, Hellenist.-röm. Kultur, S. 177 ff.), 
die jMithrasliturgie" (hrsg. von Dieterich), der hennetische Poimandres (hrsg. 
von Reitzenstein), die Oden Salomos, die Apostelgeschichten des Thomas und 
Petrus, die Pistis Sophia usw., die ein noch viel primitiveres Schrifttum zwischen 
100 V. und 200 n. Chr. voraussetzen. 

*) Ebensowenig wie Dostojewskis «Traum eines lächerlichen Menschen*. 

^) Entscheidende Einblicke in diese frühmagische Vorstellungswelt ver- 
danken wir jetzt den Handschriftfunden von Turfan, die seit 1903 nach Berlin 
gekommen sind. Damit wird endlich das fälschende, durch die ägyptischen Papyrus- 
funde noch gesteigerte Übergewicht des westlich-hellenistischen Stoffes aus unse- 
rem Wissen und vor allem aus unseren Erwägungen beseitigt und alle bisherigen 
Ansichten von Grund aus verändert. Jetzt endlich kommt der echte und fast 
unberührte Osten zur Geltung in all den Apokalypsen, Hymnen, Liturgien, 
Erbauungsbüchem der Perser, Mandäer, Manichäer und zahlloser Sekten. Das 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 259 

sitzen des strengen persischen und jüdischen Priestertums 
mochte man die Unterscheidungslehren begrifflich feststellen 
und um sie streiten, hier unten im Volk gab es fast keine Einzel- 
rehgion, sondern eine allgemeine magische Religiosität, die alle 
Seelen erfüllte, die sich an Einblicke und Bilder jedes denkbaren 
Ursprungs heftete. Der jüngste Tag war nahe herangekommen. 
Man erwartete ihn. Man wußte, daß „er" jetzt erscheinen müsse, 
von dem in allen Offenbarungen die Rede war* Propheten standen 
auf. Man schloß sich zu immer neuen Gemeinden und Kreisen 
zusammen, in der Überzeugung, die angeborene Religion nun 
besser erkannt oder die wahre gefunden zu haben. In dieser 
Zeit ungeheuerster, von Jahr zu Jahr wachsender Spannung ist, 
ganz nahe der Geburt Jesu, neben zahllosen Gemeinschaften 
und Sekten auch die mandäische Erlösungsreligion entstanden, 
deren Stifter oder Ursprung wir nicht kennen. Wie es scheint, 
stand sie trotz ihres Hasses gegen den Judaismus von Jerusalem 
und ihrer Vorliebe gerade für die persischen Fassungen des 
Erlösungsgedankens dem volkstümlichen Glauben des syrischen 
Judentums sehr nahe. Aus ihren wundervollen Schriften tritt 
jetzt ein Stück nach dem andern zutage. Überall ist „er", der 
Menschensohn, der in die Tiefe gesandte Erlöser, der selbst er- 
löst werden muß, das Ziel der Erwartung. Im Johannesbuch 
spricht der Vater, im Hause der Vollendung hoch aufgerichtet, 
von Licht umflossen, zu seinem eingeborenen Sohn : Mein Sohn, 
sei mir ein Bote — gehe in die Welt der Finsternis, in der es 
keinen Lichtstrahl gibt — der Sohn ruft empor: Vater der 
Größe, was habe ich gesündigt^ daß du mich in die Tiefe ge- 
sandt hast? Und endlich: Ohne Fehler stieg ich empor und 
nicht war Fehl und Mangel an mir.^) 



Urchristentum wird damit erst wirklich in den Kreis gerückt, dem es seinen 
inneren Ursprung verdankt. (Vgl. H. Lüders, Sitz. Berl. Ak. 1914 und R. Reitzen- 
stein: Das iranische Erlösungsmysterium, 1921.) 

^) Lidzbarski, Das Johannesbuch der Mandäer, Kap. 66. Ferner W. Bousset, 
Hauptprobleme der Gnosis (1907); Reitzenstein, Das mandäische Buch des 
Herrn der Größe (1919), eine mit den ältesten Evangelien etwa gleichzeitige 
Apokalypse. Über die Messiastexte, die Höllenfahrttexte und die Totenlieder : 
Lidzbarski, Mandäische Liturgien (1920) und das Totenbuch (vor allem das 
zweite und dritte Buch des linken Genza) bei Reitzenstein, Das iran. Erlösunga- 
mysterium (vor allem S. 43 ff.). 

17* 



260 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Alle Züge der großen prophetischen Religionen und der 
ganze Schatz tiefster Einsichten und Gestalten, der sich seit- 
dem in der Apokalyptik gesammelt hatte, Hegen hier gemein- 
sam zugrunde. Von antikem Denken und Fühlen ist in diese 
Unterwelt des Magischen nicht ein Hauch gedrungen. Die An- 
fange der neuen Religion sind wohl für immer verschollen. 
Eine geschichtliche Gestalt des Mandäertums aber tritt mit er- 
greifender Deutlichkeit hervor, tragisch in ihrem Wollen und 
Untergang wie Jesus selbst: es ist Johannes der Täufer. i) Dem 
Judentum kaum noch angehorig und von einem mächtigen Hasse 
— er entspricht genau dem urrussischen Hasse gegen Peters- 
burg — gegen den Geist von Jerusalem erfüllt, predigt er das 
Ende der Welt und das Nahen des Barnasha, des Menschen- 
Bohns, der nicht mehr der verheißene nationale Messias 
der Juden, sondern der Bringer des Weltbrandes ist.^) 
Zu ihm ging Jesus und wurde einer seiner Jünger. s) Er war 
dreißig Jahre alt, als die Erweckung über ihn kam. Die apo- 
kalyptische und im besonderen die mandäische Gedankenwelt 
erfüllte von nun an sein ganzes Bewußtsein. Nur scheiuhaft, 
fremd und bedeutungslos lag die andere Welt der geschichtlichen 
Wirklichkeit um ihn her. Daß „er" jetzt kommen und dieser so 
unwirklichen Wirklichkeit ein Ende machen werde, war seine 
große Gewißheit und für sie trat er wie sein Meister Johannes 
als Verkünder auf. Noch jetzt lassen die ältesten ins Neue 
Testament aufgenommenen Evangelien diese Zeit hindurch- 

*) Hierzu Reitzenstein S. 124 fF. und die dort genannte Literatur. 

*) Im Neuen Testament, das seine endgültige Fassung ganz im Gebiet 
westlich-antiken Denkens erhielt, wird die mandäische Religion und die ihr 
zugehörige Sekte der Johannesjünger nicht mehr verstanden, wie überhaupt 
alles Östliche hier wie versunken erscheint. Es besteht aber außerdem eine 
fühlbare Feindseligkeit zwischen der damals weitverbreiteten Joliannesgemeinco 
und den Urchristen (Apostelgesch. Kap. 18 — 19. Vgl. Dibelius, Die urchristliche 
Überlieferung von Johannes dem Täufer). Die Mandäer haben das Christen- 
tum später ebenso schroff abgelehnt wie das Judentum ; Jesus war für sie ein 
falscher Messias; in ihrer Apokalypse vom Herrn der Größe wrd das Er- 
scheinen des Enosh weiterhin verkündet. 

') Nach Reitzenstein, Das Buch vom Herrn der Größe S. 65 ist er als 
Johannesjünger in Jerusalem verurteilt worden. Nach Lidzbarski (Mand. Lit. 
1920. XVI) und Zimmern (Ztschr. d. D. Morg. Gesellsch. 1920 S. 429) weist der 
Ausdruck Jesus der Nazaräer oder Nasoräer, der später von der christlichen Ge- 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 261 

schimmern, in der er in seinem Bewußtsein nichts war als ein 
Prophet. 1) 

Aber es gibt einen Augenblick in seinem Leben, wo die 
Ahnung und dann die hohe Gewißheit über ihn kommt: Du bist 
es selbst. Es war ein Geheimnis, das er zuerst kaum sich selbst, 
dann seinen nächsten Freunden und Begleitern eingestand, die 
nun die selige Botschaft in aller Stille mit ihm teilten, bis sie 
die Wahrheit endlich durch den verhängnisvollen Zug nach 
Jerusalem vor aller Welt zu offenbaren wagten. Wenn irgend 
etwas die vollkommene Reinheit und Ehrlichkeit seiner Gedanken 
verbürgt, so ist es der Zweifel, ob er sich nicht doch vielleicht 
täusche, der ihn immer wieder ergriffen hat und von dem seine 
Jünger später ganz aufrichtig erzählt haben. Da kommt er in 
seine Heimat. Das Dorf läuft zusammen. Man erkennt den ehe- 
maligen Zimmermann, der seine Arbeit verlassen hat, und ist 
entrüstet. Die Familie, seine Mutter, die zahlreichen Brüder und 
Schwestern schämen sich seiner und wollen ihn festnehmen. Da, 
als er all die bekannten Augen auf sich gerichtet fühlt, v/ird 
er verwirrt' und die magische Kraft weicht von ihm (Mark. 6). 
In Gethsemane mischen sich Zweifel an seiner Sendung 2) mitten 
in die entsetzliche Angst vor dem Kommenden und noch am 
Kreuz vernahm man den qualvollen Ruf, daß Gott ihn ver- 
lassen habe. 

Selbst in diesen letzten Stunden lebte er ganz im Bilde 
seiner apokalyptischen Welt. Er hat nie eine andere wirklich 
um sich gesehen. Was den Römern, die unter ihm Wache standen, 
als Wirklichkeit galt, war ihm ein Gegenstand ratlosen Staunens, 
ein Trugbild, das sich unversehens in nichts auflösen konnte. 
Er besaß die reine und unverfälschte Seele des stadtlosen Landes. 
Das Leben der Städte, der Geist im städtischen Sinne waren 
ihm gänzlich fremd. Hat er das halbantike Jerusalem, in das 
er als der Menschensohn einzog, wirklich gesehen und in seinem 

meinde auf Nazareth bezogen wurde (Matth. 2, 23 mit einem unechten Zitat), 
auf die Zugehörigkeit zu einem mandäischen Orden hin. 

^) z. B. Mark. 6 und dazu die große Wendung Mark. 8, 27 flf. Es gibt 
keine zweite Religion, aus deren Entstehungszeit Stücke von so treuherziger 
Berichterstattung erhalten sind. 

2) Ähnlich Mark. l,35fF., wo er noch in der Nacht aufsteht und eine 
einsame Stelle aufsucht, um sich im Gebet aufzurichten. 



262 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

geschichtlichen Wesen verstanden? Das ist das Ergreifende der 
letzten Tage, dieser Zusammenstoß von Tatsachen und Wahr- 
heiten, von zwei Welten, die sich nie verstehen werden : daß er 
gar nicht wußte, was mit ihm geschah. 

So ging er in der Fülle des Verkündens durch sein Land, 
aber dieses Land war Palästina, Er war im antiken Imperium 
geboren und lebte unter den Augen des Judaismus von Jerusalem, 
und sobald seine Seele aus ihrem Schauen und dem Gefühl ihrer 
Sendung heraus um sich blickte, stieß sie auf die Wirklichkeit 
des römischen Staates und des Pharisäertums. Der Widerwille 
gegen dieses starre und eigensüchtige Ideal, den er mit dem 
ganzen Mandäertum und ohne Zweifel mit dem jüdischen Land- 
volke des weiten Ostens teilte, geht als erstes und dauerndes 
Merkmal durch alle seine Reden. Ihm graute vor diesem Wust 
verstandesmäßiger Formeln, der der einzige Weg zum Heil sein 
sollte. Dennoch war es nur eine andre Art von Frömmig- 
keit, die seiner Überzeugung mit rabbinischer Logik das Recht 
bestritt. 

Hier stand nur das Gesetz gegen die Propheten. Als Jesus 
aber vor Pilatus geführt wurde, da traten sich dieWelt der 
Tatsachen und die der Wahrheiten unvermittelt und 
unversöhnlich gegenüber, in so erschreckender Deutlichkeit 
und Wucht der Symbolik, wie in keiner zweiten Szene der ge- 
samten Weltgeschichte. Der Zwiespalt, der allem freibeweglichen 
Leben von Anfang an zugrunde hegt, schon damit, daß es ist. 
daß es Dasein und Wachsein ist, hat hier die höchste über- 
haupt denkbare Form menscliHcher Tragik angenommen. In der 
berühmten Frage des römischen. Prokurators: Was ist Wahr- 
heit? — das einzige Wort im Neuen Testament, das Rasse hat — 
liegt der ganze Sinn der Geschichte, die Alleingeltung der 
Tat, der Rang des Staates, des Krieges, des Blutes, die ganze 
Allmacht des Erfolges und der Stolz auf ein großes Geschick. 
Darauf hat nicht der Mund, aber das schweigende Gefühl Jesu 
mit der andern, über alles Religiöse entscheidenden Frage ge- 
antwortet: Was ist Wirklichkeit? Für Pilatus war sie alles, für 
ihn selbst nichts. Anders kann echte Religiosität der Geschichte und 
ihren Mächten niemals gegenüberstehen, anders darf sie das 
tätige Leben nie einschätzen, und wenn sie es dennoch tut, so 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 263 

hat sie aufgehört Religion zu sein und ist selbst dem Geist der 
Geschichte verfallen. 

Mein Reich ist nicht von dieser Welt — das ist das 
letzte Wort, von dem sich nichts abdeuten läßt und an dem 
jeder ermessen muß, wohin Geburt und Natur ihn gewiesen 
haben. Ein Dasein, das sich des Wachseins bedient, oder ein 
Wachsein, welches das Dasein unterwirft; Takt oder Spannung, 
Blut oder Geist, Geschichte oder Natur, Politik oder Religion: 
hier gibt es nur ein Entweder-Oder und keinen ehrlichen Ver- 
gleich. Ein Staatsmann kann tief religiös sein, ein Frommer 
kann für sein Vaterland fallen — aber sie müssen beide wissen, 
auf welcher Seite sie wirklich stehen. Der geborne Politiker 
verachtet die weltfremden Betrachtungsweisen des Ideologen und 
Ethikers mitten in seiner Tatsachenwelt — er hat recht. Für 
den Gläubigen sind aller Ehrgeiz und Erfolg der geschichtlichen 
Welt sündhaft und ohne ewigen Wert — er hat auch recht. 
Ein Herrscher, der die Religion in der Richtung auf politische, 
praktische Ziele verbessern will, ist ein Tor. Ein Sittenprediger, 
der Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung in die Welt 
der Wirklichkeit bringen will, ist ebenfalls ein Tor. Kein Glaube 
hat je die Welt verändert und keine Tatsache kann je einen 
Glauben widerlegen. Es gibt keine Brücke zwischen der ge- 
richteten Zeit und dem zeitlos Ewigen, zwischen dem Gang der 
Geschichte und dem Bestehen einer göttlichen Weltordnung, in 
deren Bau „Fügung" das Wort für den höchsten Fall von Kau- 
salität ist. Das ist der letzte Sinn jenes Augenblicks, 
in dem Pilatus und Jesus sich gegenüberstanden. In 
der einen, der historischen Welt ließ der Römer den Galiläer 
ans Kreuz schlagen — das war sein Schicksal. In der andern 
war Rom der Verdammnis verfallen und das Kreuz die Bürg- 
schaft der Erlösung. Das war „Gottes Wille ".i) 

Religion ist Metaphysik, nichts anderes: Credo, qiiia 
absurdum. Und zwar ist erkannte, bewiesene, für bewiesen ge- 
haltene Metaphysik bloße Philosophie oder Gelehrsamkeit. Hier 

*) Die Betrachtungsweise dieses Buches ist historisch. Sie erkennt also 
die entgegengesetzte als Tatsache an. Dagegen muß die religiöse Betrach- 
tung mit Notwendigkeit sich selbst als wahr, die andere als falsch er- 
kennen. Dieser Zwiespalt läßt sich nicht überwinden. 



264 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

ist erlebte Metaphysik gemeint, das Undenkbare als Gewißheit, 
das Übernatürliche als Ereignis, das Leben in einer niehtwirk- 
lichen, aber wahren Welt. Anders hat Jesus auch nicht einen 
Augenblick gelebt. Er war kein Sittenprediger. In der Sitten- 
lehre das letzte Ziel der Religion sehen, heißt sie nicht kennen. 
Das ist neunzehntes Jahrhundert, „Aufklärung", humanes 
Philistertum. Ihm soziale Absichten zuschreiben ist eine Läste- 
rung. Seine gelegentlichen Sittensprüche, soweit sie ihm nicht 
nur zugeschrieben sind, dienen lediglich der Erbauung. Sie ent- 
halten gar keine neue Lehre. Es waren Sprichwörter darunter, 
wie sie damals jeder kannte. Seine Lehre war einzig die Ver- 
kündigung der letzten Dinge, deren Bilder ihn beständig er- 
füllten: der Anbruch des neuen Weltalters, die Herabkunft des 
himmlischen Gesandten, das letzte Gericht, ein neuer Himmel 
und eine neue Erde.') Einen andern Begriff von Religion hat er 
nie gehabt und einen andern besitzt überhaupt keine wahrhaft 
innerliche Zeit. Religion ist durch und durch Metaphysik, 
Jenseitigkeit, Wachsein inmitten einer Welt, in welcher das 
Zeugnis der Sinne nur den Vordergrund aufliellt; Rehgion ist 
das Leben in und mit dem Übersinnlichen, und wo die Kraft 
zu solchem Wachsein, die Kraft, auch nur daran zu glauben, 
fehlt, daist die wirkliche Religion zu Ende. Mein Reich ist nicht 
von dieser Welt — nur wer das ganze Gewicht dieser Einsicht 
ermißt, kann seine tiefsten Aussprüche begreifen. Erst späte, 
städtische Zeiten, die solcher Einblicke nicht mehr fähig waren, 
haben den Rest von Religiosität auf die Welt des äußeren Lebens 
bezogen und die Religion durch humane Gefühle und Stimmungen, 



') Deshalb ist Mark. 13, aus einer noch älteren Schrift übernommen, 
vielleicht das echteste Beispiel eines Gesprächs, wie er sie täglich führte. 
Paulus zitiert I. Thess. 4, 15 — 17 ein anderes, das in den Evangelien fehlt. 
Dahin gehören die unschätzbaren und von den Forschern — die sich von dem 
Evangelienton beherrschen lassen — mißachteten Angaben des Papias, der um 
140 noch eine Menge guter mündlicher Überlieferung sammeln konnte. Das 
Wenige, was von seinem Werk erhalten ist, genügt vollständig, um den apo- 
kalyptischen Inhalt der täglichen Gespräche Jesu erkennen zu lassen; Mark. 13 
und nicht die „Bergpredigt" gibt den wirklichen Gesprächston. Aber als seine 
Lehre sich in die Lehre von ihm verwandelt hatte, ging auch dieser Stofl 
aus seinen Reden in den Bericht von seiner Erscheinung hinüber. In diesem 
einen Punkte ist das Bild der Evangelien notwendig falsch. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUIt 265 

die Metaphysik durch Sittenpredigt und Sozialethik ersetzt. In 
Jesus findet man das gerade Gegenteil. „Gebt dem Cäsar, was des 
Cäsars ist" — das heißt: Fügt euch den Mächten der Tatsachen- 
welt, duldet, leidet und fragt nicht, ob sie „gerecht" sind. 
Wichtig ist nur das Heil der Seele. „Sehet die Lilien auf dem 
Felde" — das heißt: Kümmert euch nicht um Reichtum und 
Armut. Sie fesseln beide die Seele an die Sorgen dieser Welt. 
„Man muß Gott dienen oder dem Mammon" — da ist mit dem 
Mammon die ganze Wirklichkeit gemeint. Es ist flach und feige, 
die Größe aus dieser Forderung fortzudeuten. Zwischen der 
Arbeit für den eignen Reichtum und der für die soziale Be- 
quemlichkeit „aller" hätte er überhaupt keinen Unterschied emp- 
funden. W^enn er vor dem Reichtum erschrak und wenn die 
ürgemeinde in Jerusalem, die ein strenger Orden war und kein 
Öozialistenklub, den Besitz verwarf, so liegt darin der größte 
überhaupt denkbare Gegensatz zu aller „sozialen Gesinnung": 
nicht weil die äußere Lage alles, sondern weil sie nichts ist, 
nicht aus der Alleinschätzung, sondern aus der unbedingten 
Verachtung des diesseitigen Behagens gehen solche Überzeugungen 
hervor. Aber es muß allerdings etwas da sein, dem gegenüber 
alles irdische Glück zu nichts versinkt. Es ist wieder der Unter- 
schied von Tolstoi und Dostojewski. Tolstoi, der Städter und 
Westler, hat in Jesus nur einen Sozialethiker erblickt und wie 
der ganze zivilisierte Westen, der nur verteilen, nicht verzichten 
kann, das Urchristentum zum Range einer Sozialrevolutionären 
Bewegung herabgezogen und zwar aus Mangel an metaphysischer 
Kraft. Dostojewski, der arm war, aber in gewissen Stunden fast 
ein Heiliger, hat nie an soziale Verbesserungen gedacht — was 
wäre der Seele damit geholfen, wenn man das Eigentum abschafft? 



Unter den Freunden und Schülern, die der furchtbare Aus- 
gang des Zuges nach Jerusalem innerlich vernichtet hatte, ver- 
breitete sich nach einigen Tagen die Kunde von seiner Auf- 
erstehung und Erscheinung. Was das für solche Seelen und eine 
solche Zeit bedeutete, können späte Menschen niemals ganz nach- 
empfinden. Damit war die Erwartung der gesamten Apokalyptik 



266 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



jener magischen Frühzeit erfüllt: am Ende des gegenwärtigen 
Aion der Aufstieg des erlösten Erlösers, des zweiten Adam, des 
Saoshyant, Enosh oder Barnasha oder wie man „ihn" sonst noch 
vorstellen und nennen mochte, in das Lichtreich des Vaters. 
Damit war die verkündete Zukunft und das neue Weltalter, „das 
Himmelreich", unmittelbare Gegenwart geworden. Man befand 
sich im entscheidenden Punkt der Heilsgeschichte. Diese Ge- 
wißheit hat den Weltblick des kleinen Kreises vollkommen ver- 
ändert. „Seine" Lehre, wie sie aus seiner milden und edlen 
Natur geflossen war, sein inneres Gefühl vom Verhältnis zwischen 
Mensch und Gott und dem Sinn der Zeiten überhaupt, das mit dem 
einen Wort Liebe erschöpfend bezeichnet war, trat zurück und die 
Lehre von ihm trat an ihre Stelle. Als „der Auferstandene" 
wurde ihr Lehrer eine neue Gestalt innerhalb der Apokalyptik 
und zwar die wichtigste und abschließende. Aber damit war 
aus dem Zukunftsbilde ein Erinnerungsbild geworden. Es war 
etwas ganz Entscheidendes und in der gesamten magischen Ge- 
dankenwelt Unerhörtes, dies Eintreten einer selbsterlebten Wirk- 
lichkeit in den Kreis der großen Gesichte. Die Juden, darunter der 
junge Paulus, und die Mandäer, darunter die Jünger des Täufers, 
haben es leidenschaftlich bestritten. Für sie war er ein falscher 
Messias, von dem schon die ältesten persischen Texte gesprochen 
hatten. 1) Für sie sollte „er* auch fernerhin noch kommen; für 
die kleine Gemeinde war er eben dagewesen. Sie hatten ihn 
gesehen, mit ihm gelebt. Man muß sich ganz in dies Bewußt- 
sein versetzen, um seine ungeheure Überlegenheit in einer solchen 
Zeit zu begreifen. Statt eines ungewissen Blickes in die Ferne 
ein Stück ergreifender Gegenwart, statt der wartenden Angst die 
befreiende Gewißheit, statt einer Sage ein miterlebtes Menschen- 
schicksal. Es war wirklich eine „frohe Botschaft", die man ver- 
kündete. 

Aber wem? Schon in den ersten Tagen erhebt sich die 
Frage, welche über das ganze Schicksal der neuen Offenbarung 
entschied. Jesus und seine Freunde waren Juden von Geburt, 
aber sie gehörten nicht zum judäischen Lande. Hier in Jerusalem 
erwartete man den Messias der alten heiligen Bücher, der allein 
für das jüdische Volk im ehemaligen Sinne einer Stammesgemein- 

^) Jesus selbst wußte davon: Matth. 24, 5 u. 11. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 267 

Schaft kommen sollte. Das ganze übrige aramäische Land aber 
erwartete den Erlöser der We 1 1 , den Heiland und Menschensohn 
aller apokalj^tischen Schriften, mochten sie jüdisch, persisch, 
chaldäisch oder mandäisch abgefaßt sein.*) Im einen Falle waren 
Tod und Auferstehung Jesu nur ein örtliches Ereignis, im andern 
bedeuteten sie eine Weltwende. Denn während überall sonst die 
Juden eine magische Nation ohne Heimat und Einheit der Ab- 
stammung geworden waren, hielt man in Jerusalem an der 
Stammesauffassung fest. Es handelte sich nicht um „Juden-" oder 
„ Heidenmission ": der Zwiespalt liegt viel tiefer. Das Wort Mission 
bedeutet hier durchaus zweierlei. Im Sinne des Judaismus bedurfte 
es eigentlich keiner Werbung; im Gegenteil, sie widersprach der 
Messiasidee. Die Begriffe Stamm und Mission schließen sich aus. 
Die Angehörigen des auserwählten Volkes und im besonderen die 
Priesterschaft hatten sich lediglich zu überzeugen, daß die 
Verheißung jetzt erfüllt war. Im andern Falle aber lag in der Idee 
der magischen, auf dem consensus beruhenden Nation, daß mit 
der Auferstehung die volle und endgültige Wahrheit und also mit 
dem consensus über sie die Grundlage der wahren Nation 
gegeben war, die sich nun ausdehnen mußte, bis sie alle älteren, 
der Idee nach unvollkommenen in sich aufgenommen hatte. „Ein 
Hirt und eine Herde" — das war die Formel für die neue Welt- 
nation. Die Nation des Erlösers war mit der Menschheit identisch. 
ÜberbHckt man die Vorgeschichte dieser Kultur, so ergibt sich, daß 
die Streitfrage des Apostelkonzils 2) schon 500 Jahre vorher durch 
die Tat entschieden war: das nachexilische Judentum mit ein- 
ziger Ausnahme des in sich abgeschlossenen Kreises von Judäa 
hatte wie die Perser, die Chaldäer und alle andern im ausgedehn- 
testen Maße unter den Ungläubigen geworben, von Turkestan 
bis nach Innerafrika, ohne Rücksicht auf Heimat und Abkunft. 
Darüber stritt man nicht. Es kam dieser Gemeinschaft gar nicht 

*) Die Bezeichnung Messias (Christus) ist altjüdisch, die Bezeichnungen 
Herr (xvgiog, divus) und Heiland {ocottiq, Asklepios) waren ostaramäischen Ur- 
sprungs. Innerhalb der Pseudomorphose wird Christus zum Namen und 
Heiland zum Titel Jesu; Herr und Heiland waren aber schon vorher die Titel 
des hellenistischen Kaiserkultes geworden : darin liegt das ganze Schicksal des 
westlich gerichteten Christentums. (Vgl. jetzt Reitzenstein, Das iran. Erlös.- 
Myst. S. 132 Anm.) 

*) Apostelgesch. 15; Gal. 2. 



268 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

zum Bewußtsein, daß es anders sein könne. Sie selbst war ja 
bereits das Ergebnis eines nationalen Daseins, das in Aus- 
dehnung bestand. Die altjüdischen Texte waren ein sorgfältig 
behüteter Schatz und die richtige Auslegung, die Halacha, be- 
hielten sich die Rabbiner vor. Die apokalyptische Literatur bildete 
dazu das äußerste Gegenteil: geschrieben, um schrankenlos alle 
Gemüter zu wecken, war sie in der Ausdeutung jedem einzelnen 
anheimgestellt. 

Wie seine ältesten Freunde es auffaßten, zeigt die Tatsache» 
daß sie sich als die Gemeinde der Endzeit in Jerusalem fest- 
setzten und im Tempel verkehrten. Für diese einfachen Leute, 
darunter seine Brüder, die ihn anfangs durchaus abgelehnt hatten, 
und die Mutter, die nun an den hingerichteten Sohn glaubte,*) 
war die Macht der judäischen Überlieferung noch stärker als der 
apokalyptische Geist. Ihre Absicht, die Juden zu überzeugen, 
mißlang, obwohl anfangs sogar Pharisäer übertraten; sie blieben 
eine der vielen Sekten innerhalb des Judentums und man kann 
das Ergebnis, das „Bekenntnis des Petrus", wohl so ausdrücken, 
daß sie selbst das wahre, das Synedrion aber das falsche Juden- 
tum vertraten. 2) 

Das letzte Schicksal dieses Kreises 3) ist in Vergessenheit 
geraten unter der Wirkung, welche die neue apokalyptische Lehre 
in der ganzen Welt magischen Fühlens und Denkens sehr bald 
hervorrief. Unter den späteren Anhängern Jesu waren viele, die 
wirklich rein magisch empfanden und von pharisäischem Geiste 
ganz frei waren. Sie haben lange vor Paulus die Missionsfrage 
stillschweigend für sich gelöst. Sie konnten gar nicht leben, ohne 
zu verkünden, und sie haben vom Tigris bis zur Tiber überall 
kleine Kreise gesammelt, in denen die Jesusgestalt in allen denk- 

*) Apostel gesch. 1, 14; vgl. Mark. 6. 

') Matthäus vertritt Lukas gegenüber diese Auffassung. Es ist das einzige 
Evangelium, in dem das Wort Ekklesia vorkommt und zwar sind damit die 
wahren Juden gemeint gegenüber der Masse, die den Ruf Jesu nicht hören 
will. Das ist nicht IVIission, so wenig als Jesaja Mission getrieben hat. Ge- 
meinde bedeutet hier einen innerjüdischen Orden. (Die Vorschriften 18, 15 — 20 
sind mit einer allgemeinen Ausbreitung ganz unvereinbar.) 

3) Er zerfiel später selbst in Sekten, darunter die Ebioniten und Elkesaiten 
(mit einem seltsamen heiligen Buch, dem Elxai: Bousset, Hauptprobleme d. 
Gnosis S. 154). 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 269 



baren Auffassungen mit der ]\rasse schon vorhandener Gesichte 
und Lehren verschmolz.^) Hier ergab sich ein zweiter Zwiespalt, 
der ebenfalls in den Worten Heiden- und Judenmission enthalten 
ist und der viel wichtiger wurde als jener im voraus entschiedene 
Streit zwischen Judäa und der Welt: Jesus hatte in Galiläa 
gelebt. Sollte die Lehre von ihm nach West oder Ost gerichtet 
sein? Als Jesuskult oder als Erlöserorden? In engster Fühlung 
mit der persischen oder der synkretistischen Kirche, die damals 
beide in Bildung begriffen waren? 

Dartiber hat Paulus entschieden, die erste große Persönlich- 
keit in der neuen Bewegung, die erste, die sich nicht nur auf 
Wahrheiten, sondern auch auf Tatsachen verstand. Als junger 
Rabbiner aus dem Westen und Schüler eines der berühmtesten 
Tannaim hatte er die Christen als eine innerjüdische Sekte ver- 
folgt. Nach einer Erweckung, wie sie damals oft vorkam, wandte 
er sich den vielen kleinen Kultgemeinden des Westens zu und 
schuf aus ihnen eine Kirche seiner Prägung. Von hier an haben 
sich die heidnische und die christliche Kultkirche im Gleich- 
schritt und in engster Wechselwirkung bis zu Jamblich und 
Athanasius (l^eide um 330) entwickelt. Im Angesicht dieses 
großen Ziels hat er für die Jesusgemeinde in Jerusalem eine 
kaum verhehlte Verachtung. Es gibt im Neuen Testament nichts 
Peinlicheres als den Anfang des Galaterbriefes : er hat seine Tätig- 
keit auf eigene Faust unternommen und so gelehrt und auf- 
gebaut, wie es ihn gut dünkte. Endhch, nach vierzehn Jahren, 
geht er nach Jerusalem, um die alten Gefährten Jesu durch seine 
geistige Überlegenheit, den Erfolg und die Tatsache seiner Un- 
abhängigkeit von ihnen zu dem Eingeständnis zu zwingen, daß 
seine Schöpfung die wahre Lehre enthalte. Petrus und die Seinen, 
allem Tatsächlichen fremd, haben die Tragweite der Besprechung 
nicht erkannt: von da an war die Urgemeinde überflüssig. 

Paulus war Rabbiner dem Geiste und Apokalyptiker dem Gefühl 
nach. Er erkannte den Judaismus an, aber als Vorgeschichte. 



^) In der Apostelgeschichte und in allen Paulusbriefen werden solche 
Sekten angegriffen; es gab wohl keine spätantike und aramäische Religion oder 
Philosophie, die nicht eine Art Jesussekte aus sich entstehen sah. Die Gefahr 
war sicherlich vorhanden, daß die Leidensgeschichte nicht der Kern eines neuen 
Glaubens, sondern ein integrierender Bestandteil aller schon vorhandenen wurde. 



270 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Infolgedessen gab es von nun an zwei magische Religionen mit der- 
selben heiligen Schrift, nämlich dem Alten Testament. Aber dazu 
gehörte eine doppelte Halacha, die eine in der Richtung auf den 
Talmud, durch die Tannaim zu Jerusalem seit 300 v. Chr. entwickelt, 
die andere durch Paulus begründet und durch die Kirchenväter 
vollendet, in der Richtung auf das Evangelium. Die ganze Fülle der 
Apokalyptik aber mit ihrer Erlöserverheißung, die damals umging, i) 
zog er in die Erlösungsgewißheit zusammen, so wie sie ihm 
allein vor Damaskus unmittelbar offenbart worden war. „Jesus 
ist der Erlöser und Paulus ist sein Prophet": das ist der volle 
Inhalt seiner Verkündigung. Die Ähnlichkeit mit Mohamed kann 
nicht größer sein. Weder die Art der Erweckung noch das 
prophetische Selbstbewußtsein noch die Folgerungen daraus für 
das alleinige Recht und die unbedingte Wahrheit ihrer Aus- 
legung sind verschieden. 

Mit Paulus erscheint der Stadtmensch und mit ihm die 
„Intelligenz" in diesem Kreise. Die andern, mochten sie auch 
Antiochia und Jerusalem kennen, haben doch das Wesen solcher 
Städte nie begriffen. Sie lebten erdverbunden, ländlich, ganz 
Seele und Gefühl. Hier erschien ein in den Großstädten antili;en 
Stils gewachsener Geist, der nur in Städten leben konnte, der 
das bäuerliche Land weder begriff noch achtete. Mit Philo hätte 
er sich verständigen mögen, mit Petrus nicht. Er zuerst hat das 
Auferstehungserlebnis als Problem gesehen, und das selige 
Schauen der ländlichen Jünger verwandelte sich in seinem Kopfe 
in einen Streit geistiger Prinzipien. Wie war das doch anders — 
das Ringen in Gethsemane und die Stunde von Damaskus: ein 
Kind und ein Mann, Seelenangst und geistige Entscheidung, Er- 
gebung in den Tod und Entschluß zum Wechsel der Partei. Er 
hatte in der neuen Judensekte zuerst eine Gefahr für die phari- 



^) Er hat sie genau gekannt. Viele seiner innerlichsten Anschauungen 
sind ohne persische, und mandäische Eindrücke nicht denkhar, so Rom. 7, 22 — 24; 
I. Kor. 15, 26; Ephes. 5, 6fF. mit einem Zitat persischen Ursprungs: Reitzenstein, 
Das iran. Erlös.-Myst. S. 6 u. 133 fF. Aber für eine Vertrautheit mit persisch- 
mandäischer Literatur beweist das nichts. Diese Geschichten waren damals 
verbreitet wie die Sagen imd Volksmärchen früher bei uns. Man hörte als 
Kind davon erzählen; sie waren das tägliche „Hörensagen". Man wußte gar 
nicht, wie tief man in ihrem Banne stand. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 271 



säische Lehre von Jerusalem gesehen; plötzlich begriff er, daß die 
Nazarener „recht hatten" — ein Wort, an das man bei Jesus gar 
nicht denken kann; nun verteidigt er ihre Sache gegen den Judais- 
mus und erhebt sie damit zu einer geistigen Größe, während 
sie bisher das Wissen um ein Erlebnis gewesen war. Eine geistige 
Größe — aber damit drängt er das Verteidigte ganz unbewußt 
den andern geistigen Mächten näher, die es damals gab: den 
Städten des Westens. Im Umkreis der reinen Apokalyptik gab 
es keinen „Geist". Die alten Gefährten konnten ihn gar nicht 
verstehen. Sie müssen ängstlich und traurig auf ihn geblickt 
haben, als er auf sie einredete. Ihr lebendiges Jesusbild — Paulus 
hatte ihn ja nie gesehen — verblaßte vor diesem grellen Licht 
der Begrijffe und Sätze. Von nun an wurde aus der heiligen Er- 
innerung ein Schulsystem. Aber Paulus hatte ein ganz richtiges 
Gefühl für die w^hre Heimat seiner Gedanken. Er hat seine 
Missionsreisen sämtlich nach Westen gerichtet und den Osten 
überhaupt nicht beachtet. Er hat das antike Staatsgebiet 
nie verlassen. Warum ging er nach Rom, nach Korinth und 
nicht nach Edessa oder Ktesiphon? Und warum nur in die 
Städte und niemals von Dorf zu Dorf? 

Paulus allein hat diese Entwicklung der Dinge veranlaßt. 
Seiner praktischen Energie gegenüber kamen die Gefühle aUer 
andern nicht in Betracht. Damit war über die städtische und 
westliche Tendenz der jungen Kirche entschieden. Die letzten 
Heiden wurden später pagani genannt, die Leute auf dem Lande. 
Es erhob sich eine ungeheure Gefahr, die nur durch die Jugend 
und urwüchsige Kraft des werdenden Christentums abgewehrt 
worden ist: das Fellachentum der antiken Weltstädte griff mit 
beiden Händen danach und die Spuren blieben deuthch zurück. 
Wie weit entfernt war das doch vom Wesen Jesu, der ganz mit 
dem Lande und seinen Menschen verbunden gelebt hatte! Er 
hatte die Pseudomorphose gar nicht bemerkt, in deren Mitte er 
geboren war, und trug auch nicht den leisesten Zug von ihr in 
seiner Seele, und nun, ein Menschenalter hernach, als seine 
Mutter vielleicht noch lebte, war das, was aus seinem Tode auf- 
gewachsen war, schon ein Mittelpunkt für das Formwollen der 
Pseudomorphose geworden. Die antiken Städte waren bald der 
einzige Schauplatz der kultischen und dogmatischen Entwicklung. 



272 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Nach Osten breitete sich die Gemeinschaft nur verstohlen aus, 
wie um nicht bemerkt zu werden, i) Um das Jahr 100 gab es 
schon Christen jenseits des Tigris, aber sie sind samt ihren 
Überzeugungen für den Gang der kirchlichen Entwicklung so 
gut wie nicht vorhanden. 

Aus der nächsten Umgebung des Paulus ist nun auch die 
zweite Schöpfung hervorgegangen, welche die Gestalt der neuen 
Kirche wesentlich bestimmt hat. Daß es Evangelien gibt, ist, 
so sehr die Persönlichkeit und Geschichte Jesu eine dichterische 
Gestaltung forderte, die Tat eines einzelnen, des Markus.*) Was 
Paulus und Markus vorfanden, war eine feste Tradition in den 
Gemeinden, das „Evangelium", ein fortgesetztes Hörensagen und 
Weiterberichten, das durch formlose und unbedeutende Auf- 
zeichnungen in aramäischer und griechischer Sprache gestützt, 
aber keineswegs dargestellt wurde. Daß einmal wichtige Schriften 
entstehen würden, war gewiß, aber aus dem Geist des Kreises, 
der mit Jesus gelebt hatte, und dem Geist des Ostens über- 
haupt wäre eine kanonische Sammlung seiner Aussprüche, die 
auf den KonziUen ergänzt, abgeschlossen und mit einem Kom- 
mentar versehen wurde, das Natürliche gewesen und dazu eine 
•Jesusapokalypse mit der Parusie als Mittelpunkt. Die Ansätze 
dazu wurden durch das Evangelium des Markus, das um 65, gleich- 
zeitig mit den letzten Paulusbriefen und griechisch wie diese ge- 
schrieben ist, gänzlich abgebrochen. Damit ist der Verfasser, der 
die Bedeutung seines kleinen Werkes gar nicht ahnte, eine der 
allerwichtigsten Persönlichkeiten nicht nur des Christentums, 
sondern der arabischen Kultur überhaupt geworden. Alle älteren 
Versuche verschwanden. Nur Schriften in EvangeHenform blieben 
als Quellen über Jesus zurück. Das war so selbstverständlich, 



') Die frühe Mission im Osten ist kaum untersucht worden und auch 
schwerlich noch in Einzelheiten festzustellen. Sachau, Chronik von Arbela, 
1915. Ders., Die Ausbreitung des Christentums in Asien, Abh. Pr. Ak. d.Wiss., 
1919. Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums II, S. 117 ff. 

^) Die Forscher, die sich Adel zu gelehrtenhaft um einen Urmarkus, die 
Quelle Q, die Zwölferquelle u. ä. streiten, übersehen das grundsätzlich Neue. 
Markus ist das erste ^Buch" des Christentums, etwas Planvolles und 
Ganzes. Dergleichen ist nie das natüiiiche Ergebnis einer Entwicklung, sondern 
das Verdienst eines einzelnen Mannes und es bedeutet gerade hier eine geschicht- 
liche Wendung. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 273 



daß von nun an „Evangelium" aus der Bezeichnung eines Inhalts 
zu der einer Form wurde. Das Werk stammt aus dem Wunsch 
paulinischer, literaturgewohnter Kreise, die nie einen Gefährten 
Jesu von ihm hatten reden hören. Es ist ein apokalyptisches 
Lebensbild aus der -Ferne; das Erlebnis ist durch Erzählung 
ersetzt, so schlicht und aufrichtig, daß man die apokalyptische 
Tendenz gar nicht bemerkt. Aber sie bildet dennoch die Voraus- 
setzung. Nicht die Worte Jesu, sondern die Lehre von ihm in 
der paulinischen Fassung ist der Stoff. Das erste christliche 
Buch geht aus der Schöpfung des Paulus hervor, aber diese 
selbst ist ohne das Buch und seine Nachfolger sehr bald nicht 
mehr zu denken. 

Denn jetzt entstand, was Paulus, ein inbrünstiger Scho- 
lastiker, nie gewollt, was er aber durch die Richtung seiner 
Tätigkeit unvermeidlich gemacht hatte, die Kultkirche ehr ist- 
lich erNation. Während die synkretistische Glaubensgemeinschaft 
in dem Maße, wie sie zum Selbstbewußtsein gelangte, die zahl- 
losen alten Stadtkulte und die neuen magischen zusammenzog und 
diesem Gefüge durch einen höchsten Kult henotheistische Form 
gab, wurde der Jesuskult der ältesten Westgemeinden so lange 
zerlegt und bereichert, bis aus ihm eine ganz ähnlich gebaute 
Masse von Kulten entstanden war. 2) Um die Geburt Jesu^ von 
der die Jünger nichts gewußt haben, bildete sich eine Kindheits- 
geschichte. Bei Markus kommt sie noch nicht vor. Zwar sollte 
schon in der altpersischen Apokalyptik der Saoshyant als Heiland 
der letzten Tage von einer Jungfrau geboren werden; der neue 
westliche Mythus aber war von ganz anderer Bedeutung und 
liatte unermeßliche Folgen. Denn nun erhob sich im Gebiet der 
Pseudomorphose neben Jesus als dem Sohne und weit über ihn 
hinaus die Gestalt der Gottesmutter, der Muttes Gottes, eben- 
falls ein schlichtes Menschenschicksal von so ergreifender Gewalt, 

^) Markus ist eigentlich das Evangelium. Nach ihm beginnen die Partei- 
schriften wie Lukas und Matthäus; der Ton des Berichtes geht in den der 
Legende über imd endet jenseits des Hebräer- und Johannesevangeliums bei 
Jesusromanen wie den Evangelien des Petrus und Jakobus. 

2) Wenn man das Wort katholisch im ältesten Sinne (Ignatius ad Smyrn. 8) 

anwendet: die Allgemeinde als Summe der Kultgemeinden, so sind beide 

Kirchen „katholisch". Im Osten hat das Wort keinen Sinn. Die Nestorianer- 

kirche ist so wenig wie die persische eine Summe, sondern eine magische Einheit. 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II. 18 



274 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

daß es all die tausend Jungfrauen und Mütter des Synkretismus, 
Isis, Tanit, Kybele, Demeter und alle Mysterien von Geburt und 
Leiden überragte und zuletzt in sich aufnahm. Nach Irenäus 
ist sie die Eva einer neuen Menschheit. Origenes verficht ihre 
dauernde Jungfräulichkeit. Durch die Geburt des Erlösergottes 
hat eigenthch sie die Welt erlöst. Die Theotokos Maria, die 
Gottesgebärerin, war das große Ärgernis der Christen jenseits 
der antiken Grenze, und die aus dieser Vorstellung entwickelten 
Lehrsätze gaben zuletzt den Anlaß für Monophysiten und Nesto- 
rianer, sich abzulösen und die reine Jesusreligion wiederherzu- 
stellen. Aber als die faustische Kultur erwachte und eines 
großen Symbols bedurfte, um ihr Urgefühl für die unendliche 
Zeit, die Geschichte und die Folge der Geschlechter sinnlich zu 
fassen, da hat sie die Mater dolorosa un.d nicht den leiden- 
den Erlöser in die Mitte des germanisch-katholischen Christen- 
tums der Gotik gesteht, und durch ganze Jahrhunderte blühender 
Innerlichkeit ist diese Frauengestalt der eigentliche Inbegriff 
faustischen Weltgefühls und das Ziel aller Dichtung, Kunst und 
Frömmigkeit gewesen. Noch heute nimmt im Kult und in den 
Gebeten der kathoKschen Kirche und vor allem im Gefühl der 
Gläubigen Jesus den zweiten Platz nach der Madonna ein.') 

Neben dem Marienkult entstanden die unzähKgen Kulte der 
Heüigen, deren Zahl die der antiken Ortsgottheiten sicherHch auf- 
wog, und als die heidnische Kirche zuletzt erlosch, konnte die 
christliche den ganzen Schatz örtHcher Kulte unter der Form 
der Heüigenverehrung in sich aufnehmen. 

Aber Paulus und Markus haben noch etwas anderes ent- 
schieden, dessen Tragweite gar nicht überschätzt werden kann. 
Es war die Folge seiner Mission, daß das Griechische die 
Sprache der Kirche und ihrer heiligen Schriften, voran des 
ersten Evangeliums, wurde, wofür ursprünghch nicht einmal die 
Wahrscheinlichkeit vorlag. Eine heilige griechische Literatur 
— man bedenke, was das alles einschloß. Die Jesuskirche 
wurde von ihrem seehschen Ursprung künstHch abgetrennt 
und einem fremden, gelehrten angeheftet. Die Fühlung mit dem 
Volkstum des aramäischen Mutterlandes ging verloren. Von da 
an hatten die beiden Kultkirchen die gleiche Sprache, die gleiche 

») Ed. Meyer, Urspr. u. Anfänge d. Christentums, 1921, S. 77ff. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 275 

begriffliche Überlieferung, die gleichen Bücherschätze derselben 
Schulen. Die viel ursprünglicheren aramäischen Literaturen des 
Ostens, die eigentlich magischen, geschrieben und gedacht in der 
Sprache Jesu und seiner Gefährten, waren damit von der Mit- 
wirkung am Leben der Kirche abgeschnitten. Man konnte sie 
nicht lesen, man verfolgte sie nicht mehr, man vergaß sie end- 
lich. Mochten auch die heiligen Texte der persischen und 
jüdischen Religion awestisch und hebräisch abgefaßt sein, so 
war doch die Sprache ihrer Urheber und Erklärer, die Sprache 
der gesamten Apokalyptik, aus welcher die- Lehre Jesu und die 
Lehre von ihm herangewachsen waren, und endlich die der Ge- 
lehrten an allen Hochschulen Mesopotamiens das Aramäische. 
Das alles entschwand nun aus dem Gesichtskreis und an seine 
Stelle traten Plato und Aristoteles, die von den Scholastikern 
beider Kultkirchen in gemeinsamer Arbeit und in gleichem Sinne 
mißverstanden wurden. 

Den letzten Schritt in dieser Richtung wollte der Mann tun, 
welcher Paulus an organisatorischer Begabung gleich, an geistiger 
Gestaltungskraft weit überlegen war, der an Sinn für das Mög- 
liche und Tatsächliche aber hinter ihm zurückstand und deshalb 
mit seinen großartigen Absichten gescheitert ist: Marcion. i) Er 
erblickte in der Schöpfung des Paulus mit allen ihren Folgen 
nur die Unterlage zur Stiftung der eigentlichen Erlöserreligion. 
Er empfand das Sinnlose der Tatsache, daß Christentum und 
Judentum, die sich rücksichtslos verwarfen, dieselbe heilige 
Schrift, nämlich den jüdischen Kanon besitzen sollten. Es er- 
scheint uns heute unfaßlich, daß es hundert Jahre lang wirklich 
so war. Man bedenke, was der heilige Text für jede Art magischer 
Religiosität bedeutet. Hierin sah er die eigentliche „Verschwö- 
rung gegen die Wahrheit" und eine dringende Gefahr für die 
von Jesus gewollte und nach seiner Ansicht noch nicht verwirk- 
lichte Lehre. Paulus, der Prophet, hat das Alte Testament für 
erfüllt und abgeschlossen erklärt; Marcion, der Religions- 
stifter, erklärt es für überwunden und abgeschafft. Er will 
alles Jüdische bis auf den letzten Rest ausschalten. Er hat sein 
Leben hindurch nichts bekämpft als das Judentum. Wie jeder echte 

*) Etwa 85 — 155, vgl. jetzt Hamack, Marcion: Das Evangelium vom 
fremden Gott (1921). 

18* 



276 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Religionsstifter und jede im Religiösen schöpferische Zeit, wie 
Zarathustra, die israelitischen Propheten, wie die homerischen 
Griechen und die zum Christentum bekehrten Germanen hat er 
die alten Götter in verworfene Mächte verwandelt.^) Jehovah 
ist als der Schöpfergott das „gerechte" und also das böse, 2) 
Jesus als Verleiblich ung des Erlösergottes in dieser bösen Schöp- 
fung das „fremde", also das gute Prinzip. Das magische und im 
besonderen persische Grundgefühl ist ganz unverkennbar. Marcion 
stammte aus Sinope, der alten Hauptstadt des mithridatischen 
Reiches, dessen Religion schon durch die Namen seiner Könige 
bezeichnet wird. Hier war einst der Mithraskult entstanden. 

Aber zu dieser neuen Lehre gehörte auch eine neue heilige 
Schrift. Das für die ganze Christenheit bis dahin kanonische „ Gesetz 
und die Propheten" war die Bibel des Judengottes, die gerade 
damals vom Synedrion in Jabna endgültig zusammengestellt worden 
war. Die Christen hatten also ein teufhsches Buch in Händen. 
Marcion stellte ihr nun die Bibel des Erlösergottes entgegen und 
zwar in gleicher Weise aus Schriften geordnet, die bis dahin als 
bloße Erbauungsbücher ohne kanonisches Ansehen in den Gemeinden 
umliefen: 3) an die Stelle der Tora setzte er das — eine und 
wahre — Evangelium, das er aus mehreren, nach seiner Über- 
zeugung verdorbenen und verfälschten Einzelevangelien einheit- 
lich aufbaute, an die Stelle der israelitischen Propheten die Briefe 
des einzigen Jesuspropheten Paulus. 

Damit wurde Marcion der eigentliche Schöpfer des Neuen 
Testaments. Aber deshalb muß nun die ihm eng verwandte 
Gestalt jenes rätselhaften Unbekannten genannt werden, der 
nicht lange vorher das Evangelium „nach Johannes" geschrieben 
hatte. Er wollte damit die eigentlichen Evangelien weder 
vermehren noch ersetzen, sondern er hat, anders als Markus, 
mit vollem Bewußtsein etwas ganz Neues geschaffen, das erste 
„heilige Buch" im christlichen Schrifttum, den Koran der 

*) Hamack a. a. 0. S. 136 ff. N. Bonwetsch, Grundr. d. Dogmengesch., 
1919, S. 45 f. 

2) Es gehört zu den tiefsten Gedanken der gesamten Religionsgeschichte 

und wird dem frommen Durchschnittsmenschen immer imverständhch bleiben, 

daß Marcion das , Gerechte" mit dem Bösen gleichsetzt und in diesem Sinne 

das Gesetz des Alten Testaments dem Evangelium des Neuen gegenüberstellt. 

») Um 150, vgl. Hamack a. a. 0. S. 32 ff. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 277 

neuen Religion. *) Das Buch beweist, daß man diese Religion l)e- 
reits als etwas Fertiges und Dauerndes empfand. Der Jesus ganz 
erfüllende und noch von Paulus und Markus geteilte Gedanke, 
daß das Weltende da sei, liegt hinter „Johannes" und Marcion 
weit zurück. Die Apokalyptik ist zu Ende und die Mystik be- 
ginnt. Nicht die Lehre Jesu, auch nicht die paulinische von 
ihm ist der Inhalt, sondern das Geheimnis des Weltalls, der 
Welthöhle. Von einem Evangelium ist keine Rede; nicht die 
Gestalt des Erlösers, sondern das Prinzip des Logos ist Sinn 
und Mitte des Geschehens. Die Kindheitsgeschichte wird wieder 
verworfen: ein Gott wird nicht geboren; er ist da und wandelt 
in Menschengestalt auf Erden. Und dieser Gott ist eine Dreiheit: 
Gott, der Geist Gottes, das Wort Gottes. Dies heilige Buch des 
frühesten Christentums enthält zum erstenmal das magische 
Substanzproblem, das die folgenden Jahrhunderte ausschließlich 
beherrscht und endlich zum Zerfall der Religion in drei Kirchen 
geführt hat; und zwar steht es, was auf manches hindeutet, 
der Lösung am nächsten, die der nestorianische Osten als wahr 
vertreten hat. Es ist trotz oder gerade wegen des griechischen 
Wortes Logos das „östlichste" der Evangelien und dazukommt, 
daß es Jesus gar nicht als Bringer der letzten und ganzen 
Offenbarung gelten läßt. Er ist der zweite Gesandte. Es wird 
noch ein anderer kommen (14,16.26; 15,26). Das ist die 
erstaunliche Lehre, die Jesus selbst verkündet, und das Ent- 
scheidende in diesem geheimnisvollen Buche. Hier enthüllt 
sich plötzlich der Glaube des magischen Ostens. Wenn der 
Logos nicht geht, kann der Paraklet^) nicht kommen (16, 7), 
aber zwischen beiden liegt der letzte Aion, das Reich Ahrimans 
(14, 30). Die von paulinischem Geist beherrschte Kirche der 
Pseudomorphose hat das Johannesevangelium lange bekämpft 

') Über die Begiiffe Koran und Logos s. unten. Es ist wieder wie bei 
Markus nicht die wichtigste Frage, welches seine Vorlagen gewesen sind, 
sondern wie der ganz neue Gedanke zu einem solchen Buch, das den Plan 
Marcions von einer Christenbibel vorwegnimmt und überhaupt erst möglich 
macht, entstehen konnte. Das Buch setzt eine große geistige Bewegung (im 
östlichen Kleinasien?) voraus, die von Judenchristen kaum etwas weiß und 
auch der paulinischen — westlerischen — Gedankenwelt fernsteht, von deren 
Ort und Art wir aber gar nichts wissen. 

^) Vohu mano, der Geist der Wahrheit, in Gestalt des Saoshyant. 



278 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

und erst anerkannt, nachdem die anstößige, dunkel angedeutete 
Lehre durch eine paulinische Deutung verdeckt worden war. Wie 
es eigentlich damit stand, lehrt die auf mündliche Tradition hin- 
weisende Bewegung der Montanisten (um 160 in Kleinasien), die in 
Montanus den erschienenen Paraklet und das Weltende verkündeten. 
Sie fanden ungeheuren Zulauf. In Karthago bekannte sich Ter- 
tullian seit 207 zu ihnen. Um 245 hat Mani, der mit den Strö- 
mungen des östlichen Christentums sehr vertraut war,i) in seiner 
großen Religionsschöpfung den pauKnischen, menschlichen Jesus 
als Dämon verworfen und den johanneischen Logos als den 
wahren Jesus anerkannt, sich selbst aber als den Paraklet des 
Johannes bezeichnet. In Karthago wurde Augustin Manichäer 
und es will viel sagen, daß beide Bewegungen endhch mit der- 
jenigen Marcions verschmolzen sind. 

Kehren wir zu Marcion selbst zurück, so hat er den Ge- 
danken des „Johannes" durchgeführt und eine Christenbibel ge- 
schaffen. Und nun ging er, fast ein Greis, als die Gemeinden des 
äußersten Westens entsetzt vor ihm zurückwichen,*) daran, eine 
eigene Erlöserkirche von meisterhaftem Aufbau zu gründen, s) 
Sie war 150 — 190 eine Macht und erst im folgenden Jahrhundert 
gelang es der älteren Kirche, die Marcioniten zum Range einer 
Sekte herabzudrücken, obwohl sie noch viel später im weiten 
Osten bis nach Turkestan hin eine große Bedeutung hatten und 
zuletzt, was für ihr Grundgefühl sehr bezeichnend ist, mit den 
Manichäern verschmolzen sind.*) 

Trotzdem ist seine gewaltige Tat, bei welcher er das Be- 
harrungsvermögen des Vorhandenen im Vollgefühl seiner Über- 
legenheit unterschätzt hatte, nicht fruchtlos gewesen. Er war -w^e 
Paulus vor ihm und Athanasius nach ihm ein Retter des Christen- 
tums in einem Augenblick, wo es zu zerfallen drohte, und es 
tut der Größe seiner Gedanken gewiß keinen Eintrag, daß der 
Zusammenschluß nicht durch sie, sondern im Widerstand gegen 
sie erfolgt ist. Die frühkatholische Kirche, das heißt die Kirche 



*) Auch Bardesanes und das System der Thomasakten stehen ihm und 
.Johannes" nahe. 

2) Hamack S. 24. Der Bruch mit der bestehenden Kirche erfolgte 144 in Rom. 

*) Hamack 181 fif. *) Sie hatten -wie jede magische Religion auch eine 
eigene Schriftart, die der manichäischen immer ähnlicher geworden ist. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 279 

der Pseudomorphose, ist in ihrer großen Form erst um 190 
und zwar aus der Notwehr gegen die Kirche Marcions entstanden, 
indem sie deren ganze Organisation übernahm. Aber sie hat auch 
die Bibel Marcions durch eine andere von genau derselben Anlage 
ersetzt: Evangelien und Apostelbriefe, die sie dann mit dem Ge- 
setz und den Propheten zu einer Einheit verband. Und sie hat 
endlich, nachdem schon durch die Verbindung der beiden Testa- 
mente über die Auffassung des Judentums entschieden war, auch 
Marcions dritte Schöpfung, seine Erlöserlehre, bekämpft, indem 
sie mit der Ausbildung einer eigenen Theologie auf Grund seiner 
Stellung der Probleme begann. 

Aber diese Entwicklung erfolgte ausschließlich auf antikem 
Boden und damit war auch die gegen Marcion und seine Aus- 
schaltung des Judaismus aufgerichtete Kirche für das talmudische 
Judentum, dessen geistiger Schwerpunkt jetzt ganz in Meso- 
potamien und an dessen Hochschulen lag, lediglich ein Stück 
hellenistischen Heidentums, Die Zerstörung Jerusalems war ein 
grenzsetzendes Ereignis, das in der Tatsachenwelt durch keine 
geistige Macht überwunden werden konnte, Wachsein, Religion 
und Sprache sind innerlich viel zu nahe verwandt, als daß die 
vollständige Trennung eines griechischen Sprachgebiets der 
Pseudomorphose und eines aramäischen der eigentlich arabischen 
Landschaft nicht seit dem Jahre 70 zwei Sondergebiete magischer 
Religionsentwicklung geschaffen hätte. Am Westrande der jungen 
Kultur waren die heidnische Kultkirche, die von Paulus dorthin 
verwiesene Jesuskirche und das griechisch redende Judentum 
vom Schlage Philos sprachlich und literarisch so ineinander- 
gedrängt, daß das letzte dem Christentum noch im ersten Jahr- 
hundert anheimfiel und dieses mit dem Griechentum eine ge- 
meinsame frühe Philosophie ausbildete. Im aramäischen Sprach- 
gebiet vom Orontes bis zum Tigris aber standen Judentum und 
Persertum, die jetzt beide in Talmud und Awesta eine strenge 
Theologie und Scholastik schufen, in enger Wechselwirkung, und 
beide Theologien haben seit dem 4. Jahrhundert den stärksten 
Einfluß auf das der Pseudomorphose widerstrebende 
Christentum aramäischer Sprache ausgeübt, bis es sich in 
Gestalt der nestorianischen Kirche abgelöst hat. 

Hier im Osten entwickelte sich der in jedem menschlichen 



280 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Wachsein angelegte Unterschied von empfindendem Verstehen 
und sprachlichem Verstehen — also von Auge und Buchstabe — 
zu rein arabischen Methoden der Mystik und Scholastik, Die apo- 
kalyptische Gewißheit, die Gnosis im Sinne des 1. Jahrhunderts, 
wie sie Jesus verleihen wollte, i) das ahnende Schauen und Fühlen 
ist das der israelitischen Propheten, der Gathas, des Sufismus und 
sie ist noch bei Spinoza, dem polnischen Messias Baalschem^) 
und bei Mirza Ali Mohamed, dem schwärmerischen Begründer der 
Babisteiisekte (in Teheran hingerichtet 1850), erkennbar. Die 
andere, die Paradosis, ist die eigenthch talmudische Methode der 
Worterklärung, wie sie Paulus vollkommen beherrschte') und 
die alle späteren Awestawerke durchdringt und ebenso die 
nestorianische Dialektik-*) und die ganze Theologie des Islam. 
Demgegenüber ist die Pseudomorphose ein völlig einheit- 
liches Gebiet sowohl des magischen gläubigen Hinnehmens (Pistis) 
als des metaphysischen Innewerdens (Gnosis).^) Den magischen 
Glauben westlicher Form haben für die Christen Irenäus und vor 
allem TertuUian formuliert. Des letzteren berühmtes Credo quia 
absurdum ist der Inbegriff dieser Glaubensgewißheit. Das heid- 
nische Seitenstück bieten Plotin in den Enneaden und Porphyrios 
besonders in der Schrift „Von der Rückkehr der Seele zu Gott".*^) 
Aber auch für die großen Scholastiker der Heidenkirche gibt es 
den Vater (Nus), Sohn und das mittlere Wesen, so wie es schon 
für Philo den Logos als erstgeborenen Sohn und zweiten Gott 
gegeben hatte. Die Lehre von der Ekstase, von den Engeln und 
Dämonen, von den beiden Seelensubstanzen ist ihnen allen geläufig 
und Plotin wie Origenes, beide Schüler desselben Lehrers, zeigen, 
wie die Scholastik der Pseudomorphose darin besteht, daß man 
die magischen Begriffe und Gedanken an der Hand platonischer 



1) Mattb. 11, 25 ff. und dazu Ed. Meyer, Urspr. u. Anf. d. Christ. S. 286 ff., 
wo gerade die alte und östliche, also echte Fonn der Gnosis beschrieben ist. 

2) Vgl. weiter unten. '') Ein drastisches Beispiel Gal. 4, 24—26. 
*) Loofs, Nestoriana, 1905, S. 165 ff. 

^) Die beste Entwicklimg der den beiden Kirchen gemeinsamen Ge- 
dankenmasse gibt Windelband, Gesch. d. Philosophie (1900) S. 177 ff.; eine Dar- 
stellung der Dogmengeschichte der Chi-istenkirche Hamack, Dogmengeschichte 
!l914); die genau entsprechende „Dogmengeschichte der Heidenkirche " bietet — 
unbewußt — Geffcken, Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums (1920). 

«) Geffcken S. 69. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 281 

und aristotelischer Texte durch planmäßiges Andersverstehen 
entwickelt. 

Der eigentliche Kernbegriff des gesamten Denkens 
der Pseudomorphose ist der Logos,') in seiner Anwendung 
und Entwicklung ihr getreues Sinnbild. Von einer Einwirkung 
„griechischen" — antiken — Denkens kann gar keine Hede sein; 
es lebte damals kein Mensch, in dessen geistiger Anlage der 
Logosbegriff Heraklits und der Stoa auch nur von fern Platz ge- 
funden hätte. Aber ebensowenig ist die magische Größe, die 
gemeint war und die in persischen und chaldäischen Vorstellungen 
als Geist oder Wort Gottes eine ebenso entscheidende Rolle spielt 
wie in der jüdischen Lehre als Ruach und Memra, in diesen 
Theologien, die in Alexandria nebeneinandersaßen, zur reinen 
Entwicklung gekommen. Mit der Logoslehre ist eine antike 
Formel auf dem Wege über Philo und das Johannesevangelium, 
dessen unauslöschliche Wirkung auf den Westen auf scholastischem 
Gebiete liegt, nicht nurein Element der christlichen Mystik, sondern 
zuletzt ein Dogma geworden. 2) Das war unvermeidlich. Dieses 
Dogma beider Kirchen entspricht als Wissensseite durchaus der 
Glaubensseite, welche durch die synkretistischen Kulte einerseits, 
die Marien- und Heiligenkulte andrerseits dargestellt wurde. 
Gegen beides, Dogma wie Kult, hat sich das Gefühl des Ostens 
seit dem 4. Jahrhundert erhoben. 

Für das Auge aber wiederholt sich die Geschichte dieser 
Gedanken und Begriffe in der Geschichte der magischen Archi- 
tektur.-^) Die Grundform der Pseudomorphose ist die 
Basilika; sie war vor den Christen schon den Juden des Westens 
und den hellenistischen Sekten der Chaldäer bekannt. Wie der 
Logos des Johannesevangeliums ein magischer Urbegriff in antiker 
Fassung, so ist die Basilika ein magischer Raum, dessen Innen- 
wände den antiken Außenflächen eines Tempelkörpers gleichen, 
ein verinnerlichter Kultbau. Die Bauform des reinen Ostens ist 
der Kuppelbau, die Moschee, die ohne Zweifel lange vor den 
ältesten christlichen Kirchen in den Tempeln der Perser und 
Chaldäer, den Synagogen Mesopotamiens und vielleicht den Tem- 
peln von Saba angelegt war. Die Ausgleichsversuche zwischen 

*) VgL den nächsten Abschnitt. 

2) Harnack, Dogmengeschichte S. 165. ^) Bd. I, Kap. IIL 



282 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

West und Ost auf den Konzilen der byzantinischen Zeit endlich 
werden durch die Mischform der Kuppelbasilika symbolisiert. 
Denn in diesem Stück kirchlicher Baugeschichte ist auch die 
große Wandlung zum Ausdruck gekommen, welche mit Athanasius 
und Konstantin, den letzten großen Rettern des Christentums 
eintrat. Der eine schuf das feste westliche Dogma und das Mönch- 
tum, in dessen Hände die erstarrende Lehre allmähhch von den 
Hochschulen hinüberglitt; der andere begründete den Staat der 
christhchen Nation, auf den der Griechenname endlich überging: 
die Kuppelbasilika ist das architektonische Symbol dieser Ent- 
wicklung. 



DIE MAGISCHE SEELE 



8 



Die Welt, wie sie sich vor dem magischen Wachsein aus- 
breitet, besitzt eine Art von Ausgedehntheit, die höhlenhaft 
genannt werden darf,^) so schwer es dem Menschen des Abend- 
landes auch ist, im Vorrat seiner Begriffe auch nur ein Wort aus- 
findig zu machen, mit dem er den Sinn des magischen „Raumes" 
wenigstens andeuten könnte. Denn „Raum" bedeutet für das 
Empfinden beider Kulturen durchaus zweierlei. Die Welt als 
Höhle ist von der faustischen Welt als Weite mit ihrem leiden- 
schaftlichen Tiefendrang ebenso verschieden wie von der antiken 
Welt als Inbegriff körperlicher Dinge. Das kopernikanische System, 
in dem die Erde sich verliert, muß dem arabischen Denken wahn- 
witzig und frivol erscheinen. Die Kirche des Abendlandes hatte 
vollkommen recht, wenn sie einer Vorstellung widerstrebte, die 
mit dem Weltgefühl Jesu unvereinbar war. Und die chaldäische 
Höhlenastronomie, die für Perser und Juden, die Menschen 
der Pseudomorphose und des Islam etwas ganz NatürHches und 
Überzeugendes hatte, wurde den wenigen echten Griechen, die 
sie zur Kenntnis nahmen, nur durch ein Andersverstehen der 
räumlichen Grundlage zugänglich. 

Die mit dem Wachsein identische Spannung zwischen Makro- 
kosmos und Mikrokosmos führt im Weltbild jeder Kultur zu 
weiteren Gegensätzen von symbolischer Bedeutung. Alles Emp- 
finden oder Verstehen, alles Glauben oder Wissen eines Menschen 
wird durch einen Urgegensatz gestaltet, der sie zwar zu Tätig- 
keiten des Einzelnen, aber zum Ausdruck der Gesamtheit macht. 
In der Antike kennen wir den jedes Wachsein beherrschenden 
Gegensatz von Stoff und Form, im Abendlande den von Kraft 
und Masse. Aber die Spannung verliert sich dort im Kleinen 
und Einzelnen und entlädt sich hier in Wirkungszügen. In der 
Welthöhle verharrt sie schwebend und im Hin und Her eines 
ungewissen Ringens und erhebt sich damit zu jenem — „semi- 
tischen" — Urdualismus, der tausendgestaltig und doch immer 

*) Nach einem Ausdruck von L. Frobenius, Paideuma (1920) S. 92. 



284 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

derselbe die magische Welt erfüllt. Das Licht durchschimmert 
die Höhle und wehrt sich gegen die Finsternis (Joh. 1, 5). Beides 
sind magische Substanzen. Oben und Unten, Himmel und Erde 
werden zu wesenhaften Mächten, die sich bekämpfen. Aber diese 
Gegensätze des ursprünglichsten Sinnesempfindens mischen sich 
mit denen des grübelnden und wertenden Verstehens: Gut und 
Böse, Gott und Satan. Der Tod ist für den Schöpfer des Johannes- 
evangeliums wie für den strengen Moslim nicht das Ende des 
Lebens, sondern ein Etwas, eine Kraft neben ihm, und beide 
streiten um den Besitz des Menschen. 

Aber wichtiger als das alles erscheint der Gegensatz von 
Geist und Seele — hebräisch mach und nephesch^ persisch ahu 
und urvan, mandäisch monuhmed und gyan^ griechisch pneuma 
und psycJie — , der zuerst im Grundgefühl der prophetischen Re- 
ligionen auftaucht, dann die gesamte Apokalyptik durchsetzt und 
endhch alle Weltanschauungen der erwachten Kultur bildet und 
leitet: bei Philo, Paulus und Plotin, bei Gnostikern und Mandäern, 
bei Augustin und im Awesta, im Islam und in der Kabbala. Ruach 
bedeutet ursprünglich den Wind, nephesch den Atem.^) Die 
nephesch ist immer irgendwie dem Leibe und Irdischen ver- 
wandt, dem Unten, dem Bösen, der Finsternis. Ihr Streben ist 
ilas „Hinauf. Die mach gehört zum GöttKchen, zum Oben und 
zum Lichte. Sie bewirkt im Menschen, indem sie sich herab- 
senkt, das Heldentum (Sinison), den heihgen Zorn (Ehas), die 
Erleuchtung des Richters, der ein Urteil fäUt (Salomo) 2) und alle 
Arten von Weissagung und Ekstase. Sie wird ausgegossen. 3) 
Seit Jes. 11, 2 ist der Messias die Verkörperung der ruach. Nach 
Philo und der islamischen Theologie zerfallen die Menschen von 
Geburt in Psychiker und Pneumatiker (die „ Auserwählten " — 
ein echter Begriff der Welthöhle und des Kismet). AUe Söhne 
Jakobs sind Pneumatiker. Für Paulus (I. Kor. 15) liegt der Sinn der 

') Auch die Seelensteine auf den jüdischen, sabäischen und islamischen 
Gräbern heißen nephesch. Sie sind unverkennbar Sirnbüder des , Hinauf". Za 
ihnen gehören die ungeheuren Stockwerkstelen in Axum aus dem 1. — 3. JahrL 
n. Chr., also der grofsen Zeit magischer Frühreligionen. Die längst umgestürzte 
Riesenstele ist der größte Einzelstein, den die Kunstgeschichte überhaupt kennt, 
größer als alle ägyptischen Obelisken. (Deutsche Aksum-Expedition Bd. 2, S. 28ff.). 

^) Hierauf beruht die gesamte Idee imd Praxis des magischen Rechts, 
vgl. S. 85. 3) Jes. 32, 15; ly. Esra 14, 39; Apost.-Gesch. 2. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 285 

Auferstehung in dem Gegensatz von einem psychischen und einem 
pneumatischen Leibe, der sich bei ihm, Philo und in der Baruch- 
apokalypse mit dem Gegensatz von Himmel und Erde, von Licht 
und Dunlcelheit deckt. ^) Der Heiland ist für ihn das himmUsche 
Pneuma.2) Im Johannesevangelium verschmilzt er als Logos mit 
dem Lichte ; im Neuplatonismus tritt er als Nus oder das All-Eine 
nach antikem Begriifsgebrauch in Gegensatz zur Physis.^) Paulus 
und Philo haben nach „antiker", also westhcher Begriffsteilung 
Geist und Fleisch mit Gut und Böse gleichgesetzt, Augustin als 
Manichäer*) setzt beides mit persisch-östlicher Begriifsverteilung 
als von Natur böse Gott als dem allein Guten entgegen und 
begründet darauf seine Lehre von der Gnade, die sich in gleicher 
Gestalt ganz unabhängig von ihm auch im Islam entwickelt hat. 
Aber die Seelen in der Tiefe sind etwas Vereinzeltes; das 
Pneuma ist eins und immer dasselbe. Der Mensch besitzt eine 
Seele, aber am Geiste des Lichts und des Guten nimmt er nur 
teil; das Göttliche läßt sich in ihn herab, es verbindet so alle 
Einzelnen dort unten mit dem Einen in der Höhe. Dieses Ur- 
gefühl, welches das gesamte Glauben und Meinen aller magischen 
Menschen beherrscht, ist etwas ganz einziges und trennt nicht 
nur ihre Weltanschauung, sondern auch jede Art magischer 
Religiosität im Kern ihres Wesens von jeder andern. Diese Kultur 
war, wie gezeigt worden ist, ganz eigentlich die der Mitte. Sie 
hätte von den meisten andern deren Formen und Gedanken ent- 
lehnen können; aber daß sie das nicht tat, daß sie trotz allen 
Aufdrängens und Sichanbietens in diesem Grade Herrin ihrer 
eigenen inneren Form geblieben ist, beweist die unüberbrückbare 
Tiefe des Unterschieds. Aus den Schätzen der babylonischen 
und ägyptischen Religion hat sie kaum einige Namen zugelassen; 
die antike und indische Kultur oder vielmehr deren zivilisiertes 
Erbe: Hellenismus und Buddhismus, haben ihren Ausdruck ver- 
wirrt bis zur Pseudomorphose, aber ihr Wesen nicht einmal be- 
rührt. AUe Religionen der magischen Kultur von den Schöpfungen 



*) Reitzenstein, Das iran. Erlösungsmysterium S. 108 f. 

''*) Boiisset, Kyrios Christos S. 142. 

3) Windelband, Gesch. d. Phü. (1900) S. 189flf.; Windelband-Bonhöffer, 
Gesch. d. antiken Phil. (1912) S. 328 f.; Geffcken, Der Ausgang des griech.-röm. 
Heidentums (1920) S. 51 f. ^) Jodl, Geschichte der Ethik I S. 58. 



286 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

des Jesaja und Zarathustra bis zum Islam bilden eine vollkommene 
innere Einheit des Weltgefühls, und so wenig im Awestaglauben 
auch nur ein bramanischer Zug, im Urchristentum auch nur 
eine Spur antiken Gefühls zu finden ist, sondern nur Namen, 
Bilder und äußere Formen, so wenig hat das germanisch-katho- 
lische Christentum des Abendlandes auch nur einen Hauch vom 
Weltgefühl jener Jesusreligion herübemehmen können, als es 
deren ganzen Bestand an Sätzen und Bräuchen übernahm. 

Während der faustische Mensch ein Ich ist, eine auf sich 
selbst verwiesene Macht, die in letzter Instanz über das Unend- 
liche entscheidet, während der apollinische Mensch als ein soma 
unter vielen nur für sich selbst einsteht, ist der magische Mensch 
mit seinem geistigen Sein nur Bestandteil eines pneuma- 
tischen Wir, das von oben sich herabsenkend in aUen Zu- 
gehörigen ein und dasselbe ist. Als Leib und Seele gehört er 
sich allein; aber etwas anderes, fremdes und höheres weilt in 
ihm und deshalb fühlt er sich mit all seinen Einsichten und 
Überzeugungen nur als Glied eines consensus, der als Ausfluß 
des Göttlichen den Irrtum, aber auch jede Möglichkeit eines 
wertsetzenden Ich ausschließt. Wahrheit ist für ihn etwas anderes 
als für uns. AUe unsre auf eigenem Einzel urteil beruhenden Er-, 
kenntnismethoden sind für ihn Wahnwitz und Verblendung, und 
ihre wissenschaftlichen Ergebnisse ein Werk des Bösen, der den 
Geist verwirrt und über seine Anlagen und Ziele getäuscht hat. 
Hier Hegt das letzte, uns ganz unfaßbare Geheimnis des magischen 
Denkens in seiner höhlenhaften Welt: Die Unmöglichkeit eines 
denkenden, glaubenden, wissenden Ich ist die Voraussetzung 
aller GrundvorsteUungen aller dieser Religionen. Während der 
antike Mensch seinen Göttern gegenübersteht wie ein Körper 
dem andern, während das faustische, wollende Ich in seiner weiten 
Welt das allmächtige Ich der ebenfalls faustischen und wollenden 
Gottheit überall wirken fühlt, ist die magische Gottheit jene un- 
gewisse, rätselhafte Kraft der Höhe, die nach Gutdünken zürnt 
oder Gnade spendet, sich in das Dunkel herabläßt oder die Seele 
in das Licht hinaufhebt. An einen eigenen Willen auch nur zu 
denken ist sinnlos, denn , Wille" und „Gedanke" im Menschen 
sind schon Wirkungen der Gottheit auf ihn. Aus diesem un- 
erschütterlichen Urgefühl, das sich durch aUe Bekehrungen, Er- 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 287 

leuchtungen und Grübeleien nur in seinem Ausdruck, nicht in 
seiner Art verändern läßt, ist mit Notwendigkeit die Idee des 
göttlichen Mittlers entsprungen, dessen, der diese Lagß aus einer 
Qual in eine Sehgkeit verwandelt, eine Idee, die aUe magischen 
Religionen zusammenfaßt und sie von den Religionen aller andern 
Kulturen trennt. 

Die Logosidee im weitesten Sinne ist, abgezogen aus dem 
magischen Lichtempfinden der Höhle, dessen genaues Seitenstück 
im magischen Denken. Sie bedeutet, daß von der unerreichbaren 
Gottheit sich ihr Geist, ihr „Wort" als Träger des Lichts und 
Bringer des Guten löst und in Beziehung zum menschlichen 
Wesen tritt, um es emporzuheben, zu erfüllen, zu erlösen. Dies 
Unterschiedensein dreier Substanzen, das ihrem Einssein im reli- 
giösen Denken nicht widerspricht, ist bereits den prophetischen 
Religionen bekannt. Ahura Mazdas lichtschimmernde Seele ist 
das Wort (Jascht 13, 31) und sein heiliger Geist {spenta maimju) 
unterredet sich in einem der ältesten Gathas mit dem bösen 
Geiste (angra mainyu, Jasna 45, 2). Die gleiche Vorstellung 
durchzieht das ganze altjüdische Schrifttum. Wie der Gedanke 
bei den Chaldäern in der Trennung von Gott und seinem Wort 
und in der Gegenüberstellung von Marduk und Nabu ausgebildet 
ist und dann in der gesamten aramäischen Apokalyptik mit Macht 
hervorbricht, so ist er dauernd wach und schöpferisch geblieben, 
ist über Philo und Johannes, Marcion und Mani in die talmu- 
dischen Lehren und von da in die kabbahstischen Bücher Jezirah 
und Sohar, in die Konzile und die Schriften der Kirchenväter, 
in das spätere Awesta und endKch in den Islam eingegangen, 
wo Mohamed allmählich zum Logos geworden ist und als der 
mystisch gegenwärtige, lebende Mohamed der Volksreligion mit 
der Christusgestalt verschmilzt, i) Diese Vorstellung ist dem 
magischen Menschen so selbstverständlich, daß sie sogar die 
streng monotheistische Fassung des ursprünglichen Islam durch- 
brochen hat und neben Allah als das Wort Gottes (kalimah), 
der heilige Geist (ruh) und das „Licht Mohameds" erscheint. 

Denn für die Volksreligion ist das erste aus der Welt- 
schöpfung hervorgegangene Licht dasjenige Mohameds, in Ge- 

^) M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des Volkes im heutigen Islam (1917) 
S. 381 ff. Von den Schiiten ist der Logosgedanke auf Ali übertragen worden. 



288 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

stalt eines Pfaus^), ,aus weißer Perle" erschaffen und von 
Schleiern umwaDt. Aber der Pfau ist schon bei den Mandäern 
der Gesandte Gottes und die Urseele*) und auf altchristlichen 
Sarkophagen das Sinnbild der Unsterblichkeit, Die lichtspendende 
Perle, die das dunkle Haus des Leibes erhellt, ist der in den 
Menschen eingegangene Geist, als Substanz gedacht, bei den' 
Mandäern wie in der Apostelgeschichte des Thomas. 3) Die Jezidi*) 
verehren den Logos als Pfau und Licht; sie haben die altper- 
sische Fassung der substanziellen Dreiheit nächst den Drusen 
am reinsten bewahrt. 

So kehrt der Logosgedanke immer ^ieder in das Licht- 
empfinden zurück, aus dem er durch das magische Verstehen 
abgezogen worden war. Die Welt des magischen Menschen 
ist von einer Märchenstimmung erfüllt.'') Teijfel und böse 
Geister bedrohen den Menschen, Engel und Feen schützen ihn. 
Es gibt Amulette und Tahsmane, geheimnisvolle Länder, Städte, 
Gebäude und Wesen, geheime Schriftzeichen, das Siegel Salomos 
und den Stein der Weisen. Und über alles ergießt sich schim- 
mernd das höhlenhafte Licht, das immer davon bedroht ist, durch 
eine gespenstische Nacht verschlungen zu werden. Wem diese 
Bilderpracht wunderlich erscheinen will, der bedenke, daß Jesus 
in ihr lebte und daß seine Lehren nur aus ihr zu verstehen sind. 
Die Apokalyptik ist nur eine zu höchster tragischer Gewalt ge- 
steigerte Märchen vision. Schon im Buche Henoch erscheinen der 
Kristallpalast Gottes, die Edelsteinberge und das Gefängnis der 
abtrünnigen Sterne. Märchenhaft ist die ganze erschütternde 
Vorstellungswelt der Mandäer und später die der Gnostiker, der 
Manichäer, das System des Origenes und die Bilder des persischen 

*) Wolff, Muhammedanische Eschatologie 3, 2 ff. 

^1 Johannesbuch der Mandäer Kap. 75. ') Usener, Vortr. u. Aufs. S. 217. 

*) Die „Teufelsanbeter" in Armenien: M.Horten, Der neue Orient (1918), 
März. Der Name entstand, weil sie den Satan nicht als Wesen anerkannten 
und deshalb das Böse durch sehr vervdckelte Vorstellungen vom Logos selbst 
ausgehen ließen. Dasselbe Problem hat unter dem Eindruck sehr alter per- 
sischer Lehren auch die Juden beschäftigt; man beachte den Unterschied von 
n. Sam. 24, 1 und L Chron. 21, 1. 

^) M. Horten, a. a. 0. S. XXI. Das Buch ist die beste Einführung in die 
wirklich bestehende Volksreligion des Islam, die von der offiziellen Lehre be- 
trächtlich abweicht. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 289 

Bundehesch; und als die Zeit der großen Visionen vorüber war, 
gingen diese Vorstellungen in eine Legendendichtung und zahl- 
lose religiöse Romane über, von denen wir die christlichen Werke 
der Kindheitsevangelien Jesu, der Thomasakten und der gegen 
Paulus gerichteten Pseudo-Clementinen kennen. Es gibt eine Ge- 
schichte der von Abraham geprägten 30 Silberlinge des Judas 
und ein Märchen von der „ Schatzhöhle ", in der tief unter dem 
Hügel von Golgatha der Goldsehatz des Paradieses und die Gebeine 
Adams ruhen. i) Was Dante dichtete, war eben Dichtung; dies 
alles aber war Wirklichkeit und die einzige Welt, in der man 
beständig lebte. Ein solches Empfinden liegt Menschen, die mit 
und in einem dynamischen Weltbilde leben, unerreichbar fern. 
Wenn man ahnen will, wie fremd das Innenleben Jesu uns allen 
ist — eine schmerzliche Einsicht für den Christen des Abend- 
landes, der seine Frömmigkeit gern auch innerlich an ihn an- 
knüpfen möchte — und wie es heute eigentlich nur von einem 
frommen Moslim nacherlebt werden kann, so versenke man sich 
in diese Märchenzüge eines Weltbildes, das auch das seinige war. 
Dann erst wird man erkennen, wie wenig das faustische Christen- 
tum aus dem Reichtum der pseudomorphen Kirche herüber- 
genommen hat, nämlich nichts vom Weltgefühl, wenig von der 
inneren Form und viel an Begriffen und Gestalten. 



Aus dem Wo folgt das Wann der magischen Seele. Es ist 
wieder nicht das apollinische Haften an der punktförmigen Gegen- 
wart und ebensowenig das faustische Treiben und Drängen nach 
einem unendlich fernen Ziel. Hier hat das Dasein einen andern 
Takt und daraus folgt für das Wachsein ein anderer Sinn der 
Zeit als Gegenbegriff zum magischen Räume. Das erste, was der 
Mensch dieser Kultur vom ärmsten Sklaven und Lastträger bis 
zum Propheten und Khalifen als Kismet über sich fühlt, ist nicht 
die grenzenlose Flucht der Zeiten, die den verlorenen Augenblick 
nie wiederkehren läßt, sondern ein Anfang und ein Ende „dieser 
Tage", die unverrückbar gesetzt sind und zwischen denen das 



*) Baumstark, Die christl. Literaturen d. Orients I, S. 64. 

Spengler, Der Unteri^ang des Abendlandes. II. 19 



290 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



menschliche Dasein eine von allem Ursprung an bestimmte Stelle 
einnimmt. Nicht nur der Weltraum, auch die Weltzeit ist höhlen- 
haft, und daraus folgt eine innerliche, echt magische Gewifsheit: 
daß alles „eine Zeit" hat, von der Herabkunft des Erlösers 
an, deren Stunde in alten Texten geschrieben stand, bis zu den 
kleinsten Verrichtungen des Alltags, bei denen die faustische Eile 
sinnlos und unverständlich wird. Darauf beruht auch die früh- 
magische, im besonderen chaldäische Astrologie. Auch sie setzt 
voraus, daß alles in den Sternen geschrieben steht und daß der 
wissenschaftlich berechenbare Gang der Planeten auf den Gang 
der irdischen Dinge schließen lasse, i) Das antike Orakel ant- 
wortete auf die einzige Frage, die apollinische Menschen äng- 
stigen konnte: nach der Gestalt, dem Wie der kommenden 
Dinge. Die Höhlenfrage ist das Wann. Die ganze Apokalyptik, 
das Seelenleben Jesu, seine Angst in Gethsemane und die große 
Bewegung, die von seinem Tode ausgeht, werden unverständlich, 
wenn man diese Urfrage magischen Daseins und ihre Voraus- 
setzungen nicht begreift. Es ist ein untrügliches Kennzeichen 
für das Schwinden der antiken Seele, daß die Astrologie nach 
Westen vordringend Schritt für Schritt die Orakel verdrängt. 
Niemand verrät den Zwischenzustand klarer als Tacitus, dessen 
verwirrte Weltanschauung seine Geschichtsschreibung ganz und 
gar beherrscht: Tacitus führt einerseits, als echter Römer, die 
Macht der alten Stadtgottheiten ein; daneben hat er, als in- 
telhgenter Weltstädter, eben diesen Glauben an die Einwirkung 
der Götter als Aberglauben bezeichnet, endlich aber als Stoiker 
— und die Stoa war damals eine magische Geistesverfassung — 
von den sieben Planeten gesprochen, die das Los der Sterbhchen 
regieren. So kommt es, daß in den folgenden Jahrhunderten die 
schicksalhafte Zeit selbst, nämlich die Höhlenzeit, als beiderseitig 
begrenztes und deshalb dem inneren Auge erfaßbares Etwas in 
der persischen Mystik als Zrvaji über das Licht der Gottheit 

') Vgl. S. 248. Die babylonische Himmelsschau hat zwischen astronomi- 
schen und atmosphärischen Elementen nicht deutlich unterschieden und z. B. 
die Bedeckung des Mondes durch Wolken ebenfalls als „Finsternis" behandelt. 
Ihren Wahrsagungen diente das jeweilige Himmels bild nur als Anhalt, wie 
andrerseits die Leber des Opfertiers. Aber die Chaldäer wollten den wirklichen 
Gang der Gestirne vorausberechnen. Hier setzt die Astrologie also eine echte 
Astronomie voraus. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 291 

gestellt wird und den Weltkampf zwischen Gut und Böse regiert. 
Der Zrvanismus ist 438 — 457 in Persien Staatsreligion gewesen. 

Auf dem Glauben, daß alles in den Sternen geschrieben steht, 
beruht es auch im letzten Grunde, wenn die arabische Kultur die 
der Ären geworden ist, das heißt der Zeitrechnungen von einem 
Ereignis an, das man als ganz besondere Schickung empfand. 
Die erste und wichtigste ist die allgemein aramäische, die um 
300 mit dem Anwachsen der apokalyptischen Spannung als „Seleu- 
kidenära" entstand. Auf sie sind viele andere gefolgt, darunter 
die sabäische um 115 v. Chr., deren Ausgangspunkt wir nicht näher 
kennen; die diokletianische; die jüdische Weltschöpfungsära, die 
346 vom Synedrion eingeführt wurde ;^) die persische vom Re- 
gierungsantritt des letzten Sassaniden Jezdegerd (632) und die 
der Hedschra, welche in Syrien und Mesopotamien die seleukidische 
erst abgelöst hat. Was außerhalb dieser Landschaft entstand, ist 
lediglich praktische Nachahmung, wie die varronische Zählung 
ab urbe condita, die der Marcioniten vom Bruch ihres Meisters 
mit der Kirche (144) und auch die christliche von der Geburt 
Jesu an (bald nach 500), 

Weltgeschichte ist das Bild der lebendigen Welt, in das der 
Mensch sich durch seine Geburt, durch Vorfahren und Nach- 
kommen hineinverwebt sieht und das er aus seinem Weltgefühl 
heraus zu begreifen sucht. Das Geschichtsbild des antiken Menschen 
drängt sich um das rein Gegenwärtige zusammen. Es enthält ein 
Sein, kein eigentliches Werden, und als abschließenden Hinter- 
grund den zeitlosen Mythus, rationalisiert als goldenes Zeitalter, 
Dieses Sein aber war ein buntes Gewimmel von Aufstieg, Nieder- 
gang, Glück und Unglück, ein blindes Ungefähr, eine ewige Ver- 
änderung, aber in allem Wechsel doch immer dasselbe, ohne Rich- 
tung, ohne Ziel, ohne „Zeit". Das Höhlengefühl fordert eine über- 
sehbare Geschichte mit Weltanfang und Weltende, die zugleich 
Anfang und Ende der Menschheit sind, als Akten einer 
zaubergewaltigen Gottheit und dazwischen, in die Grenzen der Höhle 
gebannt und von vorbestimmter Dauer, das Ringen des Lichtes 
mit der Finsternis, der Engel und Jazatas mit Ahriraan, Satan, 

^) B. Cohn, Die Anfangsepoche des jüd. Kalenders, Sitz. Pr. x\kad., 1914. 
Aus einer totalen Sonnenfinsternis wurde damals, natürlich mit Hilfe der 
chaldäischen Astronomie, das Datum des ersten Schöpfungstages berechnet. 

19* 



292 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Iblis, in das der Mensch mit Geist und Seele verwickelt ist. Die 
gegenwärtige Höhle kann von Gott zertrümmert und durch eine 
neue Schöpfung ersetzt werden. Die persisch-chaldäischen Vor- 
stellungen und die Apokalyptik gewährten den Blick über eine 
Reihe solcher Aionen, und Jesus wie seine ganze Zeit erwartete 
das Ende des bestehenden. 1) Daraus ergibt sich ein historischer 
Blick über die gegebene Zeit, wie er heute noch dem Menschen 
des Islam durchaus natürlich ist. „Die Weltanschauung des Volkes 
zerfällt naturgemäß in die großen Teile: Weltentstehung, Welt- 
entwicklung, Weltuntergang. Für den so tief ethisch empfindenden 
Moslim ist in der Weltentwicklung das Wesentlichste die Heils- 
geschichte und der ethische Lebensweg, die als ,Menschenleben' 
zusanmiengefaßt werden. Dasselbe mündet in den Weltuntergang, 
der die Sanktion der sittlichen Menschheitsgeschichte enthält. " ^) 
Für das magische Menschendasein aber ergibt sich aus dem 
Gefühl von dieser Zeit und dem Erblicken dieses Raumes eine 
ganz einzige Art von Frömmigkeit, die ebenfalls höhlenhaft ge- 
nannt werden darf, eine willenlose Ergebung, die das geistige 
Ich überhaupt nicht kennt und das geistige Wir, das in den be- 
seelten Leib eingegangen ist, als bloßen Widerschein des gött- 
lichen Lichtes empfindet. Das arabische Wort hierfür ist ,islam", 
Ergebung, aber .islam* war auch die beständige Fühlweise Jesu 
und die jeder andern Persönlichkeit von rehgiösem Genie, die in 
dieser Kultur hervorgetreten ist. Antike Frömmigkeit ist etwas 
ganz anderes, ') und wenn man aus der Frömmigkeit der heiligen 
Teresia, Luthers oder Pascals das Ich fortdenken wollte, das sich 
gegen das Göttlich-Unendliche behaupten! sich vor ihm beugen 
oder in ihm erlöschen will, so wird nichts übrig bleiben. Das 
faustische Ursakrament der Buße setzt ein starkes und freies 
Wollen voraus, das sich selbst überwindet. Aber „islam" ist 
gerade die Unmöglichkeit eines Ich als einer freien Macht 
dem Göttlichen gegenüber. Jeder Versuch, der Wirkung Gottes 



') Die persische Gesarutzeit ist 12000 Jakre. Für die heutigen Parsen 
ist 1920 das 11550. Jahr. ^} M.Horten, Die religiöse Gedankenwelt des 

Volkes im heutigen Islam, S. XX^^. 

') Es ist eine große Lücke in unserer Forschung, daß wir eine Reihe 
von Werken üher die antike Religion und hesonders ihre Götter und Kulte 
besitzen, aher keines über antike Religiosität und ihre Geschichte. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 293 



mit einer eigenen Absicht oder auch nur Ansicht entgegen- 
zutreten, ist „masija", das heißt nicht ein böses Wollen, sondern 
der Beweis, daß die Mächte der Finsternis und des Bösen Besitz 
von einem Menschen ergriffen und das Göttliche daraus verdrängt 
haben. Das magische Wachsein ist der bloße Schauplatz eines 
Kampfes zwischen beiden Mächten und nicht etwa eine Macht 
für sich. In dieser Art von Weltgeschehen gibt es auch keine 
einzelnen Ursachen und Wirkungen mehr und vor allem keine 
das All durchherrschende — dynamische — Kausalverkettung, 
mithin auch keine notwendige Verknüpfung "von Schuld und 
Strafe, keinen Anspruch auf Lohn, keine altisraelitische „Ge- 
rechtigkeit". Dergleichen sieht die echte Frömmigkeit dieser 
Kultur tief unter sich. Die Naturgesetze sind nichts für immer 
Gegebenes, das Gott nur durch ein Wunder aufheben kann, son- 
dern gewissermaßen der Gewohnheitszustand des selbstherrlichen 
göttlichen Wirkens und ohne innere — logische, faustische — 
Notwendigkeit. Es gibt in der ganzen Welthöhle nur eine Ur- 
sache, die allen sichtbaren Wirkungen unmittelbar zugrunde 
liegt, die Gottheit, die selbst keine Gründe für ihre Handlungen 
mehr hat. Über solche Gründe auch nur nachzudenken ist Sünde. 
Aus diesem Grundgefühl ergibt sich die rein magische Idee 
der Gnade. Sie liegt allen Sakramenten dieser Kultur, vor allem 
dem magischen Ursakrament der Taufe zugrunde und bildet den 
innerlichsten Gegensatz zur Buße im faustischen Sinne. Die 
Buße setzt den WiUen eines Ich voraus, die Gnade kennt ihn 
gar nicht. Es war ein großes Verdienst Augustins, diesen voll- 
kommen islamischen Gedanken mit unerbittlicher Logik ent- 
wickelt zu haben — so eindringlich, daß die faustische Seele 
seit Pelagius auf jedem Wege versucht hat, diese für sie an 
Selbstvernichtung streifende Gewißheit zu umgehen und den Aus- 
druck ihres eigenen Gottbewußtseins jedesmal in einem tiefen 
und innigen Mißverstehen augustinischer Sätze fand. In Wirk- 
lichkeit ist Augustin der letzte große Denker der früharabischen 
Scholastik und nichts weniger als ein abendländischer Geist. ^) 

*) „Er ist in Wahrheit Abschluß und Vollendung der christlichen Antike, 
ihr letzter und größter Denker, ihr geistlicher Praktiker und Volkstribun. Von 
hier aus muß er zuerst verstanden werden. Was dann spätere Zeiten aus ihm 
gemacht haben, ist eine andere Frage. Seinen eigentlichen, antike Kultur, 



294 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Er war nicht nur zeitweise Manichäer, sondern ist es in sehr 
wesentlichen Zügen auch als Christ geblieben; seine Nächstver- 
wandten findet man unter den persischen Theologen des jüngeren 
Awesta mit ihren Lehren vom Gnadenschatz der Heiligen und 
der absoluten Schuld. Für ihn ist Gnade die substanzielle Ein- 
flößung von etwas Göttlicher.: in das menschliche, ebenfalls sub- 
stanzielle Pneuma.^) Die Gottheit strahlt es aus, der Mensch 
empfängt es, aber erwirbt es nicht. Bei Augustin wie noch bei 
Spinoza 2) fehlt der Begriff der Kraft, und das Freiheitsproblem 
bezieht sich bei beiden nicht auf das Ich und seinen Willen, 
sondern auf den in einen Menschen versenkten Teil des all- 
gemeinen Pneuma und dessen Verhältnis zu dem Übrigen. Das 
magische Wachsein ist der Schauplatz eines Kampfes zwischen 
den beiden Weltsubstanzen des Lichtes und der Finsternis. Die 
frühen faustischen Denker wie Duns Scotus und Occam erblicken 



kirchlich-episkopale Autorität und innerlichste Mj^stik zusammenfassenden Geist 
können sie gar nicht fortgesetzt haben, da sie, von anderen Verhältnissen um- 
geben, andere praktische Aufgaben vor sich hatten." (E. Troeltsch, Augustin, 
die christliche Antike und das Mittelalter (1915) S. 7.) Seine Macht beruht wie 
die TertuUians auch darauf, daß seine Schriften nicht ins Lateinische übersetzt, 
sondern in dieser heiligen Sprache der abendländischen Kirche gedacht 
waren. Eben das schließt beide von dem Gebiet aramäischen Deukens aus. 
Vgl. oben S. 274f. 

*) Inspiratio honae voluntatis (De corr. et grat. 3). , Guter Wille" und 
„böser Wille" sind ganz dualistisch die zwei entgegengesetzten Substanzen. 
Dagegen ist für Pelagius Wollen eine Tätigkeit ohne moralische Qualität. 
Erst was man will hat die Eigenschaft, gut oder böse zu sein, und die 
Gnade Gottes besteht in der possibilitas utriusque partis, der Freiheit, dieses 
oder jenes zu wollen. Gregor I. hat die augustinische Lehre ins Faustische um- 
gedeutet, wenn er lehrte, daß Gott einzelne Menschen verworfen habe, weil 
er ihren bösen Willen vorauswußte. 

*) Bei Spinoza finden sich alle Elemente der magischen Metaphysik, mag 
er auch noch so sehr bemüht sein, die arabisch-jüdische Vorstell ungs weit seiner 
spanischen Lehrmeister, vor allem des Moses Maimonides, durch die abend- 
ländische des frühen Barock zu ersetzen. Der einzelmenschliche Geist ist für 
ihn kein Ich, sondern nur ein Modus des einen göttlichen Attributes, der cogitatio 
(^Pneuma). Er protestiert gegen Vorstellungen wie „Wille Gottes". Gott ist 
reine Substanz und an Stelle unserer dynamischen Kausalität im All ent- 
deckt er nur die Logik der göttlichen cogitatio. Alles das findet sich auch bei 
Porphyrios, im Talmud, im Islam und ist faustischen Denkern wie Leibniz 
und Goethe so fremd wie möglich (AUgem. Gesch. d. Philos. in Kultur der 
Gegenwart I, v, S. 484, Windelband). 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 295 

im dynamischen Wachsein selbst einen Kampf und zwar der 
beiden Kräfte des Ich, des Willens und des Verstandes, i) Und 
damit verwandelt sich die Fragestellung Augustins unvermerkt 
in eine andere, die er selbst nie begriffen hätte: Sind Wollen und 
Denken freie Kräfte oder nicht? Mag man sie beantworten wie 
man will, so ist eins gewiß: Das einzelne Ich hat diesen Kampf 
zu führen und nicht zu dulden. Die faustische Gnade bezieht 
sich auf den Erfolg des Wollens und nicht die Art einer Substanz. 
„Gott hat geruht," heißt es im Westminsterbekenntnis (1646), 
„gemäß dem unerforschlichen Rat seines eigenen Willens, nach 
welchem er Erbarmen erweist oder versagt, wem er will, den 
Rest der Menschheit zu übergehen." Die andere Auffassung, daß 
die Idee der Gnade jeden eigenen Willen und jede Ursache aus- 
schließt mit Ausnahme der einen, daß es Sünde ist, auch nur zu 
fragen, warum ein Mensch leidet, ist in einer der gewaltigsten 
Dichtungen der Weltgeschichte zum Ausdruck gekommen, die 
mitten in der arabischen Vorzeit entstanden ist und an innerer 
Größe in dieser ganzen Kultur nicht ihresgleichen hat: Das Buch 
Hiob.*) Es sind die Freunde Hiobs, die nach einer Schuld suchen, 
denn der letzte Sinn alles Leidens in dieser Welthöhle ist ihnen 
— wie den meisten Menschen dieser und jeder anderen Kultur 
und also auch den heutigen Lesern und Beurteilern diesesWerkes — 
aus Mangel an metaphysischer Tiefe unzugänglich. Nur der Held 
selbst ringt sich zur Vollendung durch, zum reinen Islam, und er 
wird damit zu der einzig möglichen tragischen Gestalt, die 
magisches Fühlen neben den Faust stellen kann. 3) 



10 

Das Wachsein jeder Kultur gestattet zwei Wege des Inne- 
werdens, je nachdem das schauende Empfinden das kritische 



*) „Gut" ist hier also eine Wertschätzung und keine Substanz. 

2) Seine Entstehungszeit entspricht der Karolingerzeit. Ob damals eine 
Dichtung von gleichem Range wirklich entstanden ist, wissen wir nicht. Daß 
es möglich war, beweisen Schöpfungen wie die Völuspa, Muspilli, der Heliand 
und die Gedankenwelt des Johannes Scotus. 

ä) Der Hinweis auf den Islam ist längst geschehen, so Bertholet, Kultur- 
gesch. Israels S. 242. 



296 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Verstehen durchdringt oder umgekehrt. Das magische Schauen 
ist bei Spinoza als amor intellectualis dei bezeichnet, bei den 
gleichzeitigen Sufisten Mittelasiens als mahw (Auslöschen in 
Gott). Es kann sich bis zur magischen Ekstase steigern, die 
Plotin mehrmals und seinem Schüler Porphyrios im hohen Alter 
einmal zuteil geworden ist. Die andere Seite, die rabbinische 
Dialektik, erscheint bei Spinoza als geometrische Methode und 
in der arabisch-jüdischen Spätphilosophie überhaupt als Kalaam. 
Beides aber beruht auf der Tatsache, daß es ein magisches 
Einzel-Ich nicht gibt, sondern ein einziges, in allen Erwählten 
zugleich vorhandenes Pneuma, das zugleich Wahrheit ist. Es 
kann nicht oft genug betont werden, daß der hieraus folgende 
Grundbegriff des idjma mehr ist als Begrifif, daß er ein Erlebnis 
von erschütternder Gewalt werden kann und daß aUe Gemein- 
schaft magischen Stils auf ihm beruht und damit von der aller 
anderen Kulturen abgehoben ist. «Die mystische Gemeinde des 
Islam erstreckt sich vom Diesseits in das Jenseits; sie reicht 
über das Grab hinaus, indem sie die verstorbenen Muslime 
früherer Generationen, ja sogar die vorislamischen Gerechten 
umfaßt. Mit ihnen allen fühlt sich der Muslim zu einer Einheit 
verbunden. Sie helfen ihm und auch er kann ihre Seligkeit noch 
durch Zuwendung eigener Verdienste steigern. " ') Ganz dasselbe 
haben sowohl die Christen wie die Synkretisten der Pseudo- 
morphose mit den Worten polis und civitas bezeichnet, die einst 
eine Summe von Körpern bedeuteten und jetzt einen consensus 
der Zugehörigen. Am berühmtesten ist Augustins civitas dei, 
die weder ein antiker Staat ist noch eine abendländische Kirche, 
sondern genau wie die Mithrasgemeinde, der Islam, der Mani- 
chäismus und das Persertum eine Ganzheit von Gläubigen, Seligen 
und Engeln, Da die Gemeinschaft auf dem consensus beruht, 
so ist sie in geistigen Dingen unfehlbar. „Mein Volk kann nie- 
mals in einem Irrtum übereinstimmen" hat Mohamed gesagt, 
und genau dasselbe setzt Augustin in seinem Gottesstaat voraus. 
Von einem unfehlbaren päpstlichen Ich oder irgendeiner andern 
Instanz zur Feststellung dogmatischer Wahrheiten ist bei ihm 
keine Rede und kann es nicht sein: Das würde den magischen 
Begriff des consensus völlig zerstören. Das gilt in dieser Kultur 

») 'Horten a. a. 0. S. XIL 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 297 

allgemein und nicht nur vom Dogma, sondern auch vom Recht^) 
und vom Staate überhaupt: Die islamische Gemeinschaft umfaßt 
wie die des Porphyrios und Augustin die ganze Welthöhle, das 
Diesseits wie das Jenseits, die Rechtgläubigen wie die guten 
Engel und Geister, und in dieser Gemeinschaft bildet der Staat 
nur eine kleinere Einheit der sichtbaren Seite, deren 
Wirksamkeit also durch das Ganze geregelt wird. Eine Trennung 
von PoHtik und Rehgion ist also in der magischen Welt theo- 
retisch unmöglich und widersinnig, während der Kampf zwischen 
Staat und Kirche auch der Idee nach in der faustischen Kultur 
notwendig und ohne Ende ist. Weltliches und geistliches Recht 
sind schlechthin dasselbe. Neben dem Kaiser von Byzanz steht 
der Patriarch, neben dem Schah der Zarathustrotema, neben 
dem Resch Galuta der Gaon, neben dem KhaHfen der Scheich 
ül Islam, Vorgesetzter zugleich und Untergebener. Mit dem 
gotischen Verhältnis von Kaiser und Papst hat das nicht die 
leiseste Verwandtschaft und auch der Antike war jeder Gedanke 
daran fremd. In der Schöpfung Diokletians ist zum ersten Mal 
diese magische Einbettung des Staates in die Gemeinschaft der 
Gläubigen Wirklichkeit geworden, und Konstantin hat sie ganz 
durchgeführt. Es war schon gezeigt worden, daß Staat, Kirche 
und Nation eine geistige Einheit bilden, eben den in der 
lebenden Menschheit sichtbar hervortretenden Teil des recht- 
gläubigen consensus. Es war deshalb für die Kaiser eine selbst- 
verständliche Pflicht, als Beherrscher der Gläubigen — das ist 
der Teil der magischen Gemeinschaft, den Gott ihnen anvertraut 
hat — die Konzile zu leiten, um den consensus der Berufenen 
herbeizuführen. 

11 

Außer ihm gibt es aber noch ein anderes Offenbarwerden 
der Wahrheit, das „Wort Gottes" in einem ganz bestimmten 
rein magischen Sinne, der dem antiken und abendländischen 
Denken gleich fern liegt und deshalb die Quelle unzähliger Miß- 
verständnisse geworden ist. Das heilige Buch, in dem es sichtbar 
in Erscheinung getreten, in das es mittels einer heihgen Schrift 



') Siehe oben S. 78. 



298 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

gebannt worden ist, gehört zum Bestände jeder magischen Re- 
ligion. J) In diese Vorstellung sind drei magische Begriffe ver- 
woben, von denen jeder einzelne uns die größten Schwierigkeiten 
bereitet, während ihr Getrenntsein und gleichzeitiges Einssein 
unserem religiösen Verständnis unzugänghch bleibt, so gern man 
sich immer wieder darüber getäuscht hat: Gott, der Geist 
Gottes, das Wort Gottes. Was im Prolog des Johannes- 
evangeliums angedeutet ist: Im Anfang war das Wort und das 
Wort war bei Gott und Gott war das Wort, das ist lange vorher 
in den persischen Vorstellungen von Spenta Mainyu — dem 
heiligen Geist, der von Ahura Mazda verschieden und doch mit 
ihm eins ist, im Gegensatz zum bösen (Angra Mainyu) — und 
von Vohu Mano*) und den entsprechenden jüdischen und chal- 
däischen Begriffen wie etwas ganz Natürliches zum Ausdruck 
gekommen und bildet den Kernpunkt in den Streitigkeiten des 
vierten und fünften Jahrhunderts um die Substanz Christi. Abel 
ebenso ist die „Wahrheit" für das magische Denken eine Sub- 
stanz 3) und Lüge oder Irrtum die zweite. Es ist derselbe wesen- 
hafte Dualismus wie in dem Widerstreit von Licht und Finsternis, 
Leben und Tod, Gut und Böse. Als Substanz ist die Wahrheit 
bald mit Gott, bald mit dem Geiste Gottes, bald mit dem Wort 
i lentisch. Nur so kann man die ganz substanziell gemeinten 
Aussprüche verstehen: „Ich bin die Wahrheit und das Leben" 
und „Mein Wort ist die Wahrheit". Nur so begreift man auch, 
mit welchen Augen der religiöse Mensch dieser Kultur das heihge 
Buch betrachtete: In ihm ist die unsichtbare Wahrheit in eine 
sichtbare Seinsart eingegangen, ganz ähnlich der Stelle Ev. Job. 
l. 14: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Nach dem 



') Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Bibel in allen Religionen 
des germanischen Abendlandes in einem ganz anderen Verhältnis zum Glauben 
steht, nämlich in dem einer Urkunde im streng historischen Sinne, gleichviel 
ob man sie als inspiriert und deshalb jenseits aller Textkritik stehend be- 
trachtet oder nicht. Ähnlich ist das Verhältnis des chinesischen Denkens zu 
den kanonischen Büchern. 

2) Von Mani mit dem johanneischen Logos gleichgesetzt. Vgl. auch Jascht 
18, 31: Ahura Mazdas lichtschimmemde Seele ist das Wort. 

^) So wird aletheia (Wahrheit) überall im Johannesevangelium und drug 
(Lüge) für Ahriman in der persischen Kosmologie gebraucht. Ahriman erscheint 
oft vnQ ein Diener der Drug. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 299 

Jasna ist das Awesta vom Himmel herabgesandt worden und 
im Talmud heifst es, daß Moses die Tora Band für Band von 
Gott empfangen habe. Eine magische Offenbarung ist ein mysti- 
scher Vorgang, in welchem das ewige und unerschaffene Wort 
der Gottheit — oder die Gottheit als Wort — in einen 
Menschen eingeht, um durch ihn die „offenbare", sinnliche Ge- 
stalt von Lauten und vor allem von Buchstaben zu erhalten. 
Koran bedeutet „Lesung". Mohamed hat in einer Vision im 
Himmel verwahrte Schriftrollen erblickt, die er „im Namen des 
Herrn" — obwohl er nicht lesen gelernt hat — entziffern 
konnte.*) Das ist eine Form der Offenbarung, die in dieser 
Kultur Regel und in den andern nicht einmal Ausnahme ist, 2) 
aber sie hat sich erst seit Kyros herangebildet. Die altisraeli- 
tischen Propheten und sicherlich auch Zarathustra sehen und hören 
in der Verzückung Dinge, die sie später verbreiten. Das deutero- 
nomische Gesetzbuch ist 621 „im Tempel gefunden worden", das 
heißt, es soll als Weisheit der Väter gelten. Das erste und zwar 
sehr bewußte Beispiel eines „Koran" ist das Buch des Hesekiel, 
das der Autor in einer ausgedachten Vision von Gott empfängt 
und „verschlingt" (Kap. 3). Hier ist in der denkbar gröbsten 
Form ausgedrückt, was später dem Begriff und der Gestalt des 
gesamten apokalyptischen Schrifttums zugrunde liegt. Aber all- 
mählich gehörte eine solche substanzielle Form der Empfängnis 
zu den Bedingungen jedes kanonischen Buches. Aus nachexilischer 
Zeit stammt die Vorstellung von den Gesetzestafeln, die Moses 
am Sinai erhält. Später wurde für die ganze Tora, etwa seit 
der Makkabäerzeit für die meisten Schriften des Alten Testa- 
ments ein solcher Ursprung angenommen. Seit dem Konzil von 
Jabna (um 90 n. Chr.) gilt das ganze Werk als „Eingebung" im 
buchstäblichen Sinne. Aber ganz dieselbe Entwicklung hat in 
der persischen Religion stattgefunden bis zur Heiligsprechung des 

*) Sure 96, vgl. 80, 11 und 85, 21, wo es in einer andern Vision heißt 
„Dies ist ein herrlicher Koran auf einer verwahrten Tafel". Das Beste hier- 
über hat Ed. Meyer gesagt, Geschichte der Monnonen S. 70 ff. 

*) Der antike Mensch erhält im Zustande höchster leiblicher Erregung 
die Kraft, bewußtlos Künftiges zu verkünden. Aber diese Visionen sind sämtlich 
ganz unliterarisch. Die antiken sibyllinischen Bücher, die mit der späteren 
christlichen Schrift gleichen Namens gar nichts zu tun haben, wollen nichts 
sein als eine Sammlung von Orakeln. 



300 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Awesta im 3. Jahrhundert, und der gleiche Begriff der Eingebung 
erscheint in der zweiten Vision des Hermas, in den Apokalypsen, 
den chaldäischen, gnostischen und mandäischen Schriften und 
er liegt endlich wie etwas ganz Natürliches den Vorstellungen 
der Neupythagoräer und Neuplatoniker von den Schriften ihrer 
Meister stillschweigend zugrunde. Kanon ist der technische 
Ausdruck für die Gesamtheit der Schriften, die von einer Re- 
ligion als eingegeben betrachtet werden. Als Kanon sind seit 
200 die hermetische Sammlung und das Corpus der chaldäischen 
Orakel entstanden, das letzte ein heiliges Buch der Neuplatoniker, 
das der „Kirchenvater" Proklos allein neben Piatons Timaios 
gelten ließ. 

Die junge Jesusreligion hat ursprünglich wie Jesus selbst 
die jüdischen Schriften als Kanon anerkannt. Die ersten Evan- 
gelien erheben durchaus nicht den Anspruch, ,das Wort" der 
Gottheit in sichtbarer Gestalt zu sein. Das Johannesevan- 
gelium ist die erste christliche Schrift, die mit offen- 
barer Absicht als Koran gelten will, und von ihrem un- 
bekannten Schöpfer geht überhaupt erst der Gedanke aus, daß 
es einen christlichen Koran geben könne und müsse. Die schwere 
Entscheidung, ob die neue Religion mit der von Jesus geglaubten 
brechen soUe, kleidet sich mit innerer Notwendigkeit in die Frage, 
ob man die jüdischen Schriften als Inkarnationen der einen Wahr- 
heit noch anerkennen dürfe; sie ist von , Johannes" schweigend 
und von Marcion laut verneint, von den Kirchenvätern aber, was 
unlogisch war, bejaht worden. 

Aus dieser metaphysischen Auffassung vom Wesen des 
heiligen Buches ergibt sich, daß die Ausdrücke „Gott spricht" 
und „die Schrift sagt" in einer unserem Denken ganz fremden 
Weise völlig identisch sind. Es erinnert an manche Märchen- 
züge in 1001 Nacht, daß Gott selbst in diese Worte und Buch- 
staben gebannt ist und von dem Berufenen entsiegelt und zum 
Offenbaren der Wahrheit gezwungen werden kann. Die Aus- 
legung ist wie die Eingebung ein Vorgang von mystischem 
Hintersinn (]\Iark. 1, 22). Daher die Ehrfurcht, mit welcher diese 
kostbaren Handschriften verwahrt werden, ihre so ganz un- 
antike Verzierung mit allen Mitteln der jungen magischen Kunst 
und die Entstehung immer neuer Schriftarten, die in den Augen 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 301 



ihrer Gebrauclier allein die Kraft besitzen, die herabgesandte 
Wahrheit in sich zu bannen. 

Aber ein solcher Koran ist dem Wesen nach unbedingt 
richtig und deshalb unveränderlich und keiner Verbesserung 
fähig. 1) Es entwickelt sich deshalb die Gewohnheit der geheimen 
Interpolationen, um den Text mit den Überzeugungen der Zeit 
in Einklang zu bringen. Ein Meisterstück dieser Methode sind 
die Digesten Justinians. Aber außer sämtlichen Schriften der 
Bibel gilt das zweifellos auch von den Gathas des Awesta und 
sogar von den damals umlaufenden Schriften des Plato, Aristo- 
teles und andrer Autoritäten der heidnischen Theologie. Viel 
wichtiger noch ist die in allen magischen Religionen nachweis- 
bare Annahme einer geheimen Offenbarung oder eines geheimen 
Schriftsinns, die nicht durch Aufzeichnung, sondern durch das 
Gedächtnis berufener Männer erhalten und mündlich fortgepflanzt 
werden. Nach jüdischer Anschauung hat Moses am Sinai außer 
der schriftlichen noch eine geheime mündliche Tora emp- 
fangen,*) deren Aufzeichnung untersagt war. ,Gott sah voraus," 
heißt es im Talmud, ,daß einst eine Zeit kommen werde, in der 
sich die Heiden der Tora bemächtigen und zu Israel sprechen 
werden: Auch wir sind Söhne Gottes. Dann wird der Herr sagen: 
Nur wer meine Geheimnisse kennt, der ist mein Sohn. Und 
was sind die Geheimnisse Gottes? Die mündHche Lehre. "3) Der 
Talmud enthält also in seiner allgemein zugänglichen Gestalt nur 
einen Teil des religiösen Stoffes, und ebenso stand es mit den 
christlichen Texten der Frühzeit. Es ist oft bemerkt worden,*) 
daß Markus von der Versuchung und Auferstehung nur in An- 
deutungen spricht und daß Johannes auf die Lehre vom Paraldet 
nur anspielt und die Einsetzung des Abendmahls ganz fortläßt. 
Der Eingeweihte verstand, was gemeint war, und der Ungläubige 
sollte es nicht wissen. Später gab es eine wirkliche „Arkan- 
disziplin", wonach die Christen über das Tauf bekenntnis, Vater- 
unser, Abendmahl und anderes Ungläubigen gegenüber Still- 
schweigen beobachteten. Bei den Chaldäern, Neupythagoräern, 
Kynikern, Gnostikern und vor allen den Sekten von den alt- 

>) Vgl. S. 86. «) IV. Esra U; S. Funk, Die Entstehuag des Talmuds 
S. 17; Hirschs Kommentar zu Exod. 21, 2. ') Funk ». a. 0. S. 86. 

*) So Ed. Meyer, Urspr. u. Anf. d. Christ. S. 95. 



302 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR. 



jüdischen bis zu den islamischen hat das einen solchen Umfang 
angenommen, daß uns ihre Geheimlehren zum großen Teil un- 
bekannt sind. Über das nur im Geist aufbewahrte Wort gab 
es einen consensus des Schweigens, eben weil man des 
„Wissens" der Zugehörigen sicher war. Wir sind geneigt, gerade 
von dem Wichtigsten nachdrücklich und deutlich zu reden, und 
kommen deshalb in Gefahr, magische Lehren mißzuverstehen, 
weil wir das Ausgesprochene mit dem Vorhandenen und den 
profanen Wortsinn mit der eigentlichen Bedeutung gleichsetzen. 
Das gotische Christentum hatte keine Geheimlehre und deshalb 
ein doppeltes Mißtrauen gegen den Talmud, in dem es mit Recht 
nur den Vordergrund der jüdischen Lehre sah. 

Aber rein magisch ist auch die Kabbala, die aus Zahlen, 
Buchstabenformen, Punkten und Strichen einen geheimen Sinn 
erschließt und die so alt sein muß wie das als Substanz herab- 
gesandte Wort überhaupt. Die Geheimlehre von der Schöpfung 
der Welt aus den zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen 
Alphabets und die vom Thronwagen in der Vision des Hesekiel 
sind schon zur Makkabäerzeit nachweisbar. Eng damit verwandt 
ist die allegorische Auslegung der heiligen Texte. Alle Traktate 
der Mischna, alle Kirchenväter, alle alexandrinischen Philosophen 
sind voll davon ; in Alexandria hat man den ganzen antiken Mythus 
und sogar Piaton nach dieser Methode behandelt und mit den 
jüdischen Propheten — Moses heißt dann Musaios — verglichen. 

Die einzige streng wissenschaftliche Methode, welche 
ein unveränderlicher Koran für die Fortentwicklung der Mei- 
nungen übrig läßt, ist die kommentierende. Da der Theorie nach 
das „Wort" einer Autorität nicht verbessert werden kann, so 
kann es nur anders ausgelegt werden.^ Man würde in Alexandria 
nie gesagt haben, daß Plato irre, aber man „deutete" ihn. Das 
geschieht in den streng ausgebildeten Formen der Halacha, und 
deren schriftliche Festlegung hat die Gestalt eines Kommentars, 
die alle religiösen, philosophischen und gelehrten Literaturen 
dieser Kultur vollständig beherrscht. Nach dem Vorgang der 
Gnostiker haben die Kirchenväter Schriftkommentare zur Bibel 
verfaßt; zum Awesta entstand sogleich der Pehlewikommentar 
des Zend, zum jüdischen Kanon die Midrasche, aber auch die 
„römischen" Juristen um 200 und die „spätantiken" Philosophen, 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 303 



d. h. die Scholastiker der werdenden Kultkirche gingen denselben 
Weg — die seit Poseidonios immer wieder ausgelegte Apokalypse 
dieser Kirche war Piatons Timaios. Die Mischna ist ein einziger 
großer Kommentar zur Tora. Aber als die ältesten Ausleger 
selbst Autoritäten und ihre Schriften also Korane geworden 
waren, schrieb man Kommentare zu Kommentaren wie der letzte 
PlatonikerSimplikios im Westen, dieAmoräer, welche der Mischna 
die Gemara hinzufügten, im Osten und in Byzanz die Verfasser 
der kaiserlichen Konstitutionen zu den Digesten. 

Am schärfsten ist diese Methode, welche jeden Ausspruch 
der Fiktion nach bis zu einer unmittelbaren Eingebung zurück- 
führt, in der talmudischen und islamischen Theologie ausgebildet 
worden. Eine neue Halacha oder ein Hadith sind nur gültig, 
wenn sie durch eine ununterbrochene Kette von Gewährsmännern 
auf Moses oder Mohamed zurückgeführt werden können. i) Die 
feierliche Formel hierfür lautete in Jerusalem: „Es komme über 
mich! So habe ich es von meinem Lehrer gehört. "2) Im Zend 
ist die Anführung der Gewährsmännerkette Regel, und Irenäus 
hat seine Theologie damit gerechtfertigt, dafä von ihm eine Kette 
über Polykarp zur Urgemeinde gehe. In der frühchristlichen Litera- 
tur tritt diese halachische Form mit solcher Selbstverständlichkeit 
auf, daß man sie als solche gar nicht bemerkt hat. Sie erscheint, 
abgesehen von der beständigen Berufung auf das Gesetz und die 
Propheten, in den Überschriften der vier Evangelien („nach 
Markus"), die einen Gewährsmann an der Spitze nennen müssen, 
um für die von ihnen angeführten Worte des Herrn Autorität 
zu sein. 3) Damit war die Kette bis zu der in Jesus verkörperten 



*) Im Westen sind Plato, Aristoteles und vor allem Pythagoras als Pro- 
pheten in diesem Sinne bebandelt worden. Was bis zu ihnen zurückgefülirt 
werden konnte, galt als Wahrheit. Deshalb ist die Reihe der Schulhäupter 
immer wichtiger geworden imd man hat auf ilire Feststellung — oder Er- 
findung — oft mehr Arbeit verwendet als auf die Geschichte der Lehre selbst. 

2) Fromer, Der Talmud S. 190. 

') Wir verwechseln heute Autor und Autorität. Das arabische Denken kennt 
den Begriff des geistigen Eigentums nicht. Er würde sinnlos vmd sündhaft 
sein, denn es ist das eine göttliche pneuma, das den einzelnen zum Gefäß 
und Mundstück wählt. Nur insofern ist er „Autor", gleichviel ob er das Emp- 
fangene auch selbst niederschreibt oder nicht. „Evangelium nach Markus" be- 
deutet: Markus bürgt für die Wahrheit dieser Botschaft. 



304 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Wahrheit hergestellt und man kann sich diese Verbindung im 
Weltbilde eines Augustin oder Hieronymus nicht realistisch 
genug denken. Hierauf beruht nun auch die seit Alexander 
sich allgemein verbreitende Sitte, religiöse und philosophische 
Schriften mit Namen zu versehen wie Henoch, Salomo, Esra, 
Hermes, Pythagoras, die als Gewährsmänner und Gefäße gött- 
licher Wahrheit galten, in denen also einst „das Wort Fleisch" 
geworden war. Wir besitzen noch eine Anzahl von Apokalypsen 
mit dem Namen Baruch, der damals mit Z'arathustra gleich- 
gesetzt wurde, und wir machen uns kaum eine Vorstellung da- 
von, was an Schriften unter den Namen des Aristoteles und 
Pythagoras umlief. Die „Theologie des Aristoteles* war eins der 
einflußreichsten Bücher des Neuplatonismus. Dies ist endlich 
die metaphysische Voraussetzung für Stil und tieferen Sinn des 
Zitierens, das bei Kirchenvätern, Rabbinern, „griechischen" Philo- 
sophen und „römischen* Juristen in ganz derselben Weise ge- 
übt wird und das einerseits das Zitiergesetz Valentinians HI.i) 
und andrerseits die Abscheidung von Apokryphen — ein grund- 
legender Begriff, der einen Substanzunterschied innerhalb 
des Schriftenbestandes feststellt — aus dem jüdischen und christ- 
lichen Kanon zur Folge gehabt hat. 



12 

Auf Grund solcher Untersuchungen wird es in Zukunft mög- 
lich sein, eine Geschichte der Gruppe magischer Reli- 
gionen zu schreiben. Sie bildet eine untrennbare Einheit des 
Geistes und der Entwicklung und man glaube nicht, die ein- 
zelnen für sich unter Absehen von den übrigen wirklich be- 
greifen zu können. Ihre Entstehung, Entfaltung und innere 
Festigung umfaßt die Zeit von — 500. Sie entspricht genau 
dem abendländischen Aufstieg von der kluniazensischen Be- 
wegung bis zur Reformation. Ein wechselseitiges Geben und 
Nehmen, ein verwirrend reiches Aufblühen, Reifen, Umbilden, 
ein Überschichten, Wandern, Einfügen, Abstoßen erfüllt diese 
Jahrhunderte, ohne daß sich irgendeine Abhängigkeit des einen 

») S. 86. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 305 

Systems von dem andern behaupten läßt; nur die Formen und 
Fassungen werden getauscht; in der Tiefe ruht ein und das- 
selbe Seelentum, das in allen Sprachen dieser Welt von Reli- 
gionen stets sich selbst zum Ausdruck bringt. 

In dem weiten Reich altbabylonischen Fellachentums leben 
junge Völker. Da bereitet sich alles vor. Die erste Ahnung regt 
sich um 700 in den prophetischen Religionen der Perser, Juden 
und Chaldäer, Ein Bild der Weltschöpfung von der Art, wie es 
später an den Anfang der Tora trat, zeichnet sich in klaren 
Umrissen ab und damit ist ein Einsatz, eine Richtung, ein Ziel 
der Sehnsucht gegeben. In weiter Zukunft wird etwas erschaut, 
unbestimmt und dunkel noch, aber mit der innerhchsten Ge- 
wißheit, daß es kommt. Mit dem Blick darauf, mit dem Gefühl 
einer Sendung lebt man von nun an. 

Die zweite Welle erhebt sich steil in den apokalyptischen 
Strömungen seit 300. Hier erwacht das magische Weltbewußt- 
sein und erbaut sich eine Metaphysik der letzten Dinge in ge- 
waltigen Bildern, denen schon das Ursymbol der kommenden 
Kultur, die Höhle, zugrunde liegt. Die Vorstellung von den 
Schrecken des Weltendes, dem jüngsten Gericht, der Auferstehung, 
von Paradies und Hölle und damit der große Gedanke einer 
Heilsgeschichte, in der das Schicksal von Welt und Menschheit 
eins sind, brechen überall hervor, ohne daß man einem ein- 
zelnen Land und Volk die Schöpfung zuschreiben könnte, und 
kleiden sich in wunderbare Szenen, Gestalten und Namen. Die 
Messiasgestalt ist mit einem Schlage fertig. Die Versuchung des 
Heilands durch den Satan wird erzählt.^) Aber zugleich quillt 
eine tiefe und sich beständig steigernde Angst auf vor dieser Ge- 
wißheit einer unverrückbaren und sehr nahen Grenze des Ge- 
schehens, vor dem Augenblick, in dem es nur noch Vergangen- 
heit gibt. Die magische Zeit, die „Stunde", das höhlenhafte 
Gerichtetsein gibt dem Leben einen neuen Takt und dem Worte 
Schicksal einen neuen Inhalt. Der Mensch steht plötzlich ganz 
anders vor der Gottheit da. In der Weihinschrift der großen 
BasiKka von Palmyra, die lange als christlich galt, wird Baal 
der Gute, Barmherzige, Milde genannt, und dies Gefühl dringt 
mit der Verehrung des Rahman bis nach Südarabien; es erfüllt 

') Vendidad 19, 1 ist es Zarathustra, der versucht wiid. 

Spengler, Der Untergan^r des Abendlandes. IL 20 



306 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

die Psalmen der Chaldäer und die Lehre von dem gottgesandten 
Zarathustra, die an die Stelle seiner Lehre getreten ist; und 
es bewegt das Judentum der Makkabäerzeit, in der die meisten 
Psalmen entstanden, und alle die längst vergessenen übrigen 
Gemeinschaften zwischen der antiken und indischen Welt. 

Die dritte Erschütterung erfolgt in der Zeit Cäsars und 
führt zur Geburt der großen Erlösungsreligionen. Damit bricht 
der helle Tag dieser Kultur an. Was nun folgt, ein oder zwei 
Jahrhunderte hindurch, ist von einer Höhe des religiösen Er- 
lebens, die nicht überboten, aber auch nicht länger ertragen 
werden kann. Eine solche an Vernichtung grenzende Spannung 
haben auch die gotische Seele, die vedische und jede andere 
nur einmal in ihrer Morgenfrühe kennen gelernt. 

Jetzt entsteht der große Mythus im persischen, mandäi- 
schen, jüdischen, christlichen Glaubenskreise und in dem der 
westlichen Pseudomorphose, nicht anders als zur indischen, 
antiken und abendländischen Ritterzeit. So wenig als in dieser 
Kultur sich Nation, Staat und Kirche, göttliches und weltliches 
Recht trennen können, so wenig gibt es einen deutlichen Unter- 
schied ritterlichen und religiösen Heldentums. Der Prophet ver- 
schmilzt mit dem Streiter und die Geschichte eines großen 
Dulders erhebt sich zum nationalen Epos. Die Mächte des 
Lichtes und der Finsternis, fabelhafte Wesen, Engel und Dä- 
monen, der Satan und die guten Geister ringen miteinander; 
die ganze Natur ist ein Kampfplatz vom Anfang der Welt bis 
zu ihrer Vernichtung. Tief unten in der Menschenwelt ereignen 
sich die Abenteuer und Leiden der Verkünder, religiösen Heroen 
und heldenmütigen Märtyrer. Jede Nation in dem Sinne, wie 
er dieser Kultur angehört, besitzt ihre Heldensage. Im Osten 
wird aus dem Leben des persischen Propheten eine epische 
Dichtung von gewaltigem Umriß. Bei seiner Geburt erschallt 
das Zarathustralachen durch alle Himmel und die ganze Natur 
antwortet ihm. Im Westen entsteht zu der immer weiter aus- 
gestalteten Leidensgeschichte Jesu, dem eigentlichen Epos 
der christlichen Nation, der Märchenkreis um seine Kind- 
heit, der zuletzt eine ganze poetische Gattung ausfüllt. Die Ge- 
stalt der Mutter Gottes und die Taten der Apostel werden wie 
die Geschichten der abendländischen Kreuzzugshelden zum Mittel- 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 307 

punkt ausgedehnter Romane (Thomasakten, Pseudoklementinen), 
die während des 2. Jahrhunderts überall vom Nil bis zum Tigris 
entstehen. In der jüdischen Haggada und in den Targumen 
sammelt sich eine Fülle von Märchen um Saul, David, die Patri- 
archen und die großen Tannaim wie Jehuda und Akiba^ und 
die unerschöpfliche Phantasie dieser Zeit ergreift auch den ganzen 
ihr erreichbaren Stoff spätantiker Kultlegenden und Stifterromane 
(Leben des Pythagoras, Hermes, Apollonios von Tyana). 

Mit dem Ende des 2. Jahrhunderts klingt diese Erregung 
ab. Die Blüte der epischen Dichtung ist vorüber und es beginnt 
die mystische Durchdringung und dogmatische Zergliederung 
der religiösen Stoffe. Die Lehren der neuen Kirchen werden in 
theologische Systeme gebracht. Das Heldentum weicht der 
Scholastik, die Dichtung dem Denken, der Seher und Sucher 
dem Priester. Die Frühscholastik, die um 200 endet (entsprechend 
der abendländischen Epoche von 1200), umfaßt die gesamte 
Gnosis im allerweitesten Sinne, das große Schauen: den Ver- 
fasser des Johannesevangeliums, Valentinus, Bar Daisan und 
Marcion, die Apologeten und ältesten Väter bis auf Irenäus und 
Tertullian, die letzten Tannaim bis auf den Vollender der Mischria, 
Rabbi Jehuda, in Alexandria die Neupythagoräer und Herme- 
tiker. Das alles entspricht im Abendlande der Schule von Chartres, 
Anselm von Canterbury, Joachim von Floris, Bernhard von Clair- 
vaux und Hugo von St. Victor. Die Hochscholastik beginnt mit 
dem Neuplatonismus, mit Clemens und Origenes, den ersten 
Amoräern und den Schöpfern des jüngeren Awesta unter Arde- 
schir (226 — 241) und Schapur L, vor allem dem mazdaischen 
Hohepriester Tai\vasar. Zugleich beginnt die Ablösung einer 
höheren Religiosität von der bäuerlichen, noch immer in apo- 
kalyptischer Stimmung verweilenden Frömmigkeit des Landes, 
die sich von da an fast unverändert unter wechselnden Namen 
bis in das Fellachentum der Türkenzeit erhält, während in der 
städtischen und geistigeren Oberwelt die persische, jüdische und 
christliche Gemeinschaft von der des Islam aufgenommen werden. 

Langsam vollenden sich nun die großen Kirchen. Es hat 
sich entschieden — das wichtigste religiöse Ergebnis des 2. Jahr- 
hunderts — , daß aus der Lehre von Jesus keine Umgestaltung 

*) M. J. ben Gorion, Die Sagen der Juden, 1913. 

20* 



308 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

des Judentums, sondern eine neue Kirche hervorgeht, die ihre 
Richtung nach Westen nimmt, während das Judentum, ohne an 
innerer Kraft eingebüßt zu haben, sich dem Osten zuwendet. 
Das 3. Jahrhundert gehört den großen Gedankenbauten der Theo- 
logie. Man hat sich mit der geschichtlichen WirkHchkeit ab- 
gefunden. Das Weltende ist in die Ferne gerückt und es ent- 
steht eine Dogmatik, welche das neue Weltbild erklärt. Der 
Anbruch der Hochscholastik hat zur Voraussetzung, daß man 
an die Dauer der zu begründenden Lehren glaubt. 

Überblickt man diese Gründungen, so ergibt sich, daß die 
aramäische Mutterlandschaft ihre Formen nach drei Richtungen 
hin entwickelt. Im Osten bildet sich aus der zarathustrischen 
Religion der Achämenidenzeit und den Resten ihrer heiligen 
Literatur die mazdaische Kirche mit einer strengen Hierarchie 
und peinlichem Ritual, mit Sakramenten, Messe und Beichte 
{patet). Wie erwähnt, ist durch Tanvasar die Sammlung und 
Ordnung des neuen Awesta begonnen worden; unter Schapur L 
sind, wie gleichzeitig im Talmud, die profanen Texte medizini- 
schen, juristischen und astronomischen Inhalts hinzugekommen; 
der Abschluß erfolgte durch den Kirchenfürsten Mahraspand 
unter Schapur H. (309 — 379), und es ist für die arabische Kultur 
selbstverständlich, daß sogleich ein Kommentar in Pehlewi- 
sprache, der Zend, hinzukommt. Das neue Awesta ist wie die 
jüdische und christliche Bibel ein Kanon einzelner Schriften und 
wir erfahren, daß unter den seitdem verlorenen Nasks (ursprüng- 
lich 21) sich ein Evangelium Zarathustras, die Bekehrungs- 
geschichte des Vischtaspa, eine Genesis, ein Rechtsbuch und 
ein Geschlechterbuch mit Stammbäumen von der Schöpfung bis 
zu den Perserkönigen befanden, während bezeichnenderweise der 
Vendidad, nach Geldner der „Levitikus" der Perser, sich voll- 
ständig erhalten hat. 

Ein neuer Religionsstifter erscheint 242 zur Zeit Schapurs I. 
in Mani, der unter Verwerfung des „erlöserlosen" Judentums und 
Griechentums die gesamte Masse magischer Religionen zu einer 
der gewaltigsten theologischen Schöpfungen aller Zeiten zu- 
sammenfaßt, für die er 276 durch die mazdaische Priesterschaft 
ans Kreuz geschlagen wurde. Durch seinen Vater, der noch in 
späten Jahren seine Familie verließ und in einen Mandäerorden 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 309 

trat, mit dem ganzen Wissen seiner Zeit ausgerüstet, hat er 
die Grundgedanken der Chaldäer und Perser mit denen des 
johanneisclien, östlichen Christentums vereinigt, was vor ihm 
ohne die Absicht einer Kirchengründung in der christlich-persi- 
schen Gnosis des Bar Daisan versucht worden war.^) Er faßt 
die mystischen Gestalten des johanneischen Logos, den er mit 
dem persischen Vohu Mano gleichsetzt, den Zarathustra der 
Awestalegende und den Buddha der späten Texte als göttliche 
Emanationen auf und verkündet sich selbst als den Paraklet des 
Johannesevangeliums und Saoshyant der Perser. Wie wir jetzt 
aus den Turfanfunden wissen, unter denen sich auch Teile der 
bis jetzt völlig verlorenen Schriften Manis befinden, war die 
Kirchensprache der Mazdaisten, Manichäer und Nestorianer, un- 
abhängig von den jeweiligen Umgangssprachen, das Pehlewi. 

Im Westen entwickeln, und zwar in griechischer Schrift- 
sprache, 2) die beiden Kultkirchen eine Theologie, die nicht nur 
verwandt, sondern in ausgedehntem Mafse identisch ist. Zur Zeit 
Manis beginnt die theologische Verschmelzung der aramäisch-chal- 
däischen Sonnenreligion und des aramäisch-persischen Mithras- 
kultes zu einem System, dessen erster großer „Kirchenvater" um 
300 Jamblich wird, ein Zeitgenosse des Athanasius, aber auch 
Diokletians, der 295 den Mithras zum henotheistischen Reichsgott 



^) Die dem Johannesevangelium zugrunde liegende Lehre muß er durch 
mündliche Überlieferung sehr genau gekannt haben. Auch Bar Daisan (f 254) 
und die aus seinem ICreise stammende Apostelgeschichte des Thomas stehen 
der paulinischen Lehre ganz fem, was sich bei Mani zu schroffer Feindschaft 
und der Bezeichnung des geschichtlichen Jesus als bösen Dämon steigert. Wir 
erhalten hier einen Einblick in das Wesen des fast unterirdischen östlichen 
Christentums, das von der griechisch schreibenden Kirche der Pseudomorphose 
nicht beachtet wurde und deshalb der Kirchengeschichte bis jetzt entgangen 
ist. Aber aus dem Osten Kleinasiens stammten auch Marcicn und Montanus; 
liier ist das in der Grundlage persische, aber jüdisch imd dann christlich üBer- 
schichtete Naassenerbuch entstanden, und weiter östlich, vielleicht im Matthäus- 
kloster bei Mossul, hat um 340 Aphrahat jene seltsamen Briefe geschrieben, 
an deren Chi'istentum die westliche Entwicklung von Irenäus bis Athanasius 
spurlos vorübergegangen ist. Die Geschichte des nestorianischen Christentums 
beginnt tatsächlich schon im 2. Jahrhundert. 

*) Denn die lateinischen Schriften z. B. des Tertullian und Augustin sind, 
soweit sie nicht übersetzt wurden, durchaus wirkungslos geblieben. In Rom 
selbst war Griechisch die eigentliche Sprache der Kirche. 



310 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

erhebt. Seine Priester untersqlieiden sich seelisch wenigstens in 
nichts von den christlichen. Proldos, ebenfalls ein echter Kirchen- 
vater, empfängt in Träumen Erleuchtungen über eine schwierige 
Textstelle und möchte außer Piatons Timaios und dem chaldäischen 
Orakelbuch, die für ihn kanonisch sind, alle Philosophenschriften 
vernichtet sehen. Seine Hymnen, Zeugnisse der Zerknirschung 
eines echten Eremiten, flehen HeKos und andere Helfer um Schutz 
gegen böse Geister an. Hierokles schreibt ein Moralbrevier 
für Gläubige der neupythagoräischen Gemeinschaft, das man 
genau ansehen muß, um es nicht für christlich zu halten. Der 
Bischof Synesios wird von einem neuplatonischen zu einem christ- 
lichen Kirchenfürsten, ohne daß eine Bekehrung stattgefunden 
hätte. Er behielt seine Theologie bei und veränderte nur die 
Namen. Der Neuplatoniker Asklepiades konnte es unternehmen, 
ein großes Werk über die Gleichheit aller Theologien zu schreiben. 
Wir besitzen heidnische so gut wie christliche Evangelien und 
Heihgenleben. Apollonios hat das Leben des Pythagoras, Marinos 
das des Proklos, Damaskios das des Isidoros geschrieben: es 
besteht gar kein Unterschied zwischen diesen Schriften, die mit 
einem Gebet anfangen und schließen, und christlichen Märtyrer- 
akten. Porphyrios bezeichnet als die vier göttlichen Elemente 
Glaube, Liebe, Hoffnung und Wahrheit. 

Zwischen diesen Kirchen des Westens und Ostens entwickelt 
sich, von Edessa aus gesehen nach Süden, die talmudische (die 
„Synagoge") mit aramäischer Schriftsprache. Die Judenchristen 
(z. B. Ebioniten und Elkesaiten), Mandäer und Chaldäer waren 
nicht imstande, gegen diese großen Gründungen aufzukommen, 
wenn man nicht die Kirche Manis als neue Verfassung der chal- 
däischen Religion betrachtet. Sie sanken zu Sekten herab, die zahl- 
los im Schatten der großen Kirchen dahindämmerten oder in ihren 
Verbänden aufgingen, wie die letzten Marcioniten und Montanisten 
im Manichäertum. Es gab um 300 außer der heidnischen, christ- 
lichen, persischen, jüdischen und rnanichäisclien Kirche keine 
magische Religion von Bedeutung mehr. 

13 

Mit der Hochscholastik beginnt seit 200 auch das Streben, 
die sichtbare und immer strenger gegliederte Gemeinschaft 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 311 

der Gläubigen mit dem Organismus des Staates gleichzusetzen. 
Das folgt mit Notwendigkeit aus dem Weltgefühl des magischen 
Menschen und führt zur Verwandlung der Herrscher in Khalifen 
— Beherrscher vor allem der Gläubigen, nicht eines Gebietes — 
und damit zur Auffassung der Rechtgläubigkeit als der Voraus- 
setzung wirldicher Staatsangehörigkeit, zur Pflicht der Verfol- 
gung falscher Religionen — der heilige Krieg des Islam ist so 
alt wie diese Kultur selbst und hat ihre ersten Jahrhunderte 
vollkommen erfüllt — , zur Stellung der im Staate nur geduldeten 
Ungläubigen unter eigenes Recht und Verwaltung — denn das 
göttliche Recht ist Ketzern versagt — und damit zur Wohn- 
weise des Ghetto. 

Zuerst ist im Mittelpunkt der aramäischen Landschaft, in 
Osrhoene, das Christentum um 200 Staatsreligion geworden. 226 
wurde im Sassanidenreich der Mazdaismus und unter Aurelian 
(f 275) und vor allem Diokletian (295) der durch den Divus-, Sol- 
und Mithraskult zusammengefaßte Synkretismus im römischen 
Imperium Staatsreligion, Konstantin geht seit 312, König Trdat 
von Armenien um 321, König Mirian von Georgien einige Jahre 
später zum Christentum über. Im Süden muß Saba schon im 
3. und Axum im 4. Jahrhundert christlich geworden sein, aber 
gleichzeitig wird das Himj arenreich jüdisch und Kaiser Julian 
versucht noch einmal, die Heidenkirche zur Herrschaft zu bringen. 

Den Gegensatz dazu bildet, wieder in allen Religionen dieser 
Kultur, die Ausbreitung des Mönchtums mit seiner radikalen 
Abwendung von Staat, Geschichte und der Wirklichkeit über- 
haupt. Der Widerstreit von Dasein und Wachsein, von Politik also 
und Religion, Geschichte und Natur läßt sich durch die Form 
der magischen Kirche und ihre Gleichsetzung mit Staat und 
Nation doch nicht ganz überwinden; die Rasse bricht im Leben 
dieser geistlichen Schöpfungen doch hervor und überwältigt das 
Göttliche, eben weil es das Weltliche in sich aufgenommen hat. 
Aber hier gibt es keinen Kampf zwischen Staat und Kirche wie 
in der Gotik und deshalb bricht er innerhalb der Nation aus 
zwischen dem Weltfrommen und dem Asketen. Eine magische 
Religion wendet sich ausschließlich an den göttiichen Funken, 
das pneuma im Menschen, das er mit der unsichtbaren Gemein- 
schaft der gläubigen und seligen Geister teilt. Der übrige Mensch 



312 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

gehört dem Bösen und der Finsternis. Das Göttliche — kein 
Ich, sondern gleichsam ein Gast — soll aber in ihm herrschen 
und das andere überwinden, unterdrücken, vernichten. In dieser 
Kultur ist der Asket nicht nur der wahre Priester — der Welt- 
priester genießt wie im Russentum niemals wirldiche Achtung; 
meist darf er auch heiraten — , sondern überhaupt der eigent- 
lich Fromme. Außerhalb des Mönchtums ist eine Erfüllung der 
rehgiösen Forderungen gar nicht möglich und deshalb nehmen 
Büßergemeinschaften, Einsiedlertum und Kloster schon früh 
einen Rang ein, den sie aus metaphysischen Gründen weder in 
Indien noch in China erhalten konnten, vom Abendland ganz zu 
schweigen, wo die Orden arbeitende und kämpfende, also dyna- 
mische Einheiten sind.^) Deshalb trennt sich die Menschheit 
der arabischen Kultur nicht in „die Welt" und in mönchische 
Kreise mit genau getrennten Gebieten der Lebensart und den 
gleichen MögKchkeiten, die Gebote des Glaubens zu erfüllen. 
Jeder Fromme ist eine Art Mönch. ^) Zwischen Welt und Kloster 
besteht kein Gegensatz, sondern nur ein Unterschied des Grades. 
Magische Kirchen und Orden sind gleichartige Gemein- 
schaften, die sich nur durch den Umfang unterscheiden lassen. 
Die Gemeinschaft des Petrus war ein Orden, die des Paulus 
eine Kirche, und die Mithrasreligion ist für die eine Bezeich- 
nung fast zu groß, für die andre zu klein. 

Jede magische Kirche ist selbst ein Orden und nur 
mit Rücksicht auf die menschliche Schwachheit werden Stufen 
und Grade der Askese nicht gesetzt, sondern erlaubt wie bei 
den Marcioniten und Manichäern {electi und auditores). Und 
eigentlich ist eine magische Nation nichts andres als die Summe, 
der Orden aller Orden, die in ihr immer kleinere und 
strengere Kreise ziehen bis zum Eremiten, Derwisch und Säulen- 
heiligen, an denen nichts Weltliches mehr ist, deren Wachsein 
nur noch dem Pneuma gehört. Sieht man von den prophetischen 
Religionen ab, aus und zwischen denen mit der apokalyptischen 
Erregung immer zahlreichere ordensartige Gemeinschaften ent- 



*) Der faustische Mönch bezwingt seinen bösen Willen, der magische die 
böse Substanz in sich. Dualistisch ist nur das zweite. 

*) Die Reinheits- und Speisegesetze des Talmud und Awesta greifen viel 
tiefer in das tägliche Leben ein als etwa die Benediktinerregel. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 313 

standen, so waren es die beiden Kultkirchen des Westens, deren 
zahllose Einsiedler, Wanderprediger und Orden sich zuletzt nur 
durch den Namen der angerufenen Gottheit unterschieden. Alle 
empfehlen sie Fasten, Gebet, Ehelosigkeit und Armut. Es ist 
sehr fraglich, welche von beiden Kirchen um 300 asketischer 
gerichtet war. Der neuplatonische Mönch Sarapion geht in die 
Wüste, um nur noch die Hymnen des Orpheus zu studieren, 
Damaskios zieht sich, durch einen Traum bestimmt, in eine un- 
gesunde Höhle zurück, um beständig zu Kybele zu beten, i) Die 
Philosophenschulen sind nichts als asketische Orden; die Neu- 
pythagoräer stehen den jüdischen Essäern nahe; der Mithras- 
kult, ein echter Orden, gestattet nur Männern den Zutritt zu 
seinen Weihen und Gelübden; Kaiser Julian wollte heidnische 
Klöster erbauen. Das Mandäertum scheint eine Gruppe von 
Ordensgemeinschaften verschiedener Strenge gewesen zu sein, 
unter denen sich die Johannes' des Täufers befand. Das christ- 
liche Mönchtum beginnt nicht mit Pachomius (320), der nur 
das erste Kloster gebaut hat, sondern mit der Urgemeinde in 
Jerusalem. Das Matthäusevangelium 2) und fast alle Apostel- 
geschichten sind Zeugnisse einer streng asketischen Gesinnung. 
Paulus hat es nie gewagt, dem ausdrücklich zu widersprechen. 
Die persische und nestorianische Kirche haben die mönchischen 
Ideale weiter entwickelt und der Islam hat sie sich endlich in 
voUem Umfange zu eigen gemacht. Die orientalische Frömmig- 
keit wird heute durchaus von den muslimischen Orden und 
Bruderschaften beherrscht. Die gleiche Entwicklung nahm das 
Judentum von den Karäern des 8. bis zu den polnischen Chassiden 
des 18. Jahrhunderts. 

Das Christentum, das noch im 2. Jahrhundert nicht viel 
mehr als ein verbreiteter Orden gewesen war, dessen öffent- 
liche Macht über die Zahl der Mitglieder weit hinausging, wächst 
etwa seit 250 plötzlich ins Ungeheure. Es ist die Epoche, in 
welcher die letzten Stadtkulte der Antike verschwinden, nicht 
vor der christlichen, sondern vor der neu entstehenden 



^) Asmus, Damaskios (Philos. BibL 125 (1911). Das christliche Anachoreten- 
tum ist jünger als das heidnische: Reitzenstein, Des Athanasius Werk übe? 
das Leben des Antonius (Sitz. Heid. Ak. 1914, VIII, 12). 

^) Bis zu der Forderung 19, 12, die Origenes wörtlich befolgt hat. 



314 PROBLEÄIE DER ARABISCHEN KULTUR 



Heidenkirche. 241 brechen die Akten der Arvalbrüder in Rom 
ab; 265 erscheinen die letzten Kultinschriften in Olympia. Die 
Häufung der verschiedensten Priestertümer auf eine Person wird 
gleichzeitig Sitte/) das heißt man empfindet diese Bräuche nur 
noch als die einer einzigen Rehgion. Und diese Religion tritt 
werbend auf und verbreitet sich weit über das griechisch- 
römische Stammgebiet hinaus. Dennoch ist um 300 die christ- 
liche Kirche die einzige, welche sich über das ganze arabische 
Gebiet ausgedehnt hat, aber gerade daraus folgt nun die Not- 
wendigkeit innerer Gegensätze, die nicht mehr auf der geistigen 
Anlage einzelner Menschen, sondern auf dem Geist der einzelnen 
Landschaften beruhen und die deshalb zum Zerfall des Christen- 
tums in mehrere Religionen geführt haben und zwar für immer. 

Der Streit um die Wesenheit Christi ist das Feld, auf 
dem der Kampf zum Austrag kommt. Es handelt sich um Sub- 
stanzprobleme, die in ganz derselben Form und Richtung auch 
das Denken aller andern magischen Theologien erfüllen. Die neu- 
platonische Scholastik, Porphyrios, Jamblich und vor allem Proklos 
haben solche Fragen in westlicher Fassung und in enger Füh- 
lung mit der Denkweise des Philo und selbst des Paulus be- 
handelt. Das Verhältnis zwischen dem Ur-Einen, Nus, Logos, 
dem Vater und dem Mittler wird auf das SubstanzieUe hin be- 
trachtet. Handelt es sich um Ausstrahlung, Teilung oder Durch- 
dringung? Ist eins im andern enthalten, sind sie identisch oder 
schlieiaen sie sich aus? Ist die Trias zugleich Monas? Im Osten, 
wo schon die Voraussetzungen des JohannesevangeKums und der 
bardesanischen Gnosis eine andere Fassung dieser Probleme 
zeigen, hat das Verhältnis Ahura Mazdas zum heiUgen Geiste 
(Spenta Mainyu) und das Wesen des Vohu Mano die awestischen 
„Väter" beschäftigt, und gerade in der Zeit der entscheidenden 
Konzile von Ephesus und Chalcedon bezeichnet der vorüber- 
gehende Sieg des Zrvanismus (438 — 457) mit dem Vorrang des 
göttlichen W^eltlaufs {zrvan als historische Zeit) über die gött- 
lichen Substanzen den Höhepunkt eines dogmatischen Kampfes. 
Der Islam hat endlich die ganze Frage noch einmal aufgenommen 
und mit Beziehung auf die Wesenheit Mohameds und des Koran 
zu lösen versucht. Vorhanden ist das Problem, seit es ein magi- 

*) Wissowa, Religion und Kultus der Römer S. 493; Gefifcken S. 4 u. 144. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 315 

sclies Menschentum gibt, so gut wie mit dem faustischen Denken 
auch schon die spezifisch abendländischen Willensprobleme an 
Stelle der Substanzprobleme gegeben sind. Man braucht nicht 
nach ihnen zu suchen; sie sind da, sobald das Denken der Kultur 
beginnt. Sie sind die Grundform dieses Denkens und dringen in 
allen Untersuchungen hervor, auch wo man sie nicht sucht oder 
gar nicht bemerkt. 

Aber auch die drei landschaftlich vorbestimmten christlichen 
Lösungen des Ostens, Westens und Südens sind von Anfang an 
vorhanden und schon in den Hauptrichtungen der Gnosis — etwa 
durch Bardesanes, Basilides und Valentinus — angelegt. In 
Edessa treffen sie zusammen. Hier hallten die Straßen wider 
von dem Kampfgeschrei der Nestorianer gegen die Sieger auf 
dem Konzil zu Ephesus und später von den elg-i^eog-Ruien der 
Monophysiten, die verlangten, daß der Bischof Ibas den Tieren 
im Zirkus vorgeworfen werde. 

Äthan asius hatte, und zwar ganz aus dem Geist der Pseudo- 
morphose heraus und seinem heidnischen Zeitgenossen Jambhch 
in vielem verwandt, die große Frage formuliert. Gegen Arius, 
der in Christus einen Halbgott — dem Vater nur wesens- 
ähnlich — erblickte, behauptet er: Vater und Sohn sind von 
derselben göttlichen Substanz {&e6xr]g), die in Christus ein 
menschliches soma angenommen hat. „Das Wort ward Fleisch." 
Diese Formel des Westens ist abhängig von anschaulichen Tat- 
sachen der Kultkirche, das Verstehen der Worte vom beständigen 
Erblicken des Bildhaften. Hier im bilderfreundlichen Westen, wo 
eben jetzt Jamblich sein Buch über die Götterstatuen schrieb, 
in denen das GöttKche substanziell anwesend ist und Wunder 
wirkt, ^) ist neben dem abstrakten Verhältnis der Dreieinigkeit 
das sinnlich-menschliche von Mutter und Sohn stets wirksam, 
und gerade dieses ist aus den Gedankengängen des Athanasius 
nicht fortzudenken. 

Mit der anerkannten Wesensgleichheit von Vater und Sohn 
war das eigentliche Problem erst gestellt: das der geschicht- 
lichen Erscheinung des Sohnes selbst, wie sie aus dem magischen 

*) Das ist auch die metaphysische Grundlage der bald beginnenden clirist- 
lichen Bilderverehrung und der Erscheinimg wundertätiger Marien- und Heiligen- 
bilder. 



316 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Dualismus aufgefaßt werden müsse. In der Welthöhle gab es 
die göttliche und weltliche Substanz, im Menschen den Anteil 
am göttlichen Pneuma und die mit dem „Fleisch" irgendwie ver- 
wandte Einzelseele. Wie stand es mit Christus? 

Es ist entscheidend, eine Folge der Schlacht von Aktium, 
daß der Streit in griechischer Sprache und auf dem Boden der 
Pseudomorphose geführt wurde, ganz im Machtgebiet des „Kha- 
lifen" der westlichen Kirche. Schon Konstantin hat das Konzil 
von Nikäa, wo die Lehre des Athanasius siegte, einberufen und 
beherrscht. Im aramäisch schreibenden und denkenden Osten 
verfolgte man diese Ereignisse kaum, wie die Briefe des Aphrahat 
beweisen. Man stritt nicht über das, was man für sich längst 
entschieden hatte. Der Bruch zwischen Ost und West, eine 
Folge des Konzils von Ephesus (431), trennte zwei christliche 
Nationen, die der „ Perserkirche " und der „Griechenkirche", 
aber innerlich bestätigte er nur die ursprüngliche Verschieden- 
heit von zwei landschaftlich durchaus getrennten Denkweisen. 
Nestorius und der ganze Osten erblickten in Christus den zweiten 
Adam, den göttlichen Gesandten des letzten Aion. Maria hat 
einen Menschen geboren, in dessen menschlicher und ge- 
schaffener Substanz (physis) die göttliche, ungeschaffene wohnt. 
Der Westen sah in Maria die Mutter eines Gottes: die gött- 
liche und die menschliche Substanz bilden in seinem Leibe {per- 
sona in antikem Sprachgebrauch) i) eine Einheit (von KyriU als 
evojoig bezeichnet). 2) Als das Konzil von Ephesus die „Gottes- 
gebärerin" anerkannt hatte, kam es in der Stadt der berühmten 
Diana zu einer wahrhaft antiken Festorgie. 3) 

1) VgL S. 69. 

*) Die Nestorianer protestierten gegen die Maria theotokos, die Gott- 
gebärende, der sie den Christus theophoros, den Gott in sich tragenden, ent- 
gegenstellten. Darin kommt zugleich der tiefe Unterschied zwischen einer 
bilderfreundlichen und bilderfeindlichen Religiosität zum Vorschein. 

^) Man beachte die „westlichen" Substanzfragen in Proklos' gleichzeitigen 
Schriften, vom doppelten Zeus, der Trias von naztjQ, Svrajuig, vorjaig, die zu- 
gleich vorjxöv sind usw., Zeller, Philosophie der Griechen V, 857 ff. Ein wirk- 
liches Ave Maria ist der schöne Hymnus des Proklos an Athene: „Wenn aber 
ein böser Fehl meines Daseins mich in Banden schlägt — ach, ich weiß es 
ja selbst, wie ich von vielen imheiligen Taten hin und her geworfen werde, 
die ich in meiner Verblendung begangen — , so sei mir gnädig, du Sanftmütige, 
du Heil der Menschheit, und laß mich nicht furchtbaren Strafen zur Beute 



P.ROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 317 



Aber vorher schon hatte der Syrer Apollinaris die „süd- 
liche" Fassung verkündet: Im lebenden Christus ist nicht nur 
eine Person, sondern eine einzige Substanz vorhanden. Die gött- 
liche hat sich verwandelt, nicht mit einer menschlichen ver- 
mischt (keine xQäaic:^ wie Gregor von Nazianz gegen ihn be- 
hauptete; diese monophysitische Auffassung läßt sich, was be- 
zeichnend ist, am besten durch Begriffe Spinozas: die eine 
Substanz in einem andern Modus, ausdrücken). Die Monophysiten 
nannten den Christus des Konzils von Chalcedon (451), wo wieder 
der Westen seine Fassung durchgesetzt hatte, das „Götzenbild 
mit den zwei Gesichtern". Sie fielen nicht nur von der Kirche 
ab; es kam zu erbitterten Aufständen in Palästina und Ägypten; 
als unter Justinian die persischen Truppen, also Mazdaisten, 
bis zum Nil vordrangen, wurden sie von den Monophysiten als 
Befreier begrüßt. 

Der letzte Sinn dieses verzweifelten Kampfes, in dem es 
sich ein Jahrhundert lang nicht um gelehrte Begriffe, sondern 
um die Seele der Landschaft handelt, die in ihren Menschen 
befreit sein wollte, war die Zurücknahme der Tat des 
Paulus. Man muß sich ganz in das Innerste der beiden neu 
entstehenden Nationen versetzen und alle kleinen Züge der 
bloßen Dogmatik beiseite lassen: dann sieht man, wie die Rich- 
tung des Christentums nach dem griechischen Westen und seine 
geistige Verbindung mit der Heidenkirche ihren Gipfel in der 
Tatsache erreicht hatte, daß der Herrscher des Westens das 
Oberhaupt des Christentums überhaupt geworden war. Für Kon- 
stantin war mit Selbstverständlichkeit die paulinische Gründung 
innerhalb der Pseudomorphose das Christentum; die Juden- 
christen petrinischer Richtung waren eine ketzerische Sekte, die 
Ostchristen „johanneischer" Art hat er gar nicht bemerkt. Als 
der Geist der Pseudomorphose auf den drei entscheidenden Kon- 
zilen zu Nikäa, Ephesus und Chalcedon das Dogma ganz und 
endgültig nach seiner Veranlagung gefaßt hatte, richtete sich 
die eigentlich arabische Welt mit Naturgewalt auf und zog eine 
Grenze zwischen sich und ihm. Mit dem Ende der arabischen 
Frühzeit tritt der endgültige Zerfall des Christentums in drei 

am Boden liegen, denn ich bin und bleibe dein Eigentum* (Hymn.VII, Eudociae 
Aug. rel. A. Ludwich, 1897). 



318 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Religionen ein, die sich symbolisch mit den Namen Paulus, 
Petrus und Johannes bezeichnen lassen und von denen keine mehr 
die eigenthche und wahre genannt werden darf, wenn man nicht 
historischen und theologischen Vorurteilen nachgibt. Sie sind 
zugleich drei Nationen im Stammgebiet der älteren griechischen, 
jüdischen und persischen, und sie bedienen sich der von diesen 
entlehnten Kirchensprachen des Griechischen, Aramäischen und 
Pehlewi. 

14 

Die Ostkirche hatte sich seit dem Konzil von Nikäa durch 
eine Episkopalverfassung mit dem Katholikos von Ktesiphon an 
der Spitze, mit eigenen Konzilen, Liturgie und Recht organisiert; 
486 wurde die nestorianische Lehre als bindend angenommen 
und damit die Verbindung mit Byzanz gelöst. Von da an haben 
die Mazdaisten, Manichäer und Nestorianer ein gemeinsames 
Schicksal, das in der bardesanischen Gnosis im Keime angelegt 
war. In der monophysitischen Südkirche kommt der Geist der 
Urgemeinde wieder ans Licht und zu weiter Verbreitung; sie 
steht mit ihrem starren Monotheismus und ihrer Bilderfeind- 
schaft dem talmudischen Judentum am nächsten und ist, was 
der Kampfruf elg ■&e6g^) schon vorausgedeutet hatte, mit jenem 
der Ausgangspunkt des Islam geworden. Die Westkirche blieb 
mit dem Schicksal des römischen Reiches, das heißt der zum 
Staat gewordenen Kultkirche verbunden. Sie hat allmählich die 
Bekenner der Heidenkirche in sich aufgenommen. Ihre Bedeu- 
tung liegt von nun an nicht mehr in ihr selbst, denn der Islam 
hat sie fast vernichtet, sondern in dem ZufaU, daß die jungen 
Völker der neuen Kultur des Abendlandes das christliche System 
von ihr als Grundlage einer neuen Schöpfung empfingen,'^) und 
zwar in der lateinischen Fassung des äußersten Westens, die für 
die Griechenkirche selbst gar keine Bedeutung besaß. Denn Rom 
war damals eine Griechenstadt und das Latein weit eher in Afrika 
und Gallien zu Hause. 

Was zum Wesen der magischen Nation gehört, ein Dasein, 
das in Ausdehnung besteht, war von Anfang an wirksam gewesen. 

1) Allah il Allah. ^) Und ebenso das Russentum, das den Schatz 

bisher verschlossen aufbewahrt hat. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 319 

Alle diese Kirchen trieben Mission und zwar nachdrücklich und 
mit gewaltigem Erfolge. Aber erst in den Jahrhunderten, in 
welchen das Weltende in die Ferne gerückt war und das Dogma 
für ein langes Dasein in dieser Welthöhle aufgebaut wurde, in 
denen die Gruppe der magischen Religionen sich an dem Substanz- 
problem endgültig klärte, nimmt die Ausdehnung jenes leiden- 
schaftliche Tempo an, das diese Kultur von allen anderen unter- 
scheidet und das in der Ausbreitung des Islam sein eindrucks- 
vollstes und letztes, aber keineswegs einziges Beispiel gefunden 
hat. Die abendländischen Theologen und Historiker geben von 
dieser gewaltigen Tatsache ein vollständig falsches Bild. Mit 
dem Blick auf die Länder des Mittelmeers gebannt, bemerken sie 
nur die Westrichtung, die mit ihrem Schema Altertum — Mittel- 
alter — = Neuzeit verträglich ist, und auch da beachten sie nur das 
vermeintlich einheitliche Christentum, das für sie zu einer ge- 
wissen Zeit aus der griechischen in eine lateinische Form über- 
geht, worauf der griechische Rest ihren Blicken entschwindet. 

Aber schon vor ihm hatte die Heidenkirche, was in seiner 
ungeheuren Tragweite nicht beachtet und als Missionsarbeit 
überhaupt nicht erkannt wird, den gröfaten Teil der Bevölkerung 
von Nordafrika, Spanien, Gallien, Britannien und längs der Rhein- 
und Donaugrenze für die synkretistischen Kulte gewonnen. Von 
der Druidenreligion, die Cäsar in Gallien angetroffen hatte, war 
zur Zeit Konstantins wenig mehr vorhanden. Die Angleichung 
einheimischer Ortsgötter an die Namen der großen — magischen — 
Gottheiten der Kultkirche, vor allem Mithras-Sol- Jupiter, hat 
seit dem 2. Jahrhundert den Charakter einer werbenden Tätigkeit 
und dasselbe gilt von der Ausdehnung des späteren Kaiserkultes. 
Die Mission des Christentums würde hier nicht so erfolgreich 
gewesen sein, wenn die ihr nahe verwandte andre Kultkirche 
nicht vorangegangen wäre. Aber diese Mission beschränkte sich 
durchaus nicht auf Barbaren. Noch im 5. Jahrhundert hat der 
Missionar Asklepiodot die karische Stadt Aphrodisias vom Christen- 
tum zum Heidentum bekehrt. 

Die Juden haben, wie schon gezeigt worden ist, eine groß- 
artige Mission nach Süden und Osten getrieben. Über Südarabien 
sind sie bis ins innere Afrika gedrungen, und zwar vielleicht vor 
oder kurz nach Christi Geburt, im Osten sind sie schon im 2. Jahr- 



320 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

hundert in China nachzuweisen. Im Norden trat später das 
Chazarenreich mit der Hauptstadt Astrachan zum Judentum über. 
Von dort aus sind Mongolen jüdischer Religion bis ins Innere 
Deutschlands gedrungen und 955 mit den Ungarn auf dem Lech- 
feld geschlagen worden. Jüdische Gelehrte der spanisch-maurischen 
Hochschulen baten um 1000 den Kaiser von Byzanz um Schutz 
für eine Gesandtschaft, welche die Chazaren befragen soUte, ob sie 
die Nachkommen der verlornen Stämme Israels seien. 

Mazdaisten und Manichäer haben vom Tigris aus beide Im- 
perien, das römische und chinesische, bis zu den äußersten Grenzen 
durchzogen. Als Mithraskult gelangte das Persertum bis nach 
Britannien; die manichäische Religion war um 400 eine Gefahr 
für das griechische Christentum geworden; manichäische Sekten 
gab es noch zur Zeit der Kreuzzüge in Südfrankreich; aber beide 
Religionen waren gleichzeitig in östlicher Richtung längs der 
chinesischen Mauer, wo die große mehrsprachige Inschrift von 
Kara Balgassun die Einführung des manichäischen Bekenntnisses 
im Uigurenreich meldet, bis nach Schantung gelangt. Persische 
Feuertempel entstehen im Innern Chinas, seit 700 erscheinen in 
chinesischen astrologischen Schriften persische Ausdrücke. 

Die drei christlichen Kirchen sind überall diesen Spuren ge- 
folgt. Als die Westkirche den Frankenkönig Chlodwig bekehrte 
(496), war die Mission der Ostkirche schon bis nach Ceylon und 
in die chinesischen Garnisonen am Westende der großen Mauer 
gelangt, die der Südldrche in das Reich von Axum. Als seit 
Bonifatius (718) Deutschland bekehrt wurde, waren die nesto- 
rianischen Missionare nahe daran, das chinesische Mutterland zu 
gewinnen. 638 sind sie in Schantung eingewandert. Kaiser 
Gaodsung (651 — 84) ließ in allen Provinzen Kirchen errichten, 
um 750 wurde im kaiserHchen Palast christlich gepredigt, 781 
war nach einer noch erhaltenen Denksäule in Singanfu mit 
aramäisch-chinesischer Inschrift »ganz China von den Palästen 
der Eintracht bedeckt". Aber es ist im höchsten Grade bedeut- 
sam, daß die in religiösen Dingen doch erfahrenen Konfuzianer 
die Nestorianer, Mazdaisten und Manichäer für Anhänger einer 
einzigen „persischen" Rehgion gehalten haben,*) so wie die Be- 



•) Hermann, Chines. Geschichte (1912) S.77. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 321 



völkerung der weströmischen Provinzen Mithras und Christus nicht 
deutlich unterschied. 

Den Islam muß man als den Puritanismus der gesamten 
Gruppe frühmagischer Religionen betrachten, der nur in Form 
einer neuen Rehgion aufgetreten ist und zwar im Bereich der 
Südkirche und des talmudischen Judentums. In dieser tieferen 
Bedeutung und nicht allein in der Wucht des kriegerischen An- 
sturms liegt das Geheimnis seiner märchenhaften Erfolge. Ob- 
wohl er aus politischen Gründen eine erstaunliche Toleranz übte 
— der letzte große Dogmatiker der Griechenkirche, Johannes 
Damaszenus, war unter dem Namen AI Mansor Schatzmeister 
des Khalifen — , sind Judentum und Mazdaismus und die christ- 
lichen Süd- und Ostkirchen sehr rasch und so gut wie vollständig 
in ihm verschwunden. Der Kathohkos von Seleukia, JesujabhIII., 
klagt, daß gleich bei seinem ersten Auftreten Zehntausende von 
Christen übergegangen seien, und in Nordafrika, der Heimat 
Augustins, fiel die gesamte Bevölkerung sofort dem Islam zu. 
Mohamed starb 632. 641 schon war das ganze Gebiet der Mono- 
physiten und Nestorianer und also das des Talmud und Awesta in 
islamischem Besitz. 717 stand man vor Konstantinopel und auch 
die Griechenkirche war in Gefahr, zu verschwinden. Schon 628 
hatte ein Verwandter Mohameds dem chinesischen Kaiser Tai Dsung 
Geschenke überbracht und die Erlaubnis zur Mission erhalten. 
Seit 700 gibt es in Schantung Moscheen, und 720 wird von 
Damaskus aus den längst in Südfrankreich stehenden Arabern 
der Befehl erteilt, das Frankenland zu erobern. Zwei Jahrhunderte 
später, als im Abendland aus den Resten der Westkirche eine 
neue religiöse Welt entstand, war der Islam im Sudan und auf 
Java angelangt. 

Aber der Islam bedeutet doch nur ein Stück äußerer 
Religionsgeschichte. Die innere Geschichte der magischen Religion 
ist mit Justinian ebenso zu Ende wie die der faustischen mit 
Karl V. und dem Konzil von Trient. Jeder Blick in irgend ein 
Buch über Religionsgeschichte lehrt, daß „das" Christentum zwei 
Zeitalter großer Gedankenbewegung kennen gelernt hat, 
0—500 im Orient und 1000—1500 im Okzident. Aber das sind 

*) Ein drittes, »gleichzeitiges", wird in der ersten Hälfte des nächsten 
Jahrtausends in der russischen Welt folgen. 

Spengler, Der Unter^anp; des Abendlandes, 11. 21 



322 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

zwei Frühzeiten zweier Kulturen und sie umfassen auch die 
Religionsentwicklung zugehöriger, aber nichtchristlicher Formen. 
Justinian hat nicht, wie es immer heißt, durch die Schließung 
der Hochschule von Athen (529) der antiken Philosophie ein Ende 
gemacht. Dergleichen gab es seit vielen Jahrhunderten nicht mehr. 
Er hat, vierzig Jahre vor der Geburt Mohameds, die Theologie 
der Heidenkirche abgeschlossen und ebenso, was man hinzu- 
zufügen vergißt, durch die Schließung der Schulen von Antiochia 
und Alexandria auch die christliche. Die Lehre war fertig, 
wie sie es im Abendland mit dem Konzil von Trient 1564 und 
dem Augsburger Bekenntnis 1540 ebenfalls war. Mit der Stadt 
und dem Geiste ist die religiöse Schöpferkraft zu Ende. Um 500 
wird der Talmud abgeschlossen und 529 wurde in Persien die 
Reformation des Mazdak, die den Wiedertäufern des Abendlandes 
nicht unähnhch eheliches Leben und weltlichen Besitz verwarf 
und die von König Kobad L gegen die Macht der Kirche und 
der Adelsgeschlechter unterstützt worden war, durch Chosru 
Nuschirwan blutig unterdrückt und die awestische Lehre damit 
endgültig festgelegt. 



PYTHAGORAS, MOHAMED, CROMWELL 

15 

Religion nennen wir das Wachsein eines Lebewesens in den 
Augenblicken, wo es das Dasein überwältigt, beherrscht, ver- 
neint, selbst vernichtet. Das rassehafte Leben und der Takt 
seiner Triebe werden klein und dürftig vor dem Blick in die 
ausgedehnte, gespannte und lichterfüllte Welt; die Zeit weicht 
dem. Räume, Die pflanzenhafte Sehnsucht nach Vollendung er- 
lischt und das tierhafte Urgefühl der Angst vor dem Vollendet- 
sein, dem Richtungslosen, dem Tode bricht hervor. Nicht Hassen 
und Lieben, sondern Fürchten und Lieben sind die Grundgefühle 
der Religion. Haß und Furcht unterscheiden sich wie Zeit und 
Raum, wie Blut und Auge, wie Takt und Spannung, wie Helden- 
haftes und Heihges. Aber ebenso verschieden ist Liebe im rasse- 
haften und Liebe im religiösen Sinne. 

Alle Religion ist dem Lichte verwandt. Das Ausgedehnte wird 
auch religiös als Augenwelt von dem Ich als Lichtmitte aus er- 
faßt. Gehör und Getast werden dem Gesehenen eingeordnet und 
das Unsichtbare, dessen Wirkungen man sinnlich verspürt, 
wird zum Inbegriff des Dämonischen. Alles, was wir mit den 
Worten Gottheit, Offenbarung, Erlösung, Fügung bezeichnen, ist 
irgendwie ein Element der belichteten Wirklichkeit. Der Tod ist 
für den Menschen etwas, das er sieht und sehend erkennt, und 
im Hinblick auf den Tod ist die Geburt das andre Geheimnis: 
beide begrenzen für das Auge das gefühlte Kosmische als Leben 
eines Leibes im Lichtraum. 

Es gibt eine tiefe, auch den Tieren bekannte Furcht vor 

dem mikrokosmischen Freisein im Räume, vor dem Räume selbst 

und seinen Mächten, vor dem Tode, und eine andere Furcht für 

das kosmische Strömen des Daseins, das Leben, die gerichtete 

Zeit. Die erste weckt eine dunkle Ahnung, daß die Freiheit im 

Ausgedehnten eine neue und tiefere Art von Abhängigkeit als 

die pflanzenhafte ist. Sie läßt das Einzelwesen im Gefühl seiner 

Schwäche die Nähe und Verbindung mit anderen suchen. Die 

1) Vgl. S. 3 ff. und Anm. S.S. 

21* 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Angst führt zum Sprechen und eine Art von Sprache ist jede Re- 
ligion. Aus der Angst vor dem Räume erheben sich die Numina 
der Welt als Natur und die Götterkulte. Aus der Angst für 
die Zeit entstehen die Numina des Lebens, des Geschlechtes, 
des Staates mit ihrem Mittelpunkt im Ahnenkult. Das ist der 
Unterschied von tabu und totem,^) denn auch das Totemistische 
erscheint stets in rehgiöser Form, aus einer heiligen Scheu vor 
dem, was dem Verstehen selbst entzogen und ewig fremd ist. 

Die höhere Religion bedarf der wachen Spannung gegen die 
Mächte des Blutes und Daseins, die immer in der Tiefe lauern, 
um ihr uraltes Recht über diese jüngere Seite des Lebendigen 
wieder an sich zu pehmen: „Wachet und betet, daß Ihr nicht 
in Anfechtung fallet." Trotzdem ist Erlösung ein Grundwort 
jeder Religion und ein ewiger Wunsch für jedes wache Wesen. 
In diesem allgemeinen, fast vorreligiösen Sinne bedeutet er das 
Verlangen nach Befreiung von den Ängsten und Qualen des Wach- 
seins, nach Entspannung der Spannungen des furchtgebornen 
Denkens und Grübelns, nach Lösung und Aufhebung des Bewußt- 
seins von der Einsamkeit des Ich im AU, der starren Bedingtheit 
aller Natur und dem Blick auf die unverrückbare Grenze alles 
Seins, das Alter, den Tod. 

Auch der Schlaf erlöst. Der Tod selbst ist der Bruder des 
Schlafs. Auch der heilige Wein, der Rausch bricht die Strenge 
der geistigen Spannungen und ebenso der Tanz, die dionysische 
Kunst und jede andere Art von Betäubung und Außersichsein. 
Das ist ein Entrinnen aus dem Wachsein mit Hilfe des Daseins, 
des Kosmischen, des .es", die Flucht aus dem Räume in 
die Zeit. Aber höher als das alles steht die eigentlich religiöse 
Überwindung der Angst durch das Verstehen selbst. Die 
Spannung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wird zu etwas, 
das man liebt, in das man sich ganz versenken kann. 2) Dies 
nennen wir Glauben und mit ihm beginnt das menschliche 
Geistesleben überhaupt. 

Es gibt nur kausales Verstehen, ob es hingenommen oder 
angewandt, ob es vom Empfinden abgezogen ist oder nicht. Es 
ist gar nicht möglich, Verstandensein und Kausalität zu unter- 

') S. 137. ') ,Wer Gott mit inbrünstiger Seele liebt, der verwandelt 
sich in ihn" (Bernhard von Clairvaux). 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 325 

scheiden: beide Worte drücken dasselbe aus. Wo etwas für uns 
, wirklich" ist, sehen und denken wir es in ursächlicher Form, 
so wie wir uns selbst und unser Tun als Ur-Sache empfinden 
und kennen. Dies Ansetzen von Ursachen ist aber nicht nur in 
der religiösen, sondern in der anorganischen Logik des Menschen 
überhaupt von Fall zu Fall verschieden. Zu einer Tatsache wird 
soeben dies und im Augenblick darauf etwas ganz anderes als 
Ursache gedacht. Jede Art des Denkens hat für jedes ihrer An- 
wendungsgebiete ein eigenes „System". Im alltäglichen Leben 
kommt es nie vor, daß derselbe Kausalzusammenhang genau so 
noch einmal gedacht wird. Noch in der modernen Physik sind 
Arbeitshypothesen, das heißt Kausalsysteme nebeneina,nder im 
Gebrauch, die sich teilweise ausschließen wie die elektrodynami- 
jschen und thermodynamischen Vorstellungen. Dies widerspricht 
dem Sinn des Denkens nicht, denn man „versteht" bei dauern- 
dem Wachsein stets in Gestalt einzelner Akte, deren jeder seine 
eigne kausale Einstellung besitzt. Die Ansicht, daß die ganze 
Welt als Natur in bezug auf ein Wachsein durch eine einzige 
Kausalverkettung geordnet sei, ist durch unser Denken, das stets 
nur Einzelzusammenhänge denkt, gar nicht zu vollziehen. Sie 
bleibt ein Glaube; sie ist sogar der Glaube schlechthin, denn 
auf ihm beruht das religiöse Weltverstehen, das überall, wo es 
etwas bemerkt, mit Denknotwendigkeit Numina annimmt, flüchtige 
für Zufallsereignisse, an die es nie wieder denkt, und dauernde, 
die etwa in Quellen, Bäumen, Steinen, Hügeln, den Sternen, also an 
bestimmten Orten hausen oder wie die Gottheiten des Himmels, des 
Krieges, der Weisheit überall gegenwärtig sein können. Begrenzt 
sind sie nur innerhalb jedes einzelnen Denkaktes. Was heute 
Eigenschaft eines Gottes, ist morgen selbst ein Gott. Andere 
sind bald eine Vielheit, bald eine Person, bald ein unbestimmtes 
Etwas. Es gibt unsichtbare (Gestalten) und unbegreifliche (Prin- 
zipien), die dem Begnadeten entweder erscheinen oder begreif- 
lich werden können. Das Schicksal^) ist in der Antike {eljuaQjLisvrj) 
und in Indien (rta) etwas, das als Ur-Sache über den vorstell- 
baren Gestaltgöttern steht; das magische Schicksal ist aber eine 



') Für das religiöse Denken ist Schicksal stets eine kausale Gröfse. Die 
Erkenntniskritik kennt es deshalb nur als ein unklares Wort für Kausalität. 
Nur solange man nicht daran denkt, kennt man es wiiklich. 



326 PROBLEME DER A.RAßlÖCHEN KULTUR 

Wirkung des einzigen und gestaltlosen höchsten Gottes. Das 
religiöse Denken geht stets dahin, in der Ursachenfolge Ord- 
nungen des Wertes und Ranges zu unterscheiden bis zu aller- 
höchsten Wesen oder Prinzipien, die allererste „waltende" Ur- 
sachen sind. Fügung ist das Wort für das umfassendste aller 
auf Wertung beruhenden Kausalsysteme. Wissenschaft ist im 
Gegensatz dazu ein Verstehen, das von einem Rangunterschied 
der Ursachen grundsätzlich absieht: was sie findet, ist nicht 
Fügung, sondern Gesetz. 

Das Verstehen von Ursachen erlöst. Der Glaube an die ge- 
fundenen Zusammenhänge bringt die Weltangst zum Weichen. 
Gott ist die Zuflucht des Menschen vor dem Schicksal, das sich 
fühlen, erleben, aber nicht denken, vorstellen, nennen läßt, das 
versinkt, solange das „kritische" — scheidende — furcht- 
geborne Verstehen Ursachen hinter Ursachen greifbar, d. h. für 
das äußere oder innere Auge in optischer Aufreihung feststellt, 
aber auch nur so lange. Es ist die verzweifelte Lage des höheren 
Menschen, daß sein mächtiges Verstehenwollen sich in beständigem 
Widerspruch zu seinem Dasein befindet. Es dient dem Leben nicht 
mehr; herrschen kann es auch nicht; so bleibt etwas Ungelöstes 
in allen bedeutenden Lagen. „Es darf sich einer nur für frei 
erklären, so fühlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er 
es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei." (Goethe.) 

Einen kausalen Zusammenhang innerhalb der Welt als Natur, 
von dem wir überzeugt sind, daß er durch weiteres Nachdenken 
unmöghch verändert werden könne, nennen wir Wahrheit. Wahr- 
heiten „stehen fest" und zwar zeitlos — absolut bedeutet ab- 
gelöst von Schicksal und Geschichte, abgelöst aber auch 
von den Tatsachen unseres eignen Lebens und Ster- 
bens — , sie befreien innerlich, trösten und erlösen, denn die 
unberechenbaren Geschehnisse der Tatsachenwelt werden durch 
sie entwertet und überwunden. Oder, wie es sich im Geiste 
spiegelt: mag die Menschheit vergehen, die Wahrheit bleibt. 

In der Umwelt wird etwas fest-gestellt, d. h. gebannt; der 
verstehende Mensch hat das Geheimnis in Händen, sei es vor Zeiten 
einen mächtigen Zauberspruch oder heute eine mathematische 
Formel. Ein Triumphgefühl begleitet jede Erfahrung im Reiche 
der Natur, heute noch, durch die über Absichten und Kräfte 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 327 

des Himmelsgottes, der Gewittergeister, der Flurdämonen, oder 
über die Numina der Naturwissenschaft — Atomkerne, Licht- 
geschwindigkeit, Gravitation — oder auch nur über die ab- 
gezogenen Numina des mit seinem eigenen Bilde beschäftigten 
Denkens — den Begriff, die Kategorie, die Vernunft — etwas 
festgestellt und damit in den Kerker eines unveränderlichen 
Systems kausaler Beziehungen gebracht wird. Erfahrung in diesem 
anorganischen, tötenden, festmachenden Sinne, die etwas ganz 
anderes ist als Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, erfolgt 
aber in doppelter Weise: als Theorie und als Technik, ^ reli- 
giös gesprochen als Mythus oder Kultus, je nachdem der 
Gläubige die Geheimnisse seiner Umwelt erschheßen oder be- 
zwingen will. Beides fordert eine hohe Entwicklung des mensch- 
lichen Verstehens. Beides kann aus dem Fürchten oder dem 
Lieben geboren sein. Es gibt einen Mythus der Furcht wie 
den mosaischen und den primitiven überhaupt und einen der Liebe 
wie den des Urchristentums und der gotischen Mystik und ebenso 
eine Technik der abwehrenden und eine andre der flehenden 
Beschwörung. Dies ist wohl auch der innerUchste Unterschied 
von Opfer und Gebet: 2) so trennen sich primitives und höheres 
Menschentum. Religiosität ist ein Zug der Seele, aber Religion 
ist ein Talent. „Theorie" fordert die Gabe des Schauens, die 
nicht alle und wenige in erleuchtender Eindringlichkeit besitzen. 
Sie ist Weltanschauung im ursprünglichsten Sinne, Anschauung 
der Welt, ob man nun in ihr das Walten und Weben von Mächten, 
oder mit städtischem und kälterem Geist, nicht fürchtend und 
liebend, sondern neugierig, den Schauplatz gesetzmäßiger 
Kräfte erblickt. Die Geheimnisse von Tabu und Totem werden 
im Götterglauben und Seelenglauben angeschaut und in der 
theoretischen Physik und Biologie errechnet. „Technik" setzt 
die geistige Begabung des Bannens und Beschwörens voraus. 
Der Theoretiker ist kritischer Seher, der Techniker Priester, 
der Erfinder Prophet. 



1) Vgl. S. 27. 

*) Beide unterscheiden sich durch die innere Form. Ein Opfer, das 
Sokrates darbringt, ist innerlich ein Gebet. Das antike Opfer ist überhaupt 
als Gebet in körperhafter Gestalt aufzufassen. Das „Stoßgebet" des 
Verbrechers aber ist in Wirklichkeit ein Opfer, zu dem die Angst ihn drängt. 



328 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Das Mittel aber, in dem die ganze geistige Kraft sich sam- 
melt, ist die durch die Sprache vom Sehen abgezogene Form des 
Wirklichen, deren Quintessenz sich nicht jedem Wachsein er- 
schließt: die begriffene Grenze, das mitteilbare Gesetz, der Name, 
die Zahl. Deshalb beruht jede Beschwörung der Gottheit auf 
der Kenntnis ihres wirklichen Namens, auf der Ausübung der 
nur dem Wissenden bekannten und zu Gebote stehenden Riten 
und Sakramente in genau der richtigen Form und unter Ge- 
brauch der richtigen Worte. Das gilt nicht nur vom primitiven 
Zauberwesen, sondern auch von jeder physikahschen Technik 
und noch viel mehr von jeder Medizin. Deshalb ist Mathematik 
etwas Heiliges, das regelmäßig aus religiösen Kreisen hervor- 
geht — Pythagoras, Descartes, Pascal — und die Mystik heiliger 
Zahlen, der 3, 7, 12, ein wesentUcher Zug aller Religion, i) des- 
halb das Ornament und seine höchste Form im Kultbau etwas 
Zahlenhaftes in gefühlter Gestalt. Es sind starre, zwingende 
Formen, Ausdrucksmotive oder Mitteilungszeichen,') durch welche 
innerhalb der Welt des Wachseins das Mikrokosmische mit dem 
Makrokosmos in Verbindung tritt. In der priesterlichen Technik 
heißen sie Gebote, in der wissenschaftlichen Gesetze. Beide sind 
Name und Zahl, und der primitive Mensch würde keinen Unter- 
schied finden zwischen der Zauberkraft, mit welcher der Priester 
seines Dorfes die Dämonen und der, mit welcher der zivilisierte 
Techniker seine Maschinen beherrscht. 

Das erste und vielleicht das einzige Ergebnis des mensch- 
lichen Verstehenwollens ist der Glaube. „Ich glaube" ist das 
große Wort gegen die metaphysische Angst und zugleich ein 
Bekenntnis der Liebe. Mag das Forschen und Kennenlernen 
seinen Gipfel in einer plötzlichen Erleuchtung oder einer erfolg- 
reichen Berechnung haben, so wäre doch alles eigene Empfinden 
und Begreifen ohne Sinn, wenn nicht die innere Gewißheit von 
„etwas" sich einstellte, das als das Andre und Fremde und zwar 
genau in der ermittelten Gestalt in der Verkettung von Ursache 
und Wirkung „ist". Der Mensch als Wesen des sprachgeleiteten 
Denkens kennt also als seinen höchsten geistigen Besitz den 

') Darin unterscheidet sich die Philosophie nicht im geringsten vom ur- 
wüchsigen Volksglauben. Man denke an Kants Kategorientafel mit ihren 3x4 
Einheiten, an Hegels Methode, an Jamblichs Triaden. ') Vgl. S. 159. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KUI.TUR 329 



endlieh errungenen festen Glauben an dieses der Zeit und dem 
Schicksal entrückte Etwas, das er schauend abgesondert und 
durch Name und Zahl gezeichnet hat. Aber was das ist, bleibt 
zuletzt dennoch dunkel. Wurde die geheime Logik des Alls damit 
selbst berührt oder nur ein Schattenbild? Das ganze Ringen und 
Leiden, die ganze Angst des grübelnden Menschen richtet sich 
auf diesen neuen Zweifel, der Verzweiflung werden kann. Er 
braucht in seinem geistigen Tiefendrang den Glauben an ein 
letztes Etwas, das sich denkend erreichen, ein Ende des Zer- 
trennens, das keinen Rest von Geheimnis mehr übrig läßt. Die 
Winkel und Abgründe seiner geschauten Welt müssen sämtlich 
durchleuchtet sein — nichts anderes kann ihn erlösen. 

Hier geht der Glaube über in das aus dem Mißtrauen er- 
wachsene Wissen oder, was wahrer ist, in den Glauben an ein 
solches Wissen. Denn diese Form des Verstehens ist durchaus 
abhängig von jener, später, künstlicher und fragwürdiger. Es 
kommt hinzu, daß die religiöse Theorie — das gläubige Schauen — 
zu einer priesterlichen Praxis führt, die wissenschaftliche Theorie 
aber sich umgekehrt durch jene aus der Praxis, dem technischen 
Wissen des alltäglichen Lebens ablöst.^) Der feste Glaube, der 
sich aus Erleuchtungen, Offenbarungen, plötzlichen TiefbHcken 
ergibt, kann kritischer Arbeit entbehren. Das kritische Wissen 
aber setzt den Glauben voraus, daß seine Methoden genau zu 
dem führen, was man sucht, nicht zu neuen Bildern, sondern 
zu „Wirklichem". Aber die Geschichte lehrt, daß der Zweifel 
am Glauben zum Wissen führt und der Zweifel am Wissen nach 
einer Zeit des kritischen Optimismus wieder zurück zum Glauben. 
Je mehr das theoretische Wissen sich vom gläubigen Hinnehmen 
befreit, desto näher kommt es der Selbstaufhebung. Was übrig 
bleibt, ist einzig und allein die technische Erfahrung. 

Der ursprüngliche, dunkle Glaube erkennt überlegene Quellen 
der Wahrheit an, durch welche Dinge, die eigenes Grübeln nie 
enträtseln würde, offenbar, also gewissermaßen aufgeschlossen 
werden: prophetische Worte, Träume, Orakel, heilige Schriften^ 
die Stimme der Gottheit. Der kritische Geist dagegen will, und 
er glaubt dessen fähig zu sein, alle Einsichten nur sich selbst 
verdanken. Er mißtraut fremden Wahrheiten nicht nur, er ver- 

') Vgl. S. 26. 



330 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

neint sogar ihre Möglichkeit. Wahrheit ist für ihn nur selbst- 
bewiesenes Wissen. Die reine Kritik schöpft ihre Mittel allein 
aus sich, aber es ist bald bemerkt worden, daß eben damit das 
Wesentliche des Ergebnisses schon vorausgesetzt wird. Das de 
omnihus chihitandiim ist ein Vorsatz, der sich gar nicht verwirk- 
lichen läßt. Man vergißt, daß kritische Tätigkeit auf einer Me- 
thode beruhen muß, die nur scheinbar ebenfalls auf kritischem 
Wege gefunden werden kann ; in Wirklichkeit folgt sie aus der 
jeweiligen Anlage des Denkens,^) so daß also das Ergebnis der 
Kritik durch die zugrundeliegende Methode bestimmt wird, diese 
selbst aber durch den Daseinsstrom, der das Wachsein trägt und 
durchläuft. Der Glaube an ein voraussetzungsloses Wissen kenn- 
zeichnet nur die ungeheure Naivität rationahstischer Zeitalter. 
Eine naturwissenschaftliche Theorie ist nichts als ein geschichtlich 
voraufgegangenes Dogma in anderer Form. Den Vorteil davon 
hat allein das Leben in Gestalt einer erfolgreichen Technik, zu 
welcher die Theorie den Schlüssel gibt. Es war schon gesagt 
worden, daß über den Wert einer Arbeitshypothese nicht die 
„Richtigkeit", sondern die Brauchbarkeit entscheidet, aber Ein- 
sichten von anderer Art, Wahrheiten im optimistischen Sinne, 
können überhaupt nicht das Ergebnis rein wissenschaftlichen 
Verstehens sein, das stets schon eine Ansicht voraussetzt, an 
der es sich kritisch, zerlegend betätigen kann: die Naturwissen- 
schaft des Barock ist eine fortschreitende Zerlegung des reli- 
giösen Weltbildes der Gotik. 

Was Glaube und Wissen, Furcht und Neugier erzielen, ist 
nicht Lebenserfahrung, sondern Erkenntnis der Welt als Natur. 
Die Welt als Geschichte wird durch beides ausdrücklich ver- 
neint. Das Geheimnis des Wachseins ist aber ein doppeltes: 
zwei angstgeschaffene, kausal geordnete Bilder entstehen für das 
innere Auge: die „Außenwelt" und als ihr Gegenbild die „Innen- 
welt". In beiden liegen echte Probleme; das Wachsein ist durch- 
aus in seinem eignen Reiche tätig. Das Numen heißt dort Gott, 
hier Seele. Das kritische Verstehen denkt die Gottheiten des 



*) Und da ist primitives und kultiviertes, dann chinesisches, indisches, 
antikes, magisches, abendländisches, endlich sogar deutsches, englisches und 
französisches Denken anders angelegt, imd endlich gibt es überhaupt nicht 
zwei Menschen mit genau der gleichen Methode. 



, PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 331 

gläubigen Schauens im Verhältnis zu ihrer Welt in mechanische 
Gröfsen um, ohne doch den Wesenskern zu verändern: Stoff und 
Form, Licht und Finsternis, Kraft und Masse; und es zergliedert 
das Seelenbild des ursprünglichen Seelenglaubens in gleicher 
Weise und mit dem gleichen vorbestimmten Ergebnis. Die 
Physik des Innern heißt systematische Psychologie und sie ent- 
deckt im Menschen als antike Wissenschaft dingartige Seelen- 
teil e {vovg, ??f,wds, ejii&v/iua)^ als magische Seelen Substanzen 
(mach, nephesch), als faustische Seelenkräfte (Denken, Fühlen, 
Wollen). Es sind die Gebilde, welche das religiöse Nachdenken 
fürchtend und liebend in den kausalen Beziehungen von Schuld, 
Sünde, Gnade, Gewissen, Lohn und Strafe weiter verfolgt. 

Das Geheimnis des Daseins führt, sobald Glauben und Wissen 
sich ihm zuwenden, zu einem verhängnisvollen Irrtum. Statt 
das Kosmische selbst zu erreichen, das völlig außerhalb aller 
Möglichkeiten des tätigen Wachseins liegt, wird das Bewegtsein 
des Leibes im Bilde der Augenwelt sinnlich und das von ihm 
abgezogene Gedankenbild als mechanisch-kausaler Zusammenhang 
begrifflich zergliedert. Aber das wirkliche Leben führt man; 
man erkennt es nicht. Wahr ist nur das Zeitlose. Wahr- 
heiten liegen jenseits der Geschichte und des Lebens; dafür ist 
das Leben selbst etwas jenseits aller Ursachen, Wirkungen und 
Wahrheiten. Beides, die Kritik am Wachsein und am Dasein, 
ist geschichtswidrig und lebensfremd. Aber im ersten Falle ent- 
spricht das durchaus der kritischen Absicht und der inneren 
Logik des Gegenstandes, den man meint, im letzten nicht. Der 
Unterschied von Glauben und Wissen oder Furcht und Neugier 
oder Offenbarung und Kritik ist also nicht der letzte. Wissen ist nur 
eine späte Form des Glaubens. Aber Glaube und Leben, Liebe 
aus der geheimen Furcht vor der Welt und Liebe aus dem ge- 
heimen Haß der Geschlechter, die Kenntnis der anorganischen 
und das Fühlen der organischen Logik, Ursachen und Schicksale 
— das ist der tiefste aller Gegensätze. Hier entscheidet es sich 
nicht, was für eine Art zu denken man hat — ob religiös oder 
kritisch — oder worüber man denkt, sondern ob man ein Denker 
ist — gleichviel über was — oder ein Täter. 

In das Gebiet der Tat greift das Wachsein erst dann hin- 
über, wenn es Technik wird. Auch religiöses Wissen ist Macht 



332 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

und Kausalitäten kann man nicht nur feststellen, sondern auch 
handhaben. Wer das geheime Verhältnis zwischen Mikrokosmos 
und Makrokosmos kennt, der beherrscht es auch, sei es ihm offen- 
bart worden oder habe er es den Dingen ' abgelauscht. Und so 
ist der echte Tabumensch der Zauberer und Beschwörer. Er 
zwingt die Gottheit durch Opfer und Gebet; er übt die wahren 
Riten und Sakramente aus, weil sie Ursachen von unvermeid- 
lichen Wirkungen sind und jedem dienen müssen, der sie kennt. 
Er Hest in den Sternen und heiligen Büchern; in seiner geistigen 
Gewalt liegt zeitlos und allem Zufälligen entrückt das kausale 
Verhältnis von Schuld und Sühne, Reue und Lossprechung, Opfer 
und Gnade. Durch die Verkettung heiliger Gründe und Folgen 
ist er selbst ein Gefäß geheimnisvoller Macht geworden und da- 
mit ebenfalls eine Ursache neuer Wirkungen, an die man glauben 
muß, um ihrer teilhaftig zu werden. 

Von hier aus versteht man, was die europäisch-amerikanische 
Welt der Gegenwart so gut wie ganz vergessen hat, den letzten 
Sinn der religiösen Ethik, der Moral. Sie ist überall dort, wo 
sie stark und echt ist, ein Verhalten, das durchaus die Bedeutung 
ritueller Akte und Übungen besitzt, ein beständiges exercitium 
spirituale, mit Ignaz vonLoyola zu reden, nämlich vor der Gott- 
heit, die dadurch besänftigt und beschworen werden soll. ,Was 
soll ich tun, daß ich selig werde?" Dieses „Daß* ist der Schlüssel 
zum Verständnis aller wirklichen Moral. Ein Wozu und Weshalb 
hegt in der Tiefe, selbst in jenen feinsten Fällen einiger Philo- 
sophen, die eine Moral ,um ihrer selbst willen" erdacht haben, 
also doch auch mit einem tiefgefühlten Wozu, das nur von wenigen 
ihresgleichen gewürdigt werden kann. Es gibt nur kausale 
Moral, d. h. eine sittliche Technik auf dem Hintergrunde 
einer gläubigen Metaphysik. 

Moral ist eine bewußte und planmäßige Kausalität des Sich- 
verhaltens, unter Absehen von allen Besonderheiten des wirk- 
lichen Lebens und Charakters, etwas, das ewig und für alle gilt, 
zeitlos und zeitfeindlich also und eben deshalb „wahr". Auch 
wenn die Menschheit gar nicht existierte, würde die Moral wahr 
und gültig sein — so ist die sittlich-anorganische Logik der als 
System begriffenen Welt wirklich schon ausgesprochen worden. 
Nie würde man zugeben, daß sie sich geschichtlich entwickeln 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 333 

oder vervollkommnen könne. Der Raum verneint die Zeit: die 
wahre Moral ist absolut, ewig fertig und stets dieselbe. In ihrer 
Tiefe liegt immer etwas Lebenverneinendes, ein Enthalten, Ent- 
sagen, Entselbsten bis zur Askese, bis zum Tode. Schon die 
sprachliche Fassung drückt es aus: die religiöse Moral enthält 
Verbote, nicht Gebote. Das tabu ist, auch wo es scheinbar be- 
jaht, eine Summe von Verzichten. Sich befreien von der Tat- 
sachenwelt, den Möglichkeiten des Schicksals entfliehen, die 
Rasse in sich als den beständig lauernden Feind betrachten: 
dazu bedarf es eines harten Systems, der Lehre und der Übung. 
Keine Handlung sollte zufällig und triebhaft sein, d. h. dem 
Blute überlassen bleiben. Sie soll nach Gründen und Folgen 
bedacht und den Geboten entsprechend .ausgeführt" werden. 
Die äußerste Anspannung des Wachseins ist notwendig, um nicht 
beständig der Sünde zu verfallen. Zuerst Enthaltsamkeit von 
aUem, was zum Blute gehört: der Liebe, der Ehe. Liebe und 
Haß unter Menschen sind kosmisch und böse; die Liebe der 
Geschlechter ist das äußerste Gegenteil der zeitlosen Liebe und 
Furcht vor Gott und deshalb die Urschuld, um derentwillen Adam 
aus dem Paradiese verstoßen wurde und die Erbsünde die Mensch- 
heit belastet. Zeugung und Tod begrenzen das Leben des Leibes 
im Räume. Daß es der Leib ist, macht das eine zur Schuld, 
das andere zur Strafe, ^wfia arjjua — der antike Leib ein Grab! — 
war das Bekenntnis der orphischen Religion. Aischylos und 
Pindar haben das Dasein als Schuld begriffen. Als Frevel emp- 
finden es die Heiligen aller Kulturen, um es durch Askese oder 
die tief mit ihr verwandte Vergeudung im Orgiasmus abzutöten. 
Böse ist das Wirken innerhalb der Geschichte, die Tat, das 
Heldentum, die Freude an Kampf, Sieg und Beute. Darin klopft 
der Takt des kosmischen Daseins und übertönt und verwirrt das 
geistige Schauen und Denken. Die Welt überhaupt, womit die 
Welt als Geschichte gemeint ist, ist infam. Sie kämpft, statt 
zu entsagen; sie kennt die Idee des Opfers nicht. Sie meistert 
die Wahrheit durch Tatsachen. Sie entzieht sich, indem sie 
Trieben folgt, dem Denken von Ursache und Wirkung. Und des- 
halb ist es das höchste Opfer, das der geistige Mensch bringen 
kann, wenn er sie selbst den Mächten der Natur darbringt. Ein 
Stück von diesem Opfer ist jede moralische Handlung, Ein 



334 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

sittlicher Lebenslauf ist eine ununterbrochene Kette solcher Opfer. 
Vor allem das des Mitleids: da bringt der innerlich Mächtige 
dem Machtlosen seine Überlegenheit dar. Der Mit-Leidende tötet 
etwas in sich. Aber man verwechsle das Mitleid im großen reli- 
giösen Sinne nicht mit der haltlosen Stimmung des alltäglichen 
Menschen, der sich nicht beherrschen kann, und vor allem nicht 
mit dem Rassegefühl der Ritterlichkeit, die überhaupt 
keine Moral der Gründe und Gebote ist, sondern eine vornehme, 
selbstverständliche Sitte aus dem unbewußten Taktgefühl 
eines hochgezüchteten Lebens heraus. Was man in zivilisierten 
Zeiten Sozialethik nennt, hat mit Religion gar nichts zu tun und 
beweist durch sein Vorhandensein nur die Schwäche und Leere 
der Religiosität, aus der alle Kraft metaphysischer Gewißheit 
und damit die Voraussetzung einer echten, glaubensstarken und ent- 
sagenden Moral verschwunden ist. Man denke etwa an den Unter- 
schied von Pascal und Mill. Sozialethik ist nichts als praktische 
Politik. Sie gehört als sehr spätes Produkt derselben geschicht- 
lichen Welt an, in der die Sitte auf der Höhe aller Frühzeiten 
als Edelmut und Ritterlichkeit starker Geschlechter erscheint, 
gegenüber denen, die es im Leben der Geschichte und des Schick- 
sals schlecht haben, das was man heute in wohlerzogenen Kreisen, 
die Takt und Zucht besitzen, gentlemanlike oder Anstand nennt 
und dessen Gegenstück nicht die Sünde ist, sondern die Gemein- 
heit. Das ist wieder der Unterschied von Dom und Burg. Diese 
Gesinnung fragt nicht nach Geboten und Gründen. Sie fragt über- 
haupt nicht. Sie hegt im Blute — eben das bedeutet Takt — und 
sie fürchtet sich nicht vor Strafe und Vergeltung, sondern vor 
Verachtung, im besonderen der Selbstverachtung. Sie ist nicht 
selbstlos, sondern folgt gerade aus der Fülle eines starken Selbst. 
Aber das Mitleid hat, eben weil es ebenfalls innere Größe ver- 
langt, in ganz denselben Frühzeiten seine heiligsten Diener wie 
Franz von Assisi und Bernhard von Clairvaux gefunden, die eine 
Durchgeistigung des Entsagens besaßen, eine Seligkeit in demSich- 
selbst-darbringen, eine ätherische, blutlose, zeitlose, geschichtslose 
Caritas, in welcher die Furcht vor dem All sich ganz in reine, 
fleckenlose Liebe verw^andelt hat, eine Höhe der kausalen Moral, 
deren späte Zeiten überhaupt nicht mehr fähig sind. 

Um sein Blut zu bezwingen, muß man welches haben. Des- 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 335 



halb gibt es ein Mönchtum großen Stils nur in ritterlichen und 
kriegerischen Zeiten, und das höchste Symbol für den vollkommenen 
Sieg des Raumes über die Zeit ist der zum Asketen gewordene 
Krieger, nicht der geborene Träumer und Schwächling, der von 
Natur ins Kloster gehört, oder der Gelehrte, der in seiner Stube 
an einem Moralsystem baut. Man sei doch kein Heuchler — was 
heute sich Moral nennt, die maßvolle Nächstenliebe und die Be- 
tätigung anständiger Gesinnungen oder die Ausübung der Caritas 
mit dem Hintergedanken der Erwerbung politischer Macht, ist nach 
dem Maßstabe der Frühzeit nicht einmal Rittersinn von irgend- 
welchem Rang. Noch einmal: Eine große Moral gibt es nur im 
Hinbhck auf den Tod, aus einer das ganze Wachsein erfüllenden 
Furcht vor metaphysischen Gründen und Folgen, aus einer Liebe, 
die das Leben überwindet, aus dem Bewußtsein, unentrinnbar im 
Banne eines kausalen Systems heiliger Gebote und Zwecke zu 
stehen, das man als wahr verehrt und dem man ganz angehören 
oder ganz entsagen muß. Eine beständige Spannung, Selbst- 
beobachtung, Selbstprüfung begleitet die Ausübung dieser Moral, 
die eine Kunst ist und neben der die Welt als Geschichte zu 
nichts versinkt. Man sei Held oder Heiliger. Li der Mitte liegt 
nicht die Weisheit, sondern die Alltäglichkeit. 

16 

Gäbe es Wahrheiten abgelöst von den Daseinsströmen, so 
könnte es keine Geschichte der Wahrheit geben. Gäbe es eine 
einzige, ewig richtige Religion, so wäre Religionsgeschichte eine 
unmögliche Vorstellung. Aber mag die mikrokosmische Lebens- 
seite eines Einzelwesens noch so mächtig entwickelt sein, sie 
liegt dem werdenden Leben doch wie eine Haut an, durchschauert 
vom Takt des Blutes und ein beständiges Zeugnis von. den ver- 
borgenen Trieben kosmischen Gerichtetseins. Die Rasse beherrscht 
und formt das gesamte Begreifen. Die Zeit verschling-t den Raum 
— das ist das Schicksal jedes wachen Augenblicks. 

Trotzdem gibt es „ewige Wahrheiten". Jeder Mensch besitzt 
sie in Menge, insofern er verstehend sich in einer Gedankenwelt 
befindet, in deren Zusammenhang sie unveränderlich feststehen, 
nämhch „eben jetzt", im Augenblick des Denkens, nach Grund 



,336 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



und Folge, Ursache und Wirkung eisern verklammert. Nichts in 
dieser Ordnung kann sich verlagern, wie er glaubt, aber eine 
Woge des Lebens hebt sein waches Ich und seine Welt. Der 
Einklang bleibt, aber er hat als Ganzes, als Tatsache eine 
Geschichte. Absolut und relativ verhalten sich wie Querschnitt und 
Längsschnitt einer Generationenfolge: der zweite sieht vom Räume 
ab, der erste aber von der Zeit. Wer systematisch denkt, bleibt 
in der kausalen Ordnung eines Augenblicks. Nur wer physio- 
gnomisch die Folge der Einstellungen überblickt, erkennt die be- 
ständige Veränderung dessen, was wahr ist. 

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis — das gilt auch von 
den ewigen Wahrheiten, sobald man ihrer Bahn im Strom der 
Geschichte folgt, wo sie eingeschlossen im Weltbilde lebender und 
sterbender Geschlechter weitertreiben. Für jeden Menschen und 
seines Daseins kurze Spanne ist die eine Religion ewig und 
wahr, die das Schicksal ihm durch Ort und Zeit seiner Geburt 
bestimmt hat. Mit ihr fühlt er, aus ihr bildet er die Anschauungen 
und Überzeugungen seiner Tage. An ihren Worten und Formen 
hält er fest, obwohl er sie beständig anders meint. Ewige Wahr- 
heiten gibt es in der Welt als Natur; in der Welt als Geschichte 
gibt es ein ewig wechselndes Wahrsein. 

Eine Morphologie der Religionsgeschichte ist deshalb 
eine Aufgabe, die nur der faustische Geist sich stellen und nur auf 
seiner gegenwärtigen Stufe lösen kann. Die Forderung ist ge- 
geben; der Versuch, sich ganz von der eignen Überzeugung ab- 
zulösen, um sie alle als gleichmäßig fremd vor sich zu sehen, 
muß gewagt werden. Wie schwer ist das! Wer es unternimmt, 
muß die Kraft besitzen, nicht nur scheinbar aus den Wahrheiten 
seines Weltverstehens herauszutreten, seien sie für ihn auch nur 
als Summe von Begriffen und Methoden vorhanden, sondern wirk- 
lich das eigne System bis auf den letzten Rest physiognomisch 
zu durchdringen. Und ist es ihm selbst dann überhaupt möglich, 
in einer einzigen Sprache, die doch in ihrem Bau und Geist die ganze 
geheime Metaphysik seiner Kultur enthält, mitteilbare Einsichten 
über die Wahrheiten anders sprechender Menschen zu gewinnen? 

Da ist zuerst, über die Jahrtausende des ersten Zeitalters hin,*), 
das dumpfe Gewühl primitiver Bevölkerungen, die in eine chaotische 

M S. 38. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 337 

Umwelt starren, deren drückende Rätsel ihnen, ohne daß irgend 
jemand ihrer logisch Herr werden könnte, stets gegenwärtig sind. 
Selig ist ihnen gegenüber das Tier, das wach ist, aber nicht denkt. 
Ein Tier ängstet sich nur vor einzelnen Gefahren, der frühe Mensch 
zittert vor der ganzen Welt. Dunkel und ungelöst bleibt alles in 
und außer ihm. Das Alltägliche und das Dämonische sind unent- 
wirrbar und regellos verstrickt. Eine furchtsame und peinliche 
Religiosität erfüllt den Tag und um so seltener ist auch nur die 
Andeutung einer vertrauenden Religion. Denn aus dieser ele- 
mentaren Form der Weltangst führt kein Weg zur verstehenden 
Liebe. Jeder Stein, auf den man tritt, jedes Werkzeug, das man 
zur Hand nimmt, jedes Insekt, das vorüberschwirrt, die Nahrung, 
das Haus, das Wetter können dämonisch sein, aber man glaubt 
an die in ihnen lauernden Mächte nur, solange sie schrecken oder 
solange man sie braucht. Es sind ihrer auch so genug. Lieben 
kann man nur etwas, an dessen dauerndes Dasein man glaubt. 
Liebe setzt das Denken einer Weltordnung voraus, die Festigkeit 
gewonnen hat. Die abendländische Forschung hat sich viel Mühe 
gegeben, Einzelbeobachtungen aus allen Weltteilen zu ordnen 
und zwar nach vermeintlichen Stufen, die vom Seelenglauben 
oder irgend einem andren Anfang zu ihrem eigenen Glauben 
, hinaufführen". Leider haben sie das Schema nach den Wert- 
schätzungen einer einzelnen Religion entworfen, und Chinesen 
oder Griechen würden es ganz anders gemacht haben. Aber eine 
solche Stufenfolge, die eine allgemeine Entwicklung auf ein Ziel 
hin voraussetzt, gibt es überhaupt nicht. Die chaotische, aus 
dem jeweiligen Verstehen des einzelnen Augenblicks geborne und 
doch sinnvolle Umwelt primitiver Menschen ist stets etwas Ge- 
wachsenes und in sich selbst Vollkommenes und Abgeschlossenes, 
oft von einer jähen und schauerlichen Tiefe metaphysischer 
Ahnung. Sie enthält immer ein System, und es macht wenig aus, 
ob es aus dem Schauen der Lichtwelt teilweise abgezogen oder 
ganz darin verblieben ist. Ein solches Weltbild „schreitet nicht 
fort" und ebensowenig ist es eine feststehende Summe von Einzel- 
zügen, aus der man ohne Rücksicht auf Zeit, Land und Volk 
den einen oder andern herausnehmen und vergleichen dürfte, wie 
es gewöhnlich geschieht. Sie bilden vielmehr eine Welt von 
organischen Religionen, die über die ganze Erde hin eigene 

ypenglei-, Der Untergang des Abendlandes, U. 22 



338 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

und sehr bezeichnende Arten des Entstehens, Reifens, Sich- 
verbreitens und Vergehens und eine vollkommene Eigenart in 
Aufbau, Stil, Tempo und Dauer besaßen und in ihren letzten Ge- 
bieten heute noch besitzen. Die Religionen der hohen Kulturen 
sind nicht entwickelter, sondern anders. Sie liegen heller und 
geistiger im Lichte da, sie kennen die verstehende Liebe, sie 
haben Probleme und Ideen, strenggeistige Theorien und Tech- 
niken, aber die rehgiöse Symbolik des gesamten Alltagslebens 
kennen sie nicht mehr. Die primitive ReUgiosität durchdringt alles, 
die späten Einzelreligionen sind geschlossene Formenwelten für sich. 
Um so rätselhafter sind die Vorzeiten der großen Kulturen, 
durch und durch primitiv noch, aber mit steigender Deutlichkeit 
vorwegnehmend und in eine bestimmte Richtung weisend. Gerade 
diese Zeiten vom Umfang mehrerer Jahrhunderte sollten für sich 
genau untersucht und verglichen werden. In welcher Gestalt be- 
reitet sich da das Kommende vor? Die magische Vorzeit hat, 
wie wir sahen, den Typus der prophetischen Religionen hervor- 
gebracht, der zur Apokalyptik hinüberleitet. Worin ist gerade 
diese Form im V7esen dieser Kultur tiefer begründet? Oder 
weshalb ist die mykenische Vorzeit der Antike mit den Vor- 
stellungen tiergestaltiger Gottheiten ganz und gar erfüllt ?9 Es 
sind nicht die Götter der Krieger oben im Megaron der mykeni- 
schen Burgen, wo der Seelen- und Ahnenkult eine großartige, 
noch heute in den Gräbern bezeugte Pflege findet, sondern die 
dort unten, in den Hütten der Bauern geglaubten Mächte. Die 

') Ist das hochzivüisierte Kreta darin als Vorposten ägyptischer Denk- 
weise vorbildlich gewesen (S. 101)? Aber die zahlreichen Orts- und Stammes- 
götter der primitiven Thinitenzeit (vor 3000), welche die Numina einzelner Tier- 
gattungen darstellten, hatten doch wohl eine wesentlich andere Bedeutung. 
Die ägyptische Gottheit dieser Vorzeit besitzt, je mächtiger sie ist, um so zahl- 
reichere Einzelgeister (ka) und Einzelseelen (bai), die überall in den einzelnen 
Tieren verborgen sind und lauem, Bastet in den Katzen, Sechmet in den Löwen, 
Hathor in den Kühen, Mut in den Geiern — weshalb im Götterbilde der menschen- 
gestaltige Ka sich hinter dem Tierkopf gleichsam versteckt — und das älteste 
Weltbild zu einer Ausgeburt der entsetzlichsten Angst machen; die Mächte 
wüten gegen den Menschen selbst nach dem Tode und können nur durch die 
schwersten Opfer besänftigt werden. Die Einigung des Nord- imd Südlandes 
ist damals durch die gemeinsame Verehrung des Horusfalkens dargestellt worden, 
dessen erster Ka im regierenden Pharao anwesend ist Vgl. Ed. Meyer, Gesch. 
d. Alt I, § 182 S. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 339 

großen menschenartigen Götter der apollinischen Rehgion, die 
um 1100 durch eine gewaltige religiöse Erschütterung entstanden 
sein müssen, tragen allenthalben noch Züge ihrer dunklen Ver- 
gangenheit. Es gibt unter diesen Gestalten kaum eine, die nicht 
durch Beinamen, Attribute oder verräterische Verwandlungsmythen 
jenen Ursprung verriete. Hera ist für Homer beständig die kuh- 
äugige; Zeus erscheint als Stier und der Poseidon der thelpusischen 
Legende als Roß. Apollon wird der Name für zahllose primitive 
Numina; er war einmal Wolf (Lykeios) wie der römische Mars, 
Widder (Karneios), Delphin (Delphinios), Schlange (der pythische 
Apollon von Delphi). Als Schlange erscheinen Zeus Meilichios 
auf attischen Grabreliefs, Asklepios, die Erinyen noch bei Aischy- 
los (Eum. 126). Die auf der Akropolis gehaltene heilige Schlange 
wurde als Erichthonios gedeutet. In Arkadien sah Pausanias noch 
das pferdeköpiige Demeterbild im Tempel von Phigalia; die 
arkadische Artemis-Kallisto erscheint als Bärin, aber auch die 
Priesterinnen der brauronischen Artemis in Athen hießen arktoi. 
Dionysos, bald Stier bald Bock, und Pan haben immer etwas 
Tierisches behalten. Psyche ist wie die ägyptische Körperseele (bat) 
der Seelenvogel und damit beginnen die zahllosen halbtierischen 
Gebilde, wie die Sirenen und Kentauren, die das frühantike Natur- 
bild ganz und gar erfüllen. 

Aber mit welchen Zügen deutet die primitive Religion der 
Merowingerzeit den gewaltigen Aufschwung der Gotik vor- 
aus? Daß es scheinbar dieselbe Religion ist, „das" Christentum, 
beweist nichts gegen den völligen Unterschied in der Tiefe. 
Denn wir müssen uns darüber klar sein, daß der primitive 
Charakter einer Religion nicht eigentlich in ihrem Bestände an 
Lehren und Bräuchen liegt, sondern im Seelentum der Menschen, 
die sie sich aneignen, die mit ihnen fühlen, sprechen und denken. 
Der Forscher muß sich mit der Tatsache vertraut machen, daß 
das magische Christentum, und zwar das der Westkirche, zwei- 
mal das Ausdrucksmittel einer primitiven Frömmigkeit geworden 
ist und damit selbst eine primitive Religion, nämlich 500 — 900 im 
keltisch -germanischen Abendland und heute noch im Russentum. 
Aber wie hat sich die Welt in diesen „bekehrten" Köpfen gespiegelt? 
Was hat man sich — einige Kleriker von byzantinischer Schulung 
etwa ausgenommen — bei diesen Zeremonien und Dogmen wirklich 

22* 



340 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



gedacht und vorgestellt? Der Bischof Gregor von Tours, der 
doch immerhin den höchsten geistigen Stand seiner Generation 
anzeigt, preist einmal das abgeschabte Pulver vom Grabstein 
eines Heiligen: „0 himmlisches Abführmittel, das alle ärztlichen 
Rezepte übertrifft — das den Unterleib reinigt wie Skammonien- 
saft — und alle Flecken vom Gewissen abwäscht!" Es ist nicht 
der Tod Jesu, der ihn als bloßes Verbrechen mit Zorn erfüllt, 
sondern seine Auferstehung, die ihm dunkel wie eine athletische 
Kraftleistung vorschwebt, was den Messias als großen Zauberer 
und damit den wahren Heiland legitimiert. Daß die Leidens- 
geschichte einen mystischen Sinn hat, ahnt er gar nicht. ^) 

In Rußland sind die Beschlüsse der „ Hundertkapitelsynode " 
von 1551 ein Zeugnis allerprimitivster Gläubigkeit. Das Bart- 
scheren und das falsche Anfassen des Kreuzes erscheinen hier als 
Todsünde. Die Dämonen werden dadurch beleidigt. Die „SjTiode 
des Antichrist" von 1667 hat zu der ungeheuren Sektenbewegung 
des Raskol geführt, weil das Kreuz fortan mit drei statt mit 
zwei Fingern geschlagen und der Name Jesu Jissus statt Issus 
gesprochen werden sollte, wodurch für die Strenggläubigen die 
Kraft dieser Zaubermittel über die Dämonen verloren ging. Aber 
diese Wirkung der Furcht ist doch nicht alles und nicht einmal 
das Mächtigste. Warum hat die Merowingerzeit nicht die leisesten 
Spuren jener glühenden Inbrunst und Sehnsucht nach dem Unter- 
gang im Metaphysischen aufzuweisen, welche die magische Vor- 
zeit der Apokalyptik und die ihr so nah verwandte russische im 
Zeitalter des heiligen Synod (1721— 1917) ausfüllt? Was ist es, 
das alle die Märtyrersekten der Raskolniken seit Peter dem Großen 
zur Ehelosigkeit, Armut und Pilgerfahrt, zu Selbstverstümmlungen, 
zu den furchtbarsten Formen der Askese führte und im 17. Jahr- 
hundert Tausende aus religiöser Leidenschaft zu freiwilliger Selbst- 
verbrennung getrieben hat? Die Lehre der Chlüsten von den 
, russischen Christussen", deren bis jetzt sieben gezählt werden, 
die Duchoborzen mit ihrem Lebensbuch, das sie als Bibel be- 
nützen und das von Jesus mündlich überlieferte Psahnen ent- 
halten soll, die Skopzen mit ihren grausigen Verstümmelungs- 
geboten, Dinge, ohne die Tolstoi, der Nihilismus und die politischen 

') BemouUi, Die Heüigen der Merowinger (1900), eine gute Schilderung 
dieser primitiven Religion. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 341 

Revolutionen gar nicht verständlich sind') — warum erscheint 
die Frankenzeit dem gegenüber so stumpf und flach? Ist es 
richtig, daß nur Aramäer und Russen religiöses Genie besitzen, 
und was hat man dann von dem kommenden Rußland zu erwarten, 
jetzt, wo gerade im entscheidenden Jahrhundert das Hemmnis der 
gelehrten Orthodoxie zerstört worden ist? 

17 

Primitive Religionen haben etwas Heimatloses wie Wolken 
und Winde. Die Massenseelen der Urvölker haben sich zufällig 
und flüchtig zu einem Dasein geballt und zufällig bleibt das 
Irgendwo der Wachseinsverbindungen aus Angst und Abwehr, 
die sich darüber breiten. Ob sie bleiben oder wandern, ob sie sich 
ändern oder nicht, hat mit ihrer innern Bedeutung nichts zu tun. 

Eine tiefe Erdverbundenheit trennt die hohen Kulturen von 
diesem Leben ab. Hier gibt es eine Mutterlandschaft aller 
Ausdrucksgebilde, und wie die Stadt, wie Tempel, Pyramide und 
Dom dort, wo ihre Idee entstanden ist, auch ihre Geschichte voll- 
enden müssen, so ist die große Religion jeder Frühzeit mit 
allen Wurzeln des Daseins dem Lande verbunden, über dem ihr 
Weltbild sieh erhebt. Mögen die heiligen Bräuche und Sätze 
später noch so weit getragen werden, ihre innere Entwicldung 
bleibt trotzdem an den Ort ihrer Geburt gebannt. Es ist ganz 
unmöglich, daß sich auch nur der leiseste Entwicklungszug an- 
tiker Stadtkulte in Gallien fände oder ein dogmatischer Schritt 
des faustischen Christentums in Amerika getan würde. Was sich 
vom Lande löst, wird starr und hart. 

Wie ein Aufschrei beginnt es jedesmal. Das dumpfe Gewühl 
von Scheu und Abwehr geht plötzlich in ein reines und in- 
brünstiges Erwachen über, das von der Mutter Erde aus, ganz 
pflanzenhaft aufblühend, die Tiefe der Lichtwelt mit einem 
Blick umfaßt und begreift. Wo überhaupt ein Sinn für Selbst- 
betrachtung lebt, hat man diese Wandlung als innere Wieder- 
geburt empfunden und begrüßt. In diesem Augenblick, niemals 
früher und mit der gleichen Macht und Innigkeit niemals wieder, 
geht es wie ein großes Leuchten durch die auserwählten Geister 



') Kattenbusch, Lehrb. d. vgl. Konfessionsk. I (1892), S. 234 fif. N. P. Mü- 
jukow, Skizz. rass. Kulturgesch. (1901) II, S. 104 fr. 



342 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

der Zeit, das alle Furcht in seliger Liebe auflöst und das Unsicht- 
bare plötzlich in metaphysischer Verklärung hervortreten läßt. 

Jede Kultur verwirkHcht hier ihr Ursymbol. Jede hat ihre 
Art von Liebe, nennen wir sie himmlisch oder metaphysisch, 
mit der sie ihre Gottheit schaut, umfaßt, in sich aufnimmt, und 
die allen andern unerreichbar oder unverständlich bleibt. Mag 
eine Lichthöhle die Welt überwölben wie vor dem Blick Jesu und 
seiner Begleiter, mag die kleine Erde in einer sternerfüllten Un- 
endlichheit verschwinden, wie es Giordano Bruno empfand, mögen 
die Orphiker den leibhaftigen Gott in sich aufnehmen, mag Plotins 
Geist mit dem Geiste Gottes in der Ekstase zur Henosis ver- 
schmelzen, mag der heilige Bernhard in der Unio mystica mit 
dem Wirken der unendlichen Gottheit eins werden — der Tiefen- 
drang der Seele ist immer dem Ursymbol dieser einen und keiner 
andern Kultur unterworfen. 

In der fünften Dynastie Ägyptens (2680 — 2540), welche auf 
die großen Pyramidenbauer folgt, verblaßt der Kult des Horus- 
falken, dessen Ka im regierenden Herrscher weilt. Die älteren 
Ortskulte und selbst die tiefsinnige Thoutreligion von HermopoHs 
treten zurück. Die Sonnenreligion des Re erscheint. Von seiner 
Pfalz aus westwärts errichtet jeder König neben seinem Toten- 
tempel ein Reheiligtum, jener ein Sinnbild des gerichteten Lebens 
von der Geburt bis zur Kammer mit dem Sarkophag, dieses eins 
der großen und ewigen Natur. Zeit und Raum, Dasein und 
Wachsein, Schicksal und heilige Kausalität stehen in dieser ge- 
waltigen Doppelschöpfung einander gegenüber wie in keiner 
zweiten Architektur der Welt. Zu beiden führt ein gedeckter 
Weg empor; der zu Re wird von Reliefs begleitet, welche die 
Macht des Sonnengottes über die Pflanzen- und Tierwelt und 
den Wechsel der Jahreszeiten schildern. Kein Götterbild, kein 
Tempel, nur ein Altar von Alabaster schmückt die mächtige 
Terrasse, auf die bei Tagesanbruch hoch über dem Land der 
Pharao aus dem Dunkel tritt, um den großen Gott zu begrüßen, 
der sich im Osten erhebt, i) 

') Borchardt, Reheiligtum des Newoseire Bd. I (1905). Der Pharao ist 
nicht mehr Inkarnation der Gottheit und noch nicht, wie in der Theologie des 
Mittleren Reiches, Sohn des Re; trotz seiner irdischen Größe steht er klein, 
als Diener, vor dem Gotte da. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 343 

Diese frühe Innerlichkeit geht immer aus dem stadtlosen 
Lande hervor, aus den Dörfern, Hütten, Heiligtümern, einsamen 
Klöstern und Einsiedeleien, Hier bildet sich die große Wachseins- 
gemeinschaft der geistig Erwählten, die von dem großen Daseins- 
strome des Helden- und Rittertums innerlich durch eine ganze 
Welt geschieden ist. Die beiden Urstände, Priestertum und Adel, 
das Schauen in den Domen und die Taten von den Burgen aus, 
Askese und Minne, Ekstase und vornehme Sitte, beginnen von 
hier aus ihre eigene Geschichte. Mag der Khalif auch weltlicher 
Herrscher der Gläubigen sein, der Pharao in beiden Heiligtümern 
opfern, der germanische König seine Ahnengruft unter dem Dom 
begründen, nichts hebt den abgrundtiefen Gegensatz von Raum 
und Zeit auf, wie er sich hier in den beiden Ständen spiegelt. 
Religionsgeschichte und poHtische Geschichte, Geschichte der 
Wahrheiten und der Tatsachen stehen sich unvereinbar gegen- 
über. In den Domen und Burgen beginnt es, um sich in den 
stets wachsenden Städten als Gegensatz von Wissenschaft und 
Wirtschaft fortzusetzen und in den letzten Stufen der Geschicht- 
lichkeit im Ringen von Geist und Gewalt zu enden. 

Aber beide Geschichten bewegen sich ganz auf der Höhe 
des Menschlichen. Das Bauerntum bleibt geschichtslos in der 
Tiefe. Es begreift die Staaten so wenig wie die Dogmen. Aus 
der mächtigen Frühreligion heiliger Kreise entwickeln sich in 
den frühen Städten Scholastik und Mystik, in dem wachsenden 
Gewirr von Gassen und Plätzen Reformation, Philosophie und 
weltliche Gelehrsamkeit, in den Steinmassen der späten Groß- 
städte Aufklärung und Irreligion. Der Bauernglaube draußen 
ist „ewig" und immer derselbe. Der ägyptische Bauer verstand 
nichts von jenem Re. Er hörte den Namen und verehrte weiter- 
hin, während ein gewaltiges Stück Religionsgeschichte in den 
Städten vorüberging, seine Tiergötter aus der Thinitenzeit, die 
mit dem Fellachenglauben der 26. Dynastie wieder zur Herrschaft 
kamen. Der italische Bauer betete zur Zeit des Augustus, wie 
er es lange vor Homer getan hatte, und er tut es heute noch. 
Namen und Sätze ganzer Religionen, die aufblühten und starben, 
sind aus den Städten zu ihm gedrungen und haben den Klang seiner 
Worte verändert. Der Sinn blieb ewig derselbe. Der französische 
Bauer lebt noch in seiner Merowingerzeit: ob Freya oder Maria, 



344 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

ob Druiden oder Dominikaner, Rom oder Genf: nichts berührt 
das Innerste seines Glaubens. 

Aber auch in den Städten bleibt eine Schicht nach der 
andern geschichtlich zurück. Es gibt über der primitiven Reli- 
gion des Landes noch eine Volksrehgion der kleinen Leute im 
Untergrund der Städte und in der Provinz. Je höher eine Kultur 
steigt, im Mittleren Reich, in der Bramanazeit, zur Zeit der Vor- 
soki-atiker, der Vorkonfuzianer und des Barock, desto enger wird 
der Kreis derer, denen die letzten Wahrheiten ihrer Zeit wirk- 
Hcher Besitz sind und nicht nur Name und Schall. Wie viele 
Menschen gab es, die Sokrates, Augustin und Pascal damals be- 
griffen haben? Die Pyramide der Menschen spitzt sich auch im 
Religiösen rasch und immer rascher zu, um mit dem Ende der 
Kultur vollendet zu sein und von da an langsam zu zerfallen. 

Um 3000 beginnen in Ägypten und Babylon die Lebensläufe 
zweier großer Rehgionen. Li Ägypten wird in der „ Reformations- 
zeit " am Ausgang des Alten Reiches der solare Monotheismus 
als Religion der Priester und Gebildeten fest begründet. Alle 
alten Götter und Göttinnen — die das Bauerntum und die kleinen 
Leute in ihrer ursprüngHchen Bedeutung weiterhin verehrten — 
sind nun Likarnationen oder Diener des einen Re. Auch die 
Sonderreligion von Hermopolis wird mit ihrer Kosmologie dem 
großen System eingeordnet, und eine theologische Abhandlung 
bringt selbst den Ptah von Memphis als das abstrakte Urprinzip 
der Schöpfung mit dem Dogma in Einklang, i) Es ist wie unter 
Justinian und Karl V.: der städtische Geist hat die Herrschaft 
über die Seele des Landes ergriffen; die Gestaltungskraft der 
Frühzeit ist zu Ende; die Lehre ist innerlich fertig und wird 
von nun an durch vernunftgemäße Betrachtung eher abgebaut 
als verfeinert. Die Philosophie beginnt. Dogmatisch bedeutet 
das Mittlere Reich so wenig wie das Barock. 

Seit 1500 setzen drei neue Religionsgeschichten ein, zuerst 
die vedische im Pendschab, dann die urchinesische am Hoangho, 
zuletzt die antike im Norden des ägäischen Meeres. So deuthch 
das Weltbild des antiken Menschen mit seinem Ursymbol des 
stofflichen Einzelkörpers vor uns steht, so schwer ist es, Einzel- 

') Ennan, Ein Denkmal memphitischer Theologie, Ber. Berl. Ak. 1911, 
S. 916 ff. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 345 

heiten der großen antiken Frühreligion auch nur zu ahnen. Die 
Schuld tragen die homerischen Gesänge, welche die Erkenntnis 
eher verhindern als unterstützen. Das neue und dieser Kultur 
allein vorbehaltene Ideal der Gottheit war der menschengestaltige 
Leib im Lichte, der Heros als Mittler von Mensch und Gott — 
das wenigstens bezeugt die Ilias. Mochte dieser Leib apollinisch 
verklärt oder dionysisch in alle Lüfte verstreut werden, er war 
in jedem Falle die Grundform alles Seins. Das soma als Ideal des 
Ausgedehnten, der Kosmos als Summe dieser Einzelkörper, das 
„Sein", das „Eine" als das Ausgedehnte an sich, der Logos als 
dessen Ordnung im Licht — das alles trat damals in großen Ge- 
sichten vor das Auge priesterlicher Menschen hin und zwar mit 
der vollen Gewalt einer neuen Religion. 

Aber die homerische Dichtung ist reine Standespoesie. Von 
den beiden Welten des Adels und Priestertums, des Tabu und 
Totem, des Heldentums und der Heiligkeit lebt hier nur die eine. 
Sie versteht die andere nicht nur nicht, sie verachtet sie sogar. 
Wie in der Edda ist es höchster Ruhm der Unsterblichen, die 
adlige Sitte zu kennen. Wenn den Denkern der antiken Barock- 
zeit von Xenophanes bis Piaton diese Götterszenen frech und 
flach erschienen, so hatten sie recht; es sind dieselben Gefühle, 
aus welchen Theologie und Philosophie des späteren Abendlandes 
die germanische Heldensage betrachtet haben, aber auch die 
Dichtungen von Gottfried von Straßburg, Wolfram und Walter. 
Wenn die homerischen Epen nicht verschollen sind wie die von 
Karl dem Großen gesammelten Heldensänge, so ist das nur eine 
Folge davon, daß ein ausgebildeter antiker Priesterstand nicht 
vorhanden war und die spätere Geistigkeit der Städte also von 
einer ritterlichen und nicht einer religiösen Literatur beherrscht 
worden ist. Die ursprünglichen Lehren dieser Religion, die sich 
aus Widerspruch gegen Homer an den vielleicht noch älteren 
Namen Orpheus knüpften, sind niemals aufgezeichnet worden. 

Gleichwohl waren sie einmal da und wer weiß, was alles 
sich hinter den Gestalten des Kalchas und Teiresias verbirgt. 
Eine mächtige Erschütterung muß auch am Anfang dieser Kul- 
tur stehen, vom ägäischen Meere bis nach Etrurien hin, aber man 
wird in der Ilias von ihr so wenig finden, wie im Nibelungen- 
und Rolandslied von der Mystik und Inbrunst des Joachim von 



346 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Floris, des heiligen Franz, der Kreuzzüge oder von der inneren 
Glut des ^Dies irae'^ jenes Thomas von Celano, das an einem 
Minnehof des 13. Jahrhunderts vielleicht Gelächter erregt hätte. 
Es müssen große Persönlichkeiten gewesen sein, welche damals den 
neuen Weltblick in eine mythisch-metaphysische Form brachten, 
aber wir wissen nichts von ihnen und nur die fröhliche, helle, 
leichte Seite davon ist in den Gesang der Ritterhallen eingegangen. 
War der „trojanische Krieg" eine Fehde oder auch ein Kreuz- 
zug? Was bedeutet Helena? Auch die Eroberung Jerusalems ist 
geistlich und weltlich aufgefaßt worden. 

In der homerischen Adelsdichtung blieben Dionysos und De- 
meter als priesterliche Götter unbeachtet.^) Aber auch beiHesiod, 
dem Hirten von Askra, der aus seinem Volksglauben heraus 
schwärmt und grübelt, kann man so wenig wie bei dem Schuster 
Jakob Böhme die reinen Ideen der großen Frühzeit finden wollen. 
Das ist die zweite Schwierigkeit. Auch die großeFrühreligion 
war Standesbesitz und dem breiten Volke weder erreichbar noch 
verständlich; auch die Mystik der frühesten Gotik ist auf enge 
Kreise von Auserwählten beschränkt, durch das Latein und die 
Schwere der Begriffe und Bilder versiegelt und weder dem Bauern- 
tum noch dem Adel seinem Vorhandensein nach überhaupt deut- 
lich bekannt. Deshalb sind auch die Ausgrabungen zwar für die 
antiken Landkulte wesentlich, aber von jener Frühreligion lehren 
sie nichts, so wenig wir aus einer Dorf kapelle über Abälard und 
Bonaventura lernen können. 

Aber Aischylos und Pindar standen allerdings im Banne 
einer großen priesterlichen Tradition, vor ihnen die Pythagoräer, 
die den Demeterkult in die Mitte stellten und damit verrieten, 
wo der Kern jener Mythologie zu suchen ist, noch früher die 
Mysterien von Eleusis und die orphische Reformation des V.Jahr- 
hunderts und endlich die Fragmente des Pherekydes und Epi- 
menides, der letzten — nicht der ersten! — Dogmatiker einer 
uralten Theologie. Hesiod und Solon kennen die Idee des Erb- 
frevels, der an Kindern und Kindeskindern gerächt wird, und 
die ebenfalls apollinische Lehre von der Hybris. Piaton aber 
schildert als Orphiker und Gegner einer homerischen Lebens- 

') Weil sie auch dem ewigen Bauerntum angehörten, haben sie die olympi- 
schen Gestalten überlebt 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 347 

auffassung im Phaidon sehr alte Lehren von der Hölle und vom 
Totengericht. Wir kennen die erschütternde Formel der Orphik, 
das Nein der Mysterien gegenüber dem Ja der Agone, das ganz 
ohne Zweifel schon um 1100 entstanden ist und zwar als Protest 
des Wachseins gegen das Dasein: soma sema — dieser blühende 
antike Leib ein Grab! Hier fühlt er sich nicht mehr, in Zucht, 
Kraft und Bewegung; er erkennt sich und er erschrickt vor 
dem, was er begreift. Hier beginnt die antike Askese, die durch 
strengste Riten und Sühnungen, selbst durch den freiwilligen 
Tod die Befreiung von diesem euklidischen Körperdasein sucht. 
Man versteht die vorsokratischen Philosophen gründlich falsch, 
wenn sie gegen Homer reden: sie taten das nicht als Aufklärer, 
sondern als Asketen, weil sie, die „Zeitgenossen" des Descartes 
und Leibniz, in der strengen Überlieferung der großen alten 
orphischen Religion herangewachsen waren, die in diesen halb- 
Idösterlichen Denkerschulen im Schatten altberühmter Heiligtümer 
ebenso treu bewahrt worden ist wie die gotische Scholastik an 
den ganz geistHchen Universitäten des Barock. Vom Selbstmord 
des Empedokles führt der Weg vorwärts zu dem der römischen 
Stoiker und rückwärts zu „Orpheus". 

Aus diesen letzten Spuren erhebt sich nun doch ein leuchtender 
Umriß der antiken Frühreligion. Wie alle gotische Inbrunst sich 
auf die Himmelskönigin Maria richtete, die Jungfrau und Mutter, 
so entstand damals ein Kranz von Mythen, Bildern und Ge- 
stalten um Demeter, die Gebärende, um Gaia und Persephone, und 
um Dionysos, den Zeugenden, chthonische und phallische Kulte 
und Feste und Mysterien von Geburt und Sterben. Auch das 
war antik und leibhaft-gegenwärtig gedacht. Die apollinische 
Religion betete den Leib an, die orphische verwarf ihn, die der 
Demeter feierte die Augenblicke seiner Entstehung: Zeugung 
und Geburt. Es gab eine das Geheimnis des Lebens scheu ver- 
ehrende Mystik in Lehren, Symbolen und Spielen, aber gleich 
daneben den Orgiasmus, denn die Vergeudung des Leibes ist der 
Askese ebenso tief verwandt wie die heilige Prostitution dem 
Zölibat; sie verneinen beide die Zeit. Es ist die Umkehrung des 
apollinischen „Zurück" vor der Hybris. Der Abstand wird nicht 
geachtet, sondern aufgehoben. Wer das in sich erlebt hat, ist 
„aus einem Sterblichen ein Gott geworden". Es muß damals 



348 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

große Heilige und Seher gegeben haben, die über die Gestalten 
des Heraklit und Empedokles ebensoweit hinausragten wie diese 
über die kynischen und stoischen Wanderredner. Dergleichen ge- 
schieht nicht ohne Name und Person. Es gab, als überaU die 
Sänge von Achill und Odysseus erschollen, eine große, strenge 
Lehre an den berülimten Kultstätten, eine Mystik und Scholastik 
mit ausgebildetem Schulwesen und mündlicher Geheimtradition 
wie in Indien. Aber alles das ist versunken und die Trümmer der 
Spätzeit beweisen kaum noch, daß es einmal da war. 

Läßt man die Ritterpoesie und die Volkskulte ganz beiseite, 
so ist es heute noch möglich, von dieser — der — antiken 
Religion etwas mehr festzustellen. Aber dann muß auch der 
dritte Fehler vermieden werden: die Gegenüberstellung von 
„römischer" und „griechischer" Religion. Einen solchen Gegen- 
satz gibt es gar nicht. 

Rom ist nur eine unter zahllosen antiken Städten der großen 
Kolonisationszeit, von Etruskern gebaut und unter der etruski- 
schen Dynastie des G.Jahrhunderts religiös erneuert; es ist wohl 
möglich, daß die kapitolinische Göttergruppe Juppiter, Juno, 
Minerva, die damals an Stelle der uralten Dreiheit Juppiter, 
Mars, Quirinus der „Religion des Numa" trat, irgendwie mit dem 
Familienkult der Tarquinier zusammenhängt., wobei die Stadt- 
göttin Minerva ganz unverkennbar der Athena Polias nach- 
gebildet ist.^ Man darf die Kulte dieser einen Stadt nur mit 
denen einzelner griechisch sprechender Städte auf gleicher 
Altersstufe vergleichen, etwa Spartas oder Thebens, die nicht im 
geringsten farbenreicher gewesen sind. Das wenige, was sich da als 
allgemein hellenisch herausstellt, wird auch allgemein italisch 
sein. Und was die Behauptung betrifft, daß die „römische" Re- 
ligion im Unterschiede von derjenigen griechischer Stadtstaaten 
den Mythus nicht gekannt habe — woher wissen wir das? Wir 



') Wissowa, Religion und Kultus der Römer, S. 41. Von der etruskischen 
Religion mit ihrer gewaltigen Bedeutung für ganz Italien und damit die volle 
Hälfte der frühantiken Landschaft gilt dasselhe, was oben über die talmudische 
bemerkt worden ist (S. 229). Sie liegt außerhalb der beiden „klassischen" 
Philologien und wird deshalb gegenüber der achäischen und dorischen Religion, 
mit denen sie eine Einheit des Geistes und der Entwicklung bildet, wie ihre 
Gräber, Tempel und Mythen beweisen, vollständig vernachlässigt. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 349 

würden von der großen Göttersage der Frühzeit überhaupt nichts 
wissen, wenn wir auf den Festkalender und die öffentlichen Kulte 
griechischer Einzelstädte angewiesen wären, so wenig wie die 
Akten des Konzils von Ephesus von der Frömmigkeit Jesu oder 
eine Kirchenordnung der Reformation etwas von der franzis- 
kanischen Mystik ahnen lassen. Menelaos und Helena waren für 
den lakonischen Staatskult Baumgötter, nichts weiter. Der antike 
Mythus stammt aus einer Zeit, wo es die Polis mit ihren Festen 
und sakralen Satzungen noch gar nicht gab, Athen so wenig 
als Rom. Er hat mit ihren religiösen Aufgaben und Absichten, 
die sehr verstandesmäßig sind, überhaupt nichts zu tun. Mythus 
und Kultus berühren sich in der Antike noch weniger als anders- 
wo. Und er ist auch gar keine Schöpfung des ganzen helleni- 
schen Kulturgebietes, nicht „griechisch", sondern ebenso wie 
die Kindheitsgeschichte Jesu und die Gralsage in hochbewegten 
Kreisen engumgrenzter Gebiete entstanden, die Vorstellung vom 
Olymp z.B. in Thessalien; von da aus wurde er Gemeinbesitz 
aller Gebildeten von Zypern bis nach Etrurien hin und also 
auch in Rom. Die etruskische Malerei setzt ihn als allbekannt 
voraus und mithin haben ihn die Tarquinier und ihr Hof eben- 
falls gekannt. Man mag mit dem Ausdruck: an diesen Mythus 
„glauben", jede Vorstellung verbinden, die man will; sie wird 
von dem Römer der Kr>nigszeit ebenso gelten wie von den Ein- 
wohnern Tegeas oder Korkyras. 

Die beiden ganz verschiedenen Bilder, welche die heutige 
Wissenschaft zustande gebracht hat, sind das Ergebnis nicht 
der Tatsachen, sondern der Methode, die hier (Mommsen) vom 
Festkalender und den Staatskultt n, dort von der Dichtung aus- 
geht. Man braucht nur die „lateinische" LIethode, die zu dem 
Bilde Wissowas geführt hat, auf die griechischen Städte an- 
zuwenden, um ein ganz ähnliches zu erhalten (etwa in Nilssons 
„Griechischen Festen"). 

Bedenkt man das, so erscheint die antike Religion durchaus 
als innere Einheit. Die gewaltige, frühlinghafte Götterlegende des 
11. Jahrhunderts, die mit ihren seligen und tottraurigen Stim- 
mungen an Gethsemane, an Balders Tod, an Franziskus erinnert, 
ist durch und durch „Theorie", nämlich Schauen, ein Weltbild 
vor dem innern Auge und zwar aus dem gemeinsamen inbrünstigen 



350 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Wachwerden erlesener Kreise fern von der Ritterwelt. ^) Die viel 
späteren Stadtreligionen aber sind durchaus Technik, Kultus, 
und stellen also nur eine und zwar eine ganz andere Seite der 
Frömmigkeit dar. Sie stehen dem großen Mythus ebenso fern 
wie dem Volksglauben; sie beschäftigen sich weder mit Meta- 
physik noch mit Ethik, sondern nur mit der Vollziehung sakral- 
rechtlicher Handlungen; und endlich stammt die Auswahl der 
Kulte in den einzelnen Städten sehr oft und im Gegensatz zum 
Mythus nicht aus einer einheitlichen Weltanschauung, sondern 
aus den zufälligen Ahnen- und Familienkulten großer Geschlechter, 
die ganz wie in gotischer Zeit ihren Heiligen zum Schutzherrn 
der Stadt gemacht haben und sich dessen Feste und Verehrung 
vorbehielten. So waren die Luperkalien in Rom zu Ehren des 
Flurgottes Faunus Vorrecht der Quinctier und Fabier. 

Die chinesische Religion, deren große »gotische" Zeit um 
1300 — 1000 liegt und den Aufstieg der Dschoudynastie umfaßt, 
will mit äußerster Vorsicht behandelt sein. Angesichts der flachen 
Tiefe und pedantischen Schwärmerei der chinesischen Denker 
vom Schlage des Konfuzius und Laotse, die alle im ancien regime 
dieser Staatenwelt geboren waren, scheint es sehr gewagt, auf 
eine Mystik und Legende großen Stils am Anfang überhaupt 
schließen zu wollen, aber sie muß einmal dagewesen sein. Aller- 
dings, von diesen üb er vernünftigen Großstädtern erfahren wir 
darüber nichts, so wenig wie von Homer, aber aus einem andern 
Grunde. Was wüßten wir von der gotischen Frömmigkeit, wenn 
alle ihre Schriften der Zensur von Puritanern und Rationalisten 
wie Locke, Rousseau und Wolfif verfallen wären! Und doch be- 
trachtet man dies konfuzianische Ende chinesischer Innerlichkeit 
als deren Anfang, wenn nicht gar der Synkretismus der Hanzeit 
als die chinesische Religion bezeichnet wird! 2) 

') Es ist ganz gleichgültig, ob Dionysos aus Tlirakien, Apollon aus Klein- 
asien, Aphrodite aus Phönikien „entlehnt" sind; daß aus vielen tausend fremd- 
artigen Motiven diese wenigen ausgewählt, so umgefühlt und zu dieser pracht- 
vollen Einheit verbunden wurden, bedeutet eine vollkommene Neuschöpfung, 
ebenso wie der Marienkult der Gotik, obwohl damals der gesamte Formbestand 
i^us dem Osten übernommen wurde. *) In de Groot, Universismus (1918), 

wo tatsächlich die Systeme der Taoisten, Konfuzianer vmd Buddhisten mit 
Selbstverständlichkeit als die Religionen Chinas behandelt werden. Das ist, 
als wollte man die antike Religion von Caracalla an datieren. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 351 

Wir wissen jetzt, daß es entgegen der allgemeinen Annahme 
ein mächtiges altchinesisches Priestertum gab.i) Wir wissen, daß 
im Texte des Schuking Reste der alten Heldensänge und Götter- 
mythen rationalistisch verarbeitet und so erhalten geblieben sind; 
ebenso würden das Chouli, Ngili und Schiking noch sehr vieles 
offenbaren, sobald man sie mit der Überzeugung prüft, daß hier 
viel Tieferes vorliegen muß, als Konfuzius und seinesgleichen 
begreifen konnten. Wir hören von chthonischen und phallischen 
Kulten der frühen Dschouzeit, von einem heiligen Orgiasmus, 
wobei der Götterdienst von ekstatischen Massentänzen begleitet 
war, von mimischen Darstellungen und Wechselreden zwischen 
dem Gott und der Priesterin, woraus sich vielleicht ganz wie in 
Griechenland das chinesische Drama entwickelt hat. 2) Und wir 
ahnen endlich, weshalb der überquellende Reichtum frühchinesi- 
scher Göttergestalten und Mythen von einer Kaisermjrthologie 
verschlungen werden mußte. Denn nicht nur alle Sagenkaiser, 
sondern auch die meisten Gestalten der Hia- und Schangdynastie 
vor 1400 sind trotz aller Jahreszahlen und Chroniken nichts als 
in Geschichte verwandelte Natur. Die Ansätze dazu liegen tief 
in den Möglichkeiten jeder jungen Kultur. Der Ahnenkult ver- 
sucht immer, sich der Naturdämonen zu bemächtigen. Alle home- 
rischen Helden und ebenso Minos, Theseus, Romulus sind aus 
Göttern zu Königen geworden. Im Heliand war Christus im Be- 
griff es zu werden. Maria ist die gekrönte I^önigin des Himmels. Es 
ist die höchste, ganz unbewußte Art, in der Rassemenschen etwas 
verehren können: was groß ist, muß von Rasse sein, mächtig, herr- 
schend, Ahnherr ganzer Geschlechter. Ein starkes Priestertum weiß 
diese Mythologie der Zeit sehr bald zu vernichten, aber in der An- 
tike hat sie sich halb und in China ganz durchgesetzt, genau im Ver- 
hältnis zum Hinschwinden des priesterlichen Elements. Die alten 
Götter sind jetzt Kaiser, Prinzen, Minister und Gefolgsleute; Natur- 
ereignisse sind Herrschertaten und Völkerstürme soziale Unter- 
nehmungen geworden. Es hätte den Konfuzianern gar nichts er- 
wünschter kommen können: da hatten sie den Mythus, der sozial- 
ethische Tendenzen in unabsehbarer Menge aufnehmen konnte; sie 
brauchten die Spuren des ursprünglichen Naturmythus nur zu tilgen. 

') Conrady in Wassiljew, Die Erschließung Chinas (1909), S. 232; B. Schind- 
ler, Das Priestertum im alten China I (1919). *) Conrady, China, S. 516. 



352 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Vor dem chinesischen Wachsein waren Himmel und Erde 
Hälften des Makrokosmos, ohne Gegensatz und jede ein Spiegel- 
bild der andern. Der magische Dualismus fehlt dem Bilde ebenso 
wie die faustische Einheit der wirkenden Kraft. Das Werden 
erscheint in der ungezwungenen Wechselwirkung zweier Prinzi- 
pien, des yang und ?/m, die eher periodisch als polar gedacht 
sind. Dementsprechend gibt es zwei Seelen im Menschen: die 
Icwei entspricht dem ym, dem Irdischen, Dunklen, Kalten; sie 
verwest mit dem Leibe; die scn ist die höhere, Kchte und blei- 
bende.') Aber von beiden Seelenarten gibt es außerhalb des Men- 
schen noch unzählige Mengen. Geisterscharen erfüllen Luft, Wasser 
und Erde; alles ist von Iweis und sens bevölkert und bewegt. 
Das Leben der Natur und das menschliche Leben bestehen ganz 
eigentlich aus dem Spiel solcher Einheiten. Klugheit, Glück, 
Kraft und Tugend hängen von ihrem Verhältnis ab. Askese und 
Oigiasmus, die Rittersitte des hiao, die dem Vornehmen befiehlt, 
den Frevel an einem Ahnen noch nach Jahrhunderten an den 
Nachkommen zu rächen und eine Niederlage nicht zu überleben, 2) 
und die vernunftgemäße Moral des jcn, die nach dem Urteil des 
Rationalismus aus dem Wissen folgt, gehen sämtlich aus der 
Vorstellung von den Kräften und Möglichkeiten der kwei und 
sen hervor. 

Alles das wird in dem Urwort tao zusammengefaßt. Der 
Kampf zwischen dem yang und yin im Menschen ist das tao 
seines Lebens; das Weben der Geisterscharen draußen ist das 
tao der Natur. Die Welt besitzt tao, insofern sie Takt, Rhyth- 
mus und Periodizität hat. Sie besitzt li, Spannung, insofern man 
sie erkennt und fertige Verhältnisse zur ferneren Anwendung 
daraus abzieht. Zeit, Schicksal, Richtung, Rasse, Geschichte, alles 
das mit dem großen Weltblick der ersten Dschouzeit angeschaut, 
liegt in diesem einen Wort. Der Weg des Pharao durch den 
dunklen Gang zu seinem Heiligtum ist ihm verwandt, das faustische 
Pathos der dritten Dimension ist es auch: aber tao ist doch von 
dem Gedanken der technischen Überwindung der Natur weit 

*) Diese Vorstellung ist wesentlich verschieden von der ägyptischen Zwei- 
heit des geistigen ha und des Seelenvogels bai und noch viel mehr von den beiden 
magischen Seelensubstanzen. '^) 0. Fninke, Studien zur Geschichte des 

Konfuzianischen Dogmas (1920), S. 202. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 353 

entfernt. Der chinesische Park vermeidet die energische Per- 
spektive. Er legt Horizont hinter Horizont und lädt zum Wandeln 
ein, statt auf ein Ziel zu weisen. Der chinesische „Dom" der 
Frühzeit, das Pi-yung, hat mit seinen Pfaden, die durch Tore, 
Gebüsche, über Treppen, geschwungene Brücken und Plätze führen, 
niemals den unerbittlichen Zug Ägyptens und den Tiefendrang 
der Gotik. 

Als Alexander am Indus erschien, war die Frömmigkeit 
dieser drei Kulturen längst in die geschichtslosen Formen eines 
breiten Taoismus, Buddhismus und Stoizismus zerflossen. Aber 
wenig später erhebt sich dann die Gruppe der magischen Re- 
ligionen im Gebiet zwischen der Antike und Indien, und etwa 
zur selben Zeit muß die Religionsgeschichte der Maya und Inka 
begonnen haben, die für uns hoffnungslos verloren ist. Ein Jahr- 
tausend danach, als auch hier alles innerlich vollendet war, er- 
scheint auf dem so wenig verheißenden Boden des Franken- 
reichs gänzlich überraschend und in steilem Aufstieg das ger- 
manisch-katholische Christentum. Es ist hier wie überall: ob 
der ganze Schatz von Namen und Bräuchen aus dem Osten kam, 
ob tausend Einzelzüge aus uraltem germanischen und keltischen 
Fühlen stammen, die gotische Religion ist etwas so unerhört 
Neues und in ihren letzten Tiefen allen nicht zugehörigen Men- 
schen so vollkommen unbegreiflich, daß die Herstellung von 
Zusammenhängen an der geschichtlichen Oberfläche ein Spiel 
ohne alle Bedeutung bleibt. 

Die mythische Welt, die sich nun rings um diese junge Seele 
aufbaut, ein Ganzes von Kraft, Wille und Richtung, unter dem 
Ursymbol des Unendlichen gesehen, ein riesenhaftes Wirken fern- 
hin, Abgründe des Entsetzens und der Seligkeit, die sich plötz- 
lich auftun — das war den Auserwählten dieser frühen Religiosität 
etwas ganz Natürliches, so daß sie gar nicht den Abstand fanden, 
um es als Einheit zu „erkennen". Sie lebten darin. Vor uns aber, 
die durch dreißig Generationen von den Ahnen getrennt sind, steht 
diese Welt so fremd und übermächtig da, daß wir immer nur 
einzelne Seiten zu begreifen suchen und damit das Ganze und 
Unteilbare mißverstehen. 

Die väterliche Gottheit empfand man als die Kraft selbst, 
das ewige, große und allgegenwärtige Wirken, die heilige Kau- 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II. 23 



354 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

salität, die für irdische Augen kaum eine greifbare Gestalt ge- 
winnen konnte. Aber die ganze Sehnsucht der jungen Rasse, das 
ganze Verlangen dieses mächtig strömenden Blutes, sich in Demut 
vor dem Sinn des Blutes zu beugen, fand ihren Ausdruck in 
der Gestalt der Jungfrau und Mutter Maria, deren Krönung im 
Himmel eins der frühesten Motive gotischer Kunst geworden ist, 
eine Lichtgestalt in Weiß, Blau und Gold inmitten der himmHschen 
Heerscharen. Sie beugt sich über das neugeborne Kind; sie fühlt 
das Schwert im Herzen; sie steht zu Füßen des Kreuzes und 
hält den Leichnam des toten Sohnes. Seit der Jahrtausendwende 
haben Petrus Damiani und Bernhard von Clairvaux ihren Kult 
ausgebildet: das Ave Maria und der englische Gruß entstanden 
und später bei den Dominikanern der Rosenkranz. Zahllose Legen- 
den umgaben sie und ihre Gestalt. Sie hütet den Gnadenschatz 
der Kirche, sie ist die große Fürbitterin. Im Kreise der Franzis- 
kaner entstand das Fest ihrer Heimsuchung, bei den englischen 
Benediktinern noch vor 1100 das der unbefleckten Empfängnis, 
das sie ganz aus der sterblichen Menschheit in die Lichtwelt 
emporhob. 

Aber diese Welt der Reinheit, des Lichts und der geistigsten 
Schönheit wäre undenkbar gewesen ohne das Gegenbild, das davon 
nicht zu trennen ist und zu den Höhepunkten der Gotik gehört, 
eine ihrer unergründlichsten Schöpfungen, die man heute stets 
vergißt — vergessen will. Während sie dort oben thront, lächelnd 
in ihrer Schönheit und Milde, Hegt eine andere Welt im Hinter- 
grunde: überall in der Natur und in der Menschheit webt es, 
brütet Unheil, bohrt, zerstört, verführt: das Reich des Teufels. 
Es durchdringt die ganze Schöpfung; es liegt überall auf der 
Lauer. Ein Heer von Kobolden, Nachtfahrenden, Hexen, Wer- 
wölfen ist ringsum da und zwar in menschlicher Gestalt. Nie- 
mand weiß von dem Nächsten, ob er sich nicht den Unholden 
verschrieben hat. Niemand weiß von einem kaum erblühten 
Kinde, ob es nicht schon eine Teufelsbuhle ist. Eine entsetzKche 
Angst, wie vielleicht nur noch in ägyptischer Frühzeit, lastet auf 
den Menschen, die jeden Augenblick in den Abgrund stürzen 
können. Es gab eine schwarze Magie, Teufelsmessen und Hexen- 
sabbate, nächtliche Feste auf Berghöhen, Zaubertränke und Be- 
sprechungen. Der Höllenfürst mit seinen Verwandten — Mutter 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 355 

und Großmutter, denn da er das Sakrament der Ehe durch sein 
Dasein verhöhnt, darf er Weib und Kind nicht haben — , mit den 
gefallenen Engeln und unheimlichen Gesellen ist eine der groß- 
artigsten Schöpfungen der gesamten Rehgionsgeschichte, im ger- 
manischen Loki kaum vorgedeutet. Ihre grotesken Gestalten mit 
Hörnern, Klauen und Pferdehuf waren in den Mysterienspielen des 
1 1 . Jahrhunderts schon ganz ausgebildet, erfüllen allenthalben die 
künstlerische Phantasie und sind aus der gotischen Malerei bis auf 
Dürer und Grünewald nicht wegzudenken. Der Teufel ist schlau, 
bösartig, schadenfroh und wird doch von den Mächten des Lichtes 
zuletzt geprellt. Er und seine Brut sind launig, tolpatschig, er- 
finderisch und von ungeheuerlicher Phantastik, die Verkörperung 
des HöUengelächters gegenüber dem verklärten Lächeln der 
Himmelskönigin, aber auch des faustischen Welthumors gegen- 
über dem Jammer zerknirschter Sünder. 

Man kann sich die Wucht und Eindringlichkeit dieses Bildes 
nicht groß, den Glauben daran nicht tief genug denken. Marien- 
mythus und Teufelsmythus haben sich zusammen ausgebildet und 
keiner ist ohne den andern möglich. Der Unglaube an beide ist 
Todsünde. Es gibt einen Marienkult der Gebete und einen Teufels- 
kult der Beschwörungen und Exorzismen. Der Mensch wandelt 
beständig über einem Abgrund, der unter dünner Decke liegt. 
Das Leben in dieser Welt ist ein beständiger verzweifelter Kampf 
mit dem Teufel, in dem jeder einzelne als Glied der streitenden Kirche 
dreinschlagen, sich wehren, sich als Ritter erproben muß. Von 
droben schaut die triumphierende Kirche der Engel und Heiligen 
in ihrer Glorie zu. In diesem Ringen wirkt die himmlische Gnade 
wie ein Schild. Maria ist die Beschützerin, in deren Schoß man 
flüchten kann, und die Richterin, die den Kampfpreis erteilt. 
Beide Welten haben ihre Legende, ihre Kunst, ihre Scholastik 
und Mystik. Auch der Teufel kann Wunder tun. Was in keiner 
andern Frühreligion erscheint, ist die sinnbildliche Farbe. Zur 
Madonna gehören das Weiß und Blau, zum Teufel das Schwarz, 
Schwefelgelb und Rot. Die Heiligen und Engel schweben im 
Äther, aber die Teufel springen und hinken und die Hexen sausen 
durch die Nacht. Erst beide zusammen, Licht und Nacht, Liebe 
und Angst, füllen die gotische Kunst mit ihrer unbeschreiblichen 
Innerlichkeit. Das ist nichts weniger als „künstlerische" Phantasie. 

23* 



356 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Jeder Mensch wußte die Welt bevölkert mit Scharen von Engeln 
und Teufeln. Die lichtumgebenen Engel des Fra Angelico und der 
frührheinischen Meister und die Fratzengesichter an den Portalen 
der großen Dome erfüllten wirklich die Luft. Man sah sie, man 
fühlte überall ihre Anwesenheit, Wir wissen heute gar nicht 
mehr, was ein Mythus ist, nämlich nicht ein ästhetisch bequemes 
Sichvorstellen, sondern ein Stück leibhaftigster Wirkhchkeit, das 
ganze Wachsein durchwühlend und das Dasein bis ins Innerste 
erschütternd. Diese Wesen sind ringsumher beständig da. Man 
erblickte sie, ohne sie zu sehen. Man glaubte an sie mit dem 
Glauben, der den Gedanken an Beweise als Lästerung empfindet. 
Was wir heute Mythus nennen, unsere literaturgesättigte Schwär- 
merei für gotische Farbigkeit, ist nichts als Alexandrinismus. 
Damals „genoß" man ihn nicht; der Tod stand dahinter. i) 

Denn der Teufel bemächtigte sich der menschlichen Seele und 
verführte sie zu Ketzertum, Buhlschaft und Zauberei. Der Krieg 
gegen ihn wurde auf Erden mit Feuer und Schwert und zwar gegen 
die Menschen geführt, die sich ihm ergeben hatten. Es ist sehr 
bequem, das aus diesen Jahrhunderten fortzudenken, aber ohne 
diese furchtbare Wirklichkeit bleibt von der ganzen Gotik nichts 
als Romantik übrig. Mit den liebeglühenden Hymnen an Maria 
stieg der Qualm unzähhger Scheiterhaufen empor. Neben den 
Domen erhoben sich Galgen und Rad. Damals lebte jeder in dem 
Bewußtsein einer ungeheuren Gefahr, nicht vor dem Henker, 
sondern vor der Hölle. Ungezählte Tausende von Hexen waren 
überzeugt, es zu sein. Sie haben sich selbst angezeigt, um ihre 
Entsühnung gebeten, aus reinster Wahrheitsliebe ihre nächtlichen 
Fahrten und Teufelspakte gebeichtet. Inquisitoren haben unter 
Tränen, aus Mitleid mit den Gefallenen die Folter verhängt, um 
ihre Seele zu retten. Das ist der gotische Mythus, aus dem die 
Kreuzzüge, die Dome, die innigste Malerei und die Mystik hervor- 
gegangen sind. In seinem Schatten erblühte jenes gotische Glücks- 
gefühl, dessen Tiefe wir uns nicht einmal mehr vorstellen können. 

Der Karolingerzeit war das alles noch fremd. Karl der Große 



*) Es war in der Antike ganz ebenso. Die homerischen Gestalten waren für 
den hellenistisch Gebildeten nichts als Literatur, Vorstellung, künstlerisches Motiv 
und schon für die Zeit Piatons nicht \äel mehr. Aber um 1100 brach ein Mensch 
vor der furchtbaren Wirklichkeit der Demeter und des Dionysos zusammen. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 357 



hat im ersten sächsischen Kapitular (787) den urgermanischen 
Glauben an Werwölfe und Nachtfahrende [strigae] unter Strafe 
gestellt, und noch um 1020 wird er als Irrglaube im Dekret des 
Burkard von Worms verdammt, das aber nur noch in abgeschwächter 
Gestalt um 1140 in das decretum Oratiani^) überging. Cäsarius 
von Heisterbach war bereits mit der ganzen Teufelslegende ver- 
traut; in der Legenda Aurea ist sie ebenso wirklich und wirk- 
sam wie die Marienlegende. 1233, als man die Dome von Mainz 
und Speier einwölbte, erschien die Bulle Vox in Rama^ durch 
welche der Teufels- und Hexenglaube kanonisch geworden ist. 
Es war nicht lange nach dem „Sonnengesang" des heiligen Franz, 
und während die Franziskaner im inbrünstigen Gebet vor Maria 
knieten und ihren Kult ausbreiteten, rüsteten die Dominikaner 
sich zum Kampf gegen den Teufel durch die Inquisition. Gerade 
weil in der einen Gestalt die himmlische Liebe ihren Mittelpunkt 
gefunden hatte, wurde die irdische dem Teufel verwandt. Das 
Weib ist die Sünde — so empfanden es die großen Asketen, wie 
sie es in der Antike, in China und Indien empfunden hatten. 
Der Teufel herrscht nur durch das Weib ; die Hexe ist die Ver- 
breiterin der Todsünden. Thomas von Aquino hat die unheim- 
liche Lehre vom Incubus und Succubus entwickelt. Innige Mystiker 
wie Bonaventura, Albertus Magnus, Duns Scotus haben die Meta- 
physik des Teuflischen vollkommen ausgebildet. 

Die Renaissance hat den starken Glauben der Gotik zur be- 
ständigen Voraussetzung ihres Weltgefühls. Wenn Vasari von 
Cimabue und Giotto rühmt, daß sie zuerst wieder der Natur als 
Lehrmeisterin folgten, so war es eben diese gotische Natur, die 
von englischen und teuflischen Scharen rings durchgeistert war 
und wie eine ewige Drohung im Lichte dalag. Nachahmung der 
Natur war die Nachahmung ihrer Seele, nicht ihrer Oberfläche. 
Man lasse doch endlich das Märchen von einer Erneuerung des 
„Altertums" fallen. Renaissance, rinascita, bedeutete damals den 
gotischen Aufschwung von 1000 an, 2) das neue faustischeWelt- 
gefühl, das neue Selbsterlebnis des Ich im Unendlichen. Mochten 
einige Geister gelegentlich für die Antike schwärmen, wie man 
sie sich dachte; das war ein Geschmack, nicht mehr. Der antike 

') S. 91. *) Das ist das wirkliche Ergebnis von Burdachs „Refor- 

mation, Renaissance, Humanismus" (1918). 



358 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Mythus war ein Unterhaltungsstoff, ein allegorisches Spiel; durch 
seinen dünnen Schleier hindurch sah man den -uärklichen, den 
gotischen, nicht minder scharf. Als Savonarola auftrat, ver- 
schwand das antike Getändel sofort von der Oberfläche des üoren- 
tinischen Lebens. Sie haben alle für die Kirche geschaffen und 
zwar mit Überzeugung; Raffael war der innigste aller Madonnen- 
maler; ein fester Glaube an das Teufelswesen und an die Er- 
lösung von ihm durch die Heiligen liegt dieser ganzen Kunst 
und Schriftstellerei zugrunde, und alle ohne Ausnahme, Maler, 
Architekten, Humanisten, mochten sie die Namen Cicero, Virgil, 
Venus, Apollo täglich im Munde führen, haben die Hexenbrände 
allenthalben als etwas ganz Natürliches betrachtet und Amulette 
gegen den Teufel getragen. Die Schriften des Marsilius Ficinus 
sind voll von gelehrten Betrachtungen über Teufel und Hexen, 
Francesco della Mirandola hat in elegantem Latein den Dialog 
„Die Hexe" geschrieben, um die feinen Köpfe seines Kreises vor 
der Gefahr zu warnen, i) Als Lionardo an der heiligen Anna selb- 
dritt arbeitete, auf der Höhe der Renaissance, wurde in Rom in 
bestem Humanistenlatein der Hexenhammer geschrieben (1487). 
Der große Mythus der Renaissance war dieser, und ohne ihn 
versteht man die prachtvolle, echt gotische Stärke dieser anti- 
gotischen Bewegung nicht. Menschen, die den Teufel nicht um 
sich spürten, hätten weder die Göttliche Komödie noch die Fresken 
in Orvieto noch die Decke der Sixtina schaffen können. 

Erst auf dem gewaltigen Hintergrunde dieses Mythus er- 
wuchs der faustischen Seele ein Gefühl von dem, was sie war. 
Ein Ich im Unendlichen verloren; ganz und gar Kraft, aber in 
einer Unendlichkeit größerer Kräfte ohnmächtig; ganz und gar 
Wille, aber voller Angst für seine Freiheit. Das Problem der 
Willensfreiheit ist nie tiefer, nie qualvoller durchdacht worden. 
Andere Kulturen haben es gar nicht gekannt. Aber eben weil 
die magische Ergebung hier ganz unmöglich war, weil es kein 
„es" war, kein Teil eines allgemeinen Geistes, der dachte, son- 
dern ein einzelnes, kämpfendes Ich, das sich zu behaupten suchte, 
wurde jede Grenze der Freiheit als eine Kette empfunden, die 
man durch das Leben schleppte, und dieses selbst als ein leben- 
diger Tod. Wenn es aber so war — warum? wofür? 



Bezold. Hist. Ztschr. 45. S. 208. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 359 



Aus dieser Einsicht erhob sich ein ungeheures Schuldbewußt- 
sein, das wie eine einzige verzweifelte Klage durch diese Jahr- 
hunderte gellt. Die Dome richten sich immer bittender zum 
Himmel auf, die gotischen Gewölbe werden wie ein Händefalten; 
kaum schimmert aus hohen Fenstern ein tröstliches Licht in die 
Nacht der langen Kirchenschiffe. Die atembeklemmenden Parallel- 
folgen des Kirchengesangs, die lateinischen Hymnen sprechen von 
wundgescheuerten Knien und von Geißelhieben in nächtlicher 
Zelle. Für den magischen Menschen war die Welthöhle eng und 
der Himmel nah gewesen; hier war er unendHch fern; keine 
Hand schien aus diesen Räumen herabzureichen, und um das ver- 
lorene Ich lagerte sich höhnend die Teufelswelt. Deshalb wurde 
es die große Sehnsucht der Mystik, entbildet zu werden von der 
Kreatur, wie Heinrich Seuse sagte, sein selbst und aller Dinge 
ledig zu werden (Meister Eckart), das Lassen der Ichheit (Theo- 
logie deutsch). Daneben erhob sich ein endloses Grübeln und 
Sichhalten an Begriffe, die immer feiner und feiner zerspalten 
wurden, um das Warum zu erfahren, und endlich der allgemeine 
Schrei nach Gnade, nicht der magischen, die als Substanz herab- 
kam, sondern der faustischen, die den Willen losband. 

Frei wollen zu dürfen ist im tiefsten Grunde das einzige 
Geschenk, das die faustische Seele vom Himmel erfleht. Die sieben 
Sakramente der Gotik, von Petrus Lombardus als Einheit emp- 
funden, 1215 auf dem Lateranskonzil zum Dogma erhoben, von 
Thomas von Aquino mystisch begründet, haben nur diesen Sinn. 
Sie begleiten die einzelne Seele von der Geburt bis zum Tode 
und schirmen sie vor den teufhschen Mächten, die sich in den 
Willen einzunisten suchen. Denn sich dem Teufel verschreiben heißt 
ihm seinen Willen ausliefern. Die streitende Kirche auf Erden 
ist die sichtbare Gemeinschaft derer, die durch den Genuß der 
Sakramente begnadet sind, wollen zu können. Diese Gewißheit 
des Freiseins erscheint verbürgt im Altarsakrament, das nun von 
Grund aus umgedacht wird. Das Wunder der heiligen Wandlung, 
das sich in den Händen des Priesters täglich vollzieht, die ge- 
weihte Hostie im Hochaltar des Domes, in welcher der Gläubige 
die Anwesenheit dessen spürte, der sich einst geopfert hatte, 
um den Seinen die Freiheit des Wollens zu gewähren — das 
schuf ein Aufatmen, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen 



360 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

können und für das zum Danke 1264 das Hauptfest der katho- 
lischen Kirche, Fronleichnam, gestiftet worden ist. 

Aber weit darüber hinaus greift das eigentlich faustische 
TJr Sakrament der Buße. Es ist mit dem Marien- und dem 
Teufelsmythus die dritte große Schöpfung der Gotik, aber es gibt 
beiden erst Tiefe und Bedeutung; es deckt die letzten Geheim- 
nisse der Seele dieser Kultur auf und stellt sie damit abseits 
von allen andern. Mit dem magischen Ursakrament der Taufe 
wurde der Mensch dem großen consensus einverleibt; das eine 
große „Es" des göttlichen Geistes nahm auch in ihm seinen Sitz 
und für alles, was geschah, folgte daraus die Pflicht der Ergebung. 
In der faustischen Buße aber liegt die Idee der Persönlichkeit. 
Es ist nicht richtig, daß die Renaissance sie entdeckt^) habe. 
Sie hat ihr nur eine glänzende und flache Fassung gegeben, so 
daß jeder sie plötzlich bemerken konnte. Geboren wurde sie mit 
der Gotik; sie ist ihr innerstes Eigentum; sie ist mit dem gotischen 
Geiste eins und dasselbe. Denn diese Buße vollbringt jeder nur 
für sich allein. Er allein kann sein Gewissen erforschen. Er allein 
steht reuig vor dem Unendlichen da; er allein muß in der Beichte 
seine persönliche Vergangenheit verstehen und in Worte fassen, 
und auch die Lossprechung, die Befreiung seines Ich zu neuem 
verantwortlichen Tun erfolgt für ihn allein. Die Taufe ist ganz un- 
persönlich. Man empfängt sie, weil man ein Mensch, nicht weil 
man dieser Mensch ist. Die Idee der Buße aber setzt voraus, daß 
jede Tat ihren einzigartigen Wert erst durch den erhält, der sie 
tut. Das ist es, was die abendländische Tragödie von der antiken, 
chinesischen und indischen unterscheidet, was unser Strafrecht 
immer deutlicher auf den Täter und nicht die Tat gerichtet hat, 
was alle sittlichen Grundbegriffe aus dem individuellen Tun und 
nicht aus der typischen Haltung ableitet. Faustische Verantwortung 
statt magischer Ergebung, der einzelne Wille statt des consensus, 
die Entlastung statt der Resignation: es ist der Unterschied 
zwischen dem aktivsten und dem passivsten aller Sakramente 
und leitet wieder zum Unterschied der Welthöhle von der Dynamik 

*) Oder gar wiederentdeckt. Der antike Mensch ist als durchseelter Leib 
eine unter vielen voneinander ganz unabhängigen Einheiten. Der faustische 
Mensch ist ein Mittelpunkt im All und umfaßt mit seiner Seele das Ganze. 
Persönlichkeit (Individualität) bedeutet aber nicht etwas einzelnes, sondern einziges. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 361 



des Unendlichen zurück. Die Taufe wird vollzogen, die Buße voll- 
zieht jeder einzelne in sich selbst. Aber die gewissenhafte Er- 
forschung der eignen Vergangenheit ist zugleich das früheste 
Zeugnis und die große Schule für den historischen Sinn des 
faustischen Menschen. Es gibt keine zweite Kultur, in welcher 
das eigne Leben dem Lebenden Zug um Zug und pflichtgemäß 
so bedeutend war, weil er dafür in Worten Rechenschaft ab- 
zulegen hatte. Wenn Geschichtsforschung und Lebensbeschreibung 
den Geist des Abendlandes von Anfang an auszeichnen; wenn 
beide im tiefsten Grunde Selbstprüfung und Beichte sind, und 
das Dasein mit einer Bewußtheit und bewußten Beziehung auf 
einen geschichtlichen Hintergrund geführt wird, wie man es 
anderswo niemals auch nur für möglich und erträglich gehalten 
hätte; wenn wir zuerst die Geschichte aus dem Aspekt von Jahr- 
tausenden zu betrachten gewöhnt sind, nicht rhapsodisch und 
ausschmückend wie in der Antike und in China, sondern richtend 
— mit der fast sakramentalen Formel im Untergrunde : tout com- 
prendre, c'est tout pardonner — so liegt der Ursprung davon in 
diesem Sakrament der gotischen Kirche, in dieser beständigen 
Entlastung des Ich durch historische Prüfung und Rechtfertigung. 
Jede Beichte ist eine Selbstbiographie. Diese eigentliche Befreiung 
des Willens ist uns so notwendig, daß die versagte Lossprechung 
zur Verzweiflung, ja zur Vernichtung führt. Nur wer die Selig- 
keit einer solchen innern Freisprechung ahnt, begreift den alten 
Namen des sacramentum resurgentium, des Sakraments der Wieder- 
erstandenen, i) 

Wird die Seele in dieser schwersten Entscheidung auf sich 
selbst verwiesen, so bleibt etwas Ungelöstes wie eine ewige Wolke 
über ihr. Keine Einrichtung einer zweiten Religion hat vielleicht 

') Deshalb hat dies Sakrament dem abendländischen Priester eine un- 
geheure Machtstellung verliehen. Er empfängt die persönliche Beichte, er 
spricht persönlich im Namen des Unendlichen los. Ohne ihn ist das Leben 
nicht zu ertragen. — Der Gedanke der Beichtpflicht, die 12L5 endgültig 
festgesetzt wurde, stammt wie die ersten Bußbücher (Pönitentiale) aus England. 
Eben dort ist der Gedanke der unbefleckten Empfängnis entstanden, und auch 
die Idee des Papsttums zu einer Zeit, wo es in Rom selbst noch als bloße 
Macht- und Rangfrage behandelt wurde. Es beweist die Unabhängigkeit des 
gotischen vom magischen Christentum, daß die entscheidenden Ideen an dei; 
entferntesten Stelle, jenseits des Frankenreiches, aufgewachsen sind. 



362 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

soviel Glück in die Welt gebracht. Die ganze Inbrunst und himm- 
lische Liebe der Gotik ruhte auf der Gewißheit der vollen Erlösung 
durch die dem Priester verliehene Kraft. Die Ungewißheit, die 
sich aus dem Verfall dieses Salcraments ergab, ließ mit der tiefen 
gotischen Lebensfreude auch die Marienwelt des Lichtes verblassen 
und die Teufelswelt blieb in ihrer düsteren Allgegenwart aUein zu- 
rück. An die Stehe der nie mehr zu erreichenden Seligkeit trat der 
protestantische und vor allem puritanische Heroismus, der auch 
ohne Hoffnung auf verlornem Posten weiterkämpft. „Die Oliren- 
beichte hätte dem Menschen nie sollen genommen werden", hat 
Goethe einmal bemerkt. Ein schwerer Ernst breitete sich über 
die Länder, in denen sie abgestorben war. Die Sitte, die Tracht, 
die Kunst, das Denken nahmen die nächtliche Farbe des einzigen 
Mythus an, der übrig bheb. Es gibt nichts sonnenärmeres 
als die Lehre Kants. „Jedermann sein eigener Priester": zu 
dieser Überzeugung mochte man sich durchkämpfen, soweit sie 
Pflichten, nie soweit sie Rechte enthielt. Mit der innigen Ge- 
wißheit der Lossprechung beichtet niemand sich selbst. Deshalb 
hat das ewig nagende Bedürfnis, die Seele dennoch von ihrer 
Vergangenheit richtend zu entlasten, alle höheren Formen der 
Mitteilung umgestaltet und in protestantischen Ländern die Musik, 
die Malerei, die Dichtung, den Brief, das Denkerbuch aus Mitteln 
der Darstellung zu solchen der Selbstanklage, Beichte und 
schrankenlosen Konfession gemacht. Auch im katholischen Gebiet, 
vor allem in Paris, begann mit dem Zweifel am Bußsakrament 
die Kunst als Psychologie. Der Blick in die Welt verschwand 
vor dem endlosen Wühlen im eigenen Innern. Statt des Unend- 
lichen wurde die Mit- und Xachwelt der Menschen als Priester 
und Richter angerufen. Persönliche Kunst in dem Sinne, wie er 
Goethe von Dante, Rembrandt von Michelangelo unterscheidet, 
ist ein Ersatz für das Sakrament der Buße, aber damit befindet 
sich diese Kultur schon mitten in ihrer Spätzeit. ^) 

18 
Reformation bedeutet in allen Kulturen dasselbe: Rück- 
führung der Religion zur Reinheit ihrer ursprüngKchen Idee, wie 

^) Den unermeßlichen Unterschied der faustischen und russischen Seele 
verraten einige Wortklänge. Das russische Wort für Himmel ist njebo, eine 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 363 

sie in den großen Jahrhunderten am Anfang in Erscheinung ge- 
treten war. Diese Bewegung fehlt in keiner Kultur, ob wir davon 
wissen wie in Ägypten oder nicht wie in China. Sie bedeutet 
auch, daß die Stadt und damit der bürgerliche Geist sich von der 
Seele des Landes allmählich befreien, ihrer Allmacht entgegen- 
treten und das Fühlen und Denken der stadtlosen Urstände in 
Bezug auf sich selbst nachprüfen. Daß diese Bewegung in der 
magischen und faustischen Kultur zur Abspaltung neuer Religionen 
geführt hat, ist Schicksal und liegt nicht in ihrem Begriff. Es 
ist bekannt, wie wenig unter Karl V. gefehlt hat, daß Luther 
der Reformator der Gesamtkirche wurde. 

Denn Luther war wie alle Reformatoren in allen Kulturen 
nicht der erste, sondern der letzte einer mächtigen Reihe, 
die von den großen Asketen des freien Landes zu städtischen 

Verneinung (n). Der Mensch des Abendlandes blickt hinauf, der Russe blickt 
zum Horizont ins Weite. Man muß den Tiefendrang beider also dahin unter- 
scheiden, daß er dort die Leidenschaft des Vordringens nach allen Seiten in 
den unendlichen Raum ist, hier ein Sichentäußem, bis das „Es" im Menschen 
mit der endlosen Ebene eins geworden ist. So versteht der Russe die Worte 
Mensch und Bruder: er sieht auch das Menschentum als Ebene. Der Gedanke, 
daß ein Russe Astronom ist? Er sieht die Sterne gar nicht; er sieht nur den 
Horizont. Statt Himmelsdom sagt er Himmelsabhang. Es ist das, was mit der 
Ebene irgendwo in der Ferne den Horizont bildet. Das kopemikanische System 
ist seelisch für ihn etwas Lächerliches, mag es mathematisch sein, was es will. 
„Schicksal" klingt wie eine Fanfare, „ssudjbd" knickt ein. Es gibt kein Ich 
unter diesem niedrigen Himmel. „Alle sind an allem schuldig", das „Es" 
am „Es" in dieser endlos gedehnten Ebene — das ist das metaphysische Grundgefühl 
aller Schöpfungen Dostojewskis. Deshalb muß Iwan Karamasoff sich den Mörder 
nennen, obwohl ein anderer den Mord begangen hat. Der Verbrecher ist der 
Unglückliche — das ist die vollkommenste Verneinung faustischer persön- 
licher Verantwortlichkeit. Russische Mystik besitzt nichts von jener hinauf- 
schwebenden Inbrunst der Gotik, Rembrandts, Beethovens, die bis zum himmel- 
stüimenden Jubel anwachsen kann. Gott ist hier nicht die azurne Tiefe dort 
oben. Die mystische russische Liebe ist die der Ebene, die zu den Brüdern 
unter gleichem Dnicke, immer längs der Erde — längs der Erde; die zu den 
armen gequälten Tieren, die auf ihr wandern, zu den Pflanzen, niemals zu den 
Vögeln, Wolken und Sternen. Das russische wolja, unser WiUe, bedeutet vor 
allem Nicht-müssen, Freisein — nicht für, sondern von etwas, vor allem von 
der Verpflichtung zu persönlicher Tat. Willensfreiheit erscheint als der Zustand, 
in dem kein anderes „Es" befiehlt und man sich also der Laune hingeben kann, 
Geist, esprit, spirit ist 7^ , das russische duck ist "^-^ . Was für ein Christen- 
tum wird aus diesem Weltgefühl einst hervorgehen? 



364 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Geistlichen hinüberleitet. Reformation ist Gotik, ihre Vollendung 
und ihr Testament. Luthers Choral: „Ein feste Burg" gehört 
nicht zur geistlichen Lyrik des Barock. In ihm dröhnt noch 
das prachtvolle Latein des Dies irae. Es ist das letzte gewaltige 
Teufelslied der streitenden Kirche: „Und wenn die Welt voll 
Teufel war". Er, wie alle Reformatoren, die seit 1000 auf- 
standen, bekämpfte die Kirche nicht, weil sie zu anspruchsvoll, 
sondern weil sie es zu wenig war. Der große Strom geht von Cluny 
über Arnold von Brescia, der die Rückkehr der Kirche zu apo- 
stolischer Armut forderte und 1155 verbrannt wurde, Joachim 
von Floris, der zuerst das Wort reformare gebraucht, die Spiri- 
tualen des Franziskanerordens, Jacopone da Todi, den Revolutionär 
und Dichter des Stabat Mater, der durch den Tod seines jungen 
Weibes vom Ritter zum Asketen wurde und Bonifaz VÜI. stürzen 
wollte, weil er die Kirche nicht streng genug verwaltete, über 
Wiclif, Hus, Savonarola zu Luther, Karlstadt, Zwingli, Kalvin 
und — Loyola. Sie wollen alle das Christentum der Gotik innerlich 
vollenden, nicht überwinden. Und ganz ebenso steht es mit Marcion, 
Athanasius, den Monophysiten und Nestorianern, die auf den 
Konzilen von Ephesus und Chalcedon die Lehre reinigen und zu 
ihrem Ursprung zurückführen wollen, i) Aber auch die antiken 
Orphiker des 7. Jahrhunderts waren die letzten und nicht die 
ersten einer Reihe, die schon vor 1000 begonnen haben muß 
und ebenso wie die Vollendung der Re-Religion mit dem Ausgang 
des Alten Reiches — der ägyptischen Gotik — einen Abschluß 
und keinen Neubeginn bedeutet. Ganz ebenso gibt es eine reforma- 
torische Vollendung der vedischen Religion etwa im 10. Jahr- 
hundert, worauf die brahmanische Spätzeit einsetzt, und es muß 
im 9. Jahrhundert eine entsprechende Epoche in der Religions- 
geschichte Chinas gegeben haben. 

Wie weit die Reformationen der einzelnen Kulturen sich 
auch sonst unterscheiden mögen, sie wollen alle den Glauben, 
der sich allzuweit in die Welt als Geschichte — die „ Zeitlich- 
keit " — verirrt hat, in das Reich der Natur, des reinen Wach- 



') Und wie eine abgetrennte Reformationskirche notwendig die Stamm- 
kirche umwandelt, so gab es auch eine magische Gegenreformation. 
Ln decretum Gelasii (um 500 Ln Rom) wurden sogar Clemens Alexandrinus, 
Tertullian, Lactanz, auf der Sjmode von 543 in Byzanz Origenes für Ketzer erklärt. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 3(55 

seins und des reinen, zeitlosen, kausal durchherrschten Raumes 
zurückführen, aus der Welt der Wirtschaft („Reichtum") in die 
der Wissenschaft („Armut"), aus patrizisch-ritterlichen Kreisen, 
denen auch Renaissance und Humanismus angehören, in die 
geistlich-asketischen und endlich, was ebenso wichtig als unmög- 
lich war, aus dem politischen Ehrgeiz der Rassemenschen im 
Priesterkleid in den Bereich der heiligen Kausalität, die nicht 
von diese? Welt ist. 

Man teilte damals im Abendland ' — und die Lage war in 
den andern Kulturen die gleiche — das corpus christianiim der 
Bevölkerung in die drei Stände des Status politicus, ecclesiasticus 
und oeconomicus (Bürgertum) ein, aber da man von der Stadt 
und nicht mehr von Pfalz und Dorf aus dachte, so gehörten zum 
ersten Stande Beamte und Richter, zum zweiten die Gelehrten, 
und der Bauer wurde vergessen. Von hier aus begreift sich der 
Gegensatz von Renaissance und Reformation, der ein Standes- 
gegensatz ist und kein Unterschied im Weltgefühl wie der von 
Renaissance und Gotik. Höfischer Geschmack und klösterlicher 
Geist sind in die Stadt verpflanzt worden und stehen sich hier 
gegenüber: in Florenz die Medici und Savonarola, im Hellas des 
8. und 7. Jahrhunderts die vornehmen Geschlechter der Polis, 
in deren Kreise die homerischen Gesänge nun endlich auf- 
gezeichnet wurden, und die letzten, jetzt ebenfalls schreibenden 
Orphiker. Die Renaissancekünstler und Humanisten sind die 
legitimen Nachfolger der Troubadours und Minnesänger, und es 
führt eine Linie wie von Arnold von Brescia zu Luther, so von 
Bertran de Born und Peire Cardinal über Petrarca zu Ariost. 
Die Burg ist zum Stadthause und der Ritter zum Patrizier ge- 
worden. Die ganze Bewegung haftet an Palästen, soweit sie Höfe 
sind; sie beschränkt sich auf die Ausdrucksgebiete, die für eine 
vornehme Gesellschaft in Betracht kamen; sie war heiter wie Ho- 
mer, weil sie höfisch war — Probleme sind schlechter Geschmack; 
Dante und Michelangelo haben wohl gefühlt, daß sie nicht dazu 
gehörten - — und sie dringt über die Alpen an die Höfe des Nor- 
dens vor, nicht weil sie Weltanschauung, sondern weil sie ein 
neuer Geschmack war. In der „nordischen Renaissance" der 
Handels- und Residenzstädte hat der feine Ton des italienischen 
Patriziats lediglich den des französischen Rittertums abgelöst. 



366 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Aber auch die letzten Reformatoren wie Savonarola und 
Luther waren städtische Mönche. Das unterscheidet sie bis 
ins Innerste von Joachim und Bernhard. Ihre städtische und 
geistige Askese leitet von der Einsiedelei stiller Täler zur Ge- 
lehrtenstube des Barock hinüber. Das mystische Erlebnis Luthers, 
aus dem seine Lehre von der Rechtfertigung hervorging, ist 
nicht das des heiligen Bernhard, der Wälder und Hügel um sich 
und Wolken und Sterne über sich sah, sondern das eines Mannes, der 
durch kleine Fenster auf Gassen, Hauswände und Giebel hinaus- 
blickt. Die weite, gotterfüllte Natur Hegt fern, jenseits der Stadt- 
mauer. Drinnen haust der vom Lande abgelöste freie Geist. Inner- 
halb des städtischen, steinumgebenen Wachseins haben sich Emp- 
finden und Verstehen feindselig gesondert, und die städtische Mystik 
der letzten Reformatoren ist durchaus die des reinen Verstehens, 
nicht des Auges, eine Verklärung der Begriffe, welche die farbigen 
Gestalten des frühen Mythus verblassen läßt. 

Aber eben deshalb ist sie in ihrer wirklichen Tiefe die Sache 
der Wenigsten. Nichts ist von der sinnlichen FüUe geblieben, 
die einst auch dem Ärmsten einen Halt bot. Die gewaltige Tat 
Luthers ist eine rein geistige Entscheidung. Er war nicht um- 
sonst auch der letzte große Scholastiker aus der Schule Occams.^) 
Er hat die faustische Persönlichkeit vollkommen befreit ; zw^ischen 
ihr und dem Unendlichen verschwindet die vermittelnde Person 
des Priesters. Sie ist jetzt ganz allein, ganz auf sich selbst ge- 
stellt, ihr eigener Priester und Richter. Aber das Volk konnte 
den befreienden Zug darin nur empfinden, nicht verstehen. Es 
hat, und zwar mit Begeisterung, das Zerbrechen sichtbarer 
Pflichten begrüßt; daß sie durch noch strengere, rein geistige 
Pflichten ersetzt wurden, begriff es nicht mehr. Franz von Assisi 
hat viel gegeben und wenig genommen, die städtischen Refor- 
matoren nahmen viel und gaben den meisten zu wenig zurück. 
Die heilige Kausalität des Bußsakraments ersetzte Luther 
durch das mystische Erlebnis der inneren Lossprechung „allein 
-durch den Glauben", Darin kommt er Bernhard von Clairvaux 
sehr nahe: Das ganze Leben eine Buße, nämlich eine ununter- 
brochene geistige Askese gegenüber der sichtbaren im äußeren 
Werke. Die innere Lossprechung haben beide als göttliches Wunder 

^) Boehmer, Luther im Lichte der neueren Forschung (1918) S. 54flF. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 367 

verstanden: Indem der Mensch sich verwandelt, verwandelt er 
auch Gott. Was aber keine rein geistige Mystik ersetzen kann, 
ist das Du draufsen, in der freien Natur. Sie haben beide er- 
mahnt: Du mußt auch glauben, daß Gott dir vergeben hat; aber 
für jenen wurde der Glaube durch die Macht des Priesters zum 
Wissen erhoben, für diesen sank er zum Zweifel, zur Verzweiflung 
herab. Dies kleine, aus dem Kosmischen abgelöste, in ein Einzel- 
dasein verschlagene Ich, allein in der schreckhaftesten Bedeutung, 
bedurfte der Nähe eines mächtigen Du und um so mehr, je 
schwächer der Geist war. Darin liegt die letzte Bedeutung des 
abendländischen Priesters, der seit 1215 durch das Sakrament 
der Priesterweihe und den char acter indelebilis aus der übrigen 
Menschheit herausgehoben war: eine Hand, mit der auch der 
Ärmste Gott ergreifen konnte. Diese sichtbare Verbindung 
mit dem Unendlichen hat der Protestantismus zerstört. Starke 
Geister eroberten es sich zurück, den Schwachen ging es lang- 
sam verloren. Bernhard, dem für sich das innere Wunder ge- 
lang, wollte doch den andern den milderen Weg nicht nehmen; 
gerade für seine lichte Seele war die Marienwelt überall in der 
lebendigen Natur das ewig Nahe und Hilfsbereite. Luther, der 
nur sich, nicht die Menschen gekannt hat, setzte an die Stelle 
der wirklichen Schwäche den geforderten Heroismus. Für ihn 
war das Leben ein verzweifelter Kampf gegen den Teufel und den 
forderte er von jedem. Und jeder stand in diesem Kampfe allein. 

Die Reformation hat die ganze lichte und tröstende Seite 
des gotischen Mythus beseitigt: den Marienkult, die Heiligen- 
verehrung, die Reliquien, die Bilder, die Wallfahrten, das Meß- 
opfer. Der Teufels- und Hexenmythus blieb, denn er war die 
Verkörperung und Ursache der inneren Qual, die nun erst zu 
ihrer letzten Größe heranwuchs. Die Taufe war wenigstens für 
Luther ein Exorzismus, das eigentliche Sakrament der Teufeis- 
bannung. Es entstand eine große, rein protestantische Teufels- 
literatur, i) Von dem Farbenreichtum der Gotik blieb das Schwarz, 
von ihren Künsten die Musik und zwar die Orgelmusik zurück. 
Aber an Stelle der mythischen Lichtwelt, deren hilfreiche Nähe 
der Volksglaube doch nicht entbehren konnte, tauchte nun aus 
längst verschollener Tiefe ein Stück des altgermanischen Mythus 

1) M. Osbom, Die Teufelsliteratur des 16. Jahrh. (1893). 



368 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

wieder auf. Es geschah so heimlich, daß es in seiner wahren 
Bedeutung noch gar nicht erkannt worden ist. Man sagt zu 
wenig, wenn man von Volkssage und Volksbrauch redet: Es war 
ein echter Mythus und ein echter Kultus, der in dem festen 
Glauben an Zwerge, Kobolde, Nixen, Hausgeister, schweifende 
Seelen, und in den mit heiliger Scheu geübten Riten, Opferhand- 
lungen und Bannungen steckt. In Deutschland wenigstens trat 
die Sage unbemerkt an Stelle des Marienmythus. Maria hieß 
nun Frau Holde und wo einst ein Heiliger gestanden hatte, er- 
schien jetzt der getreue Eckart. Im englischen Volk entstand 
etwas, das dort längst als Bibelfetischismus bezeichnet worden ist. 
Was Luther fehlte, ein ewiges Verhängnis für Deutschland, 
war der Blick für Tatsachen und die Kraft der praktischen 
Organisation. Er hat weder seine Lehre in ein klares System 
gebrächt noch die große Bewegung geleitet und ihr ein be- 
stimmtes Ziel gesetzt. Beides leistete allein sein großer Nach- 
folger Kalvin. Während die lutherische Bewegung im mittleren 
Europa führerlos weitertrieb, betrachtete er seine Herrschaft in 
Genf als den Ausgangspunkt einer planmäßigen Unterwerfung 
-der Welt unter das rücksichtslos zu Ende gedachte System des 
Protestantismus. Deshalb wurde er und er allein eine Weltmacht. 
Deshalb war es der Entscheidungskampf zwischen den Geistern 
Kalvins und Loyolas, der seit dem Untergang der spanischen 
Armada die Weltpolitik im Staatensystem des Barock und den 
Kampf um die Herrschaft der Meere völlig beherrscht hat. Während 
Reformation und Gegenreformation in Mitteleuropa um eine kleine 
Reichsstadt oder ein paar elende Schweizerkantone rangen, fielen 
in Kanada, an der Gangesmündung, am Kap, am Mississippi Ent- 
scheidungen zwischen Franki*eich, Spanien, England und den 
Niederlanden, in denen überall diese beiden großen Organisatoren 
der Spätreligion des Abendlandes sich gegenüberstanden. 

19 

Die geistige Gestaltungskraft der Spätzeit beginnt nicht mit, 
sondern nach der Reformation. . Ihre eigentlichste Schöpfung ist 
die freie Wissenschaft. Die Gelehrsamkeit w^ar noch für Luther 
durchaus anciUa fheologiae gewesen. Kalvin ließ den freigeistigen 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 369 

Arzt Servet verbrennen. Das Denken der ägyptischen, vedischen 
und orphischen Frülizeit empfand seine Bestimmung so, daß Kritik 
den Glauben zu bestätigen hatte. Gelang es nicht, so war das 
kritische Verfahren falsch. Wissen war gerechtfertigter, nicht 
widerlegter Glaube. 

Jetzt aber ist die kritische Kraft des städtischen Geistes so 
groß geworden, daß sie nicht mehr bestätigt, sondern prüft. Der 
Bestand an Glaubenswahrheiten, und zwar mit dem Verstand, 
nicht mit dem Herzen aufgenommen, wird das erste bloße Objekt 
zerlegender Geistestätigkeit, Das unterscheidet die Scholastik der 
Frühzeit von der wirklichen Pliilosophie des Barock und also auch 
neuplatonisches und islamisches, vedisches und brahmanisches, 
orphisches und vorsokratisches Denken. Die — man möchte sagen 
profane — Kausalität des Menschenlebens, der Umwelt, des Er- 
kennens wird Problem. Die ägyptische Philosophie des Mittleren 
Reiches hat in diesem Sinne den Wert des Lebens abgemessen; 
vielleicht war ihr die chinesische — vorkonfuzianische — Spät- 
philosophie (etwa 800 — 500 v. Chr.) nahe verwandt, von der nur das 
dem Kuan Tse (f 645) zugeschriebene Buch einen dunklen Begriff 
gibt. Ganz geringe Spuren deuten darauf hin, daß erkenntnis- 
theoretische und biologische Probleme im Mittelpunkt dieser 
echten und einzigen, ganz verschwundenen Philosophie Chhias 
gestanden haben. 

Innerhalb der Barockphilosophie steht die abendländische 
Naturwissenschaft ganz für sich. Etwas Ähnliches besitzt keine 
andere Kultur. Sicherlich war sie von Anfang an nicht die Magd 
der Theologie, sondern Dienerin des technischen Willens 
zur Macht und nur deshalb mathematisch und experimentell 
gerichtet und von Grund aus praktische Mechanik. Da sie durch 
und durch zuerst Technik ist und dann Theorie, so muß sie so 
alt sein wie der faustische Mensch überhaupt. Technische Arbeiten 
von einer erstaunlichen Energie der Kombination erscheinen schon 
um 1000. Schon im 13. Jahrhundert hat Robert Grosseteste den 
Raum als Funktion des Lichtes behandelt, Petrus Peregrinus 
1289 die bis auf Gilbert (1600) herab beste, experimentell be- 
gründete Abhandlung über den Magnetismus geschrieben und 
beider Schüler Roger Bacon eine naturwissenschaftliche Er- 
kenntnistheorie als Grundlage für seine technischen Versuche 

Spengler, Der Untergang des Abendlandes. II. 24 



370 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

entwickelt. Aber die Kühnheit im Entdecken dynamischer Zu- 
sammenhänge geht noch viel weiter. Das kopernikanische System 
ist in einer Handschrift von 1322 angedeutet und einige Jahr- 
zehnte darauf von den Schülern Occams zu Paris, Buridan, Albert 
von Sachsen und Nikolas von Oresme, in Verbindung mit der 
vorweggenommenen Mechanik Galileis mathematisch entwickelt 
worden.!) Man täusche sich nicht über die letzten Triebe, die 
all diesen Entdeckungen zugrunde liegen: das reine Schauen hätte 
des Experiments nicht bedurft, aber das faustische Symbol der 
Maschine, das schon im 12. Jahrhundert zu mechanischen Kon- 
struktionen trieb und das Perpetuum mobile zum Prometheus- 
gedanken des abendländischen Geistes gemacht hat, konnte es 
nicht entbehren. Die Arbeitshypothese ist immer das erste, 
gerade das, was für keine andre Kultur einen Sinn hatte. Man 
muß sich durchaus mit der erstaunlichen Tatsache vertraut 
machen, daß der Gedanke, jede Kenntnis von natürlichen Zu- 
sammenhängen sofort praktisch auszubeuten, den Menschen durch- 
aus fernliegt mit Ausnahme der faustischen und derer, die wie 
die Japaner, Juden und Russen heute unter dem geistigen Zauber 
ihrer Zivilisation stehen. Daß unser Weltbild dynamisch angelegt* 
ist, enthält schon den Begriff der Arbeitshypothese. Erst das 
zweite ist für jene grübelnden Mönche die Theorie, das wirk- 
liche „Schauen", und ganz unvermerkt, wie sie aus der tech- 
nischen Leidenschaft entstanden war, leitete sie nun hinüber zu 
der echt faustischen Auffassung Gottes als des großen Maschinen- 
meisters, der alles konnte, was sie selbst in ihrer Ohnmacht nur 
zu wollen wagten. Unvermerkt wird die Welt Gottes von einem 
Jahrhundert zum andern dem Perpetuum mobile ähnlicher. Und 
als, ebenfalls ganz unvermerkt, vor dem immer mehr durch Ex- 
periment und technische Erfahrung geübten Blick auf die Natur 
der gotische Mythus schattenhaft wurde, entstanden aus den Be- 
griffen mönchischer Arbeitshypothesen seit Galilei jene kritisch 
abgeklärten mimina der modernen Naturwissenschaft, die Stoß- 
und Fernkräfte, die Gravitation, die Lichtgeschwindigkeit, end- 
lich „die* Elektrizität, die im elektrodynamischen Weltbilde durch 
Einverleibung der übrigen Energieformen eine Art von physikali- 

») M. Baumgartner, Gesch. der Philos. des Mittelalters (1915) S. 425 ff., 
571 ff., 620 ff. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 371 



schem Monotheismus erreicht hat. Es sind die Begriffe, welche 
den Formeln unterlegt werden, um ihnen mythische Anschaulicli- 
keit zu verleihen. Die Zahlen selbst sind Technik, Hebel und 
Schrauben, abgelauschtes Weltgeheimnis. Das antike und jedes 
andre Naturdenken brauchte keine Zahlen, weil es keine Macht 
erstrebte. Die reine Mathematik des Pythagoras und Piaton 
steht zu den Naturansichten des Demokrit und Aristoteles in 
gar keiner Beziehung. 

Wie in der Antike Prometheus' Trotz gegen die Götter als 
Hybris, so ist vom Barock die Maschine als teuflisch empfunden 
worden. Der Höllengeist hatte dem Menschen das Geheimnis ver- 
raten, sich des Weltmechanismus zu bemächtigen und selbst den 
Gott zu spielen. Deshalb herrscht bei allen rein priesterlichen 
Naturen, die ganz im Reiche des Geistes leben und nichts von 
a dieser Welt" erwarten, vor allem bei den idealistischen Philo- 
sophen, den Klassizisten, den Humanisten, bei Kant, selbst bei 
Nietzsche, ein feindseliges Schweigen über die Technik. 

Jede späte Philosophie enthält den kritischen Protest gegen 
das unkritische Schauen der Frühzeit. Aber diese Kritik eines 
seiner Überlegenheit sicheren Geistes trifft auch den Glauben 
selbst und ruft die einzige große Schöpfung im Religiösen hervor, 
die Eigentum der Spätzeit ist und zwar jeder: den Puritanismus. 

Er erscheint im Heere Cromwells und seiner eisernen, bibel- 
festen, psalmensingend in die Schlacht ziehenden Independenten, 
im Kreise der Pythagoräer, die im bittren Ernst ihrer Pflichten- 
lehre das fröhliche Sybaris zerstörten und ihm für immer den 
Makel einer sittenlosen Stadt anhängten, im Heere der ersten 
Khalifen, das nicht nur Staaten, sondern auch die Seelen unter- 
warf. Mißtons Verlorenes Paradies, manche Suren des Koran, 
das wenige, was sich über pythagoräische Lehren feststellen 
läßt — das ist alles eins: Begeisterung eines nüchternen Geistes, 
kalte Glut, trockne Mystik, pedantische Ekstase. Aber noch 
einmal lodert doch eine wilde Frömmigkeit darin auf. Was die 
zur unbedingten Herrschaft über die Seele des Landes gelangte 
große Stadt an transzendenter Inbrunst aufbringen kann, das 
ist hier gesammelt, wie mit der Angst, daß es künstlich und 
vorübergehend ist, und deshalb ungeduldig, ohne Verzeihung, 
ohne Barmherzigkeit. Dem Puritanismus nicht nur des Abend- 

24* 



372 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

landes, sondern aller Kulturen fehlen das Lächeln, das die Re- 
ligion aller Frühzeiten verklärt hatte, die Augenblicke tiefer 
Lebensfreude, der Humor, Nichts von der stillen Glückseligkeit, 
die in magischer Frühzeit in den Kindheitsgeschichten Jesu oder 
bei Gregor von Nazianz so oft aufleuchtet, findet sich in den 
Suren des Koran, nichts von der versonnenen Heiterkeit der 
Gesänge des heiligen Franz bei Milton. Ein tödUcher Ernst ruht 
über den jansenistischen Geistern von Port Royal und den Ver- 
sammlungen der schwarzgekleideten Rundköpfe, die das old men-y 
England Shakespeares, auch ein Sybaris, in wenigen Jahren ver- 
nichtet haben. Der Kampf gegen den Teufel, dessen leibhafte Nähe 
sie alle fühlten, wurde erst jetzt mit einer finstren Erbitterung ge- 
führt. Im 17. Jahrhundert sind mehr als eine Million Hexen ver- 
brannt worden und nicht nur im protestantischen Norden und 
katholischen Süden, sondern auch in Amerika und Indien. Freudlos 
und gallig ist die Pflichtenlehre des Islam {fikh) mit ihrer harten 
Verständigkeit so gut wie die des Westminsterkatechismus( 1643) 
und die Ethik der Jansenisten (Jansens „Augustinus" 1640) — 
denn auch im Reiche Loyolas gab es mit innerer Notwendigkeit 
eine puritanische Bewegung. Religion ist erlebte Metaphysik, 
aber sowohl die Gemeinschaft der Heiligen, wie die Inde- 
pendenten sich nannten, als die Pythagoräer, als die Umgebung 
Mohameds erlebten sie nicht mit den Sinnen, sondern zuerst als Be- 
griff. Parshva, der um 600 v. Chr. am Ganges die Sekte der „Ent- 
fesselten" gründete, lehrte wie die andern Puritaner seiner Zeit, 
daß nicht Opfer und Riten, sondern allein die Erkenntnis der 
Identität von Atman und Brahman zur Erlösung führe. Ein zügel- 
loser und doch trockener allegorischer Geist ist in aller puri- 
tanischen Dichtung an die Stehe gotischer Visionen getreten. 
Der Begriff ist die wahre und einzige Macht im Wachsein dieser 
Asketen. Um Begriffe und nicht wie Meister Eckart um Gestalten 
ringt Pascal. Man verbrennt Hexen, weil sie bewiesen sind 
and nicht, weil man sie nachts in den Lüften sieht; die pro- 
testantischen Juristen wenden den Hexenhammer der Dominikaner 
an, weil er auf Begriffen errichtet ist. Die Madonnen der frühen 
Gotik waren den Betenden erschienen, die Madonnen Berninis 
hat niemand gesehen. Sie sind vorhanden, weil sie bewiesen sind, 
und man begeistert sich für diese Art von Existenz. CromweUs 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 373 

großer Staatssekretär Milton verkleidet Begriffe in Gestalten und 
Bunyan hat einen ganzen Begriffsmythus in eine ethisch-alle- 
gorische Handlung gebracht. Ein Sehritt weiter und man steht 
vor Kant, aus dessen Begriffsethik zuletzt der Teufel als Begriff 
in Gestalt des Radikal-Bösen herauswuchs. 

Man muß sich vom Oberflächenbilde der Geschichte befreien 
und ganz über die künstlichen Grenzen hinwegsetzen können, 
welche die Methodik abendländischer Einzelwissenschaften ge- 
zogen hat, um zu sehen, daß Pythagoras, Mohamed und Crom- 
well in drei Kulturen ein und dieselbe Bewegung verkörpern. 

Pythagoras war kein Philosoph. Nach allen Aussagen der vor- 
sokratischen Denker war er ein Heiliger, Prophet und Stifter 
eines fanatisch-religiösen Bundes, der seine Wahrheiten mit allen 
politischen und militärischen Mitteln der Umgebung aufzwang. 
In der Zerstörung von Sybaris durch Kroton, die sicherlich nur 
als Höhepunkt eines wilden Religionskrieges in der geschicht- 
lichen Erinnerung haften blieb, entlud sich derselbe Haß, der 
auch in Karl I. von England und seinen fröhlichen Kavalieren 
nicht nur eine Irrlehre, sondern auch die weltliche Gesinnung 
ausrotten wollte. Ein gereinigter und begrifflich befestigter Mythus 
mit einer rigorosen Sittenlehre verlieh den Auserwählten des 
Pythagoräerbundes die Überzeugung, vor allen andern zum Heil 
zu gelangen. Die in Thurioi und Petelia gefundenen Goldtäfelchen, 
welche den Leichen der Geweihten in die Hand gegeben wurden, 
enthielten die Versicherung des Gottes:" Seliger und Gebenedeiter, 
du wirst nicht mehr ein Sterblicher, sondern ein Gott sein. Es 
ist dieselbe Überzeugung, die der Koran all denen verlieh, die 
im heiligen Kriege gegen die Ungläubigen fochten — „das Mönch- 
tum des Islam ist der Religionskrieg" lautet ein Hadith des Pro- 
pheten — und mit welcher Cromwells Eisenseiten die „Philister 
und Amalekiter" des königlichen Heeres bei Marston Moor und 
Naseby zersprengten. 

Der Islam ist so wenig eine Wüstenreligion wie der Glaube 
Zwingiis eine Religion des Hochgebirges. Es ist ein Zufall, daß 
die puritanische Bewegung, für welche die magische Welt reif 
geworden war, von einem Manne aus Mekka und weder von einem 
Monophysiten noch Juden ausging. Denn im nördlichen Arabien 
lagen die christlichen Staaten der Ghassaniden und Lachmiden, 



374 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



und im sabäischen Süden wurden christlich-jüdische Religions- 
kriege geführt, an denen die Staatenwelt von Axum bis zum 
Sassanidenreich beteiligt war. Auf dem Fürstenkongreß vonMarib^) 
wird kaum ein Heide erschienen sein, und bald darauf kam Süd- 
arabien unter persische, also mazdaische Verwaltung. Mekka war 
eine kleine Insel altarabischen Heidentums mitten in einer Welt 
von Juden und Christen, ein kleiner Rest, der längst von den 
Gedanken der großen magischen Religionen durchsetzt war. Das 
wenige, was von diesem Heidentum in den Koran eindrang, ist durch 
den Kommentar der Sunna und ihren syrisch-mesopotamischen 
Geist später forterklärt worden. Der Islam ist eine neue Religion 
fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum eine war. In Wirk- 
lichkeit setzt er die großen Frühreligionen fort. Und ebensowenig 
ist seine Ausbreitung, wie immer noch geglaubt wird, eine Völker- 
wanderung, die von der arabischen Halbinsel ausgeht, sondern 
ein Ansturm begeisterter Bekenner, der lawinengleich die Christen, 
Juden und Mazdaisten mit sich reißt und als fanatische Moslime 
alsbald an der Spitze führt. Es waren Berber aus der Heimat 
Augustins, die Spanien eroberten, und Perser aus dem Irak, die 
zum Oxus vordrangen. Die Feinde von gestern wurden die Vor- 
kämpfer von morgen. Die meisten „Araber", die 717 zum ersten 
Male Byzanz angriffen, sind als Christen geboren worden. 650 er- 
lischt mit einem Schlage die byzantinische Literatur, 2) ohne daß 
der tiefere Sinn davon bis jetzt bemerkt worden wäre: diese 
Literatur setzte sich in der arabischen fort; die Seele der magischen 
Kultur fand endlich im Islam ihren wahren Ausdruck. Damit ist 
diese Kultur wirklich „arabisch" und endgültig von der Pseudo- 
morphose erlöst worden. Der vom Islam geführte, von Monophysiten 
und Juden längst vorbereitete Bildersturm fährt auch über Byzanz 
hin, wo der Syrer Leo III. (717 — 41) diese puritanische Bewegung 
islamisch-christlicher Sekten, der Paulikianer (um 650) und spä- 
teren Bogomilen, zur Herrschaft brachte. 

Die großen Gestalten der Umgebung Mohameds wie Abu 
Bekr und Omar sind durchaus den puritanischen Führern der 
englischen Revolution wie John Pym und Hampden verwandt, 
und diese Ähnlichkeit der Gesinnung und Haltung würde noch 
größer sein, wüßten wir mehr von den Hanifen, den arabischen 

') 542, vgl. S. 238. . -) Krumbacher, Byzant. Literaturgesch. S. 12. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 375 



Puritanern vor und neben Mohamed. Sie besaßen alle das Be- 
wußtsein einer grofsen Sendung, das sie Leben und Besitz ver- 
achten liefs; sie hatten alle aus der Prädestination für sich die 
Bürgschaft gewonnen, die Auserwählten Gottes zu sein. Der 
großartig alttestamentliche Schwung iri den Parlamenten und 
Heerlagern der Independenten, der noch im 19. Jahrhundert in 
vielen englischen Familien den Glauben zurückgelassen hatte, 
daß die Engländer Nachkommen der zehn Stämme Israels seien, 
ein Volk von Heiligen, dem die Lenkung der Welt bestimmt sei, 
hat auch die Auswanderung nach Amerika beherrscht, die mit 
den Pilgervätern von 1620 ihren Anfang nahm; er hat das ge- 
schaffen, was man heute die amerikanische Religion nennen darf, 
und das herangezüchtet, was der Engländer noch jetzt an politischer 
ünbedenkhchkeit besitzt, die ganz religiös auf der Gewißheit der 
Prädestination gegründet ist. Selbst die Pythagoräer haben — 
etwas Unerhörtes in der antiken Religionsgeschichte — die poli- 
tische Macht zu religiösen Zwecken in die Hand genommen und 
den Puritanismus von Polis zu Polis durchzusetzen versucht. 
Überall sonst gab es Einzelkulte in Einzelstaaten, von denen 
jeder den andern in seinen religiösen Übungen unbeachtet ließ; 
nur hier findet sich eine Gemeinschaft von Heiligen, deren prak- 
tische Energie über die der alten Orphiker ebensoweit hinaus- 
geht wie die independentische Kampfbegeisterung über die der 
Reformationskriege. 

Aber im Puritanismus liegt schon der Rationalismus ver- 
borgen, der nach einigen Generationen der Begeisterung überall 
hervorbricht und die Herrschaft an sich nimmt. Es ist der Schritt 
von Cromwell zu Hume. Nicht die Stadt überhaupt, auch nicht 
die große Stadt, sondern einzelne wenige Städte sind nun Schau- 
platz der Geistesgeschichte geworden, das sokratische Athen, 
das Bagdad der Abbassiden, das London und Paris des 18, Jahr- 
hunderts. Aufklärung ist das Wort für diese Zeit, die Sonne 
bricht hervor — aber was ist es, was da am Himmel des kri- 
tischen Bewußtseins abzieht? 

Rationalismus bedeutet den Glauben allein an die Ergebnisse 
des kritischen Verstehens, also an den „Verstand". Wenn in 
einer Frühzeit das credo quia absurdum ausgesprochen wurde, 
so lag darin die Gewißheit, daß Begreifliches und Unbegreifliches 



376 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

erst zusammen die Welt bilden, die Natur, die Giotto malte, in 
welche die Mystiker sich versenkten, in welche der Verstand 
nur so tief dringen kann, als die Gottheit es gestattet. Jetzt ent- 
steht aus einem stillen Ärger der Begriff des Irrationalen ; es ist 
das, was durch seine Unbegreiflichkeit bereits entwertet ist. Man 
kann es als Aberglauben offen oder als Metaphysik heimlich ver- 
achten; Wert besitzt nur das kritisch gesicherte Verstehen. Und 
Geheimnisse sind nichts als Beweise der Unwissenheit. Die neue 
geheimnislose Religion heifat in ihren höchsten Möglichkeiten 
Weisheit, oocpia; ihr Priester ist der Philosoph und ihr Anhänger 
der Gebildete. Nur für den Ungebildeten ist die alte Religion 
unentbehrlich, meint Aristoteles,') und das ist durchaus die 
Meinung von Konfuzius und Gotamo Buddha, Lessing und Vol- 
taire. Man kehrt zur Natur zurück, von aller Kultur, aber es 
ist keine erlebte, sondern eine bewiesene, aus dem Verstand ge- 
borene und ihm allein zugängliche Natur, die für das Bauerntum 
gar nicht vorhanden ist, und man wird von ihr nicht erschüttert^ 
sondern in eine empfindsame Stimmung versetzt. Natürliche 
Religion, Vernunftreligion, Deismus, das ist alles nicht erlebte 
Metaphysik, sondern begriffene Mechanik, das, was Konfuzius 
„Gesetze des Himmels" und der Hellenismus Tyche nennt. Einst 
war Philosophie die Dienerin der jenseitigsten Religiosität, jetzt 
kommt die Empfindung auf, Philosophie müsse Wissenschaft sein, 
nämlich Erkenntniskritik, Naturkritik, Wertkritik. Zwar fühlt 
man, daß sie auch jetzt nichts ist als abgeschwächte Dogmatik, 
Glaube an ein Wissen, das reines Wissen sein möchte. Man 
spinnt Systeme aus scheinbar gesicherten Anfängen heraus, aber 
man sagt zuletzt doch nur statt Gott Kraft und statt Ewigkeit 
Erhaltung der Energie. Allem antiken Rationalismus liegt der 
Olymp, allem abendländischen die Lehre von den Sakramenten 
zugrunde. Deshalb schwankt diese Philosophie hin und her 
zwischen Religion und Fachwissenschaft und wird in jedem FaUe 
anders definiert, je nachdem der Urheber noch etAvas vom Priester 
und Seher in sich hat oder reiner Fachmann und Techniker de» 
Denkens ist. 

„Weltanschauung" ist der eigentliche Ausdruck für ein auf- 
geklärtes Wachsein, das unter Leitung des kritischen Verstehena 

»TlletrXI, 8 p. 1074 b 1. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 377 



sich in einer götterlosen Licht weit umsieht und die Sinne Lügen 
straft, sobald sie etwas empfinden, was der gesunde Menschen- 
verstand nicht anerkennt. Was einst Mythus war, das Wirklichste 
des Wirklichen, unterliegt jetzt der Methode des Euhemerismus, 
die nach jenem Gelehrten ihren Namen trägt, welcher um 300 v. Chr. 
die antiken Gottheiten für Menschen erklärte, die sich einst ver- 
dient gemacht hatten. In irgend einer Form erseheint dies Ver- 
fahren in jeder aufgeklärten Zeit. Es ist euhemeristisch, wenn 
die Hölle als das böse Gewissen, der Teufel als die böse Lust 
und Gott als die Schönheit der Natur gedeutet werden. Dahin 
gehört es auch, wenn auf attischen Grabsteinen um 400 an Stelle 
der Stadtgöttin Athene eine Göttin Demos angerufen wird — 
was andrerseits der jakobinischen Göttin Vernunft sehr nahe 
kommt — wenn Sokrates von seinem Daimonion und andre Denker 
dieser Zeit vom Novg statt von Zeus sprechen. Konfuzius sagt 
„Himmel" statt Schang ti, das heißt er glaubt nur an Natur- 
gesetze. Ein ungeheuerhcher Akt des Euhemerismus ist die 
„Sammlung" und „Ordnung" der kanonischen Schriften Chinas 
durch die Konfuzianer, die in Wirklichkeit eine Vernichtung fast 
aller alten religiösen Werke und die rationalistische Verfälschung 
des Restes bedeutete. Wäre es möglich gewesen, so hätten die 
Aufklärer des 18. Jahrhunderts sich ebenso um das Erbe der 
Gotik verdient gemacht. ') Konfuzius gehört durchaus in das 
„18. Jahrhundert" Chinas. Laotse, der ihn verachtet, steht in- 
mitten des Taoismus, einer Bewegung, die nacheinander pro- 
testantische, puritanische und pietistische Züge zum Vorschein 
gebracht hat, und beide verbreiten zuletzt eine praktische Welt- 
stimmung auf dem Hintergrunde einer ganz mechanistischen Welt- 
anschauung. Das Wort Tao hat seine Grundbedeuv^ung im Verlauf 
der chinesischen Spätzeit ebenso beständig verändert, und zwar 
in mechanistischer Richtung, wie „Logos" in der antiken Geistes- 
geschichte von Heraklit bis Poseidonios und „Kraft" von Galilei 
bis zur Gegenwart. Was einst Mythus und Kultus grofsen Stils 
gewesen war, heißt in dieser Religion der Gebildeten Natur und 



') Khalifen wie AI Maimun (813—33) und die letzten Ommaijaden wären 
mit etwas Ähnlichem für den Islam durchaus einverstanden gewesen. Es gab 
damals in Bagdad einen Klub, in dem Christen, Juden, Moslime und Atheisten 
debattierten und die Berufung auf Bibel und Koran nicht gestattet war. 



378 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Tugend, aber Natur ist ein vernünftiger Mechanismus und 
Tugend ist Wessen: darüber sind Konfuzius, Buddha, Sokrates 
und Rousseau einer Meinung. Von Gebet und Betrachtungen über 
das Leben nach dem Tode hielt Konfuzius wenig, von Offen- 
barungen gar nichts. Wer sich viel mit Opfern und Kulten be- 
schäftigt, ist ungebildet und unvernünftig. Gotamo Buddha und 
sein Zeitgenosse Mahavira, der Stifter des Jainismus, die beide 
aus der Staatenwelt am unteren Ganges, östlich vom alten brah- 
manischen Kulturgebiet stammten, haben bekanntlich weder den 
Gottesbegriff noch einen Mythus und Kultus anerkannt. Von der 
wahren Lehre Buddhas ist wenig mehr festzustellen. Alles er- 
scheint in die Farbe der späteren Fellachenreligion seines Namens 
getaucht. Aber einer der zweifellos echten Gedanken über das 
„ursachmäßige Entstehen" ist die Ableitung des Leidens aus dem 
Nichtwissen, nämlich der „vier edlen Wahrheiten". Das ist 
echter Rationalismus. Nirwana ist bei ihm eine rein geistige Ab- 
lösung und entspricht durchaus der Autarkeia und Eudaimonia 
der Stoiker. Es ist der Zustand des verstehenden Wachseins, 
für welchen das Dasein nicht mehr vorhanden ist. 

Für den Gebildeten solcher Zeiten ist der Weise das große 
Ideal. Der Weise kehrt zur Natur zurück, nach Ferney oder 
Ermenonville, in attische Gärten oder indische Wälder; es ist die 
geistigste Art, Großstädter zu sein. Der Weise ist der Mensch 
der rechten Mitte. Seine Askese besteht in einer maßvollen 
Geringschätzung der Welt zugunsten der Meditation. Die Weis- 
heit der Aufklärung wird nie die Bequemlichkeit stören. Moral 
auf dem Hintergrunde des großen Mythus war immer ein Opfer, 
ein Kult, bis zur härtesten Askese, bis- zum Tode. Tugend auf 
dem Hintergrunde der Weisheit ist eine Art von heimlichem Ge- 
nuß, ein feinster, geistigster Egoismus, und damit wird aus dem 
Sittenlehrer jenseits der echten Religion ein Philister. Buddha, 
Konfuzius, Rousseau sind Erzphilister bei aller Erhabenheit ihrer 
Gedankengänge, und nichts kann über die Pedanterie der sokra- 
tischen Lebensweisheit hinweghelfen. 

Zu dieser, man möchte sagen Scholastik des gesunden 
Menschenverstandes gehört mit innerer Notwendigkeit eine ratio- 
nalistische Mystik der Gebildeten. Die Aufidärung des Abend- 
landes ist englischen Ursprungs und das Ergebnis des Puritanismus: 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 379 



Von Locke geht der gesamte Rationalismus des Festlands aus. 
Gegen ihn vor allem lehnen sich in Deutschland die Pietisten 
auf (seit 1700 die Herrnhuter Brüdergemeinde, Spener undFrancke, 
in Württemberg Oetinger), in England die Methodisten (1738 Wes- 
ley von Herrnhut aus „erweckt"). Es ist wieder der Unterschied 
von Luther und Kalvin, daß diese sich alsbald zu einer Welt- 
bewegung organisierten und jene in mitteleuropäischen Konven- 
tikeln verloren. Die Pietisten des Islam finden sich im Sufismus, 
der nicht „persischen", sondern allgemein aramäischen Ursprungs 
ist und sich im 8. Jahrhundert von Syrien aus über die ganze 
arabische Welt verbreitet. Pietisten oder Methodisten sind die in- 
dischen Laien, die kurz vor Buddha die Erlösung vom Kreislauf des 
Lebens {sansard) durch Versenkung in die Gleichheit von Brah- 
man und Atman lehrten, aber auch Laotse und seine Anhänger 
und trotz ihres Rationalismus die kynischen Bettelmönche und 
Wanderprediger und die stoischen Erzieher, Hausgeistlichen und 
Beichtväter des frühen Hellenismus. ^) Es sind Steigerungen 
möglich bis zur rationalistischen Vision, deren klassisches Bei- 
spiel Swedenborg ist, die bei den Stoikern und Sutis eine ganze 
religiöse Phantasiewelt hervorgebracht hat und die Umbildung 
des Buddhismus zum Mahayana vorbereitet. Die Entwicklung 
des Buddhismus und Taoismus in ihrer ursprünglichen Bedeutung 
ist der methodistischen in Amerika sehr ähnlich, und es ist kein 
Zufall, daß beide am unteren Ganges und südlich des Jang- 
tsekiang, also in den jungen Siedelungsgebieten beider Kulturen 
zur vollen Blüte gelangt sind. 

20 

Zwei Jahrhunderte nach dem Puritanismus steht die mecha- 
nistische Weltauffassung auf ihrem Gipfel. Sie ist die wirkliche Reli- 
gion der Zeit. Auch wer jetzt noch überzeugt ist, im alten Sinne 
rehgiös zu sein, „an Gott zu glauben", täuscht sich nur über 
die Welt, in der sich sein Wachsein spiegelt. Religiöse Wahr- 
heiten sind in seinem Verstehen immer mechanistische Wahr- 
heiten, und meist ist es nur die Gewohnheit der Worte, welche 
die wissenschaftlich gesehene Natur mythisch überfärbt. Kultur ist 

') Gercke-Norden, Einl. in die Altertumswiss. II, S. 210. 



380 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

immer gleichbedeutend mit religiöser Gestaltungskraft. Jede große 
Kultur beginnt mit einem gewaltigen Thema, das sich aus dem stadt- 
losen Lande erhebt, in den Städten mit ihren Künsten und Denk- 
weisen vielstimmig durchgeführt wird und in den Weltstädten 
im Finale des Materialismus ausklingt. Aber selbst die letzten 
Akkorde halten streng die Tonart des Ganzen fest. Es gibt einen 
chinesischen, indischen, antiken, arabischen, abendländischen 
Materialismus, der in jedem einzelnen Falle nichts ist, als die 
ursprüngliche mythische Gestaltenfülle, unter Abziehung alles 
Erlebten und Erschauten mechanistisch gefaßt. 

Yang Dschu hat in diesem Sinne den konfuzianischen Rationalis- 
mus zu Ende gedacht. Das System des Lokayata setzt die dem 
Gotamo Buddha, Mahavira und den übrigen Pietisten ihrer Zeit ge- 
meinsame Verachtung der entseelten Welt ebenso fort, wie diese Ver- 
achtung den Atheismus der Sankhyalehre. Sokrates ist so gut der 
Erbe der Sophisten wie der Ahnherr der kynischen Wanderprediger 
und der pyrrhonischen Skepsis, Es ist stets die Überlegenheit 
des mit dem Irrationalen endgültig fertig gewordenen Weltstadt- 
geistes, der mit Verachtung auf jedes Wachsein herabsieht, das 
noch Geheimnisse kennt und anerkennt. Gotische Menschen 
schauerten auf Schritt und Tritt vor dem Unergründlichen zurück, 
das in den Wahrheiten der Lehre nur noch ehrfurchtgebietender 
vor sie hin trat. Aber selbst der moderne Katholik empfindet 
diese Lehre nun als System, das alle Welträtsel gelöst hat. Das 
Wunder erscheint ihm gleichsam als physikalisches Ereignis 
höherer Ordnung, und ein englischer Bischof glaubt an die Mög- 
Hchkeit, die elektrische Kraft und die Kraft des Gebets aus 
einem einheitlichen Natursystem ableiten zu können. Es ist der 
Glaube allein an Kraft und Stoff, auch wenn man die Worte Gott 
und Welt oder Vorsehung und Mensch gebraucht. 

Ganz für sich steht wieder der faustische Materialismus im 
engeren Sinne, in dem die technische Weltanschauung ihre Voll- 
endung erreicht hat. Die ganze Welt als dynamisches System, 
exakt, mathematisch angelegt, experimentell bis in die letzten 
Ursachen aufzuschließen und in Zahlen zu fassen, so daß der 
Mensch sie beherrschen kann: das unterscheidet diese Rückkehr 
zur Natur von jeder andern. Wissen ist Tugend — das glaubten 
auch Konfuzius, Buddha und Sokrates. Wissen ist Macht — das 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 381 

hat nur innerhalb der europäisch-amerikanischen Zivilisation 
«inen Sinn. Diese Rückkehr zur Natur bedeutet die Ausschaltung 
aller Mächte, die zwischen der praktischen Intelligenz und der 
Natur stehen. Überall sonst hat sich der Materialismus begnügt, 
scheinbar einfache Einheiten anschaulich oder begrifflich fest- 
zustellen, deren kausales Spiel alles ohne jeden Kest von Ge- 
heimnis erklärt, und das Übernatürliche auf Unwissenheit zurück- 
zuführen. Aber der große Verstandesmythus von Energie und 
Masse ist zugleich eine ungeheure Arbeitshypothese. Er zeichnet 
das Naturbild so, daß man es gebrauchen kann. Das Schicksal- 
hafte wird als Evolution, Entwicklung, Fortschritt mechanisiert 
und mitten in das System gestellt, der Wille ist ein Eiweiß- 
prozeß, und alle diese Lehren, nenne man sie Monismus, Dar- 
winismus, Positivismus, erheben sich damit zu einer Zweck- 
mäßigkeitsmoral, die dem amerikaniscjien Geschäftsmann und 
englischen Politiker ebenso einleuchtet wie dem deutschen Fort- 
schrittsphilister und die im letzten Grunde nichts ist als eine 
inteUektuelle Karikatur der Rechtfertigung durch den Glauben. 
Der Materialismus würde nicht vollständig sein ohne das Be- 
dürfnis, die geistige Spannung hin und wieder loszuwerden, sich 
in mythische Stimmungen fallen zu lassen, irgend etwas Kultisches 
zu betreiben, um zur Innern Entlastung den Reiz des Irrationalen, 
des Wesensfremden, des Absonderlichen, wenn es sein muß, auch 
des Albernen zu genießen. Was in der Zeit etwa des Meng Tse 
(372 — 289) und der ersten buddhistischen Brüdergemeinden noch 
jetzt deutlich hervortritt, gehört in ganz derselben Bedeutung 
auch zu den wichtigsten Zügen des Hellenismus. Um 312 wurde 
in Alexandria von dichtenden Gelehrten in der Art des Kallimachos 
der Sarapiskult erfunden und mit einer ausgeklügelten Legende 
versehen. Der Isiskult im republikanischen Rom war etwas, das 
man mit dem nachmaligen Kult der Kaiserzeit und mit der sehr 
ernsten Isisreligion Ägyptens nicht verwechseln darf, nämlich 
ein religiöser Zeitvertreib der guten Gesellschaft, der den Anlaß 
teils zu öffentlichem Spott gab, teils zu Skandalen und zur 
Schließung des Kultgebäudes, die 59 — 48 viermal angeordnet 
wurde. Die chaldäische Astrologie war damals eine Mode, weit 
entfernt von dem echt antiken Orakelglauben und dem magischen 
Glauben an die Macht der Stunde. Es war „Entspannung"; man 



382 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



machte sich und anderen etwas vor, und dazu kamen die zahl- 
losen Charlatane und Schwindelpropheten, die alle Städte durch- 
zogen und mit wichtigtuenden Bräuchen den Halbgebildeten eine 
religiöse Erneuerung einzureden suchten. Dem entspricht in der 
heutigen europäisch-amerikanischen Welt der okkultistische, und 
theosophische Schwindel, die amerikanische Christian Science, 
der verlogene Salonbuddhismus, das religiöse Kunstgewerbe, das 
in Deutschland mehr noch als in England mit gotischen, spät- 
antiken und taoistischen Stimmungen in Kreisen und Kulten be- 
trieben wird. Es ist überall das bloße Spiel mit Mythen, an die 
man nicht glaubt, und der bloße Geschmack an Kulten, mit denen 
man die innere Öde ausfüllen möchte. Der wirkliche Glaube ist 
noch immer der an Atome und Zahlen, aber er bedarf des ge- 
bildeten Hokuspokus, um auf die Länge ertragen zu werden. 
Der Materialismus ist flach und ehrlich, das Spielen mit Religion 
ist flach und unehrlich; aber damit, daß es überhaupt möglich 
ist, verweist es schon auf ein neues und echtes Suchen, das sich 
leise im zivilisierten Wachsein meldet und zuletzt deutlich an den 
Tag tritt. 

Was nun folgt, nenne ich die zweite Religiosität. Sie 
erscheint in allen Zivilisationen, sobald diese zur vollen Aus- 
bildung gelangt sind und langsam in den geschichtslosen Zustand 
hinübergehen, für den Zeiträume keine Bedeutung mehr haben. 
Daraus ergibt sich, daß die abendländische Welt von dieser Stufe 
noch um viele Generationen entfernt ist. Die zweite Religiosität ist 
das notwendige Gegenstück zum Cäsarismus, der endgültigen 
politischen Verfassung später Zivilisationen. Sie wird dem- 
nach in der Antike etwa von Augustus an sichtbar, in China etwa 
mit Schi Hoang Ti. Beiden Erscheinungen fehlt die schöpferische 
Urkraft der frühen Kultur. Ilire Größe liegt dort in der tiefen 
Frömmigkeit, welche das ganze Wachsein ausfüUt — Herodot 
nannte die Ägypter die frömmsten Menschen der Welt, und den- 
selben Eindruck machen China, Indien und der Islam auf den 
heutigen Westeuropäer — und hier in der fessellosen Gewalt un- 
geheuerster Tatsachen, aber die Schöpfungen dieser Frömmigkeit 
sind ebensowenig etwas Ursprüngliches wie die Form des römischen 
Imperiums. Es wird nichts aufgebaut, es entfaltet sich keine Idee, 
sondern es ist, als zöge ein Nebel vom Lande ab und die alten 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 383 



Formen träten erst ungewiß, dann immer klarer wieder hervor. 
Die zweite Religiosität enthält, nur anders erlebt und ausgedrückt, 
wieder den Bestand der ersten, echten und frühen. Zuerst ver- 
liert sich der Rationalismus, dann kommen die Gestalten der 
Frühzeit zum Vorschein, zuletzt ist es die ganze Welt der primi- 
tiven Religion, die vor den großen Formen des Frühglaubens 
zurückgewichen war und nun in einem volkstümlichen Synkretis- 
mus, der auf dieser Stufe keiner Kultur fehlt, mächtig wieder 
hervordringt. 

Jede Auf Idärung schreitet von einem schrankenlosen Ver- 
standesoptimismus, der stets mit dem Typus des Großstadtmenschen 
verbunden ist, zur unbedingten Skepsis fort. Das suveräne Wach- 
sein, das durch Gemäuer und Menschenwerk rings von der leben- 
digen Natur und von dem Lande unter sich abgeschnitten ist, 
erkennt nichts an außer sich. Es übt Kritik an seiner vorgestellten, 
vom alltäglichen Sinneserleben abgezogenen Welt und zwar so 
lange, bis es das letzte und feinste gefunden hat, die Form der 
Form — sich selbst, also nichts. Damit sind die Möglichkeiten 
der Physik als des kritischen Weltverstehens erschöpft und der 
Hunger nach Metaphysik meldet sich wieder. Aber es ist nicht 
der religiöse Zeitvertreib gebildeter und literaturgesättigter Kreise 
und überhaupt nicht der Geist, aus dem die zweite Religiosität 
hervorgeht, sondern ein ganz unbemerkter und von selbst ent- 
stehender naiver Glaube der Massen an irgendwelche mythische Be- 
schaffenheit des Wirklichen, für die alle Beweisgründe ein Spiel 
mit Worten, etwas Dürftiges und Langweiliges zu sein beginnen, 
und zugleich ein naives Herzensbedürfnis, dem Mythus mit einem 
Kultus demütig zu antworten. Die Formen beider können weder 
vorausgesehen noch willkürlich gew^ählt werden. Sie erscheinen 
von selbst, und wir sind weit von ihnen entfernt.') Aber die 
Meinungen von Comte und Spencer, der Materialismus, Monismus 
und Darwinismus, die im 19. Jahrhundert die Leidenschaft der 
besten Geister gew^eckt hatten, sind heute doch schon die Welt- 
anschauung der Provinz geworden. 



') Wenn aber heute schon etwas diese Formen ahnen läßt, die selbst- 
verständlich zu gewissen Elementen des gotischen Christentums zurückleiten, 
so ist es nicht der Literatengeschmack an spätindischer und spätchinesischer 
Spekulation, sondern z. B. der Adventismus und ähnliche Sekten. 



384 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

Die antike Philosophie hatte um 250 v. Chr. ihre Gründe er- 
schöpft. Das „Wissen" ist von nun an nicht mehr ein beständig 
durchgeprüfter und vergrößerter Besitz, sondern der zur Gewohn- 
heit gewordene Glaube daran, der durch altgewohnte Methoden 
immer wieder Überzeugungskraft erhält. Zur Zeit des Sokrates gab 
es den Rationalismus als Religion der Gebildeten. Darüber stand 
die gelehrte Philosophie, darunter der , Aberglaube" der Massen. 
Jetzt entwickelt sich die Philosophie zu einer geistigen, der 
Synkretismus des Volkes zu einer handgreiflichen Religiosität von 
ganz derselben Tendenz, und zwar dringen Mythenglaube und 
Frömmigkeit hinauf, nicht hinab. Die Philosophie hat viel zu emp- 
fangen und wenig zu geben. Die Stoa war vom Materialismus der 
Sophisten und Kyniker ausgegangen und hatte den gesamten My- 
thus allegorisch erklärt, aber schon von Kleanthes (f 232) stammt 
das Tischgebet an Zeus,i) eins der schönsten Stücke der antiken 
zweiten Religiosität. Zur Zeit von Sulla gab es einen durch und 
durch religiösen Stoizismus höherer Kreise und einen synkretisti- 
schen Volksglauben, der phrygische, syrische, ägyptische Kulte und 
zahllose antike, damals fast vergessene Mysterien verband, und 
das entspricht genau der Entwicklung der aufgeklärten Weisheit 
Buddhas zum Hinayana der Gelehrten und Mahayana der Menge, 
und dem Verhältnis des lehrhaften Konfuzianismus zum Taois- 
mus, der sehr bald das Gefäß des chinesischen Synkretismus ge- 
worden ist. 

Gleichzeitig mit dem „Positivisten" MengTse (372—289) be- 
ginnt plötzlich eine mächtige Bewegung von Alchymie, Astrologie 
und Okkultismus. Es ist längst eine berühmte Streitfrage, ob 
hier etwas Neues erscheint oder der frühchinesische Mythensinri 
wieder durchbricht, aber die Antwort kann durch einen Blick 
auf den Hellenismus gegeben werden. Dieser Synkretismus tritt 
„gleichzeitig" in der Antike, in Indien, in China, im volkstüm- 
lichen Islam auf. Er setzt sich überall an rationalistische Lehren 
an — die Stoa, Laotse, Buddha — und durchsetzt sie mit bäuer- 
lichen, frühzeitlichen und exotischen Motiven jeder denkbaren 
Art. Der antike Synkretismus, der von dem der späteren magi- 
schen Pseudomorphose wohl zu unterscheiden ist, 2) holte sich seit 
200 v. Chr. Motive aus der Orphik, aus Ägypten, aus Syrien: 

») V. Arnim, Stoic. vet. fragm. 537. *) S. 243. 



PROBLEME DER ARABISCHEN BXTLTÜR 385 

der chinesische hat 67 n. Chr. den indischen Buddhismus in der 
volkstümhchen Form des Mahayana eingeführt, wobei die heihgen 
Schriften als Zaubermittel und die Buddhafiguren als Fetische 
für kräftiger galten, weil sie fremd waren. Die ursprüngliche 
Lehre des Laotse verschwindet sehr rasch. Zu Beginn der Han- 
zeit (um 200 V. Chr.) werden die Scharen der Sen aus moralischen 
Vorstellungen zu gütigen Wesen. Die Wind-, Wolken-, Donner-, 
Regengötter kommen wieder. Massenhafte Kulte bürgern sich 
ein, durch welche die bösen Geister mit Hilfe der Götter aus- 
getrieben werden. Damals entstand und zwar sicherlich aus einem 
Grundbegriff der vorkonfuzianischen Philosophie der Mythus von 
Panku, dem Urprinzip, von dem die Reihe der mythischen Kaiser 
abstammt. Eine ähnliche Entwicklung nahm bekanntlich der 
Logosbegriff, 1) 

Die von Buddha gelehrte Theorie und Praxis der Lebens- 
führung war aus Weltmüdigkeit und intellektuellem Ekel hervor- 
gegangen und stand zu religiösen Fragen in gar keiner Beziehung, 
aber schon zu Beginn der indischen „Kaiserzeit" um 250 v. Chr. 
war er selbst ein sitzendes Götterbild geworden, und an Stelle 
der nur dem Gelehrten verständlichen Nirwanatheorie traten mehr 
und mehr handfeste Lehren von Himmel, Hölle und Erlösung, die 
zum Teil vielleicht ebenfalls der Fremde, nämlich der persischen 
Apokalyptik entlehnt sind. Schon zu Asokas Zeit gab es achtzehn 
buddhistische Sekten. Der Erlösungsglaube des Mahayana hat in 
dem Dichter und Gelehrten Asvagoscha (um 50 v. Chr.) den ersten 
großen Verkünder, in Nagandschuna (um 150 n. Chr.) den eigent- 
lichen Vollender gefunden. Aber daneben wanderte die ganze Masse 
urindischer Mythen wieder zurück. Die Vischnu- und die Shiva- 
religion waren um 300 v. Chr. schon deutlich ausgebildet und 
zwar in synkretistischer Form, so dafs die Krishna- und die Rama- 
legende nun auf Vischnu übertragen werden. Dasselbe Schauspiel 
bietet sich im ägyptischen Neuen Reiche, wo der Amon von 
Theben den Mittelpunkt eines mächtigen Synkretismus bildet, 
und im Arabertum der Abbassidenzeit, wo die Volksreligion mit 

') Das Lü-shi Tschun-tsiu des Lü-pu-wei (f 237 v. Chr., chiuesisclie Augustus- 
zeit) ist das erste Denkmal des Synkretismus, dessen Niederschlag das während 
der Hanzeit entstandene Ritualwerk Li-ki ist (B. Schindler, Das Priestertum im 
alten China I, S. 93). 

Spengler, Der Uutergang des Abendlandes. II. 25 



386 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

ihren Vorstellungen von Vorhölle, Hölle, Weltgericht, der himm- 
lischen Kaaba, dem Logos-Mohamed, den Feen, Heiligen und Ge- 
spenstern den ursprünglichen Islam ganz in den Hintergrund 
drängen. ') 

Es gibt in diesen Zeiten noch einige hohe Geister wie den 
Erzieher Neros, Seneka, und sein Ebenbild Psellos,^) den Philo- 
sophen, Prinzenerzieher und Politiker im cäsarischen Byzanz, wie 
den Stoiker Mark Aurel und den Buddhisten Asoka, die selbst. 
Cäsaren gewesen sind, 3) und endhch den Pharao Amenophis IV.,, 
dessen tiefsinniger Versuch von der mächtigen Priesterschaft des 
Amon als Ketzerei aufgefaßt und vereitelt worden ist, eine Ge- 
fahr, die sicherlich auch Asoka von den Brahmanen gedroht hat. 

Aber gerade der Cäsarismus hat im chinesischen wie im 
römischen Imperium einen Kaiserkult ins Leben gerufen und da- 
mit den Synkretismus zusammengefaßt. Es ist ein absurder Ge- 
danke, die chinesische Verehrung des lebenden Kaisers sei ein 
Stück alter Religion gewesen. Kaiser hat es während der ganzen 
Dauer der chinesischen Kultur überhaupt nicht gegeben. Die 
Herrscher der Staaten hießen Wang, Könige, und Meng Tse schrieb 
kaum hundert Jahre vor dem Endsieg des chinesischen Augustus 
ganz im Sinne des 19. Jahrhunderts den Satz: „Das Volk ist das 
wichtigste im Land; danach kommen die nützlichen Götter des 
Bodens und Getreides; am wenigsten wichtig ist der Herrscher." 
Die Mythologie von den Urkaisern ist ohne Zweifel erst von Kon- 
fuzius und seiner Zeit und zwar in rationalistischer Absicht in 
eine staatsrechtliche und sozialethische Fassung gebracht worden; 
diesem Mythus hat dann der erste Cäsar Titel und Kultbegriff 
entnommen. Die Erhebung von Menschen zu Göttern ist die 
Rückkehr zur Frühzeit, wo man Götter zu Helden machte wie 
gel ade die Urkaiser und die Helden Homers, und sie ist ein be- 
zeichnender Zug fast aller Religionen dieser zweiten Stufe. Kon- 
fuzius selbst wurde 57 n. Chr. zum Gott mit offiziellem Kult er- 

') M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des Volkes im heutigen Islam 
(1917). 2) 1018—78, vgl. Dieterich, Byzant. Charakterköpfe (1909), S. 63. 

') Sie haben sich beide erst im Alter und nach langen und schweren 
Kriegen in eine milde, müde Frömmigkeit versenkt, sind aber bestimmteren 
Religionen ferngeblieben. Dogmatisch betrachtet war Asoka kein Buddhist; 
er hat diese Strömungen nur verstanden und in Schutz genommen (Hillebrandt, 
Altindien S. 143). 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 387 

hoben. Buddha war es damals längst. AI Gliazali (um 1050), der 
die „zweite Religiosität" der islamischen Welt vollenden half, ist 
für den Volksglauben ein göttliches Wesen und einer der belieb- 
testen Heiligen und Nothelfer geworden. In der Antike gab es. 
in den Philosophenschulen einen Kult des Piaton und Epikur, 
und die Abstammung Alexanders von Herakles und Cäsars von 
Venus leitet deutlich zum Kult des Divus hinüber, in dem uralte 
orphische Vorstellungen und Geschlechterkulte ebenso wieder auf- 
tauchen, wie im chinesischen Kult des Hoang Ti ein Stück der 
ältesten Mythologie, 

Mit diesen beiden Kaiserkulten beginnen aber schon die Ver- 
suche, die zweite Religiosität in feste Organisationen zu bringen, 
die man Gemeinden, Sekten, Orden, Kirchen nennen mag, die 
aber stets starre Wiederholungen lebendiger Formen der Frühzeit 
sind und sich zu diesen verhalten wie die Kaste zum Stand. 

Etwas davon enthielt schon die Reform des Augustus mit 
ihrer künstlichen Wiederbelebung längst erstorbener Stadtkulte, 
wie der Bräuche der Arvalbrüder, aber erst die hellenistischen 
Mysterienreligionen und selbst noch der Mithraskult, soweit er 
nicht der magischen Religiosität zugerechnet werden muß, sind 
solche Gemeinschaften, deren Weiterbildung dann durch den 
Untergang der Antike abgebrochen worden ist; ihnen entspricht 
der theokratische Staat, den die Priesterkönige von Theben im 
11. Jahrhundert aufrichteten, und die Taokirchen der Hanzeit, 
vor allem die von Tschang Lu begründete, welche 184 n. Chr. 
den furchtbaren, an religiöse Provinzaufstände der römischen 
Kaiserzeit erinnernden Aufstand der gelben Turbane hervorrief, 
der weite Gebiete verwüstete und den Sturz der Handynastie 
herbeigeführt hat.^ Und diese asketischen Kirchen des Taoismus 
finden mit ihrer Starrheit und wilden Mythologie ihr vollkommenes 
Seitenstück in den spätbyzantinischen Mönchsstaaten, wie dem 
Kloster Studion und dem 1100 begründeten reichsunmittelbaren 
Klosterverband des Athos, der so buddhistisch als möglich wirkt. 

Aus dieser zweiten Religiosität gehen endlich die Fe 11 ach en- 

religionen hervor, in denen der Gegensatz von weltstädtischer 

und provinzialer Frömmigkeit ebenso wieder verschwunden ist 

wie der von primitiver und hoher Kultur. Was das bedeutet, 

») De Cxroot, Universismus (1918), S. 134. 

25* 



388 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

lehrt der Begriff des Fellachenvolkes.') Die Religion ist völlig 
geschichtslos geworden; wo einst Jahrzehnte eine Epoche be- 
deuteten, haben jetzt Jahrhunderte keine Bedeutung mehr, und 
das Auf und Nieder oberflächlicher Veränderungen beweist nur, 
daß die innere Gestalt endgültig und fertig ist. Es ist ganz 
gleichgültig, ob um 1200 in China eine Abart der konfuzianischen 
Staatslehre als Dschufuzianismus erscheint, wann sie erscheint 
und ob sie Erfolg hat oder nicht, ob in Indien der längst zu 
einer polytheistischen Volksreligion gewordene Buddhismus vor 
dem Neubrahmanismus verschwindet, dessen größter Theologe 
Sankara um 800 lebte, und wann dieser endlich in die hinduistische 
Lehre von Brahma, Vischnu und Shiwa übergeht. Es gibt stets 
eine kleine Zahl äußerst geistiger, überlegener, absolut „fertiger" 
Menschen, wie die Brahmanen Indiens, die Mandarinen Chinas 
und die ägyptischen Priester, die Herodot in Erstaunen setzten. 
Aber die Fellachenreligion selbst ist wieder durch und durch 
primitiv wie die ägyptischen Tierkulte der 26. Dynastie, die aus 
Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus gebildete Staats- 
religion Chinas, wie der Islam des heutigen Orients und vielleicht 
doch auch die Religion der Azteken, wie sie Cortez antraf, die 
sich von der durchgeistigten Mayareligion schon weit entfernt 
haben muß. 

21 

Eine Fellachenreligion ist auch das Judentum etwa seit 
Jehuda ben Halevi, der wie sein islamischer Lehrmeister AI 
Ghazali (S. 387) die wissenschaftliche Philosophie mit unbedingter 
Skepsis betrachtet und sie im „Kuzari" (1140) nur noch als 
Dienerin der gläubigen Theologie gelten läßt. Das entspricht durch- 
aus der Wendung von der mittleren zur jüngeren Stoa der Kaiser- 
zeit und dem Erlöschen der chinesischen Spekulation unter der 
westlichen Handynastie. Noch bezeichnender ist Moses Maimonides, 
der um 1175 den gesamten Lehrstoff des Judentums als etwas 
Fertiges und Starres in einem großen Werk vom Schlage des 
chinesischen Li-ki zusammengetragen hat, ohne die geringste 
Rücksicht darauf, ob das Einzelne noch Sinn hatte oder nicht. 2) 

') S. 202. 2) Fromer, Der Talmud S. 217. Die ,rote Kuli" und das 

Salbungsritual der jüdischen Könige werden darin mit demselben Ernst behandelt 
wie die wichtigsten Bestimmungen des Privatrechts. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 389 



Weder in dieser noch in einer andern Zeit ist das Judentum 
etwas Einzigartiges in der Religionsgescliichte, aber von der 
Lage aus betrachtet, welche die abendländische Kultur auf ihrem 
eigenen Boden geschaffen hat, erscheint es so Und ebensowenig 
ist die Tatsache, daß der jüdische Name immer wieder etwas 
anderes bezeichnet, ohne daß seine Träger es bemerken, etwas 
für sich Stehendes, denn sie wiederholt sich Schritt für Schritt im 
Persertum. 

In ihrer „Merowingerzeit" (etwa 500 — 0) entwickeln sich 
beide aus Stammesverbänden zu Nationen magischen Stils, ohne 
Land, ohne Einheit der Abstammung und schon damals mit der 
Wohnweise des Ghetto, die bis auf die Parsen in Bombay und 
die Juden in Brooklyn dieselbe geblieben ist. 

In der Frühzeit (etwa — 500) wird dieser landlose consensus 
von Spanien bis nach Schantung verbreitet. Es war die jüdische 
Ritterzeit und die „gotische" Blütezeit rehgiöser Gestaltungskraft: 
Die späte Apokalyptik, die Mischna und das Urchristentum, das 
erst seit Trajan und Hadrian abgestoßen wurde, sind Schöpfungen 
dieser Nation. Es ist bekannt, daß die Juden damals Bauern, 
Handwerker, Kleinstädter waren. Die großen Geldgeschäfte führten 
Ägypter, Griechen, Römer, also „alte" Menschen. 

Um 500 beginnt das jüdische Barock, das dem abendländischen 
Betrachter sehr einseitig im Bilde der spanischen Glanzzeit zu er- 
scheinen pflegt. Der jüdische consensus tritt wie der persische, isla- 
mische und byzantinische in ein städtisches und geistiges Wachsein 
und beherrscht von nun an die Formen der städtischen Wirtschaft 
und Wissenschaft. Tarragona, Toledo und Granada sind vorwiegend 
jüdische Großstädte. Juden bilden einen wesentlichen Teil der vor- 
nehmen maurischen Gesellschaft. Ihre vollendeten Formen, ihren 
esprit, ihre Ritterlichkeit hat der gotische Kreuzzugsadel bewun- 
dert und nachzuahmen versucht; aber auch die Diplomatie, Krieg- 
führung und Verwaltung der maurischen Staaten ist ohne die 
jüdische Aristokratie, welche hinter der islamischen an Rasse nicht 
zurückstand, gar nicht zu denken. Es gab, wie einst in Arabien 
einen jüdischen Minnesang, so jetzt eine hohe Literatur und eine 
aufgeklärte Wissenschaft. Als Alfons X. von Kastilien um 1250 
unter Leitung des Rabbiners Isaak ben Said Hassan durch jüdische, 
islamische und christliche Gelehrte ein neues Planetenwerk aus- 



390 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

arbeiten ließ,^) war das immer noch eine Leistung nicht des 
faustischen, sondern des magischen Weltdenkens. Erst seit Nikolaus 
Cusanus wurde es umgekehrt. Aber in Spanien und Marokko 
lag doch nur ein sehr kleiner Teil des jüdischen consensus und dieser 
selbst hatte nicht nur einen weltlichen, sondern vor allem auch 
einen geistlichen Sinn. Es gab auch in ihm eine puritanische 
Bewegung, die den Talmud verwarf und zur reinen Tora zurück- 
kehren wollte. Die Gemeinschaft der Karäer ist nach manchen 
Torläufern um 760 im nördUchen Syrien entstanden, eben dort, 
von wo ein Jahrhundert vorher die bilderstürmenden christlichen 
Paulikianer und etwas später der islamische Sufismus ausgingen, 
drei magische Richtungen, deren innere Verwandtschaft niemand 
verkennen wird. Die Karäer wurden wie die Puritaner jeder andern 
Kultur von der Orthodoxie wie von der Aufklärung bekämpft. 
Die rabbinischen Gegenschriften entstanden von Kordova und Fes 
bis nach Südarabien und Persien hin. Aber damals entstand auch, 
ein Produkt des „jüdischen Sufismus" und zuweilen an Swedenborg 
erinnernd, das Hauptwerk der rationalistischen Mystik, das Buch 
Jezirah, dessen kabbahstische Grundvorstellungen sich mit der 
byzantinischen Bildersymbolik und dem gleichzeitigen Zauberwesen 
des griechischen „Christentums zweiter Ordnung" ebenso be- 
rühren wie mit der Volksreligion des Islam. 

Eine ganz neue Lage wird um die Jahrtausendwende durch 
den Zufall geschaffen, daß der westlichste Teil des consensus sich 
plötzlich im Bereiche der jungen abendländischen Kultur befindet. 
Die Juden waren wie die Parsen, Byzantiner und Moslime zivili- 
siert und weltstädtisch geworden; die germanisch -romanische 
Welt lebte im stadtlosen Lande, und kaum hatten sich um Klöster 
und Märkte Ansiedlungen, noch auf Generationen hin ohne eigene 
Seele gebildet. Die einen waren fast schon Fellachen, die anderen 
fast noch Urvolk. Der Jude begriff die gotische Innerlichkeit, 
die Burg, den Dom, der Christ die überlegene, fast zynische 
Intelligenz und das fertig ausgebildete „Gelddenken" nicht. Man 
hafste und verachtete sich, noch kaum aus dem Bewußtsein eines 
Rasseunterschiedes, sondern aus Mangel an „Gleichzeitigkeit". Der 
jüdische consensus baute in die Flecken und Landstädte überall 
seine großstädtischen — proletarischen — Ghettos ein. Die Juden- 

') Strunz, Gesch. der Naturwiss. im Mittelalter S. 89. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 39] 

gasse ist der gotischen Stadt um tausend Jahre voraus. Genau 
so lagen zur Zeit Jesu die Römerstädte zwischen den Dörfern 
am See Genezareth. 

Aber diese jungen Nationen waren außerdem mit dem Boden 
und der Idee des Vaterlands fest verbunden; der landlose con- 
sensus, dessen Zusammenhalt für seine Mitglieder keine Absicht 
und Organisation, sondern ein ganz unbewußter, ganz meta- 
physischer Trieb war, ein Ausdruck des unmittelbarsten magischen 
Weltgefühls, trat ihnen als etwas Unheimliches und völlig Un- 
verständliches entgegen. Damals entstand die Sage vom ewigen 
Juden. Es war schon viel, wenn ein schottischer Mönch in ein 
lombardisches Kloster kam, und das starke Heimatgefühl nahm 
er dahin mit; aber wenn ein Rabbiner aus Mainz, wo sich um 
1000 die bedeutendste Talmudschule des Abendlandes befand, 
■oder Salerno nach Kairo, Basra oder Merw kam, so war er in 
jedem Ghetto zu Hause. In diesem schweigenden Zusammenhalt 
lag die Idee der magischen Nation ;i) er war Staat, Kirche und 
Volk zugleich ganz wie im damaligen Griechentum, Parsentum 
und Islam — was man im Abendland nicht wußte. Spinoza und 
Uriel Akosta sind aus diesem Staat, der sein eigenes Recht und 
sein von den Christen gar nicht bemerktes öffentliches Leben hatte 
und auf die umgebende Welt der Wirtsvölker wie auf eine Art 
von Ausland herabsah, durch einen wirklichen Hochverratsprozeß 
ausgewiesen worden, ein Vorgang, dessen tiefern Sinn diese Wirts- 
völker überhaupt nicht verstehen konnten; und der bedeutendste 
Denker der östlichen Chassiden, Senior Salman, ist 1799 von der 
rabbinischen Gegenpartei der Petersburger Regierung wie einem 
fremden Staate ausgeliefert worden. 

Das Judentum des westeuropäischen Kreises hatte die noch 
im maurischen Spanien vorhandene Beziehung zum Lande voll- 
ständig verloren. Es gibt keine Bauern mehr. Das kleinste Ghetto 
ist ein wenn auch noch so armseliges Stück Großstadt, und seine 
Bewohner zerfallen wie die des erstarrten Indien und China in 
Kasten — die Rabbiner sind die Brahmanen und Mandarinen des 
Ghetto — und die Masse der Kuli mit einer zivilisierten, kalten, 
weit überlegenen Intelligenz und einem rücksichtslosen Geschäfts- 
sinn. Aber das ist wieder nur für einen engen Geschichtshorizonl 

>) S. 209. 



392 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 

eine einzigartige Erscheinung. Alle magischen Nationen be- 
finden sich seit den Kreuzzügen auf dieser Stufe. Die Parsen be- 
sitzen in Indien genau dieselbe geschäftliche Macht wie die Juden 
in der europäisch -amerikanischen Welt und die Armenier und 
Griechen in Südosteuropa. Die Erscheinung wiederholt sich in jeder 
andern Zivilisation, sobald sie in jüngere Zustände eindringt: Die 
Chinesen in Kalifornien — sie sind der eigentliche Gegenstand 
des westamerikanischen „Antisemitismus" — und in Java und 
Singapur, der indische Händler in Ostafrika, aber auch der 
Römer in der früharabischen Welt, wo die Lage gerade 
umgekehrt war. Die „Juden" dieser Zeit waren die Römer, und 
in dem apokalyptischen Haß der Aramäer gegen sie liegt auch 
etwas dem westeuropäischen Antisemitismus ganz Verwandtes. 
Es war ein echter Pogrom, als im Jahre 88 auf einen Wink von 
Mithridates hin an einem Tage 100000 römische Geschäftsleute 
von der erbitterten Bevölkerung Kleinasiens ermordet worden sind. 

Zu diesen Gegensätzen tritt der der Rasse, welcher in dem- 
selben Maße aus Verachtung in Haß übergeht, als die abend- 
ländische Kultur sich selbst der Zivilisation nähert und der „Alters- 
unterschied" mit seinem Ausdruck in der Lebenshaltung und Vor- 
herrschaft der Intelligenz geringfügiger wird. Aber er hat mit 
den törichten, der Sprachwissenschaft entnommenen Schlagworten 
Arier und Semit gar nichts zu tun. Die „arischen" Perser und 
Armenier sind für uns von den Juden gar nicht zu unterscheiden 
und schon in Südeuropa und auf dem Balkan ist ein körperlicher 
Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Einwohnern kaum 
vorhanden. Die jüdische Nation ist wie jede andre der arabischen 
Kultur das Ergebnis einer ungeheuren Mission und bis in die 
Zeit der Kreuzzüge hinein durch massenhafte Zu- und Austritte 
beständig verändert worden, i) Ein Teil der Ostjuden stimmt 
körperlich mit den christlichen Bewohnern des Kaukasus, ein 
andrer mit den südrussischen Tartaren, ein großer Teil der west- 
lichen mit den nordafrikanischen Mauren überein. Es ist viel- 
mehr der Gegensatz zwischen dem Rasseideal der gotischen 
Frühzeit, das züchtend gewirkt hat, 2) und dem Typus des 
sephardischen Juden, der sich erst in den Ghettos des Abendlandes 
und zwar ebenfalls durch seelische Zucht unter sehr harten 

») S. 208flF.; 319 ff. *) S. 150 ff. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 393 

äußeren Bedingungen ausgebildet hat, zweifellos in dem wirk- 
samen Banne der Landschaft und der Wirtsvölker und in der 
metaphysischen Verteidigung gegen sie, namentlich seit dieser 
Teil der Nation durch Verlust der arabischen Sprache eine Welt 
für sich geworden ist. Dies Gefühl eines tiefen Andersseins tritt 
auf beiden Seiten um so mächtiger hervor, je mehr Rasse der 
Einzelne hat. Nur der Mangel an Rasse bei geistigen Menschen, 
Philosophen, Doktrinären, Utopisten bewirkt es, daß sie diesen 
abgrundtiefen, metaphysischen Haß nicht verstehen, in welchem 
der verschiedene Takt zweier Daseinsströme wie eine unerträgliche 
Dissonanz zum Vorschein kommt, einen Haß, der für beide tragisch 
werden kann und der auch die indische Kultur durch den Gegen- 
satz des Inders von Rasse und des Tschudra beherrscht hat. 
Während der Gotik ist dieser Gegensatz tief rehgiös und richtet 
sich vor allem gegen den consensus als Rehgion; erst mit Beginn 
der abendländischen Zivilisation ist er materialistisch geworden 
und richtet sich gegen die plötzlich vergleichbar gewordene geistige 
und geschäftliche Seite. 

Am tiefsten trennend und erbitternd hat aber die Tatsache 
gewirkt, welche in ihrer vollen Tragik am wenigsten begriffen 
worden ist: Während der abendländische Mensch von den Tagen 
der Sachsenkaiser bis zur Gegenwart Geschichte im allerbedeu- 
tendsten Sinne durchlebt und zwar mit einer Bewußtheit, die in 
keiner andern Kultur ihresgleichen findet, hat der jüdische con- 
sensus aufgehört Geschichte zu haben, i) Seine Probleme waren 
gelöst, seine innere Form abgeschlossen und unveränderlich ge- 
worden; Jahrhunderte hatten für ihn wie für den Islam, die grie- 
chische Kirche und die Parsen keine Bedeutung mehr, und des- 
halb kann, wer innerlich diesem consensus verbunden ist, die 
Leidenschaft gar nicht begreifen, mit welcher faustische Menschen 
die in wenig Jahren zusammengedrängten Entscheidungen ihrer 
Geschichte, ihres Schicksals durchleben, wie es zu Beginn der 
Kreuzzüge, in der Reformation, der französischen Revolution, den 
Freiheitskriegen und an allen Wendepunkten im Dasein der Einzel- 
völker der Fall war. Das alles liegt für ihn um dreißig Genera- 
tionen zurück. Geschichte größten Stils strömt draußen vorüber, 
Epoche folgt auf Epoche, der Mensch ist mit jedem Jahrhundert 

') S. 58T 



394 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



von Grund aus ein andrer, im Ghetto steht alles still und auch 
in der Seele des einzelnen. Aber selbst wenn er sich als An- 
gehörigen seines Wirtsvolkes betrachtet und an dessen Geschick 
teihnimmt, wie es 1914 in vielen Ländern der Fall war, so er- 
lebt er es in Wirklichkeit doch nicht als sein Geschick, sondern 
er nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer, 
und gerade der letzte Sinn dessen, worum gekämpft wird, muß 
ihm stets verschlossen bleiben. Es gab im dreißigjährigen Kriege 
einen jüdischen Reitergeneral — er liegt auf dem alten Juden- 
friedhof in Prag begraben — aber was waren die Gedanken 
Luthers und Loyolas für ihn? Was haben die den Juden nahe 
verwandten Byzantiner von den Kreuzzügen verstanden? Das ge- 
hört zu den tragischen Notwendigkeiten der höheren Geschichte, 
die aus den Lebensläufen von Einzelkulturen besteht, und hat 
sich oft wiederholt. Die Römer, damals ein altes Volk, hätten 
nie begreifen können, was für die Juden in dem Prozeß Jesu und 
beim Aufstand des Bar Kochba auf dem Spiele stand, und die 
europäisch-amerikanische Welt hat in den fellachenhaften Re- 
volutionen der Türkei (1908) und Chinas (1911) ihre vollkommene 
Verständnislosigkeit für das bewiesen, was dort vorging. Da ihr 
das ganz anders angelegte Denken und Innenleben und also auch 
der Staatsgedanke und die Idee der Suveränität — dort des Kha- 
lifen, hier des Tien Tse — verschlossen blieben, so hat sie den 
Gang der Dinge nicht beurteilen und auch nicht vorausberechnen 
können. Der Mensch einer fremden Kultur kann Zuschauer sein 
und also beschreibender Historiker des Vergangenen, aber niemals 
Politiker, d. h. ein Mann, der die Zukunft in sich wirken fühlt. 
Besitzt er nicht die materielle Macht, um in der Form seiner 
eigenen Kultur handeln und die der fremden mißachten oder lenken 
zu können, wie es allerdings die Römer im jungen Osten und Dis- 
raeli in England durften, so steht er den Ereignissen hilflos 
gegenüber. Der Römer und Grieche dachte immer die Lebens- 
bedingungen seiner Polis in die fremden Ereignisse hinein, der 
moderne Europäer blickt überall durch die Begriffe Verfassung, 
Parlament, Demokratie hindurch auf fremde Schicksale, obwohl 
die Anwendung solcher Vorstellungen auf andere Kulturen lächer- 
lich und sirmlos ist, und der Angehörige des jüdischen consensus 
verfolgt die Geschichte der Gegenwart, die nichts ist als die der 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 395 

über alle Erdteile und Meere verbreiteten faustischen Zivilisation, 
mit dem Grundgefühl des magischen Menschen, selbst wenn er von 
dem abendländischen Charakter seines Denkens fest überzeugt ist. 
Da jeder magische consensus landfremd und geographisch 
unbegrenzt ist, so sieht er unwillkürlich in allen Kämpfen um 
die faustischen Ideen des Vaterlandes, der Muttersprache, des 
Herrscherhauses, der Monarchie, der Verfassung eine Rückkehr 
von Formen, die ihm innerlich durchaus fremd und deshalb lästig 
und sinnlos, zu denen, welche seiner Natur gemäß sind; und aus 
dem Wort international, das ihn begeistern kann, hört er eben 
das Wesen des landlosen und grenzenlosen consensus 
heraus, ob es sich um Sozialismus, Pazifismus oder Kapitalismus 
handelt. Wenn für die europäisch-amerikanische Demokratie die 
Verfassungskämpfe und Revolutionen eine Entwicklung zum zivili- 
sierten Ideal bedeuten, so sind sie für ihn — was ihm so gut 
wie nie zum Bewußtsein kommt — der Abbau alles dessen, was 
anders ist als er. Selbst wenn die Macht des consensus in ihm 
erschüttert ist und das Leben seines Wirtsvolkes eine äußere An- 
ziehung bis zu wirklichem Patriotismus auf ihn übt, so ist seine 
Partei doch immer diejenige, deren Ziele dem Wesen der 
magischen Nation am vergleichbarsten sind. Deshalb ist er 
in Deutschland Demokrat und in England — wie der Parse in 
Indien — Imperialist. Genau dasselbe Mißverständnis liegt vor, 
wenn der Westeuropäer die Jungtürken und Reformchinesen für 
Geistesverwandte, nämlich für „konstitutionell" hält. Der inner- 
lich zugehörige Mensch bejaht im letzten Grunde doch selbst 
dort, wo er zerstört; der innerhch fremde verneint, selbst wo 
er aufbauen möchte. Was die abendländische Kultur in ihren 
LIachtgebieten durch Reformen eigenen Stils vernichtet hat, ist 
nicht auszudenken, und ebenso vernichtend wirkt das Judentum, 
wo es auch eingreift. Das Gefühl von der Notwendigkeit dieses 
wechselseitigen Mißverstehens führt zu dem furchtbaren, tief ins 
Blut gedrungenen Haß, der sich an sinnbildliche Merkmale wie 
Rasse, Lebenshaltung, Beruf, Sprache heftet, und beide Teile, so 
oft diese Lage bisher eingetreten ist, verzehrt, verdorben und zu 
blutigen Ausbrüchen getrieben hat.^) 

') Dahin gehören außer dem Befehl des Mithridates das Gemetzel auf 
Cypem (S. 239), der Seapoyaufstand in Indien, der Boxeraufstand in China 



396 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



Das gilt vor allem auch für die Religiosität der faustischen 
Welt, die sich von einer fremden Metaphysik in ihrer Mitte be- 
droht, gehaßt, untergraben fühlt. Was ist seit der Reformen 
Hugos von Cluny, dem heiligen Bernhard, dem Lateranskonzil 
von 1215 über Luther, Kalvin und den Puritanismus bis zur Auf- 
klärung durch unser Wachsein gegangen, während es für die 
jüdische Religion längst keine Geschichte mehr gab! Innerhalb 
des westeuropäischen consensus hat 1565 Josef Karo im Schulchan 
Aruch denselben Stoff noch einmal und anders zusammengefafst 
wie ehemals Maimonides, aber es hätte auch 1400 oder 1800 sein 
oder ganz unterbleiben können. Mit der Starrheit des heutigen 
Islam und des byzantinischen Christentums seit den Kreuzzügen, 
aber auch des späten Chinesentums und des Ägyptizismus bleibt 
alles formelhaft und gleich, die Speiseverbote, die Schaufäden an 
den Kleidern, die Gebetsriemen, die Denkzettel und die talmudische 
Kasuistik, die genau in dieser Form seit Jahrhunderten auch in 
Bombay am Vendidad und in Kairo am Koran geübt wird. Und 
ebenso ist die jüdische Mystik, die reiner Sufismus ist, seit 
den Kreuzzügen dieselbe geblieben, ganz wie die islamische, und 
sie hat in den letzten Jahrhunderten noch drei Heilige im Sinne 
des morgenländischen Sufismus hervorgebracht, die man als solche 
nur erkennt, wenn man durch den Anflug abendländischer Denk- 
formen hindurchzusehen vermag. Spinoza ist mit seinem Denken 
in Substanzen, statt in Kräften und seinem durch und durch 
magischen Dualismus durchaus den letzten Nachzüglern ■ der 
islamischen Philosophie vergleichbar wie Murtada und Schirazi. 
Er bedient sich der ganzen Begriffssprache des ihn umgebenden 
abendländischen Barock und hat sich in dessen Vorstellungsweise 
bis zur vollkommenen Selbsttäuschung hineingelebt, aber die Her- 
kunft von Maimonides und Avicenna und die talmudische Methode 
^more geometrico" bleiben von allem, was über die Oberfläche 
seiner Seele hinwegging, ganz unberührt. In dem Baalschem, 
dem Stifter der Chassidensekte, der um 1698 in Wolhynien ge- 
boren wurde, ist ein echter Messias aufgestanden, der lehrend 
und Wunder vollbringend durch die Welt der polnischen Ghettos 
wanderte und für den nur das Urchristentum als Vergleich heran- 

und das bolschewistische Wüten der Juden, Letten und andrer Fremdvölker 
gegen das zarische Russentum. 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 397 

gezogen werden kann;^) diese aus uralten Strömungen magischer, 
kabbalistischer Mystik hervorgegangene Bewegung, welche den 
gröfsten Teil der Ostjuden ergriffen hat, ohne Zweifel etwas Ge- 
waltiges in der Religionsgeschichte der arabischen Kultur, ist 
mitten unter einem andersartigen Menschentum verlaufen und 
doch von diesem so gut wie nicht bemerkt worden. Der friedliche 
Kampf des Baalschem gegen die damahgen Pharisäer des Tal- 
mud und für einen innerweltlichen Gott, seine christusartige Ge- 
stalt, die reiche Legende, die sehr bald um seine Person und 
die seiner Jünger gesponnen worden ist, das ist alles von rein 
magischem Geiste und uns abendländischen Menschen im letzten 
Grunde so fremd wie das Urchristentum selbst. Die Gedanken- 
gänge der chassidischen Schriften sind dem NichtJuden so gut wie 
unverständhch, aber auch der Ritus. In der Erregung der An- 
dacht geraten die einen in Verzückung, andere beginnen wie die 
Derwische des Islam zu tanzen. 2) Die ursprüngliche Lehre des 
Baalschem hat einer der Apostel zum Zaddikismus weiter ent- 
wickelt, und auch dieser Glaube an Heilige (Zaddiks), die nach- 
einander von Gott herabgesandt werden und durch ihre bloße 
Nähe Erlösung bringen, erinnert wieder an den islamischen 
Mahdismus und noch viel mehr an die schiitische Lehre von den 
Imamen, in denen das „Licht des Propheten" Herberge genommen 
hat. Ein andrer Jünger, Salomon Maimon, von dem es eine merk- 
würdige Selbstbiographie gibt, ging von dem Baalschem zu Kant, 
dessen abstrakte Denkart auf talmudische Geister immer eine 
ungeheure Anziehungskraft ausgeübt hat. Der dritte ist Otto 
Weininger, dessen moralischer Dualismus eine rein magische Kon- 
zeption und dessen Tod in einem magisch durchlebten Seelenkampf 
zwischen Gut und Böse einer der erhabensten Augenblicke spätester 
Religiosität ist.^) Etwas Verwandtes können Russen erleben, aber 
weder der antike noch der faustische Mensch ist dessen fähig. 

Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wird auch die 
abendländische Kultur großstädtisch und intellektuell und damit 
plötzlich der Intelligenz des consensus zugänglich. Und dieses 
Versetztsein mitten in eine Epoche, die für den innerlich längst 

•) P. Levertoff, Die religiöse Denkweise der Chassidim (1918), S. 128 ff.; 
M. Buber, Die Legende des Baalschem, 1907. ^) Levertoff, S. 136. 

») 0. Weininger, Taschenbuch (1919), vor allem S. 19 ff. 



398 PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 



abgestorbenen Daseinsstrom des sephardischen Judentums einer 
fernen Vergangenheit angehört, aber doch in ihm ein verwandtes 
Gefühl erwecken mußte, so weit sie kritisch und ver- 
neinend war, hat in verhängnisvoller Weise verführerisch ge- 
wirkt, den geschichtlich fertigen und jeder organischen Ent- 
wicklung unfähigen Zusammenhalt in die große Bewegung der 
Wirtsvölker hineingezogen, ihn erschüttert, gelockert und bis in 
die Tiefe hinein zersetzt und vergiftet. Denn für den faustischen 
Geist war die Aufklärung ein Schritt vorwärts auf der eigenen 
Bahn, über Trümmer hin, gewifs, aber doch im letzten Grunde 
bejahend, für das Judentum ist sie Zerstörung und nichts andres, 
Abbau von etwas Fremdem, das es nicht begreift. Sehr oft bietet 
sich dann ein Schauspiel, das auch der Parse in Indien, der 
Chinese und Japaner in einer christlichen Umgebung und der 
moderne Amerikaner in China geben: Aufklärung bis zum Zynis- 
mus und schroffster Atheismus gegenüber der fremden Rehgion, 
während die fellachenhaften Bräuche der eignen davon ganz un- 
berührt bleiben. Es gibt Sozialisten, die nach außen und zwar 
mit Überzeugung jede Art von Religion bekämpfen, für sich aber 
die Speiseverbote und das Ritual der Gebetriemen und Denk- 
zettel ängstlich beobachten. Häufiger ist der wirkliche innere 
Zerfall mit dem conscnsus^ soweit er ein Zusammenhang des 
Glaubens ist, ein Schauspiel wie das jener indischen Studenten, die 
eine englische Universitätsbildung mit Locke und Mill erhalten 
haben und nun mit der gleichen zynischen Verachtung auf indische 
wie auf abendländische Überzeugungen herabsehen und an ihrer 
Innern Zersetzung endlich selbst zugrunde gehen müssen. Seit 
der napoleonischen Zeit hat sich der altzivilisierte consensxis mit 
der neuzivilisierten abendländischen „Gesellschaft" der Städte 
unter deren Widerspruch vermischt, und ihre wirtschaftlichen 
und wissenschaftlichen Methoden mit der Überlegenheit des Alters 
in Gebrauch genommen. Ganz dasselbe hat einige Generationen 
später die japanische, ebenfalls sehr alte Intelligenz getan, viel- 
leicht mit noch größerem Erfolge. Ein andres Beispiel sind die 
Karthager, Nachzügler der babylonischen Zivilisation, die schon 
von der etruskisch-dorischen Stufe der antiken Kultur angezogen 
wurden und endlich dem Hellenismus ganz erlegen sind,i) in allem 

') Tlir Schiffswesen war zur Römerzeit eher antik als phönikisch, ihr 



PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR 399 



Religiösen und Künstlerischen starr und fertig, aber geschäftlich 
den Griechen und Römern weit voraus, und ihnen deshalb bis zum 
äußersten verhaßt. 

Nicht weil die Metaphysik beider Kulturen sich näher ge- 
kommen wäre — das ist ganz unmöglich — sondern weil sie in 
den wurzellosen Intelligenzen der Oberschicht auf beiden Seiten 
keine Rolle mehr spielt, ist diese magische Nation in Gefahr, 
mit dem Ghetto und der Religion selbst zu verschwinden. Sie 
hat alle Arten von innerlichem Zusammenhalt verloren und ist 
lediglich als Zusammenhalt in praktischen Fragen übriggeblieben. 
Aber der Vorsprung, den das uralte geschäftliche Denken dieser 
magischen Nation besaß, wird geringer; dem Amerikaner gegen- 
über ist er kaum noch vorhanden, und damit verschwindet das 
letzte starke Mittel, den mit dem Lande zerfallenen consensus 
aufrecht zu erhalten. In dem Augenblick, wo die zivilisierten 
Methoden der europäisch -amerikanischen Weltstädte zur vollen 
Reife gelangt sein werden, ist wenigstens innerhalb dieser Welt 
— die russische bildet ein Problem für sich — das Schicksal des 
Judentums erfüllt. 

Der Islam hat Boden unter sich. Er hat den persischen, 
jüdischen, nestorianischen und monophysitischen consensus so gut 
wie ganz in sich aufgenommen.^) Der Rest der byzantinischen 
Nation, die heutigen Griechen, sitzen auch auf eignem Land. Der 
Rest der Parsen in Indien wohnt innerhalb der starren Formen 
einer noch älteren, noch fellachenhafteren Zivilisation und ist 
dadurch in seinem Bestände gesichert. Aber der westeuropäisch- 
amerikanische Teil des jüdischen consensus, der die übrigen Teile 
meist an sich gezogen und an sein Schicksal gebunden hat, ist nun 
in das Getriebe einer jungen Zivilisation geraten, ohne Zusammen- 
hang mit irgend einem Stück Land, nachdem er sich Jahrhunderte 
hindurch ghettomäßig abgeschlossen und so gerettet hatte. Da- 
mit ist er zersprengt und geht der völligen Auflösung entgegen. 
Aber das ist ein Schicksal nicht innerhalb der faustischen, sondern 
der magischen Kultur. 



Staat war als Polis organisiert, und unter den Gebildeten wie Hannibal war 
das Griechische allgemein verbi'eitet. ') S. 321 f. 



VIERTES KAPITEL 

DER STAAT 



Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Tl. 26 



DAS PROBLEM DER STÄNDE: 
ADEL UND PRIESTERTUM 

Ein unergründliches Geheimnis der kosmischen Flutungen, 
die wir Leben nennen, ist ihre Sonderung in zwei Geschlechter. 
Schon in den erdverbundenen Daseinsströmen der Pflanzenwelt 
strebt es auseinander, wie das Sinnbild der Blüte zeigt: etwa» 
das dieses Dasein ist, und etwas, das es aufrecht erhält. Tiere 
sind frei, kleine Welten inmitten einer großen; Kosmisches, als 
Mikrokosmos abgeschlossen und dem Makrokosmos gegenüber- 
gestellt. Hier steigert sich und zwar im Verlauf der Tier- 
geschichte mit immer größerer Entschiedenheit das Zweierlei 
der Richtungen zu zweierlei Wesen, männlichen und weiblichen. 

Das Weibliche steht dem Kosmischen näher. Es ist der 
Erde tiefer verbunden und unmittelbarer einbezogen in die großen 
Kreisläufe der Natur. Das Männliche ist freier, tierhafter, be- 
weglicher auch im Empfinden und Verstehen, wacher und ge- 
spannter. 

Der Mann erlebt das Schicksal und begreift die Kausali- 
tät, die Logik des Gewordnen nach Ursache und Wirkung. Das 
Weib aber ist Schicksal, ist Zeit, ist die organische Logik des 
Werdens selbst. Eben deshalb bleibt das Kausalprinzip ihm ewig 
fremd. So oft sich der Mensch das Schicksal faßHch zu machen 
sucht, er hat immer den Eindruck von etwas Weiblichem emp- 
fangen, von Moiren, Parzen und Nomen. Der höchste Gott ist 
nie das Schicksal selbst, sondern er vertritt oder beherrscht es — 
wie der Mann das Weib. Das Weib ist in ursprünglichen Zeiten 
auch die Seherin, nicht weil es die Zukunft kennt, sondern weil 
es sie ist. Der Priester deutet nur, das Weib aber ist Orakel. 
Die Zeit selbst redet aus ihm. 

Der Mann macht Geschichte, das Weib ist Geschichte. In 
geheimnisvoller Weise enthüUt sich hier ein doppelter Sinn alles 
lebendigen Geschehens: Es ist kosmisches Dahinströmen an sich» 



•) Vgl. S. 3 und Anm. S. 3. 

26^ 



404 DER STAAT 



und dann doch wieder die Reihenfolge der Mikrokosmen selbst, 
die das Strömen in sich faßt, schützt und erhält. Diese „zweite" 
Geschichte ist die eigentlich männliche, die politische und so- 
ziale; sie ist bewußter, freier, bewegter. Sie reicht tief in die 
Anfänge der TierAvelt zurück und empfängt in den Lebensläufen 
der hohen Kulturen ihre höchste sinnbildliche und welthistorische 
Gestalt. Weiblich ist die erste, die ewige, mütterliche, ptianzen- 
hafte — die Pflanze selbst hat immer etwas Weibliches — , die 
kulturlose Geschichte der Folge von Generationen, die 
sich nie ändert, die durch das Dasein aller Tier- und Menschen- 
arten, durch alle kurzlebigen Einzelkulturen gleichmäßig und 
still hindurchgeht. Blickt man zurück, so ist sie gleichbedeutend 
mit dem Leben selbst. Auch sie hat ihre Kämpfe und ihre 
Tragik. Das Weib erringt seinen Sieg im Wochenbett. Bei den 
Azteken, den Römern der mexikanischen Kultur, wurde die ge- 
bärende Frau als tapferer Krieger begrüßt und die an der Ge- 
burt gestorbene unter denselben Formeln bestattet wie die in 
der Schlacht gefallenen Helden. Des Weibes ewige Politik ist die 
Eroberung des Mannes, durch den sie Mutter von Kindern, durch 
den sie also Geschichte, Schicksal, Zukunft sein kann. Ihre tiefe 
Klugheit und Kriegslist richtet sich stets auf den Vater ihres 
Sohnes. Der Mann aber, der mit dem Schwergewicht seines Wesens 
der andern Geschichte angehört, will seinen Sohn haben als Erben, 
als Träger seines Blutes und seiner geschichtlichen Tradition. 

Hier kämpfen in Mann und Weib die beiden Arten von Ge- 
schichte um die Macht. Das Weib ist stark und ganz, was es ist, 
und es erlebt den Mann und die Söhne nur in bezug auf sich und 
seine Bestimmung. Im Wesen des Mannes liegt etwas Zwie- 
spältiges. Er ist dies und noch etwas andres, was das Weib weder 
begreift noch anerkennt und als Raub und Gewalt an seinem 
Heiligsten empfindet. Es ist der geheime Urkrieg der Geschlechter, 
der ewig dauert, seit es Geschlechter gibt, schweigend, erbittert, 
ohne Versöhnung, ohne Gnade. Es gibt auch da Politik, Schlachten, 
Bündnisse, Vertrag und Verrat. Die Rassegefühle von Haß und 
Liebe, die beide aus den Tiefen der Weltsehnsucht, aus dem Ur- 
gefühl der Richtung stammen, herrschen zwischen den Geschlech- 
tern unheimlicher noch als in der andern Geschichte zwischen 
Mann und Mann. Es gibt Liebeslyrik und Kriegslyrik, Liebestänze 



DER STAAT 405 



und Waffentänze und zwei Arten der Tragödie — Othello und Mac- 
beth — aber bis in die Abgründe von Klytämnestras und Kriem- 
hilds Rache reicht nichts in der politischen Welt. 

Deshalb verachtet das Weib diese andre Geschichte, die 
Politik des Mannes, die sie nie versteht, von der sie nur weiß, 
daß sie ihr die Söhne raubt. Was ist ihr eine siegreiche Schlacht, 
die den Sieg in tausend Wochenbetten vernichtet? Die Geschichte 
des Mannes opfert die des Weibes sich auf, und es gibt ein 
weibliches Heldentum, das die Söhne mit Stolz zum Opfer bringt 
— Katharina Sforza auf den Wällen von Imola — aber trotzdem 
ist es die ewige, geheime, bis in die Anfänge der Tierwelt zurück- 
reichende Politik des Weibes, den Mann von ihr abzuziehen, 
um ihn ganz in die eigne, pflanzenhafte der Geschlechterfolgen 
einzuspinnen, das heißt in sich selbst. Und trotzdem erfolgt 
alles in der andern Geschichte, um diese ewige Geschichte des 
Zeugens und Sterbens zu schützen und zu erhalten, man mag 
es ausdrücken wie man will, für Haus und Herd, für Weib und 
Kind, für das Geschlecht, das Volk, die Zukunft. Der Kampf 
zwischen Mann und Mann geschieht stets um des Blutes, um 
des Weibes willen. Das Weib als Zeit ist das, wofür es 
Staatengeschichte gibt. 

Das Weib von Rasse fühlt das, auch wenn sie es nicht 
weiß. Sie ist das Schicksal, sie spielt das Schicksal. Es be- 
ginnt mit dem Kampfe zwischen Männern um ihren Besitz — 
Helena; die Carmentragödie; Katharina H., Napoleon und Desiree 
Clary, die Bernadotte zuletzt auf die feindliche Seite zog — , der 
schon die Geschichte ganzer Tiergattungen ausfüllt und endet mit 
ihrer Macht als Mutter, Gattin, Geliebte über das Schicksal von 
Reichen: die Hallgerd der Njalssaga; die Frankenkönigin Brun- 
hilde; Marozia, die den päpsthchen Stuhl an Männer ihrer Wahl 
vergibt. Der Mann steigt in seiner Geschichte empor, bis er 
die Zukunft eines Landes in Händen hält — dann kommt ein 
Weib und zwingt ihn auf die Knie. Mögen darüber Völlcer und 
Staaten zugrunde gehen, sie hat in ihrer Geschichte gesiegt. 
Der politische Ehrgeiz des Weibes von Rasse hat im letzten 
Grunde nie ein anderes Ziel.*) 

') Erst das Weib ohne Rasse, das Kinder nicht haben kann oder will, 
das nicht mehr Geschichte ist, möchte die Geschichte der Männer machen, 



406 DER STAAT 



Geschichte besitzt demnach einen heiligen Doppelsinn. Sie 
ist kosmisch oder politisch. Sie ist das Dasein oder bewahrt 
das Dasein. Es gibt zwei Arten von Schicksal, zweierlei Krieg,' 
zweierlei Tragik: öffentliche und private. Nichts kann diesen 
Gegensatz aus der Welt schaffen. Er ist von Anfang an im 
Wesen des tierischen Mikrokosmos begründet, der zugleich etwas 
Kosmisches ist. Er tritt in allen bedeutenden Lagen in Gestalt 
eines Konflikts der Pflichten hervor, der nur für den Mann, nicht 
für das Weib vorhanden ist, und er wird im Verlauf der hohen 
Kulturen nicht überwunden, sondern beständig vertieft. Es gibt 
ein öffentliches und Privatleben, öffentliches und privates Recht. 
Gemeinde- und Hauskulte. Als Stand ist das Dasein „in Form" 
für die eine, als Stamm ist es in Fluß als die andere Ge- 
schichte. Das ist der altgermanische Unterschied der „ Schwert- 
seite " und „ Spindelhälfte " einer Blutsverwandtschaft. Seinen 
höchsten Ausdruck findet dieser Doppelsinn der gerichteten 
Zeit in den Ideen des Staats und der Familie. 

Die Gliederung der Familie ist in lebendigem, was die Ge- 
stalt des Hauses in totem Stoff ist.^) Ein Wandel in Aufbau 
und Bedeutung des Familiendaseins, und der Grundriß des Hauses 
wird anders. Der antiken Wohnweise entsprach die Agnaten- 
familie antiken Stils, die in hellenischen Stadtrechten noch 
schärfer ausgeprägt war wie in dem jüngeren römischen. 2) Sie 
ist ganz auf den gegenwärtigen Stand, das euklidische Jetzt 
und Hier gestellt, ebenso wie die als Summe gegenwärtig vor- 
handener Körper aufgefaßte Polis. Blutsverwandtschaft ist also 
für sie weder notwendig noch ausreichend; sie hört auf mit der 
Grenze der patria potestas, des „Hauses". Die Mutter ist an 
sich mit ihren leibhchen Kindern agnatisch nicht verwandt: 
nur insofern sie der patria potestas des lebenden Gatten unter- 
steht, ist sie die agnatische Schwester ihrer Kinder. 3) Dem 
consensus dagegen entspricht die magische Kognatenfamilie 



nachmachen. Und umgekehrt hat es einen tiefen Grund, wenn man die anti- 
politische Gesinnung von Denkern, Doktrinären und Menschheitsschwärmern 
als altweiberhaft bezeichnet. Sie wollen die andere Geschichte, die des Weihes, 
nachmachen, obwohl sie es nicht — können. 

1) S. 141 S. ») Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht (1891) S. 63. 

») Sohm, Institutionen (1911) S. 614. 



DER STAAT 407 



(hebräisch Mischpacha), die durch die väterliche und mütter- 
liche Blutsgemeinschaft weithin dargestellt wird und einen „Geist" 
besitzt, einen consensus im Kleinen, aber kein bestimmtes Ober- 
haupt.') Es ist für das Erlöschen der antiken und die Ent- 
faltung der magischen Seele bezeichnend, daß das „römische" 
Recht der Kaiserzeit von der Agnation allmählich zur Kognation 
übergeht. Noch einige Novellen Justinians (118, 127) schaffen 
eine Neuregelung des Erbrechts infolge des Sieges der magischen 
Familienidee. 

Auf der andern Seite erbhcken wir Massen von Einzel- 
wesen, die werdend und vergehend, aber Geschichte machend 
dahinströmen. Je reiner, tiefer, stärker, selbstverständlicher der 
gemeinsame Takt dieser Geschlechterfolgen, desto mehr Blut, 
desto mehr Rasse haben sie. Aus der Unendlichkeit aller heben 
sich beseelte Einheiten ab, 2) Scharen, die sich im gleichen 
Wellenschlag des Daseins als Ganzes fühlen, nicht geistige Ge- 
meinschaften wie Orden, Künstlergilden und Gelehrtenschulen, 
die durch gleiche Wahrheiten verbunden sind, sondern Blut- 
verbände mitten im kämpfenden Leben. 

Es sind Daseinsströme „in Form", um einen Sportausdruck 
zu gebrauchen, der in die Tiefe dringt. In Form ist ein Feld 
von Rennpferden, das sicher in den Gelenken mit feinem Schwung 
über die Hürde geht und sich dann wieder im gleichen Takt 
der Hufe über die Ebene bewegt. In Form sind Ringer, Fechter 
und Ballspieler, denen das Gewagteste leicht und selbstverständ- 
lich von der Hand geht. In Form ist eine Kunstepoche, für 
welche die Tradition Natur ist wie der Kontrapunkt für Bach. 
In Form ist eine Armee, wie sie Napoleon bei Austerlitz und 
Moltke bei Sedan hatten. So gut wie alles, was in der Welt- 
geschichte geleistet worden ist, im Krieg und in jener Fortsetzung 
des Krieges durch geistige Mittel, die wir Pohtik nennen, alle 
erfolgreiche Diplomatie, Taktik, Strategie, sei es die von Staaten, 



') Auf diesem Prinzip beruht der Dynastiebegriff der arabischen Welt 
^der Ommaijaden, Komnenen, Sassaniden), der uns schwer begreiflich ist. Wenn 
ein Usurpator den Thron erobert hat, so vermählt er sich mit irgend einem 
weiblichen Mitgliede der Blutsgemeinschaft und setzt so die Dynastie fort. Von 
einer gesetzlichen Erbfolge ist der Idee nach nicht die Rede. Vgl. auch J. Well- 
hausen, Ein Gemeinwesen ohne Obrigkeit (1900). *) S. 22. 



408 DER STAAT 



Ständen oder Parteien, rührt von lebendigen Einheiten her, die 
sich in Form befanden. 

Das Wort für die rassemäßige Art von Erziehung ist Zucht, 
Züchtung, im Unterschied von Bildung, die durch die Gleich- 
heit des Gelernten oder Geglaubten Wachseinsgemeinschaften 
begründet. Zur Bildung gehören Bücher, zur Zucht gehört der 
stetige Takt und Einklang der Umgebung, in die man sich 
hineinfühlt, hineinlebt: Klostererziehung und Pagenerziehung 
der frühen Gotik. AUe guten Formen einer Gesellschaft, jedes 
Zeremoniell ist versinnlichter Takt einer x\rt von Dasein. Um 
sie zu beherrschen, muß man Takt haben. Deshalb gewöhnen 
sich Frauen, weil sie triebhafter und dem Kosmischen näher 
sind, schneller an die Formen einer neuen Umgebung. Frauen 
aus der Tiefe bewegen sich nach ein paar Jahren mit voller 
Sicherheit in einer vornehmen Welt, aber sie sinken ebenso 
schnell wieder herab. Der Mann ändert sich schwerer, weü er 
wacher ist. Der Proletarier wird nie ganz Aristokrat, der Aristo- 
krat nie ganz Proletarier. Erst die Söhne haben den Takt der 
neuen Umgebung. 

Je tiefer die Form, desto strenger und abweisender ist sie. 
Dem nicht Zugehörigen erscheint sie als Sklaverei; der Zu- 
gehörige beherrscht sie mit vollkommener Freiheit und Leichtig- 
keit. Der Fürst von Ligne war ebenso wie Mozart Herr, nicht 
Sklave der Form; und das gilt von jedem geborenen Aristo- 
kraten, Staatsmann und Heerführer. 

Deshalb gibt es in allen hohen Kulturen ein Bauerntum, 
das Rasse überhaupt und also gewissermaßen Natur ist, und 
eine Gesellschaft, die in anspruchsvoller Weise „in Form" ist» 
als Gruppe von Klassen oder Ständen und ohne Zweifel künst- 
Hcher und vergänglicher. Aber die Geschichte dieser Klassen 
und Stände ist Weltgeschichte in höchster Potenz. Erst 
im. Hinblick auf sie erscheint das Bauerntum als geschichtslos. 
Die gesamte Geschichte großen Stils von sechs Jahrtausenden 
hat sich in den Lebensläufen der hohen Kulturen vollzogen nur, 
weil diese Kulturen selbst ihren schöpferischen Mittelpunkt in 
Ständen haben, die Zucht besitzen, in Vollendung gezüchtet 
worden sind. Eine Kultur ist Seelentum, das in sinnbildlichen 
Formen zum Ausdruck gelangt, aber diese Formen sind lebendig 



DER STAAT 409 



und in Entwicklung begriffen, auch die der Kunst, deren wir uns 
erst durch ihre Abziehung von der Kunstgeschichte bewußt ge- 
worden sind; sie liegen im gesteigerten Dasein von Einzelnen 
und Kreisen, eben in dem, was soeben „Dasein in Form" ge- 
nannt worden ist und durch diese Höhe des Geformtseins erst 
die Kultur repräsentiert. 

Das ist etwas Großes und Einziges innerhalb der organischen 
Welt. Es ist der einzige Punkt, wo der Mensch sich über die 
Mächte der Natur erhebt und selbst Schöpfer wird. Noch als 
Rasse ist er Schöpfung der Natur; da wird er gezüchtet; als 
Stand aber züchtet er sich selbst, ganz wie die edlen Tier- und 
Pflanzenrassen, mit denen er sich umgeben hat; und eben das 
ist im höchsten und letzten Sinne Kultur. Kultur und Klasse 
sind Wechselbegriffe; sie entstehen als Einheit, sie vergehen als 
Einheit. Die Züchtung erlesener Wein-, Obst- und Blumenarten, 
die Züchtung von Pferden reinen Blutes ist Kultur und in genau 
demselben Sinne entsteht erlesene menschliche Kultur als Aus- 
druck eines Daseins, das sich selbst in grofse Form gebracht hat. 

Aber eben deshalb gibt es in jeder Kultur ein starkes Ge- 
fühl dafür, ob jemand dazu gehört oder nicht. Der antike Be- 
griff des Barbaren, der arabische des Ungläubigen — des Am- 
haarez oder Giaur — , der indische des Tschudra mögen noch so 
verschieden gedacht sein, sie drücken zunächst weder Hafa noch 
Verachtung aus, sondern stellen eine Verschiedenheit im Takt 
des Daseins fest, die eine unüberschreitbare Grenze in allen 
tiefen Dingen zieht. Diese ganz klare und eindeutige Tatsache 
ist durch den indischen Begriff der „vierten Kaste* verdunkelt 
worden, die es in Wirklichkeit, wie wir heute wissen, nie ge- 
geben hat.i) Das Gesetzbuch des Manu mit seinen berühmten 
Bestimmungen über die Behandlung des Tschudra entstammt 
dem ausgebildeten Fellachentum Indiens und zeichnet ohne Rück- 
sicht auf die rechthch vorhandene oder auch nur erreichbare 
Wirklichkeit das dünkelhafte Brahmanenideal durch seinen Gegen- 
satz, wie es mit dem Begriff des arbeitenden Banausen in der 
spätantiken Philosophie nicht viel anders gewesen ist. Das hat 
für uns dort zum Mißverstehen der Kaste als einer spezifisch 

') R. Fick, Die soziale Gliederung im nordöstlichen Indien zu Buddhas Zeit 
(1897), S. 201. K. Hillebrandt, Alt-Indien (1899), S. 82. 



410 DER STAAT 



indischen Erscheinung, hier zu einer grundfalschen Meinung von 
der Stellung des antiken Menschen zur Arbeit geführt. 

Es handelt sich in allen Fällen um den Rest, der für das 
innere Leben der Kultur und ihre Symbolik nicht in Betracht 
kommt und von dem bei jeder bedeutungsvollen Einteilung von 
vornherein abgesehen wird, etwa das, was man heute in Ost- 
asien outcast nennt. In dem gotischen Begriff des corpus christianum 
ist ausgesprochen, daß der jüdische Konsensus nicht dazu gehört. 
Innerhalb der arabischen Kultur ist im Bereiche der jüdischen, 
persischen, christlichen und vor allem islamischen Nation der 
Andersgläubige nur geduldet und im übrigen mit Verachtung 
seiner eigenen Verwaltung und Rechtsprechung überlassen. In 
der Antike sind „outcast" nicht nur Barbaren, sondern in ge- 
wissem Sinne auch die Sklaven, vor allem aber Reste der Ur- 
bevölkerung wie die Penesten in Thessalien und die Heloten in 
Sparta, deren Behandlung durch ihre Herren wieder an die Hal- 
tung der Normannen im angelsächsischen England und der Ordens- 
ritter im slawischen Osten erinnert. Im Gesetzbuch des Manu 
erscheinen als Namen von Tschudraklassen alte Völkernamen des 
„ Kolonial gebiets" am unteren Ganges, darunter Magadha — da- 
nach könnte Buddha so gut wie der Cäsar Asoka, dessen Groß- 
vater Tschandragupta von niedrigster Herkunft war, ein Tschudra 
gewesen sein — andre sind Namen von Berufen und das erinnert 
daran, daß auch im Abendland und anderswo gewisse Berufe 
outcast waren, so die Bettler — bei Homer ein Stand! — Schmiede, 
Sänger und die berufsmäßig Erwerbslosen, die in frühgotischer 
Zeit durch die Caritas der Kirche und die Wohltätigkeit frommer 
Laien in Massen förmlich gezüchtet worden sind. 

Aber endlich ist Kaste überhaupt ein Wort, das weniger ge- 
braucht als mißbraucht worden ist. Kasten haben im Ägypten 
des Alten und Mittleren Reiches ebensowenig bestanden wie im 
vorbuddhistischen Indien und in China vor der Hanzeit. Erst in 
sehr späten Zuständen tauchen sie auf, dann aber auch in allen 
Kulturen. Von der 21. Dynastie an (um 1100) befindet sich Ägypten 
bald in den Händen der thebanischen Priester-, bald der liby- 
schen Kriegerkaste, und die Erstarrung ist dann beständig fort- 
geschritten bis zu den Tagen Herodots, der den Zustand seiner Zeit 
ebenso falsch als spezifisch ägyptisch betrachtet hat, wie wir 



DER STAAT 411 



den indischen. Stand und Kaste unterscheiden sich wie 
früheste Kultur und späteste Zivilisation. In der Herauf - 
kunft der Urstände Adel und Priestertum entfaltet sich die Kul- 
tur, in den Kasten drückt sich das endgültige P'ellachentum aus. 
Der Stand ist das Lebendigste von allem, Kultur in Vollendung 
begriffen, „geprägte Form, die lebend sich entwickelt"; die Kaste 
ist das absolute Fertigsein, die Zeit der Vollendung als unbedingte 
Vergangenheit. 

Die grofaen Stände sind aber auch etwas ganz andres als 
die Berufsgruppen etwa der Handwerker, Beamten, Künstler, 
die durch technische Tradition und den Geist ihrer Arbeit zunft- 
mäßig zusammengehalten werden: nämlich Symbole in Fleisch 
und Blut, deren gesamtes Sein nach Erscheinung, Haltung und 
Denkart sinnbildliche Bedeutung besitzt. Und zwar ist innerhalb 
jeder Kultur das Bauerntum ein reines Stück Natur und Wachstum 
und also unpersönlicher Ausdruck, Adel und Priestertum aber das 
Ergebnis einer hohen Zucht und Bildung und also Ausdruck einer 
ganzpersönlichenKultur, die nicht nur den Barbaren, den 
Tschudra, sondern nun auch alle andern dem Stand nicht Zu- 
gehörigen als Rest, vom Adel aus gesehen als „Volk", vom 
Priester aus als Laientum durch die Höhe der Form abweist. Und 
dieser Stil der Persönlichkeit ist es, der im Fellachentum 
versteinert und zum Typus einer Kaste wird, die nun unverändert 
durch alle Jahrhunderte fortbesteht. Wenn innerhalb der leben- 
digen Kultur sich Rasse und Stand als das unpersönliche und 
persönliche gegenüberstehen, so in Fellachenzeiten die Masse 
und die Kaste, der Kuli und der Brahmane oder Mandarin 
als das Formlose und das Förmliche. Die lebendige Form 
ist zur Formel geworden, die ebenfalls Stil besitzt, aber stilvolle 
Starrheit, den versteinerten Stil der Kaste, etwas von höchster Fein- 
heit, Würde und Durchgeistigung, den im Werden begriffenen Men- 
schen einer Kultur sich unendlich überlegen fühlend — wir machen 
uns kaum eine Vorstellung davon, aus welcher Höhe ein Mandarin 
oder Brahmane auf europäisches Denken und Tun herabblickt, und 
wie gründlich die ägyptischen Priester ihre Besucher wie Pytha- 
goras und Piaton verachtet haben müssen — aber unbewegt durch 
aUe Zeiten schreitend mit der byzantinischen Erhabenheit einer 
Seele, die alle Rätsel und Probleme längst hinter sich hat. 



412 DER STAAT 



In karolingischer Vorzeit unterschied man Knechte, Freie 
und Edle. Das ist ein primitiver Rangunterschied auf Grund 
bloßer Tatsachen des äußeren Lebens. In frühgotischer Zeit heißt 
es in Freidanks Bescheidenheit: 

Got hat driu leben geschaffen, 
Gebüre, ritter, phaffen. 
Das sind Standesunterschiede einer hohen, eben erwachenden 
Kultur. Und zwar stehen „Stola und Schwert" dem Pfluge gegen- 
über als die Stände im anspruchsvollsten Sinne dem Übrigen, 
dem Nichtstand, dem was ebenfalls Tatsache ist, aber ohne tiefere 
Bedeutung. Der innere, gefühlte Abstand ist so schicksalhaft 
und gewaltig, daß kein Verstehen hinüberführt. Haß quillt aus 
den Dörfern empor, Verachtung strahlt von den Burgen zurück. 
Weder Besitz noch Macht noch Beruf haben diesen Abgrund 
zwischen den „Leben" aufgerichtet. Er läßt sich logisch über- 
haupt nicht begründen. Er ist metaphysischer Natur. 

Später erscheint mit der Stadt, aber jünger als diese, das 
Bürgertum, der „dritte Stand*. Auch der Bürger sieht jetzt 
verächthch auf das Land herab, das dumpf, unverändert, Ge- 
schichte duldend um ihn liegt, dem gegenüber er sich wacher 
und freier und deshalb fortgeschrittener auf dem Wege der 
Kultur empfindet. Er verachtet auch die Urstände, „Junker und 
Pfaffen", als etwas das geistig unter ihm und geschichtlich hinter 
ihm hegt. Aber den beiden Urständen gegenüber ist der Bürger 
wie der Bauer ein Rest, ein Nichtstand. Der Bauer zählt im 
Denken der „Privilegierten" kaum noch mit. Der Bürger zählt, 
aber als Gegensatz und Hintergrund. Er ist das, woran die 
andern sich ihrer jenseits alles Praktischen Hegenden Bedeutung 
bewußt werden. Wenn das in aUen Kulturen in genau derselben 
Form der Fall ist und der Gang der Geschichte sich überall in 
und mit den Gegensätzen dieser Gruppen vollzieht, so daß trieb- 
hafte Bauernkriege die Frühzeit, geistig begründete Bürger- 
kriege die Spätzeit durchsetzen — mag die Symbolik der ein- 
zelnen Kulturen sonst noch so verschieden sein — , so muß der 
Sinn dieser Tatsache in den letzten Gründen des Lebens selbst 
gesucht werden. 



DER STAAT 413 



Es ist eine Idee, welche den beiden Urständen und ihnen 
allein zugrunde liegt. Sie gibt ihnen das mächtige Gefühl eines 
von Gott verliehenen und deshalb aller Kritik enthobenen Ranges, 
welche Selbstachtung und Selbstbewußtsein, aber auch die härteste 
Selbstzucht, unter Umständen selbst den Tod zur Pflicht macht 
und beiden die geschichtliche Überlegenheit, den Zauber der Seele 
verleiht, der Macht nicht voraussetzt, sondern erzeugt. Menschen, 
vv'elche diesen Ständen innerlich und nicht nur dem Namen nach 
angehören, sind wirklich etwas andres als der Rest; ihr Leben 
ist im Gegensatz zum bäuerlichen und bürgerlichen durch und 
durch von einer sinnbildlichen Würde getragen. Es ist nicht da, 
um geführt zu werden, sondern um Bedeutung zu haben. Es sind 
die beiden Seiten alles frei beweglichen Lebens, die in diesen 
Ständen zum Ausdruck gelangen, von denen der eine ganz 
Dasein, der andre ganz Wachsein ist. 

Jeder Adel ist ein lebendiges Symbol der Zeit, jede Priester- 
schaft eins des Raumes. Schicksal und heilige Kausalität, Ge- 
schichte und Natur, das Wann und das Wo, Rasse und Sprache, 
Geschlechtsleben und Sinnenleben: das alles kommt darin zum 
höchst möglichen Ausdruck. Der Adel lebt in einer Welt von 
Tatsachen, der Priester in einer Welt von Wahrheiten; jener ist 
Kenner, dieser Erkenner, jener Täter, dieser Denker. Aristo- 
kratisches Weltgefühl ist durch und durch Takt, priesterliches 
verläuft durchaus in Spannungen. Zwischen den Zeiten Karls 
des Großen und Konrads II. hat sich im Strome des Daseins 
etwas herausgebildet, das man nicht erklären kann, sondern 
fühlen muß, um den Anbruch einer neuen Kultur zu verstehen. 
Edle und Geistliche gab es längst, Adel und Priestertum im 
großen Sinne und mit der vollen Wucht sinnbildlicher Bedeutsam- 
keit gibt es erst jetzt und nicht für lange Zeit.^) Die Gewalt dieser 
Symbolik ist so groß, daß zunächst jeder andre Unterschied nach 

M Die Leichtigkeit, mit welcher in Rußland die vier sogenannten Stände 
der petrinischen Zeit — Adel, Kauf leute, Kleinbürger, Bauern — durch den Bol- 
schewismus ausgelöscht worden sind, beweist, daß sie bloße Nachahmung und 
Verwaltungspraxis waren, aber ohne alle Symbolik, die sich durch Gewalt nicht 
ersticken läßt. Sie entsprechen den äußeren Rang- und Besitzunterschieden im 
Westgoten- und Frankenreich und in mykenischer Zeit, wie sie in den ältesten 
Teilen der Ilias noch durchschimmert. Erst in Zukunft werden sich echter Adel 
und Priestertum russischen Stils herausbilden. 



414 DER STAAT 



Landschaften, Völkern und Sprachen dagegen zurücktritt. Die " 
gotische Geistlichkeit bildet durch alle Länder hin, von Irland bis 
nach Kalabrien, eine einzige große Gemeinschaft; die frühantike 
Ritterschaft vor Troja und die frühgotische vor Jerusalem wirken 
wie eine große Familie. Die altägyptischen Gaue und die Lehns- 
staaten der ersten Dschouzeit erscheinen den Ständen gegenüber 
deshalb als matte Gebilde ganz wie das Burgund und Lothringen 
der Sfcauferzeit. Kosmopohtisches gibt es am Anfang und am 
Ende einer Kultur, aber dort, weil die sinnbildliche Gewalt der 
ständischen Formen noch über die der Nationen hinausragt, hier 
weil die formlose Masse unter sie herabsinkt. 

Beide Stände schließen sich der Idee nach aus. Der Ur- 
gegensatz von Kosmischem und Mikrokosmischem, der alle frei 
im Raum beweglichen Wesen durchdringt, liegt auch ihrem Doppel- 
dasein zugrunde. Jeder ist nur durch den andern möglich und 
notwendig. In der homerischen Welt herrscht feindliches Schweigen 
über die orphische, und jene wird für diese, wie die vorsokrati- 
sehen Denker bezeugen, ein Gegenstand des Zorns und der Ver- 
achtung. In gotischer Zeit sind die reformatorischen Geister den 
Renaissancenaturen in heiliger Begeisterung in den Weg getreten, 
Staat und Kirche sind nie zu einem Ausgleich gekommen, und 
dieser Gegensatz hat sich in dem Kampf zwischen Kaisertum und 
Papsttum zu einer Höhe gesteigert, die nur dem faustischen Men- 
schen möglich war. 

Und zwar ist der Adel der eigentliche Stand, der In- 
begriff von Blut und Rasse, ein Daseinsstrom in denkbar voll- 
endeter Form. Adel ist eben damit höheres Bauerntum. Noch 
um 1250 galt weithin im Abendlande der Spruch: „Wer morgens 
ackert, reitet nachmittags zum Turnier" und die Sitte, daß Ritter 
Bauerntöchter freiten. Die Burg ist im Gegensatz zum Dom auf 
dem Wege über den ländlichen Edelsitz etwa der Frankenzeit aus 
dem Bauernhause herangewachsen. In den isländischen Sagas 
werden Bauernhöfe wie Burgen belagert und erstürmt. Adel und 
Bauerntum sind ganz pflanzenhaft und triebhaft, tief im Stamm- 
lande wurzelnd, im Stammbaum sich fortpflanzend, züchtend und 
gezüchtet. Im Vergleich dazu ist das Priestertum der eigentliche 
Gegenstand, der Stand des Verneinens, die Nichtrasse, die Un- 
abhängigkeit vom Boden, das freie, zeitlose, geschichtslose Wach- 



DER STAAT 415 



sein. In jedem Bauerndorf von der Steinzeit bis zu den Höhepunkten 
der Kultur, in jedem Bauerngeschlecht spielt sich Weltgeschichte 
im Kleinen ab. Es sind statt der Völker Familien, statt der Länder 
Höfe, aber die letzte Bedeutung dessen, um das hier wie dort 
gekämpft wird, ist dieselbe: die Erhaltung des Blutes, die Ge- 
schlechterfolge, das Kosmische, das Weib, die Macht. Macbeth 
und König Lear hätten auch als Dorftragödien erdacht werden 
können; das ist ein Beweis von echter Tragik. In allen Kulturen 
erscheinen Adel und Bauerntum in der Form von Geschlechtern, 
und das Wort dafür berührt sich in allen Sprachen mit der Be- 
zeichnung der beiden Geschlechter, durch die das Leben sich 
fortpflanzt, Geschichte hat und Geschichte macht. Und da das 
Weib Geschichte ist, so bestimmt sich der innere Rang von 
Bauern- und Adelsgeschlechtern danach, wieviel Rasse ihre Frauen 
haben, bis zu welchem Grade sie Schicksal sind. Deshalb liegt 
ein tiefer Sinn in der Tatsache, daß Weltgeschichte, je echter 
und rassehafter sie ist, um so mehr den Strom des öffentlichen 
Lebens in das Privatleben großer Einzelgeschlechter hinüber- 
leitet und ihm einordnet. Eben darauf beruht das dynastische Prin- 
zip, aber auch der Begriff der welthistorischen Persönlichkeit. 
Die Schicksale ganzer Staaten werden von dem zu ungeheuren 
Dimensionen gesteigerten Privatschicksal Weniger abhängig. Die 
Geschichte Athens im 5. Jahrhundert ist zum großen Teil die der 
Alkmäoniden, die Geschichte Roms die von einigen Geschlechtern 
von der Art der Fabier und Claudier. Die Staatengeschichte des 
Barock ist im Umriß identisch mit den Wirkungen der habs- 
burgischen und bourbonischen Familienpolitik, und ihre Krisen 
haben die Form von Heiraten und Erbfolgekriegen. Die Geschichte 
von Napoleons zweiter Ehe umfaßt auch den Brand von Moskau 
und die Schlacht bei Leipzig. Die Geschichte des Papsttums ist 
bis ins 18. Jahrhundert hinein die Geschichte einiger Adels- 
geschlechter, welche die Tiara erstrebten, um einen fürstlichen 
Familienbesitz zu gründen. Aber das gilt auch von byzantinischen 
Würdenträgern und von englischen Premierministern, wie die 
Familiengeschichte der Cecils zeigt, und sogar noch von sehr 
vielen Führern großer Revolutionen. 

AUes das wird vom Priestertum verneint und also auch von 
der Philosophie, soweit sie Priestertum ist. Der Stand des reineri 



416 DER STAAT 



Wachseins und der ewigen Wahrheiten richtet sich gegen die 
Zeit, die Rasse, das Geschlecht in jedem Sinne. Der Mann als 
Bauer oder Ritter ist dem Weibe als dem Schicksal zu-, der 
Mann als Priester ist ihm abgewandt. Der Adel ist stets in Ge- 
fahr, das öffentliche Leben im Privatleben verschwinden zu lassen, 
indem er den breiten Daseinsstrom in das Bett des kleineren 
seiner Ahnen und Enkel leitet. Der echte Priester erkennt das 
IVivatleben, das Geschlecht, das „Haus" der Idee nach über- 
haupt nicht an. Für den Menschen von Rasse ist erst der Tod 
ohne Erben der wahre und furchtbare Tod, wie die isländischen 
Sagas so gut als der chinesische Ahnenkult lehren. Wer in Söhnen 
und Enkeln fortlebt, stirbt nicht ganz. Aber für den wahren 
Priester gilt das media vita in morte sumiis: Sein Erbe ist geistig 
und verwirft den Sinn des Weibes. Die überall w^iederkehren- 
den Erscheinungsformen dieses zweiten Standes sind die Ehe- 
losigkeit, das Kloster, die Bekämpfung des Geschlechtlichen bis 
zur Selbstentmannung, die Verachtung des Muttertums, die sieh 
im Orgiasmus und der heiligen Prostitution ausspricht und in der 
begrifflichen Herabwürdigung des Geschlechtslebens bis zu jener 
unflätigen Definition der Ehe durch Kant.i) Für die gesamte An- 
tike gilt das Gesetz, daß im heiligen Tempelbezirk, dem Temenos, 
niemand geboren w^erden und sterben darf. Das Zeitlose darf mit 
der Zeit nicht in Berührung kommen. Es ist möglich, daß ein 
Priester die großen Augenblicke von Zeugung und Geburt be- 
grifflich anerkennt und durch Sakramente ehrt, aber erleben 
darf er sie nicht. 

Denn der Adel ist etwas, das Priestertum bedeutet etwas. 
Auch damit erscheint es als das Gegenteil von allem, was Schick- 
sal, Rasse, Stand ist. Auch die Burg mit ihren Gemächern, 
Türmen, WäUen und Gräben redet von einem mächtig strömen- 
den Sein; der Dom mit Wölbung, Pfeilern und Chor aber ist 
durch und durch Bedeutung, nämlich Ornament; und jede alte 
Priesterschaft hat sich zu einer wundervoll schweren und präch- 
tigen Art von Haltung entwickelt, in welcher jeder Zug von 
Miene und TonfaU bis zu Tracht und Gang Ornament ist, und 

') Wonach sie ein Vertrag auf den wechselseitigen Besitz zweier Personen 
ist, der durch den wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtseigentümlichkeiten 
verwirklicht wird. 



DER STAAT 417 



das Privatleben, auch das Innenleben als wesenlos verschwindet, 
während gerade im Gegenteil eine reife Aristokratie, wie die 
französische des 18. Jahrhunderts, ein vollendetes Leben zur 
Schau stellt. Wenn gotisches Denken aus der Idee des Priesters 
den character indelehüis entwickelte, wonach die Idee unzerstörbar 
und in ihrer Würde von der Lebensführung ihres Trägers in der 
Welt als Geschichte gänzlich unabhängig ist, so gilt das unaus- 
gesprochen von jedem Priestertum und also auch von aller Philo- 
sophie im Sinne der Schulen. Hat ein Priester Rasse, so führt er 
ein äußeres Dasein wie jeder Bauer, Ritter oder Fürst. Die Päpste 
und Kardinäle der gotischen Zeit waren Lehnsfürsten, Heer- 
führer, Jagdfreunde, Liebhaber und trieben Familienpolitik. Unter 
den Brahmanen des vorbuddhistischen „Barock" gab es Groß- 
grundbesitzer, gepflegte Abbes, Hofleute, Verschwender, Fein- 
schmecker, i) aber gerade die Frühzeit hat im Priestertum die 
Idee von der Person zu unterscheiden gewußt, was dem Wesen 
des Adels gänzlich widerspricht, und erst die Aufklärung beurteilte 
den Priester nach seinem Privatleben, nicht weil ihre Augen 
schärfer sahen, sondern weil ihr die Idee abhanden gekommen war. 

Der Adlige ist der Mensch als Geschichte, der Priester der 
Mensch als Natur. Geschichte großen Stils ist immer Ausdruck 
und Nachwirkung des Daseins einer adligen Gemeinschaft gewesen, 
und der innere Rang der Ereignisse bestimmt sich nach dem 
Takt in diesem Daseinsstrora. Das ist der Grund, weshalb die 
Schlacht von Cannä viel und die Schlachten spätrömischer Kaiser 
gar nichts bedeuten. Der Anbruch einer Frühzeit sieht regel- 
mäßig auch die Geburt eines Uradels — der Fürst wird als 
primus inter pares empfunden und mit Mißtrauen betrachtet, 
denn eine starke Rasse hat den großen Einzelnen nicht nötig; 
er stellt ihren Wert sogar in Frage, und deshalb sind VasaUen- 
kriege die vornehmste Form, in der frühzeitliche Geschichte 
sich vollzieht — und dieser Adel hat fortan das Schicksal der 
Kultur in Händen. Hier wird in schweigender und deshalb um so 
nachdrücklicherer Gestaltungskraft das Dasein in Form gebracht, 
der Takt im Blute herangebildet und gefestigt und zwar für 
alle Zukunft. Denn was für jede Frühzeit dieser schöpferische 
Aufstieg zur lebendigen Form, das ist für jede Spätzeit die 

') Oldenberg, Die Lehre der Upanishaden (1915), S. 5. 

Spengler, Der Untergang dec Abendlandes, 11. 27 



418 DER STAAT 



Macht der Tradition, nämlich die alte und feste Zucht, der 
sicher gewordene Takt von solcher Stärke, daß er das Ab- 
sterben der alten Geschlechter überdauert und unaufhörlich neue 
Menschen und Daseinsströrae aus der Tiefe in seinen Bann 
zieht. Es kann gar nicht bezweifelt werden, daß alle Geschichte 
später Zeitalter nach Form, Takt und Tempo schon in den ersten 
Generationen und zwar unwiderruflich angelegt ist. Ihre Erfolge 
sind genau so groß wie die Macht der im Blute liegenden Tra- 
dition. Es ist in der Politik wie in jeder großen und reifen 
Kunst: Erfolge setzen voraus, daß das Dasein vollkommen in 
Form ist, daß der große Schatz uralter Erfahrungen Instinkt 
und Trieb geworden ist und ebenso unbewußt als selbstverständ- 
lich. Eine andere Art von Meisterschaft gibt es nicht; der 
große Einzelne ist nur dadurch Herr der Zukunft und mehr als 
ein Zwischenfall, daß er in dieser Form und aus ihr heraus wirkt 
oder wirkend gemacht wird, Schicksal ist oder Schicksal hat. 
Das unterscheidet notwendige und überflüssige Kunst und also 
auch historisch notwendige und überflüssige Politik. 
Mögen dann noch so viel Männer aus dem Volk — das ist hier 
der Inbegriff der Traditionslosen — in die leitende Schicht ge- 
langen, mögen sie endlich sogar allein übrig sein, sie selbst 
sind ahnungslos besessen von dem großen Schwung der Tra- 
dition, die ihre geistige und praktische Haltung formt, ihre 
Methoden regelt und die nichts ist als der Takt längst erstorbener 
Geschlechterfolgen. 

Zivilisation aber — wirkliche Rückkehr zur Natur — ist das 
Erlöschen des Adels nicht als Stamm, was von geringer Bedeu- 
tung wäre, sondern als lebendiger Tradition, und der Ersatz des 
schicksalhaften Taktes durch kausale Intelligenz. Der Adel ist 
dann nur noch Prädikat; aber zivilisierte Geschichte ist eben da- 
mit Oberflächengeschichte, auf zerstreute und nahe Zwecke ge- 
richtet und also formlos im Kosmischen geworden, vom Zufall 
der großen Einzelnen abhängig, ohne innere Sicherheit, ohne 
Linie, ohne Sinn. Mit dem Cäsarismus kehrt die Geschichte 
wieder ins Geschichtslose zurück, in den primitiven Takt der 
Urzeit und zu den ebenso endlosen als bedeutungslosen Kämpfen 
um die materielle Macht, welche die Zeit der römischen Soldaten- 
kaiser des 3. Jahrhunderts und der ihnen entsprechenden „sech- 



DER STAAT 419 



zehn Staaten" Chinas (265 — 420) von den Ereignissen im Wild- 
bestand eines Waldes nur noch unwesentlich unterscheidet. 



Und daraus folgt, daß echte Geschichte nicht „Kultur- 
geschichte" in dem antipolitischen Sinne ist, wie er unter Philo- 
sophen und Doktrinären jeder beginnenden Zivilisation und also 
gerade heute wieder beliebt wird, sondern ganz im Gegenteil 
Rassegeschichte, Kriegsgeschichte, diplomatische Geschichte, das 
Schicksal von Daseinsströmen in Gestalt von Mann und Weib, 
Geschlecht, Volk, Stand, Staat, die sich im Wellenschlag der großen 
Tatsachen verteidigen und gegenseitig überwältigen wollen. Poli- 
tik im höchsten Sinne ist Leben und Leben ist Politik. 
Jeder Mensch, er mag wollen oder nicht, ist Glied dieses kämpfen- 
den Geschehens, als Subjekt oder Objekt; etwas drittes gibt es 
nicht. Das Reich des Geistes ist nicht von dieser Welt, gewiß, 
aber es setzt sie voraus, wie das Wachsein das Dasein voraus- 
setzt; es ist nur möglich als ein beständiges Neinsagen zur 
Wirklichkeit, die eben und trotzdem da ist. Die Rasse kann 
der Sprache entbehren, aber schon das Sprechen der Sprache 
ist Rasseausdruck, ^) und ebenso ist alles, was in der Geistes- 
geschichte erfolgt — daß es eine solche Geschichte überhaupt 
gibt, beweist schon die Macht des Blutes über das Empfinden 
und Verstehen — alle Rehgionen, alle Künste, alle Gedanken, 
weil sie tätiges Wachsein in Form sind, mit allen ihren Ent- 
wicklungen, ihrer ganzen Symbolik, ihrer ganzen Leidenschaft 
Ausdruck auch noch des Blutes, das diese Formen im Wach- 
sein ganzer Geschlechterfolgen durchströmt. Ein Held braucht 
von dieser zweiten Welt gar nichts zu ahnen, er ist Leben durch 
und durch, aber ein Heiliger kann nur durch die strengste 
Askese das Leben in sich niederzwingen, um mit seinem Geist 
allein zu sein — und die Kraft dazu ist doch wieder das Leben 
selbst. Der Held verachtet den Tod und der Heilige verachtet 
das Leben, aber da dem Heroismus der großen Asketen und 
Märtyrer gegenüber die Frömmigkeit der meisten von der Art 
ist, von welcher es in der Bibel heißt: „Weil Du weder kalt 

') S. 147. 

27* 



420 DER STAAT 



noch warm bist, will ich Dich ausspeien aus meinem Munde", 
so entdeckt man, daß selbst Größe im Religiösen Rasse voraus- 
setzt, ein starkes Leben, an dem es etwas zu überwinden gibt — 
der Rest ist bloße Philosophie. 

Aber deshalb ist auch Adel im welthistorischen Sinne un- 
endlich viel mehr, als bequeme Spätzeiten gelten lassen, näm- 
lich nicht eine Summe von Titeln, Rechten und Zeremonien, 
sondern ein innerer Besitz, der schwer zu erwerben und schwer 
zu halten ist und der, wenn man ihn begreift, schon das Opfer 
eines ganzen Lebens wert erscheint. Ein altes Geschlecht be- 
deutet nicht einfach eine Reihe von Vorfahren — Ahnen haben 
wir alle — sondern von Vorfahren, die durch ganze Geschlechter- 
folgen auf den Höhen der Geschichte lebten und Schicksal nicht 
nur hatten, sondern auch waren, in deren Blut durch jahrhunderte- 
lange Erfahrung die Form des Geschehens bis zur Vollendung 
gezüchtet worden ist. Da Geschichte im großen Sinne mit 
einer Kultur beginnt, so ist es bloße Spielerei, wenn etwa die 
Colonna ihr Geschlecht bis in die Römerzeit zurückverfolgen. 
Aber es hat einen Sinn, wenn es im späten Byzanz für vor- 
nehm galt, vom Stamme des großen Konstantin entsprossen 
zu sein, und heute in den Vereinigten Staaten, seine Familie 
bis zu einem der 1620 mit der „Mayflower" Eingewanderten 
zurückzuführen. In Wirklichkeit beginnt der antike Adel mit der 
trojanischen Zeit, nicht mit Mykene, und der abendländische 
mit der Gotik und nicht mit den Franken und Goten, in Eng- 
land mit den Normannen und nicht mit den Sachsen. Erst von da 
an gibt es Geschichte und also kann es erst von da an statt 
der Edlen und Helden einen Uradel von sinnbildlichem Range 
geben. Was am Anfang als kosmischer Takt bezeichnet worden 
war,i) erhält in ihm seine Vollendung. Denn alles, was wir in 
reifen Zeiten diplomatischen und gesellschaftlichen Takt nennen, 
und dazu gehören der strategische und der geschäftliche Blick, 
das Auge des Sammlers kostbarer Dinge und das Feingefühl 
des Menschenkenners, überhaupt alles was man nicht lernt, 
sondern hat, was bei den übrigen den ohnmächtigen Neid des 
Nichtmitkönnens weckt und was als Form den Gang der Er- 
eignisse leitet, ist nichts als ein Einzelfall jener kosmischen und 

1) S. 4 fF. 



DER STAAT 421 



traumhaften Sicherheit, die in den Wendungen eines Vogelschwarms 
und den beherrschten Bewegungen edler Pferde sichtbar zum Aus- 
druck gelangt. 

Den Priester umgibt die Welt als Natur; er vertieft ihr 
Bild, indem er es durchdenkt. Der Adel lebt in der Welt als 
Geschichte und vertieft sie, indem er ihr Bild verändert. Beides 
entwickelt sich zur großen Tradition, aber die eine ist das Er- 
gebnis von Bildung, die andere das von Zucht. Dies ist ein 
grundlegender Unterschied zwischen beiden Ständen, weshalb nur 
der eine wirklicher Stand ist und der andere durch den aufs 
äußerste getriebenen Gegensatz dazu als Stand erscheint. Zucht, 
Züchtung erstreckt sich auf das Blut und geht von den Vätern 
zu den Söhnen weiter. Bildung aber setzt Begabung voraus, und 
deshalb ist ein echtes und starkes Priestertum stets eine Samm- 
lung von Einzelbegabungen — eine Wachseinsgemeinschaft — 
ohne pLÜcksicht auf Herkunft im Rassesinne und auch darin eine 
Verneinung von Zeit und Geschichte. Geistesverwandt und bluts- 
verwandt — man vertiefe sich in den Unterschied dieser Worte. 
ErbHches Priestertum ist ein Widerspruch in sich selbst. Im 
vedischen Indien liegt ihm die Tatsache zugrunde, daß es einen 
zweiten Adel gibt, der die priesterlichen Rechte den Begabungen 
aus seiner Mitte vorbehält; das Zölibat macht aber anderswo selbst 
dieser Grenzüberschreitung ein Ende. Der „Priester im Menschen" 
— mag dieser Mensch von Adel sein oder nicht — bedeutet einen 
Mittelpunkt der heiligen Kausalität im Welträume. Die priester- 
liche Kraft selbst ist kausaler Natur, von höheren Ursachen be- 
wirkt und als Ursache weiterhin wirkend. Der Priester ist der 
Mittler im zeitlos Ausgedehnten, das zwischen dem Wachsein des 
Laien und dem letzten Geheimnis ausgespannt ist, und damit ist 
das Priestertum aller Kulturen seiner Bedeutung nach durch deren 
Ursymbol bestimmt. Die antike Seele verneint den Raum und be- 
darf also des Mittlers nicht; deshalb schwand der antike Priester- 
stand schon in den Anfängen hin. Der faustische Mensch steht 
dem Unendlichen gegenüber und nichts schützt ihn vor der 
drückenden Gewalt dieses Aspekts; deshalb hat das gotische 
Priestertum sich bis zur Idee des Papsttums gesteigert. 

Zwei Anschauungen der Welt, zwei Arten, wie das Blut in 
den Adern fließt und das Denken ins tägliche Sein und Tun ver- 



422 DER. STAAT 



flochten wird — es sind endlich mit jeder hohen Kultur zwei 
Moralen entstanden, 7on denen jede auf die andere herabblickt: 
adlige Sitte und geisthche Askese, die sich wechselseitig als 
weltlich oder sklavisch verwerfen. Es war gezeigt worden, i) 
wie die eine aus der Burg, die zweite aus Kloster und Dom 
hervorgeht, die eine aus dem vollen Dasein mitten im Strom der 
Geschichte, die andere abseits davon aus einem reinen Wachsein 
inmitten einer gotterfüllten Natur. Späte Zeiten machen sich 
keine Vorstellung mehr von der Gewalt dieser ursprünglichen 
Eindrücke. Das weltliche und geistliche Standesgefühl sind im 
Aufstieg begriffen und prägen sich ein sittliches Standes- 
ideal, das nur dem Zugehörigen und diesem nur durch eine 
lange und strenge Schule erreichbar ist. Der große Daseins- 
strom fühlt sich als Einheit gegenüber dem Rest, in dem das 
Blut träge und ohne Takt dahinfließt; die große Wachseins- 
gemeinschaft weiß sich als Einheit gegenüber dem Rest der 
Nichteingeweihten. Das ist die Heldenschar und die Gemein- 
schaft der Heihgen. 

Es wird immer das große Verdienst Nietzsches bleiben, als erster 
das Doppelwesen aller Moral erkannt zu haben. *) Er hat mit seinen 
Begriffen Herren- und Sklavenmoral die Tatsachen nicht richtig 
gezeichnet und „das Christentum" viel zu eindeutig auf die eine 
Seite gestellt, aber das liegt klar und stark aU seinen Betrach- 
tungen zugrunde: Gut und schlecht sind adlige, gut und 
böse priesterliche Unterscheidungen. Gut und schlecht, 
die Totembegriffe schon der primitiven Männerbünde und Sippen, 
bezeichnen nicht Gesinnungen, sondern Menschen und zwar nach 
der Ganzheit ihres lebendigen Seins. Die Guten sind die Mäch- 
tigen, Reichen, Glücklichen. Gut bedeutet stark, tapfer, von edler 
Rasse, und zwar im Sprachgebrauch aller Frühzeiten. Schlecht, 
feil, elend, gemein im ursprünglichen Sinne sind die Machtlosen, 
Besitzlosen, Unglücklichen, Feigen, Geringen, die Söhne Niemands, 
wie man im alten Ägypten sagte. Gut *ind böse, die Tabubegriffe, 
werten den Menschen hinsichtlich seines Empfindens und Ver- 
stehens, also seiner wachen Gesinnung und bewußten Hand- 
lungen. Gegen die Liebessitte im Rassesinne verstoßen ist ge- 
mein; gegen das Kirchengebot der Liebe fehlen ist böse. Die 

1) S. 332 ff. «) Jenseits von Gut und Böse § 260. 



DER STAAT 423 



vornehme Sitte ist das ganz unbewußte Ergebnis einer langen 
und beständigen Zucht. Man lernt sie im Umgang und nicht aus 
Büchern, Sie ist gefühlter Takt und nicht Begriff. Die andre 
Moral aber ist Satzung, nach Grund und Folge durchaus ge- 
gliedert und also lernbar und Ausdruck einer Überzeugung. 

Die eine ist durch und durch geschichtlich und erkennt alle 
Rangunterschiede und Vorrechte als tatsächlich und gegeben an. 
Ehre ist immer Standesehre; eine Ehre der ganzen Menschheit 
gibt es nicht. Der Zweikampf steht dem Unfreien nicht zu. 
Jeder Mensch hat, sei er Beduine, Samurai oder Korse, Bauer, 
Arbeiter, Richter oder Räuber, seine eigenen, verpflichtenden Be- 
griffe von Ehre, Treue, Tapferkeit, Rache, die auf keine andre 
Art von Leben anwendbar sind. Jedes Leben hat Sitte; anders 
ist es gar nicht zu denken. Schon die Kinder haben sie, wenn 
sie spielen. Sie wissen sofort und von selbst, was sich schickt. 
Niemand hat diese Regeln gegeben, aber sie sind da. Sie ent- 
stehen ganz unbewußt aus dem „Wir", das sich durch den ein- 
heitlichen Takt des Kreises gebildet hat. Auch im Hinblick 
darauf ist jedes Dasein „in Form". Jede Menge, die sich aus 
irgendeinem Anlaß auf der Straße zusammenballt, hat im Augen- 
blick auch ihre Sitte; wer sie nicht als selbstverständHch in sich 
trägt — „befolgen" ist schon viel zu verstandesmäßig — der ist 
schlecht, gemein, er gehört nicht dazu. Ungebildete und Kinder be- 
sitzen eine erstaunliche Feinfühligkeit dafür. Kinder haben aber 
auch den Katechismus zu lernen. Da erfahren sie von gut und böse, 
die gesetzt sind und nichts weniger als selbstverständlich. Sitte 
ist nicht, was wahr ist, sondern was d a ist. Sie ist gewachsen, 
angeboren, erfühlt, von organischer Logik. Moral ist im Gegen- 
satz dazu niemals Wirklichkeit — sonst wäre alle Welt heilig — , 
sondern eine ewige Forderung, die über dem Bewußtsein hängt 
und zwar der Idee nach über dem aller Menschen, unabhängig 
von allen Unterschieden des wirklichen Lebens und der Geschichte. 
Deshalb ist jede Moral verneinend, jede Sitte bejahend. Ehr- 
los ist hier das Schlimmste, sündlos dort das Höchste. 

Der Grundbegriff aller lebendigen Sitte ist die Ehre. Alles 
andere, Treue, Demut, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Selbstbeherr- 
schung, Entschlossenheit liegen darin. Und Ehre ist Sache des 
Blutes, nicht des Verstandes. Man überlegt nicht — sonst ist 



424 DER STAAT 



man schon ehrlos. Die Ehre verlieren heißt für das Leben, die 
Zeit, die Geschichte vernichtet sein. Die Ehre des Standes, der 
Familie, des Mannes und Weibes, des Volkes und Vaterlands, 
die Ehre des Bauern, Soldaten, selbst des Banditen: Ehre be- 
deutet, daß das Leben in einer Person etwas wert ist, historischen 
Rang, Abstand, Adel besitzt. Sie gehört zur gerichteten Zeit 
wie die Sünde zum zeitlosen Räume. Ehre im Leibe haben 
heißt beinahe so viel wie Rasse haben. Das Gegenteil sind die 
Thersitesnaturen, die Kotseelen, der Pöbel: , Tritt mich, aber 
laß mich leben." Eine Beleidigung hinnehmen, eine Niederlage 
vergessen, vor dem Feinde winseln — das ist alles Zeichen 
wertlos und überflüssig gewordenen Lebens und also etwas ganz 
anderes als priesterliche Moral, die sich nicht an das wenn auch 
noch so verächtlich gewordene Leben klammert, sondern vom 
Leben und damit der Ehre überhaupt absieht. Es war schon 
gesagt worden: jede moralische Handlung ist im tiefsten Grund